Archiv für April 2009

Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig

Am Tag der Demonstration für die Abschaffung von Tierversuchen am 18. April schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige im „Schwäbischen Tagblatt“, welche die Überschrift „Tierexperimente sind in der neurowissenschaftlichen Forschung unverzichtbar: sie versprechen die Linderung menschlichen Leidens“ trug.
Bereits zuvor, am 15. April, hatte das „Tagblatt“ Wissenschaftlern der Universität unter der Überschrift „Affenversuche sind unverzichtbar“ ein Forum geboten, breit zu erklären, weshalb aus ihrer Sicht die Affenversuche unverzichtbar seien. Am 18. April erschien, direkt über der riesigen Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft, auch der Leserbrief, den wir dazu geschrieben hatten:

Die Abschaffung von Tierversuchen zu fordern, sei unethisch, so Prof. Thier. Ohne Sarkasmus behauptet er also, leidensfähigen Individuen Gewalt anzutun, sei ethisch. Absurd, dass gerade ein Wissenschaftler durch ein solch streng anthropozentrisches „ethisches“ Denken alle anderen Tiere a priori aus dessen Geltungsbereich ausschließt, hat doch gerade die Wissenschaft gezeigt, dass der Mensch ein Teil der Tierwelt ist. Spätestens seit Darwin ist es daher unmöglich, die ideologische Kluft zuwischen Mensch und Tier aufrechtzuerhalten.
Ethik ist unteilbar – es gibt keine ethische Begründung dafür, leidensfähigen Wesen Schmerzen zuzufügen. Gewalt Schwächeren gegenüber kann nicht deshalb als Recht gelten, weil sich der Stärkere etwas davon verspricht. Wäre dies so, würde damit prinzipiell Unrecht legitimiert.
Durch eine Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede wurde auch die Unterdrückung menschlicher Individuen gerechtfertigt. Der Speziesismus – die Diskriminierung aufgrund der Nichtzugehörigkeit zur menschlichen Spezies – bedient sich noch heute derselben Argumentationsmuster. Doch wie schon bei den historischen Emanzipationsbewegungen machen die Ergebnisse der Wissenschaft Vorurteile zunichte, die das Unterdrückungsverhältnis legitimieren sollen, und somit die Befreiung ethisch notwendig, zumindest für Menschen mit Gewissen.
Antispeziesismus ist die logische Fortsetzung der großen geschichtlichen Emanzipationsbewegungen. Antispeziesisten solidarisieren sich mit jeglichen Opfern gewaltsamer Ausbeutung und möchten auch jenen eine Stimme geben, die selber keine haben – so auch bei der Demonstration am Samstag!

In der Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte heute der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut, selbst Tier-Experimentator, im Interview mit dem TAGBLATT. Er selbst forsche über Alzheimer – an Fliegen und Würmern. Nachdem die TierexperimentatorInnen es bereits im Vorfeld der Demonstration am 18. April mit der Angst zu tun bekamen (s. Foto unten), scheinen sie nun beginnen, sich gegenseitig anzugehen und zu diskreditieren – mit seiner Aussage, dass für die Alzheimer-Forschung überhaupt keine Affenversuche gemacht werden, gibt Prof. Jucker jedenfalls die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft vollkommen der Lächerlichkeit preis.


Nachdem die Tübinger Tierexperimentatoren es bereits vor dem Aktionstag mit der Angst zu tun bekamen, fallen sie sich nun gegenseitig in den Rücken.

Distanzierung von der Sekte „Universelles Leben“

Seit geraumer Zeit instrumentalisiert die Sekte Universelles Leben (UL) mit verwandten Organisationen und Vereinen die Tierrechtsbewegung als Forum für ihre Inhalte. Die Kritik, die es am UL gibt, dürfte allen aus der Diskussion und aus den Berichten der „Tierbefreiung“ und der „VOICE“ bekannt sein. Die „VOICE“ wurde aufgrund ihrer kritischen und entlarvenden Berichterstattung über das UL vom selbigen mit Klagen überflutet.
Die Präsenz von Personen aus dem UL-Umfeld auf Tierrechtsaktionen nimmt vor allem beim Thema Anti-Jagd zu. Durch eine Fülle von professionell aufgemachtem Material ist UL im Bild der Tierrechtsbewegung nach außen sehr dominant. Der hierarchisch organisierten Sekte geht es jedoch nicht um emanzipatorische Bewegungen, sondern um die Errichtung eines urchristlichen „Christusstaates“. Die Anhänger sind angehalten, sich strikt nach den Regeln des UL zu richten, die sowohl die individuellen Rechte auf eigene Meinung und persönliche Entfaltung beschränken, als auch eine Reihe von so genannten Reprogrammierungsschritten vorgeben, die den Charakter einer „Gehirnwäsche“ haben.
Die Sekte ist autoritär organisiert. Es gibt eine Hierarchie der Gläubigen, an der Spitze eine Prophetin, die als Sprachrohr für Jesus fungiert und die alleinige Befugnis besitzt, diese Aussagen zu deuten. Das UL erklärt die herrschende Ausbeutung in der Welt durch eine Idee der strafenden Wiedergeburt. Menschen, die sich in Ausbeutungsverhältnissen befinden oder verfolgt werden, seien daher selber schuld, weil sie sich in einem früheren Leben falsch verhalten oder selbst andere verfolgt hätten. Ist es nicht sehr fragwürdig, dass Veranschaulichung dieser Ideologie auch auf Juden bezogene Beispiele benutzt wurden? In seinem Vortrag machte Klaus Meurer – ehemaliger Geschäftsführer der eingestellten Zeitung „Der Christusstaat“ – die Juden für ihre Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus verantwortlich, da sie reinkarnierte Seelen von Sklavenhaltern gewesen seien. Solche Argumentationsweisen sind, entgegen den Beteuerungen von UL, kein Einzelfall, denn nach dieser Lehre des UL kann jedes Ausbeutungsverhältnis auf persönliche Schuld zurückgeführt und entpolitisiert werden. Den übrigen Menschen bleibt nur, in die Gemeinschaft des UL einzutreten und sich an die Regeln zu halten. Dann, so das Versprechen, werden sie eine sich anbahnende Katastrophe, die „Reinigung“, überstehen.
In der Tierrechtsbewegung versucht das UL, seine Ideen durch Initiativen, Handel mit Lebensmitteln, Veranstaltungen und Verlagserzeugnisse zu verbreiten. Es stellt sich als Streiterin für Tierrechte dar. Inhalte und Praxis belegen aber, dass es dem UL auch nicht um Antispeziesismus geht. Auf Transparenten, die von AktivistInnen der „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ benutzt wurden, ist von der Jagd als „Krieg gegen die Schöpfung Gottes“ die Rede. Das bedeutet nicht, dass das Ermorden von Tieren schlecht ist, weil sie ein Recht auf ein unversehrtes Leben haben, sondern dass durch Tiermordung in das Werk eines Gottes eingegriffen wird. Die Untat ist nicht das Ermorden von Tieren, sondern ein „Angriff“ auf den „Schöpfer“. Das Engagement gegen die Jagd erfolgt also aus religiösen, also privaten und willkürlichen Gründen. Aus diesem Grund kann es in dem Weltbild des UL auch keine politische Auseinandersetzung mit Speziesismus geben. Folgerichtig wird die behauptete Achtung vor dem Mitgeschöpf Tier eher locker gehandhabt: So wurde in Geschäften des UL Wolle, Seide und Leder verkauft.
Der geschilderte Umgang im UL mit Menschen und Tieren zeigt eine antiemanzipatorische, antiaufklärerische Sekte, die das Thema Tierrechte nutzt, um mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erreichen und ihre Ideologie zu verbreiten.
Eine Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung, die es ernst meint mit einer herrschaftsfreien Gesellschaft, kann solch eine Organisation an ihrer Seite nicht dulden. Wir fordern dazu auf, sich von UL und Nebenorganisationen zu distanzieren. Mit dem UL und Assoziierten darf es keine Zusammenarbeit (mehr) geben. Das bedeutet: Kein Weiterverbreiten von Broschüren und Werbung, kein Verlinken im Internet, keine Duldung von UL und seinen Transparenten, Schildern, Info- und Lebensmittelständen, Redebeiträgen etc. auf Aktionen/Demonstrationen und keine wirtschaftliche Kooperation oder karitative Unterstützung (z.B. Spende auf die so genannten „Gabenkonten“).

Die Unterzeichnenden im April 2009:
Antispeziesistische Aktion Tübingen, Basisgruppe Tierrechte (BAT), Berliner-Tierrechts-Aktion (BerTA), free-speech.info, Georg Hemprich (Kampagne zur Abschaffung der Jagd), Ingo Rätze, mc albino, Mod-Team tierrechts-foren.de, Münsteraner Initiative für Tierrechte (MIT), ReACT! – Movement for Animal Rights and Veganism, Redaktion tierrechtstermine.de, Redaktion vegan-info.de, Roots of Compassion, Save Animals A.s.b.l., die tierbefreier e.V., Tierbefreiungs-Soli-Vokü Hamburg, Tierrechts-Aktion-Nord (TAN), Tierrechts-Bewegung-Nord (T-B-N), Tierrechtsaktion Rhein – Neckar (TaRN), tierrechtsgefangene.de, Tierrechtsgruppe Iserlohn, Tierrechtsinitiative Köln (TIK), Tierrechtsinitiative Rhein-Main (TIRM), Vegan-Forum.de, VOICE – das Tierrechtsmagazin, 4pawsnet.de.

Ankündigung: Großer Aktionstag im Rahmen der Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“

Seit Januar 2009 haben Ärzte gegen Tierversuche e.V. und die Antispeziesistische Aktion Tübingen in Kooperation die Kampagne Stoppt Affenqual in Tübingen gestartet. Sie richtet sich gegen Versuche mit Primaten, die in Tübingen an drei Instituten1 durchgeführt werden. Seitens der Experimentatoren scheint kein Bedarf zu bestehen, der Öffentlichkeit Einblick in die angeblich Leben rettende Hirnforschung zu gewähren. Auf die Bitte, das Labor des Forschers Andreas Nieder zu besuchen und die Versuche anzusehen, erhielten weder wir noch die Ärzte gegen Tierversuche eine Antwort. Hintergründe zu den Versuchen, welche Ärzte gegen Tierversuche recherchiert haben, und zur Kampagne gibt es hier.
Die Antispeziesistische Aktion Tübingen organisierte am Samstag, dem 17. Januar 2009, und am Freitag, dem 27. Februar, jeweils ab 14 Uhr Aktionstage im Rahmen der Kampagne, um über die Versuche zu informieren. Berichte und Bilder von den Aktionstagen gibt es hier und hier.
In der Woche vom 24. April, dem Internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche, wird weltweit auf das Leid der Tiere in den Labors aufmerksam gemacht. Für den 18. April ist deshalb ein weiterer Aktionstag mit Großdemonstration geplant.

Programm:
11.00-17.00 Uhr: Infostände auf dem Marktplatz
12.00-14.00 Uhr: Demozug durch die Innenstadt
14.00-16.00 Uhr: Kundgebung auf dem Marktplatz
ab 20.00 Uhr: Antispe-Party im Keller des Wohnprojekts Hegelstraße 7
Es werden unter anderem Dr. Bernhard Rambeck, Vorstandsmitglied der Ärzte gegen Tierversuche e.V., und Andreas Item von der Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner AGSTG sprechen. Fidl Kunterbunt wird mit Akustikgitarre und kritischen Texten für das musikalische Rahmenprogramm sorgen. Er wird nach Trashedy auch abends bei der Party noch einmal spielen.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]



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