Zeichen setzen gegen Nationalismus

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Bei den aktuellen Fußball-Großereignissen tritt der Sport in den Hintergrund. Zum Entscheidenden wird vielmehr „die Gelegenheit, eine nationale Feier zu organisieren und deutschen Nationalismus ins Zentrum einer Feier zu stellen“ – so die Einschätzung von Prof. Freerk Huisken, emeritierter Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungswesens am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen.
Nach dem FIFA World-Cup™ 2006 kam in der BRD der Slogan des „Partyotismus“ auf, es war von einer neuen „Gelöstheit“ der Deutschen die Rede, der nunmehr „selbstverständliche“ Umgang mit Nationalsymbolen wurde begrüßt.
„Die Übergriffe von Skinheads auf italienische Fußballfans schockieren Wolfsburg. Bis zu 150 gewaltbereite Krawallmacher sollen beteiligt gewesen sein“ – so lautet ein beispielhafter Bericht aus dieser Zeit (dieser entstammt der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung vom 6. Juli 2006). So sieht also die neue „Gelöstheit“ der Deutschen, so sehen regelmäßig die Ergebnisse des „selbstverständlichen“ Umgangs mit Nationalismus aus. Im Anschluss an das verlorene Spiel gegen die italienische Nationalmannschaft wurden sogar italienische Restaurants angegriffen.
Bei der EM zwei Jahre später ging es nicht anders zu. Übergriffe auf Türken: Randale in Sachsen meldete die dpa am 26. Juni 2008: „Randale und ausländerfeindliche Ausschreitungen haben am Mittwochabend vor allem in Sachsen die fröhlichen Feiern nach dem 3:2-EM-Erfolg der deutschen Fußball-Elf gegen die Türkei überschattet.“
In diesem Jahr hatten deutsche FahnenschwenkerInnen bereits im Mai Gelegenheit, ihrer Obsession Ausdruck zu verleihen – das nationalistische Spektakel um den Eurovision Song Contest war nicht weniger kulturindustriell durchorganisiert als die Fußball-Großereignisse, wurde auf der sprachlich-symbolischen Ebene mit diesen assoziiert, und wie bei letzteren mischten die PolitikerInnen der Bundesregierung, welche die Ablenkung in Zeiten nationalen Taumels gerne nutzen, um unbeliebte Gesetze zu beschließen, kräftig mit. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Lena Meyer-Landrut „ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands“, Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte zu ihr: „Ob gewollt oder nicht, Sie sind eine Botschafterin für unser Land, die in einer Nacht so manches althergebrachtes Vorurteil sympathisch widerlegt hat“, für den damaligen niedersächsischen Minister- und jetzigen Bundespräsidenten Christian Wulff war der Tag ihres Sieges „ein großer Tag für Deutschland“. Stefan Raab, Meyer-Landruts Mentor, verkündete: „Wir haben nach fast 30 Jahren die Europameisterschaft im Singen ins eigene Land geholt“, der ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber sprach von einem „Sommermärchen für Deutschland“; weiter meinte er: „Lenas Sieg ist eine nationale Leistung“, und, in Hinblick auf die kommende WM: „Der erste Teil der nationalen Aufgabe ist erfüllt“.
Am 30. Mai wurde die strahlende Siegerin, die sich eine schwarz-rot-goldne Plastik-Blumenkette wie einen Lorbeerkranz auf dem Kopf befestigt hatte, von 40.000 Menschen in Hannover begrüßt. Die Nachrichtenagentur ddp berichtete: „Schon am Samstagabend hatten rund 20.000 Menschen das Finale des Eurovision Song Contest von zwei großen Leinwänden beim Public Viewing vom Trammplatz aus verfolgt und mit ihrem Star aus Hannover mitgefiebert. Mit hupenden Autos, geschmückt mit Deutschlandfahnen, fuhren sie nach dem Sieg durch die hannoversche Innenstadt und verbreiteten eine Stimmung wie bei der Fußballweltmeisterschaft.“ Wie Millionen andere vor den Bildschirmen konnten sie also live mitverfolgen, wie Meyer-Landrut, als sie mit 60 Punkten Vorsprung bereits weit vorne lag, von der israelischen Delegation null Punkte erhielt. Die Reaktion waren antisemitische Ausbrüche, für welche die Twitter-Nachrichten „Israel, scheiß Juden“ oder „Da hat Lena wohl zu viel Gas gegeben“ exemplarisch stehen.
Auf diese Art und Weise wurde also „in einer Nacht so manches althergebrachte Vorurteil sympathisch widerlegt“?
Doch kritische Nachfragen dieser Art sind unerwünscht und finden kein Gehör – gilt doch der Konsens, dass bei solchen Veranstaltungen „das ganze Land“ nur „friedlich feiert“ – oder besser: Das ganze „Volk“. Denn wie „unsere Lena“ (und „unser Papst“), so scheint auch die Nationalmannschaft im öffentlichen Bewusstsein nicht die BRD zu vertreten, sondern vielmehr das Konstrukt eines „deutschen Volkes“, wobei inzwischen bereits ein ganz „selbstverständlich“ daherkommender Rückbezug auf das „Dritte Reich“ stattfindet: Dieses Jahr wurde sich in der deutschen Medienlandschaft im Vorfeld des FIFA World-Cup™ ausführlich über den niedrigen Altersdurchschnitt der Nationalmannschaft ausgelassen, wobei stets betont wurde, es spiele dieses Mal der jüngste WM-Kader seit 76 Jahren. Bild etwa schrieb: „Die Mannschaft wird bei der WM einen Altersschnitt von nicht einmal 26 Jahren haben. Es wird der jüngste WM-Kader seit 1934 (!) sein. Ganz klar, hier spielt die Zukunft.“ Es ist bemerkenswert, dass nicht ab 1949, dem Jahr der Gründung der Bundesrepublik, gezählt wird – ist das ein Ausdruck der neuen „Gelöstheit“ beim Umgang mit der eigenen Vergangenheit?
Richtiggehend rassistische Reaktionen rief ein Foul von Kevin-Prince-Boateng an Michael Ballack hervor. Innerhalb kürzester Zeit gründeten sich in sozialen Netzwerken im Internet Gruppen wie „Kevin-Prince Boateng – gib deinen deutschen Pass ab!“ und „82.000.000 gegen Boateng!!!“, in denen die Mitglieder forderten, man solle Boateng und am Besten gleich seine ganze Familie abschieben, ihn verbrennen oder ihm „unten herum alles abschneiden“.
Die fünfte Folge der Suhrkamp-Reihe Deutsche Zustände – die quantitativ am breitesten angelegte Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der BRD – gelangt in Hinsicht auf Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit zu folgendem Ergebnis: „Kampagnen, die darauf abzielen, nationalistische oder patriotische Einstellungen zu schüren, bergen die Gefahr, die Abwertung von anderen Gruppen zu fördern. Auch der während der WM zu beobachtende ‚Partypatriotismus‘ zieht keine positiven Effekte nach sich – im Gegenteil, es zeigt sich ein Anstieg des Nationalismus“ – den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Rassismus habe der „Partypatriotismus“ nicht aufgebrochen.


2005 wurde von 25 deutschen Medienunternehmen die von Bertelsmann koordinierte Kampagne „Du bist Deutschland“ ins Leben gerufen. In ihrem Rahmen wurde u.a. Ferdinand Porsche als Vorbild herausgestellt, der zu jenen Industriellen gehörte, die bei der SS um KZ-Häftlinge für ihre eigenen Zwecke gebeten haben. – Das hier gezeigte Foto einer nationalsozalistischen Kundgebung, bei der auch Göring und Goebbels teilnahmen, entstand 1935. Abgedruckt ist es in einem 1999 erschienenen, vom Ludwigshafener Historiker und Stadtarchivar Stefan Mörz herausgegebenen Bildband über Ludwigshafen.

Das Konstrukt der „Nation“ kann sich selbst nur in Abgrenzung zu „Anderen“ definieren; die Bildung von nationalen Identitäten und die Ausgrenzung von Minderheiten in den betreffenden Gesellschaften verliefen daher parallel. Waren etwa die europäischen Juden und Jüdinnen vorher zur „kaukasischen“ – also „weißen“ – „Rasse“ gerechnet worden, so wurden sie während der Phase des Erstarkens der europäischen Nationalismen und der Bildung von Nationalstaaten zu einer eigenen, „minderwertigen Rasse“ erklärt – ihre Stigmatisierung gipfelte im Vernichtungskrieg der von Nationalismus und Rassenwahn getriebenen deutschen Faschisten gegen sie. In Erziehung nach Auschwitz bemerkt Theodor W. Adorno: „Der Völkermord hat seine Wurzel in jener Resurrektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in vielen Ländern sich zutrug.“ – Adorno war, das sei am Rande bemerkt, national aufgeladenen kulturindustriellen Großveranstaltungen gegenüber überaus kritisch eingestellt – im Rahmen einer Erläuterung der soziologischen Theorie von der Eigen- und der Fremdgruppe hat er einmal gesagt, „daß man prinzipiell dem Geist nach bei Sportveranstaltungen einfach fremdenfeindlich ist, überall“ (Video hier).
In gewissen historischen Situationen kann der positive Bezug auf die Nation als Masse des unterdrückten Volkes seit der französischen Revolution emanzipatorischen Charakter haben. Nicht so beim deutschen Nationalismus: Dieser war stets mit Rassismus und expansorischer Aggression verknüpft. Dies hat, wie Léon Poliakov (1910-1997) in seinem Werk Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus (1971) zeigte, tief wurzelnde historische Ursachen. Seine Analyse des „Streits der zwei Rassen“ im ersten Teil des Buchs legt diese frei, indem sie den Blick auf einen entscheidenden Unterschied der Betrachtung jener geschichtlichen Ereignisse lenkt, die im Deutschen als Völkerwanderungen, in anderen europäischen Sprachen aber als Barbareneineinfälle erinnert werden. Bereits der sprachliche Kontrast lässt deutlich erkennen, dass diese Ereignisse aus jener Vergangenheit, welche, so Poliakov, immerhin „zum Bezugszeitraum für die patriotischen Mythologien der bedeutendsten europäischen Nationen werden sollte“, im einen Fall aus einer Innen-, im anderen aus einer Außenperspektive betrachtet werden – in den romanischen Dialekten bezeichnen sie eine Invasion von Außen. Im westfränkischen Reich war die Verschmelzung von Franken und Galloromanen bereits am Ende des ersten Jahrtausends vollendet; doch die – ja stets von der „herrschenden Meinung“, von der Marx sagte, sie repräsentiere stets die Meinung der Herrschenden, bestimmte – Erinnerungskultur machte die germanischen Eroberer zum Kern einer privilegierten Klasse von Freien, des künftigen französischen Adels. Dessen Herrschaftsanspruch gründete sich ideologisch auf die postulierte „edle“ fränkische Herkunft. Im französischen Sprachgebrauch wurde diese Vorstellung konserviert. In Der arische Mythos heißt es hierzu:


Der Franke (Franc), der germanische Mensch, der freie Mensch, läßt sich dem serf (=servus, Diener) ebenso gut gegenüberstellen wie dem Sklaven (= Slave); solcherart scheinen die Schlüsselworte der politischen Geschichte Frankreichs heimlich die Überlegenheit der Germanen sowohl über die Romanen als auch über die Slaven zu suggerieren. Eine Überlegenheit, die sich zugleich auf die „Rasse“ und auf die „Klasse“ bezieht; tatsächlich vermischten sich die soziale Hierarchisierung und die sogenannte rassische Hierarchisierung, die für heutige Begriffe so gegensätzlich erscheinen, ursprünglich ohne weiteres, wodurch die Eroberervölker den besiegten Völkern gegenübergestellt wurden.

Den Rassenbegriff zur Bezeichnung sozialer Schichten zu nutzen erscheint uns heute ungewohnt – tatsächlich handelt es sich aber um eine der beiden ursprünglichen Weisen, wie das Wort angewendet wurde. Als raza und razza seit dem 14. Jahrhundert im Spanischen und Italienischen und race im Französischen in den europäischen Sprachgebrauch gelangten, fanden diese Worte in zwei Kontexten Anwendung: Sie wurden im Bereich der Zuchtwahl an bestimmten Gruppen von Tieren – was die Zurichtung ihrer Körper, vorgenommen, um ihre Nutzbarkeit für den Menschen zu verbessern, meint, und euphemistisch auch „Veredlung“ genannt wird – verwendet, vor allem in der Pferdezucht, und in sozialer Hinsicht wurden die Begriffe zur Beschreibung „adliger“ Abkunft gebraucht. „In beiden Fällen war ‚Rasse‘ Sammelbegriff für jene Eigenschaften, welche die Nobilität, Größe und edle Abstammung des jeweiligen Hauses oder aber des jeweiligen Gestüts ausmachten“, stellt Christian Geulen in seiner Geschichte des Rassismus (München 2007) fest.
An Brisanz gewann der „Streit der zwei Rassen“, der eigentlich ein Klassenkonflikt war, am Vorabend der Französischen Revolution, als der Adel versuchte, seine Privilegien und seinen Herrschaftsanspruch durch die postulierte fränkische Abkunft zu rechtfertigen. Die beherrschten Stände aber kehrten die Argumentation der Aristokraten schlicht um: Qu´est-ce que le tiers-état? (1789) fragte der Abbé Emmanuel Sieyès (1748-1836), und beantwortete diese Frage eigentlich ganz im Sinne der Aristokratie, indem auch er den dritten Stand auf die indigenen Gallier und den Adel auf die eingewanderten Franken zurückführte – doch als Demokrat zog er daraus genau die gegenteiligen Konsequenzen und forderte das „gallische“ Volk dazu auf, das Land von den Invasoren zu befreien und diese zurück in die „germanischen Wälder“ zu jagen, aus denen sie einst gekommen seien. – In jenen Landstrichen, in denen diese „germanischen“ Wälder – oder das, was von ihnen übrig geblieben war – sich befanden, entwickelte sich als Reaktion gegen die Französische Revolution und vor allem gegen die Herrschaft Napoleons eine regelrechte „Teutomanie“. Schon seit Luther zeichnete sich ein deutscher Wahn vom tapferen Germanen, der ins Netz der lateinischen Arglist geraten sei, ab. Zunehmend nahm dieser nun rassistischen Charakter an. Der deutsche Rassismus assoziierte dabei „Rasse“ mit (dem gesamten) „Volk“ – als Beleg dafür musste die Stelle in der Germania des Tacitus (II, 1) herhalten, in der es über die Germanen heißt, sie stellten ein „eigenes, von jeder Mischung freies Volk“ dar. Der Rassismus deutscher Prägung wirkte sich also, im Gegensatz zu Frankreich und Spanien, wo er aufgrund der Nähe zum Klassendenken Spaltungen hervorrief, in Deutschland einigend aus.
Der Nexus von Nationalismus und Rassismus im deutschen Denken zog bekanntermaßen einen negativen Synergieeffekt nach sich, der zu Krieg und Vernichtung in noch nie da gewesenem Ausmaß führte. 1945 hörte dieser Effekt nicht einfach auf; vielmehr wirkte er weiterhin und hat bis heute Folgen. So kam es bereits in den zwei Jahren nach der nationalen „Wiedervereinigung“ im Jahr 1990, dem „Beitritt“ der Deutschen Demokratischen Republik „zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“, zu den schlimmsten ausländerfeindlichen und rassistisch konnotierten Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte. In Hoyerswerda wurden zwischen dem 17. und dem 23. September 1991 AsylbewerberInnen und deren Wohnungen so lange attackiert, u.a. mit Steinen und Molotowcocktails, bis sie alle – nach Darstellung der sächsischen Landesregierung „zu ihrem eigenen Schutz“ – aus der Stadt evakuiert wurden; auch die meisten VertragsarbeiterInnen verließen die Stadt. Ein regelrechtes Pogrom fand im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen statt: Einige hundert RandaliererInnen, die Molotowcocktails in das Gebäude der Zentralen Aufnahmestelle für AsylbewerberInnen für Mecklenburg-Vorpommern warfen und unter Rufen wie „Wir kriegen euch alle, jetzt werdet ihr geröstet“ Benzin ausschütteten und anzündeten, wurden von einer Menge von zeitweise bis zu 2000 Schaulustigen umringt, welche teilweise applaudierten und ausländerfeindliche Parolen skandierten. Im Anschluss kam es dann auch im Westen fast täglich zu neuen Anschlägen auf AsylbewerberInnenheime (Ausschnitt aus einer ARD-Reportage zu den Vorfällen hier).

Im Text WM & Nationalismus: Kein Bock auf euer WIR! der Antifaschistischen Linken Münster heißt es:


Was deutsch sein soll, was einen „Deutschen“ ausmacht, kann nicht aus sich heraus erklärt werden. Es braucht ein Gegenbild; erst im Vergleich zu den „Anderen“ kann das „Eigene“ konstruiert werden. Im gleichen Moment, indem festgelegt wird, wer z.B. „Deutscher“ oder „Türkin“ ist, wird bestimmt, wer nicht dazugehört, wem kein Platz eingeräumt und wer ausgeschlossen wird. […] Lange Zeit wurde dazu auf eine rassistische Definition zurückgegriffen, die mittels Kategorien wie „Blut und Boden“ oder „Hautfarbe“ argumentierte. Selbst wenn mittlerweile im deutschen WM-Team zig Spieler sind, deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben, ist dieser Rassismus nicht Vergangenheit. Nicht nur die NPD forderte 2006, „Weiß – mehr als eine Trikotfarbe. Für eine echte Nationalmannschaft“. Auch „normale“ Fans ereifern sich schnell, es gebe kaum noch „richtige“ Deutsche in der Mannschaft. Auch unter denjenigen, die so „tolerant“ sind, Miroslav Klose oder Mesut Özil als Teil des Teams zu akzeptieren, nimmt diese Toleranz ab, wenn die sportlichen Leistungen ausbleiben. Dann wird eine Leistungsideologie offensichtlich, die auch im Alltag gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund wirksam ist: Akzeptiert werden nur diejenigen, die eine „Leistung“ erbringen. Alle anderen sind höchstens geduldet. Wenn also „ganz Deutschland“ feiert, sind einige Menschen maximal geduldet oder von vorne herein ausgegrenzt. Ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen Flüchtlinge und Menschen ohne gesicherten Aufenthaltstatus. Während die Nationalmannschaft um den Pokal kickt, planen die Ausländerbehörden die Abschiebung von 14.000 ehemaligen Bürgerkriegsflüchtlingen und ihrer Familien in das Kosovo. Von den Abschiebungen sind vor allem Roma betroffen, denen im Kosovo nicht nur jede Lebensperspektive fehlt, sondern die dort auch von rassistischer Gewalt bedroht sind. Viele Betroffene leben seit über 15 Jahren in Deutschland, viele Kinder sind hier geboren und aufgewachsen. Dazugehören und hier bleiben dürfen sie aber trotzdem nicht, stattdessen sollen sie mit Gewalt außer Landes gebracht werden. So sieht das „weltoffene“, „gelöste“ und „selbstbewusste“ Deutschland aus.

Kaum jemand will als Rassist gelten. Doch in nationalistischer Manier „Flagge zu zeigen“, damit scheinen im Moment die wenigsten ein Problem zu haben. Wenn man aber nicht ganz geschichtsvergessen ist, sollte einem bewusst sein, an welch unheilvolle Tradition man dabei anknüpft. Genau wie der Rassismus war und ist der Nationalismus in Deutschland Grundlage von Leid, Verfolgung und Tod. Wie die Kulturindustrie ihn momentan zur kollektiv-identitätsstiftenden Ware ummünzt, ist eine besonders zynische Verhöhnung seiner Opfer. Es gibt daher keine Rechtfertigung dafür, jetzt mitzulaufen, außer, dass es ja „alle“ tun. Adorno hat die freudige Unterordnung unter Nationalsymbole so bewertet, dass „Affekte, die sonst frei fluten würden, die nicht gebunden sind, weil ja die abstrakte Idee eines Landes die Menschen nicht unmittelbar zu ergreifen vermag“, sich „an das sinnlich Fassbare eines solchen Symbols“ hefteten und bei Kritik daran die entsprechende Person mit jener Empfindlichkeit reagiere, „die man ja kennt gerade als einen Grundzug des autoritätsgebundenen Charakters, der überall dort wütend wird, wo er auf Verhaltensweisen stößt, die also mit dem von ihm konventionell Gesetzten nicht völlig übereinstimmen.“ – Der autoritäre Charakter ist der Titel einer Studie, die urspünglich „Der potentielle Faschist“ heißen sollte…

Der „Mandi“-Comic gegen Nationalismus und Patriotismus der antifaschistischen „gruppe 5″ aus Marburg ist hier einseh- und bestellbar.

Aus: Yok: Quetschenpunk/­Ukulelenpaua,„Schland“:

3757 Kilometer Grenze: Schland! Geleistete jährliche Entwicklungshilfe: 750 Mio Euro. Verteidigungsetat: Jährlich knapp 30 Milliarden Euro. Die Bronzemedaille im Rüstungsexport weltweit für Schland! Und Europameister der Übergewichtigen: Schland! 270000 Bullen: Schland! Und über 3x so viele Millionäre: Schland! Als Gegengewicht dazu: 1 Mio Obdachlose: Schland! Ca. 30 registrierte rassistisch motivierte Straftaten täglich: Schland! Ca. 50 registrierte Abschiebungen täglich: Schland! Viele überleben das nicht: Schland! Zerplatzte Träume: Mehrere Billionen bis unendlich… Eine völlig degenerierte Gesellschaft, in der immer noch die Meinung herrscht, dass hier alles gerecht zugeht und jeder und jede ihre Chance hat… ja natürlich… Scheiß Fahne, scheiß Nation, scheiß System, scheiß Geschichte und eine scheiß Entwicklung ist das! Da winken sie wieder mit Deutschlandfahnen und du kannst dich diesem Anblick kaum erwehren. Dass Patriotismus echt nichts Geiles ist, hast du gedacht, musst du hier keinem mehr erklären. Und so mancher säuft sich dazu noch die Hucke voll und gröhlt dann in der Gruppe, was er kann, merkwürdig reduziert dringt „Schland“ aus ihrem Mund und wir sind unangenehm berührt! Hässlich willkommen in Schland! Fahr’ die Ellenbogen aus und die Träume an die Wand in Schland – langweilig und peinlich und tschüss!






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