Dr. Sultans Geheimnis

Als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) hat sich nun Dr. med. Fahad Sultan per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zu Wort gemeldet.
Dr. Sultan wirft in seinem Brief zunächst die Frage auf, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen. Eine „ernsthafte Diskussion“ über diese Frage will er schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ unterbinden. Als Wissenschaftler und Teilnehmer einer Tagung am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften mit dem Thema „Tierethik – Tierversuche“ muss er um die Fehlerhaftigkeit einer solchen Argumentation wissen. Es handelt sich hier eindeutig um einen naturalistischen Fehlschluss oder um einen „Sein-Sollen-Fehlschluss“ (Humes Gesetz), also um den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten. Die Argumentation Sultans entbehrt jeglicher Objektivität und Wissenschaftlichkeit und resultiert rein aus dem Verlangen, seine eigenen Experimente an Primaten zu rechtfertigen. Es gibt heutzutage aber schlicht keine wissenschaftlichen Argumente mehr dafür, dass wir an anderen hochentwickelten Tieren Dinge vornehmen können, die beim Menschen als Folter und Mord gelten würden. Seit Darwin ist es unmöglich, die ideologische Kluft zwischen Mensch und Tier, mit welcher die Gefangenschaft und Tötung letzterer gerechtfertigt wird, aufrechtzuerhalten, und die moderne Wissenschaft sagt ausdrücklich, dass der Speziesismus – das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jede Ideologie, mit der dieses legitimiert wird – „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in einem Vortrag.
Um Dr. Sultans „Einschätzung“ über Nutzen oder Schaden von Tierversuchen bewerten zu können, ist die Tatsache, dass er als Experimentator selbst direkt von den Primatenversuchen in Tübingen profitiert, entlarvend. Dass jemand, dessen Karriere davon abhängt, meint: „Wir brauchen weiter Tierversuche“, verwundert nicht. Seit die Kampagne gegen die Versuche läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Die Gewalt, mit denen die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, gezwungen werden, an den Versuchen teilzunehmen, rechtfertigte Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, schlicht mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). Sein Kollege Dr. Sultan dagegen meint nun: „Wir brauchen weiter Tierversuche wegen der Schwierigkeit der Sachverhalte, nicht weil Wissenschaftler blutrünstige Monster sind.“ In intellektuell unredlicher Weise wird in seinem Brief durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert.
Dieses Vorgehen Sultans schließt an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview und gab damit die kostspielige Anzeige der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Ähnlich hilflos ist der Versuch von Sultan, die Experimente zu rechtfertigen. Letztlich bleibt ihm nur, auf „Forschungsfreiheit“ zu insistieren. Warum er sich als Verteidiger freier Wissenschaft geriert, in diesem Zusammenhang aber ausgerechnet den barocken Prediger Abraham a Santa Clara zitiert, der sich u.a. durch Feindschaft gegenüber Juden und Frauen auszeichnet und z.B. davon gesprochen hat, „diesen Weibern auf die entblößten Brüste [zu] scheißen“, bleibt Dr. Sultans Geheimnis.

Foto oben: „Primatenstuhl“ bei einem der Experimente am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, an denen Dr. Sultan u.a. beteiligt ist.





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