Archiv für September 2010

Zu Pro-Sarrazin-Aufklebern in Tübingen

Auch in Tübingen sind Pro-Sarrazin-Aufkleber aufgetaucht. Sie zeigen ein Bild von Thilo Sarrazin und der Aufschrift „WENDE“. Aufkleber dieser Art sind bisher vor allem mit der zusätzlichen Aufschrift „www.sezession.de“ bekannt.
Die Zeitschrift Sezession wurde 2003 vom Institut für Staatspolitik (IfS) gegründet; mit dem 2. Februar 2009 wurde die Website der Zeitschrift zum Internetportal beziehungsweise Blog erweitert. Das der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit nahestehende IfS veranstaltet regelmäßig Sommer- und Winterakademien, an denen auch schon Mitglieder der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und deren Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) teilnahmen. Bekanntestes Beispiel ist der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Arne Schimmer. Das von Erik Lehnert (Geschäftsführung) und Karlheinz Weißmann (wissenschaftlicher Leiter) geführte Institut gilt als Denkfabrik der Neuen Rechten.
Diese macht gerade in ganz Europa mobil gegen „den Islam“ und erzielt dabei immer größere (Wahl-)Erfolge. Dass es in Deutschland noch keine erfolgreiche rechtspopulistische Partei mit diesem Thema gibt, ist eine Ausnahme. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schreibt diese Woche unter der Überschrift Kontinent der Angst: „Seit der SPD-Politiker Thilo Sarrazin ein Buch geschrieben hat, in dem muslimische Zuwanderer als existentielle Bedrohung für Deutschland erscheinen, und seit Sarrazin dafür auch Zuspruch erfahren hat, fragen sich viele Leitartikler, Forscher, Politiker, ob Deutschland ein Sonderfall bleiben wird. Es ist bisher fast das einzige Land in Westeuropa, in dem noch keine rechtspopulistische Partei den Volkszorn auf den Islam und das Establishment bündelt.“ In Ungarn, in der Schweiz und in Italien befinden sich solche Parteien bereits in der Regierung.
Zunehmend wird von diesen Kräften ein (Neo- oder Kultur-)Rassismus gegen Muslime geschürt. Anders als im modernen Rassismus seit dem 14. und 15. Jahrhundert, bei dem z.B. auch Muslime in Spanien aufgrund ihres „Blutes“ diskriminiert wurden (die „Estatutos de limpieza de sangre“, also Statuten von der „Reinheit des Blutes“, die erstmalig 1449 für den Rat der Stadt Toledo niedergelegt wurden, gelten einigen Autoren als Vorwegnahme der Nürnberger Rassegesetze), ist der biologische Rassenbegriff nach dem Holocaust in Verruf geraten, so dass heutzutage kaum mehr jemand als Rassist gelten will. Diskriminierung gibt es aber natürlich nach wie vor.
Gegenwärtig erleben wir die zunehmende Schließung westlich-europäischer Gesellschaften, die in der Konstruktion eines „orientalischen Anderen“ ein neues, „okzidentales“ Selbst suchen. Im Unterschied zur binarisierten Systemkonkurrenz des Kalten Krieges findet eine Verschiebung und Neukonstituierung (west-)europäischer Identitäten statt; diese Selbstvergewisserungsprozesse spitzen sich insbesondere seit „9/11″ in ihren Projektionen auf einen bedrohlichen „Orient“ zu. Dazu bedienen sie sich eines Konglomerats von unberechenbaren Schurkenstaaten, omnipräsenten TerroristInnen und anpassungsverweigernden muslimischen MigrantInnen. Leidenschaftliche und nicht selten rassistisch und sexistisch geführte Debatten um die Grenzziehungen werden geführt.
Für dieses Phänomen wurde der Begriff Okzidentalismus geprägt. Es geht dabei „um die Herstellung von orientalisierter Andersheit bei gleichzeitiger Vergewisserung von okzidentalisierenden ‚Eigen‘-heiten“; das Konzept wurde geprägt durch Fernando Coronil.1
Als Okzidentalismus bezeichnet Coronil „[…] all jene Praktiken der Repräsentation, die an der Produktion von Konzeptionen der Welt beteiligt sind“, die „(1) die Komponenten der Welt in abgegrenzte Einheiten unterteilen; (2) ihre relationalen Geschichten voneinander trennen; (3) Differenz in Hierarchie verwandeln; (4) diese Repräsentationen naturalisieren; und so (5) an der Reproduktion existierender asymmetrischer Machtbeziehungen, und sei es noch so unbewußt, beteiligt sind“.2
Es ist auch die Rede von einem „Neo-Rassismus“ ohne Rassen,3 der sich dadurch auszeichnet, nun statt Biologie eine angeblich unveränderbare kulturelle Differenz in Stellung zu bringen, auch differentialistische oder kulturalistische Rassismen genannt.
Ina Kerner fasst zusammen: „Die zentralen Merkmale des differentialistischen bzw. „Neo-Rassismus“ sind erstens, dass er unter Rekurs auf kulturelle Differenzpostulate operiert und auf biologische Verweise verzichtet und zweitens, dass er statt Hierarchien zwischen verschiedenen „Rassen“ Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen postuliert. […] Zielrichtung des differentialistischen „ausländer“– beziehungsweise „fremden“-feindlichen Neo-Rassismus [ist] die Reinhaltung beziehungsweise Entmischung von homogen vorgestellten Kollektiven, meist Nationen“.4
Für den peruanischen Soziologen Aníbal Quijano erfolgte die Verbreitung des Eurozentrismus mit Hilfe von zwei „Gründungsmythen“, von denen auch das neo-rassistische Denken noch geprägt ist: Vom Evolutionismus als der Vorstellung, dass die Menschheit eine lineare Entwicklung mehrerer aufeinander folgenden Stufen von einem ursprünglichen Naturzustand bis zur westlichen Zivilisation zu durchlaufen hatte, und vom Dualismus als Ansicht, dass die Unterschiede zwischen EuropäerInnen und Nicht-EuropäerInnen über unüberwindbare natürliche Kategorien wie primitiv-zivilisiert, irrational-rational, traditionell-modern erklärt werden können.5 – „Diesen beiden Mythen sowie der logischen Verbindung zwischen ihnen lag die Natur-Kultur-Dichotomie zugrunde“, meint Manuela Boatcă dazu.6 Hierbei handelt es sich um die „konstitutiven Mechanismen sozialer Differenzierung im modernen Weltsystem, demzufolge Frauen, Kinder, ältere Menschen, Arme, Nicht-Weiße, Menschen der Peripherie und Tiere der natürlichen Welt zugerechnet und somit als ungeordnet, lohn-unwürdig, rechtmäßig ausbeutbar und kontrollbedürftig angesehen wurden. Weiße Männer aus oder in Zentrumsregionen stellten das Gegenteil dessen dar und waren somit mit der Kontrolle der Ersteren betraut“.7
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Logik des Evolutionismus wie des Dualismus in die Praxis umgesetzt. Die daraus resultierende Hierarchisierung von Differenz war abwechselnd um Konzepte von Rasse, ethnischer Herkunft, oder beides herum organisiert. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm der okzidentalistische Diskurs eine besonders komplexe Form an, als es zu einer kognitiven Verunschärfung seiner zentralen Begrifflichkeit kam: Mit Ende des Zweiten Weltkrieges fand die Dekolonialisierung der Welt, die Delegitimierung des wissenschaftlichen Rassismus (d.h. der „rassischen“ Diskriminierung mittels einer biologischen Rhetorik) statt. Nun wurde zunehmend auf einen naturalisierten Kulturbegriff rekurriert (im Sinne desjenigen, den Huntington verwendet, um den „samtenen Vorhang“ durch Europa zu(zu)ziehen). „Geographisch entfernte Kulturen wurden entsprechend als geschlossene Einheiten mit jeweils inkompatiblen Werten und Normen behandelt, die sie auf unterschiedliche, aber ebenfalls unvereinbare Stufen in einem linearen Prozess wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung stellten. Ihre Interaktion war deshalb notwendigerweise ein Zusammenprall (clash)“.8 Diese diskursive Verschiebung vom biologischen zum kulturellen Rassismus geht mit einer scheinbaren Verlagerung des Schwerpunkts von „Rasse“ zu Ethnizität einher.
Gerade die Äußerungen von Thilo Sarrazin, der behauptet, Muslime seien weniger intelligent und Intelligenz sei vererbbar, so dass es die muslimischen Einwanderer nie „zu etwas bringen“ könnten, oder ein „jüdisches Gen“ annimmt, zeigen, dass der Neo-Rassimus auch immer wieder auf die Biologie rekurrieren kann. Tatsächlich handelt es sich bei den Positionen Sarrazins um eugenische Vorstellungen – die Eugeniker plädierten ja ebenfalls für eine Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik, die den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen vergrößern und den negativ bewerteter Erbanlagen verringern sollte. Sigmar Gabriel wunderte sich vor Kurzem, dass ein solcher Rückgriff auf die Eugenik in Deutschland gar nicht mehr auffalle. Sarrazin hielte das Entstehen von „oben“ und „unten“ in unserer Gesellschaft für das Ergebnis natürlicher Auslese durch Vererbung und greife dabei auf bevölkerungspolitische Theorien zurück, „die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden“.9 Wundern kann man sich allerdings auch darüber, dass Gabriel nicht aufzufallen scheint, dass die Sozialgesetzgebung der BRD längst eugenischen Charakter hat – der kürzlich beschlossene zukünftige Wegfall des Elterngeldes für Langzeitarbeitslose ist nur ein Beispiel für Maßnahmen sozialer Auslese.
Die materielle Basis jeder ideologischen Legitimation für Unterdrückungsverhältnisse muss angegriffen, der Rassismus in all seinen Wandlungen sowie alles, was die Klassenherrschaft und andere Herrschaftsverhältnisse befestigt, bekämpft werden, damit die Gesellschaft frei werden kann.

  1. Fernando Coronil: Beyond Occidentalism. Toward Nonimperial Geohistorical Categories, in: Cultural Anthropology 11 (1), 51-87. [zurück]
  2. zitiert nach der deutschen Übersetzung: Jenseits des Okzidentalismus. Unterwegs zu nichtimperialen geohistorischen Kategorien, in: Sebastian Conrad, Shalini Randeria (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt a.M. 2002, 177-218, 184. [zurück]
  3. vgl.: Étienne Balibar, Immanel Wallerstein: Rasse, Klasse und Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg 1990, 28. [zurück]
  4. Ina Kerner: Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus, Frankfurt a.M. 2009, 134. [zurück]
  5. Aníbal Quijano: Coloniality of Power, Eurocentrism, and Latin America, in: Nepantla Views from South 1 (3), 2000, 533-574, 556, 543. [zurück]
  6. Manuela Boatcă: Lange Wellen des Okzidentalismus. Ver-Fremden von Geschlecht, „Rasse“ und Ethnizität im modernen Weltsystem, in: Gabriele Dietze, Claudia Brunner, Edith Wenzel (Hg.): Kritik des Okzidentalismus. Transdisziplinäre Beiträge zu (Neo-)Orientalismus und Geschlecht, Bielefeld 2009, 233-250. [zurück]
  7. ebd. – Boatcă gibt hier die Position von Sheila Pelizzon wieder (Writing on Gender in World-Systems Perspective, in: Ramón Grosfoguel, Ana-Margarita Cervantes-Rodríguez (Hg.): The Modern/Colonial Capitalist World-System in the Twentieth Century, Westport 199-211). [zurück]
  8. ebd., 244. [zurück]
  9. http://www.zeit.de/2010/38/SPD-Sigmar-Gabriel. [zurück]

Protestaktion in Tübingen gegen den Bau von Europas größtem Schlachthof

Parallel zum Antispe-Süd-Vernetzungstreffen, das dieses Wochenende in Tübingen stattfand, protestierten am Samstag AktivistInnen der Tierrechtsinitiative Region Stuttgart (TiRS) mit einer ungewöhnlichen Mahnwache auf dem Tübinger Holzmarkt gegen den geplanten Bau des Hühnerschlachthofs in Wietze (Landkreis Celle).
Den PassantInnen wurden stumm tote Hühner, gebettet auf schwarze Kissen, präsentiert. Auf Transparenten wurde gefordert, den Bau des Schlachthofs zu beenden.
Acht Hühner pro Sekunde sollen in Wietze getötet werden. Das sind 27.000 Hühner pro Stunde und 135 Millionen Hühner pro Jahr. Das umstrittene Großprojekt der Gruppe Rothkötter wäre damit der größte Geflügelschlachthof in Europa. Um diese riesige Anlage auszulasten, müssten im Umfeld zusätzlich rund 450 Mastbetriebe mit je 40.000 Tieren entstehen. Tatsächlich ist der Markt für Hühnerfleisch in Deutschland längst übersättigt, bereits heute werden hierzulande rund 6 Prozent mehr Tiere geschlachtet als gegessen. Dennoch soll der Neubau in Wietze mit 9 Millionen Euro aus Steuergeldern subventioniert werden – zuzüglich weiterer Millionen im anschließenden Betrieb, wie die Stuttgarter TierrechtlerInnen betonen.
Während des diesjährigen Tierbefreiungskongresses vom 8.-13. August 2010 auf der Burg Lohra in Nordthüringen wurde am 10. August das besetzte Baugelände des geplanten Geflügelschlachthofs durch die Polizei geräumt. Die TeilnehmerInnen des Kongresses erklärten sich mit den BesetzerInnen solidarisch, forderten, dass der Schlachthof nicht gebaut wird und erklärten: „Die Beendigung der Schlachthofkultur ist Vorbedingung einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Zerstörung und Vernichtung gründet, sondern auf befriedeten Verhältnissen. Es gilt also, eben dieser Kultur des Schlachthofs ihre Legitimität abzusprechen und sie zu bekämpfen. Die Tierbefreiungsbewegung kann und wird nicht dulden, dass weiterhin neue Stätten der Tierausbeutung gebaut werden“ (die vollständige Erklärung findet sich hier).
Nicht nur die Tierbefreiungsbewegung sowie Tierrechts- und Tierschutzorganisationen, auch die großen Naturschutzorganisationen lehnen das Projekt, aufgrund der enormen ökologischen Belastung, ab.
Die TiRS sprach sich am Samstag für ein generelles Moratorium gegen den Bau von Schlachthöfen aus und bezog damit Position zur aufkeimenden gesellschaftlichen Diskussion über den Fleischkonsum: Immer mehr Menschen stellen die Rolle von Fleisch als Lebensmittel längst grundsätzlich in Frage. Die Tübinger Mahnwache der TiRS stand denn auch im Zeichen der Internationalen Woche zur Abschaffung von Fleisch. Zeitgleich fanden in München und im französischen Montpellier ebenfalls Protestaktionen gegen das Schlachthofprojekt in Wietze statt – ein Projekt, dessen „Wahnsinn“ immer mehr Menschen bewusst wird.

Ankündigung: „Feuer, Feuer, Ungeheuer! …die Party“

23. September, ab 22 Uhr, Ludwigstr. 15, Hausbar.

Ankündigungstext:
Unbekannte haben am 30. Juli die noch im Bau befindliche Hähnchenmastanlage in Sprötze (Niedersachsen) niedergebrannt. Menschen oder Tiere wurden dabei nicht gefährdet. Zur Tat bekannten sich Tierbefreier_innen. Diese Massenzuchtanlage wäre mittlerweile in Betrieb. Dass sie das nicht ist, wollen wir feiern! (Massen)Tierhaltung abschaffen! Support the Animal Liberation Front!

Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“

Den LeserbriefschreiberInnen, die den Bericht des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs zum Gastspiel des Zirkus Charles Knie am 18. und 19. August in Tübingen als „PR-Beitrag für den Zirkus Knie“ beschrieben, dem TAGBLATT vorgeworfen haben, den Zirkus „in propagandistischer Manier“ beworben und „begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren“ unterstützt zu haben, „die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt“, ist zuzustimmen.1
Tatsächlich liest sich der Artikel vom 18. August über „Seelöwen, Tiger, Kamele und weiße Araberpferde“ wie eine gewerbliche Anzeige zur Bewerbung des Zirkus. Das TAGBLATT findet einmal mehr kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle. Dabei sind auch bei diesem Zirkus Missstände dokumentiert (etwa hier oder durch Videos bei Youtube, in welchen Tiere mit Stereotypien – Verhaltensstörungen, bei welchen immer wieder die gleichen Bewegungen ausgeführt werden und die auf die Haltungsbedingungen zurückzuführen sind –, zu sehen sind).
Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen. Im Pressekodex des Deutschen Presserates heißt es z.B.: „Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht […] Die Glaubwürdigkeit der Presse als Informationsquelle gebietet besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material.“2
Bereits im September 2009 demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus, damals war der Anlass ein Gastspiel des Zirkus Universal Renz. Da das TAGBLATT „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das TAGBLATT veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“, und wies darauf hin, „dass der Zirkus die Vorgaben in Bezug auf artgerechte Haltung, Versorgung und Nutzung der Tiere sogar überfülle [sic]“. Ähnlich wie im Juli dieses Jahres, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren (hier findet sich der Artikel, hier, hier und hier kritische Leserbriefe), so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf von Universal Renz zu retten – dabei sind die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen (hier haben wir die dokumentierten Missstände dargestellt).
Schon zuvor hatten wir in einem Leserbrief auf zahlreiche Vorkommnisse bei Universal Renz, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors hingewiesen. Leider wurde den LeserInnen die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem fast der gesamte Brief, nämlich jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten z.B. über die Verurteilungen von Daniel Renz enthielt, vom TAGBLATT einfach weggelassen wurde.

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Der gesamte Text, den wir an die Leserbriefredaktion übersandten, und von dem lediglich der letzte Absatz gedruckt wurde, lautete:


Von 3.-6. Sept. gastiert in Tübingen der Zirkus Universal Renz. Dieser ist nicht nur für den katastrophalen Umgang mit den Tieren, die dort ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbringen – einzig zu dem Zweck, Menschen für kurze Zeit zu unterhalten –, bekannt, sondern auch für besondere Härte im Vorgehen gegen Menschen, die diese Zustände anprangern. In diesem Zusammenhang wurde Zirkusdirektor Daniel Renz 1995 und 2000 wegen Körperverletzung, 2007 wegen Beleidigung und im April 2009 wegen versuchter Nötigung zu Geldstrafen verurteilt. Beim Gastspiel in Hannover im Mai 2009 versuchte ein Zirkus-Mitarbeiter, Tierschützer mit einem LKW anzufahren; während dieser Tat applaudierten die versammelten ZirkusmitarbeiterInnen und würdigten somit diese Tat. Ein Strafverfahren wegen versuchter Körperverletzung wurde eingeleitet.
Die Beanstandungen der Veterinärämter und die gegen Renz erlassenen Ordnungsverfügungen sind derart zahlreich, dass sie hier nicht angeführt werden können (gesammelt unter http://www.peta.de/web/home. cfm?p=2467). Auch bereits beim letzten Gastspiel in Tübingen im Jahr 2000 stellte das hiesige Veterinäramt Mängel bei Tierhaltung und Dokumentationspflicht fest.
Die Tierbefreiungsbewegung fordert Freiheit und Lebensrecht für alle fühlenden Lebewesen. Gerade die traditionellen Tierschauen werden auch von einer breiteren kritischen Öffentlichkeit zunehmend als das entlarvt, was sie sind: Lebensverachtende Spiele. Die Zeit ist reif, dass Unterhaltung, die auf der Misshandlung von Tieren basiert, nicht mehr toleriert wird! Ermöglicht wird sie durch zahlende Besucher. Deshalb rufen wir zum Boykott auf und laden für Samstag, 14 bis 16 und 18 bis 20 Uhr, für Sonntag, 10 bis 11.30 und 18 bis 20 Uhr zu Demonstrationen am Veranstaltungsort ein.

In einem erneuten Leserbrief, den wir am 20. August dieses Jahres der TAGBLATT-Redaktion zukommen ließen, bezogen wir zunächst Position zur aktuellen Berichterstattung über das Gastspiel des Zirkus Charles Knie und beschrieben dann – wie eingangs geschildert – das Vorgehen des TAGBLATTs in der Vergangenheit. Erneut griff das TAGBLATT nun zum Mittel der Zensur. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Dieses Mal aber wurde der Leserbrief sogar nicht mehr nur bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, die Redaktion weigerte sich schlicht, ihn abzudrucken – mit fadenscheinigen Argumenten: „Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir eine abgeschlossene Diskussion, die an einem zeitlich ziemlich weit zurückliegenden Beispiel geführt wurde, nicht noch einmal aufrollen. Zum einen, weil für die meisten Leser nicht mehr nachvollziehbar ist, worum es überhaupt geht. Zum anderen, weil wir schon damals Ihre angeblich ‚harten, nachprüfbaren Fakten‘ eben nicht nachprüfen konnten und sie deshalb auch nicht veröffentlicht haben“, teilte uns die Redaktion mit.
Diese Argumentation der Zeitung ist eine Farce: Zum einen handelt es sich offensichtlich nicht um eine „abgeschlossene Diskussion“ – vielmehr gibt es ja eine aktuelle Leserbrief-Debatte zur Berichterstattung der Zeitung über Tierhaltung im Zirkus, und da ist es nicht unangebracht, auch auf den Stil der bisherigen Berichterstattung des Blattes zum Thema zu verweisen –, zum anderen hatten wir in unserem Leserbrief vom September 2009 tatsächlich nur harte, nachprüfbare Fakten angegeben; wir hatten ja sogar einen Link genannt, unter dem sowohl die behördlichen Ordnungverfügungen in Bezug auf Mängel in der Tierhaltung, als auch die Verurteilungen mit Aktenzeichen genannt und damit leicht nachprüfbar waren. Dass dies alles irgendeinem Mitarbeiter des Veterinäramts Tübingen einmal gerade nicht präsent ist (obwohl dieses, wie im Leserbrief erwähnt, ja bereits bei einem Gastspiel des Zirkus im September 2000 Beanstandungen hatte), ist nicht weiter verwunderlich. Die genannten Sachverhalte bleiben aber nachprüfbare Fakten und sind keinesfalls leere Beschuldigungen oder gar „üble Nachrede“, wie die Leserbriefredaktion nun, in ihrem auf den 20. August 2010 datierten Brief an uns, behauptet. Wir sehen deshalb keinen Grund, sie einfach wegzulassen, nur noch das vom Leserbrief übrig zu lassen, was eben nicht durch Fakten untermauert ist, und unser Anliegen auf diese Weise zu diskreditieren.
Bei unseren Aktionen gegen Universal Renz im September 2009 haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, konfrontiert mit den dokumentierten Missständen beim Zirkus, umkehrten und die Vorstellung nicht besuchten. Durch die Verstümmelung des Leserbriefs im TAGBLATT wurde den LeserInnen die Mündigkeit genommen, sich selbst ein Bild zu machen; so konnten sie die Fakten nicht nachprüfen, sondern mussten sich auf das Urteil der Redaktion verlassen. Dieses aber war nachweislich falsch! Die Zeitung wäre verpflichtet gewesen, eine Richtigstellung zu drucken. Im Pressekodex heißt es: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.“
Das TAGBLATT findet, sei es bei Universal Renz oder beim Zirkus Charles Knie, kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle.3 Gleichzeitig unterdrückt die Redaktion offensichtlich absichtlich nachprüfbare Fakten durch die massive Kürzung oder das Nicht-Abdrucken von Leserbriefen4 und manipuliert die Meinung der LeserInnen, indem sie etwa statt einer normalen, neutralen Veranstaltungsankündigung – wie es üblich wäre – eine wertende, und vor allem: unser Anliegen abwertende und diskreditierende, Ankündigung unter der Unterschrift „Tierhaltung in Ordnung“ bringt.
Prinzipiell finden wir die im Grunde sehr demokratische Leserbrief-Kultur beim TAGBLATT überaus begrüßenswert; wenn es allerdings zu solchen Manipulationen kommt, hat das mit demokratischer Kultur nicht mehr viel zu tun.

Ergänzung, 24. September 2010:
Der Brief der TAGBLATT-Redaktion vom 20. August an uns endete mit dem Satz: „Selbstverständlich können [Sie] [sic] sich gern kritisch über unsere Berichterstattung über den aktuellen Auftritt des Zirkus Charles Knie in einem Leserbrief äußern, wie das auch andere Leserbriefschreiber getan haben.“ – Wir schrieben also erneut einen Leserbrief. Diesmal wurde der Brief abgedruckt, auch online ist er auf der Seite des TAGBLATTs – hier – einsehbar; wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass, wie das „(. . .)“ hinter dem Satz Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf die Tierhaltung in Zirkussen mehr als einseitig ist zeigt, auch dieser Brief wieder gekürzt wurde, und zwar um den Satz Da die Redaktion sich weigerte, einen Leserbrief von uns, in dem wir das bisherige Vorgehen der Zeitung diesbezüglich öffentlich machen wollten, zu drucken, haben wir die entsprechenden Vorkommnisse nun auf unserer Internetpräsenz beschrieben; sie sind nachzulesen unter asatue.blogsport.de.
Auf Nachfrage teilte uns die Redaktion heute mit, der Absatz mit dem Hinweis auf unsere Homepage sei weggekürzt worden, „weil es sich dabei nicht um eine Meinung, sondern eben um den Hinweis auf eine Homepage“ handle – obwohl der Link zu unserer Internetpräsenz bereits in mehreren unserer Leserbriefe genannt und auch veröffentlicht wurde, sowohl in der Druckausgabe als auch im Online-Angebot des TAGBLATTs.

  1. Der im Artikel hochgelobte Zirkus „Charles Knie“ ist keinesfalls, wie suggeriert, lustige Unterhaltungsmöglichkeit für Jung und Alt, sondern, im Gegenteil, perfide Machtdemonstration des Menschen. Im „artenreichsten Zirkus Deutschlands“ werden zahllose Tiere in vollkommen inadäquater Art und Weise gefangen gehalten und gequält.
    Zirkustiere leiden erwiesenermaßen unter zu engen Käfigen und der konstanten Belastung durch stetes Reisen. Dies zeigt sich an prägnanten krankhaften Verhaltensweisen wie stetigem Im-Kreis-Gehen bei Raubtieren, Hin-und Herschwingen des Kopfes bei Elefanten und so weiter.
    Schon im vergangenen Sommer bot die Stadt Tübingen dem Zirkus „Universal Renz“ ein herzliches Willkommen, bei dessen Tieren die aufgezählten Verhaltensweisen durchweg beobachtbar waren. Will eine Stadt und ihr renommiertes TAGBLATT Tierquälerei und Ausbeutung derart weiter stützen?! Nicht genug der Tatsache, dass derartigen Zirkussen ein Forum geboten wird, sie werden auch noch in propagandistischer Manier von der Tageszeitung beworben.
    Für tierfreie Zirkusse! Jongleure und Artist(inn)en sollten sich auf eigene Kunstfertigkeit berufen und nicht auf durch Zwang abgerichtete Tiere!

    19. August 2010, Manuel Angermann, Tübingen.

    Sehr geehrte Frau Kurz, (. . .) Leider ist es wohl noch nicht bis zu Ihnen vorgedrungen, dass Tiere (insbesondere Exoten) in Zirkussen nicht ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen können. Frau Kurz, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, bei Ihrem Artikel handelt sich um einen PR-Beitrag für den Zirkus Knie.
    Zirkus ist kein Spaß für Tiere! Das haben die Regierungen von vielen zivilisierten Ländern (Österreich, England, Dänemark, Finnland und andere) längst erkannt und die Wildtierhaltung in Zirkussen verboten beziehungsweise stark eingeschränkt.

    25. August 2010, Tina Schrade, Oberndorf.

    (. . .) Auch der begeisterte Bericht von Frau Kurz (. . .) ist grauenhaft! Als ehemaliger Biologielehrer bin ich bestürzt über die Unwissenheit und fehlende Empathie von Frau Kurz. Im Vorwort des Lehrplans Biologie steht sinngemäß: „Ein wichtiges Ziel ist, Schüler und Schülerinnen zur Achtung vor der Natur und deren Lebewesen zu erziehen.“ Dieser Auftrag an Lehrer und Eltern wird durch den Artikel ins Gegenteil verkehrt!
    Wer auch nur die geringste Ahnung vom Verhalten und den Bedürfnissen von Tieren hat, kann nur entsetzt sein! Ich will nicht näher eingehen auf den Dauerstress bei „geschmetterten Hits von Lady Gaga“, auf die unerträgliche Haltung und den Transport der bedauernswerten Geschöpfe. Frau Kurz unterstützt begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren, die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt.
    Weit schlimmer ist jedoch, dass das Bemühen von Lehrern und Eltern, ihre Kinder zu ermutigen, dabei mitzuhelfen, endlich solchem tierquälerischem Treiben ein Ende zu machen, durch Glorifizieren einer „perfekten Show“ zerstört wird. Ein Lob den Eltern, die mit ihren Kindern an einer solchen „Reise um den Globus“ nicht teilnehmen (bei der ja leider Elefanten fehlen und das Känguru nur über eine niedrige Hürde hüpfen muss)!
    Wann endlich begreifen Frau Kurz und alle Besucher, dass der Missbrauch von Tieren zur Belustigung von Menschen ein Verbrechen ist? Ich habe in Tübingen auch Zirkusse besucht, die ohne Tiere die Zuschauer begeisterten. (. . .)

    25. August 2010, Roland Sinn, Bodelshausen. [zurück]

  2. http://www.presserat.info/uploads/media/Pressekodex_01.pdf [zurück]
  3. Auszüge aus der Berichterstattung: „In der Pause bereits dürfen die Besucher die 78 Tiere des Zirkus unter freiem Himmel ansehen, sie zum Teil sogar streicheln und füttern – die tonnenschweren Elefantendamen Maya, Baby und Mausi beispielsweise. Unterdessen machen die frechen Lamas lange Hälse und schnappen nach allem, was in ihre Nähe kommt. Besonders stolz ist Zirkusdirektor Renz auf den zweieinhalb Monate alten Nachwuchs seiner sibirischen Tiger, die im Käfig mit ihrer Mutter tollen.“ – „Den wasserliebenden Tieren soll es an nichts mangeln.“ – „Tatsächlich: Wer etwas von Pferden versteht, sieht, dass es den Friesen gut geht, die auf einem umzäunten Stück Wiese grasen.“ [zurück]
  4. Hierzu heißt es im Pressekodex: „Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt“, und: „Änderungen oder Kürzungen von Zuschriften ohne Einverständnis des Verfassers sind grundsätzlich unzulässig. Kürzungen sind jedoch möglich, wenn die Rubrik Leserzuschriften einen regelmäßigen Hinweis enthält, dass sich die Redaktion bei Zuschriften, die für diese Rubrik bestimmt sind, das Recht der sinnwahrenden [!] Kürzung vorbehält. Verbietet der Einsender ausdrücklich Änderungen oder Kürzungen, so hat sich die Redaktion, auch wenn sie sich das Recht der Kürzung vorbehalten hat, daran zu halten oder auf den Abdruck zu verzichten.“ [zurück]



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