Archiv für Juli 2010

Ankündigung: Tierbefreiungskongress 2010

Ankündigungstext:
Der diesjährige Tierbefreiungskongress findet von Sonntag den 08. bis Freitag den 13. August 2010 statt. Der Veranstaltungsort ist wie im letzten Jahr die Burg Lohra in Thüringen (auf halber Strecke zwischen Halle und Göttingen).
Es ist ein umfangreiches Programm geplant, bestehend aus Einführungsveranstaltungen, Arbeitskreisen, Praxisworkshops und Theoriediskussionen. Vor allem aber planen wir viel Freiraum ein, um sich unter einander kennen zu lernen und zu vernetzen.
Um dem Kongress eine Struktur zu geben, werden wir uns auf vier spezielle Themen konzentrieren: Tierbefreiung und Ökologie, Reflexionen zur Tierbefreiungsbewegung, Grundlagen für die politische Arbeit, Herrschaftskritik und Antispeziesismus.
Mit dem Kongress wollen wir die Bewegung stärken, gemeinsam an inhaltlichen Fragestellungen arbeiten und neue Strategien entwickeln.

kongress.antispe.org

Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus

Wer gegen die Ausbeutung mit Erfolg kämpfen will, der darf nicht seine eigenen Ausbeuter unterstützen. […] Ein Arbeiter […] kann das, indem er dasselbe, was der Kapitalist mit ihm macht, mit denen tut, die sich gegen ihn noch viel weniger wehren können als er gegen die Kapitalisten – die die Allerwehrlosesten sind, die sich nie durch eine Koalition zusammentun können, um allmählich ihre Rechte in einem Klassenkampf zu erobern. Ein Arbeiter, der nicht nur ein „verhinderter Kapitalist“ sein will, und dem es also Ernst ist mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Mord […]. Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man läßt es bleiben. Aber wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, der weiß nicht, was er tut. Der beweist, dass er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort „Sozialismus“ bedeutet.
Leonard Nelson (1882-1927), Gründer des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.

Vorwort
Die emanzipatorische Tierbefreiungsbewegung hat sich auf die Fahnen geschrieben, sich auch und gerade für die Sprengung der Fesseln jener, deren Gefangenschaft, Misshandlung und Missachtung durch die Ideologie des Speziesismus1 legitimiert wird, einzusetzen. Sie bezeichnet sich deshalb als antispeziesistisch.
Da der Begriff des Speziesismus auch in von bürgerlichem Denken geprägten moralphilosophischen Diskursen Verwendung findet, ist es für eine antispeziesistische Linke notwendig, ihren Ansatz klar zu definieren und deutlich zu machen, dass er sich nicht am bürgerlichen Denken orientiert, sondern an originär linker Theorietradition.
Wir hoffen, dass durch diese Darlegung unsere KritikerInnen von unbegründeten Vorurteilen abkommen und sie auf der anderen Seite der Tierbefreiungsbewegung als Anlass dient, sich genauer mit ihren eigenen Vorstellungen zu befassen.
Letztere sollten Ideen sein, die zum Ziel haben, eine ganze Gesellschaft zu revolutionieren. Fakt ist, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen (Moshe Zuckermann). Zunehmend zeigt sich, dass sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben, dass der Auflösung der alten Lebensverhältnisse die Auflösung der alten Ideen folgt. Fortschrittliche Kräfte innerhalb der antikapitalistischen Linken sollten darauf hinwirken, dass die Solidarität mit Tieren integraler Bestandteil linker Programmatik und Praxis wird, bis (an)erkannt wird: Die Befreiung hört nicht beim Menschen auf!

Tübingen, 27. Juli 2010, Antispeziesistische Aktion.

Ein Gespenst geht um – das Gespenst des Antispeziesismus. Und so manche scheinen sich vor ihm zu fürchten. So wurde nicht nur von Seiten der Tiere verwertenden Industrie, sondern auch von Seiten linker und von sich noch mit diesem Etikett schmückenden Personen und Medien die Hetzjagd gegen dieses Gespenst eröffnet.
Es ist deshalb höchste Zeit, dass AntispeziesistInnen ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des „menschenverachtenden“ Antispeziesismus eine Darstellung ihrer wahren Absichten entgegenstellen. Zu diesem Zweck hat die Antispeziesistische Aktion Tübingen den nun folgenden Text entworfen.

I. Der simplifizierte Speziesismus-Begriff
Einige KritikerInnen werfen der antispeziesistischen Bewegung vor, diese wolle „Mensch und Tier gleichsetzen“. Diese Ansicht resultiert daraus, dass sie von einem vulgären Speziesismus-Begriff – der sich leider auch in Teilen der Tierrechtsbewegung findet – ausgehen, wobei sie die Parallelität zum Rassismus-Begriff überbetonen, so dass sie den Antispeziesismus fälschlicherweise als eine genau dem Antirassismus entsprechende Idee wahrnehmen.
Das würde bedeuten, Spezies seien in genau gleichem Maße ein Konstrukt, wie es „Rassen“ beim Menschen sind – jede individuelle Ungleichbehandlung wie auch grundsätzliche Andersbehandlung müsste dann als speziesistisch bezeichnet werden.
Das Wort „Rasse“ stammt ursprünglich aus dem Bereich der Zuchtwahl an vom Menschen als „Nutztiere“ definierten Tieren – „Zucht“ meint die Zurichtung ihrer Körper, vorgenommen, um ihre Nutzbarkeit für den Menschen zu verbessern –, und macht, auf den Menschen angewendet, schlicht keinen Sinn. Die Rassenklassifikationen der westlichen Wissenschaften hatten einzig und alleine zum Ziel, die eigene Superiorität gegenüber den Versklavten und Kolonisierten darzustellen und finden keine Entsprechung in der Realität.

Völkerschau Frankfurt
Der Tierhändler Carl Hagenbeck „erfand“ 1874 die Völkerschauen, ohne zu wissen, dass es diese früher bereits gab. Er engagierte Menschen aus „seinen Tierfanggebieten“, die häufig die Tiertransporte begleiteten, und führte diese als Wanderschauen durch Europa. Im Zoologischen Garten Frankfurt gastierten zwischen 1878 und 1931 immer wieder Völkerschauen. Die meisten wurden von Tierhändlern zusammengestellt, mit denen der Zoologische Garten Frankfurt sowieso zusammenarbeitete, und standen im Zusammenhang mit Tiertransporten.

Auch wenn der Begriff der Spezies wie jener der Rasse offensichtlich von sozialen Konstruktionen abhängt,2 so erscheint uns die Verwendung des Spezies-Begriffes, im Gegensatz zur Anwendung des Rassenbegriffes auf den Menschen, als sinnvoll, weil er trotz allem in den meisten Fällen eindeutige Eigenschaften zuweisen kann. Denn im Unterschied zu menschlichen „Rassen“ unterscheiden die Tierarten sich biologisch in vielerlei Hinsicht. Unterschiedliche Tiere aber haben auch ganz unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten. Es würde also keinerlei Sinn machen, eine Gleichstellung oder Gleichbehandlung aller Tiere zu fordern. Es müsste sich eigentlich von selbst verstehen, dass dies eine geradezu absurde Forderung wäre: Die konstruierte Kategorie „Tiere“ fasst ja sich gänzlich unterscheidende Arten und Individuen in Eins. Wir wollen außerdem ja gerade den Mensch-Tier-Dualismus, der alle anderen Tiere dem Menschen als dessen Gegenteil gegenüberstellt und so die Artenvielfalt und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Spezies verschleiert und die Ausbeutung bestimmter Spezies legitimiert, als Ideologie entlarven. – Eine solche Simplifizierung des Speziesismus-Begriffes resultiert wohl aus einem Missverständnis: Die manchmal zur Erklärung des Begriffes „Antispeziesismus“ angeführte Analogie zum Antirassismus oder Antisexismus wird überbetont. Solche Konzepte aber eins zu eins auf das des Antispeziesismus zu übertragen, ist schlicht sinnlos, da ein grundlegender Unterschied besteht: Rassismus und Sexismus funktionieren durch die ideologische Ungleichmachung von Gleichem. Speziesistische Ideologie funktioniert, zumindest dann, wenn sie die große Varianz innerhalb der Tierwelt verkennt und alle Tiere – den Menschen ausgeschlossen – gleichmacht, genau andersherum: Alle anderen Tiere werden vom Menschen abgegrenzt und als „Das Tier“ homogen kategorisiert. Diese Ideologie erlaubt es, hochentwickelte, komplexe Säugetiere als prinzipiell „gleich“ anzusehen wie Fruchtfliegen oder Spulwürmer. Dadurch kann eine Situation der Gefangenschaft und Ausbeutung, die offensichtlich im „Nutz“-Tier Leid erzeugt, entschuldigt werden: „Es ist ja nur ein Tier…“. Dass einige davon uns sehr ähneln und somit ählich Leiden empfinden wie wir, wird dadurch ausgeblendet.
Ähnliches wie mit dem Speziesismus-Begriff passiert übrigens auch mit dem Sexismus-Begriff, der aus der Frauenbewegung stammt, aber, häufig von (vorwiegend männlichen) Menschen, anders interpretiert gegen Teile der Frauenbewegung verwendet wird. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Mädchenkaffees und Frauenbuchläden platt als „genauso sexistisch wie der gesellschaftliche Mainstream“ angegriffen werden (was nicht bedeutet, dass es keine Kritik an diesen Institutionen geben kann). Ein genauerer Blick auf den Begriff Sexismus zeigt, dass auch dieser etwas anderes als eine 1:1-Übertragung von Rassismus auf eine andere Ebene darstellt. Ebenso kann der Speziesismus nicht als eine solche simple Übertragung wahrgenommen werden.
Es gibt nur wenige Rassismus-Definitionen, die auf alle drei bisher genannten -Ismen passen; dazu zählt allerdings die verbreitetste und wichtigste, die von Albert Memmi. Rassismus – oder allgemeiner „Heterophobie“, unter deren Opfern explizit auch die Tiere erwähnt werden3 – ist nach Memmi die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

II. Die postulierte Nähe zu reaktionären Ideologien
Das zweite verbreitete Vorurteil, dem die Tierbefreiungsbewegung begegnet, ist, sie würde einer rückschrittlichen, „gefährlichen“ Ideologie anhängen. Oftmals liegt dieses Vorurteil in Verbindung mit dem ersten vor.

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Der Vorwurf, eine Abschaffung der speziesistischen Zustände könnte „menschenverachtende Konsequenzen“ mit sich bringen, zeugt von einem vulgären Speziesismus-Verständnis und ist vielleicht lediglich insofern nachvollziehbar, als dass die Akzeptanz des naturwissenschaftlichen Faktums, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Tieren gibt, sondern lediglich graduelle Unterschiede zwischen den Tierarten existieren, für speziesistisch denkende Menschen einer Abwertung der menschlichen Art gleich kommt. KritikerInnen, die dieses Argument anbringen, kehren damit allerdings die Positionen der Tierbefreiungsbewegung in der Absicht, diese zu diffamieren, schlicht um, denn für uns folgt aus der Anerkennung dieser Tatsache weder, wie bereits ausgeführt, die Forderung nach einer Gleichstellung von Menschen und anderen Tieren, noch irgendeine Art des „Menschenhasses“ – dafür aber logisch zwingend die Notwendigkeit, dass die Emanzipation von Verhältnissen, in welchen Unterdrückung und Ausbeutung herrscht, nicht mehr nur für den Menschen zu fordern ist.
Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurde die Forderung nach Tierrechten mitunter auch als logische Fortsetzung der großen emanzipatorischen Bewegungen gesehen. „Mit anderen Worten, alle namhaften ersten Tierschutzaktivisten waren gleichzeitig auch politisch für Menschenschutz (Kinder, sozial Schwache) und Menschenrechte (Todesstrafe, Sklaverei) aktiv.“4 Heute ist es die linke Tierbefreiungsbewegung, die die Verbindung zu diesen Themen und zu den Anliegen der Linken ingesamt fordert. Diese Tatsache lassen unsere KritikerInnen aber gerne unter den Tisch fallen; stattdessen wird versucht, die Bewegung damit zu diskreditieren, dass eine angebliche gedankliche Nähe zu reaktionären Ideologien postuliert wird; eine solche würde allerdings den Grundsätzen einer Bewegung für die Befreiung von Mensch und Tier, die jedweden reaktionären Tendenzen grundlegend widersprechen, zuwider laufen. Solch polemische Konstruktionen sind nur dann möglich, wenn nicht differenziert wird, und zwar einmal zwischen politischem Antispeziesismus und bürgerlicher Moralphilosophie, und zum anderen zwischen der emanzipatorischen Bewegung auf der einen und Organisationen und Figuren der unpolitischen Tierschutz- und Tierrechtsszene auf der anderen Seite.
Der romantische Tierschutz stammt ursprünglich aus bürgerlichen, konservativen Teilen der Bevölkerung. Marx und Engels führen im Kommunistischen Manifest die „Abschaffer der Tierquälerei“ neben Humanitären, Verbesserern der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierern und Winkelreformern „der buntscheckigsten Art“ als Vertreter jenes Teils der Bourgeoisie an, der wünschte, den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Unser Ansatz aber folgt einer linken, historisch-materialistischen Theorietradition; er ist deshalb unvereinbar nicht nur mit dem Tierschutz, sondern auch mit gewissen moralphilosophischen Tierrechts-Ansätzen, die in der Tradition bürgerlichen Denkens stehen und davon ausgehen, es handle sich beim Speziesismus um ein moralisches Vorurteil, welches bestimmte Handlungen hervorbringe. Mit dem marxistischen Philosophen Marco Maurizi5 kritisieren wir solche Ansätze als metaphysische Konzepte, welche sich zudem als Erben des bürgerlichen Liberalismus entpuppen, wenn sie etwa die unterschiedliche Wertigkeit von Leben proklamieren wie der „Präferenzutilitarismus“ des bürgerlichen Philosophen Peter Singer. Leider ist der Begriff des Speziesismus in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit Singer verbunden (Singer war an der Verbreitung des Begriffes „Speziesismus“, nicht „Antispeziesismus“ beteiligt, dieser tauchte erst Anfang der 90er durch die Vegane Offensive Ruhrgebiet auf). Das Wort „Speziesismus“ wurde zwar erstmals 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder benutzt, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus auszudrücken, eine „Artenarroganz“ des Menschen gegenüber anderen Spezies, popularisiert wurde das Konzept aber in erster Linie durch Singers erstmals 1975 erschienenes Buch Animal Liberation, in welchem er das Konzept einer utilitaristischen Tierethik entwarf. Der Utilitarismus kehrt mit seiner Auffassung, dass der Einzelne über das Gemeinwohl sein eigenes Wohl fördert, zwar die Moral des bürgerlichen Liberalismus, welche davon ausgeht, dass das Handeln im eigenen Interesse letztlich auch für das Gemeinwohl am ergiebigsten ist, formal um, bleibt aber dessen Logik durchweg verhaftet. Der eigentliche Sinn des Liberalismus zeigt sich in seiner Wirtschaftslehre, die freien, möglichst weltweiten Waren- und Kapitalverkehr und die Nichteinmischung des Staates in die Unternehmensführung proklamiert. Der Liberalismus ist somit ein Programm des Bürgertums aus der Zeit, als es viele miteinander konkurrierende, von Kapitaleignern patriarchalisch geführte Unternehmen gab, die gegen ältere Wirtschaftsformen, wie Handwerk bzw. Zünfte und Leibeigenschaft, das kapitalistische Wirtschaftssystem durchsetzten.
Die Tierbefreiungsbewegung als Teil der antikapitalistischen Linken muss sich von dem, was durch die Rezeption bürgerlicher tierethischen Überlegungen an falschem Bewusstsein in die Bewegung geflossen ist, trennen.
Dass die „unpolitische“, bürgerliche Tierrechtsbewegung teilweise offen nach rechts ist, zeigt sich immer wieder. Figuren der Tierrechtsszene wie Barbara Rütting und Stefan Eck vertreten eine indifferent-kritiklosen Haltung der rechtslastigen Sekte Universelles Leben (UL) gegenüber, ein nicht unerheblicher Teil der Tierrechtsbewegung ergeht sich in einfältigster „Hauptsache-für-die-Tiere“-Rhetorik und eröffnet damit eine mögliche Zusammenarbeit auch mit Neonazis.6 Der Tierrechtsbuchautor Helmut F. Kaplan gab im März dieses Jahres dem nazistischen Medium Fahnenträger ein Interview, das unter dem Titel Holocaust-Vergleich wird immer wichtiger erschien – dieser Vergleich geht zurück auf die Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ der bürgerlichen Tierrechtsorganisation PeTA, welche aus der Tierbefreiungsbewegung heraus einer differenzierten Kritik unterzogen wurde.7
Die genannten und weitere Vorkommnisse unterstreichen, dass Tierschutz und auch die Forderung nach Tierrechten nicht an sich emanzipatorisch sind. Sie können von beliebigen Bewegungen des gesamten politischen Spektrums in Anspruch genommen werden. Unter anderem deshalb formierte sich die linke Tierbefreiungsbewegung, um hier einen Gegenpol zu bilden. Denn was, wie Sebastian Vollnhals von der Antispe Leipzig betont, unter keinen Umständen einer reaktionären Ideologie dienstbar gemacht werden kann, ist der herrschaftskritische Antispe-Ansatz: „Herrschaftsförmige Ideologien finden dort keinen Halt, wo ein emanzipatorisches Moment vorhanden ist, wo die Machtausübung gegenüber anderen Spezies als herrschaftlicher Mechanismus, als Speziesismus, erkannt wird und in den Kontext einer umfassenden Kritik an Machtverhältnissen gestellt wird. Hinter Speziesismus, Sexismus, Rassimus, … wirken dieselben Mechanismen, dieselben Logiken. Antispeziesismus bedeutet auch, rassistische Verhältnisse zu bekämpfen, Sexismus zu dekonstruieren. Antispeziesismus bietet keine Anknüpfungspunkte für Nazis.“8
Im Gegenteil: Wenn jener Analyse von Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung Bedeutung beigemessen wird, die besagt, dass gerade der Zwang zur Naturbeherrschung – welcher sich, wie die Philosophen schreiben, auch in der „Versklavung der Kreatur“ auswirkt –, der allem Antrieb abendländischer Zivilisation zugrunde zu liegen scheint, einen dialektischen Prozess in Gang gesetzt hat, welcher im 20. Jahrhundert zum Zivilisationsbruch des Holocausts führen konnte, so ist die Forderung nach einem anderen Mensch-Tier-Verhältnis mit ein antifaschistisches Anliegen. „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel“, so lautet der Schwur der Häftlinge von Buchenwald. Eine der Wurzeln des Nazismus ist der als Legitimationsideologie für Sklaverei, Kolonialismus und Imperialismus sowie innergesellschaftlicher Ausgrenzung entstandene Rassismus, eine Ideologie, die mit der speziesistischen meist eng verflochten ist. Ist die Unterdrückung einer bestimmten Gruppe allgemein akzeptiert, so ist es ein leichtes, durch die Ausweitung jener Attribute, welche dieser Gruppe zugeschrieben werden, auf andere Subjekte, auch deren Unterdrückung ideologisch zu legitimieren. Die gemeinhin akzeptierteste Form der Herrschaft aber ist die des Menschen über die Natur und die Tiere. Tiere wurden – als „Vieh“ – mit zur ersten Form von Privateigentum. Hatte es sich erst einmal durchgesetzt, Tieren diesen Status zuzuschreiben, konnte er auch auf Menschen übertragen und deren Versklavung dergestalt legitimiert werden. Das gesellschaftlich akzeptierte Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren hat stets die Unterdrückung von Menschen, die man als tierähnlich brandmarkte, begünstigt. Im Umkehrschluss heißt dies, dass die Befreiung der Tiere diesem Mechanismus einen Riegel vorschieben würde; die Überwindung des Speziesismus ist daher auch ein Beitrag zur Überwindung der Herrschaft des Menschen über den Menschen, und die Befreiung der Tiere ist notwendig für die Errichtung der befreiten Gesellschaft: Schon Marx beschrieb den Kommunismus als „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur.“

Adorno In „Minima Moralia“ schrieb Theodor W. Adorno: „Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er dieses Bild von sich schiebt – ‚es ist ja bloß ein Tier‘ –, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen die Täter das ‚Nur ein Tier‘ immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.“

III. Linker Antispeziesismus

1. Antispe bleibt unser!

a) Linke Antispeziesismus-Definition
Wir wollen ein Beispiel einer Definition des Speziesismus geben, wie sie von linken AntispeziesistInnen tatsächlich vertreten wird. Susann Witt-Stahl von der Tierrechts Aktion Nord (TAN) definiert Speziesismus folgendermaßen: „Speziesismus bezeichnet den gesamten Komplex von Vorurteilen gegenüber Tieren; er meint den menschlichen Chauvinismus, den hemmungslosen Artegoismus, die Gewaltideologie, die Tiere der Verdinglichung, Verachtung und grenzenlosen Ausbeutung ausliefern.“9
Hier wird klar, dass nicht jede individuelle Ungleichbehandlung prinzipiell als Speziesismus definiert wird. Der Vorurteilskomplex drückt sich vor allem in generellen Aussagen über ein ganzes Bündel von Spezies aus, nämlich über alle Tiere außer dem Menschen. Deren Fähigkeiten zu Bewusstsein, zu Denken, zu Lernen, Leiden zu empfinden etc. werden allesamt verallgemeinert; sich hinsichtlich dieser Fähigkeiten gänzlich unterscheidende Spezies werden alle schlicht als „Tiere“ dem Menschen gegenübergestellt. Ihre individuellen Interessen und Bedürfnisse werden dabei negiert. Die irrige Vorstellung, dass ein Individuum, weil es zu einem Bündel von Spezies (der sog. „Tiere“) gehört, die alle keine Kleidung tragen und keine Technologien entwickeln (wohl aber Techniken und diese über Generationen an ihre Nachkommen weitergeben), auch nicht fähig sein soll, Leiden bewusst zu empfinden oder einen Willen zu entwickeln, ist leider noch sehr weit verbreitet. Der Antispeziesismus fordert schlicht die Behandlung von Tieren in Hinblick auf ihre tatsächlichen Interessen. Wie die Analyse dann ausfällt, welche Behandlung unter welchen Umständen angemessen ist usw. – diese Beurteilung kann auch aus antispeziesistischer Perspektive sehr verschieden ausfallen.

b) Was bedeutet nun linker Antispeziesismus?
Oder viel mehr, was kann dieser Begriff alles bedeuten?
Als größter Grundkonsens der Definition dieses Begriffes lässt sich Speziesismus als Ideologie erkennen, welche die unnötige Gefangenhaltung, Qual und Tötung von Tieren durch die industrialisierte Überflussgesellschaft weiterhin legitimiert.
Susann Witt-Stahl nennt als Legitimationswissenschaften, welche den Speziesismus „wissenschaftlich“ stütz(t)en, den Behaviorismus, den biblischen Kreationismus und den Sozialdarwinismus. Ähnlich wie der angeblich „wissenschaftlichen“ Basis des Rassismus, die, wie wir heute wissen, aus bloßen Machtinteressen heraus konstruiert wurde, so fehlt auch dem Speziesismus aus naturwissenschaftlicher Sicht heute die Basis;10 dass dieser Erkenntnis die Befreiung der Tiere folgt, muss allerdings im Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen erst noch herbeigeführt werden.
Die sogenannten Nutztiere können sich nur individuell – von Ketten, aus Käfigen – befreien, sind aber nicht dazu in der Lage, sich wie Menschen zu einem kollektiven revolutionären Subjekt zu formieren. Daraus folgt aber lediglich, dass, gerade weil sie ihre Befreiung nicht selbst oganisieren können, emanzipatorische Bewegungen sich solidarisch gegenüber Tieren zeigen und deren Befreiung zu einem eigenen Anliegen machen müssen. Diesen „Stellvertreterkampf“ für illegitim zu erklären, ist absurd, denn mit demselben Argument könnten die Kämpfe gegen die Misshandlung von Kindern oder für Kinderrechte delegitimiert werden.11 Es folgt aus der genannten Tatsache nicht, dass Tierbefreiung weniger wichtig wäre als die Emanzipation des Menschen – tatsächlich bildet sie, so wie wir sie verstehen, eine Grundlage für eine wahrhaft befreite Gesellschaft. Mit der Auffassung, dass das nichtmenschliche Tier nur befreit werden kann, dass Subjekt und Objekt der Befreiung also auseinander treten, hat die Tierbefreiungsbewegung sich auseinander gesetzt. Hier gibt uns die Kritische Theorie die Lösung des angeblichen Problems an die Hand. Autoren wie Marcus Hawel und Marco Maurizi haben darauf hingewiesen, dass Subjekt und Objekt der Befreiung nicht mehr auseinander treten, wenn wir uns darüber klar werden, dass es allgemein um unser Verhältnis zur Natur, zum Leben geht, von dem wir uns selbst zu emanzipieren haben, weil wir darin eine ungeheuerliche Destruktionskraft entdecken, die uns selbst die Existenzgrundlage entzieht. Wir müssen uns selbst befreien – nicht von Natur, sondern von unserem destruktiven Umgang mit der Natur als unserer eigenen Lebensgrundlage, die für kurzfristige Profitinteressen vernichtet wird. Die Befreiung der Tiere ist somit mit der Befreiung der Menschen identisch. Oder, wie schon Albert Einstein sagte: „Unsere Aufgabe ist es, uns selbst zu befreien, indem wir die Sphäre des Mitleids auf alle Lebewesen ausdehnen.“
Aus einer solchen Perspektive ist der Kern des Problems die zerstörende Logik des Kapitals, eine Logik, die bestimmte gesellschaftliche Strukturen voraussetzt (Klassengesellschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Staatsgewalt). Solche Strukturen wurden vor Tausenden von Jahren durch die Unterdrückung von Menschen und Tieren geschaffen; die Befreiung des Menschen wird daher ein Teil der Befreiung der Tiere sein. Tierbefreiung ist damit eine historische Notwendigkeit, kein überschüssiger Luxus. Im Unterschied zur bürgerlichen Tierethik resultieren die Forderungen der linken Tierbefreiungsbewegung nicht aus einem moralischen Überschuss heraus, sondern Tierbefreiung wird als Grundlage auch der menschlichen Befreiung gedacht. Die Befreiung von Mensch und Tier stehen hier in einem dialektischen Verhältnis. Erst wenn der Mensch ein anderes Verhältnis zur Natur und zu den Tieren entwickelt, ist eine befreite Gesellschaft überhaupt möglich. Wir haben selbst noch zu sehr den Mensch-Tier-Dualismus verinnerlicht, wenn wir immer unterscheiden und abwägen, sehen zu wenig, dass der Mensch auch Tier ist und negieren unsere innere Natur, wenn wir Tiere nach wie vor als Andere wahrnehmen und nicht als potentielle Interessenspartner.

c) Nicht-speziesistisches Leben mit Tieren?
Die Abschaffung jeglicher Tierhaltung wäre eine klare Absage an das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren. Kein Wunder also, dass diese Variante das Ziel der meisten AntispeziesistInnen und TierbefreierInnen ist. Eine pflanzenbasierte Nahrungs- und Güterproduktion, wie sie mindestens in den Industriegesellschaften möglich ist, könnte die gesamte Gesellschaft versorgen.
Ob es in unserer Gesellschaft Formen von „Tierhaltung“ geben kann, die nicht speziesistisch sind, ist schwer zu sagen. Wenn von einem herrschaftskritischen Antispeziesismus ausgegangen wird, müsste das Zusammenleben mit nichtmenschlichen Tieren auf beidseitiger Freiwilligkeit basieren. Dies würde eine herrschaftsarme Symbiose bedeuten, etwa dergestalt, wie die ursprüngliche Beziehung zu den Rentieren bei den Lappen in Finnland war: Die Tiere folgten als erstes den umherziehenden Menschen, weil sie aus deren Urin für sie wertvolle Salze entnehmen konnten.
Besonders wenn Herrschaftskritik auch die Herrschaft über die äußere und die innere Natur mit einschließt, so wie dies unter anderem von Adorno und Horkheimer gefordert wurde, wäre eine Gesellschaft, die auf einer herrschaftsarmen Symbiose zwischen Menschen, anderen Tieren und dem, was wir sonst als „Natur“ bezeichnen, beruht, die herrschaftsärmste Form des Lebens.

Marcuse Herbert Marcuse antwortete in einem Interview auf die Frage, was nach Errichtung der befreiten Gesellschaft zu tun bleibe, sofort: „Die Tiere befreien natürlich!“ Marcus Hawel schreibt hierzu in seinem Aufsatz Emanzipative Praxis und kritische Theorie: „Da ist eine Rangfolge der Dringlichkeit zu erkennen, der ich nicht widersprechen möchte. Wir haben es noch immer nicht mit einer befreiten Gesellschaft zu tun, weswegen es mir dringlicher erscheint, sich vorrangig für eine solche einzusetzen. Andererseits aber kann ich die trennende Gegenüberstellung – schon gar nicht bei einem Dialektiker vom Schlage eines Marcuse – nicht nachvollziehen. Darum habe ich versucht zu verdeutlichen, daß bei einem erweiterten Bezugsrahmen eine Identität von Subjekt und Objekt der Befreiung erkennbar wird – wir uns mithin selbst befreien, wenn wir aufhören, die Natur als bloße Ausbeutungskategorie und feindselig zu behandeln. Die Gesellschaft ist gleichsam ohne das nicht befreit, und darum gibt es diese Nachgeordnetheit: befreite Gesellschaft und dann Befreiung der Tiere gar nicht. – Ich bin mir aber sicher, könnte Marcuse noch in unseren Reihen sitzen, er würde keine Sekunde lang zögern, meinem Einwand zuzustimmen.“

2. Alle Spezies gleich?
Ähnlich vielseitig zeigt sich der Antispeziesismus gegenüber verschiedenen Spezies.
Deren Fähigkeit, Schmerz zu empfinden und Bewusstseinsformen zu entwickeln, ist noch nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht. Da ist beispielsweise die Frage nach Tieren, die nur ein wenig ausdifferenziertes Nervensystem besitzen; dazu gehören etwa auch Schnecken und Muscheln (Mollusca).
Wir fragen uns also: Wäre eine antispeziesistische Praxis denkbar, die mit allen Mitteln für die Befreiung von Säugetieren, Vögeln usw. kämpft, aber gleichzeitig das Züchten, Töten und Essen solcher Tierarten für legitim hielte? Ist die Produktion von Honig, Schellack, Karmin und sonstigen Produkten, zu deren Gewinnung Insekten benutzt werden, mit der Erzeugung von Leid verbunden?
Martin Balluch stellt in seinem Buch Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte dar, dass zumindest bei Insekten, vor allem bei Bienen, Formen von Bewusstsein ausdifferenziert sind, und rät, sehr vorsichtig damit zu sein, in einem Graubereich, in dem wir uns nicht ganz sicher über die Bewusstseinszustände von Lebewesen sind, einfach eine willkürliche Grenzlinie zwischen bewusst und unbewusst zu ziehen. Er spricht sich dafür aus, „diese Grenzlinie offen zu lassen und nach Möglichkeit davon auszugehen, dass alle Wesen Bewusstsein haben, bei denen wir nicht vollständig vom Gegenteil überzeugt sind.“12

3. Ist Speziesismus global?
Wenn Speziesismus die pseudowissenschaftliche Legitimierung für die Nutzung von Tieren in Industriegesellschaften ist, wie sieht es dann in anderen Gesellschaftsformen aus?
Speziesismus bezeichnet eine Ideologie, die kennzeichnend für eine bestimmte Phase der bürgerlichen Gesellschaft ist, und sollte nicht auf frühere Zeiten zurück-, und nicht in andere Gesellschaftsformen hineinprojiziert werden. Speziesismus, wie wir ihn heute verstehen, ist erst mit der bürgerlichen Aufklärung entstanden und setzt bestimmte mit ihr verbundene Ideen wie etwa die der Freiheit des Individuums voraus. Das heißt: In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gibt es keinen Speziesismus, wie wir ihn kennen. Nichtmenschliche Tiere werden meist, auch wenn sie gejagt werden oder lebensgefährlich für die Menschen sind, als gewissermaßen ebenbürtig empfunden: Auch sie versuchen in ihrem Umfeld zu überleben, jagen und werden gejagt.
Nomadenstämme leben heute fast ausschließlich in Gegenden, in denen keine Nahrung für Menschen angebaut werden kann. Deshalb leben sie von anderen Tieren, mit denen sie umherziehen.
Hier lassen sich Ansätze unseres Speziesismus finden, schließlich werden dort nichtmenschliche Tiere, wie auch häufig Menschen, als Besitz definiert, über die der Besitzer verfügen kann. Um für das eigene Überleben andere zu töten, wird allerdings nur begrenzt Ideologie und Speziesismus benötigt (es genügt die Idee, den eigenen Überlebenswillen über den anderer zu stellen).
Wir schließen uns in dieser spezifischen Frage der Einschätzung der Philosophin Mary Anne Warren an, die in ihrem Aufsatz Sollen alle Menschen Vegetarier werden? schreibt: „Dass ein universelles Verbot der Verwertung von Fleisch und anderen Tierprodukten sich nicht leicht mit den moralischen Rechten von Menschen vereinbaren lässt, kann man etwa am Beispiel von Volksstämmen sehen, deren althergebrachte Arten des Lebensunterhalts die Jagd oder die Aufzucht von Tieren zur Fleischgewinnung und zu anderen Konsumzwecken einschließen und die zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine zufriedenstellenden Ersatzmöglichkeiten finden können“.13
Wenn sich Veganismus und Tierbefreiung aber aktuell in Mexiko, Peru und anderen Ländern ausbreitet, so wird deutlich, dass der Kampf für die Befreiung von Mensch und Tier dort noch viel verknüpfter geführt werden muss.

Mexico
Graffito in Mexico City, Juli 2009.

In Ländern mit einem Anteil indigener Bevölkerung sind es auch jene, die sich für Antispeziesismus und gegen Ausbeutung der Natur aussprechen und engagieren. Beispiele aus den USA, wo die Animal Liberation Front unter anderem in Verbindung mit indigenem Widerstand entstanden ist, zeigen dies. Klar sollte dabei auch sein, dass je nach Situation Antispeziesismus sich nicht immer in der Konsequenz des Veganismus äußern muss.

IV. Unsere Stellung zu den Ansätzen der Tierethik
Dem derzeit geltenden Anthropozentrismus, der den Menschen zum Maß aller Dinge macht, wurden von moralphilosophischer Seite verschiedene Konzepte entgegengesetzt. – Aus dem Antispeziesismus leitet sich für uns nicht zwingend die vollständige Aufgabe des Anthropozentrismus ab, wohl aber mindestens dessen Relativierung. Der Anthropozentrismus ist zumindest so weit zu relativieren, dass bloßer Genuss und Lust des Menschen nicht ausreicht, die Gefangenschaft, Qual und den Tod nichtmenschlicher Tiere und das Ausrotten ganzer Arten zu legitimieren.
Das bekannteste, aber gleichzeitig am wenigsten verbreitetste ethische Konzept, das dem Anthropozentrismus entgegengestellt wird, ist der Biozentrismus, welcher allem Leben Lebenswert zuweist. Dies würde nicht nur das Töten von Pflanzen problematisieren, sondern auch das von Pilzen und Bakterien. Wir haben von keinen AntispeziesistInnen je gehört, die einem vergleichbaren Konzept folgen würden. Bedeutung hat es eher bei bestimmten Strömungen im Ökologie-Bereich.
Das unter TierrechtlerInnen verbreitetere Konzept ist der Pathozentrismus, der das Leiden in den Mittelpunkt ethischer Abwägungen stellt. Auch die linke Tierbefreiungsbewegung betont die gemeinsame Leiderfahrung, allerdings als Grundlage für Solidarität, und fordert eine Ausweitung des klassischen linken Solidaritätskonzeptes auf Tiere – eine „Solidarität mit den quälbaren Körpern“ (Theodor W. Adorno).
Wir fordern Freiheit und Lebensrecht für alle Tiere. Dies ist keinesfalls eine Umkehrung des Marxschen Kategorischen Imperativs,14 wie KritikerInnen der Bewegung unterstellt haben; eine Bewegung, die ausdrücklich für die Befreiung von Mensch und Tier eintritt, zu beschuldigen, sie wolle nicht mehr die Menschen „aus dem harten Griff der Verhältnisse“ befreien, sondern „die Tiere aus ihren Käfigen“,15 hat schlicht keine Substanz. Böswillige Behauptungen solcher Art zeigen nur, dass unsere KritikerInnen uns auf der argumentativen Ebene nichts entgegen zu setzen haben und deshalb auf haltlose Polemik zurückgreifen müssen. Doch die neuen Lebensverhältnisse fordern uns heraus, nicht im Status quo zu verharren, und schon gar nicht wollen wir uns in die schlechte Realität von Vorgestern zurück träumen – wir wollen den Marxschen Kategorischen Imperativ nicht umkehren, sondern ihn erweitern:
Alle Verhältnisse sind umzuwerfen,
in denen fühlende Wesen erniedrigt,
geknechtet und verachtet werden!

Anhang 1: Inwiefern ist der Spezies-Begriff ein Konstrukt?
Wie jede Kategorie ist auch diejenige der „Spezies“ ein Konstrukt: Durch Kategorisierung wird ja versucht, die wesentlich komplexere Wirklichkeit durch Definition (lat. definire: voneinander „abgrenzen“) zu vereinfachen, um sie für Sprache und Verstand besser fassbar zu machen.
Eine allgemein gültige Definition der Art oder Spezies ist bislang nicht gelungen. Ausgeholfen wird sich mit eingeschränkten Definitionen, die nur für bestimmte Bereiche Geltung haben sollen. Der biologische Artbegriff etwa geht davon aus, dass es sich bei einer Art um eine Gruppe natürlicher Populationen handelt, die sich untereinander kreuzen können und von anderen Gruppen reproduktiv isoliert sind.
In der Paläontologie, also in Anwendung auf urzeitliche Befunde, versagt diese Definition allerdings weitgehend, und auch die heute existierende Flora und Fauna sträubt sich in bestimmten Fällen gegen ihre im Zeichen der instrumentellen Vernunft vorgenommene Auf-Teilung.
Der Grund dafür ist ganz einfach: In die Fachsprache der Naturforscher wurde die Bezeichnung Spezies aufgenommen, als deren Vertreter noch von der Geschlossenheit der Arten, der Artenkonstanz, überzeugt waren. Doch die Evolution hat nicht „ein jedes nach seiner Art“ geschaffen, wie es vom Schöpfergott der Genesis heißt. Die Entwicklung der Lebewesen verlief vielmehr in fließendem Übergang, stellt also ein Kontinuum dar; die Abgrenzung von Arten in der heutigen Biologie ist nur möglich, weil viele der „Zwischenstufen“ inzwischen ausgestorben sind. Doch auch heute sind die Grenzen zwischen vielen Spezies oft diffus.
Die bis heute als normativ anerkannte biologische Systematik sieht sich in der Tradition von Carl von Linné (1707-1778). Mit seinem erstmals 1735 erschienen siebenbändigen Werk Systema naturae per regna tria naturae wurde der Grundstein für die moderne biologische Klassifikation gelegt; das Erscheinen der zehnten Auflage im Jahr 1758 gilt als Beginn der zoologischen Nomenklatur. Über die Einhaltung des Linnéschen Systems wacht bis heute die 1895 gegründete International Commission of Zoological Nomenclature (ICZN). „Standards, sense and stability for animal names“ will die ICZN garantieren, wie in ihrer Internetpräsenz verkündet wird.16
Das ursprüngliche Linnésche System teilt in classes, ordines, genera und species ein. In der Klasse der säugenden Tiere sind die Primaten die erste Ordnung, das erste Geschlecht der ersten Ordnung ist der Mensch; die erste Art des ersten Geschlechtes benennt Linné als homo sapiens diurnus, als „vernünftigen Tag-Menschen“, der in vier Unterarten zerfällt, und zwar in americanus, europaeus, asiaticus und afer. Als Kuriosum darf heute gelten, dass zur zweiten Art des ersten Geschlechts, zum homo nocturnus, neben Orang Utan, Schimpanse und „Troglodyten“ auch „Satyr“ und „Kakurlacko“ gezählt wurden.17

linne

Linné, dessen Rasseneinteilung übrigens bereits begann, die nicht als „weiß“ geltenden Menschen zu diskreditieren,18 nahm seine Kategorisierung in dem Glauben vor, Gott hätte eine endliche Anzahl diskreter Arten erschaffen. Beeinflusst durch die metaphysischen Vorstellungen der altgriechischen Philosophen Platon und Aristoteles nahm er außerdem an, die einzelnen Individuen einer Art stünden in keiner speziellen Beziehung zueinander, sondern seien lediglich verschiedene Erscheinungsformen eines Typus. Variationen, also Abweichungen vom Ideal, interpretierten er und seine Schüler als Resultat einer unvollkommenen Manifestation desjenigen Idealtypus, der das „Wesen“ oder die „Essenz“ der jeweiligen Art verkörpern sollte. Eine Spezies galt also als unveränderlicher Typus, der von allen anderen Typen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt ist, und jede Spezies sollte anhand einer Reihe spezifischer Eigenschaften oder Merkmale, an denen man sie von anderen Arten unterscheiden kann, identifiziert werden können.
Es ist also ersichtlich, dass der Begriff der Spezies eine ganze Menge Implikationen mit sich bringt, die mit den Prinzipien kritischer Wissenschaft rein gar nichts gemein haben. Dies wurde bereits von Zeitgenossen erkannt. Georges Louis Marie Leclerc, Comte de Buffon (1707-1788), etwa zweifelte die Sinnhaftigkeit einer taxonomischen Ordnung der Natur in seinem Werk Histoire naturelle générale et particulière (1749), in dem er übrigens auch für eine pflanzliche Ernährung plädierte, an. Er erklärte, „die Natur“ kenne „weder Arten noch Gattungen“, sondern bestünde ausschließlich aus „Individuen“; Gattungen und Arten wären „das Werk unseres Verstandes“, aus „Konvention“ entstandene „Ideen“.19
Charles Darwin hat 1859 festgestellt: „Es gibt so etwas wie Arten nicht“ – tatsächlich bedeute seine Evolutionstheorie den „Tod der Arten“.20

Anhang 2: „Rasse“ und Spezies
Der Begriff der Rasse hat derart wenig Aussagewert, dass er praktisch aufgegeben wurde. Verwendet wird er vor allem noch dazu, um strukturelle Diskriminierung in Gesellschaften, wie beispielsweise jener in den USA oder in Südafrika, zu analysieren.
Auch wenn der Begriff der Spezies wie jener der Rasse ein soziales Konstrukt ist, so erscheint uns die Verwendung des Spezies-Begriffes, im Gegensatz zur Anwendung des Rassenbegriffes auf den Menschen sinnvoll, weil er trotz allem in den meisten Fällen eindeutige Eigenschaften zuzuweisen kann.
Wir sollten dabei aber nie vergessen, dass Kategorisierungen, die auf der einen Seite nützlich und notwendig sind, sich auf der anderen Seite auch negativ auswirken können, vor allem, wenn sie dazu führen, dass sich Dichotomien herausbilden und diese zur Rechtfertigung und Befestigung von Herrschaftsverhältnissen herangezogen werden. Die Juristin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Ganseforth betont gleich zu Beginn ihrer Dissertation über Das Fremde und das Eigene, wie Kategorisierung zur Aufwertung des Eigenen und Abwertung des als anders Definierten führen kann: „Eine solche Spaltung und Polarisierung im Dienste der Wissenschaft begünstigt wissenschaftliche Klarheit, aber sie kann sich auch verselbständigen zu der Annahme, dass es einen grundlegenden Unterschied […] gibt zwischen dem Selbst und dem Anderen, und die vielfältigen Verbindungen zwischen Polen werden nicht mehr gesehen. Der Weg ist geebnet zu linearem Denken […]. Lineares Denken ist nicht selten begleitet von Bewertung […]. In einem solchen Denken besteht die Tendenz zur Hierarchisierung.“21
Wie Herrschaftsverhältnisse durch die Kategorisierung von Menschen in unterschiedliche „Rassen“ legitimiert worden sind, ist allgemein bekannt (Sklaverei, Kolonialismus, Apartheid etc.).

Literatur:
Martin Balluch: Die Kontinuität von Bewusstsein. Das naturwissenschaftliche Argument für Tierrechte, Wien, Mühlheim a. d. Ruhr 2005.
Elisabeth Ganseforth: Das Fremde und das Eigene. Methoden – Methodologie – Diskurse in der soziologischen Forschung. Dissertation, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg 2004.
Wulf D. Hund: Die Körper der Bilder der Rassen. Wissenschaftliche Leichenschändung und rassistische Entfremdung, in: Ders. (Hg.): Entfremdete Körper. Rassismus als Leichenschändung, Bielefeld 2009, 13-80.
Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Band 1, Berlin 1961, 378-391.
Albert Memmi: Rassismus. Aus dem Französischen übersetzt von Udo Rennert, Frankfurt am Main 1987.
Münch, Paul: Wie aus Menschen Weiße, Schwarze, Gelbe und Rote wurden. Zur Geschichte der rassistischen Ausgrenzung über die Hautfarbe, in: Essener Unikate. Berichte aus Forschung und Lehre 6/7 1995, S. 86-97; einsehbar hier.
Ruth Römer: Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland, München 1985.
Mary Anne Warren: Sollen alle Menschen Vegetarier werden?, in: Ursula Wolf (Hrsg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008, 314-17.

  1. Beim Begriff „Speziesismus“ handelt es sich um einen Neologismus, welcher erstmals 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder in einem Flugblatt benutzt wurde, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus auszudrücken, eine „Artenarroganz“ des Menschen gegenüber anderen Spezies. „Speziesismus bezeichnet den gesamten Komplex von Vorurteilen gegenüber Tieren; er meint den menschlichen Chauvinismus, den hemmungslosen Artegoismus, die Gewaltideologie, die Tiere der Verdinglichung, Verachtung und grenzenlosen Ausbeutung ausliefern“ – so Susann Witt-Stahls Definition in ihrem Text Der Speziesismus und seine Verflochtenheit mit herrschenden Ideologien, welche die Antispeziesistische Aktion Tübingen in ihrem Selbstverständnis übernommen hat. Die Kritik am Speziesismus – das bedeutet, am materiellen Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und an jeder Ideologie, mit der dieses legitimiert wird –, sehen wir als Schwerpunkt unserer politischen Arbeit an. [zurück]
  2. Vgl. Anhang. [zurück]
  3. Memmis Rassismus-Definition ist eine der am meisten akzeptierten; seit ihrer Aufnahme in die Encyclopaedia Universalis ist sie grundlegend für Forschung und Lehre geworden. Genau genommen dürfe man aber den Begriff Rassismus nicht verwenden, wenn es um andere Formen der Diskriminierung gehe als eben jener der rassischen. Zur Bezeichnung des allgemeinen Phänomens schlug Memmi daher 1981 den Begriff Heterophobie vor. „Diese Formulierung erfaßt beide möglichen Fälle: den biologischen, allein auf Rassenunterschieden beruhenden Rassismus, und den Rassismus im weiten Sinne, von dem unter anderem die Frauen, Jugendlichen, Homosexuellen und die Behinderten betroffen sind… wenn man will, auch die Tiere“ (Memmi 1987, 213). [zurück]
  4. Balluch 2005, 287. – Balluch nennt 284ff. zahlreiche Beispiele. [zurück]
  5. Tierrechtsgruppe Zürich: Interview mit Marco Maurizi. [zurück]
  6. Vgl. den Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung von Colin Goldner. Aufgrund der Auffassung, dass eine „Tierbefreiungsbewegung, die es ernst meint mit einer herrschaftsfreien Gesellschaft“, solche Strukturen nicht dulden kann, distanzierte sich die Antispeziesistische Aktion Tübingen zusammen mit anderen Gruppen und Organisationen öffentlich von UL: Zur Distanzierung von UL [zurück]
  7. S. z.B. Susann Witt-Stahl: Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern. [zurück]
  8. Sebastian Vollnhans: Neonazis suchen den Schulterschluss mit der Tierbefreiungsbewegung. [zurück]
  9. Susann Witt-Stahl: Der Speziesismus und seine Verflochtenheit mit herrschenden Ideologien. [zurück]
  10. Hierzu empfehlen wir den unterhaltsamen, in die Thematik einführenden Vortrag von Prof. Volker Sommer, Inhaber des Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College in London. [zurück]
  11. Am Rande sei angemerkt, dass um 1880 ausgerechnet der damalige Generalsekretär der ersten englischen Tierschutz-Gesellschaft, der Society for the Prevention of Cruelty to Animals (SPCA), John Colam, die Gesellschaft zum Schutz von Kindern (National Society for the Prevention of Cruelty to Children) gründete. Bereits zwei Jahre zuvor hatten die Gründer der American Humane Society (1877), eines Vereins, bei dem der Schutz von „Kindern und Tieren“ als Vereinsziel in die Statuten geschrieben war, einen ähnlichen Kinderschutzverein ins Leben gerufen (Balluch 2005, 287). [zurück]
  12. Balluch 2005, 349. [zurück]
  13. Warren 2008, 315. [zurück]
  14. Für Karl Marx endet die Kritik an der Religion „mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx/Engels 1961 (MEW 1), 385). [zurück]
  15. So Jan Gerber: All you can eat. [zurück]
  16. International Commission on Zoological Nomenclature [zurück]
  17. Römer 1985, 18. [zurück]
  18. Vgl. Münch 1995, 90f. [zurück]
  19. Zitiert nach Hund 2009, 32. [zurück]
  20. Zitiert nach Balluch 2005, 156. [zurück]
  21. Ganseforth 2004, 1f. [zurück]

Queer-Wagen auf dem Christopher-Street-Day in Stuttgart 2010

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Christopher Street Day – It all started with a riot…
Seit es am 28.06.1969 in New York zum ersten bekannt gewordenen Aufstand „sexueller Minderheiten“ gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung kam, ist der „Christopher Street Day“ ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von LGBTs (Lesbisch Schwul Bisexuell Transgender) in aller Welt. In Deutschland dienten und dienen die „Polit-Paraden“ der Community häufig der Forderung nach (bürgerlichen) Rechten und Gleichberechtigung für schwul-lesbische Lebensformen. Zudem manifestiert sich in den Paraden, aus kritischen und/oder queeren Blickwinkeln, ein medienwirksames Bild einer an Kommerzialität und Konformität kaum zu überbietenden feiernden Szene der Oberflächlichkeiten.

Break out!
Als Judith Butler, Philosophin und Queer-Theoretikerin, am diesjäjhrigen Berliner CSD mit ihrer Ablehnung des Zivilcourage-Preises für einen „Eklat“ sorgte, gab sie gleichzeitig den Anstoss, die CSD-(Protest)-Kultur genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn was als kämpferischer Aufstand begann, scheint mittlerweile kommerzialisiert, instrumentalisiert und ausgrenzend (gegenüber Intersexuellen, Transgendern, Menschen mit Migrationshintergrund und/oder Betroffenen von Mehrfach-Diskriminierung). Zudem wagt sich der CSD kaum, Unterdrückungs- und Herrschaftsmechanismen zu thematisieren oder zu kritisieren: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Transphobie (auch innerhalb der schwul-lesbischen Szene), Intersexualität oder Repression gegen queere Aktivist*innen bleiben thematisch unangetastet und werden ausgeklammert.

Create new!
Wir haben uns für die Beteiligung am CSD in Stuttgart entschieden, um bewusst queere, emanzipatorische, kritische Inhalte auf den CSD zu tragen. An eine zweigeschlechtliche Welt können wir nicht glauben, an Mainstream und Kommerz sind wir nicht interessiert, Nazis können uns gestohlen bleiben und auf Krieg, Repression und Rassismus haben wir keinen Bock. Lust haben wir auf viele Geschlechter und Identitäten, die sich jede*r selbst gestalten kann und auf Selbstbestimmung und Freiräume, in denen wir unsere Träume Wirklichkeit werden lassen können.

Deshalb:
Que(e)rfeld ein auf den CSD nach Stuttgart! Beteiligt euch am Wagen der Libertären Queerulant*innen! Gegen Heteronormativität und Rassismus!

Treffpunkt für die Parade ist am 31. Juli 2010 um 16 Uhr in der Böblinger Straße, Stuttgart.

Bundeswehrgelöbnis am 30. Juli blockieren!

Gelöbnis blockieren

„Jubel über militärische Schauspiele ist eine Reklame für den nächsten Krieg“ (Tucholsky).

Ein solches militärisches Spektakel plant die Bundeswehr am 30. Juli in Stuttgart. Mit einer öffentlichen Vereidigung mitten in der Stadt soll dazu beigetragen werden Aufrüstung und Krieg wieder salonfähig zu machen. Während Deutschland seine imperialistischen Ambitionen1 in immer mehr Teilen der Welt mit Hilfe der Armee absichert, wollen bürgerliche PolitikerInnen und militärische Führung nun auch die Akzeptanz des Militärischen im Inneren erhöhen.
Gegen diese Bestrebungen rufen verschiedene Organisationen und Bündnisse zu Gegenaktivitäten und Blockaden auf. Ziel muss sein, die Propaganda-Show der Bundeswehr, das öffentliche Gelöbnis zu verhindern!

Gemeinsame Anreise aus Tübingen: 30.Juli, 8 Uhr, Tübingen Bahnhof.

Revolutionäres Bündnis: kriegstreiberblockieren.blogsport.de

Infos zu den Blockaden: blockbw.tk

  1. Rudolf Scharping, damals SPD-Minister für das Militärressort, am 21. Januar 2001: „In 25 Jahren ist das Gas in der Nordsee alle, aber in der Region um Afghanistan und im Kaukasus ist alles vorhanden. Und ob dort regionale Sicherheit entsteht, ist im Interesse aller, die in Zukunft aus der Region Energie beziehen wollen“ (vgl. Telepolis-Artikel Deutsche Kriege für das „nationale Interesse“? [zurück]

Zeichen setzen gegen Nationalismus

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Bei den aktuellen Fußball-Großereignissen tritt der Sport in den Hintergrund. Zum Entscheidenden wird vielmehr „die Gelegenheit, eine nationale Feier zu organisieren und deutschen Nationalismus ins Zentrum einer Feier zu stellen“ – so die Einschätzung von Prof. Freerk Huisken, emeritierter Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungswesens am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen.
Nach dem FIFA World-Cup™ 2006 kam in der BRD der Slogan des „Partyotismus“ auf, es war von einer neuen „Gelöstheit“ der Deutschen die Rede, der nunmehr „selbstverständliche“ Umgang mit Nationalsymbolen wurde begrüßt.
„Die Übergriffe von Skinheads auf italienische Fußballfans schockieren Wolfsburg. Bis zu 150 gewaltbereite Krawallmacher sollen beteiligt gewesen sein“ – so lautet ein beispielhafter Bericht aus dieser Zeit (dieser entstammt der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung vom 6. Juli 2006). So sieht also die neue „Gelöstheit“ der Deutschen, so sehen regelmäßig die Ergebnisse des „selbstverständlichen“ Umgangs mit Nationalismus aus. Im Anschluss an das verlorene Spiel gegen die italienische Nationalmannschaft wurden sogar italienische Restaurants angegriffen.
Bei der EM zwei Jahre später ging es nicht anders zu. Übergriffe auf Türken: Randale in Sachsen meldete die dpa am 26. Juni 2008: „Randale und ausländerfeindliche Ausschreitungen haben am Mittwochabend vor allem in Sachsen die fröhlichen Feiern nach dem 3:2-EM-Erfolg der deutschen Fußball-Elf gegen die Türkei überschattet.“
In diesem Jahr hatten deutsche FahnenschwenkerInnen bereits im Mai Gelegenheit, ihrer Obsession Ausdruck zu verleihen – das nationalistische Spektakel um den Eurovision Song Contest war nicht weniger kulturindustriell durchorganisiert als die Fußball-Großereignisse, wurde auf der sprachlich-symbolischen Ebene mit diesen assoziiert, und wie bei letzteren mischten die PolitikerInnen der Bundesregierung, welche die Ablenkung in Zeiten nationalen Taumels gerne nutzen, um unbeliebte Gesetze zu beschließen, kräftig mit. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Lena Meyer-Landrut „ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands“, Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte zu ihr: „Ob gewollt oder nicht, Sie sind eine Botschafterin für unser Land, die in einer Nacht so manches althergebrachtes Vorurteil sympathisch widerlegt hat“, für den damaligen niedersächsischen Minister- und jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff war der Tag ihres Sieges „ein großer Tag für Deutschland“. Stefan Raab, Meyer-Landruts Mentor, verkündete: „Wir haben nach fast 30 Jahren die Europameisterschaft im Singen ins eigene Land geholt“, der ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber sprach von einem „Sommermärchen für Deutschland“; weiter meinte er: „Lenas Sieg ist eine nationale Leistung“, und, in Hinblick auf die kommende WM: „Der erste Teil der nationalen Aufgabe ist erfüllt“.
Am 30. Mai wurde die strahlende Siegerin, die sich eine schwarz-rot-goldne Plastik-Blumenkette wie einen Lorbeerkranz auf dem Kopf befestigt hatte, von 40.000 Menschen in Hannover begrüßt. Die Nachrichtenagentur ddp berichtete: „Schon am Samstagabend hatten rund 20.000 Menschen das Finale des Eurovision Song Contest von zwei großen Leinwänden beim Public Viewing vom Trammplatz aus verfolgt und mit ihrem Star aus Hannover mitgefiebert. Mit hupenden Autos, geschmückt mit Deutschlandfahnen, fuhren sie nach dem Sieg durch die hannoversche Innenstadt und verbreiteten eine Stimmung wie bei der Fußballweltmeisterschaft.“ Wie Millionen andere vor den Bildschirmen konnten sie also live mitverfolgen, wie Meyer-Landrut, als sie mit 60 Punkten Vorsprung bereits weit vorne lag, von der israelischen Delegation null Punkte erhielt. Die Reaktion waren antisemitische Ausbrüche, für welche die Twitter-Nachrichten „Israel, scheiß Juden“ oder „Da hat Lena wohl zu viel Gas gegeben“ exemplarisch stehen.
Auf diese Art und Weise wurde also „in einer Nacht so manches althergebrachte Vorurteil sympathisch widerlegt“?
Doch kritische Nachfragen dieser Art sind unerwünscht und finden kein Gehör – gilt doch der Konsens, dass bei solchen Veranstaltungen „das ganze Land“ nur „friedlich feiert“ – oder besser: Das ganze „Volk“. Denn wie „unsere Lena“ (und „unser Papst“), so scheint auch die Nationalmannschaft im öffentlichen Bewusstsein nicht die BRD zu vertreten, sondern vielmehr das Konstrukt eines „deutschen Volkes“, wobei inzwischen bereits ein ganz „selbstverständlich“ daherkommender Rückbezug auf das „Dritte Reich“ stattfindet: Dieses Jahr wurde sich in der deutschen Medienlandschaft im Vorfeld des FIFA World-Cup™ ausführlich über den niedrigen Altersdurchschnitt der Nationalmannschaft ausgelassen, wobei stets betont wurde, es spiele dieses Mal der jüngste WM-Kader seit 76 Jahren. Bild etwa schrieb: „Die Mannschaft wird bei der WM einen Altersschnitt von nicht einmal 26 Jahren haben. Es wird der jüngste WM-Kader seit 1934 (!) sein. Ganz klar, hier spielt die Zukunft.“ Es ist bemerkenswert, dass nicht ab 1949, dem Jahr der Gründung der Bundesrepublik, gezählt wird – ist das ein Ausdruck der neuen „Gelöstheit“ beim Umgang mit der eigenen Vergangenheit?
Richtiggehend rassistische Reaktionen rief ein Foul von Kevin-Prince-Boateng an Michael Ballack hervor. Innerhalb kürzester Zeit gründeten sich in sozialen Netzwerken im Internet Gruppen wie „Kevin-Prince Boateng – gib deinen deutschen Pass ab!“ und „82.000.000 gegen Boateng!!!“, in denen die Mitglieder forderten, man solle Boateng und am Besten gleich seine ganze Familie abschieben, ihn verbrennen oder ihm „unten herum alles abschneiden“.
Die fünfte Folge der Suhrkamp-Reihe Deutsche Zustände – die quantitativ am breitesten angelegte Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der BRD – gelangt in Hinsicht auf Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit zu folgendem Ergebnis: „Kampagnen, die darauf abzielen, nationalistische oder patriotische Einstellungen zu schüren, bergen die Gefahr, die Abwertung von anderen Gruppen zu fördern. Auch der während der WM zu beobachtende ‚Partypatriotismus‘ zieht keine positiven Effekte nach sich – im Gegenteil, es zeigt sich ein Anstieg des Nationalismus“ – den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Rassismus habe der „Partypatriotismus“ nicht aufgebrochen.


2005 wurde von 25 deutschen Medienunternehmen die von Bertelsmann koordinierte Kampagne „Du bist Deutschland“ ins Leben gerufen. In ihrem Rahmen wurde u.a. Ferdinand Porsche als Vorbild herausgestellt, der zu jenen Industriellen gehörte, die bei der SS um KZ-Häftlinge für ihre eigenen Zwecke gebeten haben. – Das hier gezeigte Foto einer nationalsozalistischen Kundgebung, bei der auch Göring und Goebbels teilnahmen, entstand 1935. Abgedruckt ist es in einem 1999 erschienenen, vom Ludwigshafener Historiker und Stadtarchivar Stefan Mörz herausgegebenen Bildband über Ludwigshafen.

Das Konstrukt der „Nation“ kann sich selbst nur in Abgrenzung zu „Anderen“ definieren; die Bildung von nationalen Identitäten und die Ausgrenzung von Minderheiten in den betreffenden Gesellschaften verliefen daher parallel. Waren etwa die europäischen Juden und Jüdinnen vorher zur „kaukasischen“ – also „weißen“ – „Rasse“ gerechnet worden, so wurden sie während der Phase des Erstarkens der europäischen Nationalismen und der Bildung von Nationalstaaten zu einer eigenen, „minderwertigen Rasse“ erklärt – ihre Stigmatisierung gipfelte im Vernichtungskrieg der von Nationalismus und Rassenwahn getriebenen deutschen Faschisten gegen sie. In Erziehung nach Auschwitz bemerkt Theodor W. Adorno: „Der Völkermord hat seine Wurzel in jener Resurrektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in vielen Ländern sich zutrug.“ – Adorno war, das sei am Rande bemerkt, national aufgeladenen kulturindustriellen Großveranstaltungen gegenüber überaus kritisch eingestellt – im Rahmen einer Erläuterung der soziologischen Theorie von der Eigen- und der Fremdgruppe hat er einmal gesagt, „daß man prinzipiell dem Geist nach bei Sportveranstaltungen einfach fremdenfeindlich ist, überall“ (Video hier).
In gewissen historischen Situationen kann der positive Bezug auf die Nation als Masse des unterdrückten Volkes seit der französischen Revolution emanzipatorischen Charakter haben. Nicht so beim deutschen Nationalismus: Dieser war stets mit Rassismus und expansorischer Aggression verknüpft. Dies hat, wie Léon Poliakov (1910-1997) in seinem Werk Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus (1971) zeigte, tief wurzelnde historische Ursachen. Seine Analyse des „Streits der zwei Rassen“ im ersten Teil des Buchs legt diese frei, indem sie den Blick auf einen entscheidenden Unterschied der Betrachtung jener geschichtlichen Ereignisse lenkt, die im Deutschen als Völkerwanderungen, in anderen europäischen Sprachen aber als Barbareneineinfälle erinnert werden. Bereits der sprachliche Kontrast lässt deutlich erkennen, dass diese Ereignisse aus jener Vergangenheit, welche, so Poliakov, immerhin „zum Bezugszeitraum für die patriotischen Mythologien der bedeutendsten europäischen Nationen werden sollte“, im einen Fall aus einer Innen-, im anderen aus einer Außenperspektive betrachtet werden – in den romanischen Dialekten bezeichnen sie eine Invasion von Außen. Im westfränkischen Reich war die Verschmelzung von Franken und Galloromanen bereits am Ende des ersten Jahrtausends vollendet; doch die – ja stets von der „herrschenden Meinung“, von der Marx sagte, sie repräsentiere stets die Meinung der Herrschenden, bestimmte – Erinnerungskultur machte die germanischen Eroberer zum Kern einer privilegierten Klasse von Freien, des künftigen französischen Adels. Dessen Herrschaftsanspruch gründete sich ideologisch auf die postulierte „edle“ fränkische Herkunft. Im französischen Sprachgebrauch wurde diese Vorstellung konserviert. In Der arische Mythos heißt es hierzu:


Der Franke (Franc), der germanische Mensch, der freie Mensch, läßt sich dem serf (=servus, Diener) ebenso gut gegenüberstellen wie dem Sklaven (= Slave); solcherart scheinen die Schlüsselworte der politischen Geschichte Frankreichs heimlich die Überlegenheit der Germanen sowohl über die Romanen als auch über die Slaven zu suggerieren. Eine Überlegenheit, die sich zugleich auf die „Rasse“ und auf die „Klasse“ bezieht; tatsächlich vermischten sich die soziale Hierarchisierung und die sogenannte rassische Hierarchisierung, die für heutige Begriffe so gegensätzlich erscheinen, ursprünglich ohne weiteres, wodurch die Eroberervölker den besiegten Völkern gegenübergestellt wurden.

Den Rassenbegriff zur Bezeichnung sozialer Schichten zu nutzen erscheint uns heute ungewohnt – tatsächlich handelt es sich aber um eine der beiden ursprünglichen Weisen, wie das Wort angewendet wurde. Als raza und razza seit dem 14. Jahrhundert im Spanischen und Italienischen und race im Französischen in den europäischen Sprachgebrauch gelangten, fanden diese Worte in zwei Kontexten Anwendung: Sie wurden im Bereich der Zuchtwahl an bestimmten Gruppen von Tieren – was die Zurichtung ihrer Körper, vorgenommen, um ihre Nutzbarkeit für den Menschen zu verbessern, meint, und euphemistisch auch „Veredlung“ genannt wird – verwendet, vor allem in der Pferdezucht, und in sozialer Hinsicht wurden die Begriffe zur Beschreibung „adliger“ Abkunft gebraucht. „In beiden Fällen war ‚Rasse‘ Sammelbegriff für jene Eigenschaften, welche die Nobilität, Größe und edle Abstammung des jeweiligen Hauses oder aber des jeweiligen Gestüts ausmachten“, stellt Christian Geulen in seiner Geschichte des Rassismus (München 2007) fest.
An Brisanz gewann der „Streit der zwei Rassen“, der eigentlich ein Klassenkonflikt war, am Vorabend der Französischen Revolution, als der Adel versuchte, seine Privilegien und seinen Herrschaftsanspruch durch die postulierte fränkische Abkunft zu rechtfertigen. Die beherrschten Stände aber kehrten die Argumentation der Aristokraten schlicht um: Qu´est-ce que le tiers-état? (1789) fragte der Abbé Emmanuel Sieyès (1748-1836), und beantwortete diese Frage eigentlich ganz im Sinne der Aristokratie, indem auch er den dritten Stand auf die indigenen Gallier und den Adel auf die eingewanderten Franken zurückführte – doch als Demokrat zog er daraus genau die gegenteiligen Konsequenzen und forderte das „gallische“ Volk dazu auf, das Land von den Invasoren zu befreien und diese zurück in die „germanischen Wälder“ zu jagen, aus denen sie einst gekommen seien. – In jenen Landstrichen, in denen diese „germanischen“ Wälder – oder das, was von ihnen übrig geblieben war – sich befanden, entwickelte sich als Reaktion gegen die Französische Revolution und vor allem gegen die Herrschaft Napoleons eine regelrechte „Teutomanie“. Schon seit Luther zeichnete sich ein deutscher Wahn vom tapferen Germanen, der ins Netz der lateinischen Arglist geraten sei, ab. Zunehmend nahm dieser nun rassistischen Charakter an. Der deutsche Rassismus assoziierte dabei „Rasse“ mit (dem gesamten) „Volk“ – als Beleg dafür musste die Stelle in der Germania des Tacitus (II, 1) herhalten, in der es über die Germanen heißt, sie stellten ein „eigenes, von jeder Mischung freies Volk“ dar. Der Rassismus deutscher Prägung wirkte sich also, im Gegensatz zu Frankreich und Spanien, wo er aufgrund der Nähe zum Klassendenken Spaltungen hervorrief, in Deutschland einigend aus.
Der Nexus von Nationalismus und Rassismus im deutschen Denken zog bekanntermaßen einen negativen Synergieeffekt nach sich, der zu Krieg und Vernichtung in noch nie da gewesenem Ausmaß führte. 1945 hörte dieser Effekt nicht einfach auf; vielmehr wirkte er weiterhin und hat bis heute Folgen. So kam es bereits in den zwei Jahren nach der nationalen „Wiedervereinigung“ im Jahr 1990, dem „Beitritt“ der Deutschen Demokratischen Republik „zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“, zu den schlimmsten ausländerfeindlichen und rassistisch konnotierten Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte. In Hoyerswerda wurden zwischen dem 17. und dem 23. September 1991 AsylbewerberInnen und deren Wohnungen so lange attackiert, u.a. mit Steinen und Molotowcocktails, bis sie alle – nach Darstellung der sächsischen Landesregierung „zu ihrem eigenen Schutz“ – aus der Stadt evakuiert wurden; auch die meisten VertragsarbeiterInnen verließen die Stadt. Ein regelrechtes Pogrom fand im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen statt: Einige hundert RandaliererInnen, die Molotowcocktails in das Gebäude der Zentralen Aufnahmestelle für AsylbewerberInnen für Mecklenburg-Vorpommern warfen und unter Rufen wie „Wir kriegen euch alle, jetzt werdet ihr geröstet“ Benzin ausschütteten und anzündeten, wurden von einer Menge von zeitweise bis zu 2000 Schaulustigen umringt, welche teilweise applaudierten und ausländerfeindliche Parolen skandierten. Im Anschluss kam es dann auch im Westen fast täglich zu neuen Anschlägen auf AsylbewerberInnenheime (Ausschnitt aus einer ARD-Reportage zu den Vorfällen hier).

Im Text WM & Nationalismus: Kein Bock auf euer WIR! der Antifaschistischen Linken Münster heißt es:


Was deutsch sein soll, was einen „Deutschen“ ausmacht, kann nicht aus sich heraus erklärt werden. Es braucht ein Gegenbild; erst im Vergleich zu den „Anderen“ kann das „Eigene“ konstruiert werden. Im gleichen Moment, indem festgelegt wird, wer z.B. „Deutscher“ oder „Türkin“ ist, wird bestimmt, wer nicht dazugehört, wem kein Platz eingeräumt und wer ausgeschlossen wird. […] Lange Zeit wurde dazu auf eine rassistische Definition zurückgegriffen, die mittels Kategorien wie „Blut und Boden“ oder „Hautfarbe“ argumentierte. Selbst wenn mittlerweile im deutschen WM-Team zig Spieler sind, deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben, ist dieser Rassismus nicht Vergangenheit. Nicht nur die NPD forderte 2006, „Weiß – mehr als eine Trikotfarbe. Für eine echte Nationalmannschaft“. Auch „normale“ Fans ereifern sich schnell, es gebe kaum noch „richtige“ Deutsche in der Mannschaft. Auch unter denjenigen, die so „tolerant“ sind, Miroslav Klose oder Mesut Özil als Teil des Teams zu akzeptieren, nimmt diese Toleranz ab, wenn die sportlichen Leistungen ausbleiben. Dann wird eine Leistungsideologie offensichtlich, die auch im Alltag gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund wirksam ist: Akzeptiert werden nur diejenigen, die eine „Leistung“ erbringen. Alle anderen sind höchstens geduldet. Wenn also „ganz Deutschland“ feiert, sind einige Menschen maximal geduldet oder von vorne herein ausgegrenzt. Ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen Flüchtlinge und Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstatus. Während die Nationalmannschaft um den Pokal kickt, planen die Ausländerbehörden die Abschiebung von 14.000 ehemaligen Bürgerkriegsflüchtlingen und ihrer Familien in das Kosovo. Von den Abschiebungen sind vor allem Roma betroffen, denen im Kosovo nicht nur jede Lebensperspektive fehlt, sondern die dort auch von rassistischer Gewalt bedroht sind. Viele Betroffene leben seit über 15 Jahren in Deutschland, viele Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Dazugehören und hier bleiben dürfen sie aber trotzdem nicht, stattdessen sollen sie mit Gewalt außer Landes gebracht werden. So sieht das „weltoffene“, „gelöste“ und „selbstbewusste“ Deutschland aus.

Kaum jemand will als Rassist gelten. Doch in nationalistischer Manier „Flagge zu zeigen“, damit scheinen im Moment die wenigsten ein Problem zu haben. Wenn man aber nicht ganz geschichtsvergessen ist, sollte einem bewusst sein, an welch unheilvolle Tradition man dabei anknüpft. Genau wie der Rassismus war und ist der Nationalismus in Deutschland Grundlage von Leid, Verfolgung und Tod. Wie die Kulturindustrie ihn momentan zur kollektiv-identitätsstiftenden Ware ummünzt, ist eine besonders zynische Verhöhnung seiner Opfer. Es gibt daher keine Rechtfertigung dafür, jetzt mitzulaufen, außer, dass es ja „alle“ tun. Adorno hat die freudige Unterordnung unter Nationalsymbole so bewertet, dass „Affekte, die sonst frei fluten würden, die nicht gebunden sind, weil ja die abstrakte Idee eines Landes die Menschen nicht unmittelbar zu ergreifen vermag“, sich „an das sinnlich Fassbare eines solchen Symbols“ hefteten und bei Kritik daran die entsprechende Person mit jener Empfindlichkeit reagiere, „die man ja kennt gerade als einen Grundzug des autoritätsgebundenen Charakters, der überall dort wütend wird, wo er auf Verhaltensweisen stößt, die also mit dem von ihm konventionell Gesetzten nicht völlig übereinstimmen.“ – Der autoritäre Charakter ist der Titel einer Studie, die urspünglich „Der potentielle Faschist“ heißen sollte…

Der „Mandi“-Comic gegen Nationalismus und Patriotismus der antifaschistischen „gruppe 5″ aus Marburg ist hier einseh- und bestellbar.

Aus: Yok: Quetschenpunk/­Ukulelenpaua,„Schland“:

3757 Kilometer Grenze: Schland! Geleistete jährliche Entwicklungshilfe: 750 Mio Euro. Verteidigungsetat: Jährlich knapp 30 Milliarden Euro. Die Bronzemedaille im Rüstungsexport weltweit für Schland! Und Europameister der Übergewichtigen: Schland! 270000 Bullen: Schland! Und über 3x so viele Millionäre: Schland! Als Gegengewicht dazu: 1 Mio Obdachlose: Schland! Ca. 30 registrierte rassistisch motivierte Straftaten täglich: Schland! Ca. 50 registrierte Abschiebungen täglich: Schland! Viele überleben das nicht: Schland! Zerplatzte Träume: Mehrere Billionen bis unendlich… Eine völlig degenerierte Gesellschaft, in der immer noch die Meinung herrscht, dass hier alles gerecht zugeht und jeder und jede ihre Chance hat… ja natürlich… Scheiß Fahne, scheiß Nation, scheiß System, scheiß Geschichte und eine scheiß Entwicklung ist das! Da winken sie wieder mit Deutschlandfahnen und du kannst dich diesem Anblick kaum erwehren. Dass Patriotismus echt nichts Geiles ist, hast du gedacht, musst du hier keinem mehr erklären. Und so mancher säuft sich dazu noch die Hucke voll und gröhlt dann in der Gruppe, was er kann, merkwürdig reduziert dringt „Schland“ aus ihrem Mund und wir sind unangenehm berührt! Hässlich willkommen in Schland! Fahr’ die Ellenbogen aus und die Träume an die Wand in Schland – langweilig und peinlich und tschüss!





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