Archiv für Juni 2010

Erfahrungsbericht: Isolationshaft in der Türkei

Donnerstag, 1.7., Ludwigstr. 15 (am Sternplatz):

Ab 19 Uhr: Vokü – veganes Essen für alle gegen Spende.

Ab 20 Uhr: Erfahrungsbericht:
Am 19. Dezember 2000 wurde in 20 Gefängnissen der Türkei eine ironischerweise mit „Rückkehr zum Leben“ bezeichnete Operation durchgeführt, bei der 28 Gefangene und zwei Soldaten ihr Leben verloren und hunderte Gefangene verletzt wurden. Das Ergebnis der Operation war die Verlegung der politischen Gefangenen in sogenannte F-Typ-Gefängnisse, Isolationszellen, die unter massiver Kritik stehen. Amnesty International sah die Gefahr „grausamer und erniedrigender Bestrafung“ durch Isolationshaft gegeben. Gegen die Einführung der neuen Haftanstalten protestierten Gefangene mit Hungerstreiks. Das sogenannte „Todesfasten“, welches am 20. Oktober des Jahres 2000 gegen die Eröffnung der F-Typ-Gefängnisse begann und seit dem 19. Dezember desselben Jahres für ihre Schließung fortgesetzt wird, hat bis zum heutigen Tag 107 Gefangene das Leben gekostet.
Ulaş Göçmen hat das alles erlebt und überlebt und erzählt seine Geschichte.
Mehr Informationen zum Thema gibt es hier.

Ab 22 Uhr: Hausbar mit Cocktailbar.

Veranstalterinnen: ANT, Antispe Tübingen.

Demonstration am 19. Juni

Am 19. Juni 2010 findet im deutschsprachigen Raum ein Aktionstag statt, welcher alle Formen der Einsperrung, Inhaftierung und des Wegsperrens und die Folgen davon thematisieren wird. Angesprochen fühlen sollen sich alle, die ihren Beitrag leisten wollen, nicht nur diejenigen, die sowieso schon gegen Knäste, Abschiebelager und die tagtäglich massiver auftretende soziale Kontrolle kämpfen. Das Ziel soll es sein, das Thema und Einsperrung wieder in den Blickpunkt zu stellen, natürlich nicht ohne den Blick auf die Perspektive nach einem anderen Leben, frei von Unterdrückung, Ausbeutung und frei von allen Herrschaftsformen, zu verlieren.
Gleichzeitig mit dem Aktionstag gegen eine geknastete Gesellschaft findet ein Aktiontag „Freiheit für die §129b- und alle politischen Gefangenen weltweit!“ statt. Es wird Aktionen in mehreren Städten geben.
Das Anarchistische Netzwerk Tübingen ANT ruft um 14 Uhr am Holzmarkt zum Auftakt einer Demonstration auf.
Wir werden einen Redebeitrag zu den Vorkommnissen in Österreich halten. Dort sind 13 AktivistInnen nach dem §278 StGB (welcher inhaltlich dem §129 in der BRD entspricht) angeklagt, Mitglieder einer „kriminellen Organisation“ zu sein. Hintergrundinformationen zu dem Verfahren gibt es hier und hier; tägliche Neuigkeiten aus dem Gerichtssaal auf tierschutzprozess.at.
Der Aufruf des ANT findet sich auf ant.blogsport.de.

Redebeitrag der Antispeziesistischen Aktion Tübingen:
Die emanzipatorische Tierbefreiungsbewegung will, dass die Ausbeutungsverhältnisse, in denen sogenannte „Nutztiere“ zu leben gezwungen sind, enden. Diese Forderung stellt eine potentielle Bedrohung für jene dar, die von diesen Verhältnissen profitieren. Weil sie Konzerne ökonomisch schädigten, sind in den USA und Großbritannien bereits die rechtlichen Grundlagen geschaffen worden, nicht organisierte Bewegungen wie die „Animal Liberation Front“ als „terroristische Organisationen“ zu behandeln. Österreich, wo die Tierrechtsszene eine der aktivsten sozialen Bewegungen ist, scheint nun das Einfallstor nach Kontinentaleuropa für diese globale Entwicklung zu werden: Nachdem zehn von ihnen bereits dreieinhalb Monate in Untersuchungshaft verbringen mussten, wird seit dem 2. März 2010 13 AktivistInnen der Prozess gemacht.
Voraus ging die Gründung einer polizeilichen Sonderkommission 2007. Die invasivsten Überwachungsmaßnahmen gegen eine soziale Bewegung in der gesamten österreichischen zweiten Republik wurden in Stellung gebracht. Im Mai 2008 wurden dann 23 Wohnungen und sieben Büros nachts überfallen und ausgeräumt. Die maskierten Polizeikräfte brachen die Türen auf und zogen die BewohnerInnen mit gezogener Schusswaffe u.a. vor ihren Kindern nackt aus den Betten. Zehn willkürlich ausgewählte Personen kamen in Untersuchungshaft. Es heißt, die angebliche kriminelle Organisation sei seit 1988 aktiv und habe 35 Kampagnen durchgeführt. 46 Personen wurden beschuldigt, Mitglied zu sein. 13 Verdächtige wurden am Schluss angeklagt.
Im März 2010 startete der Prozesses gegen die fiktive „kriminelle Vereinigung“. Die Anklage hat 119 ZeugInnen aufgerufen – Angestellte und GeschäftsführerInnen pelzverkaufender Kleiderketten, Jäger, Tierexperimentatoren, Pelzfarmer und Legebatteriebetreiber. Der Prozess wird etwa ein Jahr dauern. Dass es sich um ein politisch motiviertes Verfahren handelt, ist offensichtlich. Die SOKO wurde nachweislich auf Wunsch von Industriellen der Tierindustrie eingerichtet.
Die AktivistInnen sind nach §278a StGB, der die „Bildung einer kriminellen Organisation“ unter Strafe stellt, angeklagt. In der BRD ist das der §129. Der Fall zeigt, dass Personen nach diesem Paragrafen verfolgt und beschuldigt werden können, einer kriminellen Organisation anzugehören, die nachweislich lediglich legale Kampagnenarbeit geleistet haben. Die von der Justiz vorgebrachten Vorwürfe gegen die Beschuldigten sind lediglich „Aktivitäten zur Förderung der Ziele“ der vermeintlichen kriminellen Organisation wie etwa die „Anmeldung von Demonstrationen“. Konkrete Straftaten sollen von „unbekannten MittäterInnen“ begangen worden sein.
Wovor bereits seit langem gewarnt wird, hat sich bestätigt: Genau wie der §129 in der BRD wird §278 in Österreich dazu verwendet, politisch aktive Menschen zu überwachen und zu kriminalisieren. Sollte hier die Anwendung des §278 als Präzedenzfall vor Gericht durchgehen, sind wir nicht nur einem repressiven Überwachungsstaat einen gewaltigen Schritt näher, sondern es wird auch nur noch eine Frage der Zeit sein, welche Bewegungen es als nächstes treffen wird.
Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, solidarisieren uns mit den Angeklagten in Österreich, denen Freiheitsstrafen drohen. In einem offenen Brief aus der Untersuchungshaft schrieb einer von ihnen: „Bereits kurz nach meiner Verhaftung bekam ich zum ersten Mal von Protesten mit. Als ich aber nach einigen Tagen erfuhr, welche Solidarität aus unterschiedlichsten Ländern kam, hat das mir hier drinnen sehr viel Kraft gegeben. Es hat mich sehr gefreut, dass eine solche Kriminalisierung einer sozialen Bewegung nicht einfach hingenommen wird und dass Menschen aus unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen gemeinsam aktiv wurden und Solidarität zeigten (…) Eine Gesellschaft, in der Tiere keinerlei Lebens- und Unversehrtheitsrecht haben, sie milliardenfach Tag für Tag in Mastanlagen, Laboren, auf sog. Pelztierfarmen eingesperrt, in den Schlachthäusern ermordet und ihre Körper zerteilt und zur Ware gemacht werden… nein, ich werde darüber nicht schweigen und aufhören, mich dagegen einzusetzen. Auch mit massivster Repression nicht, niemals! Für jede und jeden einzelnen von ihnen!“
Deshalb: Gegen Überwachung und Kriminalisierung von sozialen Bewegungen! Gegen staatliche Repression! Gegen Käfige und Knäste und für die Befreiung von Mensch und Tier!

Zu Angriffen von „links“

„Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten.“ – Theodor W. Adorno.

Von Anfang an hatte die politische Tierbefreiungsbewegung mit Angriffen auch von Seiten anderer linker oder sich mit diesem Label bezeichnenden Gruppen und Personen zu kämpfen, welche die Ausweitung des Solidaritätsgedankens auf die Tiere und die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen sind, ablehnten.
Musste 1995 die Tierrechtswoche in Hamburg noch aufgrund von Anfeindungen aus dem autonomen Spektrum abgebrochen werden, sind die diesjährigen Kieler Tierbefreiungsstage gleich im Vorfeld komplett abgesagt worden, nachdem die Kieler Initiative für Tierbefreiung aufgefordert worden war, die älteste und eine der wichtigsten Protagonistinnen der Tierbeifreiungsbewegung in der BRD, die Tierrechts Aktion Nord (TAN), auszuladen. Die Polemik gegen die TAN stammte aus dem sich als „antideutsch“ verstehenden Bereich – gerade die TAN hat in letzter Zeit dessen Ideologie als Neokonservatismus und Klassenkampf von oben analysiert.1
Auch die Antispeziesistische Aktion Tübingen wurde von Anfang an aus diesem Spektrum heraus angefeindet. Im Oktober 2007, als wir unseren Protest gegen eine Demonstration von „Universelles Leben“ in Tübingen angekündigt hatten, wurde in einem offenen Brief, der über den Verteiler des Infoladens ging, unter anderem behauptet, mit dem antispeziesistischen Ansatz, bei dem es sich um eine rückschrittliche Ideologie handele, ginge einher, „das [sic] Tier und Mensch auf eine Ebene gestellt“ würden; die „übersteigerte Tierliebe der Antispeziesisten“ würde „zum Fetisch“ und erinnere „an orthodoxe Jaina-Mönche“. Das alles habe viel mit Gefühlen, aber nur wenig mit Analyse zu tun. Schließlich wurde uns gar „Menschenverachtung und Menschenhass“, „Holocaustrelativierung“ und „Abrutschen ins Ökofaschistische“ vorgeworfen.
Der Antispe-Kongress 2008 in Hannover war begleitet von Diskussionen, welche aufgrund der Angriffe einer Gruppe namens AK Gibraltar entstanden, die in einem Text im Vorfeld des Kongresses u.a. behauptet hatte: „Das Konzept des Antispeziesismus ist aus unserer Perspektive kein linkes, wird und darf auch nie eines werden. Wer es verwendet, macht sich zum Feigenblatt für Euthanasie-BefürworterInnen, fleißige UmschreiberInnen der deutschen Geschichte und nicht zuletzt für Nazis und forciert nicht zuletzt den aktuellen neoliberalen Ethikdiskurs“ (hier die Antwort des Kongresses).
Es ist erstaunlich, dass gerade Menschen, die sich selbst einer sogenannten „radikalen Linken“ zurechnen, welche sich gern als besonders emanzipatorisch und progressiv gibt, vehement verhindern wollen, dass die Solidarität mit Tieren endlich integrales Element linker Programmatik und Praxis wird – räumt doch inzwischen sogar die etablierte Wissenschaft ein, der Speziesismus sei „unhaltbar“ – so Prof. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London, in einem Vortrag.


Der berühmte, im letzten Jahr verstorbene Ethnologe Claude Lévi-Strauss sagte einmal, „dass das Problem des Kampfes gegen Rassenvorurteile auf menschlicher Ebene ein viel umfassenderes Problem widerspiegelt, das noch dringender einer Lösung bedarf. Ich spreche von dem Verhältnis zwischen dem Menschen und anderen lebenden Arten. Es ist zwecklos, das eine Problem ohne das andere lösen zu wollen. Denn die Achtung gegenüber den eigenen Artgenossen, die wir vom Menschen erwarten, ist lediglich ein Einzelaspekt der allgemeinen Achtung vor allen Formen des Lebens.“

Das Zusammenführen und das Zusammen-Denken unterschiedlicher Befreiungsbewegungen, wie es der antispeziesistische Ansatz unternimmt, birgt großes Potential in sich. Die im Jahr 2008 verstorbene australische Ökofeministin Val Plumwood schrieb hierzu in ihrem Buch Feminism and the Mastery of Nature: „It is usually at the edges where the great tectonic plates of theory meet and shift that we find the most dramatic developments and upheavals. When four tectonic plates of liberation theory – those concerned with the oppressions of gender, race, class and nature – finally come together, the resulting tremors could shake the conceptual structures of oppression to their foundations.“
Selbst aber, wenn er sich als radikal, also als „an die Wurzel gehend“, als emanzipatorisch und besonders progressiv sieht, engagiert ein großer Part der Linken sich nur in einigen wenigen ausgesuchten Befreiungsbewegungen, konzentriert sich lediglich auf die Bekämpfung von Teilen der Heterophobie (nach Albert Memmi2), teilt aber meist die Kritik am gesellschaftlichen Status jener, die als bloße Objekte den Bedürfnissen der Menschen dienstbar sein sollen, nicht, und will die Notwendigkeit ihrer Emanzipation (wörtlich: „Freilassung“) noch nicht anerkennen.


Albert Memmi meint, genau genommen dürfe man den Begriff Rassismus nicht verwenden, wenn es um andere Formen der Unterdrückung gehe als eben jener der rassischen. Zur Bezeichnung des allgemeinen Phänomens schlug er daher 1981 den Begriff Heterophobie vor. „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere“, so Memmi.

Zwar hat die Solidarität mit Tieren in der Linken eine gewisse Tradition, an welche wir anknüpfen, und findet dort in den letzten Jahren erfreulicherweise Anklang – Anzeichen dafür sind etwa die Zunahme von Gruppen, welche die Befreiungsansätze verbinden und zusammendenken, Plädoyers für Tierbefreiung in großen linken Medien wie der Tageszeitung Neues Deutschland sowie von bekannten linken Intellektuellen, die sich solidarisch mit der Tierbefreiungsbewegung erklären oder ihr selbst angehören, wie beispielsweise Moshe Zuckermann oder Colin Goldner. Und doch wird von Einzelpersonen aus der Linken, in der sie traditionell verwurzelt ist, immer wieder versucht, die Tierbefreiungsbewegung zu isolieren und zu diskreditieren. Unsere Argumentionsbasis ist allerdings auf diskursive Weise nicht zu erschüttern; die moderne Wissenschaft und die Entwicklung der Produktivkräfte in den Industriestaaten liefern de facto schlicht keine Argumente mehr, welche für die Aufrechterhaltung des speziesistischen Status quo ins Feld geführt werden könnten, im Gegenteil. Daher finden die Angriffe auf einer unsachlichen, polemischen Ebene statt; meist laufen sie auf den Vorwurf einer der Bewegung angedichteten „Menschenfeindlichkeit“ hinaus.


Moshe Zuckermann. Der Historiker, Philosoph und Kulturwissenschaftler lehrt an der Universität Tel Aviv. Im Vorwort des von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Buches Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere weist er darauf hin, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen. Dennoch geht sie gerade mit fortschreitender Industrialisierung in die brutale Phase ihres rabiatesten, systematisch durchorganisierten Exzesses über.

Dabei waren gerade diejenigen Menschen, die sich organisierten, um eine Verbesserung der Situation nichtmenschlicher Tiere zu bewirken, durchweg auch als MenschenrechtlerInnen und in sozialen Kämpfen, etwa zur Frauenemanzipation, zur Abschaffung der Sklaverei, in der ArbeiterInnenbewegung oder gegen die Todesstrafe aktiv – und das seit 200 Jahren! Traditionell wird die Forderung nach Tierrechten als logische Fortsetzung der großen Befreiungsbewegungen gesehen, selbst dort, wo die Forderung nach Emanzipation rein bürgerlichen Charakter hat: Bereits im Jahr der Französischen Revolution, 1789, schrieb der englische Philosoph Jeremy Bentham – den Karl Marx im ersten Band des Kapitals scharf kritisiert: Er sei ein „Genie in der bürgerlichen Dummheit“, der „den modernen Spießbürger, speziell den englischen Spießbürger, als den Normalmenschen“ unterstelle – folgende Worte: „Der Tag wird kommen, an dem die Tiere ebenfalls diese Rechte bekommen werden, die ihnen nur durch tyrannische Unterdrückung vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits erkannt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen.“
Von linken Positionen in der rezenten Tierbefreiungsbewegung aus wurden bedenkliche Entwicklungen in der Tierrechtsbewegung stets der Kritik unterzogen, der „braune Rand der Tierrechtsbewegung“ verurteilt, und nicht zuletzt auch viel Raum für kritische Selbstreflexion eingeräumt – denn auch und gerade innerhalb des Textuniversums der diffusen (gefühls-)linken Tierbefreiungsszene, die keinerlei einheitliche politische Linie verfolgt und deren Darstellungen „teilweise unter Dogmatik und Unterkomplexität“3 leiden, muss differenziert werden.
Für unsere eigene Gruppe gilt die Maxime, welche wir in unserem Selbstverständnis festgeschrieben haben: „Wir ziehen keinen Schulterschluss mit Personen, Gruppen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlichen tier-, menschen- oder lebensfeindlichen Ideologie vorgestellt ist. Im Gegenteil wollen wir rechte, faschistische und fundametalistisch-religiöse sowie andere menschenverachtende oder unterdrückerische Tendenzen in der Tierrechtsbewegung aufspüren, demaskieren und ihnen entgegenstehen!“ So war nach unserer Gründung im Jahr 2007 eine unserer ersten lokalen Aktivitäten, uns zusammen mit anderen AntifaschistInnen einer Demonstration der Sekte „Universelles Leben“ entgegenzustellen. Wir verteilten Flugblätter, auf denen u.a. die autoritären Strukturen innerhalb des ULs, der Antisemitismus in den Schriften von Gabriele Wittek, der „Prophetin“ von UL, und in dessen Zeitschrift „Christusstaat“, sowie die Instrumentalisierung von Tierleid durch die Sekte angegriffen wurde (Antispeziesistische Aktion Tübingen: Bisherige Aktivitäten; vgl. auch Distanzierung von der Sekte „Universelles Leben“).


Drei Ausschnitte aus der vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) herausgegebenen Zeitung „Der Funke“ aus dem Jahr 1932. Der Gründer des ISK, Leonard Nelson, hatte an seine GenossInnen appelliert, über Speziesgrenzen hinweg als wahrhaftige SozialistInnen zu handeln und vegetarisch zu leben. Als „bürgerliche“ Tarnung des Widerstands gegen Nazi-Deutschland, den der ISK leistete, diente ein Netz von vegetarischen Gaststätten in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Paris, Amsterdam und London. Die Restaurants waren Quellen zur Finanzierung des Kampfes und getarnte Zentren der illegalen Arbeit.

Eine solche Bewegung diskreditieren zu wollen, indem man ihr Menschenverachtung oder Holocaustrelativierung unterstellt, ist schlicht absurd und kaum anders zu erklären, als dass diese Anfeindungen durch persönliche Ressentiments, Missgunst und Böswilligkeit motiviert sind. Leider sind, wie allein schon der oben zitierte offene Brief zeigt, den KritikerInnen dabei alle Mittel der Verleumdung recht – und wenn die anfangs angebrachten „Argumente“ entkräftet scheinen, wird eben umgeschwenkt auf andere, jedoch genauso von haltlosen Unterstellungen geprägte.
So hat der Autor des offenen Briefes von 2007 inzwischen auf seinem Blog eine ausführlichere Kritik am Antispeziesismus und an unserer Gruppe vorgenommen, die von der absurden und den gesamten Ansatz der Tierbefreiungsbewegung im Grunde verkennenden Vorstellung ausgeht, bei diesem handle es sich um eine „Politisierung von Essgewohnheiten“; der Antispeziesismus fordere außerdem, so die abwegige Unterstellung des Autors, Menschen und Tiere gleich zu behandeln.
In Wahrheit hat der Autor also selbst eine falsche und abstruse Definition des Antispeziesismus, wie sie von uns überhaupt nicht vertreten wird, gegeben, um sich in seinem Text dann an deren Widersprüchen abzuarbeiten. Seine Kritik hatte also nicht einmal einen realen Gegenstand zum Thema und zielte damit eigentlich von vornherein ins Leere. Weil wir aber direkt angegriffen worden waren, machten wir uns die Mühe, dennoch sehr ausführlich und auf jeden einzelnen Kritikpunkt eingehend, zu ihr Stellung zu nehmen – trotz ihres stark polemischen Charakters. Wir räumten das grundsätzliche Missverständnis, dem der Autor anhängt, dass Antispeziesismus bedeute, Mensch und Tier auf eine Ebene zu stellen, aus, und um dem Vorwurf der Politisierung des vermeintlich Unpolitischen zu begegnen, verwiesen wir mit zahlreichen Zitaten auf die Anknüpfungspunkte, die für die Tierbefreiungsbewegung in der traditionellen linken Theorie, z.B. in jener der Frankfurter Schule, bestehen. De facto haben nämlich bereits Horkheimer, Adorno und Marcuse die gefangen gehaltenen Tiere als zu Befreiende in der durch Unterdrückung geprägten kapitalistischen Warengesellschaft gesehen. Alles allerdings, was dem Autor in seiner erneuten Antwort zu diesem Kernstück der politischen Theorie der Tierbefreiungsbewegung einfiel, war die äußerst platte Aussage, dass er nicht darüber diskutieren wolle, „ob Horkheimer in einem Text mal die Ausbeutung von Tieren anprangert“. Wenn er behauptet, „dass die Antispe Tübingen auch als linke Tierschützer-Gruppe genau dieselben Aktivitäten durchführen könnte“, zeigt er wiederum nur, dass er schlicht unseren politischen Anspruch, der sich eben gerade ausdrücklich nicht auf nichtmenschliche Tiere beschränkt, verkennt. Die Forderung nach einer Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung („Seid doch lieber vegan lebende TierschützerInnen statt Antispes!“…) ist für uns nicht hinnehmbar; wenn dann allerdings Zitate von Susann Witt-Stahl von der TAN mit Hilfe haarsträubendster Konstruktionen ideologisch mit der Neuen Rechten in Verbindung gebracht werden, kann das nur noch als gezielte Verleumdung gewertet werden. Diese entbehrt, wie auch die restlichen Anschuldigungen des Autors, allerdings jeglicher Grundlage. Auf den „Diskussions-Pingpong“, vor dem ihm „graut“, verzichten wir nach dieser Erfahrung gerne. Wir haben unsere Positionen ausführlich und ohne Polemik dargelegt. Wenn darauf in einer solche Art und Weise eingegangen wird, sind wir nicht mehr bereit, die Diskussion weiter zu führen, zumal wir den Eindruck haben, dass von unserer Replik nichts beim Autor angekommen ist – wie wäre es sonst möglich, dass er sich in seiner Antwort auf sie, obwohl wir deutlich gemacht haben, dass es sich bei der Unterstellung, die von ihm so genannte „Antispe-Ideologie“ fordere eine Gleichstellung aller Tiere, um ein bloßes, nicht haltbares Vorurteil handelt, immer noch ernsthaft zu wundern scheint, weshalb wir uns für Affen einsetzen und nicht für Fruchtfliegen?


Karl Kraus stellte „die Menschlichkeit, die das Tier als den geliebten Bruder anschaut“, der „Bestialität, die solches belustigend findet“, gegenüber. Es sei eine „ekelhafte Gewitztheit“, die die Herren und Damen der Schöpfung Bescheid wissen lasse, dass im Tier nichts los sei, „dass es in demselben Maße gefühllos ist wie sein Besitzer, einfach aus dem Grund, weil es nicht mit der gleichen Portion Hochmut begabt wurde und zudem nicht fähig ist, in dem Kauderwelsch, über welches jener verfügt, seine Leiden preiszugeben.“ – Kraus hatte einen Brief Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis über die Misshandlung von Büffeln, welche sie dort beobachtet hatte, im Juli 1920 in der Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht. Daraufhin ging eine anonyme „Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen“ ein – inzwischen ist bekannt, dass sie von einer Adligen aus Innsbruck namens Ida von Lill-Rastern von Lilienbach stammte. Die zitierten Sätze stammen aus der daraufhin erfolgten Stellungnahme von Kraus. Den Brief Rosa Luxemburgs zum Hören gibt es hier; die „Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen“ und die Stellungnahme von Kraus dazu lassen sich beispielsweise hier nachlesen.

Größerer Gegner gesucht. – Dieses Inserat schaltete der Publizist Karl Kraus einmal in der von ihm herausgegebenen satirischen Zeitschrift Die Fackel. Ähnlich könnten auch wir uns äußern. Jedenfalls hat die zitierte „Kritik“ keinerlei Substanz und wir sind nicht bereit, uns in derartige, häufig mit persönlichen Konflikten zusammenhängende, Kleinkriege hineinziehen zu lassen und uns weiter an unbedeutenden Internetbloggern abzumühen. Wer dennoch die gesamte Diskussion und unsere ausführliche Replik auf die Kritik „Antispeziesismus: Wenn Essgewohnheiten politisiert werden“ nachlesen will, findet sie hier.
„Das ist doch nicht politisch!“ – Diesen Vorwurf mussten sich FeministInnen in der Linken Jahrzehnte lang anhören! Inzwischen ist der Kampf gegen Sexismus und Patriarchat als ein wichtiger anerkannt. Leider aber fühlen gewisse „Linke“ sich immer noch dazu bemüßigt, Ansätze, die den Kampf gegen jegliche Unterdrückung und Ausbeutung aufnehmen wollen, zu delegitimieren. Solidarität mit solchen Kämpfen aber darf nicht erst dann einsetzen, wenn ein breiter Konsens innerhalb der Linken diese sowieso erzwingt!
Wir können kein Verständnis mehr dafür aufbringen, dass, wie in Tübingen geschehen, Menschen, die sich selbst als „radikal links“ sehen, sich über emanzipatorische Bewegungen lustig machen und es in diesen Zusammenhängen möglich ist, dass Personen aufgezogen oder gar angegangen werden, nur weil sie etwa selbst nicht die Tierausbeutungsindustrie mit Geld unterstützen wollen und sich deshalb für eine vegane Lebensweise entschieden haben. Es ist schon schlimm genug, diese Kämpfe überhaupt nicht anzuerkennen oder sie für „unpolitisch“ zu erklären. Aber dieses unsolidarische Verhalten, diese subtilen Herabsetzungen sind nicht tragbar! Bei solchen sich in diesem Verhalten offenbarenden machistischen Strukturen ist es für uns kein Wunder, dass Teile der sogenannten „radikalen Linken“ mit Problemen wie etwa Männerdominanz zu kämpfen hat. Vielleicht sollte sich unter anderem die sich antifaschistisch wähnende Tübinger popkulturelle Jugendsubkultur und ihr Umfeld, was den Umgang untereinander und mit „Anderen“ betrifft, in dieser Hinsicht von antispeziesistischen und marxistischen Gruppen inspirieren lassen.

  1. Stellungnahmen zu dem Vorfall von Melanie Bujok und von MC Albino und Peryton finden sich hier und hier. [zurück]
  2. Siehe Bildunterschrift. – Memmis Rassismus-Definition ist eine der am meisten akzeptierten; seit ihrer Aufnahme in die Encyclopaedia Universalis ist sie grundlegend für Forschung und Lehre geworden. Rassismus ist nach Memmi die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder Aggressionen gerechtfertigt werden sollen. [zurück]
  3. Arndt Hoffmann: „Ein Königstiger als Vegetarianer“. Zur Kritik an der Utopielosigkeit von Antispeziesismus und Veganismus, in: Susann Witt-Stahl (Hrsg.): Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere, Aschaffenburg 2007, S. 172-205, S. 177. [zurück]

Interview: Primatenversuche am MPI Tübingen

Radio Dreyeckland:

Primatenversuche am MPI Tübingen
Interview mit Ex-Diplomandin Gabriele Busse

Die Anti-Tierversuchs-Demo hat auch dieses Jahr wieder einige DemonstrantInnen nach Tübingen gelockt. Diese kamen am Sa, 5. Juni 2010, zum Aktionstag im Rahmen der Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“. Auf dem Programm des Aktionstags, der aus einer Kooperation des Bündnisses gegen Tierausbeutung Tübingen und der Ärzte gegen Tierversuche entstand, waren neben Demo, Info- und veganen Essensständen auch verschiedene Vorträge eingeplant.
Gabriele Busse hielt einen davon und berichtete, wie sie als Germanistin im Rahmen ihrer Diplomarbeit am Max-Planck-Institut Tübingen durch Zufall auf die dort durchgeführten Affenversuche stößt. Sie fragt nach – und löst damit eine Hetzkampagne ungeahnten Ausmaßes aus. Binnen Stunden wurde sie zur radikalen Tierrechtlerin hochstilisiert, die sie weder damals war noch heute ist. Im Interview berichtet Gabriele von den Affenversuchen, ihrer Zeit am MPI und davon, wie falsche Anschuldigungen letztendlich zu ihrem Engagement über Tierversuche aufzuklären führten.

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Afterhour zum Aktionstag

flyer

Im Anschluss an den Aktionstag auf dem Marktplatz findet in der Hegelstraße 7 ein Abendprogramm statt:

Ab 16.30 Uhr: Café-Chillout
Ab 20 Uhr: Vegane Vokü
Ab 22 Uhr: Party mit DJ Trixzilla und Cocktailbar

Eintritt frei!




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