Archiv für August 2010

Gesund dank Tierversuchen?

In letzter Zeit sind in Tübingen an einigen Stellen Aufkleber mit dem Slogan Ich bin gesund, dank Tierversuchen! aufgetaucht. Sie wurden jeweils direkt über anderen Aufklebern mit dem Ortsschild-Motiv Tierversuchsstadt Tübingen platziert, welche sich offensichtlich an dem Vorschlag in unserem Aufruf zu einer offenen Aktionsphase gegen Tierversuche in Tübingen orientieren.
Was hinter den Türen Tübinger Institute, finanziert durch öffentliche Gelder, geschieht, würde, geschähe es beim Menschen, Folter und Mord genannt werden. Mit moderner, verantwortungsbewusster Forschung hat das unserer Ansicht nach nichts zu tun, weshalb wir die „Universitätsstadt“ Tübingen in unserem Aufruf vom März zur „Tierversuchsstadt“ erklärten, um Bewusstsein für die Problematik von Tierversuchen in der Öffentlichkeit zu schaffen. Letzteres haben wir, wie die Reaktionen und Gegenreaktionen zeigen, erreicht.
Die Argumentation unserer GegnerInnen ist dabei sehr plump. Dr. med. vet. Corina Gericke von Ärzte gegen Tierversuche, des Vereins, mit dem zusammen wir die Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“ führen, meint dazu, richtig müsste es heißen: „Ich bin gesund, trotz Tierversuchen“. Tierversuche nützen nämlich nicht nur nichts, sie schaden sogar. Sie spiegeln eine Sicherheit wider, die nicht vorhanden ist und sie halten, wegen der falschen Ergebnisse, die sie liefern, den medizinischen Fortschritt auf. Andere Tiere unterscheiden sich vom Menschen hinsichtlich Anatomie, Physiologie und Stoffwechsel wesentlich. Tiere verschiedener Arten können auf Chemikalien und Medikamente ganz unterschiedlich reagieren. Nach der Durchführung eines Tierversuchs kann nicht vorausgesagt werden, ob Menschen genauso oder anders reagieren werden.
Wenn eine Behandlungsmethode beim Tier funktioniert oder eine Substanz im Tierversuch als „sicher“ gilt, muss das beim Menschen noch lange nicht der Fall sein. Im Tierversuch werden die Krankheiten des Menschen auf Symptome reduziert und bei Tieren künstlich hervorgerufen. Sofern sie überhaupt gelingt, wird schon diese künstliche Erzeugung eines Defektes beim Tier als großer Erfolg in den Medien gefeiert. Beispielhaft sei hier die „Krebsmaus“ genannt. Durch Manipulation des Erbguts entwickeln diese Tiere bösartige Tumore. In den letzten 20 Jahren wurden hunderte Behandlungsmethoden „erfolgreich“ an Krebsmäusen getestet – doch beim Menschen versagten sie alle. Der Mensch ist eben doch keine Maus – und schon gar keine gentechnisch manipulierte.
Tatsächlich kommen 93 Prozent der potentiellen Medikamente mangels Wirkung oder wegen unerwünschter Nebenwirkungen nicht durch die klinische Phase, d.h., wenn sie erstmals an Menschen erprobt werden.1 Auch nach der Zulassung richten viele Pharmaprodukte schwere Schäden an. Jüngste Beispiele sind das Gentech-Medikament TGN1412, der Blutfettsenker Lipobay®, das Rheumamittel Vioxx® und das Herzmedikament Trasylol® – alle waren in ausgiebigen Tierversuchen für sicher befunden worden, riefen aber beim Menschen schwerste, oft sogar tödliche Nebenwirkungen hervor. Allein in Deutschland gehen jährlich 58.000 Todesfälle auf das Konto von Nebenwirkungen tierversuchserprobter Arzneimittel.2
Das Versagen der Tierversuchs-Forschung verwundert nicht. Wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, schädliche Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren werden nämlich bei dieser Art der Forschung vollkommen außer acht gelassen. Ergebnisse aus Studien mit Tieren sind daher irreführend und irrelevant.
Anstatt an Forschungsmethoden aus dem vorletzten Jahrhundert festzuhalten, müssen die Vorbeugung von Krankheiten sowie Studien am Menschen zum Beispiel im Bereich der Epidemiologie, klinischen Forschung, Arbeits- und Sozialmedizin ausgebaut werden, um in der Medizin zu wirklichen Fortschritten zu gelangen. Tierversuchsfreie Testmethoden mit menschlichen Zellen und Geweben kombiniert mit ausgeklügelten Mikrochips und speziellen Computerprogrammen, liefern zudem im Gegensatz zum Tierversuch genaue und aussagekräftige Ergebnisse.

Zum Weiterlesen:
Gericke et al.: Was sie schon immer über Tierversuche wissen wollten: Daten und Fakten, Göttingen 2005 (ISBN: 3-926914-45-9).

  1. U.S. Food and Drug Administration Report: Innovation or Stagnation – Challenge and Opportunity on the Critical Path to New Medical Products, March 2004, p.8. [zurück]
  2. Schnurrer JU, Frölich JC: Zur Häufigkeit und Vermeidbarkeit von tödlichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Der Internist, 2003, 44: 889-895. [zurück]

New Roads of Solidarity: Internationaler Antirepressionskongress

antirepkongress2010

Von Freitag, 8.10., bis Sonntag, 10.10., findet an der Universität Hamburg ein internationaler Antirepressionskongress statt, auf dem u.a. auch Tobias Pflüger aus Tübingen referieren wird.
Wer an der Organisation einer gemeinsamen Fahrt von Tübingen aus interessiert ist, kann sich gern mit uns in Verbindung setzen.

Ankündigungstext:
Der „War on Terror“ richtet sich nicht zuletzt gegen die linke Opposition in der westlichen Hemisphäre. Die neue Weltordnung, die auf einer marktradikalen Ökonomie basiert und seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus mit imperialistischen Kriegen durchgesetzt wird, duldet noch linksliberale Emanzipationspolitik, aber keine antikapitalistische Linke. Je freier der Warenverkehr, desto unfreier die Menschen.
In der Krise offenbart das herrschende System sein wahres Wesen: „Friendly Fascism“ (Bertram Gross). Im vergangenen Jahrzehnt wurde ein Sicherheits- und Überwachungsstaat konstituiert, verbunden mit einer rapiden Erosion von Grundrechten wie der Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Ein von den Architekten des Neoliberalismus konzipiertes negatives Menschenbild, dem der weiße (Natur-)Beherrscher Robinson Crusoe (wieder) als Ideal gilt, wird via Medien und Kulturindustrie perpetuiert. Die westliche Gesellschaft degeneriert zur Summe atomisierter Angepasster, die in einem Klima von Angst und Denunziation, Antiaufklärung und Eindimensionalisierung des Denkens leben. Dieser Prozess hat zuweilen groteske Auswüchse, die an George Orwells „Neusprech“ erinnern – eine manipulative herrschaftliche Sprache mit extremer Einschränkung des Bedeutungsspektrums der Worte und dem Ziel, Kritik sprachlos zu machen. „Demokratie“ ist zum Schlagwort verkommen für die ideologische Legitimierung von Freiheitsentzug, Militärgewalt, Folter und (Justiz-)Mord an Menschen, die verdächtigt werden, außerhalb der Grenzen der westlichen Zivilisation zu stehen. Wer sich nicht vor die Wahl „Kapitalismus oder Barbarei“ stellen lassen will oder auch nur durch subversives Bewusstsein auffällt, dem droht Kriminalisierung. Diese richtet sich mehr und mehr gegen alle, die im Kollektiv sozialer Bewegungen, autonomer Strukturen, MigrantInnen- und Flüchtlingsorganisationen, Gewerkschaften oder kapitalismuskritischen Parteien oder auch als Einzelne Widerstand leisten – vor allem die, die nach einer ganz anderen Gesellschaft freier und mit der Natur versöhnter Menschen streben, einer Zukunft, in der Schlachtfelder ebenso als finstere Vorgeschichte gelten wie Schlachthöfe.
Anfang März dieses Jahres begann in Wien ein Strafprozess gegen 13 AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung, denen die Bildung einer kriminellen Organisation gemäß § 278a öStGB – dem Pendant des bundesrepublikanischen Organisationsparagraphen 129 StGB – vorgeworfen wird. 2008 hatten zehn der Angeklagten nach einer überfallartigen Festnahmeaktion und Hausdurchsuchungen durch Sondereinheiten der österreichischen Polizei drei Monate in Untersuchungshaft verbracht. Obwohl ihnen kaum mehr als die regelmäßige Teilnahme an angemeldeten Demonstrationen und die Verschlüsselung von E-Mails – also lediglich die Wahrnehmung elementarer Bürgerrechte –, zur Last gelegt werden kann, drohen den AktivistInnen Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.
Diese „grüne Welle“ staatlicher Repression ging von den Vereinigten Staaten aus. Dort wurde bereits 1992 der „Animal Enterprise Protection Act“ gegen Aktivitäten von TierschützerInnen/ TierbefreierInnen verabschiedet. 2006 hatte die Bush-Administration das bestehende Gesetz durch den „Animal Enterprise Terrorism Act“ verschärft. Die bloße Ankündigung von Protesten gegen Wirtschaftsunternehmen wird als Erzeugung von „reasonable fear“ gewertet, die InitiatorInnen als „Terroristen“ verfolgt. 2005 wurden in Großbritannien Sondergesetze eingeührt, die gegen die Proteste sozialer Bewegungen gerichtet sind. Wurden zunächst TierbefreiungsaktivistInnen mit drakonischen Gefängnisstrafen für Bagatelldelikte belegt, stehen zunehmend auch Antimilitarismus-, Antirassismus und Anti-Atom-Kampagnen im Fokus der Ermittler.
Auf dem Kongress soll der Zusammenhang zwischen Tendenzen der Totalitarisierung kapitalistischer Ökonomie, der sich zunehmend im autoritären Staat offenbarenden Klassenherrschaft und der wachsenden Herausbildung bellizistischer, xeno- und theriophober Ideologeme für die rücksichtslose Durchsetzung von Profitinteressen freilegelegt werden. JuristInnen, JournalistInnen, HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und linke AktivistInnen werden über Geschichte und Gegenwart der Kriminalisierung und Infiltration sozialer Bewegungen, Entstehung der globalen Sicherheitsgesellschaft und Anwendung von Organisationsparagraphen und anderer Repressionsformen im sich zusehends als Weltordnung etablierenden Ausnahmezustand referieren. Weitere Themen sollen die Schlüsselrolle der Medien bei der Manipulation der öffentlichen Meinung und die mentale Aufrüstung der Menschen für den neoimperialistischen „War on Terror“ sein.

Themen:

Professor Moshe Zuckermann (Israel): Rosa Luxemburg – erlebtes Leid, Mitgefühl und gesellschaftliche Revolution – Gedanken über den visionären Kampf um Versöhnung von Mensch und Natur

Melanie Bujok (BRD): Das Spektakel der Drachenbändiger – Reflexionen zur Inszenierung des tierlichen Opfers und der Repression gegen die Tierbefreiungsbewegung auf neoliberalen Marktplätzen

Tobias Pflüger (BRD): Die ökonomische und militärische Seite der Weltmacht Europa

Will Potter (USA): Grün ist das neue Rot – Warum Tierrechts- und ÖkoaktivistInnen als TerroristInnen gebrandmarkt werden

Heinz-Jürgen Schneider (BRD): Deutschlands „Krieg gegen den Terror“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Yossi Wolfson (Israel): Antiterrorgesetze und Repressionen gegen die Zivilgesellschaft in Palästina/Israel

Im Rahmen des Kongresses ist auch eine Podiumsdiskussion, voraussichtlich über die Ideologieproduktion (wie z.B. neue Erscheinungsformen des Antikommunismus) und andere zivilgesellschaftliche Folgen des „War on Terror“, geplant. Darüber hinaus wird es Informationsstände von Antirepressionsgruppen und anderen linken Organisationen geben.
Die Veranstaltung soll ein Forum für internationale Begegnungen, Meinungs- und Wissensaustausch sein – vor allem aber der gemeinsamen Erkundung von „New Roads of Solidarity“, wie sie die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis vor einigen Jahren gefordert hat. Es geht um die Freisetzung eines „kritischen Impulses“, den Davis definiert als „absolute Weigerung, jegliche Permanenz dessen anzuerkennen, was ist
– nur weil es ist“.
Die Vorträge des Kongresses werden teils in deutscher, teils in englischer Sprache gehalten. Für Übersetzungen wird nach Möglichkeit gesorgt.
Das vollständige Programm, die Abstracts, Kurzbiografien der ReferentInnen sowie Informationen zum Ablauf, zur Anmeldung, Anfahrt, zu Unterkünften und Catering werden in den kommenden Monaten auf unserer Internetseite nachzulesen sein.

Wissenschaftlicher Hochschulzusammenschluss zur Erforschung des Mensch-Natur-Verhältnisses

antirepkongresshh2010.tk

Erklärung des Tierbefreiungskongresses 2010

Während des diesjährigen Tierbefreiungskongresses vom 8.-13. August 2010 auf der Burg Lohra in Nordthüringen wurde am 10. August das besetzte Baugelände des geplanten Geflügelschlachthofs in Wietze (Niedersachsen) durch die Polizei geräumt.
Die TeilnehmerInnen des Tierbefreiungskongresses 2010, und damit auch die Antispeziesistische Aktion Tübingen, erklären hierzu:

Vom 24.05.2010 bis zum 10.08.2010 besetzten Tierbefreiungs- und UmweltaktivistInnen das Baugelände des geplanten Geflügelschlachthofs in Wietze/Niedersachsen. Am 10.08.2010 wurde die Besetzung durch die Polizei geräumt, damit die Firma Rothkötter wie geplant zum 14.08.2010 mit dem Bau beginnen kann.
Der Tierbefreiungskongress 2010 erklärt hiermit seine Solidarität mit den BesetzerInnen und fordert, dass der Schlachthof nicht gebaut wird!
Im Schlachten der Tiere findet die Gleichgültigkeit ihren Ausdruck, mit der die menschliche Gesellschaft am Leiden der Tiere vorbeisieht. Der Schlachthof ist eine gesellschaftliche Institution, die das Scheitern der Zivilisation zum Ausdruck bringt, Not und Elend zu beenden. Der Schlachthof ist Gewalt, nichts als Gewalt, gleich einer Gewaltmaschine, die an ihrem einen Ende tierliche Individuen verschlingt und an ihrem anderen zerstückelte Leiber ausspuckt, die nichts mehr erkennen lassen vom einstigen Individuum. Das tierliche Opfer ist Ding geworden – totes Fleisch. Dabei ist es von geringer Bedeutung, dass der neugebaute Schlachthof einmal der größte Europas sein soll. Auch der Bau eines kleinen wäre eine große Katastrophe. Aber der Schlachthof in Wietze verdeutlicht die gigantischen Mordspläne, die verwaltete und rationalisierte Tötung von Tieren sogar noch zu steigern. Die Beendigung der Schlachthofkultur ist Vorbedingung einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Zerstörung und Vernichtung gründet, sondern auf befriedeten Verhältnissen. Es gilt also, eben dieser Kultur des Schlachthofs ihre Legitimität abzusprechen und sie zu bekämpfen. Die Tierbefreiungsbewegung kann und wird nicht dulden, dass weiterhin neue Stätten der Tierausbeutung gebaut werden. Wir werden den politischen Kampf gegen diese gewaltsame Kultur führen und den reibungslosen Ablauf der Ermordung der Tiere immer wieder stören, bis jeder Schlachthof abgerissen wurde.
Die Besetzung in Wietze ist eine unserer Reaktionen auf die Ohnmacht, die auf uns lastet. Aber genau diese Ohnmacht, der wir uns angesichts der Allgegenwart des Schlachthofs als Prinzip der bestehenden Gesellschaft gegenüberstehen, geht ein in unseren Protest und lässt unsere Wut zu Widerstand werden.
Mit der Bauplatzbesetzung des geplanten Schlachthofs in Wietze erkämpft sich die Tierbefreiungsbewegung Handlungsräume zurück, die ihr genommen wurden. Der aktive Widerstand gegen den Bau von Schlachtanlagen provoziert die staatlichen Repressionsorgane, und erneut ist eine politische Verfolgung der Tierbefreiungsbewegung zu erwarten. Der Kampf gegen diese Ermordungsanlagen ist jedoch legitim, auch wenn er illegalisiert wird. Ziviler Ungehorsam ist eine notwendige Reaktion auf das gesellschaftliche Unrecht, das Tieren widerfährt.
Der Tierbefreiungskongress 2010 fordert, dass jegliche Pläne, den Schlachthof in Wietze zu bauen, gestoppt werden. Die BesetzerInnen dürfen nicht kriminalisiert werden. Wir fordern eine Gesellschaft, in der Schlachthöfe und Tierversuchslabore, Pelzfarmen und Mastanlagen zur dunklen Geschichte, aber nicht mehr zur Gegenwart gehören.
In Wietze werden zwei Möglichkeiten deutlich: Unsere Gesellschaft muss sich entscheiden zwischen der Ausbeutung von Tieren und deren Befreiung.
Wir solidarisieren uns mit den BesetzerInnen und danken ihnen für ihr Durchhaltevermögen und ihren Kampf für die Befreiung der Tiere!

Tierbefreiungskongress 2010

Blog der Besetzung: antiindustryfarm.blogsport.de




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