Archiv für Dezember 2010

„Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser

„Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“ – Kurt Tucholsky.

Das „linksliberale“ TAGBLATT ist weithin bekannt für seine angeblich demokratische Leserbriefkultur; die Leserbriefseite wird stolz „Das Sprachrohr des Bürgers“ genannt. Wenn man täglich die eng bedruckte Seite überfliegt und auf allerlei Anmerkungen nicht nur zur Berichterstattung der Zeitung, sondern zu allen möglichen aktuellen Ereignissen stößt – und sei es in Gedichtform in schwäbischer Mundart –, macht es den Anschein, dass alles veröffentlicht wird. Dafür ist das TAGBLATT überregional bekannt. Doch dieser Schein trügt.
Nachdem das TAGBLATT bereits in der Vergangenheit sowohl zum allgemeinen Thema Tierhaltung als auch über unsere spezielle Arbeit falsche Berichterstattung leistete und Leserbriefe, die darauf aufmerksam machten, ignorierte oder sinnentstellend kürzte (hier ist der entsprechende Beitrag, „Zum Zensur-Zirkus mit dem Schwäbischen Tagblatt“, einsehbar), scheint sich dieser ganze „Zirkus“ nun zu wiederholen.
Am 5. November erschien im TAGBLATT der Artikel „Fell ist Fell“ (einsehbar hier (bei den Kommentaren)). Danach gingen ein Leserbrief von uns und zahlreiche weitere von Einzelpersonen an die Zeitung, in denen auf verschiedene Umstände aufmerksam gemacht wurde: Fakt ist zunächst, dass das TAGBLATT im Artikel falsche Informationen verbreitet hat – hier ist hauptsächlich der Umstand zu nennen, dass wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, zwar einen Offenen Brief an Mode Zinser u.a. verfasst und diesen – einmalig – an Zinser und die anderen Geschäfte geschickt haben, die Online-Petition, aufgrund derer die Geschäfte nun offensichtlich eine Vielzahl von Mails erreichen, wurde aber unabhängig von uns eingerichtet. Im Artikel des TAGBLATTs aber heißt es über „Ladeninhaberinnen“: „Sie bekommen Mails von der „Antispeziesistischen Aktion Tübingen (AAT)“. In denen werden sie aufgefordert, keine Pelze zu verkaufen.“ – Gravierender finden wir allerdings den Umstand, der sich in der Wortwahl „Ladeninhaberinnen“ bereits andeutet – denn der Inhaber von Mode Zinser ist ja keine Frau: Im Artikel wird das Modehaus Zinser mit keinem Wort erwähnt – dabei handelt es sich bei Zinser um den Hauptadressaten unseres Offenen Briefes!
Wer den Artikel liest, bekommt den Eindruck, wir würden massenhaft Mails an einige kleine Tübinger Boutiquen schicken, welche lediglich, wie es im TAGBLATT heißt, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen. Dabei beschränkte sich unser Protest bislang, wie bereits erwähnt, auf die einmalige Sendung unseres Offenen Briefes an die betreffenden Unternehmen – in dem Brief, der hier auf unserer Internetpräsenz veröffentlicht wurde, sind natürlich auch die Mailadressen der Geschäfte genannt, was offensichtlich viele Menschen dazu bewegt hat, sich in eigener Initiative an diese zu wenden. Dies begrüßen wir natürlich – zu schreiben, alle diese Mails würden von uns stammen, ist aber schlicht unwahr. Unser Protest richtete sich außerdem von Anfang an nicht in erster Linie gegen kleine Einzelhandelsgeschäfte, sondern vor allem gegen das größte Modehaus Tübingens, Mode Zinser, wo, wie im Offenen Brief im Einzelnen dargestellt, eine Vielzahl von Kleidungsstücken mit „Pelz“ verkauft werden, u.a. Mäntel, die komplett aus „Pelz“ bestehen. Einen ersten Leserbrief zum Thema, den wir bereits im Oktober ans TAGBLATT schickten und der sich gegen den Pelzverkauf bei Zinser aussprach, wollte die Zeitung nicht veröffentlichen – als Begründung nannte die Redaktion in einer Mail an uns:


Ihren Leserbrief können wir so nicht veröffentlichen. Sie stellen Mode Zinser hier in einer Art an den Pranger, dass es aussieht, als wäre es das einzige Haus, das Echtpelze verkauft. Es gibt jedoch mit Sicherheit noch viele andere Geschäfte in Tübingen, die echtes Fell anbieten. Wenden Sie sich doch bitte direkt an den Geschäftsführer Herr Graul oder recherchieren Sie die Angebotslage genauer.

Daraufhin schickten wir erneut einen Leserbrief ans TAGBLATT; dieses Mal wurden weitere Geschäfte, die in Tübingen „Pelz“ verkaufen, genannt:


Dieser offene Brief richtet sich an Tübingens größtes Modehaus, Mode Zinser, sowie an Tübinger Boutiquen wie Pur Pur, St. Tropez, Bellababs, Marbello und Gossip, Erika Frommelt GmbH, Le Amiche und Hot Couture. Sie alle verkaufen Kleidung mit „Pelz“. Wir möchten Sie bitten, sich über dessen Produktionsbedingungen zu informieren – z.B. unter http://offensive-gegen-die-pelzindustrie.net/wordpress/pelzindustrie/. Zur Herstellung von „Pelz“ müssen Gewalthandlungen begangen werden; diese sind systematische Praxis der Pelzindustrie. Gewalt gegen Tiere aber ist nicht ästhetisch. „Pelz“ ist die abgezogene Haut eines geschundenen Tieres – diese Tatsache wird von einem bestimmten KonsumentInnenkreis, innerhalb dessen Pelz als „Luxus“ gilt, noch immer in Kauf genommen. Dabei ist die Ablehnung von Echtpelz längst gesellschaftlicher Konsens; Unternehmen, die an dessen Verkauf festhalten, müssen mit Protesten einer aufgeklärten Zivilgesellschaft rechnen. Der Verkauf von Echtpelzen kann weder mit unternehmerischer Freiheit noch mit jener der KonsumentInnen begründet werden – dies bedeutete Willkür statt Freiheit und Ignoranz gegenüber dem Leben betroffener Individuen. Als Teil der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) wenden wir uns an Sie. Seit die OGPI im Jahr 2000 mit dem strategischen Campaigning gegen den Pelzverkauf begonnen hat, haben zahlreiche Modehäuser den Verkauf von Echthaarfellen beendet – zuletzt, vor ein paar Tagen erst, Escada. Wir möchten Sie bitten, es ihnen gleichzutun; die Beendigung des Pelzverkaufs stellt für uns eine notwendige Mindestanforderung an Unternehmen dar! – Vollständiger Brief: asatue.blogsport.de.

Doch auch diesen Leserbrief druckte das TAGBLATT nicht ab, stattdessen wurde uns nun mitgeteilt, die Zeitung wolle lieber „etwas Redaktionelles“ zum Thema machen – was mit dem Artikel „Fell ist Fell“ ja auch geschah. Auffällig dabei ist, neben der unvorteilhaften Darstellung unserer Gruppe, die wir inzwischen vom TAGBLATT ja leider gewohnt sind, dass unser Anliegen in der Darstellung des TAGBLATTs in unzulässiger Art und Weise verkehrt wird: Der Hauptadressat unseres Offenen Briefes, Mode Zinser, wird von der Zeitung einfach verschwiegen! Es liegt auf der Hand, dass für den freien Mitarbeiter, der den Artikel geschrieben hat, die Vorgabe gegolten hat, das Modehaus, welches ein großer Anzeigenkunde des TAGBLATTs ist, im Artikel nicht zu nennen.


„Text gelöscht“: Auch im „Tagblatt-Forum“ auf www.tagblatt.de wird zensiert.

Eine Richtigstellung, die wir, erneut als Leserbrief, ans TAGBLATT sandten, wurde nicht abgedruckt, sondern schlicht ignoriert – wir erhielten nicht einmal mehr eine Nachricht darüber, aus welchen Gründen die Zeitung den Brief nicht veröffentlichte.
Wie wir nun erfahren haben, sind in den letzten Wochen neben unserem Brief noch weitere Leserbriefe, welche von Einzelpersonen als Reaktion auf den Artikel „Fell ist Fell“ ans TAGBLATT geschickt worden sind, einfach igenoriert worden – auch diesen Personen wurden bislang keinerlei Gründe genannt, weshalb ihre Briefe nicht abgedruckt wurden! Wie wir aber inzwischen wissen, haben mehrere dieser Personen in ihren Briefen die Vermutung geäußert, die Zeitung wolle Mode Zinser als großen Anzeigenkunden schützen!
Der einzige Leserbrief, den das TAGBLATT zum Thema abgedruckt hat, ist jener von Tina Schrade aus Rottenburg (hier online einsehbar), die uns nun informierte:


Das Tagblatt ignoriert beharrlich Leserbriefe zum Thema Tierschutz. Meiner ist nur erschienen, weil ich dreimal angerufen und zweimal geschrieben habe. Außerdem ist er so gekürzt worden, dass vom eigentlichen Inhalt nicht mehr viel übrig war. Daraufhin habe ich das Tagblatt gekündigt.

Mehrere Briefe zur Thematik, welche sie ans TAGBLATT gesandt habe, seien in den letzten beiden Jahren nicht gedruckt worden, so Frau Schrade weiter.
Der Journalist Ernst Probst sagte einmal: „Die Verfasser von Leserbriefen in Zeitungen und Zeitschriften sind oft mutiger in ihren Aussagen als die Journalisten. Kein Wunder: Sie müssen keinen Verleger, keinen Chefredakteur, keine Lobby und keine Anzeigenkunden fürchten.“
Wir halten das Vorgehen des TAGBLATTs dennoch für äußerst fragwürdig und unprofessionell. Wir erwarten eine Stellungnahme und den Abdruck der Leserbriefe. Ansonsten werden wir versuchen, über den Presserat eine Richtigstellung zu erwirken. Alle, die ähnliche Probleme mit der Zeitung haben – denn ein solches Vorgehen scheint System zu haben –, bitten wir, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Eine Beschwerde beim Presserat ist auf einfachem Wege über ein Online-Formular möglich.

Konzert: Revolte Springen

Revolte Springen: Wir machen Theater und Musik, Texte und Choreographien, wir rocken die Straße, die Bühne, den Park und das besetzte Haus. Wenn wir mit unserem KLEINKUNSTPUNK in die Fußgängerzonen gehen, staunen wir manchmal über Reaktionen von sogenannten normalen Leuten, die ganz offensichtlich den Irokesenschnitt im Hirn und im Bauch tragen und nicht auf dem Kopf. Das sind wenige, aber es tut uns gut. Wenn du uns bei einem Auftritt zusiehst, wirst du in der Regel von ziemlich viel paua, Energie und Spielfreude angeballert. Ausnahmen bestätigen wie immer auch diese Regel. Zum Teil machen wir so Zeug schon seit über 20 Jahren, zum Teil erst seit Sommer 2004. Unsere Altersspanne ist ähnlich groß. Wir sind sowas wie ein Kollektiv. Wir besprechen möglichst immer alles zusammen und suchen nach Wegen, die alle mitgehen können. Daß unser Stück „FREIHEIT SATT“, welches wir 2003 über 20x spielten, so gut ankam, hat viel dazu beigetragen, daß wir mit gestärktem Selbstbewußtsein weiter proben, auftreten, improvisieren und musizieren: unkommerziell, mit Träumen und Ansprüchen beladen, aber auch mit Spaß und Subversivität im Gepäck…und dem Wunsch, daß es immer besser wird!

Weiterer Act:

Steiner and the Good Old Days
Singer/Songwriter aus Stuttgart.




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