Archiv für Oktober 2010

Stuttgart Pelzfrei/Weltvegantag

Samstag, 30.10., 13 Uhr, Stuttgart, Schlossplatz:

Stuttgart pelzfrei!

Treffpunkt zur gemeinsamen Fahrt nach Stuttgart:
11.20 Uhr, Tübingen Hauptbahnhof.

Montag, 1.11., ab 11 Uhr, Tübingen, Holzmarkt:
Aktion zum Weltvegantag: Vegane Verköstigung, Filme, Informationen.

Aktionswochenende in Tübingen

Mit Kabelbinder gefesselte „Angeklagte“ vor einer „Richterin“

Zum Auftakt des Aktionswochenendes gegen Repression wurden auch im süddeutschen Raum zahlreiche Kundgebungen abgehalten, u.a. in München, Freiburg und Tübingen.
Das auf dem Holzmarkt in Tübingen aufgeführte Straßentheater bezog sich auf den zur Zeit in Östereich laufenden Prozess gegen 13 TierrechtlerInnen. Mehrere mit Kabelbinder gefesselte Personen standen in einer Reihe, wie Angeklagte in einem Prozess, während ein Text verlesen wurde. Parallel dazu wurden Flyer an PassantInnen verteilt.

Flyer:

Aktionsbündnis Süd: Pressemitteilung zum Aktionswochenende

Aktionswochenende gegen Repression: Zahlreiche Aktionen auch im süddeutschen Raum

In Österreich sorgt seit dem 2. März 2010 ein Prozess für Aufregung. 13 TierrechtlerInnen wird vorgeworfen, eine kriminelle Organisation nach §278 a gebildet zu haben. Am Wochenende vom 22. bis 24. Oktober gehen jetzt Menschen weltweit auf die Straße – so auch in Tübingen, Freiburg, Salzburg und München. Sie kämpfen für die Abschaffung des Paragraphen 278 des österreichischen Strafgesetzbuches, für einen Freispruch der betroffenen AktivistInnen und gegen staatliche Repression. Die Proteste beginnen am Freitag mit einem Straßentheater auf dem Holzmarkt in Tübingen, einem Infostand am Münchner Marienplatz und weiteren Aktionen in Freiburg. Am zweiten Tag des Aktionswochenendes wird eine Demonstration in Salzburg stattfinden. Sie richtet sich gegen das pelzverkaufende Modegeschäft Kleider Bauer, dessen Inhaber als Initiatoren des Prozesses gelten. In österreichischen Medien wurde das Verfahren bereits mehrfach thematisiert, in Deutschland wird dies nach einem lautstarken Aktionswochenende wohl auch der Fall sein.

Quellen:
www.antirep2008.org/?p=3216#more-3216 – Hintergrundinfos zur Repression
http://tierschutzprozess.at/ – Protokolle aus dem Prozess
http://asatue.blogsport.de/ – Antispeziesistische Aktion Tübingen
http://tierbefreiungmuenchen.blogsport.de/ – TierbefreierInnen in München
http://www.tif.objectis.net/ – Tierrechtsinitiative Freiburg

Medienberichte aus Österreich:

Standard:
Verteidiger im Tierschützer-Prozess sehen bis dato keine Beweise
Der Tierschützerprozess als Warnung und Auftrag

Die Presse:
Tierschützer-Prozess ufert aus, Gutachten wackeln
Tierschützer: Österreichs skurrilster Prozess

Globales Aktionswochenende gegen Repression

Globales Aktionswochenende gegen Repression
& für die Befreiung von Mensch und Tier
22. bis 24.Oktober 2010

Aktion auf dem Tübinger Holzmarkt: Freitag, 22.10., 18 Uhr

Die neue Weltordnung, die auf einer marktradikalen Ökonomie basiert und seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus mit imperialistischen Kriegen durchgesetzt wird, duldet noch linksliberale Emanzipationspolitik, aber keine antikapitalistische Linke. Je freier der Warenverkehr, desto unfreier die Menschen. Im vergangenen Jahrzehnt wurde ein Sicherheits- und Überwachungsstaat konstituiert, verbunden mit einer rapiden Erosion von Grundrechten wie der Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Ein von den Architekten des Neoliberalismus konzipiertes negatives Menschenbild, dem der weiße (Natur-)Beherrscher Robinson Crusoe (wieder) als Ideal gilt, wird via Medien und Kulturindustrie perpetuiert. Wer sich nicht vor die Wahl „Kapitalismus oder Barbarei“ stellen lassen will oder auch nur durch subversives Bewusstsein auffällt, dem droht Kriminalisierung. Diese richtet sich mehr und mehr gegen alle, die im Kollektiv sozialer Bewegungen, autonomer Strukturen, MigrantInnen- und Flüchtlingsorganisationen, Gewerkschaften oder kapitalismuskritischen Parteien oder auch als Einzelne Widerstand leisten – vor allem die, die nach einer ganz anderen Gesellschaft freier und mit der Natur versöhnter Menschen streben, einer Zukunft, in der Schlachtfelder ebenso als finstere Vorgeschichte gelten wie Schlachthöfe.
In einer Zeit aggressiver Feldzüge für die Ausbeutung der letzten Naturressourcen und Zerstörung und Kontaminierung der letzten natürlichen Lebensräume ist der Anbruch einer neuen McCarthy-Ära gegen Öko- und TierbefreiungsaktivistInnen nur eine logische Konsequenz. Was in den 1920er Jahren als „Red Scare“ gegen KommunistInnen und AnarchistInnen begann, erfährt mit „Green Scare“ historische und politische Kontinuität: In ihrem Bericht von 2008 hat EUROPOL die Ökologiebewegungen in mehreren europäischen Ländern als „terroristische Gefahr“ eingestuft.
Anfang März dieses Jahres begann in Wien ein Strafprozess gegen 13 AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung, denen die Bildung einer kriminellen Organisation gemäß § 278a öStG – dem Pendant des bundesrepublikanischen Organisationsparagraphen 129 StGB – vorgeworfen wird. 2008 hatten zehn der Angeklagten nach einer überfallartigen Festnahmeaktion und Hausdurchsuchungen durch Sondereinheiten der österreichischen Polizei drei Monate in Untersuchungshaft verbracht. Obwohl ihnen kaum mehr als die regelmäßige Teilnahme an angemeldeten Demonstrationen und die Verschlüsselung von E-Mails – also lediglich die Wahrnehmung elementarer Bürgerrechte –, zur Last gelegt werden kann, drohen den AktivistInnen Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.
Diese „grüne Welle“ staatlicher Repression ging von den Vereinigten Staaten aus. Dort wurde bereits 1992 der „Animal Enterprise Protection Act“ gegen Aktivitäten von TierschützerInnen/TierbefreierInnen verabschiedet. 2006 hatte die Bush-Administration das bestehende Gesetz durch den „Animal Enterprise Terrorism Act“ verschärft. Die bloße Ankündigung von Protesten gegen Wirtschaftsunternehmen wird als Erzeugung von „reasonable fear“ gewertet, die InitiatorInnen als „Terroristen“ verfolgt. 2005 wurden in Großbritannien Sondergesetze eingeführt, die gegen die Proteste sozialer Bewegungen gerichtet sind.1
Wovor bereits seit langem gewarnt wird, hat sich bestätigt: Genau wie der §129 in der BRD wird §278 in Österreich dazu verwendet, politisch aktive Menschen zu überwachen und zu kriminalisieren. Sollte hier die Anwendung des §278 als Präzedenzfall vor Gericht durchgehen, sind wir nicht nur einem repressiven Überwachungsstaat einen gewaltigen Schritt näher, sondern es wird auch nur noch eine Frage der Zeit sein, welche Bewegungen es als nächstes treffen wird.
Doch wir lassen uns nicht einschüchtern! „One Struggle – One Fight“, um zu zeigen, dass Unterdrückungen vielseitig und komplex sind, nicht isoliert betrachtet werden können, sondern miteinander verschränkt sind. Für eine herrschaftsfreie, solidarische Gesellschaft muss auf allen Ebenen und immer wieder auch gemeinsam gekämpft werden!

>JINGLE ANHÖREN<

Mehr Informationen: antirep2008.org, antirep278a.blogsport.de.

  1. Text bis zu dieser Stelle: antirepkongresshh2010.tk [zurück]

ESCADA beendet Pelzhandel

ESCADA Campaign

Nur ein Tag nach der Veröffentlichung unseres Offenen Briefes, in dem wir das größte Modehaus Tübingens und einige Tübinger Boutiquen bitten, auf den Verkauf von Echtpelz zu verzichten, gibt der Modekonzern ESCADA, der seit 2007 Ziel der Escada-Campaign war, bekannt, den Echtpelzverkauf komplett aufzugeben. Als Teil der OGPI haben auch wir im Rahmen der Kampagne seit 2007 lokal vor allem vor den Escada-Filialen in Metzingen und in Stuttgart demonstriert, überregional bei der Teilnahme an Veranstaltungen wie beispielsweise „Wiesbaden Pelzfrei“ am 19. Januar 2008 oder der Antispe-Großdemo am 15. November 2008 in Berlin, die unter dem Motto „Animal Liberation! Escada aus dem Pelzhandel kicken!“ stand.
Nachdem ESCADA im Juni angekündigt hatte, „keine Zuchtpelze mehr“ zu verwenden, wird der Luxusgüterkonzern ab Januar 2011 komplett auf die Verwendung von Echtpelz verzichten. Eine entsprechende Mitteilung wurde in der Branchenkreisen verbreitet. Im Wortlaut heißt es: „Mit der Frühjahr/Sommer 2011 Kollektion, die ab Januar 2011 in den Geschäften erhältlich sein wird, verwendet ESCADA keine Pelze mehr. Nachdem ESCADA bereits mit der Prefall 2010 Kollektion, die ab Mai dieses Jahres verkauft wurde, keine Zucht- bzw. Edelpelze mehr eingesetzt hatte, verzichtet das Unternehmen nun komplett auf Pelze, also auch auf Kaninchen und Karakul. Diese Entscheidung ist unbefristet.“
ESCADA war seit Oktober 2007 Ziel einer Tierrechts- und Tierbefreiungskampagne des Global Network Against the Fur Industry. Die Kampagne richtete sich gegen den Verkauf von Echtpelzwaren. Der Modekonzern hatte bereits im Juni angekündigt, ab der Herbstsaion 2010 auf die Verwendung von „Zuchtpelzen“ zu verzichten. Auf Nachfragen, welche Fellarten diese „Pelzfreiheit“ einschließe, reagierte der Konzern ausweichend oder gar nicht. Klar wurde jedoch bald: Felle bestimmter Tierarten, wie z.B. Kaninchenpelze, sollten weiterhin Teil der Kollektionen des Münchner Unternehmens sein. Die Escada-Campaign rief daraufhin zu einer Wiederaufnahme der Proteste und zu einem internationalen Aktionswochenende gegen den Pelzverkauf des Unternehmens vom 15. bis 17. Oktober auf. Zahlreiche Gruppen weltweit hatten bereits Aktionen angekündigt und gefordert, dass das Unternehmen alle Fellarten, einschließlich Kaninchen- und Karakulfelle, aus dem Sortiment nimmt. Mit der Entscheidung, auch auf die Verwendung von Kaninchenfell und das von der Pelzindustrie verarbeitete persische Lammfell (Karakul) zu verzichten, sieht die Escada-Campaign die Forderungen an das Unternehmen als vollständig erfüllt und die Kampagne als erfolgreich beendet an. Es wird daher dazu aufgerufen, die geplanten Proteste am Aktionswochenende und in den kommenden Wochen einzustellen. Escada-Campaign und Global Network Against the Fur Industry danken allen, die sich in der Vergangenheit mit Aktionen an der Kampagne beteiligt haben oder diese anderweitig unterstützt haben.
Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, hoffen, dass wir auf lokaler Ebene genauso erfolgreich sein werden und die Tübinger Modehäuser davon überzeugen können, fortan keine Echtpelzprodukte mehr zu führen.

Offener Brief an Mode Zinser u.a.

Mode Zinser Tübingen
– Geschäftsleitung –
Karlstr. 5-9
72072 Tübingen

Sehr geehrter Herr Graul,

dieser offene Brief richtet sich an Sie als Tübingens größtes Modehaus, sowie an Tübinger Boutiquen wie Pur Pur, St. Tropez, Bellababs, Marbello/Gossip, Erika Frommelt GmbH, Le Amiche und Hot Couture.1 Sie alle verkaufen Kleidung mit „Pelz“.
In Ihrem Geschäft haben wir Anfang dieses Monats Jacken und Mäntel mit „Pelz“-Besatz vorgefunden. Folgende von Ihnen angebotene Marken haben entweder einen „Racoon-“ – wohl einen vom Marderhund, der von der Pelzindustrie verschleiernd als „Waschbär“ bezeichnet wird –, oder einen von Kaninchen stammenden Besatz oder bestehen komplett aus Kaninchenfell: Napapijri, Milestone, Cinque, Blacky Dress, St. Emile, Airfield, Boss.
Wir möchten Sie bitten, sich über die Bedingungen, unter welchen „Pelz“ produziert wird, zu informieren. Zwei Texte mit kurzen Informationen zu Marderhund und Kaninchen legen wir bei. Fotos, welche zeigen, unter welchen Bedingungen in der Pelzindustrie Kaninchen gehalten und geschlachtet werden, finden Sie unter der Internetadresse http://www.rabbitfur.org/d/resources.htm.

Zur Herstellung von „Pelz“ müssen Gewalthandlungen begangen werden; diese sind systematische Praxis und keine Ausnahmeerscheinung der Pelzindustrie. Die Gefangenschaft und Tötung tierlicher Individuen verletzt und zerstört, unabhängig von der Art der „Haltung“ und Tötung, die betroffenen Individuen. Auch die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften oder von der Pelzwirtschaft selbst aufgestellter Regeln (z.B. der Verweis auf bestimmte selbst erstellte Zertifikate) können diese Tatsache nicht ändern. Solche Hinweise sind lediglich ein Versuch, die KonsumentInnen zu täuschen und das mit der „Produktion“ von Pelz notwendigerweise verbundene Leid tierlicher Individuen, deren Haut zur Ware gemacht wird, zu verschleiern. Gewalt gegen Tiere ist nicht ästhetisch. „Pelz“ ist die abgezogene Haut eines geschundenen Tieres – diese Tatsache wird von einem bestimmten KonsumentInnenkreis, innerhalb dessen „Pelz“ als „Luxus“ gilt, noch immer in Kauf genommen.
Dabei ist die Ablehnung von Echtpelz und der damit einhergehenden Gewalt gegen Tiere längst gesellschaftlicher Konsens; verbunden damit ist die Ächtung von Unternehmen, welche sich durch den Verkauf von Echtfellprodukten am tausendfachen Mord fühlender Individuen beteiligen.

Unternehmen, die am Verkauf von Echtpelzen festhalten, müssen heute mit der Unzufriedenheit und mit Protesten einer aufgeklärten Zivilgesellschaft gegenüber dieser Unternehmenspolitik rechnen.
Aus dieser gesellschaftskritischen Sicht stellt die Beendigung des Pelzverkaufs eine notwendige Mindestanforderung an Unternehmen dar. Die Respektierung der körperlichen Integrität und Freiheit tierlicher Individuen liegt außerhalb des Ermessensspielraums jedes Einzelnen und ist somit keine Frage persönlicher Entscheidung oder des persönlichen Geschmacks, sondern ein unverzichtbarer Grundsatz einer freien und solidarischen Gesellschaft. Der Verkauf von Echtpelzen kann somit weder mit unternehmerischer Freiheit noch mit der Wahlfreiheit der KonsumentInnen begründet werden, denn dies würde Willkür statt Freiheit und Ignoranz gegenüber dem Leben betroffener tierlicher Individuen bedeuten.

Marderhund, lebendig gehäutet.

Als Teil der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) wenden wir uns deshalb heute an Sie. Die Offensive gegen die Pelzindustrie ist ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen und Einzelpersonen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Pelzhandel in all seinen Erscheinungsformen abzuschaffen (Pelzverkaufstopp in einzelnen Waren- und Modehäusern, Schließung von Pelzläden und sog. Pelztierfarmen, gesetzliches Verbot der Pelztierhaltung) und somit die Gewalt, die von diesem gegenüber Tieren ausgeübt wird, endgültig zu beenden. Seit die Offensive gegen die Pelzindustrie im Jahre 2000 mit dem strategischen Campaigning gegen den Pelzverkauf einzelner Modehäuser begonnen hat, haben unter anderem folgende Unternehmen im Angesicht der massiven Proteste den Verkauf von Echthaarfellen/Tierpelzen beendet:

2001: Otto-Versand,
2002: Karstadt-Quelle AG,
Nerzfarm Roßberger (geschlossen),
2003: C&A,
2006: Peek & Cloppenburg, Appelrath-Cüpper, Schöps, Turek, Kaufhof,
2007: Adler Modemärkte, Gerry Weber Sinn Leffers, Bonita,
2008: Globetrotter, Vögele,
2009: BiBA.

Zuletzt hat Escada als Reaktion auf permanente Proteste angekündigt, auf den Verkauf von Zuchtpelz zu verzichten. Teilweise haben diese Unternehmen den unbefristeten Verzicht auf Echtpelze in ihren Code of Conduct aufgenommen und sich damit zur notwendigen unternehmerischen Verantwortung gegenüber Tieren bekannt.
Wir möchten Sie bitten, es ihnen gleichzutun und ebenfalls auf den Verkauf von Echtpelz in Zukunft zu verzichten.

Mit freundlichen Grüßen,

Antispeziesistische Aktion Tübingen und die gesamte Offensive gegen die Pelzindustrie.

Antispeziesistische Aktion Tübingen
c/o Infoladen
Schellingstr. 6, 72072 Tübingen
asatue.blogsport.de

Offensive gegen die Pelzindustrie
c/o Tommy Weißbecker Haus
Wilhelmstraße 9, 10963 Berlin
offensive-gegen-die-pelzindustrie.net

  1. Modehaus Zinser GmbH & CO. KG, Friedrichstraße 6, 72072 Tübingen, E-Mail: contact@mode-zinser.de, Tel.: 07071-1520;
    Pur Pur, Metzgergasse 4, 72070 Tübingen, Inh. Hannelore Birlinger, Tel.: 07071-550138;
    Designer-Boutique St. Tropez, Froschgasse 5, 72070 Tübingen, E-Mail: st.tropezdesign@yahoo.de, Tel.: 07071-6895070;
    Bellababs, Markgasse 4, 72070 Tübingen, Inh.: Rainer Tondera, Tel.: 07071-21238;
    Marbello/Gossip Modeboutique, Neue Str. 16/17, 72070 Tübingen, E-Mail: monicaberglund@web.de, Tel.: 07071-928449;
    Boutique Erika Frommlet GmbH, Lammhofpassage, Hirschgasse 13, 72070 Tübingen, Tel.: 07071-23010;
    LE AMICHE, Marktgasse 3, 72070 Tübingen, E-Mail: katjaleamiche@web.de, Tel.: 07071-252612;
    Hot Couture, Lange Gasse 38, E-Mail: hot.couture@t-online.de, Tel.: 07071-550579. [zurück]

Interview: Isolationshaft in der Türkei

In Folge unserer Veranstaltung am 1. Juli, in deren Rahmen Ulaş Göçmen einem interessierten Publikum seine Erfahrungen in Isolationshaft schilderte, führten wir noch ein ausführlicheres Gespräch mit ihm – folgendes Interview ist das Ergebnis:

Am 19. Dezember 2000 wurde in 20 Gefängnissen der Türkei eine ironischerweise mit „Rückkehr zum Leben“ bezeichnete Operation durchgeführt, bei der 28 Gefangene und zwei Soldaten ihr Leben verloren und hunderte Gefangene verletzt wurden. Das Ergebnis der Operation war die Verlegung der politischen Gefangenen in sogenannte F-Typ-Gefängnisse, Isolationszellen, die unter massiver Kritik stehen. Amnesty International sah die Gefahr „grausamer und erniedrigender Bestrafung“ durch Isolationshaft gegeben. Gegen die Einführung der neuen Haftanstalten protestierten Gefangene mit Hungerstreiks. Das sogenannte „Todesfasten“, welches am 20. Oktober des Jahres 2000 gegen die Eröffnung der F-Typ-Gefängnisse begann und seit dem 19. Dezember desselben Jahres für ihre Schließung fortgesetzt wird, hat bis zum heutigen Tag 107 Gefangene das Leben gekostet. – Ulaş Göçmen hat das alles erlebt und überlebt und erzählt seine Geschichte.

Wann und aus welchem Grund bist du verhaftet worden?
Ich bin am 28.04.1996 in Istanbul auf der Straße verhaftet worden. Bei der Festnahme haben die Polizisten mich angeschossen. Ich habe eine Niere verloren und in meinem linken Bein habe ich seither einen Nervenschaden. Eine Kugel hat mich unter dem Herz in die Brust getroffen und ist bis zur Wirbelsäule eingedrungen; sie wurde vier Jahre später operativ entfernt.
Ich war in meiner Heimatstadt Gaziantep – das liegt im Südosten der Türkei an der syrischen Grenze – in der Schule politisch aktiv. Ich habe Ende 1994 Gaziantep verlassen, um zu studieren. Durch ein Telefongespräch mit meinem Vater habe ich erfahren, dass in Gaziantep die Polizei mit einer Fahndung begonnen hatte und es Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gab und auch Menschen von der Polizei erschossen wurden. Auch mein Elternhaus haben sie verwüstet. Aus Angst, von der Polizei verhaftet oder gar erschossen zu werden, bin ich nach Istanbul gegangen, da man in der großen Stadt arbeiten und sich gut verstecken kann.

Was wurde dir konkret vorgeworfen?
Mir wurde vorgeworfen, in Gaziantep und Istanbul Angriffe auf Polizeigebäude und Autos verübt zu haben. Doch zum Beispiel zu den Tatzeiten in Gaziantep war ich gar nicht dort, sondern 18 Stunden entfernt in einer anderen Stadt, wo ich an diesen Tagen nachweislich gearbeitet habe.

Gaziantep

Warst du in Untersuchungshaft? Was geschah dort?
Ich war bei der Festnahme schwer verletzt und musste notoperiert werden. Schon im Krankenhaus haben Polizisten angefangen, mich zu foltern. Ich lag im Bett und konnte mich kaum bewegen, sie haben mich geschlagen, besonders auf die offenen Wunden, wo es am meisten weh tat. Elf Tage lang ging das so. Obwohl mein Gesundheitszustand danach immer noch schlecht war, wurde ich nach diesen elf Tagen zum Polizei-Hauptgebäude der Anti-Terror-Abteilung in Istanbul gebracht. Mein rechter Arm war in Gips, an Bauch und Brust hatte ich offene Wunden, mein linker Fuß war geschwollen. Sie haben mich nackt ausgezogen, mir meine Augen verbunden und mich so gefoltert. Sie wollten, dass ich ein von ihnen angefertigtes „Geständnis“ unterschreibe, das ich noch nicht einmal lesen durfte. Ich habe dort Menschen gesehen, die wie ich gefoltert worden sind und habe Schreie von Gefolterten gehört.

Wie war der Prozess?
Zehn Monate nach meiner Verhaftung war meine erste Gerichtsverhandlung. Die Gerichte richten sich in ihrer Entscheidung nach dem, was die Polizei sagt, den Angeklagten wird kein Glauben geschenkt. Ich habe von der Folter erzählt, aber für die Richter war das völlig egal oder normal. Der Prozess hat sich über zwei Jahre hingezogen, ich war drei oder viermal vor Gericht.

Wozu bist du verurteilt worden?
Ich bin zum Tode verurteilt worden, aber die Türkei praktiziert die Todesstrafe nicht, weshalb meine Strafe zu einer lebenslangen Haftstrafe „unter strengen Bedingungen“ umgewandelt wurde.

In welche Art Gefängnis kamst du dann?
Ich war insgesamt sechs Jahre lang in Haft; die ersten fünf Jahre war ich in einem E-Typ-Gefängnis mit großen Schlaf- und Essensräumen für 20 bis 40 Personen. Dort konnten wir regeln, wie wir unseren Alltag verbringen wollten und wir konnten miteinander teilen, was wir an Essen, Kleidung usw. hatten. Manche von uns hatten keinen Besuch und manche mehrere Besucher, aber wir haben alles Mitgebrachte gerecht geteilt. Wir lebten sozial und teilten schöne wie schlechte Tage, wir haben zusammen gesungen und gespielt, auch einen Chor und eine Theatergruppe gebildet, selbst Theaterstücke und Gedichte geschrieben. Wir hatten tausende Bücher zur Verfügung. Einige Analphabeten haben dort schreiben und lesen gelernt. Einige Mitgefangene waren minderjährig, andere mehrfache Familienväter oder Großväter. Wir waren wie eine große Familie, unsere Tage waren fröhlich und lebendig.

Warum und wann sollte die Verlegung in F-Typ-Gefängnisse stattfinden?
Wie wir im Gefängnis lebten, störte den Staat, denn politische Gefangene sollen durch die Haft kranke, hoffnungslose und unpolitische Menschen werden. Gegen unsere Solidarität setzten sie die Waffe der Isolation. Hier waren europäische Verordnungen, vor allem deutsche, für die Türkei ein großes Vorbild. Nach 1996 wurde damit begonnen, sogenannte F-Typ-Gefängnisse zu bauen, und die Stadt präsentierte diese Todeszellen wie Fünf-Sterne-Luxushotels. Aber wir wussten, was uns erwartet: Statt warmer Solidarität kalter Beton. Die politischen Gefangenen haben lange diskutiert, was man gegen die Verlegung machen kann und haben öffentlich gemacht, dass sie nicht freiwillig in Isolationshaft gehen, sondern Widerstand leisten.

F-Typ-Gefängnis

Was habt ihr getan, um die Verlegung zu verhindern?
Die Gefangenen hatten nicht viele Möglichkeiten zum Widerstand, sie hatten nur ihre Körper. Deshalb wurde mit einem massenweisen Hungerstreik begonnen, der in einigen Gruppen bis zum sogenannten „Todesfasten“ reichte.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Im dritten Monat des Hungerstreiks führte das Militär am 19. Dezember 2000 in über 20 Gefängnissen mit mehreren tausend schwerbewaffneten Soldaten eine Aktion durch; unsere Räume stürmten die Soldaten um 4 Uhr morgens, als alle Gefangenen im Tiefschlaf waren, mit Schüssen und Gasbomben. Um uns zu verteidigen, errichteten wir mit Betten, Schränken, Stühlen usw. Barrikaden. Wo ich damals war, in Canakkale, einer ägäischen Küstenstadt, hat der Widerstand gegen die Verlegung drei Tage gedauert. Während dieser drei Tage haben sie das Gefängnis mit Baggern und Baumaschinen ganz zerstört, mehrere tausend Schuss mit Sturmgewehren abgefeuert und fünftausend Gasbomben geworfen. Nach Angaben der Stadt wurden insgesamt, also für alle Gefängnisse, zwanzigtausend Gasbomben eingesetzt, manche davon waren für geschlossene Räume verboten, weil sie tödlich sind. Im Gefängnis in Istanbul wurden an diesem Tag mehrere Frauen durch solche Bomben ermordet, in Canakkale starben bei dem Angriff vier Gefangene. Viele wurden verletzt und beim Transport gefoltert. An diesem Tag starben auch zwei Soldaten, durch Schüsse von anderen Soldaten, wie bei der Obduktion ihrer Leichen festgestellt wurde – sie haben im Chaos aufeinander geschossen.
Ende Dezember war es natürlich sehr kalt. In den Räumen aber stand bald einen Meter hoch das Wasser und der Schaum der Feuerwehr, wir waren bis auf die Haut nass. Unter Kälte und Schlägen, hungrig, mit zerfetzten Klamotten und ohne Schuhe wurden wir in die Isolationszellen gebracht. Da erst zwei Wochen vor der Verlegung die Kugel aus meinem Rücken entfernt worden war, hatte ich auch frische Wunden von dieser Operation.

Schließlich also bist du doch in ein F-Typ-Gefängnis gekommen. Wie waren die Umstände dort?
Bei der Aufnahme wurden alle Gefangenen einzeln gefoltert. Man wurde nackt ausgezogen, unter Schlägen wurden Haare und Bart geschnitten. Die Zelle roch nach Beton, alle vier Wände waren weiß gestrichen. In so einer Zelle kann man sich nicht mehr als ein paar Schritte bewegen. Es gab ein Bett aus Metall, einen Schrank, einen Tisch und Stühle aus Plastik, mehr nicht.
Tagelang gab es keinen Besuch, keine Zeitung, Radio oder ähnliches. Wir wussten nicht, wer von unseren Freunden überlebt hatte, wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Erst nach zehn Tagen habe ich eine Zeitung bekommen. Dass die Gefangenen miteinander kommunizieren, war streng verboten, ein direkter Kontakt war nicht möglich. Wir haben aber kleine Notizen über die Dächer ausgetauscht oder laut geredet und gesungen; wir konnten über die Dächer sogar unsere Kleidung mit den Gefangenen, die keinen Besuch hatten, teilen.
Allein schon die Isolation macht den Menschen krank, weil er ein soziales Wesen ist und nicht jahrelang allein eingesperrt leben kann. In Isolationshaft verliert man das Gefühl für vieles, man weiß zum Beispiel irgendwann nicht mehr, ob es Tag oder Nacht ist, weil man immer nur die Wände sieht. Ich habe über ein Jahr lang nicht ferngesehen oder Radio gehört, um an Nachrichten zu gelangen; eine Zeitung konnte man nur kaufen, wenn man Geld hatte. Das System will durch die Haft unpolitische und kranke Menschen erzeugen.
Alles war beschränkt – wir durften von Besuchern zwei Hosen, zwei T-Shirts oder drei Socken erhalten. Regelmäßig wurde unsere Zelle durchsucht. Was wir unerlaubterweise hatten, wurde zerstört oder weggenommen.
Was ich erlebt habe, ist in einem Interview nicht erzählbar.

Aus welchem Grund hast du das „Todesfasten“ begonnen, wie lange hast du gefastet und wie erging es dir dabei?
Ich habe mich daran beteiligt, weil die Gefängnisbedingungen so unmenschlich waren. Unser Alltag war beherrscht von der Willkür der Wärter. Jahrelange Isolation ist schlimmer als der Tod. Wir Gefangenen verlangten Gemeinschaftsräume. Wir verlangten auch, dass die Verantwortlichen für die Toten vor Gericht kommen.
Ich habe 256 Tage gefastet. Am Ende war ich schwer krank. Schon vor dem Todesfasten habe ich mich dreimal hintereinander, insgesamt vier Monate lang, an Hungerstreiks beteiligt.
Um das Thema aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen, hat der Staat ein Gesetz beschlossen, durch das viele Gefangene zum Zweck „medizinischer Behandlung“ für sechs Monate frei kamen; konnte man durch ein Attest bescheinigen, dass man weiterhin krank war, konnte man diese Zeit alle sechs Monate verlängern.
Viele sind draußen gestorben, lebten mit durch das Fasten hervorgerufenen Behinderungen und Krankheiten oder haben, so wie ich, versucht das Land zu verlassen.
Auch in Europa war ich unwillkommen. Mein Asylverfahren hat fast sieben Jahre gedauert, am Ende habe ich kein Asyl erhalten; mir wurde aus humanitären Gründen aber der Aufenthalt befristet erlaubt. Auch in Deutschland kam ich mir in der Zeit des Asylverfahrens eher wie ein Gefangener mit unzähligen Beschränkungen vor.

Solidaritätsbekundung (Irland)

Weißt du, wie die momentane Situation in der Türkei ist?
Noch immer kommt es vor, dass Menschen auf der Straße von der Polizei erschossen werden, auch in Untersuchungshaft und in den Gefängnissen sterben Menschen durch Folter oder werden erschlagen. Vor ein paar Monaten beispielsweise wurde ein kurdischer Student im Westen der Türkei von der Polizei erschossen, auch in Bodrum wurde kürzlich jemand nach der Festnahme von Zivilpolizisten erschossen. Ein im Westen zu Bekanntheit gelangter Fall ist der des Menschenrechtsaktivisten Engin Ceber, der 2008 an den Folgen der in der Haft erlittenen Verletzungen starb. Zum ersten Mal in der türkischen Rechtsgeschichte erhielten Beamte daraufhin wegen Folter mit Todesfolge lebenslange Haftstrafen – wenn sie in nächster Instanz nicht doch wieder freigesprochen werden. Sollten sie wirklich bestraft werden, wäre das für mich eine Ausnahme.
Die Gefängnisse sind überfüllt, kranke Gefangene werden weder im Gefängnis ausreichend medizinisch versorgt noch freigelassen, um draußen behandelt zu werden. Es gibt viele minderjährige Gefangene, die auf Demonstrationen verhaftet worden sind. Für mich sind Gefängnisse wie Spiegel einer Gesellschaft; sie zeigen, ob ein Land ein gerechtes oder ein ungerechtes System hat. Dabei ist es egal, ob es sich um kriminelle oder politische Gefangene handelt. Ungerechte Systeme verursachen die Probleme, die beide Gruppen ins Gefängnis bringen.

Ulaş Göçmen wurde am 27.8.1975 in Gaziantep geboren; nach Abschluss des Gymnasiums besuchte er ab 1994 eine Berufshochschule. Zwischen 1996 und 2002 befand er sich in verschiedenen Gefängnissen, bevor er 2003 nach Deutschland kam. Hier arbeitete er in Fabriken und im gastronomischen Bereich. Er sagt über sich: „Ich bin momentan nicht politisch aktiv, aber ich versuche wenigstens, auf Demonstrationen zu gehen, gegen den Sozialabbau in Deutschland oder für Minderheiten in der Türkei, gegen Krieg oder auch für Tierrechte.“

Hier gibt es das Interview als PDF.

Das Interview erscheint parallel in der Amnesty International-Publikation Anklagen – zur Druckausgabe (pdf-Format, S. 18-20).

Alternativer Dies Universitatis

Das Bild des „offiziellen“ und von der Unileitung ausgerichteten „Dies Universitatis“ ist durch Studenten-Verbindungen und Burschenschaften geprägt, die sich jedes Jahr gewohnheitsmäßig über das Verbot des Farbentragens in der Universität hinwegsetzen. Auf dem AlDi dagegen gibt es Infostände und Workshops verschiedener (nicht nur) politischer Gruppen, die den neuen ErstsemesterInnen ein Bild von der Vielfalt der in Tübingen aktiven Gruppen vermitteln wollen. Auch die Antispeziesistische Aktion Tübingen wird wieder mit einem Infostand vertreten sein.
Den verbindungskritischen Reader „Mitbewohner gesucht“ des „AK Clubhausia“ gibt es hier.
Hier findet ihr das vollständige Programm des diesjährigen AlDis.

Abschlussresolution des internationalen Antirepressionskongresses „New Roads of Solidarity“

Uns, die anwesenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Internationalen Antirepressionskongresses in Hamburg, eint die Überzeugung, dass der Weg, den die Gesellschaften der westlichen Welt nach dem welthistorischen Einschnitt 1989/90 eingeschlagen hat, nicht zu einem Leben in Frieden, Freiheit und ohne Armut geführt hat. Stattdessen tragen diese Regierungen und Konzerne die Verantwortung für das Leiden, den Hunger, die Ausbeutung, das Elend der Menschen und Tiere, die Zerstörungen der Natur und die Kriege, die sie im Namen der Freiheit und der Demokratie anzetteln. Sie verkehren die Versprechen der Aufklärung in Mythen und die unserer Gesellschaftsformation immanenten Potentiale zur Befreiung in die destruktiven Potentiale des Kapitals.
Wir teilen die Überzeugung, dass uns die ungebrochene Fortsetzung der (vernetzten) Sicherheitspolitik, wie sie die Regierungen der Bundesrepublik und anderer Mitglieder der Europäischen Union und der NATO derzeit betreiben, dem permanenten Ausnahmezustand Schritt für Schritt näher bringt. Demokratie ist eine Farce, wenn sie sich selbst aushöhlt und ihr Gegenteil schafft. Die konkrete Utopie einer freien Gesellschaft, in der jeder ohne Angst verschieden sein kann und die keine Opfer mehr produziert, wird niemals realisiert werden, solange die Menschen unter dem Joch totalitärer Ökonomie und bürgerlicher Herrschaft leben müssen.
Wir sind ferner der Überzeugung, dass die verschieden Konflikte innerhalb der westlichen Gesellschaften und der östlichen Hemisphäre nicht dadurch zu lösen sind, dass die Techniken und Möglichkeiten der Kontrolle, Überwachung und Gewalt für die Herrschenden ausgeweitet und verfeinert werden, wie es spätestens seit dem 11. September 2001 in nahezu allen Staaten geschehen ist. Vielmehr haben diese neuen Repressionsmaßnahmen weiter dazu beigetragen, die hierarchische Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, zwischen Kapital und Arbeit in Stein zu meißeln. Abweichungen von der politischen und ökonomischen Eindimensionalität – angefangen bei den Bürgerprotesten gegen Prestigeprojekte wie Stuttgart 21 über Aktionen gegen die rücksichtslose Verdinglichung und Ermordung von Tieren bis hin zum Widerstand gegen neoimperialistische Kriege – werden kaum noch geduldet. Diese Politik der Rechtsbeschneidung, Kriminalisierung, Repression und Elimination nach außen und innen muss ein Ende haben, um eine Gesellschaft jenseits von Klassenherrschaft überhaupt diskutieren zu können.
Daher fordern wir – am heutigen Internationalen Tag gegen die Todesstrafe – umgehend erste Schritte zur Umkehr dieser Politik einzuleiten. Zeichen der Entspannung wären die Aufhebung aller Todesurteile, inklusive des Urteils gegen Mumia Abu Jamal, Amnestie für alle ehemaligen Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF), die Freilassung von politischen Gefangenen, wie Leonard Peltier, Mel Broughton, Marco Camenisch, Silvia, Billy und Costa.
Wir fordern ein Ende der Kriminalisierung von politischen AktivistInnen, die Grundrechte, wie das Versammlungsrecht und Recht der freien Meinungsäußerung, wahrnehmen und zivilen Ungehorsam leisten. Die Strafverfahren gegen die österreichischen TierbefreierInnen müssen unverzüglich eingestellt werden.
Es gilt aber, noch weiterreichende Ziele zu verfolgen. Die Rücknahme der Antiterrorgesetzgebung, die Abkehr von einer menschenverachtenden Flüchtlingspolitik, das Ende von Folter in den Gefängnissen von Bogotá, Bagram und Abu Ghraib und das Ende der barbarischen Militäreinsätze in Afghanistan und anderer vom globalisierten Kapitalismus gezeitigten Kriege müssen durchgesetzt werden – nicht zuletzt das Ende des Plünderungs- und Vernichtungsfeldzugs gegen die Natur.
Darüber hinaus bekräftigen wir unsere Absicht und unserer Bereitschaft, uns dem Ausbau des Sicherheits-, Kontroll- und Strafstaates, der Politik der Ausgrenzung und Angst (in Form von Islamophobie und anderer Xenophobien) sowie der Akzeptanz offener staatlicher Gewalt zu verweigern. Angesichts der über hundertjährigen historischen Erfahrungen politischer Integration und Neutralisierung emanzipatorischer Bewegungen, ihrer von Ohnmacht dominierten Märsche durch die Institutionen, die stets an der Grenze zur alles beherrschenden Ökonomie Halt machen mussten, bei gleichzeitiger Kontinuität von Unterdrückung und Ausbeutung, sehen wir uns weiterhin zu Protest und Widerstand verpflichtet. Repressive Toleranz werden wir nicht akzeptieren. Bis das Leid behoben ist, das die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugen, haben wir keine Alternative, als auf die Abschaffung der mörderischen kapitalistischen Gesellschaftsformation hinzuwirken.
In dem Bewusstsein, dass unsere Atomisierung in Nationen, politische Kulturen, Lager und Organisationen uns in den vergangen 20 Jahren geschwächt hat und wir aufgrund des Totalitarismus und der wachsenden Aggressivität des Kapitalismus und der herrschenden Politik zu einer historischen Neubestimmung von widerständiger Theorie und Praxis veranlasst sind, werden wir uns in den nächsten Jahren bemühen, gemeinsam neue Wege der Solidarität zu suchen und zu gehen.

Abschlussplenum des Internationalen Antirepressionskongresses in Hamburg, am 10. Oktober 2010.

Zum „Stuttgart 21-Käfer“


Osmoderma eremita: Eremit, Juchtenkäfer – lebt in Baumhöhlen, die er oft sein ganzes Leben lang nicht verlässt, die Larve benötigt für ihre Entwicklung drei bis vier Jahre. In der Roten Liste gefährdeter Tiere Deutschlands wird die Art als „stark gefährdet“ gelistet. Osmoderma ist deshalb in fast allen Ländern durch Landes- und Bundesgesetze und auf europäischer Ebene durch die Berner Konvention und die „Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie“ geschützt – im Anhang II und IV der 1992 beschlossenen Richtlinie 92/43/EWG werden die Käfer als „prioritäre Art“ eingestuft, für die „der Gemeinschaft […] besondere Verantwortung zukommt.“ – Wie wirkt sich diese Verantwortung aus? Laut der FFH-Richtlinie sind Gebiete, in denen das Tier vorkommt, als Schutzgebiet auszuweisen; insbesondere seien die Brutbäume zu schützen. Da jedoch der Erhalt der Gesamtpopulation umso besser gewährleistet sei, je mehr geeignete Brutbäume zur Verfügung stünden, müssten auch nicht besiedelte Bäume mit Höhlen, sogar schon Bäume mit Faulstellen als mögliche zukünftige Brutbäume, geschützt werden. Das bedeutet: Wo der Käfer auftaucht, müssen Bauprojekte gestoppt werden – vor allem, wenn Bäume gefällt werden sollen. So hat sich wegen des Eremiten z.B. in Frankreich bereits den Bau von Autobahnen um mehrere Jahre verzögert. So wie der Wachtelkönig beim Bau der Ostseeautobahn A 20, soll er nun zum Symboltier des Widerstandes gegen Stuttgart 21 werden – und für die Deutsche Bahn zum „Albtraum auf sechs Beinen“.
Rückblick: Am Donnerstag morgen wird gegen 10.30 Uhr der Alarm der ParkschützerInnen ausgelöst. Zu diesem Zeitpunkt beteiligen sich bereits 2000 Schülerinnen und Schüler am Schulstreik gegen Stuttgart 21 (hier die Presseerklärung der Jugendoffensive zum Polizeieinsatz). Mit mehreren Hundertschaften beginnt die aus verschiedenen Bundesländern zusammengezogene Polizei den Schlossgarten zu räumen. Der Park wird abgeriegelt, berittene Staffeln, Wasserwerfer und Pfeffersprays werden gegen Sitzblockaden, die das Polizeigerät daran hindern sollen, in den Park zu kommen, eingesetzt, um die Fällung der ersten 25 von 280 Bäumen gewaltsam durchzusetzen. Bereits gegen 15 Uhr melden die Krankenhäuser Überlastung. „Im Sekundentakt werden hier verletzte Leute vorbeigeführt“, zitiert die taz einen Augenzeugen. Am späten Nachmittag beginnt die Polizei damit, die besetzen Bäume zu räumen. Zwei Demonstrierende haben sich in Röhren einbetonieren lassen, drei Personen sind in Metallrohren um einen Baum angekettet. Um 18.23 Uhr wird der Abtransport der ersten beiden Kletternden von Robin Wood durch einen Wasserwerfer durchgesetzt; gegen 20 Uhr sind noch immer fünf Bäume von Robin Wood-AktivistInnen besetzt. Zahlreiche Menschen klettern auf weitere Bäume im Park; alle werden von der Polizei geräumt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beantragt beim Verwaltungsgericht Stuttgart eine einstweilige Anordnung gegenüber dem Land Baden-Württemberg. Bereits in seiner Pressemitteilung BUND deckt Behördenfehler beim Artenschutz zu Stuttgart 21 auf vom 28. September hat der BUND dem Eisenbahnbundesamt (EBA) als der für Stuttgart 21 zuständigen Aufsichtsbehörde Schlamperei beim Artenschutz vorgeworfen. Darin heißt es: „Die wiederholte Sichtung von Fledermäusen und Juchtenkäfern im Bereich der Stuttgart 21-Baustelle scheint das EBA völlig kalt zu lassen. Statt zügig und entschlossen zu handeln, taktiert die Behörde und gefährdet so den Schutz der streng geschützten Arten.“ Dieses Vorgehen lässt für den BUND nur einen Schluss zu: „Diese Schlamperei des EBA macht einen Abrissstopp notwendig“. In einer Pressemitteilung vom 30. September gibt der BUND bekannt, beim Verwaltungsgericht Stuttgart eine einstweilige Anordnung gegenüber dem Land Baden-Württemberg beantragt zu haben: „Mit diesem rechtlichen Schritt wollen wir die Landesregierung verpflichten, gegenüber der Deutschen Bahn anzuordnen, alle Abriss- und Baumfällarbeiten am Stuttgarter Hauptbahnhof und im Schlossgarten mit sofortiger Wirkung zu stoppen“. Dieser Stopp müsse solange gelten, bis in einem ergänzenden Planfeststellungsverfahren oder im Wege der Planergänzung die vom BUND gegenüber dem EBA geltend gemachten artenschutzrechtlichen Verstöße in Bezug auf streng geschützte Tierarten ausgeräumt werden könnten. „Wir wollen mit unserer einstweiligen Anordnung Zeit zum Innehalten gewinnen, eine sachliche Klärung herbeiführen und den durch die Bauarbeiten bedrohten Arten die gesetzlich gebotenen Schutzmaßnahmen zukommen lassen. Es ist bedauerlich, dass die Projektträger die Augen vor diesen Aufgaben verschließen und mit brachialer Gewalt Fakten schaffen wollen“, so BUND-Landesvorsitzende Dr. Brigitte Dahlbender. – Als um Mitternacht die Polizei aufmarschiert und gegen 1.00 Uhr die Fällmaschinen, sogenannte Harvester der Firma Gredler & Söhne, mit den Fällarbeiten beginnen, ist klar, dass das Anliegen des BUND nicht durchgesetzt werden konnte. Im abgesperrten Areal fällt ein Baum nach dem anderen. Wieder wird Reizgas gegen die Menschenmenge eingesetzt, während im Hintergrund die Schreie und Parolen der Demonstrierenden zu hören sind…
Das Abholzen war illegal. Schon am Donnerstag ist im Stuttgarter Regierungspräsidium ein Schreiben des EBA eingegangen, das an die DB Projektbau addressiert war und als Kopie an das Amt für Umweltschutz der Landeshauptstadt Stuttgart ging. In dem Schreiben verlangt die Bundesbehörde, zunächst nicht mit den „Baumfällarbeiten“ zu beginnen, da sonst die durch Landes- und Bundesgesetz und die europäische FFH-Richtlinie geschützten Juchtenkäfer gefährdet seien. Deshalb wollte das EBA noch am selben Tag von DB Projektbau überzeugend dargestellt bekommen, wie die Fällarbeiten ohne Gefährdung des Artenschutzes möglich sein sollten, also wie der Juchtenkäfer und seinen Larven geschützt werden könnten. „Im Zusammenhang mit den bevorstehenden Baumfällaktionen im Schlosspark“, heißt es in dem EBA-Schreiben, „weise ich darauf hin, dass Sie mit den Baumfällarbeiten nicht beginnen dürfen.“ Bis zum 8. Oktober gab das EBA der DB-Projektbau Zeit, mit Unterlagen darzulegen, wie sie die Probleme lösen wolle. Das Eisenbahnbundesamt ist eine Bundesbehörde, die über den Ländern steht. Ihre Worte sind ein Rechtsakt, dem DB Projektbau Folge zu leisten hat. „Im Lagezentrum des Innenministerium wusste man definitiv am Donnerstag ab 23 Uhr Bescheid über das EBA-Schreiben“, informierte am 2. Oktober Stern.de. „Die Fällungen waren illegal“, wird Berthold Frieß, Landesgeschäftsführer des BUND, zitiert. Am 3. Oktober haben die ParkschützerInnen die Verantwortlichen angezeigt.
Inzwischen steht fest: Die Deutsche Bahn darf unter Androhung eines Zwangsgeldes im Schlossgarten vorerst keine Bäume mehr fällen. Diese Sensation wird im Moment medial inszeniert. „Schafft dieser Käfer, was 50.000 Demonstranten und die Grünen nicht geschafft haben?“, titelt die BZ, der Spiegel meint: „Ein Insekt macht Politik“. Der unscheinbare Osmoderma eremita wird zum „Stuttgart 21-Käfer“ stilisiert.
Stünden Tiere und ihre Interessen und Bedürfnisse nur immer derart im Fokus der Öffentlichkeit – und nicht nur als Mittel zum Zweck, dann, wenn sie gerade einmal als für die Durchsetzung der eigenen Interessen nützlich erscheinen, weil sie von einem in der Mehrheit bürgerlichen Protest als juristisches Mittel zum Baustopp instrumentalisiert werden können.




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