Angela Davis: „Veganismus ist Teil einer revolutionären Perspektive“

Angela Davis

Die US-amerikanische Bürgerrechtlerin und marxistische Philosophin Angela Davis wird heute 75 Jahre alt. In den 1970er-Jahren wurde sie zur Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA. Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren gehörte sie zu den prominenten Führungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der USA. In ihrem Studium hörte Davis Vorlesungen von Herbert Marcuse. Auf seine Vermittlung hin studierte sie ab September 1965 in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. In Frankfurt schloss sie sich dem SDS an und nahm an Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie promovierte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.

Anfang der 1970er-Jahre wurde sie in den USA verhaftet und angeklagt: Dem bereits seit seinem 18. Lebensjahr in Haft sitzenden George Jackson, der im Gefängnis Mitglied der Black Panther Party wurde, schlug Davis vor, ein Buch über seine Haftbedingungen zu schreiben, was er mit Soledad Brother auch tat. Im August 1970 lieferte sich Jacksons Bruder Jonathan bei einem missglückten Befreiungsversuch in einem Gerichtssaal eine Schießerei mit der Polizei, bei der vier Menschen getötet wurden. Davis wurde vorgeworfen, die Waffe für diesen Überfall geliefert zu haben. Sie wurde daraufhin vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt, einige Wochen später wurde sie verhaftet. Ihr drohte wegen des Vorwurfs der „Unterstützung des Terrorismus“ die Todesstrafe. Gegen ihre Verhaftung entwickelte sich eine über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinausreichende Welle des öffentlichen Protests. So schickten ihr tausende Menschen aus der DDR unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. Nach zwei Jahren wurde Davis am 4. Juni 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen. In der Tageszeitung junge Welt ist heute unter dem Titel „Kämpferin für Gerechtigkeit“ ein Artikel zum Thema erschienen; darin heißt es: „Einige Leserinnen und Leser der jungen Welt werden sich vielleicht noch an den 26. Januar 1971 erinnern, als aus Anlass des 27. Geburtstags der jungen Kommunistin in Berlin, der Hauptstadt der DDR, eine Solidaritätskampagne für die politische Gefangene initiiert wurde. Denn es entsetzte in der DDR viele Menschen, dass die linke Professorin dem damaligen republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, ein Dorn im Auge war und für lange Zeit weggesperrt werden sollte.“

Davis ist emeritierte Professorin an der University of California in Santa Cruz in den Fachbereichen Geschichte des Bewusstseins und Feministische Studien. Im Dezember 2013 trat sie die erste Angela-Davis-Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Universität Frankfurt am Main an. Schwerpunkt ihrer Arbeit der vergangenen Jahre ist die Untersuchung des „Gefängnis-Industrie-Komplexes“, vor allem in den USA. Mehrmals hat sie sich aber auch zum Thema Tierbefreiung und Veganismus geäußert. Im Februar 2012 hat sie öffentlich dafür plädiert, Tierbefreiung als notwendigen Teil linker Gesellschaftskritik zu begreifen. Das entsprechende Video gibt es auf der Website von Assoziation Dämmerung. Im März desselben Jahres führte sie an der University of California in Berkeley ein Gespräch mit Grace Lee Boggs mit dem Titel „On Revolution“, in welchem sie abermals auf das Thema einging. Der englische Original-Text ist hier einsehbar; wir wollen hier einige Sätze daraus übersetzt wiedergeben:

Ich denke, das Feld der Ernährung wird die nächste große Arena für unsere Kämpfe bilden. Ich bin manchmal wirklich enttäuscht, dass viele unter uns sich für so radikale Aktivisten halten, aber gar nicht darauf kommen, über das Essen nachzudenken, das wir unseren Körpern zuführen. Wir realisieren nicht das Ausmaß, wie sehr wir in den gesamten kapitalistischen Prozess eingebunden sind dadurch, dass wir unkritisch an jener Lebensmittel-Politik partizipieren, welche uns von den großen Konzernen aufgetischt wird. Ich erwähne normalerweise nicht, dass ich vegan bin, aber da habe ich mich entwickelt… Ich denke, dass es der richtige Moment ist, darüber zu sprechen, weil es Teil einer revolutionären Perspektive ist – wie können wir nicht nur zu Menschen ein Verhältnis entwickeln, das von Mitgefühl geprägt ist, sondern wie können wir ein empathisches Verhältnis auch zu den anderen Lebewesen entwickeln, mit denen wir diesen Planeten teilen, und das würde bedeuten, der gesamten kapitalistischen industriellen Art der Nahrungsmittelproduktion eine Kampfansage zu machen. […] Die meisten Menschen denken nicht über die Tatsache nach, dass sie Tiere essen. Wenn sie ein Steak essen oder Hühnerfleisch, denken die meisten Menschen nicht über das enorme Leid nach, das diese Tiere ertragen, nur um Lebensmittel-Produkte zu werden, damit sie von Menschen konsumiert werden können. Ich denke, dass die fehlende kritische Auseinandersetzung mit der Nahrung, die wir essen, demonstriert, wie sehr die Warenform die primäre Art und Weise geworden ist, mit der wir die Welt wahrnehmen. Wir gehen nicht über das hinaus, was Marx den Tauschwert des tatsächlichen Objektes genannt hat – wir denken nicht über die Verhältnisse nach, die dieses Objekt verkörpert und die maßgeblich für den Produktionsprozess dieses Objekts waren, ob es sich dabei nun um unser Essen, unsere Kleidung, unsere iPads oder alle anderen Dinge handelt, die wir verwenden, um eine Ausbildung an einer Institution wie dieser zu erwerben. Das würde wirklich revolutionär sein, eine Gewohnheit zu entwickeln, sich die menschlichen und nichtmenschlichen Verhältnisse hinter all den Objekten, die unsere Umwelt bilden, vorzustellen.

Mindestens 2500 Menschen demonstrieren in Tübingen für eine Agrarwende

Während in Berlin etwa 35.000 Menschen unter dem Motto der „Wir haben es satt“ auf die Straße gegangen sind, haben auch in Tübingen mindestens 2500 Menschen für eine klima- und tierfreundlichere Landwirtschaft demonstriert. In Berlin hatte ein Großbündnis von mehr als 40 Klima- und Umweltverbänden, NGOs, Landwirten und Verbraucher- sowie Tierschützern dazu aufgerufen, gegen die Agrarindustrie und die EU-Subventionspolitik im Dienst der Konzerne zu protestieren. Statt einer „Agrarpolitik im Dienst der Industrie“ wurde für eine zukunftsfähige Landwirtschaft demonstriert, für gesunde Lebensmittel für alle statt Hunger, Nahrungsmittelspekulation und Patentierung von Pflanzen und Tieren, sowie für Biodiversität statt Gentechnik und Pestizide.

In Berlin gab es auch einen „veganen Tierrechtsblock“. In einem Artikel in der jungen Welt, der heute erschienen ist, schreibt John Lütten zum Thema:

Gründe für Protest gibt es genug: Das romantisierte Bild der klassisch bäuerlichen Landwirtschaft, das die Industrie verbreitet, kaschiert etwa, dass hier nur einzelne Player das Sagen haben. »Viele wissen nicht, dass weite Teile des Ernährungssektors zwischen wenigen Konzernen aufgeteilt sind«, heißt es etwa im »Konzernatlas 2017«, der u. a. von der Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Oxfam herausgegeben wurde. »Und der Trend zur Machtkonzentration geht weiter.« Nicht ökologische Standards oder die Interessen von Beschäftigten oder Tieren sind hier daher entscheidend. Nein, knallharte Profitinteressen sind der Grund für verschärfte Konkurrenz und Preiskämpfe, den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat, Naturzerstörung oder »Billigfleisch«. So zum Beispiel in der Fleischindustrie, in der eine Handvoll Unternehmen den Markt unter sich aufteilen. Sie gelten als Mitverursacher des Klimawandels, stoßen massenhaft CO2 und Feinstaub aus, lassen Regenwälder abholzen. Für die Profite lassen sie Millionen von Tieren töten, nicht zu vergessen die Ausbeutung von Arbeitern, die für die zehrende »Produktion« von Fleisch meist knapp über Mindestlohn bezahlt werden. Daran haben auch »grüner« Konsum oder Lifestyle-Veganismus wenig geändert, mitunter nutzen die Fleischkonzerne sie sogar schlicht zur Erweiterung ihrer Produktpalette. […] Fragen der Ökologie oder Klimapolitik sind immer auch Klassen- und Systemfragen: Nicht nur die Monopolisierung des Marktes, die Begünstigung der Konzerne oder ihre Lobby sind das Problem – die Profitmacherei selbst ist letztlich der Grund für Naturzerstörung, Pestizideinsatz und Verschleiß von Arbeitskräften oder Tieren.

In Tübingen ging es mit einer Kundgebung um 11 Uhr auf dem Marktplatz los, es folgte ein Demonstrationszug durch die Stadt. Organisiert wurde die Tübinger Demonstration vom Bündnis „Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen“. „Zum Auftakt der ‚Grünen Woche‘ in Berlin, in der der Agrarministergipfel über unsere Zukunft diskutiert, werden wir laut und stehen für unsere Werte ein! Wir schließen uns damit den tausenden Menschen der Wir-haben-es-satt-Demo in Berlin an. Wir sind eine wachsende, bunte und friedliche Bewegung, die nicht tatenlos zusieht, wie die Erde zu Grunde gewirtschaftet wird, sondern handelt“, heißt es in dem Aufruf zur süddeutschen „Wir haben es satt“-Kundgebung in Tübingen, und: „Mit der derzeitigen Landwirtschaft zerstören wir unsere Lebensgrundlagen! Deshalb kommen wir zusammen, um gemeinsam eine zukunftsfähige Landwirtschaft einzufordern, uns zu vernetzen und Lösungswege aufzuzeigen.“ Bereits gestern waren in Tübingen 1000 Schüler im Schulstreik und haben unter dem Motto „Fridays for Future“ für Klimaschutz demonstriert.

Wir fordern eine Agrar- und Systemwende, die auch mit einer Transformation der Landwirtschaft hin zu einer (bio-)veganen Produktion einhergehen sollte. Die Tierindustrie bedeutet nicht nur unermessliches Leiden für „Nutztiere“ und gnadenlose Ausbeutung von Arbeitern, sie vernichtet auch zusehends unsere Lebensgrundlage, indem sie die Umwelt verschmutzt und zerstört und maßgeblich zum Klimawandel beiträgt. Wir haben das menschen- und tierverachtende System, in dem wir leben, satt; es ist höchste Zeit, der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ein Ende zu setzen und für eine Gesellschaft zu kämpfen, die ein ökologisches und friedliches Zusammenleben der Menschen mit der Natur und den Tieren ermöglicht!

Mehr Fotos von der Tübinger Demonstration auf unserer Facebook-Seite.

Demonstration: Wir haben es satt!

Auch in Tübingen wird am 19. Januar unter dem Motto „Wir haben es satt!“ für eine Agrarwende demonstriert. Los geht es mit einer Kundgebung um 11 Uhr auf dem Marktplatz, es folgt ein Demonstrationszug durch die Stadt. Organisiert wurde die Demonstration vom Bündnis „Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen“.

„Zum Auftakt der ‚Grünen Woche‘ in Berlin, in der der Agrarministergipfel über unsere Zukunft diskutiert, werden wir laut und stehen für unsere Werte ein! Wir schließen uns damit den tausenden Menschen der Wir-haben-es-satt-Demo in Berlin an. Wir sind eine wachsende, bunte und friedliche Bewegung, die nicht tatenlos zusieht, wie die Erde zu Grunde gewirtschaftet wird, sondern handelt“, heißt es in dem Aufruf zur süddeutschen „Wir haben es satt“-Kundgebung in Tübingen, und: „Mit der derzeitigen Landwirtschaft zerstören wir unsere Lebensgrundlagen! Deshalb kommen wir zusammen, um gemeinsam eine zukunftsfähige Landwirtschaft einzufordern, uns zu vernetzen und Lösungswege aufzuzeigen.“ Unter anderem wird eine Agrarpolitik für eine zukunftsfähige Landwirtschaft – statt Lobbyismus und Subventionen für die Agrarindustrie – gefordert, gesunde Lebensmittel für alle statt Hunger, Nahrungsmittelspekulation und Patentierung von Pflanzen und Tieren, sowie Biodiversität statt Gentechnik und Pestizide. Bei der parallel in Berlin stattfindenden Demonstration zum Thema wird es auch einen „veganen Tierrechtsblock“ geben.

Wir rufen dazu auf, die Demonstration zu unterstützen und auch in Tübingen ein Zeichen zu setzen für eine Agrarwende, die mit einer Transformation der Landwirtschaft hin zu einer veganen Produktion einhergehen sollte. Die Tierindustrie bedeutet nicht nur unermessliches Leiden für „Nutztiere“ und gnadenlose Ausbeutung von Arbeitern, sie vernichtet auch zusehends unsere Lebensgrundlage, indem sie die Umwelt verschmutzt und zerstört und maßgeblich zum Klimawandel beiträgt. Politiker und Lobbyisten der Tierindustrie arbeiten dabei Hand in Hand gegen eine Agrarwende. In einem Artikel, der in der Ausgabe 3/2018 des Nachrichtenmagazins Hintergrund erschienen ist und der seit gestern auch vollständig online einsehbar ist, heißt es dazu:

Der Agrarsektor, speziell die Tierproduktion, ist bekanntlich einer der Hauptverursacher schädlicher Klimagase. Hinsichtlich des Klimawandels stellte das UN-Umweltprogramm bereits im Jahr 2010 fest: «Eine wesentliche Reduzierung der Auswirkungen wäre nur mit einem grundsätzlichen weltweiten Ernährungswechsel möglich, weg von tierischen Produkten.» […] Das BMEL und auch andere maßgebliche Institutionen – wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), deren Ernährungsratschläge stark die Interessen der Beiräte aus der Milch- und Fleischindustrie berücksichtigen – sind aber personell und institutionell derart eng mit der Tierindustrie und ihren Lobbyorganisationen verbunden, dass solche Vorschläge illusorisch sind. Derzeit ist das absolute Gegenteil der Fall: Während etwa Kuhmilch staatlich subventioniert und als «Grundnahrungsmittel» mit dem ermäßigten Satz von 7 Prozent besteuert wird, beträgt der Steuersatz für pflanzliche Milchalternativen 19 Prozent. Und Klöckner führt den Kurs ihres Vorgängers unbeirrt fort. Christian Schmidt hatte in seiner Amtszeit unter anderem damit auf sich aufmerksam gemacht, dass er die Interessensbekundungen des Deutschen Fleischer-Verbandes und des Bauernverbandes, die die beiden Organisationen im April 2016 formuliert hatten, eins zu eins übernahm und lauthals ein Verbot von «Fleischbezeichnungen» für vegetarische und vegane Produkte forderte. […] Wo Schmidt aufgehört hat, macht Klöckner nun weiter: Wie er setzt sie sich beispielsweise für Schweinefleisch in deutschen Schulkantinen ein und […] kündigt an, Tierrechtsaktivisten, die in Ställe eindringen, um Verstöße aufzudecken, härter bestrafen zu wollen – ein Ziel, das die Regierung auch bereits im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat. Der Regensburger Jura-Professor Henning Ernst Müller kritisiert den Plan der Großen Koalition, einen Sonderstrafbestand einzuführen. Eine solche Strafrechtsnorm widerspräche nicht nur dem Interesse der Wählermehrheit und der Verbraucher: «Am meisten besorgt mich», so Müller, «der zu befürchtende Akzeptanzverlust des Strafrechts, sollten künftig regelmäßig auf intransparentem Lobbyisten-Weg Partikularinteressen in strafrechtliche Form gegossen werden.»

Gehen wir gemeinsam auf die Straße und machen wir deutlich, dass wir das menschen- und tierverachtende System, in dem wir leben, satt haben, dass es höchste Zeit ist, der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ein Ende zu setzen und für eine Gesellschaft zu kämpfen, die ein ökologisches und friedliches Zusammenleben der Menschen mit der Natur und den Tieren ermöglicht.

Links:

Wir haben es satt! (Berlin)

Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen

Hintergrund-Artikel „Agrarpolitik im Dienst der Industrie“

Zur Demonstration „Gerechtigkeit für Stella“

Am kommenden Samstag (12. Januar) wird in Tübingen unter dem Motto „Gerechtigkeit für Stella“ wieder gegen Tierversuche demonstriert; los geht’s um 14 Uhr auf dem Marktplatz.

Im konkreten Fall geht es um den fallengelassenen Prozess gegen drei Experimentatoren, denen bei Tierversuchen mit Affen „unnötige Grausamkeit“ vorgeworfen wurde. Darunter befand sich Nikos Logothetis, der beim Max-Planck-Institut (MPI) Versuche mit Affen leitete. Der Prozess war für den 7. Januar vorgesehen, wurde jedoch abgesagt, nachdem Experimentatoren-Kollegen ein geheimes Gutachten aus dem Hut gezaubert hatten. Aus Protest gegen diese nachträgliche Legitimierung der Versuche und der Art ihrer Durchführung ruft die Organisation SOKO Tierschutz zur Demonstration am Samstag auf. Einem Opfer der Versuche, „Stella“, wird auf dieser Demonstration eine zentrale Rolle eingeräumt: „Gerechtigkeit“ für sie wird eingefordert.

Die Demonstrationen gegen die Tübinger Affenversuche haben in den letzten Jahren einige tausend Menschen auf die Straßen gebracht. Die Antispeziesistische Aktion Tübingen hat stets dazu aufgerufen, auch die Demonstrationen der SOKO Tierschutz zu unterstützen, schließlich haben wir – zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. – 2009 mit dem Start einer Kampagne gegen die Versuche erstmals auf diese aufmerksam gemacht und auch selbst mehrere Großdemonstrationen gegen die Versuche organisiert sowie viele kleinere Aktionen zum Thema gemacht. Trotz gewisser Vorbehalte dieser Organisation gegenüber waren wir auch stets bei den Demonstrationen der SOKO Tierschutz dabei; über die mediale Aufmerksamkeit, welche die Tierrechtsorganisation durch Undercover-Filmaufnahmen aus dem MPI, die bei Stern TV gesendet worden waren, geschaffen hat, konnte sie sehr viele Menschen zur Teilnahme mobilisieren. Jetzt scheint die Mobilisierung schlechter zu laufen: Fast schon verzweifelt postet SOKO Tierschutz in die Facebook-Veranstaltung zur Demonstration Sätze wie: „Gebt euch einen Ruck! Dabei statt nur interessiert!“ – Haben zu viele die Affenversuche bereits abgehakt? Tatsächlich hat nur das MPI die Beendigung der Versuche bekannt gegeben – an der Universität und im Hertie-Institut finden nach wie vor ähnliche Experimente statt. SOKO Tierschutz hatte den durch ihre Kampagne aufgebauten Druck aber von vorne herein nur auf das MPI konzentriert.

Was ebenfalls einige von der Beteiligung abhalten könnte, ist der Kommunikations- und Politikstil der SOKO Tierschutz: Es wird sehr moralisch über „das Böse“ und von „Affenquälern“ gesprochen, und so getan, als wäre der „Gerechtigkeit“ genüge getan, wenn diese drei „Täter“ verurteilt worden wären. Die Organisation geriert sich als eine Art Gesetzeshüter – „SOKO“ ist ja die Abkürzung von „Sonderkommission“, welche im Normalfall in Kriminalämtern und anderen polizeilichen Einheiten gebildet wird – und fordert rechtsstaatliche Urteile ein. Zudem gibt sie sich sehr autoritär, will auf „ihrer Demonstration“ alles kontrollieren: Anstatt einem bunten, vielfältigen Protest Raum einzuräumen, kündigt sie an, dass „Off-Topic-Plakate“, etwa mit politischen Botschaften, nicht geduldet werden sollen. Friedrich Mülln, das „Gesicht“ von SOKO Tierschutz, möchte, dass alles genau nach seinen Vorstellungen, wie eine Demonstration auszusehen hat, abläuft; in kurzer, autoritärer Art werden „Regeln zur Großdemonstration“ bekanntgegeben: „Bringt Plakate mit, der Rest bekommt welche von uns. Jeder trägt ein Plakat, Schild.“ Nicht nur uns befremdet dieser Stil: „Ob jemand ein Plakat tragen möchte oder nicht, sollte jedem selber überlassen sein“, kommentierte etwa jemand die „Regeln“.

Durch den bürgerlichen Staat und seine Gesetze wird im Normalfall keine „Gerechtigkeit“ hergestellt – sie sind in erster Linie dazu da, die kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen zu schützen und zu regeln. Wirkliche Befreiung wird vielmehr gegen diesen Staat durchzusetzen sein, der sich letztlich stets auf die Seite der Konzerne und des Kapitals stellt, sobald diese bedroht werden. Doch wir verstehen auch die Intention der Organisation, so viele Leute wie möglich auf diese Demonstration zu bringen, und teilen das Ziel, Tierversuche öffentlich zu delegitimieren. Wir sind zwar der Meinung, dass etwas mehr Seriosität der Sache nicht schaden würde und dass es nicht auf die Verurteilung einzelner „Täter“ ankommt, sondern darum gehen sollte, grundsätzlich ein System zu kritisieren, in welchem Tiere und Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden. Dennoch rufen wir auf, auch diesmal zur Demonstration zu gehen, weil jede Aufmerksamkeit für das Thema jetzt gut ist.

Doch Tierversuche machen nur einen kleinen Teil der Ausbeutungsindustrie aus. Die Realität der Wissenschaft wie auch der Industrie im Kapitalismus ist die Herabsetzung des Lebendigen selbst zum profitorientierten Erforschungs- und Ausbeutungsobjekt. Fangen wir mit der Befreiung der Affen an, um uns, dem Lebendigen, endlich den Sieg über die Anhäufung von Wissen und Kapital zu erringen!

Zum Hintergrund der Versuche und der Kampagne:

„Tierversuche: Opfer der Forschung“, Frontal 21, 19. Mai 2009.

Aktionsaufruf: Tierversuchsstadt Tübingen“, asatue, 26. März 2010.

„Weshalb wir gegen Tierversuche sind“, asatue, 5. Mai 2013.

„Stoppt Affenversuche! Kampagne und Großdemoonstration in der Tierversuchsstadt Tübingen“, Tierbefreiung, das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79 (Juni 2013), S. 14-19.

„Undercover-Aufnahmen: Leiden für die Wissenschaft“, Stern TV, 10. September 2014.

„Stadt der Affen: Undercover-Aufnahmen entfachen Streit um Tierversuche“, hintergrund.de, 15. September 2014.

„Strafbefehl gegen MPI-Mitarbeiter: Die folgenreiche Berichterstattung über Affenversuche am Max-Planck-Institut“, Stern TV, 21. Februar 2018.

Mary Shelley: Frankensteins „Monster“

Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

Seit dem 27. Dezember läuft auch in den deutschen Kinos der Film A Storm In The Stars – der deutsche Titel lautet schlicht: Mary Shelley. Es handelt sich um eine Filmbiografie von Haifaa Al Mansour über die britische Schriftstellerin, die als Autorin von Frankenstein in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Der Film soll die „wahre Geschichte“ der Entstehung des Romans schildern. Leider findet vor allem ein Aspekt keine Beachtung.

Dieser Text wurde zuerst auf der Facebook-Seite des Antispeziesismus-Buchs veröffentlicht.

Die Bedingungen, die im Jahr 1816 am Genfer See zur Entstehung des Romans Frankenstein führten, sind längst selbst zur Legende geworden. Es handelte sich um das „Jahr ohne Sommer“: Auf der Insel Sumbawa, östlich von Java gelegen, war der Vulkan Tambora ausgebrochen – mit einer unvorstellbaren Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben. Hunderte Kilometer weit verdunkelte sich der Himmel fast vollständig, ein Schleier legte sich um den Erdball; dann kam der vulkanische Winter. Es kam zu schweren Un­wettern, in der Schweiz schneite es plötzlich mitten im Sommer. Missernten und Hungers­nöte waren die Folge, Chronisten erzählen, dass „die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe“. Mary Shelley erinnerte sich später: „Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich mit ein paar deutschen Gespenstergeschichten, die wir zufällig entdeckt hatten, die Zeit. Diese Geschichten weckten einen spielerischen Wunsch zur Nachahmung.“ [1] Im Alter von nur 18 Jahren schuf sie mit ihrem Roman ein literarisches Werk von Weltrang, das heute gleichermaßen als Höhepunkt der Gothic Novel und Geburtsstunde des Science-Fiction-Genres gilt. [2] Es handelt von einem Naturforscher namens Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen und Teilen geschlachteter Tiere ein künstliches Wesen schafft, das sich schließlich gegen seinen Schöpfer wendet und dessen Existenz zerstört.

Heute ist der Name „Frankenstein“ so fest im kollektiven Bewusstsein verankert, dass die bloße Erwähnung genügt, um eine Kette von Assoziationen auszulösen: „Unwillkürlich sehen wir sofort Bilder aus dem Filmklassiker von James Whale vor uns: Wir erinnern uns an Boris Karloff, der mit merkwürdig flachem Schädel und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch die Pappkulissen tappt“, merkt Alexander Pechmann im Nachwort der von ihm neu übersetzten und 2013 herausgegebenen Urfassung von Frankenstein an. Die Popkultur habe den Frankenstein-Mythos ganz und gar vereinnahmt und in immer neuen Variationen und Parodien herausgebracht: „Frankenstein wurde zum Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers, der gegen die göttliche Ordnung verstößt und dafür konsequent bestraft oder zum Besseren bekehrt wird. Wie wenig dies mit der Radikalität der ursprünglichen Romanvorlage zu tun hat, offenbart sich erst durch einen Vergleich mit der Urfassung von 1818.“ [3] Denn Mary Shelleys Werk ist weit mehr als eine Parabel über die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Als Zeugnis eines radikalen Lebensentwurfes der jungen Autorin hat der Roman eine dezidiert politische Dimension. [4]

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Höchstmaß an politischer Subversion

Als Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin waren Mary Shelley progressive politische Ansichten gewissermaßen in die Wiege gelegt: Mit A Vindication of the Rights of Woman (1792) war Wollstonecraft zur Begründerin der radikalen Frauenrechtsbewegung geworden; Godwin gilt aufgrund seines Werkes Enquiry Concerning Political Justice (1792), in dem er die Abschaffung der Nationen und Regierungen, der Klassenunterschiede, der Ehe und der etablierten Religion forderte, als einer der Begründer des Sozialismus im Allgemeinen sowie des politischen Anarchismus im Besonderen. Sein Name stand, wie es in einer Biografie über Mary Shelley heißt, „für atheistisches Freidenkertum und damit für ein Höchstmaß an politischer Subversion“. [5] Die Wichtigkeit dieser Prägungen wird im Film auch ausreichend thematisiert: Die Beziehung Marys zu ihrem Vater und das Andenken an die Mutter – diese starb elf Tage nach der Geburt ihrer Tochter am Kindbettfieber – spielen darin eine große Rolle.

Ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley lernte die junge Mary Wollstonecraft Godwin kennen, als der Dichter im November 1812 die Verlagsbuchhandlung ihres Vaters in der Skinner Street in London besuchte. Shelley war fasziniert von den politischen Theorien Godwins und versuchte, sie in eine politische Praxis zu übersetzen. So beteiligte er sich etwa an Protestkampagnen für inhaftierte Radikaldemokraten; in Dublin riefen er und seine erste Frau Harriet mit selbst verfassten Flugblättern die Iren zum Aufstand gegen England auf. In seinem ersten großen Gedicht Queen Mab (1813), das Harriet gewidmet ist, versuchte Shelley, wie der Schriftsteller Wolfgang Koeppen einmal schrieb, „das Godwinsche Vernunftevangelium in Poesie zu übersetzen“. [6] Wie Percy und Mary sich kennenlernen, wie sie sich am Grab von Mary Wollstonecraft ihre Liebe gestehen, ihre Beziehungen zu Claire Clairmont und George Gordon Byron – all das wird in der Filmbiografie treffend dargestellt.

Dass sie, was ihre politischen Überzeugungen, ihr Engagement und ihren persönlichen Lebenswandel angeht, recht fortschrittlich waren, vermittelt der Film ebenfalls. Ein Aspekt aber wird leider komplett ausgeblendet: Mary und Percy Shelley zählten nicht nur in Bezug auf die Proklamation der freien Liebe und die Emanzipation der Frauen, nicht nur, was die Solidarität mit der Arbeiter- und mit Revolutionsbewegungen angeht, zu den progressiven Kräften ihrer Epoche – sie vertraten auch, ihrer Zeit weit voraus, einen radikalen Vegetarismus, den sie explizit politisch verstanden wissen wollten. Hier gilt dasselbe, was etwa auch am Film „Suffragette“ (2015) zu bemängeln ist: Zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestanden enge Verbindungen, einige der Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften, waren auch radikale Vegetarierinnen – im Drama der Regisseurin Sarah Gavron zum Thema spielt das aber keine Rolle. „Kaum eine andere emanzipatorische Forderung verhallte im Gang der Geschichte immer wieder derart ungehört wie der Ruf nach der Befreiung der Tiere“, heißt es gleich zu Beginn des Antispeziesismus-Buchs: Es handelt sich um ein Stück „geheime“ – vergessene, verdrängte, verschwiegene – Geschichte. Nicht ohne Grund liegt in der von Max Horkheimer mit der Metapher eines Wolkenkratzers aphoristisch beschriebenen kapitalistischen Gesellschaftspyramide die „Tierhölle“ im Keller und befindet sich damit unterhalb des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins. Das 2013 in der theorie.org-Reihe des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erschienene Buch wirft deshalb in einem Streifzug durch die Geschichte modernen emanzipatorischen Denkens einige Schlaglichter auf diese Tradition, um sie aus ihrem Schattendasein zu holen; und in diesem Zusammenhang ist auch der englischen Romantik, im Speziellen – neben William Blake – den Shelleys und Byron, ein Kapitel gewidmet.

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

„Vegetable system“

Neben William Godwin hat den jungen Percy Shelley in erster Linie John Frank Newton und dessen Werk The Return to Nature, or, a Defence of the Vegetable Regimen (1811) beeinflusst. Newton war ein Patient des Lon­don­er Arztes William Lambe, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre lang ve­gan ernährte und 1809 sein erstes Buch über vegane Ernährung als Therapie für bestimmte Er­krankung­en veröffentlicht hatte (später verfasste er noch ein zweites Buch zum Thema). Zusammen mit seiner Frau schloss Shelley sich im Jahr 1812 der Kommune Newtons in Berkshire an, die eine Kombination aus Nudismus und konsequentem Vegetarismus nach Lambe praktizierte. In seinen Anmerkungen zu Queen Mab, die auch gesondert unter dem Titel A Vindication of Natural Diet (1813) gedruckt wurden, begründete der Dichter, der unter anderem dafür bekannt war, auf Londons Märkten Fluss­krebse zu kaufen, um sie wieder in die Themse zu entlassen, seinen radikalen Vegetarismus, der eng mit seinen politischen Überzeugungen zusammenhing. So führte er beispielsweise die Verschwendung von Ackerflächen, die für die intensive Produktion von tierischem Eiweiß genutzt werden und so für die Ernährung ärmerer Schichten verloren gehen, und den daraus resultierenden Hunger auf das auf Fleisch- und Wollgewinnung ausgerichtete englische Ernährungssystem zurück, sah also klar den Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Ernährungsbereich und der Entwicklung der Produktionsverhältnisse von einer agrarischen Subsistenzwirtschaft zu einer industriell orientierten Woll- und Lammfleischproduktion. Die Schafe würden, so Shelley, pro Mahlzeit einen Morgen nutzbares Ackerland auffressen. [7] Unter Bezugnahme auf Newton und den Autor von Paradise Lost (1667), den großen revolutionären Dichter John Milton, der ebenfalls Vegetarier war, empfahl Shelley in A Vindication of Natural Diet ein „vegetable system“ als Grundlage für einen „Zustand der Gesellschaft, in der alle Energien des Menschen in die Schaffung gänzlichen Glücks gelenkt werden sollen“. [8]

Am 26. Juni 1814 erklärten sich Percy und Mary ihre Liebe. Wegen seiner unkonventionellen Lebensweise – Percy war auf dem Papier noch immer mit Harriet verheiratet – sah sich das junge Paar massiven Anfeindungen ausgesetzt. „Mann und Frau sollten so lange verbunden sein, wie sie einander lieben: Jedes Gesetz, das sie auch nur für einen Augenblick zum Zusammenleben zwingt, nachdem ihre Zuneigung erloschen ist, wäre völlig unerträgliche Tyrannei“, lässt Haifaa Al Mansour Percy Shelley im Film sagen – es handelt sich um ein Zitat aus seinen Anmerkungen zu Queen Mab. Gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont beschlossen die beiden, vor allen sozialen Konventionen in die Schweiz zu fliehen. In Luzern zwang Geldmangel sie allerdings zur Aufgabe ihrer Pläne. Die Rückreise über Straßburg, Mannheim, Mainz, Bonn, Köln und Rotterdam sollte von Marys Romanheld Victor Frankenstein wiederholt werden. Frankenstein entstand im Zuge einer zweiten Reise in die Schweiz, wo das Trio den Dichter Lord Byron traf, der ebenfalls, seit seinem 23. Lebensjahr, vegetarisch lebte.

Byron, der bis heute nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für seine Teilnahme an der Griechischen Revolution in den 1820er-Jahren bekannt ist, musste England im April 1816 aufgrund diverser Skandale um seine Person verlassen. Vier Jahre zuvor hatte ihn die Veröffentlichung der ersten beiden Gesänge von Childe Harold’s Pilgrimage (1812) – das poetische Tagebuch einer zweijährigen Reise, die ihn auf die Iberische Halbinsel, in die Türkei, nach Griechenland und nach Albanien geführt hatte – schlagartig berühmt gemacht. Im selben Jahr hielt er seine Antrittsrede im britischen Oberhaus, in der er die Lage der arbeitenden Klassen thematisierte: In Nottinghamshire, einem Zentrum der Textilindustrie, hatte im Jahr 1811 der Aufstand der Maschinenstürmer begonnen und schnell auch andere Grafschaften erfasst. Um die Aufstände niederzuschlagen, schickte London Soldaten – über 14.000 bis zur Jahresmitte. Byron hielt eine flammende Rede, in der er sich für die entlassenen Weber einsetzte, die Maschinen zerstört und Fabriken in Brand gesetzt hatten – doch der Frame Breaking Act, das Gesetz, das die Zerstörung von Webstühlen unter Todesstrafe stellte, wurde zu seiner großen Enttäuschung sowohl vom Oberhaus als auch vom Unterhaus angenommen.

Auch Byrons Ehe mit Anne Isabella verlief nicht glücklich. Charakterliche Diskrepanzen, ständige Geldschwierigkeiten und Byrons exzessiver Genuss von Laudanum – einer zu dieser Zeit populären Opiumlösung, der auch Percy Shelley sehr zugetan war [9] – führten im Jahr 1816 schließlich zur Trennung. Zu diesem Zeitpunkt soll Byron bereits ein Verhältnis mit Claire Clairmont gehabt haben. Als dann Gerüchte über ein inzestuöses Verhältnis Byrons zu seiner Halbschwester die Runde machten und einen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit auslösten, musste er im April 1816 England in Richtung Schweiz verlassen. Im Juni mietete er die Villa Diodati am Genfer See, da er glaubte, dass John Milton sich 1638 dort aufgehalten hätte, wo ihn Percy, Mary und Claire dann im Sommer besuchten – und wo die Idee zu Frankenstein entstand.

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Schrecklicher Wachtraum

Neben dem Konsum von Alkohol und Opium – auch dies wird im Film dargestellt – dientem dem Zirkel um Byron in dem verregneten Sommer des Jahres 1816 intellektuelle Diskussionen als Zeitvertreib. Eines der Gespräche zwischen Byron und Percy Shelley drehte sich um die Frage nach der Natur, der Grundlage des Lebens und darum, wie die Elektrizität damit zusammenhängt – eine Diskussion, die von Luigi Galvanis Experimenten angefacht worden war: Die Beine toter Frösche bewegten sich, nachdem der italienische Arzt sie mit einem geladenen Metallgegenstand berührt hatte. Galvanis Neffe, der Physiker Giovanni Aldini, führte solche Versuche an Leichen von Enthaupteten und Erhängten durch. So legte er etwa zwei Köpfe aneinander und setzte sie unter Strom. „Die Grimassen, die beide Gesichter einander machten, waren wunderbar und beängstigend“, sollte er später berichten – und dass bei diesem Anblick die ersten Zuschauer in Ohnmacht gefallen seien. [10]

In der Einleitung zur überarbeiteten Ausgabe von Frankenstein aus dem Jahr 1831 gab Mary Shelley die Überlegungen aus dem Gespräch am Kaminfeuer folgendermaßen wieder: „Vielleicht könnte man eine Leiche wiederbeleben; galvanische Experimente hatten für solche Dinge den Beweis geliefert: Vielleicht könnte man einzelne Teile einer Kreatur herstellen, zusammensetzen und mit Lebenswärme versorgen.“ [11] Die zündende Idee für ihren Roman kam ihr dann durch einen, wie sie sich ausdrückte, „schrecklichen Wachtraum“: „Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigem Blick – ich sah den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten und er sich mit schwerfälligen, halblebendigen Bewegungen rührte.“ [12] Frankensteins Monster war geboren.

Zwei Jahre später erschien der Roman – anonym und, wie damals üblich, in drei Teilen, mit einem Vorwort von Percy Shelley. Er wurde zum Bestseller, auch wenn er bei den meisten Literaturkritikern überhaupt nicht gut ankam. „Gegen die Tagträume des Grauens, die von den unnatürlichen Reizen dieser neueren Schule erzeugt werden, müssen wir protestieren; und wir fühlen uns nach der Lektüre dieser drei geisteszermürbenden Bände genauso mitgenommen wie nach einer Überdosis Laudanum oder einem quälenden Alptraum“, hieß es etwa in The British Critic. „All diese monströsen Einfälle sind die Folgen der wilden und ungebührlichen Theorien unserer Zeit“, meinte der bekannte Verleger John Murray. [13]

Insgesamt gilt die Romantik als die Zeit der Verinnerlichung politischer Konflikte. Teilweise hat das zu Interpretationen geführt, die Mary Shelley unterstellen, sie habe Frankenstein in Auseinandersetzung mit den radikalen Theorien ihrer Eltern geschrieben und diese letztlich abgelehnt. Die Botschaft sei: Alle revolutionären Experimente gebären Monster; Frankensteins Kreatur stünde dann für die Angst der bürgerlichen Philanthropen vor der Hässlichkeit des im Prozess der Industrialisierung „aus Abfällen“ wie aus „gesellschaftlichem Unrat“ gebildeten Proletariats – so der Heidelberger Anglist Horst Meller. [14] Wolfram Sailer, ebenfalls Anglist in Heidelberg, der diesen Aspekt in einer Studie zum Thema ausführlich beleuchtet, widerspricht dieser Vorstellung: Der Versuch, Mary Shelley in eine nervöse Konservative zu verwandeln, werde der Sympathie mit dem Monster, die der Roman auch den Lesern vermittelt, nicht gerecht. [15] Für ihn spiegeln sich in dem Roman vielmehr die ersten Ansätze zu einer Selbstverständigung des englischen Proletariats als Klasse wider, die sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung in Form der maschinenstürmenden Ludditen und der Chartisten zeigten.

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

Opfer der Aufklärung

Der Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel bildet die Grundlage für die kapitalistische Produktionsweise: Indem der Ackerbauer das Eigentum an Grund und Boden verliert, werden ihm seine Mittel zur Selbstversorgung entrissen, was ihn, in Marxscher Terminologie, „doppelt frei“ macht – frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will, aber auch „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln. Er wird zum Proletarier. Im Zuge des bereits angesprochenen Aufschwungs der Wollmanufaktur war das „Losungswort“, so heißt es im Kapital von Marx, „Verwandlung von Ackerland in Schafweide“. [16] Zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung aus selbst wirtschaftenden Bauern bestanden, die am Gemeindeeigentum beteiligt waren; nun wurden die Gemeingüter zu Privatbesitz gemacht, das Gemeindeland eingehegt, die Bauern gewaltsam enteignet. In Mary Shelleys Roman wird darauf Bezug genommen. So vergleicht Frankenstein seine Situation mit der eines enteigneten Bauern, als er über das Monster sagt: „Würde er aber besiegt, dann war ich ein freier Mann. Allerdings was für eine Freiheit? Eine Freiheit, deren sich der Landmann erfreut, nachdem er gesehen hat, wie seine Familie hingeschlachtet, seine Hütte verbrannt, seine Felder verwüstet werden, und dann heimatlos, verarmt und allein, aber frei seines Weges zieht.“ [17]

Das Monster wiederum entwickelt eine dezidiert kritische Sicht auf, wie es sagt, „das seltsame System der menschlichen Gesellschaft“, als es „von der Aufteilung der Besitzstände, von ungeheurem Reichtum, erbärmlicher Armut, von Rang, Abstammung und edlem Blut“ hört. Zu Frankenstein sagt es: „Ich erfuhr, daß der Besitz, den deine Artgenossen am meisten schätzen, eine noble und makellose Abstammung in Verbindung mit Reichtum war. Ein Mann könnte vielleicht mit nur einer dieser Eigenschaften respektiert werden, aber ohne eine der beiden würde er, außer in sehr seltenen Ausnahmen, als Herumtreiber und Sklave betrachtet, der dazu verurteilt ist, seine Lebenskraft dem Profit einiger Auserwählter zu opfern.“ [18]

Sailer zieht Parallelen zu den Eigenschaften des Monsters und dem im Zuge der Industrialisierung entstehenden Proletariat: „Das Monster wie das Proletariat sind kollektive und artifizielle Geschöpfe: das Monster, aus Leichenteilen von den Friedhöfen, Totenhäusern und Schlachtfeldern der instrumentalisierten Aufklärung bestehend, das Proletariat aus den im Zusammenbruch des feudalen Systems ,frei‘ gewordenen Landarbeitern und Kleinpächtern, die – in England durch die enclosures von ihrem Land vertrieben – sich in den Slums der neuen Großstädte des heraufdämmernden Industriekapitalismus zu jenem neuen Wesen zusammenfanden.“ Für Karl Marx ist das Kapital „verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit“. Die Angst, die die von citoyens zu bourgeois degenerierten Aufklärer vor dem Kollektivwesen hatten, das sie doch selbst hervorgebracht hatten und nun für ihre Zwecke nutzten, gleiche, so Sailer, der Angst Frankensteins; sie sei die Furcht vor dem eigenen Totengräber: „Marx und Engels nennen in ihrem Kommunistischen Manifest das Proletariat den von der Bourgeoisie selbst produzierten Totengräber; Frankenstein nennt sein Geschöpf ,meinen eigenen Vampir, meinen eigenen Geist losgelassen vom Grabe und gezwungen, alles zu vernichten, was mir lieb war‘.“ [19]

Das Monster droht – wie die Arbeiterbewegung –, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden, unverhohlen mit der Umkehrung des Verhältnisses von Herr und Knecht. Indem Frankenstein den Torso der fast fertigen Partnerin zerstört, welche sich das Monster gewünscht hat, um seiner Isolation zu entkommen, klärt er das Verhältnis zu seiner Kreatur für den Rest des Romans: Das Monster nennt Frankenstein seinen Sklaven; dieser sei zwar sein Schöpfer, es selbst aber sei nun Frankensteins Herr. Sailer merkt dazu an: „Die Entfremdungen, denen Frankenstein sich in seinem Arbeitsprozeß unterwirft, führen letztlich allesamt dazu, daß das Verhältnis des Produzenten zu seinem Produkt sich langsam, aber unausweichlich umkehrt. Die Entfremdung von der Natur reflektiert Frankensteins zerrissenen inneren Zustand, die Entfremdung von Freunden und Familie läßt ihn mit seiner Arbeit und seiner Aufgabe allein, die von seinem Produkt schließlich entfremdet ihn auch von sich selbst als produzierenden Menschen. Mary Shelley nimmt mit dieser Darstellung vorweg, was Karl Marx etwa dreißig Jahre später in seiner Entfremdungstheorie formulierte“. [20] Gerade auch in seinen Äußerungen zur Natur nehme Marx in wissenschaftlicher Form Mary Shelleys Ansätze auf, in welchen sie Frankensteins Versuche kritisiere, der Natur mit Gewaltmitteln der Naturwissenschaft auf die Schliche zu kommen. So zieht Sailer den Schluss: „Das Monster läßt sich als Metapher für die Opfer der Aufklärung (in wissenschaftlicher wie in politischer Hinsicht) lesen.“ [21]

Insofern handelt es sich um eine Fehlinterpretation, wenn Muriel Spark das Monster als „den isolierten Intellekt“ Frankensteins betrachtet. [22] Wie Sailer anhand zahlreicher Textstellen nachweist, ist das Gegenteil der Fall: Das Monster steht nicht nur für alle „Verdammten dieser Erde“, sondern auch allgemein für die innere und äußere Natur, die von Frankenstein als die „Verkörperung eines männlich-zielgerichteten Prinzips“ unterdrückt wird. [23] In der Dialektik der Aufklärung (1944), dem Hauptwerk der Kritischen Theorie, in dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine Wissenschaft kritisieren, die in „scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren“ den „blutigen Schluß“ abzwingt, heißt es entsprechend: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war.“ [24]

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein's monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein’s monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Utopisches Moment

Denn die Opfer der Aufklärung – oder, um mit den Worten Horkheimers und Adornos zu sprechen, der instrumentellen Vernunft – sind nicht nur Menschen. Das „Monster“, das in vielen Punkten menschlicher dargestellt wird als Frankenstein, zeichnet sich allgemein durch die Fähigkeit zur Empathie aus – so bricht es etwa, als es vom Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern hört, in Tränen aus –, und diese ist die Voraussetzung für Solidarität, die auch mit Tieren geübt werden kann. Horkheimer schrieb dazu einmal: „Eigentlich ist ja die Solidarität, die wir mit den Menschen in Not fühlen dieselbe wie die mit dem Tier, in der Qual erweist sich ihre Identität und das Weh fließt zusammen.“ [25] Tatsächlich erwächst die politische Kritik, die das Monster übt, aus den basalen Wahrnehmungen von Lust und Schmerz; es sagt: „Ich las von Menschen, die im Dienste der Öffentlichkeit ihre Artgenossen regierten oder abschlachteten. Ich spürte, wie sich in mir eine große Begeisterung für die Tugend regte und ein Abscheu vor Lasterhaftigkeit, soweit ich die Bedeutung jener Begriffe verstand, da sie nach meiner Auffassung offenbar nur Lust und Schmerz entsprechen konnten.“ [26]

Das Monster muss bald erkennen, dass es im von ihm entworfenen Klassenraster noch nicht einmal auf der Stufe der Ärmsten der Armen steht, sondern noch unter ihnen: Es sei, so sagt es, „nicht einmal von derselben Art wie der Mensch“. [27] Sein Wunsch, den es gegenüber dem alten, blinden de Lacey äußert, ist, „nicht aus der Gesellschaft und vom Mitgefühl Ihrer Artgenossen“ [28] – im Original: „not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures“, [29] ein Begriff, der Menschen und Tiere umfasst – ausgeschlossen zu werden. Es sagt: „Sollte irgendeine Kreatur mir gegenüber Wohlwollen empfinden, dann würde ich es hundertfach und tausendfach vergelten. Wegen dieses einen Wesens würde ich Frieden mit seiner gesamten Spezies schließen!“ [30] Doch dies wird ihm verwehrt. Die Autorin und Aktivistin Carol J. Adams schreibt dazu in ihrem Buch The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory (1990): „Frankensteins Geschöpf bezieht Tiere in seinen Moralkodex ein, wird jedoch hintergangen und zutiefst enttäuscht, als es danach strebt, in den Moralkodex der Menschen einbezogen zu werden. Es lernt, dass, ungeachtet seiner eigenen moralischen Maßstäbe, der Kreis der Menschen so gezogen ist, dass sowohl es selbst wie auch die anderen Tiere davon ausgeschlossen bleiben.“ [31] Und allein das ist der Grund, warum es destruktiv wird – es sagt: „Ich trug, wie Satan persönlich, eine Hölle in mir, und da es niemanden gab, der Mitleid mit mir hatte, wollte ich die Bäume ausreißen, Chaos und Vernichtung um mich herum verbreiten.“ [32]

Kurz allerdings blitzt im Roman ein utopisches Moment der Versöhnung mit Mensch und Natur auf, wenn sich das Monster seine Zukunft mit einer zu ihm passenden Gefährtin ausmalt: „Meine Nahrung ist nicht die blutige der Menschen. Ich vernichte nicht Lämmer und Ziegen, um meinen Hunger zu stillen; Nüsse und Beeren genügen mir. Da meine Genossin ebenso beschaffen sein wird wie ich, wird auch sie mit der gleichen Nahrung vorlieb nehmen.“ [33] Zu Frankenstein sagt es: „Das Bild, das ich dir beschreibe, ist friedlich und menschlich, und du mußt spüren, daß du es mir nur aus Willkür und Grausamkeit verweigern kannst.“ [34] Während das „Monster“ Lamm und Zicklein nicht zerstört, um seinen Appetit zu befriedigen, foltert Frankenstein lebende Tiere, um das leblose Material seiner technischen Menschenproduktion zu beseelen; das Leid der gequälten Kreatur hat, so Wolfram Sailer, für ihn nur Bedeutung, insofern sie ihn selbst mit Schrecken füllt. [35] Er verwehrt seinem Geschöpf die Verwirklichung der Utopie, die es ihm geschildert hat. Entsprechend heißt es am Ende des Kapitels über die englischen, revolutionären Romantiker im Antispeziesismus-Buch: „Statt in einen Zustand des Friedens mit Menschen, Tieren und der Natur einzutreten, findet Frankensteins vegetarisches Monster sein Ende im Feuer eines Scheiterhaufens.“ [35]

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889). Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889).
Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Zum Weiterlesen:

Ein thematisch ähnlicher Text von Matthias Rude ist im Jahr 2016 anlässlich der 200. Jährung der Entstehung des Romans Frankenstein unter dem Titel Höchstmaß an politischer Subversion im Feuilleton des Nachrichtenmagazins Hintergrund erschienen; der Artikel kann auf der Website von Hintergrund bestellt werden.

Im Buch Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken (Stuttgart 2013) findet sich auf den Seiten 64 bis 74 das Kapitel „‚Earth groans beneath religion’s iron age, making the Earth a slaughter-house‘: Revolutions-Romantik – Shelleys brennendes Herz, Frankensteins vegetarisches Monster“. Darin geht es neben dem Dichter William Blake vor allem um die Shelleys und um Byron. Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Leseprobe des Buches finden sich auf der Website des Verlags; das Buch ist über den Buchandel erhältlich (ISBN: 3-89657-670-4).

Vom Autor ist im Magazin Melodie und Rhythmus auch ein Artikel zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und dessen politischer Interpretation erschienen; der Text ist inzwischen vollständig online einsehbar: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochen, Melodie und Rhythmus 4/2016, S. 108f.

Ein frei zugänglicher Text zu den Verbindungen zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert findet sich hier. Vgl. dazu auch das Kapitel „‚The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals‘: Tierbefreiung in Arbeiterbewegung, sozialistischen und feministischen Strömungen“ im Antispeziesismus-Buch (S. 88-100).

Anmerkungen:

Titelbild (oben): Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

[1] Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 8.

[2] So die allgemeine Meinung der Experten. Beispielsweise heißt es dazu in einer 2001 erschienenen Biografie über Mary Shelley: „Sie läßt diese ,gotischen‘ Erzählungen hinter sich, bedient sich nicht mehr ihrer konventionellen Muster und Figuren, sondern schreibt einen futuristischen Roman, der schon auf die Science-fiction-Literatur verweist“ (Karin Priester: Mary Shelley. Die Frau, die Frankenstein erfand. Biographie, München 2001, S. 120).

[3] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 286f.

[4] Zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und seiner politischen Interpretation vgl. auch: Matthias Rude: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochenMelodie und Rhythmus 4/2016 (S. 108f.).

[5] Karin Priester: Mary Shelley (Anm. 2), S. 29. – Später vertrat Godwin allerdings mehr und mehr einen politischen Reformismus und brachte wohl auch Percy Shelley „nach und nach auf einen linksliberalen Kurs, der mit dem Radikalismus der noch jungen englischen Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und der Bewegung des Chartismus, nicht viel zu tun hatte, auch wenn Shelleys Werk ,Queen Mab‘ gerade in diesen Kreisen begeistert aufgenommen und geradezu als eine Art Bibel gelesen wurde“ (ebd., S. 84).

[6] Wolfgang Koeppen (Hg.): Percy Bysshe Shelley: Das brennende Herz, München, Wien, Basel 1958, S. 13.

[7] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein.Studien zur romantischen Mythenumdeutung (Anglistik in der Blauen Eule, Bd. 16, zgl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1991), Essen 1994, S. 89.

[8] Percy Bysshe Shelley: The Complete Poetry of Percy Bysshe Shelley. Volume two. Edited by Donald H. Reiman and Neil Fraistat, Baltimore, London 2004, S. 307; Übersetzung zitiert nach: Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 72.

[9] Der Gebrauch von Laudanum und Opium war in der Romantik eher die Regel als die Ausnahme. „Angesichts dessen kann man sich leicht ausmalen, unter welchen Vorzeichen die Texte in der Villa Diodati entstanden sind“, heißt es in einem Artikel zum Thema (Christoph Hombergs: Laudanum, in: Alexander Eilers (Hg.): „The Summer of 1816“ – Von Monstern, Geistern und Vampiren. Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung in der Universitätsbibliothek Gießen (15.4.-13.5.2009), Fernwald 2010, S. 43-47, S. 47.). Vgl. auch: Matthias Rude: Laudanum: Glückseligkeit für einen Penny (7.11.2018).

[10] Reto U. Schneider: Der Frankenstein von Bologna, NZZ Folio, August 2003.

[11] Entsprechend lässt Mary Shelley Victor Frankenstein im Roman sagen: „One of the phenomena which had peculiarly attracted my attention was the structure of the human frame, and, indeed, any animal endued with life. Whence, I often asked myself, did the principle of life proceed?” (Mary Shelley: Frankenstein. English | German. Übersetzt von Heinz Widtmann. Berliner bilinguale Ausgabe, 2015, S. 31).

[12] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 269f.

[13] Ebd., S. 277f.

[14] Horst Meller: Prometheus im romantischen Heiligenkalender, in: Hans-Joachim Zimmermann (Hg.): Antike Tradition und Neuere Philologien. Symposium zu Ehren des 75. Geburtstages von Rudolf Sühnel, Heidelberg 1984, S. 151-175, S. 168.

[15] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 168.

[16] Im Kapitel über „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 23, Berlin 1962, S. 746.

[17] „If he were vanquished, I should be a free man. Alas! What freedom? Such as the peasant enjoys when his family have been massacred before his eyes, his cottage burnt, his lands laid waste, and he is turned adrift, homeless, penniless, and alone, but free“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 141).

[18] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 127.

[19] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 174f.

[20] Ebd., S. 210.

[21] Ebd., S. 173.

[22] Muriel Spark: Mary Shelley. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Angelika Beck, Frankfurt am Main und Leipzig 1992, S. 211.

[23] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[24] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988, S. 262, S. 40.

[25] Max Horkheimer: Briefwechsel 1941-1948 (Gesammelte Schriften, Band 17). Herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1996, S. 797.

[26] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 138. Im Original heißt es: „I read of men concerned in public affairs, governing or massacring their species. I felt the greatest ardour for virtue rise within me, and abhorrence for vice, as far as I understood the signification of those terms, relative as they were, as I applied them, to pleasure and pain alone“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 93).

[27] „I was not even of the same nature as man“ (ebd., S. 87).

[28] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 145.

[29] „I trust that, by your aid, I shall not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 98).

[30] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 158.

[31] Carol J. Adams: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Übersetzung aus dem Englischen von Susanna Harringer, Wien, Mühlheim a.d. Ruhr 2002, S. 128.

[32] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 147. – Es handelt sich hierbei um eine Anspielung auf das vierte Buch von Paradise Lost, wo es über Satan, der heimlich den Garten besucht, heißt: „horror and doubt distract / His troubled thoughts, and from the bottom stir / The hell within him, for within him hell / He brings, and round about him, nor from hell / One step no more than from himself can fly / By change of place“ (John Milton: Das verlorene Paradies, Werke. Englisch – Deutsch, Frankfurt am Main 2008, S. 168).

[33] „My food is not that of man; I do not destroy the lamb and the kid to glut my appetite; acorns and berries afford me sufficient nourishment. My companion will be of the same nature as myself and will be content with the same fare” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 108).

[34] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), München 2013, S. 159.

[35] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[36] Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 74.

Peinlich, peinlicher – Palmer

31. Oktober 2018 in Tübingen: Eine Halloween-Maske mit dem Gesicht Boris Palmers.

Mit von der Linie seiner Partei abweichenden oder ihr widersprechenden Positionen hat Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer sich in den letzten Jahren zunehmend wichtig gemacht und sich als „schwarzes Schaf“ der Grünen inszeniert, vergleichbar etwa mit der Rolle Thilo Sarrazins in der SPD: Überregional machte er „Schlagzeilen mit rechten Positionen“, vor allem in Bezug auf Flüchtlinge. Bereits 2014 fiel ihm, nachdem sich in Tübingen ein Flüchtling aus dem Iran selbst verbrannt hatte, nichts Besseres ein als angebliche „unangenehme Wahrheiten“ über Asylsuchende zu verkünden. Und erst Ende Oktober 2018 sprach er sich dafür aus, „auffällige Flüchtlinge“ zu kasernieren – so könne man „die Gefahr weitgehend neutralisieren, die von dieser Gruppe ausgeht“, meinte er.

„Boris Palmer, wenn ich lese, was Sie den straffällig gewordenen Geflüchteten ‚anbieten‘, dann bleibt mir nur: Fremdschämen“, war die Reaktion einer Leserin; jemand anders machte in einem Leserbrief, den die Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt mit der Überschrift „Erbärmlich“ versah, Palmer darauf aufmerksam, dass er „erstmal seine verwaltungs-, verfassungs- und strafrechtlichen Hausaufgaben machen“ sollte: Würden seine Forderungen umgesetzt werden, wäre das unter anderem ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Karikatur des schwäbischen Spießers

Über eine Karikatur, die im Schwäbischen Tagblatt erschien und die Palmer am Hebel einer Weiche zwischen zwei Gleisen zeigte – das eine Gleis führte zu „sicheren Landeseinrichtungen für auffällige und polizeibekannte Flüchtlinge“, das andere zum „Bleiberecht für anständige Asylanten“ – echauffierte der Oberbürgermeister sich: Die Szene knüpfe, meinte er, an Auschwitz-Bilder an; er sah sich als „Selektierer an der Rampe dargestellt“, in die Nähe der Nazis gerückt und verlangte eine Klarstellung von der Zeitung. Das wiederum ließ das Tagblatt nicht auf sich sitzen; es machte deutlich: „Nicht alle Gleise führen nach Auschwitz“ und sprach bezüglich Palmers Vorschlag und seiner Reaktion auf die Karikatur von einem „Vorstoß nach Gutsherren-Art“ und von „Egomanie“.

Kürzlich kam es nun in Tübingen zu einem Vorfall, der Spiegel Online dazu veranlasste, Palmer in einem Kommentar mit dem Titel Ordnungshüter Boris Palmer: Das grüne Männchen als „Karikatur des schwäbischen Spießers“ zu bezeichnen. – Was war geschehen? Ein Student war mit einer Freundin gegen 22 Uhr in der Innenstadt unterwegs, als Boris Palmer ihnen begegnete. Zu seiner Begleiterin, einer Psychologin, sagte der Student lediglich: „Ach nee, auch der noch.“ Eine etwas abfällige Äußerung, sicher – aber Palmers darauf folgende Reaktion steht in keinem Verhältnis dazu. Zudem mussten sich andere Leute von Palmer selbst schon viel derbere Sprüche anhören: „Hab dich nicht so, wenn dich ein Araber fickt“, sagte er Ende 2017 in aller Öffentlichkeit zu einer Frau; eine andere musste sich folgenden sexistischen Spruch Palmers anhören: „Sie sind ein Mensch zweiter Klasse, wie eigentlich alle Frauen. Ja, ja, Hauptsache Titten.“

Er forderte den Studenten auf, sich „zu stellen“; dieser hatte aber keine Lust zu diskutieren und ging weiter. Das wollte Palmer nicht akzeptieren, er bedrängte die beiden, versperrte ihnen den Weg. „Irgendwann habe ich dann sehr laut zu ihm gesagt: Lassen Sie uns in Ruhe, wir fühlen uns bedrängt.“ Daraufhin zog Palmer seinen Dienstausweis und forderte, wegen „nächtlicher Ruhestörung“, den Personalausweis des Studenten ein – als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ dürfe er das. Als der Student und seine Begleiterin sich weigerten, zückte Palmer sein Handy und fotografierte die beiden, obwohl sie ihr Recht aufs eigene Bild reklamierten. Eine Medizinstudentin, die zufällig dazukam, berichtet, dass es Palmer war, der sich vor dem Studenten aggressiv aufgebaut und ihn angebrüllt hatte: „Das wurde immer lauter und aggressiver.“ Dies bestätigte gegenüber der Presse auch eine weitere Zeugin; diese fand Palmer „extrem befremdlich“ und sagte gegenüber dem Tagblatt: „Der stand vollkommen neben sich.“ Die beiden Frauen „bemühten sich mit der Psychologin, den Oberbürgermeister zu beruhigen und den Studenten zu schützen“, so die Zeitung. Ohne Erfolg: Palmer sei ihnen nachgegangen, es sei zu einer „slapstickreifen Verfolgungsjagd“ gekommen. Inzwischen hat die Psychologin Boris Palmer wegen Nötigung angezeigt, Palmer seinerseits hat den Fall ans Ordnungsamt übergeben: Wegen Ruhestörung und der Weigerung, sich auszuweisen, solle der Student ein Bußgeld bezahlen – in Höhe von bis zu 6000 Euro!

Peinlich

Palmer führe, so kommentierte das Tagblatt, einen „persönlichen Feldzug für Law and Order“ und verliere dabei „zunehmend jedes Maß“: „Er geht aggressiv auf vermeintliche Gegner los, nutzt seinen Facebook-Account für Steckbriefe und gebraucht sein Handy wie ein Wildwest-Sheriff seinen Colt.“ Jemand sollte, so die Zeitung weiter, ihm sagen, „dass es keine gute Idee ist, einem Studenten, der, so beschreibt es der Oberbürgermeister wörtlich, nicht ‚die Eier hat‘, mit ihm zu diskutieren, mit 6000 Euro Bußgeld zu drohen“. Im Netz und in den Medien sorgte der Vorfall für Spott über Palmer; von Satiremagazinen wie Titanic, Extra 3 oder Neo Magazin Royale wurde er aufgezogen. Und als ob das Ganze noch nicht peinlich genug gewesen wäre, erstellte Palmer auf seiner eigenen Facebook-Seite eine Umfrage, bei der er fragte: „Ist es vertretbar, als OB Respektlosigkeit mit den rechtmäßigen Kompetenzen des Polizeirechts zu begegnen?“ Die beiden Antwortmöglichkeiten: „Ja, das ist couragiert“ und „Nein, das ist peinlich“. Die Umfrage läuft derzeit noch, doch es zeigt sich ein klares Bild: Eine absolute Mehrheit von 70 Prozent findet Palmers Aktion „peinlich“.

Es ist gut, dass der Student und seine Begleiterin mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit gegangen sind, nicht zuletzt, weil in dem Artikel schwarz auf weiß gezeigt wurde, wie dreist Palmer sich der Lüge bedient. Es gibt mehrere Augenzeugen, die gegenüber der Presse übereinstimmende Aussagen gemacht haben. Palmer dagegen hat, wie das Tagblatt festgestellt hat, nachweislich gelogen: Die Zeugen sagen übereinstimmend, dass sich der Vorfall am 13. November ereignet hat, Palmer dagegen behauptet, es sei am 15. November gewesen. Dass das aber überhaupt nicht sein kann, ergibt sich, wie das Tagblatt feststellte, schon daraus, dass am 15. November der Marktstand, um den herum Palmer seine „slapstickreife Verfolgungsjagd“ aufs Parkett gelegt hat, gar nicht mehr auf dem Tübinger Holzmarkt stand: Der Martinimarkt hatte nur bis zum 14. November gedauert.

Demonstration gegen Affenversuche in Tübingen: Palmer hat die Experimentatoren stets verteidigt.

Provokateur und Lügner

In seiner Überheblichkeit – er denkt wohl, dem Bürgermeister glaube man eher – lügt Palmer wie gedruckt, auch wenn es genügend Augenzeugen gibt. Dies haben wir selbst schon erfahren müssen, und zwar im Zusammenhang mit unserem Engagement gegen die Tübinger Primatenexperimente. Palmer positionierte sich bereits 2011 mit den Worten „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“ klar aufseiten der Experimentatoren und der Tierausbeutungs-Industrie – wieder einmal gegen die Linie seiner Partei: Während Palmer – selbst Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Campus Tübingen, wo die Versuche unter anderem stattfanden – sich von Anfang an auf die Seite der Experimentatoren stellte, hatte seine Partei auf Landesebene unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch unsere Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut worden war, die For­de­rung nach einem Ende der Experimente in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 aufgenommen. Als sie Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung allerdings schnell nichts mehr wissen, und der damalige Koalitionspartner SPD vollzog Ende 2012 einen regelrechten Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby.

Palmer tauchte im September 2014 beim Sammelpunkt für eine Demonstration gegen die Primatenexperimente auf der Tübinger Neckarinsel auf und verlangte von den Tierversuchsgegnern, sie sollten mit ihm diskutieren. Auch damals benutzte er schon dieselben Worte wie im Streit mit dem Studenten jetzt: Als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ könne er die Versammlung auch auflösen lassen, wenn er nicht sprechen dürfe – klarer Amtsmissbrauch. Wie Palmer die Demonstranten provozierte, ist auch auf einem Video festgehalten worden. Die Stimmung war aufgeheizt, irgendwann flog aus der Menge heraus ein kleines Kieselsteinchen in seine Richtung, es streifte ihn am Hemd – und traf ihn nicht, wie er später, obwohl es zahlreiche Zeugen gab, behauptete, „am Kopf“. Zunächst störte er sich auch nicht daran: Er blickte für einen kurzen Moment etwas irritiert nach unten, diskutierte aber sofort weiter. Irgendwann ging er sich ein Eis kaufen. Er kam wieder, als der Demonstrationszug startete. An seinem Eis leckend, ging er neben den Demonstranten her – natürlich immer vor den Kameras der anwesenden Journalisten – und beschimpfte sie, unter anderem als „Gesinnungsterroristen“. Irgendwann hatte er wohl genug und ging. Zuhause muss er sich überlegt haben, wie er die Demonstration am besten diffamieren könnte – und da fiel ihm das Kieselsteinchen wieder ein. Auf seiner Facebook-Seite machte er daraus die reißerische Überschrift „Steinwürfe gegen Andersdenkende“ und behauptete, dass ihn ein „Stein“ getroffen hätte – er habe „rechts am Kopf“ einen „Schlag gespürt“. Palmer log also, um das Anliegen der Demonstranten zu verunglimpfen. Schon damals durchschauten das viele: „So lacht das Netz über Boris Palmer“, titelte etwa der Reutlinger Generalanzeiger.

Zensur-Zirkus

Nicht nur mit Palmer, auch mit der Berichterstattung des Schwäbischen Tagblatts haben wir unsere eigenen, speziellen Erfahrungen gemacht. Im September 2009 etwa demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus. Da das Blatt „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das Tagblatt veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der unsere Kritik diskreditierenden Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“. Ähnlich wie bereits im Juli 2009, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren, so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf des Zirkus-Betriebs, der in der Kritik stand, zu retten – dabei waren die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen. In einem Leserbrief machten wir auf zahlreiche Vorkommnisse in dem Betrieb, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors aufmerksam. Leider wurde den Lesern die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten enthielt, vom Tagblatt einfach weggelassen wurde, ganz offensichtlich in der Absicht, unseren Protest zu delegitimieren.

Seine Leserbrief-Kultur sieht das Blatt eigentlich als Aushängeschild. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Mehrere unserer Leserbriefe wurden aber bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, oder die Redaktion weigerte sich schlicht, sie abzudrucken. Im September 2010 informierten wir hier auf der Seite über diesen „Zensur-Zirkus“ mit der Zeitung: „Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des Tagblatts in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen.“

Mode Zinser ist das größte Tübinger Modegeschäft und ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts; die Zeitung zensierte daher unsere Kritik an Zinser.

Alles für den Anzeigenkunden

Am 14. Oktober 2010 verfassten wir, gemeinsam mit der Offensive gegen die Pelzindustrie, einen „Offenen Brief an Mode Zinser u.a.“, in dem wir das große Tübinger Modehaus Zinser und andere, kleinere Geschäfte, über die Produktionsbedingungen von Pelz informierten und die Verantwortlichen baten, „auf den Verkauf von Echtpelz in Zukunft zu verzichten“. In seiner Berichterstattung übte das Tagblatt damals „Zensur für Zinser“: In einem Artikel über unsere Proteste wurde das Modehaus mit keinem Wort erwähnt – dabei handelte es sich um den Hauptadressaten unseres Briefes! Wer den Tagblatt-Artikel zum Thema las, bekam den Eindruck, wir würden kleine Tübinger Boutiquen, welche lediglich, wie es im Text hieß, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen würden, regelrecht terrorisieren. Mehrmals versuchten wir, per Leserbrief die Fehlinformationen klarzustellen – ohne Erfolg, das Tagblatt weigerte sich schlicht, die Briefe zum Thema abzudrucken, und zwar nicht nur jene von uns, sondern auch die anderer Leser, wie wir später erfahren haben.

Der Grund dafür, dass die Zeitung das Modehaus aus der Berichterstattung heraushalten wollte, ist simpel: Zinser ist ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts. Wie diese Art der Zensur funktioniert, das hat bereits Upton Sinclair, Verfasser des Enthüllungsromans The Jungle (1905), in dem es um die Zustände im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, geht, in seinem Buch The Brass Check (1919) analysiert. Dabei handelt es sich um eine Kritik des bürgerlich-kapitalistischen Zeitungswesens. Sinclair berichtet darin auch vom Kampf gegen die Zeitungsmonopole im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Verhältnisse in den Schlachthöfen und seinen Schwierigkeiten, die Ergebnisse seiner Recherchen in Artikeln zu veröffentlichen: Zuerst wurde er ignoriert, dann lächerlich gemacht; so stellte etwa der damals meistgelesene Journalist der USA, Arthur Brisbane – der, wie das Tagblatt, „linksliberal“ war – Sinclair als „empfindsamen jungen Dichter hin, der zum ersten Mal in seinem Leben Schlachthäuser gesehen, und den die Entdeckung, dass Tiere in ihrem Innern Blut hätten, zu stark aufgeregt“ habe.

Als Sinclair dann doch einen Verlag gefunden hatte und The Jungle erschien, wurde das Buch zum sofortigen Bestseller und machte seinen Verfasser mit einem Schlag international bekannt – die Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Jene Medienhäuser, die Sinclairs Artikel zum Thema und The Jungle selbst abgelehnt hatten, hätten nicht, wie es in The Brass Check heißt, aufs „falsche Pferd“ gesetzt, wie sie später behaupteten, sondern aufs „goldene Pferd“, das „ganzseitige Fleischkonservenanzeigen“ in Auftrag gab. Angriffe auf große Anzeigenkunden seien für Zeitungen eine heikle Sache: „Wenn eine Zeitung ihre Großinserenten nicht genügend schützt, sorgen die schon selbst für ihren Schutz“, so Sinclair – nämlich schlicht dadurch, dass sie keine Anzeigen mehr in Auftrag geben.

Palmer-Bashing?

Nachdem das Tagblatt in den letzten Monaten zunehmend auch kritische Worte zu Boris Palmer fand, wurde die Zeitung von Rechten und anderen Palmer-Fans angegriffen. Daraufhin ist der Chefredakteur der Zeitung, Gernot Stegert, kürzlich wieder zurückgerudert und meinte, das Blatt gegen die Vorwürfe des „Palmer-Bashings“ verteidigen zu müssen; er schrieb: „Wir schreiben viel Positives über Boris Palmer, berichten über sein tatkräftiges Handeln als Oberbürgermeister, haben oft seine Position unterstützt.“

So auch Palmers Position zu den Tübinger Affenversuchen: Wie er verteidigte die Zeitung die Experimentatoren und die Versuche stets. Noch Ende 2016, rechtzeitig vor zwei Demonstrationen gegen die Tübinger Primatenversuche, die am 17. und 18. Dezember stattfanden, räumte das Tagblatt Nikos Logothetis, einem der Experimentatoren am MPI, gegen den die Staatsantwaltschaft im Februar 2018 einen Strafbefehl beantragt hat – der Prozess findet im Januar 2019 statt –, eine ganze Seite Platz ein, auf der er sich und seine Versuche ausführlich verteidigen durfte. „Das überrascht nicht, hat es doch schon oft gezeigt, hinter wem es in der Debatte steht. Man fragt sich allerdings, weshalb Logothetis‘ Pamphlet mit ‚Dokumentation‘ überschrieben ist und nicht mit ‚Anzeige‘; zu plump, zu durchschaubar ist die Propaganda, und zudem eine einzige larmoyante Apologie dessen, womit er sein Geld verdient“, schrieb einer unserer Aktivisten damals in einem Leserbrief.

Demonstration gegen die Tübinger Experimente mit Primaten im Dezember 2016; mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Politik für Profite

Als das Tagblatt den Artikel, in dem Gernot Stegert sich gegen den Vorwurf des „Palmer-Bashings“ meinte erwehren zu müssen, auf Facebook teilte, kommentierten glücklicherweise auch viele Menschen, die die kritischer werdende Berichterstattung der Zeitung über Palmer richtig fanden. „Es ist richtig, dass über den Amtsmissbrauch eines Oberbürgermeisters berichtet wird. Dass das Medienbashing von Rechts nun so loslegt, wenn es um Palmer geht, das zeigt vor allem mit wem er sich bettet!“, oder: „Palmer hat seine Fanbase mobilisert. Bin gespannt, ob ihr einknickt. Ich hoffe, ihr bleibt kritisch. Hofberichterstattung seitens der Springer-Presse gibt es schon genug“, lauteten etwa zwei Kommentare.

Dass Palmer dabei ist, sich selbst zu demontieren und es immer weniger Menschen in und außerhalb von Tübingen gibt, die ihn überhaupt noch ernst nehmen, liegt auf der Hand. Interessant zu beobachten ist für uns aber, wie auch das Schwäbische Tagblatt, das Palmer jahrelang protegiert hat, immer kritischere Töne gegen ihn anschlägt. Allerdings geht es dabei meist um sein Verhalten, seinen Narzissmus, seine Auffälligkeiten, nicht um seine Politik. Diese wird von der Zeitung, genauso wie vom Großteil der Wirtschaft und Industrie der Stadt, nach wie vor mitgetragen. Das „linksliberale“ Tagblatt ist eben auch Teil des bürgerlich-kapitalistischen Pressewesens, das Upton Sinclair schon vor 100 Jahren kritisierte – und Boris Palmer steht als Politiker stets für bour­geoise Interessen ein. So macht er sich beispielsweise dafür stark, dass in der Region mit dem „Cyber Valley“ ein elitäres Forschungskonglomerat zur Künstlichen Intelligenz entsteht. Das Projekt, an dem neben der Universität Tübingen und der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem der Konzern Amazon und das Rüstungsunternehmen ZF Friedrichshafen beteiligt sind, steht heftig in der Kritik; erst am 29. November fand unter dem Motto „Wissenschaft für die Menschen, nicht für Industrie, Überwachung und Krieg“ in Tübingen eine Demonstration dagegen statt, die von vielen lokalen Gruppen und Initiativen unterstützt wurde, auch von uns. Das Bündnis gegen das Cyber Valley fordert unter anderem sozialen Wohnungsbau und eine Stadt für alle – statt Standort im „Kampf um die besten Köpfe“ –, eine Zivilklausel für das Projekt, damit dort keine Zusammenarbeit mit Militär und Rüstung stattfindet, und dass die in Tübingen an Universität und MPI betriebene, mit öffentlichen Mitteln bezahlte Wissenschaft der Allgemeinheit dienen soll anstatt den privaten Profitinteressen einiger Konzerne.

Dies aber sind Forderungen, die den Positionen Palmers diametral entgegenstehen: In Tübingen herrscht Wohnungsnot, in nur zwei anderen deutschen Städten sind die Mieten noch höher als hier; Palmer aber will mit dem Cyber Valley ein Prestigeprojekt ans Land ziehen, das zahlreiche hochbezahlte Wissenschaftler und deren Familien anziehen soll – was die Wohnungsnot verschärfen und die Mieten in die Höhe treiben würde. Er warnt vor einem „Tüxit“, davor, dass Tübingen die Chance verspielt, im Konkurrenzkampf mit anderen Städten vorne mit dabei zu sein. Palmer macht keine Politik für den „kleinen Mann“, für die Mehrheit der Menschen in Tübingen; er macht Politik für die Interessen der Eliten, für Konzerne und die Wirtschaft – und von ihnen wird er entsprechend gestützt.

Kundgebung „Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens!“, Tübingen, 6. Juli 2018.

Im bürgerlichen Endlager

Bedient Palmer mit seinen provokativen Aussagen, die dem Parteiprogramm und den mehrheitlichen Ansichten der Grünen widersprechen, vor allem seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse – er scheint es zu genießen, sich als „Enfant terrible“ der Grünen zu inszenieren –, so befindet er sich, was seine Politik für Besserverdiener angeht, doch ganz auf Parteilinie. Die Grünen sind fürs bürgerliche Milieu längst „wählbar“ geworden; heute handelt es sich um eine Partei, die, so der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer, „über bestimmte ideologische Grenzen hinaus“ in der Lage sei, primär bürgerliche Gruppen zu erfassen. Natürlich muss man dazu kompromissbereit sein und sich in den Dienst der Erhaltung des Status quo stellen. Dass ein „Weiter so“ zielgenau in die nächste ökonomische Krise führt und ein grundsätzlicher Systemwandel vonnöten wäre, auch, um die drohende ökologische Katastrophe zu verhindern, ist zwar die Wahrheit; allerdings eine Wahrheit, mit der man in diesem Land offenbar keine Mehrheiten hinter sich versammeln – oder auch nur Oberbürgermeister werden – kann.

Bis 2022, wenn die nächste Oberbürgermeisterwahl stattfindet, muss Tübingen Palmer wohl oder übel noch ertragen. Er hat zwar bereits angekündigt, dann wieder für das Amt des Rathauschefs kandidieren zu wollen, allerdings bleibt zu hoffen, dass er sich bis dahin mit seinen zunehmend absurder werdenden Eskapaden derart selbst diskreditiert und unmöglich gemacht hat, dass er eine erneute Wahl nicht mehr gewinnen wird. In seiner Partei ist er, vor allem wegen seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik, isoliert – es ist also nicht davon auszugehen, dass er auf überregionaler Ebene seine politische Karriere noch weiter ausbauen kann, zumindest nicht als Mitglied der Grünen. Das hat er sich verbaut. Eine Einladung zur AfD-Mitgliedschaft hat er schon bekommen; es ist derzeit aber nicht davon auszugehen, dass er diese irgendwann annehmen wird – schon schlicht aus dem Grund, dass er dort im Vergleich zu anderen Mitgliedern eher gemäßigte Positionen vertreten würde, ergo kaum mehr provozieren könnte und die Aufmerksamkeit der Medien schnell verlieren würde. Gerade diese aber scheint er eben mehr als alles andere zu brauchen.

Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung: Übersetzungen

Im Januar 2017 erschien das Thesenpapier des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung. Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier

Der marxistische Philosoph Karl Reitter, bekannt durch seine Arbeit zu Marx und Spinoza, seine Kritik des Zirkulationsmarxismus und als langjähriger Herausgeber der (im Jahr 2014 eingestellten) grundrisse, hat den Text besprochen und kommt zum Ergebnis, „dass dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ein sehr interessantes und fein zu diskutierendes Thesenpapier gelungen ist“. Seine Rezension findet sich hier.

Der ökomarxistische Soziologe Athanasios Karathanassis hatte bereits im September 2017 in der sozialistischen Zeitung vorwärts seine Meinung zu Papier gebracht und die Vereinigung von Marxismus und Tierbefreiung als „längst überfälliges Bündnis“ bezeichnet.

Seit August bzw. Oktober gibt es den Text nun auch in englischer und französischer Übersetzung:

18 Theses on Marxism and Animal Liberation

18 thèses sur le marxisme et la libération animale

Aufruf: Wissenschaft für die Menschen, nicht für Industrie, Überwachung und Krieg

Foto: Kundgebung „Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens!“, Tübingen, 6. Juli 2018.

Demonstration: 29. November 2018, 17 Uhr, Europaplatz Tübingennocybervalley.de.

Im Dezember 2016 begründeten das Land Baden-Württemberg, die Industrie und die Universitäten Stuttgart und Tübingen das Projekt Cyber Valley. Ziel ist es, die Region zu einem bundesweit führenden und weltweit relevanten „Ökosystem für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz“ zu machen. Land und Industrie haben bereits hohe zweistellige Millionenbeträge investiert, der Technologiepark insbesondere auf der „Oberen Viehweide“ wird massiv ausgebaut, Risikokapital strömt nach Tübingen. Zugleich werden die Mieten immer teurer, der Wohnraum immer knapper, tatsächliche Ökosysteme werden vernichtet, um immer neue Forschungszentren zu errichten. Bildung, Lehre, Sozial- und Geisteswissenschaften sind derweil von Kürzungen, prekären Arbeitsverhältnissen und baulichem Zerfall geprägt.

Die Forschung des Cyber Valley zu maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz soll v.a. der Automobilindustrie zugute kommen und über Patentierungen und Startups enorme private Gewinne ermöglichen. Zugleich schafft sie Möglichkeiten zur Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung von wahrlich dystopischen Ausmaßen. Einer Lösung der sozialen und ökologischen Krisen der Menschheit wird sie uns jedoch nicht näher bringen. Ganz zurecht sind deshalb große Teile der Bevölkerung skeptisch gegenüber den hier entwickelten Technologien, die v.a. auch für die Rüstungsindustrie von Interesse sind. Die zunehmende Gleichsetzung dieser von Politik, Militär und Industrie vorangetriebenen Technologieentwicklung mit „Wissenschaft“ untergräbt deren Glaubwürdigkeit und trägt zur weiteren Entfremdung der Gesellschaft bei.

Beispielhaft für die Kritik am Cyber Valley steht die Beteiligung des Konzerns Amazons. Als eines der wertvollsten Unternehmen der Welt zahlt es kaum Steuern. Zugleich nutzt es neue Technologien der Automatisierung und Überwachung intensiv, um Arbeitnehmer*innenrechte auszuhebeln und Löhne zu drücken. Auch die Kund*innen des Konzerns werden massiv ausgespäht, u.a. die so gewonnenen Daten sollen dem Cyber Valley zukünftig als Rohmasse für ihre experimentellen Verfahren zum maschinellem Lernen dienen.

Wir lehnen das Projekt Cyber Valley ab, weil es für eine Forschungspolitik im Dienste der Industrie und der Rüstung steht, die Wissenschaft dabei instrumentalisiert und letztlich zu vernichten droht. Zugleich sind wir nicht bereit, die Folgen des Cyber Valleys für die Stadt, die tatsächlichen Ökosysteme, die individuellen und gesellschaftlichen Freiheit zu tragen.

Stattdessen fordern wir …

→ eine solide Grundfinanzierung und Demokratisierung der Universitäten, statt immer größerer Abhängigkeit von Drittmitteln, Stiftungsprofessuren und Industrie;

→ eine „Offenlegung aller Pläne und Strukturen des Cyber Valley“ sowie der Verträge und Zahlungen zwischen Unternehmen wie Amazon und Wissenschaftler*innen der Universität und des MPI;

→ die in Tübingen an Universität und MPI betriebene, mit öffentlichen Mitteln bezahlte Wissenschaft muss der Allgemeinheit dienen, nicht privaten Profitinteressen;

→ ein klares „Nein!“ des Gemeinderats Ende Dezember zum Verkauf von Flächen an die profit-orientierten Akteure des Cyber Valley;

→ Förderung von Initiativen für ein nachhaltiges, gutes Leben für alle – wenn Forschung an Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, dann nur zu diesen Zwecken;

→ keine Ansiedelung des Amazon-Konzerns in Tübingen, da der Konzern für schlechte Arbeitsbedingungen und umfangreiche Ausspähung der Konsument*innen bekannt ist;

→ eine Zivilklausel für die Obere Viehweide, damit dort keine Zusammenarbeit mit Militär und Rüstung stattfindet;

→ sozialen Wohnungsbau und eine Stadt für alle und statt Standort im „Kampf um die besten Köpfe“!

Mitunterzeichner*innen:

Ernst-Bloch-Uni Tübingen
Wohnraumbündnis Tübingen
Deutsche Friedensgesellschaft (DFG-VK) Landesverband BaWü
Antispeziezistische Aktion Tübingen
Psychiatrie-kritische Initiative Tübingen (PKIT)
Informationsstelle Militarisierung (IMI)
Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen e.V.
ATTAC Tübingen
Wählervereinigung Tübinger Linke TüL e.V.; Gemeinderatsfraktion und Kreistagsfraktion
Die LINKE Tübingen
Frauengruppe Zumutung
Libertäre Gruppe Nürtingen
Gesellschaft Kultur des Friedens
Bündnis Bleiberecht
Interventionistische Linke Tübingen (iL)
Initiative gegen Militärforschung an Universitäten
Grüne Hochschulgruppe
Wohnprojekt Lu15
SDAJ Tübingen

Aktuelle Informationen unter nocybervalley.de.

Prozess gegen Tübinger Tierexperimentatoren

Foto: Demonstration gegen die Tübinger Experimente mit Primaten im Dezember 2016; mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Wie heute berichtet wird, kommt es im Verfahren wegen „mutmaßlicher Tiermisshandlung“ bei Versuchen mit Affen am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik nun zu einem Prozess gegen die drei Angeklagten. Eine entsprechende Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) aufgreifend, schreiben etwa die Süddeutsche Zeitung und Focus:


Das teilte das Amtsgericht Tübingen am Mittwoch mit. Demnach ist der Auftakt zur Hauptverhandlung für den 7. Januar vorgesehen. (Aktenzeichen 15 Cs 15 Js 18215/14 (2)). Das Gericht hatte den Angeklagten zu Jahresbeginn Geldstrafen auferlegt. Sie hatten die Zahlung jedoch abgelehnt und Einspruch erhoben. Die drei Beschuldigten waren zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt Mitarbeiter des Instituts. Laut Anklage sollen sie Affen unnötigen Qualen ausgesetzt haben, weil sie Versuche an ihnen weiterführten, statt die Tiere einzuschläfern. Bei einem der Angeklagten handelt es sich laut Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft um den Forscher Nikos Logothetis. Die Gesellschaft hat dem Abteilungsdirektor des Instituts wegen des laufenden Strafverfahrens seine Leitungsfunktionen teilweise entzogen. Logothetis darf derzeit keine Tierversuche durchführen und anleiten, wie eine Sprecherin am Mittwoch mitteilte. Er habe bereits 2015 nach Bekanntwerden der Vorwürfe erklärt, Versuche an Affen einzustellen.

Andere Medien machen das Thema reißerischer auf: „Affen unnötig gequält“, titeln etwa die Badischen Neuesten Nachrichten, auf tag24.de liest man gar: „Affen bis aufs Blut misshandelt: Jetzt kommt es zum Prozess“.

Nikos Logothetis rechtfertigte schon in einem Fernseh-Beitrag von 2009, der unsere Demonstration am 18. April und die Primatenversuche in Tübingen zum Thema hatte, die Gewalt, mit der die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, zur Teilnahme an den Versuchen gezwungen werden, mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben, und leugnete dann schlicht, dass die Affen leiden. Das ZDF-Magazin Frontal21​ kam damals zum Schluss: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Bereits im Dezember 2015 ist eine Tübinger Angestellte des Instituts zu einer Geldstrafe wegen des Vortäuschens von Straftaten verurteilt worden: Sie hatte angebliche Übergriffe gegen sich frei erfunden, um die Tierversuchsgegner zu diskreditieren.

Auch auf intellektueller und moralischer Ebene haben die Experimentatoren und deren Lobbyisten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Gleich zu Beginn der Kampagne widersprachen sich Tierexperimentatoren gegenseitig: Am Tag unserer ersten Großdemonstration gegen die Primatenversuche am 18. April 2009 schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt. Darin wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut, selbst Tier-Experimentator, im Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt. Er selbst forsche über Alzheimer – an Fliegen und Würmern. Damit gab er die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft vollkommen der Lächerlichkeit preis.

Die Verantwortlichen waren nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Stattdessen wurde in intellektuell unredlicher Weise durch die Nennung diverser Krankheiten, beispielsweise „Krebs oder Parkinson“, ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Richtig peinlich wurde es, als die Experimentatoren nachweislich falsche Behauptungen anführten, die entweder von einem erschreckenden Defizit medizinhistorischen Wissens zeugten oder aber den Schluss zulassen, dass sie die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen wollten.

Ihren moralischen Tiefpunkt erreichten die Experimentatoren, als sie ein „öffentliches Gespräch“ veranstalteten, das die Notwendigkeit von Tierversuchen „aus verschiedenen Perspektiven“ beleuchten sollte. „Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai 2013, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Am 24. Juni ging das Tübinger „Affentheater“ in die nächste Runde: In geradezu perfider Art und Weise wurde bei der Veranstaltung mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Und wer vertrat die „Sicht der Patienten“? Zwei Professoren, die selbst Tierexperimente betreiben und persönlich unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ sprach Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, für „ethische Erwägungen“ wurde Dr. Dr. Karin Blumer, PR-Fachfrau der Novartis AG, ein Pharmakonzern, der ebenfalls Tierexperimente betreibt, eingeflogen. Schließlich waren die Experimentatoren sich nicht einmal zu schade, im Interesse ihrer eigenen Karrieren dem Publikum eine schwerkranke Patientin im Rollstuhl regelrecht vorzuführen und sie schaulaufen zu lassen, nur um Betroffenheit auszulösen und Kritiker der Versuche mundtot zu machen. Denn mit Primatenexperimenten hatte die Erforschung ihrer Krankheit natürlich rein gar nichts zu tun.

Das Tübinger Trauerspiel rund um die Affenversuche ist auch politisch betrachtet eine Farce: Der grüne Oberbürgermeister der Stadt, Boris Palmer, positionierte sich bereits 2011 mit den Worten „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“ klar aufseiten der Experimentatoren und der Tierausbeutungs-Industrie. Im September 2014 tauchte er bei einer Demonstration gegen die Versuche auf und provozierte die Teilnehmer; unter anderem beschimpfte er sie als „Gesinnungsterroristen“. Aus einem kleinen Kieselstein, der ihn aus der Menge heraus am Hemd – und nicht, wie er später, obwohl es zahlreiche Zeugen gab, behauptete, „am Kopf“ – traf, machte er auf seiner Facebook-Seite „Steinwürfe gegen Andersdenkende“; er log also, um das Anliegen der Demonstranten zu verunglimpfen. Später rückte er einen unserer Aktivisten in die Nähe der Roten Armee Fraktion: „So ähnlich hat es mit der RAF angefangen. Sie sollten sich Hilfe holen“, schrieb er. „So lacht das Netz über Boris Palmer“, titelte daraufhin der Reutlinger Generalanzeiger.

Während Palmer – selbst Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Campus Tübingen – sich von Anfang an auf die Seite der Experimentatoren stellte, hatte seine Partei auf Landesebene unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch unsere Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut worden war, die For­de­rung nach einem Ende der Experimente in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 aufgenommen; die Versuche soll­ten „in­ner­halb eines fest­ge­leg­ten Zeit­rah­mens ganz be­en­det wer­den“, hieß es darin. Auch die SPD hatte wich­ti­ge Ziele zur Stär­kung der tier­ver­suchs­frei­en For­schung in ihrem Wahl­pro­gramm fest­ge­schrie­ben, und im Ko­ali­ti­ons­ver­trag der bei­den Par­tei­en heißt es: „Wir wol­len die Zahl der Tier­ver­su­che im Land wei­ter ver­rin­gern und die Ent­wick­lung von Al­ter­na­tiv­me­tho­den bes­ser för­dern.“

Nach und nach offenbarte sich aber ein „doppelter Betrug am Wähler“: Als sie Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung schnell nichts mehr wissen. Am 16. November 2012 fand im Stuttgarter Landtag eine Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ statt – eine Farce: Dem Experimentator Nieder, der mit einem ganzen Fanclub von Studierenden angereist war, wurde Raum geboten, die Versuche ausführlich zu verteidigen. Ihm zur Seite stand die ebenfalls bereits erwähnte Pharma- und Tierversuchslobbyistin Blumer – die allerdings nicht einmal wusste, in welchem Bundesland sie sich gerade befand. Auch bei den Grünen zeigte sich Orientierungslosigkeit: Der Großteil der anwesenden Parlamentarier schien sich zum ersten Mal überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Reinhold Pix, der tier­schutz­po­li­ti­sche Spre­cher der Par­tei, gab sich gar die Blöße, sich dergestalt zu „rechtfertigen“, dass die Grünen bei der Ver­an­ker­ung der For­de­rung nach einem Ver­bot der Af­fen­ver­su­che im Wahl­pro­gramm ja nicht damit ge­rech­net hät­ten, in Ba­den-​Würt­tem­berg tat­säch­lich in die Si­tua­ti­on der Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu ge­lan­gen. Der Koalitionspartner SPD vollzog Ende 2012 einen regelrechten Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby und befürwortet seither die Affenversuche.

Die Primatenversuche am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik sind beendet; doch noch immer finden an zwei Tübinger Instituten Experimente mit Affen statt: In der Abteilung Kognitive Neurologie des Hertie-Instituts für Klinische Hirnforschung (Hoppe-Seyler-Straße 3
, 72076 Tübingen) sowie in den Laboren des „Chair in Animal Physiology“ der Universität Tübingen (Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen).

Zur Kampagne:

Im Januar 2009 starteten wir zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche eine Kampagne gegen die Primatenversuche in Tübingen, in deren Rahmen neben zahlreichen Infoständen und kleineren Aktionen mehrere Großdemonstrationen in Tübingen und Stuttgart stattfanden. 2010 riefen wir zu einer offenen Aktionsphase gegen Tierversuche auf; daraufhin fanden mehrere Aktionen statt, unter anderem wurde auf den Tübingern Ortsschildern der Schriftzug „Universitätsstadt Tübingen“ zu „Tierversuchsstadt Tübingen“ geändert, woraufhin „wegen des offenbar politischen Hintergrunds“ der Staatsschutz ermittelte. Im Oktober 2011 wurden über 60.000 Unterschriften gegen die Versuche, die von den Teilnehmern der Kampagne gesammelt worden waren, an die grün-rote Landesregierung Baden-Württembergs übergeben.

Der Verlauf der Kampagne lässt sich in unserer Kategorie „Tierversuche“ nachverfolgen; ein ausführlicher Kampagnenbericht (Stand: Juni 2013) fand sich in der Ausgabe 79 des Magazins Tierbefreiung, inklusive unseres Redebeitrags, den wir bei der dritten Tübinger Großdemonstration gegen die Versuche gehalten haben; den gesamten Artikel als PDF gibt es hier. Im September 2014 erschien ein Artikel mit dem Titel „Stadt der Affen“ zum Thema beim Nachrichtenmagazin Hintergrund.

Für großes Aufsehen sorgte ebenfalls im September 2014 ein Bericht von Stern TV zum Thema mit dem Titel „Leiden für die Wissenschaft“. Ein Aktivist der SOKO Tierschutz hatte heimliche Aufnahmen im Affenlabor des Max-Planck-Instituts gemacht; Ausschnitte davon wurden im Stern TV-Beitrag gezeigt. Dadurch erlangte das Thema große Aufmerksamkeit in den Medien und der Öffentlichkeit; bei den von SOKO Tierschutz in Folge organisierten Demonstrationen in Tübingen nahmen jeweils hunderte Menschen teil; im Dezember 2014 beispielsweise demonstrieren mindestens 800 Menschen gegen die Versuche. 2015 fand eine Razzia der Staatsanwaltschaft in den Räumen des Instituts statt, 2017 stellte es die Experimente an Affen ein. Im Februar 2017 klagte auch eine ehemalige Praktikantin das MPI an: Sie sei 2013 trotz fehlender Sachkenntnisse zu schwierigen Operationen an lebenden Tieren „geradezu genötigt“ worden. Im Februar 2018 beantragte die Staatsanwaltschaft Tübingen Strafbefehle gegen drei verantwortliche Mitarbeiter.

Links:

„Tierversuche: Opfer der Forschung“, Frontal 21, 19. Mai 2009.

Aktionsaufruf: Tierversuchsstadt Tübingen“, asatue, 26. März 2010.

„Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an“, asatue, 20. Mai 2011.

„Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen“, asatue, 30. Mai 2011.

„Blutiger Fehlschluss“, asatue, 29. März 2012.

„Weshalb wir gegen Tierversuche sind“, asatue, 5. Mai 2013.

„Stoppt Affenversuche! Kampagne und Großdemoonstration in der Tierversuchsstadt Tübingen“, Tierbefreiung, das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79 (Juni 2013), S. 14-19.

„Undercover-Aufnahmen: Leiden für die Wissenschaft“, Stern TV, 10. September 2014.

„Stadt der Affen: Undercover-Aufnahmen entfachen Streit um Tierversuche“, hintergrund.de, 15. September 2014.

„Strafbefehl gegen MPI-Mitarbeiter: Die folgenreiche Berichterstattung über Affenversuche am Max-Planck-Institut“, Stern TV, 21. Februar 2018.

Demo: Das Schlachten beenden!

Am 13. Oktober 2018 fand in Zürich die Demo „Das Schlachten beenden!“ statt. Vor Ort wurde dieses Flugblatt der Tierrechtsgruppe Zürich und des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung verteilt:

Das Schlachten beenden!

Heute tragen wir den Protest gegen die Fleischindustrie und ihre Schlachthäuser auf die Strassen von Zürich. Diese Industrie ist verantwortlich für den Mord an unzähligen Tieren, welche tagtäglich mit Bolzenschussgeräten, Stromzangen oder durch Vergasung getötet werden. Sie lässt Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu unmenschlichen Bedingungen schuften und gehört zu den zentralen Verursachern der weltweiten Naturzerstörung.

Mörderische Geschäftspraxis

In der Schweiz werden jährlich über 62 Millionen Tiere für die Produktion von Fleisch getötet. Von Anfang an ist das Leben dieser Tiere von unermesslichem Leid gezeichnet. Sie werden für grösstmögliche Erträge zurecht gezüchtet, gemästet und sterben eines viel zu frühen, menschlich herbeigeführten, schrecklichen Todes. Im Schlachthof Zürich, einem der grössten Schlachthöfe der Schweiz, wird alle 15 Sekunden ein Tier ermordet. Allein in einer Schicht von früh morgens bis zum Mittag sind es bis zu 2000 Kälber, Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen, die getötet, ausgeweidet und halbiert werden. Über 270.000 Tiere im Jahr werden in der Schlachtfabrik beim Letzigrund zu Fleisch verarbeitet. Das Geschäft mit dem Fleisch ist auf einem Berg von Leichen erbaut.

Hinter Tierausbeutung steht das Kapital

Verantwortlich für diese mörderische Praxis sind in erster Linie die Eigentümer und Bosse der Schlachthäuser und Fleischfabriken. Sie betreiben die Tötung von Tieren als rentables Geschäft und verdienen sich dabei eine goldene Nase. Die Chefs der Fleischbetriebe organisieren sich beim Schweizer Fleischfachverband (SFF), welcher seinen Sitz am Sihlquai in Zürich hat. Massgebendste Mitglieder im SFF sind die beiden Branchenprimusse Bell (Coop) und Micarna (Migros), welche die Schweizer Fleischwirtschaft mit ihrer Marktstärke weitaus dominieren. Durch ihre monopolartige Stellung setzen sie zusammen fast die Hälfte der insgesamt 10 Milliarden Franken um, welche hierzulande jährlich mit Fleischwaren erzielt werden.

Zum Schutz ihrer Gewinne sind die Profiteure der Fleischwirtschaft laufend darum bemüht, ihr blutiges Geschäft zu verharmlosen und zu verschleiern. So verbreiten sie das Märchen, die Fleischproduktion sei mit dem Tierwohl vereinbar. Diese Augenwischerei erhält noch kräftige finanzielle Unterstützung durch den Staat. Jedes Jahr spendiert der Bund Steuergelder in Höhe von rund 6 Millionen Franken für die Fleischwerbung.

Miese Jobs und schäbige Löhne

Aber nicht nur die Tiere sind in den Schlachthöfen bloss Mittel zur Profitmaximierung der Fleischbosse, sondern auch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Wer in der Fleischindustrie arbeitet, weiss, was es heisst, einen miesen Job zu haben. Jeder Arbeitsgang wird auf Tempo getrimmt, Fliessbänder und Arbeitsabläufe werden immer schneller. Wer nicht mithalten kann oder wegen des Stresses und der Belastung erkrankt, fliegt raus. Da in der Fleischindustrie immer mehr temporäre Arbeitskräfte für die anstrengende Arbeit in den Schlachtbetrieben angeheuert werden, feuern die Unternehmer Beschäftigte, die aufsässig sind, oder die geforderte Leistung nicht erbringen. Auch Krankentaggelder und andere Sozialabgaben können sich die Fleischunternehmen mit der Anstellung von Temporärarbeitern sparen und entsprechend ihre Profite vergrössern.

Entgegen der Realität in den Schlachtfabriken romantisieren die Profiteure der Fleischindustrie die Tradition des Metzgerhandwerks. Durch diese Masche versuchen sie zu verbergen, was offensichtlich ist: Die Fleischunternehmer machen fette Gewinne, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu miesen Anstellungsbedingungen und schäbigen Löhnen schuften lassen.

Fleischproduktion heisst Naturzerstörung

Doch damit nicht genug. Die Fleischindustrie macht neben Rekordgewinnen auf Kosten von Menschen und Tieren auch globale Rekordwerte im Ausstoss von CO2. Die fünf grössten Fleischbetriebe der Welt stossen mehr Schadstoffe aus als Ölfirmen wie Shell oder BP. Zudem ist der Wasserverbrauch für die Fleischherstellung immens. Für ein Kilo Rindfleisch werden 16.000 Liter Wasser benötigt – vier Mal mehr als für dieselbe Menge Reis. Gleichzeitig sorgt die Fleischindustrie für übersäuerte Böden und verschmutzt das Grundwasser. Auch die Zerstörung des Regenwaldes ist der Tierindustrie geschuldet. Über 40% des südamerikanischen Urwaldes wurde für die Nutztierhaltung gerodet, 22 Millionen Hektar Land dient dem monokulturellen Sojaanbau, wovon über 80% zu Tierfutter verarbeitet wird.

Der Hitzesommer dieses Jahres hat uns spüren lassen, wohin die Reise geht, wenn sich die Erde in Folge des kapitalismusgemachten Klimawandels stetig erwärmt. Wir steuern auf eine unumkehrbare Vernichtung der natürlichen Grundlagen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens zu. Die Fleischproduktion trägt dazu entschieden bei, wenn wir sie nicht endlich stoppen.

Fleischindustrie enteignen, Kapitalismus abschaffen!

Die Bosse der Fleischindustrie werden nicht freiwillig auf ihre Profite verzichten und somit die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur weiter auf die Spitze treiben. Solange die Produktionsmittel in den Händen der Kapitalisten sind und ihrer privaten Bereicherung dienen, wird das Schlachten kein Ende nehmen. Wir fordern deshalb die Enteignung der Fleischindustrie, ihre Überführung in eine vegane Lebensmittelproduktion unter gesellschaftlicher Kontrolle sowie die Entwicklung und Gewährleistung von Umschulungsprogrammen und alternativen Arbeitsplätzen für die betroffenen Lohnabhängigen. Ausserdem fordern wir einen sofortigen Stopp aller Subventionen, welche die Fleischindustrie vom Schweizer Staat jährlich erhält.

Schliesst euch dem Protest an! Gemeinsam gegen die Fleischindustrie!
Schluss mit dem Profit auf Kosten von Mensch, Tier und Natur!

Zürich, 13.10.2018
Tierrechtsgruppe Zürich, Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Einen Demo-Bericht gibt es auf der Website der Tierrechtsgruppe Zürich.




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