Das Organisationsteam des Kongresses hat einen ausführlichen Bericht zu den Tierbefreiungstagen, die von 13. bis 15. Januar in Hamburg stattfinden, veröffentlicht:

Vom 13. bis 15. Januar 2012 wird in Hamburg eine mehrtägige Veranstaltung stattfinden, die sich in der Tradition der vergangenen Tierbefreiungskongresse sieht. Die Tierbefreiungstage Hamburg zielen darauf Fragestellungen der Tierbefreiungsbewegung zu diskutieren, neue Strategien zu entwickeln und die Bewegung zu stärken. Erste Überlegungen zu Zielen und Inhalten der Tierbefreiungstage findet ihr im Aufruf.


Heute war die Antispeziesistische Aktion Tübingen erneut mit einem Infostand und einer Mahnwache auf dem Tübinger Holzmarkt präsent. Während die Mahnwache auf den Treppen der Stiftskirche, die wir, seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen im Januar 2009 startete, in diesem Stil schon oft durchgeführt haben, ein weiteres Mal an die andauernden Tierversuche und deren Opfer erinnerte, versorgte der Infostand die Passanten und Passantinnen im vorweihnachtlichen Treiben mit Informationen zu den Tübinger Tierversuchen, mit veganen Weihnachtsrezepten und mit Kaffee, Tee und Kuchen. Trotz Schnee und Regen war der Stand gut besucht und es kam zu zum Teil sehr angeregten Diskussionen.
Bereits letzte Woche führten wir eine Mahnwache durch. Es beteiligten sich auch Aktive des Tierrechtsvereins Tübingen für Tiere e.V. Hier der Bericht eines Beteiligten:
Am Abend des 12. Dezembers trafen zwei Kundgebungen und eine Mahnwache zusammen: Die wöchentliche Montagsdemo hielt ihre Abschlusskundgebung auf dem Holzmarkt, wo eine Mahnwache gegen Tierversuche stattfand. Eine Anti-AKW-Kundgebung folgte den Hartz IV-Protesten. Die Mahnwache gegen die Tierversuche, zu der die Antispeziesistische Aktion Tübingen aufrief, begann um 18 Uhr. Auf den Treppen der Stiftskirche waren Trauerlichter aufgebaut. Deren rotes Licht beleuchtete dazwischenstehende Portraitfotos von Hunden, Katzen, Kaninchen, Ratten und Affen bei Tierversuchen. Es wurde mit dieser Mahnwache den 2,1 Mio. Ratten, 333.000 Kaninchen, 21.000 Hunden, 9.500 Affen und 4.000 Katzen gedacht, die im zurückliegenden Jahr in der EU in Tierversuchen zum Teil qualvoll sterben müssen. Die Passanten und Passantinnen wurden mit Flyern auf die Masse an Versuchen in Tübingen aufmerksam gemacht; das Banner gegen Affenversuche prangte im Hintergrund. Gegen Ende der Mahnwache stieß die Abschlusskundgebung der Montagsdemo dazu. Da auch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Mahnwache zum Sprechen beim offenen Mikrofon der Montagsdemo aufgerufen wurden, steuerte einer der Aktivisten der Antispeziesistischen Aktion einen spontanen Redebeitrag bei. Es ging um die gemeinsamen Gegner der Hartz IV-Proteste und der Tierbefreiungsbewegung: Die Profit- und Verwertungslogik und deren Verteidiger und Propagandisten. Der Redebeitrag fand insgesamt Zuspruch bei den Hartz IV-GegnerInnen. Bei der folgenden Kundgebung von AKW-GegnerInnen wurden die Möglichkeiten eines gemeinsamen Vorgehens wie auch die Systemfrage diskutiert.
In diesem Jahr stehen keine weiteren Aktionen mehr an. Doch wir bleiben aktiv gegen den alltäglichen Wahnsinn – wir sehen uns 2012 auf den Straßen wieder.

„Tübingen für Tiere“ hat am Samstag eine kreative Aktion gegen den Verkauf von Echtpelz-Produkten beim Tübinger Modehaus Zinser und anderen Tübinger Geschäften1 durchgeführt. Der Verein hofft, mit seiner Aktion zur Aufklärung darüber, mit welchem Leid die Produktion von Pelz für die betroffenen Tiere verbunden ist, beigetragen zu haben und bittet darum, die Geschäftsleitung von Mode Zinser sowie weiteren Modeboutiquen zum Verzicht auf Echtpelzartikel aufzufordern.
Hier geht es zum Bericht des „Schwäbischen Tagblatts“ über die Aktion.

Erneut ist in Niedersachsen ein Brandanschlag auf eine im Bau befindliche Hähnchenmastanlage verübt worden. Ziel war diesmal ein Gebäude in Schnega im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Wie gestern Abend NDR 1 Niedersachsen berichtete, geht die Polizei davon aus, dass das Feuer aus politischen Motiven gelegt wurde und prüft mögliche Zusammenhänge mit ähnlichen Bränden in Niedersachsen. Bislang brannte es in Sprötze, bei Vechelde und in Mehrum. – Die TäterInnen benutzten offenbar Brandbeschleuniger. Der Schaden an dem Gebäude beträgt mehrere zehntausend Euro. 40.000 Tiere sollten demnächst in der Anlage untergebracht werden.
Ein weiterer Bericht findet sich auf agrarheute.com.
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Ergänzung, 12. Dezember: Artikel in der Tageszeitung „junge Welt“: Mastanlagen abgefackelt
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Am 16. November 2011 verstarb in Dortmund Birgit Mütherich, die durch Texte, Vorträge, Veranstaltungen und Demonstrationen in der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung bekannt ist.
Birgit Mütherich beeindruckte durch ihr großes Engagement für die Befreiung der Tiere und durch ihre weitreichende Gesellschaftskritik, ihre umfassenden Kenntnisse, ihre brillante Formulierungsgabe, ihren wissenschaftlichen Stil und ihre persönliche Ausstrahlung.
Weiterlesen: Nachruf von Renate Brucker und Melanie Bujok

Das SWR-Fernsehen hat für die Sendung Zur Sache Baden-Württemberg! einen Beitrag über die Affenversuche in Tübingen gedreht, der heute ausgestrahlt worden ist. Hier kann der Beitrag online angesehen werden.
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Auch das ZDF-Magazin Frontal 21 hat bereits im Jahr 2009 über unsere Demonstration und die Tübinger „Opfer der Forschung“ berichtet: „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“.
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Anmerkung zu diesem Artikel:
Das „Schwäbische Tagblatt“ berichtete am 10. November:
Palmer war am Rande des Neubürgerempfangs von der Antispeziesistischen Gruppe aufgefordert worden, Position zum Thema Tierschutz zu beziehen. Dabei wies er die Ansicht der Tierschützer zurück, die Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar. „Tiere haben nicht dieselben Rechte wie Menschen“, sagte Palmer.
Palmer gibt unsere Position gegenüber der Zeitung falsch wieder. Als Teil der politischen Tierbefreiungsbewegung grenzen wir uns scharf vom Tierschutz ab; wir sind zudem keineswegs der Ansicht, „Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar“. Manche meinen, der antispeziesistische Ansatz fordere eine „Gleichstellung“ der Tiere – dabei versteht es sich von selbst, dass dies eine absurde Forderung wäre: Die sozial konstruierte Kategorie „Tier“ fasst ja Arten mit ganz unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten etc. in Eins – wir wollen aber gerade den Mensch-Tier-Dualismus, der alle anderen Tiere dem Menschen als dessen Gegenteil gegenüberstellt, so die Artenvielfalt verschleiert und die Ausbeutung bestimmter Spezies legitimiert, als Ideologie entlarven, die es erlaubt, z.B. komplexe Säugetiere als prinzipiell „gleich“ anzusehen wie Fruchtfliegen. Dadurch kann eine Situation der Gefangenschaft und Ausbeutung, die offensichtlich im „Nutz“-Tier Leid erzeugt, legitimiert werden: „Es ist ja nur ein Tier“… Dass einige davon – wie Affen – uns sehr ähneln und somit ählich Leiden empfinden wie wir, wird so ausgeblendet.
In zahlreichen Mails hat Palmer in den letzten Tagen von uns gefordert, den nachfolgenden Text „aus dem Netz zu nehmen“. Wir haben ihn mehrmals gebeten, uns die Stellen zu nennen, an welchen er sich falsch wiedergegeben fühlt – dazu war er aber nicht in der Lage, er meinte lediglich, die Darstellung des Gesprächs sei „unsachlich“, sein Verlauf und seine Inhalte „einseitig“ dargestellt. Obwohl Palmer uns mit „rechtlichen Schritten“ droht, haben wir uns deshalb dazu entschlossen, seiner Forderung nicht nachzukommen.
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Am 27. März 2011 wurde in Baden-Württemberg der neue Landtag gewählt. Bündnis 90/Die Grünen, die seither Regierungspartei sind, hatten in ihrem Wahlprogramm auch Tierrechte als Leitidee verankert. Grundsätzlich wird ein respektvoller und ethisch verantwortbarer Umgang mit Tieren gefordert. Unter anderem sollen die Haltung, das Mitführen und die Verwendung von Wildtieren in mobilen Zirkusbetrieben sowie ihre Dressur beendet, vegetarische und vegane Ernährung sollen als vollwertige Ernährungsformen anerkannt und in allen öffentlichen Kantinen und Mensen sollen alternativ vegetarische und vegane Gerichte angeboten werden.
In Bezug auf Tierversuche fordern die Grünen: Wo immer möglich eine Abschaffung und den Einsatz alternativer Methoden; die Versuche an Primaten sollen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.
Boris Palmer als grüner Oberbürgermeister der einzigen Stadt in Baden-Württemberg, in der noch Experimente an Affen durchgeführt werden, hat sich seit 2009, als die Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche begann, noch kein einziges Mal bewogen gefühlt, zu den Versuchen überhaupt Stellung zu nehmen.
Am 29. Oktober hatten Aktivisten der Kampagne bei einer öffentlichen Veranstaltung, bei der Boris Palmer anwesend war, Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen.
Das Ergebnis des Gesprächs: Seine Partei hat zwar im Wahlprogramm explizit das Ziel der Abschaffung der Affenversuche stehen, aber Palmer denkt nicht daran: Er habe mit den Experimentatoren über die Versuche gesprochen und ist der Meinung, der Nutzen für den Menschen sei größer zu bewerten als das Leid der Affen.
Dass er in Wirklichkeit über den „Nutzen“ und die Ziele der Experimente in Tübingen nicht gut informiert ist, zeigte sich u.a. daran, dass er „Alzheimer-Patienten“ als Argument anführte, mit denen wir „mal sprechen“ sollten – bereits am Tag unserer ersten Demonstration für die Abschaffung von Tierversuchen, am 18. April 2009, hatte die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige im „Schwäbischen Tagblatt“ geschaltet, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut – das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung ist eines der drei Tübinger Institute,1 an denen Primatenversuche durchgeführt werden – im Interview mit dem TAGBLATT. Er forsche zwar auch an Tieren über Alzheimer – allerdings an Fliegen und Würmern!2
Palmer hat nach eigenen Angaben mit den Wissenschaftlern gesprochen – die, indem sie „so auf mich zugekommen sind wie Sie jetzt“, wohl bereits früher einiges an Lobby-Arbeit geleistet haben –, aber nicht daran gedacht, sich auch mit ExpertInnen der Gegenseite zu unterhalten, etwa mit jemandem von Ärzte gegen Tierversuche.
In unserem Gespräch zog er eine ganz klare und eindeutige Demarkationslinie zwischen „Menschen und Tieren“ und sagte: „Tiere dürfen ausgebeutet und unterdrückt werden, weil sie keine Menschen sind, Ausbeutung von Tieren ist legitim, Legebatterien sind legitim.“
In der Schweiz wurde die konventionelle Käfighaltung von Hühnern 1992, in Österreich 2005 und in Deutschland 2008 verboten. Ab 1. Januar 2012 ist sie zudem in der Europäischen Union verboten. Ab 2012 sind in der EU nur noch ausgestaltete Käfige erlaubt, die ein höheres Platzangebot (750 cm² pro Tier) sowie Scharrbereich, Sitzstangen und Nester bieten. Boris Palmer fällt hier als grüner Politiker also nicht nur hinter alle Standards seiner eigenen Partei, sondern sogar hinter EU-Recht zurück!
Der „grüne“ Oberbürgermeister Tübingens berief sich bei seiner Aussage, wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlicher Fortschritt legitimierten die Inkaufnahme von Tierleid, auf eine „Axiomatik“ – man sollte wohl besser sagen: Dogmatik –, welche u.a. aus dem Grundsatz besteht: Menschen dürfen Tiere ohne jegliche Rücksichtnahme ausbeuten, unterdrücken und auch für niedere und leicht ersetzbare Zwecke töten. Dabei ging er in der Tat so weit, sich auf die angebliche „Legitimität“ von Legebatterien zu berufen, um im Umkehrschluss darauf hinzuweisen, dass dann auch die Versuche mit Primaten an den Tübinger Instituten legitim seien. Er sprach – entgegen den Leitlinien seiner eigenen Partei – auch davon, dass Tiere nach geltendem Recht Sachen seien, so dass sie vom Menschen willkürlich ausgebeutet werden dürften.
Insgesamt zog Palmer sich auf angeblich „geltendes Recht“, Axiomatik und bürokratiebedingte (Un-)Zuständigkeitsbereiche zurück und verwies dabei explizit auf die „Logik“ seiner Argumentation – dabei hat er aber in Wirklichkeit elementarste logische Grundsätze verletzt und fehlerhaft argumentiert; schon der Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten, ist logisch nicht zulässig (Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz). Fakt ist ja, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, stellt beispielsweise der israelische Soziologe Moshe Zuckermann fest.
Palmers Aussage, die Wissenschaft untermauere die taxonomische Demarkation zwischen Mensch und Tier – die er zu einer moralischen Demarkation ausweitete –, ist schlicht falsch. Dass er in diesem Bereich komplett uninformiert ist, zeigte sich daran, dass er tatsächlich mit längst widerlegten „Argumenten“ wie „Kulturfähigkeit“ und „Werkzeuggebrauch“ ankam, um am wesentlichen Unterschied von Menschen und anderen Tieren festzuhalten. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen, einem gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.
Den mehrmals ausgesprochenen Hinweis auf die Qualen, welche die Affen an den Tübinger Instituten durchleben müssen, ja jegliche Fragen nach dem Mitleid mit „Versuchstieren“, ignorierte Palmer konsequent.
Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war zugegen, als die 60.000 Unterschriften gegen die Affenversuche in Tübingen übergeben worden sind und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. – Man darf gespannt sein, ob – und wenn ja, wie schnell – die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen verwirklichen werden oder ob sie genauso vor der Lobby, die jene vertritt, welche von der tagtäglichen Ausbeutung in diesem System profitieren, einknicken – wie es seit jeher die Art von Boris Palmer ist.
- Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
- vgl. unseren Artikel Tierexperimenatoren widersprechen sich gegenseitig. [zurück]

In seinem „offenen Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde“ wirft Peter Bierl uns vor, seine Person in unserem Artikel Zu Peter Bierl „auf der Grundlage trüber Quellen“ als Verleumder diffamiert zu haben. Wenn wir der Meinung seien, er würde sinnentstellend zitieren, sei es „angemessen, selber die Quellen [zu] prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.“
Selbstverständlich sind uns die Quellen, aus denen Peter Bierl nachweislich sinnentstellend zitiert hat, gut bekannt – handelt es sich doch um zwei Beiträge zu einem der wichtigsten theoretischen Werke der Tierbefreiungsbewegung; sie stammen aus der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Ausatzssammlung Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Wir waren allerdings der Meinung, dass die verleumderischen Methoden Peter Bierls im auf wissenrockt.de veröffentlichten Artikel Mit Dreck werfen, den wir zitiert haben, ausreichend beleuchtet werden.
In seinem Brief an uns erdreistet sich Bierl, die von uns kritisierte unredliche Vorgehensweise, die er bereits in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen anwandte, schlicht noch einmal zu tätigen: Er diffamiert Susann Witt-Stahl und Colin Goldner, indem er sie mit rechten antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung bringt.
Die Vorgehensweise von Peter Bierl ist folgende:
Zunächst unterschlägt er, damit seine Argumentation überhaupt funktionieren kann, wichtige Fakten.
So ist etwa gerade Colin Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt – in seinem Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, der in Der Rechte Rand 108 (Sept./Okt. 2007, S. 21f.) erschienen ist, schreibt er:
Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Psychokulte, Sekten, Religionsgemeinschaften jedweder Art, einschließlich der etablierten Kirchen, haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu schaffen; so wenig wie Nazis und Neo-Nazis.
Es kann insofern keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. Egal ob unter dem Kreuz, dem Hakenkreuz oder unter sonst einem der zahllosen Embleme von Unterdrückung, Ausbeutung oder Herrschaft.
Die linke Journalistin Susann Witt-Stahl, die von Bierl in die Nähe von holocaustrelativierenden Positionen gerückt wird, ist ausdrückliche und scharfe Kritikerin des sog. „KZ-Vergleichs“, im Zuge dessen manche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bestimmte Formen der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung von Tieren zu Fleisch sowie Tierversuche mit dem Holocaust verglichen haben. Die bürgerliche Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PeTA) hatte 2002 eine Ausstellung und internationale Plakatkampagne unter dem Motto „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gestartet, die etwa Fotografien von Tiertransporten und Vernichtungstransporten der deutschen Faschisten nebeneinander stellte. 2004 hatte die deutsche Sektion von PeTA die US-Plakatkampagne übernommen. Im selben Jahr verbot das Landgericht Berlin, im Jahr darauf das Kammergericht Berlin die Plakate, weil ihre Aussage gegen die Menschenwürde von Holocaustüberlebenden verstoße.
Bereits in ihrem Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern kritisierte Susann Witt-Stahl damals die PeTA-Kampagne; unter anderem schrieb sie:
Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. […] Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust […]. Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist.
Mit einer unreflektierten, in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah trage PeTA dazu bei, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, so Witt-Stahl, und weiter: Man möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation, die oberflächlich, unwissenschaftlich und unseriös vorgehe, um vorsätzliche Geschichtsfälschung handele oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder Ignoranz.
Gleich argumentiert Susann Witt-Stahl auch in dem im Rahmen des von ihr herausgegebenen Sammelbandes erschienenen Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie, aus dem Peter Bierl sinnentstellend zitiert.
In seinem Artikel Wahlverwandte unter sich schrieb er:
Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsaktion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen „zur westlichen Weltreligion“, zu „einem negativen Identifikationsmodell“, entwickelt, und es finde eine „Fetischisierung des Holocaust“ statt, während die Tierrechtsorganisation PeTA den KZ-Vergleich in ihrer Werbung „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: „Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.“
In Bezug auf diesen Text von Susann Witt-Stahl findet Bierl, wie er in seinem offenen Brief an uns schreibt, „nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.“ Diese Aussge Bierls kann wirklich nur als schlechter Witz gewertet werden – mit dem er sich allerdings selbst lächerlich macht.
Durch selektives Zitieren will Bierl den Eindruck erwecken, Susann Witt-Stahl verteidige den „KZ-Vergleich“, den die bürgerliche Tierrechtsorganisation PeTA vorgenommen hat, greife jene, die ihn kritisieren, an und bewege sich damit selbst mindestens an der Grenze der Holocaustrelativierung. Dass Susann Witt-Stahl selbst eine der schärfsten KritikerInnen dieses Vergleichs ist, unterschlägt er; er verkauft damit seine LeserInnen für dumm und scheint darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht die Mühe machen, nachzusehen, um wen es sich bei der Autorin handelt und welchem Kontext die Zitate entnommen worden sind.
Im Mittelpunkt des Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie steht das Problem der Vereinnahmung der jüdischen Opfer des größten Verbrechens, das Menschen je gegen Menschen verübt haben, seine Instrumentalisierung und die durch gnadenlos „enttabuisierte Alltagsrhetorik forcierte Zerschwätzung“ und „kulturindustrielle Banalisierung des Besonderen und Einzigartigen“ (Moshe Zuckermann). Es geht Witt-Stahl um Ideologiekritik, darum, die Ideologieschichten abzutragen, die sowohl über dem Vergleich als auch über bestimmten Formen seiner Kritik wuchern, sie zu analysieren und als falsches Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen zu erkennen. Witt-Stahl fragt also sowohl nach den Beweggründen, Methoden und Strategien, warum und wie der „KZ-Vergleich“ von seinen Befürwortern so eifrig und beharrlich bemüht wird, als auch danach, weshalb er von vielen seiner Gegner gar nicht konsequent kritisiert wird, sondern vielmehr „hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft und andere antiemanzipatorische Zwecke instrumentalisiert zu werden“ (S. 279).
In seinem offenen Brief an uns gibt Peter Bierl die Position Witt-Stahls mit den Worten wieder: „Das eigentliche Problem bestünde in einem ‚längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus‘.“
Dass Susann Witt-Stahl vom Philosemitismus als „eigentlichem Problem“ spricht, davon kann keine Rede sein. In Wirklichkeit heißt es in ihrem Aufsatz hierzu:
Der eliminatorische Antisemitismus und die exzessive Perhorreszierung der Juden und des Judentums gelten heute in Deutschland und Resteuropa als historisch überwunden. Aber während des noch andauernden und sich stetig wandelnden und zumindest streckenweise katastrophal verlaufenden Prozesses dessen, was als „Vergangenheitsbewältigung“ oder „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnet wird, sind wesentliche Elemente des Antisemitismus bis heute nicht dialektisch aufgehoben und in eine wahrhaft emanzipatorische Praxis überführt worden. Sie sind lediglich in einen längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus umgeschlagen, der jederzeit droht, wieder in einen offenen, sich aggresiv entladenden Judenhass zurückzufallen. Denn diese erklärte „Liebe“ zu den Juden ist insofern eine falsche Liebe, als sie Juden entindividualisiert, kategorisiert, fetischisiert und zu Identifikationsobjekten degradiert. […] Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland den mit dem Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren. Welche Ausmaße falsche Liebe und mimentische Distanzlosigkeit annehmen können, demonstrieren beispielsweise so genannte Antideutsche – pseudomarxistische Ex-Linke, antilinke Deutsche, die im Windschatten der neoliberalen Großoffensive für eine radikale Entfesselung der Marktkräfte eine affirmative Wende vollzogen haben. Das, was als „Solidarität“ mit den Juden und dem Staat Israel verkauft wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung meist als narzisstisches Suhlen in deutschen Befindlichkeiten. Die falsche Projektion des „deutschen Wesens“ auf das arabisch-palästinensische Kollektiv indiziert ein tiefes Bedürfnis nach Entsorgung der Schande (S. 283).
Witt-Stahl bezieht sich hier auch auf die Analysen von Moshe Zuckermann, der in den letzten Jahren vermehrt auf die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses der Antisemitismuskritik und die damit unweigerlich verbundene „Veralltäglichung der Shoah“ hingewiesen und im Jahr 2010 dann auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Über den Rechtsruck in gewissen Bereichen der Antisemitismuskritik – was bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung geht – hat Susann Witt-Stahl ebenfalls im Jahr 2010 auch ein Interview mit Moshe Zuckermann geführt, in dem er diese Problematik ausführlich darstellt. Darin sagt er u.a.:
Als Historiker geht es mir um den Entstehungszusammenhang des geschichtlichen Antisemitismus; als Marxist um die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Antisemitismus und als jemand, der mit der Shoah befasst ist, um die generellen Schlussfolgerungen von dem, was mich lebensgeschichtlich immer schon umgetrieben hat und bis ans Ende meiner Tage umtreiben wird. Die sogenannte Antisemitismuskritik, von der ich in meinem Buch rede, hat mit alledem nichts zu tun. Sie gilt nicht der Bekämpfung des realen Antisemitismus, sondern suhlt sich einzig in der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs für fremdbestimmte Zwecke unter Verwendung perfidester denunziatorischer und polemisch verlogener Mittel. […] In Deutschland sehe ich in erster Linie den Zusammenhang von tabuisiertem Antisemitismus und legitimierter Islamophobie, welche nach dem 11. September 2001 einen großen weltpolitischen Aufschwung erhalten hat, als Nährboden für besagte Formation. Die Islamophobie ersetzt den Antisemitismus, der nun seinerseits in einen unsäglichen Philosemitismus umschlagen darf. Die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik, die aus geschichtlich erklärbaren Gründen diese Linie schon immer verfolgt hat, erhält nun von der bürgerlichen Presse einerseits und den sogenannten Antideutschen andererseits eine bemerkenswerte ideologische Affirmation. Das gab es so vorher nicht. Auch die deutsche Linke scheint mir, ähnlich wie die israelische, weitgehend zusammengebrochen zu sein. Das muss man, meine ich, in indirektem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Blocksystems, dem Siegeszug des globalisierten Kapitalismus und der Heraufkunft des amerikanischen Neokonservatismus sehen. […] Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat […] fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. […] Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment. […] Nicht minder schlimm ist dabei, dass die diesen Wunsch hegenden Deutschen sowohl sich selbst als „Deutsche“ als auch die Juden als „Juden“ abstrahieren – letztlich auf die leere Formel des „Deutschen“ und des „Juden“ reduzieren. Wie schnell sind da die Inhalte austauschbar, wie schnell kann das Ressentiment der fremdbestimmten Zuneigung ins Gegenteil, in die Aversion, umschlagen.
Genau „diese perfide Spielart des dem Antisemitismus verschwisterten Philosemitismus“ (S. 284) wird von Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz kritisiert. Doch das veschweigt Bierl, der ja selbst dem „antideutschen“ Spektrum zuzurechnen ist und den Antisemitismus-Vorwurf als bloßes politisches Instrument zur Diffamierung vermeintlicher „Gegner“ missbraucht, lieber. Statt sich auf einer sachlichen Ebene mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen – wofür ihm offensichtlich die Argumente fehlen –, versucht er Witt-Stahl in Misskredit zu bringen, indem er Satzteile aus ihrem Aufsatz derart aus dem Zusammenhang reißt, dass sie ins Gegenteil dessen, was eigentlich damit ausgedrückt wurde, verkehrt werden können; so verfährt Bierl etwa mit der Aussage Witt-Stahls, PeTA habe den „KZ-Vergleich“ „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ – so, wie Bierl das Zitat einsetzt, suggeriert er damit eine apologetische Haltung Witt-Stahls gegenüber dem „KZ-Vergleich“ PeTAs. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Natürlich verteidigt Witt-Stahl PeTA hier nicht, sondern macht der Tierrechtsorganisation die kulturindustrielle Banalisierung der Shoa zum Vorwurf! Der Kontext, aus dem Bierl selektiv zitiert, lautet:
Die Fetischisierung des Holocaust und seine kulturindustrielle Ausschlachtung stellen wohl das hässlichste Phänomen dar, das die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne begleitet hat. PeTA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext und den Gedenkräumen entrissen, profaniert, schließlich als eye catcher nahtlos in die Produktpalette eingereiht und das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht: In den Städten waren überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen. Letztlich erwies sich der Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus: Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert PeTA geliefert. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation nicht nur lobende Worte für „KZ-Betreiber“ wie Burger King findet, sondern auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi - die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PeTA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt (S. 287).
In seinem offenen Brief tut Bierl so, als ob Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz gewissermaßen PeTA und Konsorten nicht etwa deshalb kritisiere, weil sie von der Falschheit des „KZ-Vergleichs“ überzeugt wäre, sondern eher, um eine Legitimation dafür zu haben, sich „linke Kritiker“ dieses Vergleichs „vorzunehmen“: „Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl […] zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt.“ – In Wirklichkeit widmen sich die ersten 14 Seiten ihres Aufsatzes hauptsächlich der ausführlichen Kritik des „KZ-Vergleichs“; die Kritik an denjenigen, die den Vergleich aus der Sicht Witt-Stahls aus einem falschem Bewusstsein heraus kritisieren, beläuft sich nur auf die Hälfte dieser Anzahl von Seiten. Von einer „Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs“ – so Bierl in seinem Brief – kann dabei nicht die Rede sein; und dass Witt-Stahl sich „linke Kritiker vornimmt“, kann man so auch nicht behaupten. So geht es zunächst um die Äußerungen einer Vorsitzenden eines Tierschutzvereins und um eine Kolumnistin der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ des Axel-Springer-Konzerns. Und die Zeitschrift „Bahamas“, für die Uli Krug schreibt, hat schon lange grundsätzlich mit der Linken gebrochen und positioniert sich inzwischen selbst rechtsoffen.
Was Bierl wohl in Wahrheit nicht passt, dürfte der Umstand sein, dass Witt-Stahl in ihrem Aufsatz nachweist, dass gewisse „antideutsche“ Autoren, die der Tierrechtsbewegung die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps vorwerfen, dieses selbst verwenden – in einem philosemitischen Duktus, welcher sich aber aus antisemitischen Ressentiments speist. Denn sie benutzen
nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Terrors für die Affirmation einer Ideologie grenzenloser Unterjochung und Ausbeutung der Tiere – sie reproduzieren alte Judäophobien, wie sie beispielsweise in Richard Wagners Schriften zu finden sind (S. 296).
Wohl um diese Hintergründe zu vertuschen und weil er genau weiß, dass er sich u.a. in Bezug auf die vehemente Kritikerin „antideutscher“ Ideologie Susann Witt-Stahl unlauteren Methoden bedient, die den Zweck verfolgen, politische Gegner mundtot zu machen, schiebt Bierl in seinem offenen Brief an uns nach erneut vorgenommener sinnentstellender Zitation Witt-Stahls schnell ein „Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese“ nach.
Vielmehr gehe es um etwas ganz anderes: Der Verleumder Bierl, der sich nun selbst als Opfer von „Angriffen“ auf seine Person stilisiert, schreibt:
Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.
Wer also die verleumderischen Methoden, die Peter Bierl, wie wir nun hoffentlich ausführlich genug gezeigt haben, nachweislich angewandt hat, klar benennt und die Rufmord-Kampagne, die er gegen Aktive der Tierbefreiungsbewegung betreibt, kritisiert, trägt – obwohl er sich in krassem Widerspruch mit den Ansichten Peter Singers sieht und selbst eine ausführliche Kritik an der Würdigung Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung geübt hat – also letztlich zur Wiedereinführung der Euthanasie in Deutschland bei, so Bierls Vorwurf. Mit solchen abenteuerlichen Gedankenkonstruktionen, in denen, nebenbei bemerkt, eine unüberhörbare Portion Selbstüberschätzung mitschwingt, diskreditiert Peter Bierl sich lediglich – aufs Neue – selbst.
Es bleibt abzuwarten, ob die Methoden, welche er in seinem Vortrag zur Kritik an der Anthroposophie am Mittwoch anwenden wird, mit jenen unlauteren vergleichbar sind, die er benutzt hat, um Personen aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und aus dem säkularen Spektrum zu diffamieren, oder ob sein Vortrag Substanz haben und Anlass für eine fruchtbringende Diskussion bieten wird.

Am 2. November 2011 lädt der Tübinger Infoladen zu einem Vortrag mit Peter Bierl. Bierl ist Journalist und Autor des Buches Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, sein Vortrag wird eine Kritik an der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner zum Inhalt haben.
Wir halten eine Kritik an der modernen Esoterik im Allgemeinen sowie an ihren rassistischen Elementen im Speziellen für notwendig – doch was Peter Bierl betreibt, ist Verleumdung als Methode:
Seine Arbeitsweise kann als Musterbeispiel für unseriöse Argumentation und bewusste Verleumdung gelten; sie trägt einen Diskurs in die Linke, der ansonsten unter Verschwörungstheoretikern und in rechten Portalen wie Politically Incorrect vorherrscht.
So jedenfalls urteilte der Humanistische Pressedienst, nachdem Peter Bier in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen sowohl Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung als auch Colin Goldner und Susann Witt-Stahl, die beide in der Tierbefreiungsbewegung aktiv sind, diffamiert hatte, indem er sie mit antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung brachte.
In unserem Text Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung kritisierten wir die Vergabe des „Ethik-Preises“ der Stiftung an den australischen Moralphilosophen Peter Singer und gaben, was dessen Ethik betrifft, dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander Recht, der diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnete und urteilte: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“ Wir merkten aber an:
Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsaktion Nord (TAN)1 wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen).
In letztgenanntem Artikel wird die Methode, nach der Bierl vorgeht, einer genaueren Analyse unterzogen. In Bezug auf Colin Goldner und Susann Witt-Stahl heißt es:
Der Zusammenhang, in dem die Zitate standen, interessiert Bierl […] meist wenig. Der Tierrechtler Colin Goldner wird damit zitiert, dass „wer eine Aussage wie ‚Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren‘ kritisiere, […] eine ‚Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfs‘ [betreibe]“. Während Goldner hier relativierende Tendenzen unterstellt werden sollen, geht es in seinem Artikel jedoch um die Abgrenzung gegenüber der Person, die diesen relativierenden KZ-Vergleich gezogen hat. So heißt es an der betreffenden Stelle weiter: „Zur Unterfütterung der Abgrenzungserfordernis ist im Übrigen der wenig substantiierte Antisemitismusvorwurf auch gar nicht nötig“. „Wenig substantiiert“, weil er sich nicht nachweisen lässt, und „nicht nötig“, weil genug andere, substanziellere Gründe zur Abgrenzung vorhanden sind. Auf solch manipulistische Weise Zitatbestandteile zusammenzustellen (und Wesentliches wegzulassen) hat Bierl nötig. Denn gerade Goldner in die rechte Ecke zu stellen wäre sonst ein schwieriges Unterfangen. Erst vor wenigen Monaten versuchte u.a. die NPD eine Lesung von ihm zu sprengen und er ist mehrmals als Kritiker gegen die Versuche von Nazis aufgetreten, die Tierrechtsszene zu unterwandern.
Daher verlagert sich die Kritik bereits nach einem Satz auf Susann Witt-Stahl – ungeachtet dessen, dass sie mit der Preisverleihung oder der gbs überhaupt nichts zu tun hat. Doch ist sie zusammen mit Goldner Herausgeberin eines Sammelbandes. Diese gedanklichen Umwege sind scheinbar ausreichend, um hier Assoziationen herzustellen. Man liest deutlich heraus, dass der „Antideutsche“ Bierl offene Rechnungen mit der Antideutschen-Kritikerin Witt-Stahl hat. So wird jede Möglichkeit genutzt, Seitenhiebe zu verteilen, egal wie wenig es zum Thema passt.
Auch bei Witt-Stahl werden Zitate von ihrem Kontext isoliert und Aussagen ins Gegenteil verkehrt. Es wird suggeriert, sie habe den KZ-Vergleich durch die Tierschutzorganisation PETA (die in der Tierrechtsszene stark umstritten ist) gerechtfertigt, da PETA ihn „in ihrer Werbung ‚lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt‘ habe“. Tatsächlich lautet die ganze Stelle in Witt-Stahls Aufsatz: „Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation [PETA, Anm.] nicht nur lobende Worte für ‚KZ-Betreiber‘ wie Burger King findet, sondern sich auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi – die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PETA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt.“ Im nächsten Satz spricht sie von „nicht unerheblich[en] [..] werbestrategische[n] Erwägungen“ der Organisation. Die Rede vom „effektiven Marketing“ ist also unübersehbar Kritik an PETA, keine Zustimmung wie Bierls verfälschender Zitatschnipsel andeuten soll.
Der von Bierl angegriffene Michael Schmidt-Salomon erwähnte in einer Stellungnahme, vor einigen Jahren habe das iranische Staatsfernsehen aufgrund seines jüdisch klingenden Namens und seiner Unterstützung der Bewegung der Ex-Muslime behauptet, er sei ein Agent des Mossad. Dieser Versuch des iranischen Regimes, ihn mundtot zu machen, sei schon reichlich absurd gewesen. Peter Bierls Anschuldigungen seien aber noch ein gutes Stück absurder. Dank Bierl sei er nun „ein antisemitischer jüdischer Mossad-Agent.“ – „Großartig!“, so Schmidt-Salomon weiter: „Wenn das die Art ist, wie in Deutschland Aufklärung betrieben wird, dann gute Nacht…“
Durch die Anwendung der aufgezeigten Methoden hat Peter Bierl sich selbst diskreditiert und ist für uns als Referent – auch wenn es in seinem Tübinger Vortrag um ein anderes Thema geht – nicht mehr ernst zu nehmen. Dass die Infoladen-Gruppe eine Person, die mit solch unredlichen Mitteln gegen vermeintliche „Gegner“ vorgeht, einlädt, können wir nicht nachvollziehen.
- Die TAN hat sich inzwischen umbenannt – vgl. unseren Bericht Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf.[zurück]
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