Archiv für Mai 2011

Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen

Zur öffentlichen Auseinandersetzung über Tierversuche mit dem Tierexperimentator Dr. Fahad Sultan haben wir bereits zweimal berichtet (Dr. Sultans Geheimnis und Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“), oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrem Forschungsgegenstand aber rein gar nichts zu tun haben (vgl. auch Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen an gleich drei Instituten1 anderen hochentwickelten Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde: Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“ Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart im „Primatenstuhl“ fixiert!
Dazu könnten sich die Herren Experimentatoren einmal äußern – doch hier fehlen ihnen die Argumente. Stattdessen schreiben sie lieber öffentliche Briefe, in denen sie sich über den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen auslassen; peinlich nur, dass sie auch hier nicht in der Lage dazu sind, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern sogar nachweislich mit falschen Tatsachenbehauptungen aufwarten. Nachdem wir hier auf unserer Internetpräsenz sowie in verkürzter Darstellung in einem Leserbrief nachgewiesen haben, dass die Behauptung Dr. Sultans, die er zuvor in einem Leserbrief gemacht hat, die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, die zur Verstümmelung einer Million psychiatrischer Patienten geführt habe, sei „vorher leider nicht an Tieren getestet“ worden, falsch ist – das Gegenteil ist der Fall: Entsprechende Experimente, die an Tieren durchgeführt worden waren, brachten ihn überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden –, versucht Sultan seinen Kopf in seiner öffentlichen Antwort an uns ernsthaft aus der Schlinge zu ziehen, indem er behauptet, es sei „nicht belegt“, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen sei.
Sein öffentlicher Brief ist in der heutigen Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ veröffentlicht. Er lautet:

Die Aussage von Tierschützern, dass man alle Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzen könnte, ist schlicht falsch. Die meisten Nobelpreise in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Eine Ausnahme stellt die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie dar (1949). Es ist nicht belegt, wie er auf die Idee der Psychochirurgie kam. Schädel aus der Bronzezeit deuten schon auf chirurgische Eingriffe hin.
Wichtiger ist aber, dass Moniz selber keine Tierversuche gemacht hat, um den Erfolg seiner Therapie zu belegen. Er berichtet von seiner Idee, dass es bei vielen psychiatrischen Erkrankung gilt, dauerhaft krankhafte Gedankenkreise zu durchbrechen. Weiter räsonierte er in seinem Gedankenexperiment (ohne Tierversuche hätte er heute eine Computersimulation benutzt), dass dies durch die Unterbrechung bestimmter Gehirnverbindungen erreicht werden kann.
Danach schritt er zur Tat und begann gleich mit Menschenexperimenten. Zuerst injizierte er 100-prozentiges Ethanol ins Gehirn von Patienten. Später entschloss er sich zu mechanischen Läsionen. Das Ausmaß der Zerstörungen konnte leider erst Jahre später erfasst werden. Man stellte fest, dass weit mehr als nur die anvisierten Gehirnverbindungen zerstört wurden.
Heute, nach der Einführung von Tierversuchen als gesetzliche Pflicht zur Dokumentation von Therapieerfolgen wären diese Schäden viel früher festgestellt und die Methode wäre gleich verboten worden. Tierversuche sind leider weiter notwendig. Dass sie uns keine 100-prozentige Sicherheit garantieren, ist für jeden vernünftigen Menschen ersichtlich. Dass Demagogen solch eine Sicherheit vorgaukeln, ist eigentlich ihr Kennzeichen.

Dr. med Fahad Sultan, Tübingen, Mörikestraße 37

Der Brief ist ein Armutszeugnis ohnegleichen! Erneut führt Sultan falsche Tatsachenbehauptungen an. Es ist sehr gut belegt, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen ist. In zahlreichen Publikationen legte er retrospektiv dar, was ihn dazu geführt hatte, operative Eingriffe aus psychiatrischer Indikation am Frontalhirn durchzuführen. Als Mediziner muss Sultan das wissen – es bleibt also nur die Schlussfolgerung, dass er die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen will.

António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz

Wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, führt ausführlich beispielsweise Rainer Fortner in seiner 2003 an der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereichten Dissertation Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen aus. Das Kapitel über die Anfänge der Psychochirurgie darin beginnt mit den Worten: „Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in der Medizin die allgemeine Bereitschaft, experimentell gewonnene Erkenntnisse vom Tier auf den Menschen zu übertragen. Auch für die Hirnforschung und später für die Psychiatrie bedeutete dies einen entscheidenden Umbruch: Der englische Neurologe Ferrier führte 1880 am Affen elektrische Reizungen des Frontalhirns durch […]. Einige Jahre später berichtete der deutsche Physiologe Goltz über seine Beobachtungen an Hunden, denen er zuvor Teile des Großhirns herausgeschnitten hatte“.2 Egas Moniz bezog sich auch auf die Experimente des russischen Physiologen Pawlow, dessen Forschungen maßgeblich zum Popularitätsgewinn von Tierexperimenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatten – die Versuche Pawlows an Hunden und seine daraus entwickelte Theorie von den „bedingten Reflexen“ (klassische Konditionierung) wurden weltberühmt. Er erwähnte ebenso die Experimente von Bechterew und Luzaro, die nach Exzision der Präfrontallappen von Hunden zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie der bereits erwähnte Physiologe Goltz. Die von Fulton und Jacobsen durchgeführten Versuche an Schimpansen beschrieb Moniz retrospektiv als „extremly valuable“; 1935 hatten die beiden englischen Physiologen Ergebnisse ihrer Forschungen, bei denen sie die Bedeutung des Frontalhirns in Bezug auf Problemlösungsfähigkeit und Lernprozesse untersucht hatten, auf dem Neurologiekongress in London vorgestellt. Nach einer doppelseitigen Entfernung von Teilen des Frontalhirns waren verschiedene Aufgaben für die Affen unlösbar und nicht wieder erlernbar geworden. Bei der Schimpansin Betty wurden als Nebenbefund Charakterveränderungen festgestellt: Musste sie vor der Operation noch in den Versuchskäfig gezerrt werden, weil sie sich weigerte, diesen zu betreten und daraufhin defäkierte und urinierte, betrat sie ihn nun – nach der Operation am Frontalhirn – alleine und auf bereitwillige Weise.3 In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema, in dem die große Bedeutung dieser Experimente an Schimpansen für die Entwicklung der Psychochirurgie betont wird, heißt es zu dem Londoner Neurologiekongress: „In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Es kann also nicht die Rede davon sein, dass „nicht belegt“ sei, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, wie Sultan behauptet. Fakt ist: Die Psychochirurgie wurde vor ihrer Anwendung am Menschen von verschiedenen Wissenschaftlern an verschiedenen Tierarten getestet, und die Ergebnisse dieser Tierexperimente bewogen Egas Moniz überhaupt erst dazu, solche Eingriffe auch beim Menschen vorzunehmen. Die Geschichte der Psychochirurgie, die, wie Dr. Sultan selbst schreibt, „zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten“ führte, spricht also in Wahrheit gegen die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen. Sie als Argument für Tierversuche anzuführen, kann nur gelingen, wenn man wie Dr. Sultan Geschichte grob verfälscht und dergestalt eine breite Öffentlichkeit, die sich in speziellen Fragen der Medizingeschichte nicht auskennt, täuscht. Natürlich ist diese Öffentlichkeit gewogen, sich in medizinischen Fragen auf die Informationen eines „Dr. med.“ zu verlassen. Schamlos nutzt Sultan also seine berufliche Stellung aus, um die Tübinger Öffentlichkeit, die seine Experimente an Affen mit ihren Steuergeldern finanziert, zu täuschen.
Auch für seine weiteren Behauptungen, dass Tierversuche „leider weiter notwendig“ seien, bleibt er jeden Beweis schuldig. Er räumt stattdessen ein, dass sie „keine 100-prozentige Sicherheit garantieren“ – damit spielt er den wahren Schaden, den Tierversuche anrichten, maßlos herunter: Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.4

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Rainer Fortner: Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg Würzburg 2003, S. 48f., hier online einsehbar. [zurück]
  3. Ebd., S. 53f. [zurück]
  4. Vgl. den Bericht „Tübinger Affenqual?“ im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 9. Mai 2011 über unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ mit der Veterinärmedizinerin Dr. Hiltrud Straßer am 5. Mai. [zurück]

Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an

Tübinger Tierexperimentatoren und deren Freunde melden sich wieder zu Wort: Nachdem Dr. med. Fahad Sultan sich als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) schon einmal per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zum Thema geäußert hat (zum Kommentar Dr. Sultans Geheimnis), legt er nun mit einem erneuten Leserbrief nach; Matthias Wiesner vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik will seinem Arbeitskollegen mit seinem heute vom „Schwäbischen Tagblatt“ veröffentlichten Brief1 wohl helfen, was aber gründlich schief geht.
In unserer ebenfalls als Leserbrief veröffentlichten Antwort auf Sultans ersten Brief hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass, seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft – seit zweieinhalb Jahren also –, die Experimentatoren nicht in der Lage sind, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. In intellektuell unredlicher Weise wurde in Sultans Brief stattdessen durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Dieses Vorgehen Sultans schloss an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview. Er selbst forsche über Alzheimer anhand von Tierversuchen – allerdings an Fliegen und Würmern. Jucker gab damit die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft komplett der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig).
Auch die erneuten Versuche, öffentlich für Tierexperimente zu argumentieren, scheitern kläglich. Es ist verständlich, dass Matthias Wiesner als Beschäftigter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik seinem Kollegen, dem Tierexperimentator Dr. Sultan, zur Seite stehen will. Verständlich ist auch, dass beide in ihren Briefen verschweigen, in welchem Verhältnis sie zum MPI stehen. Zum Zweck der Verteidigung von Tierversuchen allerdings mit nachweislich falschen Behauptungen aufzuwarten, ist schlicht peinlich.
In Dr. Sultans Leserbrief heißt es etwa: „Viele mit dem Nobelpreis gewürdigten Ergebnisse in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Die wenigen, die es nicht taten, führten meist zu verheerenden Ergebnissen. Die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, bekannt durch den Film ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, führte zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten. Diese ‚Therapie‘ wurde vorher leider nicht an Tieren getestet.“

Das Gegenteil aber ist der Fall – entsprechende Versuche, die an Schimpansen durchgeführt worden waren, brachten Egas Moniz überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden! In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema heißt es hierzu: „Von grosser Bedeutung waren die Experimente, die Charles Jacobson und John Fulton in den 1930er Jahren an der Yale University an Schimpansen vornahmen. Die Forscher hatten den Tieren Teile des Stirnhirns entfernt, worauf diese ‚frei von emotionalen und frustrierten Verhaltensweisen‘ schienen. 1935 stellte Fulton an einem Kongress in London die Experimente vor. In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Auch die Ausführungen von Matthias Wiesner sind nicht überzeugender und teilweise schlicht falsch. So schreibt er etwa: „Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben.“ Penicillin wurde aber nicht 1893, sondern erst 1928 entdeckt,2 und zwar keineswegs durch Tierexperimente, sondern durch Zufall: Alexander Fleming hatte vor den Sommerferien am St. Mary’s Hospital in London eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft und beiseite gestellt; bei seiner Rückkehr am 28. September entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen Nachbarschaft die Bakterien sich nicht mehr vermehrten.

Fleming nannte den bakterientötenden Stoff, der aus dem Nährmedium gewonnen werden konnte, Penicillin und beschrieb ihn für die Öffentlichkeit erstmals 1929 im British Journal of Experimental Pathology. Später wurden auch Tierversuche mit Penicillin durchgeführt. Nach heutigen Standard-Tierversuchen aber wäre der Stoff überhaupt nicht zugelassen worden, weil er tödlich für Meerschweinchen und andere Nager ist.
Ähnlich wie Penicillin haben viele weitere Wirkstoffe, die für andere Tiere schädlich oder tödlich sind, positive Wirkungen auf Menschen: Digitalis, Herzmedikament für den Menschen, erzeugt bei Hunden Bluthochdruck; Chloroform, Narkosemittel für Menschen, ist für Hunde giftig; Morphium hat eine beruhigende Wirkung auf Menschen und Ratten, erzeugt bei Katzen und Mäusen aber manische Erregungszustände; Aspirin verursacht Geburtsschäden bei Ratten, Mäusen, Affen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, jedoch nicht beim Menschen. – Folgende Wirkstoffe wurden im Tierversuch als sicher befunden, was tragische Konsequenzen nach sich zog: Eraldin verursacht Blindheit, Magenbeschwerden, Gelenkschmerzen und Wucherungen; Opren: 3.500 Menschen litten unter ernsthaften Nebenwirkungen wie Schäden an Haut und Augen, Kreislaufbeschwerden, Leber- und Nierenschäden, 70 Menschen starben; Flosint verursachte den Tod von 7 Menschen; Osmosin: Nebenwirkungen bei 650 Menschen, 20 Menschen starben; Chloramphenicol verursachte tödliche Blutkrankheiten; Clioquinol verursachte 30.000 Fälle von Blindheit und/oder Lähmungen, Tausende starben; Thalidomid verursachte als Wirktstoff in den Medikamenten Contergan und Softenon weltweit ca. 10.000 Geburtsschäden.

Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.
Um es mit Matthias Wiesner zu sagen: „Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann.“ Der polemische Satz, mit dem er seinen Brief dann schließt, wird durch die genannten Fakten allein bereits relativiert: „Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis“, so Wiesner. Durch fehlerhafte Argumentation – nämlich durch den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten,3 hatte auch Dr. Sultan in seinem ersten Brief Bedenken, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen, schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ verworfen. Fakt ist aber doch, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, so der israelische Soziologe Moshe Zuckermann.

Durch falsches ideologisches Bewusstsein ohne reale Basis zeichnet sich also vielmehr aus, wer am durch die moderne Wissenschaft widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen heutzutage an, dass der Speziesismus, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.

  1. Anmerkung, 29. Mai 2011: An dieser Stelle war im Text ursprünglich ein Link zum Leserbrief von Matthias Wiesner auf tagblatt.de. Wiesner scheint dafür gesorgt zu haben, dass dieser auf tagblatt.de entfernt wurde, jedenfalls ist er nicht mehr online zugänglich. Der in der Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ am 19. Mai abgedruckte Brief lautet: „Als langjähriger Patient mit einer Vielzahl an Eingriffen erstaunen mich Herrn Rudes gebetsmühlenartig vorgetragenen Versuche, den Nutzen von Tierversuchen für den Menschen zu leugnen. Fragen Sie doch mal die Menschen, welche zum Beispiel eine Herz-OP überlebt haben. Heutzutage ein Standardeingriff, aber wie wurden die Methoden entwickelt? Die Herz-Lungen-Maschine wurde seit 1935 permanent optimiert mithilfe von Tierversuchen. Eine Endokarditis (Herzmuskelentzündung) ist mit Tofu und Globuli behandelbar, allerdings mit einer hohen Mortalitätsrate behaftet. Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben. Die Entwicklung von Sehchips und Hirnschrittmachern sind ohne Tierversuche nicht möglich und befinden sich in klinischen Anwendungen, auch in Tübingen. Zum Nutzen des Patienten. Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann. Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis. – Matthias Wiesner, Tübingen, Untere Straße 9.“ [zurück]
  2. Von italienischen Autoren wird neuerdings behauptet, Bartolomeo Gosio habe das erste Penicillin entdeckt, was aber eindeutig falsch ist (ab 1893 untersuchte Gosio die Vitaminmangelkrankheit Pellagra, deren Ursache er in einem Pilzbefall von Mais vermutete. Hier isolierte und kristallisierte er die Mycophenolsäure, die heute als das erste, gut charakterisierte Beispiel für ein Antibiotikum gilt. Gosio machte die Beobachtung, dass sie das Wachstum des Milzbranderregers behinderte. Obwohl Gosio seine Erkenntnisse 1896 noch einmal zusammenfasste, untersuchte er den Stoff nicht weiter, wohl weil er eigentlich an Pellagra interessiert war). [zurück]
  3. Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz. [zurück]

Grußbotschaft an den Tierrechtsgefangenen Mel Broughton

Im Rahmen der total liberation-Aktionswoche wird im Moment – und noch bis Mitte Mai – in zahlreichen deutschen Städten das Thema Repression in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und praktische Solidarität geübt, indem Veranstaltungen durchgeführt werden, deren Erlös an von staatlicher Repression betroffene AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung geht.
Auch in Tübingen finden heute und am Donnerstag Ausstellungen, sowie am Mittwoch ein Abend mit Vortrag, einer Filmvorführung und anschließender Cocktailbar statt. Alle Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche lassen sich hier einsehen.
Susann Witt-Stahl von der Tierrechts Aktion Nord (TAN) ist im Moment auf dem Weg nach Großbritannien. In Oxford wird sie die Möglichkeit haben, Mel Broughton im Gefängnis zu besuchen. Wir nutzen die Gelegenheit, ihr eine Grußbotschaft an Mel mitzugeben, in der wir unsere Solidarität ihm gegenüber zum Ausdruck bringen.
Mel Broughton wurde Tierrechtsaktivist, nachdem er 1980 in seiner Heimatstadt ein Flugblatt über Vivisektion erhalten hatte. Er muss derzeit eine 10-jährige Haftstrafe verbüßen. Ihm wird Verschwörung und die Beteiligung an einem Brandanschlag im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten gegen das vor kurzem gebaute Tierlabor der Universität Oxford vorgeworfen. Sein derzeitiger Gesundheitszustand ist kritisch. Obwohl er für mehrere Wochen schwer krank war und in nur kurzer Zeit massiv an Gewicht verloren hat, ignorierte das Gefängnispersonal seine Bitte um medzinische Versorgung. Er musste daher eine eigene Diagnose auf Grundlage von Büchern stellen, die er aus der Bibliothek ausleihen konnte, und er hat das Gefängnispersonal mehrmals darauf hingewiesen, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit Diabetis habe. Letzten Endes erhielt er Besuch von einem Arzt, der ihn schockiert in den Krankenflügel überwies. Es wurde tatsächlich Diabetis diagnostiziert, und er erhält nun veganes Insulin. Obwohl sein allgemeiner Zustand immer noch schlecht ist, kann er zumindest wieder an Gewicht zulegen.


Foto: flickr.com – © All Rights Reserved Michael Kennally

Dear Mel,

we are a small self-organized group engaging in the struggle for animal rights and animal liberation. In our region in Germany there are several groups like us, trying to link the human and the animal case. Here, there are heavy conflicts within the animal rights movement: you might know that even fascists here try to use the animal rights cause for their goals and they count on the fact that Hitler was the first to introduce an animal protection act in Germany. That is one reason why many animal rights groups say that it is important to consider human liberation as well, when talking about animal liberation. This implies, for example, that we should fight groups which try to use the animal protection cause to spread hate against Jews and Muslims stressing that their ritual of slaughter is worse that the christian one. In any case, we are against slaughter, no matter if it’s in a Christian, Jewish or Muslim one. One approach to arrive at a consensus considering this was the Animal Liberation Hallmarks by a Swiss initiative.

With this letter we want to tell you that we think of you and support you. Being aware of the fact, that what happened to you could happen to anybody, we unite in mind. Thinking of the prisoners also means thinking of every one of our friends, comrades or even us.
What you achieved for our movement and for those who can‘t defend themselves, is one of those things which keeps us moving.
You may have heard of the thirteen Austrian animal rights activists, whose campaign against fur became so dangerous to the industries profits that the government tried to imprison them as terrorists. At the end of the trial they all had to be found not guilty, but still the prosecution wants to file an objection. Even when the animal rights scene had a lot of work about the trial, we became more and more committed to our goals. The fact that the government uses such force to continue the killing opens the eyes of more and more people to realize that this system is a fraud. Every single case of repression will on the one hand harm our fight but at the same time strengthen it.

We thought to also include a quote of Rosa Luxemburg, the German Marxist theorist, philosopher, socialist politician and revolutionary, who had been imprisoned for three years and four months. „Like a beast in a cage“ – that’s the description of the feeling she had in imprisonment she gave to her friend Sophie Liebknecht in a letter that she wrote in January 1917.
Being aware of „this huge madhouse in which we live“, she never gave up resistance and kept her will unweakened. On May 12, 1918, she wrote to her friend:

„Thus passing out of my cell in all directions are fine threads connecting me with thousands of creatures great and small, whose doings react upon me to arouse disquiet, pain, and self-reproach. You yourself, too, belong to this company of birds and beasts to which my nature throbs responsive. I feel how you are suffering because the years are passing beyond recall without your being able really to ‚live‘! Have patience, and take courage! We shall live none the less, shall live through great experiences. What we are now witnessing is the submergence of the old world, day by day another fragment sinks beneath the waters, day by day there is some fresh catastrophe. The strangest thing is that most people see nothing of it, but continue to imagine that the ground is firm beneath their feet.“

Maybe you like her statement – independent of political views – and we hope you can stay positive and that the day of freedom for all human and non-human animals will come as soon as possible!

Antispeciesist Action Tübingen, May 10, 2011.

Dr. Sultans Geheimnis

Als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) hat sich nun Dr. med. Fahad Sultan per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zu Wort gemeldet.
Dr. Sultan wirft in seinem Brief zunächst die Frage auf, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen. Eine „ernsthafte Diskussion“ über diese Frage will er schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ unterbinden. Als Wissenschaftler und Teilnehmer einer Tagung am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften mit dem Thema „Tierethik – Tierversuche“ muss er um die Fehlerhaftigkeit einer solchen Argumentation wissen. Es handelt sich hier eindeutig um einen naturalistischen Fehlschluss oder um einen „Sein-Sollen-Fehlschluss“ (Humes Gesetz), also um den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten. Die Argumentation Sultans entbehrt jeglicher Objektivität und Wissenschaftlichkeit und resultiert rein aus dem Verlangen, seine eigenen Experimente an Primaten zu rechtfertigen. Es gibt heutzutage aber schlicht keine wissenschaftlichen Argumente mehr dafür, dass wir an anderen hochentwickelten Tieren Dinge vornehmen können, die beim Menschen als Folter und Mord gelten würden. Seit Darwin ist es unmöglich, die ideologische Kluft zwischen Mensch und Tier, mit welcher die Gefangenschaft und Tötung letzterer gerechtfertigt wird, aufrechtzuerhalten, und die moderne Wissenschaft sagt ausdrücklich, dass der Speziesismus – das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jede Ideologie, mit der dieses legitimiert wird – „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in einem Vortrag.
Um Dr. Sultans „Einschätzung“ über Nutzen oder Schaden von Tierversuchen bewerten zu können, ist die Tatsache, dass er als Experimentator selbst direkt von den Primatenversuchen in Tübingen profitiert, entlarvend. Dass jemand, dessen Karriere davon abhängt, meint: „Wir brauchen weiter Tierversuche“, verwundert nicht. Seit die Kampagne gegen die Versuche läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Die Gewalt, mit denen die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, gezwungen werden, an den Versuchen teilzunehmen, rechtfertigte Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, schlicht mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). Sein Kollege Dr. Sultan dagegen meint nun: „Wir brauchen weiter Tierversuche wegen der Schwierigkeit der Sachverhalte, nicht weil Wissenschaftler blutrünstige Monster sind.“ In intellektuell unredlicher Weise wird in seinem Brief durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert.
Dieses Vorgehen Sultans schließt an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview und gab damit die kostspielige Anzeige der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Ähnlich hilflos ist der Versuch von Sultan, die Experimente zu rechtfertigen. Letztlich bleibt ihm nur, auf „Forschungsfreiheit“ zu insistieren. Warum er sich als Verteidiger freier Wissenschaft geriert, in diesem Zusammenhang aber ausgerechnet den barocken Prediger Abraham a Santa Clara zitiert, der sich u.a. durch Feindschaft gegenüber Juden und Frauen auszeichnet und z.B. davon gesprochen hat, „diesen Weibern auf die entblößten Brüste [zu] scheißen“, bleibt Dr. Sultans Geheimnis.

Foto oben: „Primatenstuhl“ bei einem der Experimente am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, an denen Dr. Sultan u.a. beteiligt ist.

Ankündigung: Empty Cages – Empty Cells. Feiern gegen Repression!

Mit der total liberation-Aktionswoche wird bis Mitte Mai in zahlreichen deutschen Städten das Thema Repression in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt; mit Informationsveranstaltungen, Soliküchen, Partys, Filmvorführungen und vielen weiteren Veranstaltungen. Der Erlös der Veranstaltungen fließt komplett in Antirepressionsarbeit und soll möglichst viele AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung unterstützen. Auch in Tübingen finden Ausstellungen sowie ein Abend mit Vortrag, einer Filmvorführung und anschließender Cocktailbar statt. Alle Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche lassen sich hier einsehen.
Auf der Internetseite totalliberation.blogsport.de sind Texte gelistet, die sich mit dem Thema Repression befassen. Zudem gibt es die Möglichkeit für alle von Repression betroffenen Menschen der Tierbefreiungsszene bzw. dieser Szene nahestehenden, dort an Repressions-Chroniken mitzuarbeiten. Veröffentlicht wurden bisher zahlreiche Beispiele, von Eingriffen in die Privatsphäre wie Hausdurchsuchungen und Bespitzelungen, bis hin zu Pressezensur, Gefängnisstrafen und anderer Staatswillkür. Totalliberation ist damit auch ein Archiv für bisher stattgefundene Repression und ermöglicht aus der bisher von Staat und Wirtschaft ausgeübten Gewalt zu lernen. Aktiv Solidarität zu schaffen ist das wichtigste Ziel der Kampagne. Mit Veranstaltungen in Berlin, Bonn, Bremen, Mainz, München, Göttingen, Stuttgart, Ulm, Heidelberg, Nürtingen, Lahr, Freiburg und Tübingen wird über Repression gegen die Tierbefreiungsbewegung informiert und in Soliaktionen Geld für Antirepressionsarbeit gesammelt.
Allen weiteren Infos zur Kampagne, der Repression und den Partys und Veranstaltungen finden sich unter totalliberation.blogsport.de

Einige Anmerkungen zu den Freisprüchen im österreichischen § 278a-Verfahren

Nach 95 Verhandlungstagen und der Vernehmung von 126 Zeugen wurden vor dem Landgericht Wiener Neustadt am 2. Mai die Urteile im von den österreichischen Medien als „Tierschutzprozess“ bezeichneten Verfahren verkündet: Freispruch aller 13 Angeklagten in allen Punkten (Presseartikel: ND, jw).
Am 21. Mai 2008 hatte die österreichische Polizei erstmals einen Rundumschlag gegen eine soziale Bewegung durchgeführt: Bewaffnete Spezialeinheiten stürmten 23 Wohnungen, Häuser und Büros, die mit Tierrechtsaktivitäten in Verbindung gebracht werden. Die betroffenen Personen waren in unterschiedlichen Zusammenhängen und Organisationen aktiv – Begründung für die Durchsuchungen aber war der Vorwurf der gemeinsamen Bildung einer kriminellen Organisation „namens Animal Liberation Front (ALF)“. Rechtliche Grundlage für ein solches Vorgehen bildet der §278 des österreichischen Strafgesetzbuchs – das Pendant des bundesrepublikanischen §129 StGB. Die von der Justiz vorgebrachten Vorwürfe gegen die Beschuldigten waren lediglich „Aktivitäten zur Förderung der Ziele“ der konstruierten kriminellen Vereinigung, etwa die Anmeldung von Demonstrationen, das Verfassen von Artikeln, Aktionen zivilen Ungehorsams. Konkrete Straftaten sollten von „unbekannten Mittätern“ begangen worden sein. – Eine ausführliche Chronologie der Ereignisse um den „Tierschutzsprozess“ findet sich hier.
Wovor bereits seit langem gewarnt wird, dass die Anwendung des Paragraphen, welcher die „Bildung einer kriminellen Organisation“ zum Straftatbestand macht, der Kriminalisierung und Überwachung von sozialen und politischen Bewegungen Tür und Tor öffnet, hat sich bestätigt. Zudem zeigt sich an dem Geschehen in Österreich die Verflechtung von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen: Die polizeiliche Sonderkommission „Bekleidung/Pelztier“ wurde im April 2007 erst auf Betreiben der österreichischen Bekleidungsindustrie, die sich durch die Aktivitäten der Tierrechtsaktivisten zunehmend gestört fühlte, eingerichtet. Seit März 2010 war der Prozess im Gange. Nun stellte Richterin Sonja Arleth fest: Züge einer kriminellen Vereinigung seien nicht festzustellen, bei den Tätigkeiten der Beschuldigten handle es sich lediglich „um eine Protestkultur, die im Gegensatz zu den Interessen der Polizei steht“.
Die Animal Liberation Front ist eine nicht organisierte Bewegung, es gibt keine Mitgliedschaft im herkömmlichen Sinn. Jede Gruppe oder auch Einzelperson, die sich mit ihren Zielen identifiziert, kann sich als Teil der ALF bezeichnen und in ihrem Namen Aktionen durchführen. Richterin Arleth stellte fest: „Jeder kann für sich selbst entscheiden. Die Ideologie ist das, was zusammenhält“.
Weltweit hat die Tierbefreiungsbewegung den Prozess verfolgt und am 2. Mai gespannt die Urteilsverkündung erwartet. Nach den Freisprüchen kam es zu spontanen Aktionen; auf dem Stuttgarter Schlossplatz etwa wurde der Ausgang des Prozesses bekannt gemacht, die Tierrechtsinitiative Region Stuttgart konnte vermelden: „Heute wurde gefeiert, was heute gefeiert werden durfte: ein Sieg gegen den Versuch der Lobbies der Tierausbeutungsindustrie, welche die staatliche Organe der Polizei und der Justiz ausnutzen, um die Tierrechtsbewegung zu kriminalisieren und zu zerschlagen.“
Die Freisprüche aber ändern nichts daran, dass es nie zur Anklage hätte kommen dürfen. In einer Stellungnahme der Solidaritätsgruppe antirep 2008 heißt es: „Das Urteil kann nicht als Beleg für einen ‚funktionierenden Rechtsstaat‘ aufgefasst werden, ist es doch vielmehr ein Beispiel dafür wie leicht es für die Behörden ist, trotz nicht vorhandener Beweislage den Repressionsapparat hochzufahren wenn der politische Wille zur Kriminalisierung vorhanden ist. Das Urteil ändert auch nichts am System einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Tiere alltäglich und gesetzlich gedeckt ist. Einem System, in dem Polizei und Justiz zunehmend repressiver gegen all jene vorgehen, die sich der herrschenden Ordnung nicht widerspruchslos anpassen und in dem Gerichte vielmehr der Machtdemonstration als der neutralen ‚Wahrheitsfindung‘ dienen.“
Bereits am 3. Mai hat die Staatsanwaltschaft außerdem bekannt gegeben, dass sie Berufung „wegen Schuld und Nichtigkeit“ beantragen will. Obwohl intensive Überwachungsmaßnahmen über Jahre hinweg – Observationen, Telefonüberwachungen, Kameras vor Hauseingängen, Mikrofone in Wohnungen, Peilsender an Autos, eine eingeschleuste verdeckte Ermittlerin sowie gekaufte Informanten – zu dem Ergebnis geführt haben, dass es keinen einzigen Beweis gegen einzelne Personen für begangene Straftaten gibt, behauptet die Staatsanwaltschaft nach wie vor, die Angeklagten seien Mitglieder einer „kriminellen Organisation“.
Die Kriminalisierung der Bewegung hat Ausmaße angenommen, die jeglichen Protest gegen die wirtschaftliche Vernutzung von Tieren mehr und mehr als terroristischen Akt bestimmt. Was in den 1920er Jahren als „Red Scare“ gegen Kommunisten begann, scheint mit „Green Scare“ Kontinuität zu erfahren. Die Repression richtet sich „gegen alle, die sich der Plünderung der Natur und lückenloser Verwertung der zur Ware erniedrigten Tiere in den Weg stellen“, wie es in Susann Witt-Stahls Kommentar Ausnahmezustand in der morgigen Ausgabe des ND heißt.
Wird jede Bewegung kontrolliert, bleibt nur noch die Unfreiheit. Jene aber ist, was die Menschen in der warenförmigen Gesellschaft mit den Tieren verbindet; beide leiden unter derselben Verwertungslogik. Hier findet sich die Schnittstelle der Befreiung von Mensch und Tier. Ziel jeder emanzipatorischen Bewegung sollte sein, für die Befreiung beider zu kämpfen. Angesichts der historischen Situation, welche sich durch den Niedergang der Linken bei gleichzeitiger Intensivierung der destruktiven Potentiale des Kapitals auszeichnet, ist dabei eine breit angelegte Solidarität notwendig. Auch wenn nicht alle Teile der Linken dazu bereit sein werden, Tiere zu den zu berücksichtigenden Gruppen zu zählen – zumindest ein Blick auf die politische Entwicklung in anderen Ländern lohnt sich, um zu sehen, was demnächst auch auf andere linke Strukturen zukommen kann.

Mit der total liberation-Aktionswoche, die morgen beginnt, wird bis Mitte Mai in zahlreichen deutschen Städten das Thema Repression in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt; mit Informationsveranstaltungen, Soliküchen, Partys, Filmvorführungen und vielen weiteren Veranstaltungen wird über die Tierbefreiungsbewegung und staatliche Repression informiert. Der Erlös der Veranstaltungen fließt komplett in Antirepressionsarbeit und soll möglichst viele AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung unterstützen. Auch in Tübingen werden Ausstellungen sowie ein Abend mit Vortrag, einer Filmvorführung und anschließender Cocktailbar stattfinden. Alle Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche lassen sich hier einsehen.




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