Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an

Tübinger Tierexperimentatoren und deren Freunde melden sich wieder zu Wort: Nachdem Dr. med. Fahad Sultan sich als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) schon einmal per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zum Thema geäußert hat (zum Kommentar Dr. Sultans Geheimnis), legt er nun mit einem erneuten Leserbrief nach; Matthias Wiesner vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik will seinem Arbeitskollegen mit seinem heute vom „Schwäbischen Tagblatt“ veröffentlichten Brief1 wohl helfen, was aber gründlich schief geht.
In unserer ebenfalls als Leserbrief veröffentlichten Antwort auf Sultans ersten Brief hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass, seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft – seit zweieinhalb Jahren also –, die Experimentatoren nicht in der Lage sind, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. In intellektuell unredlicher Weise wurde in Sultans Brief stattdessen durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Dieses Vorgehen Sultans schloss an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview. Er selbst forsche über Alzheimer anhand von Tierversuchen – allerdings an Fliegen und Würmern. Jucker gab damit die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft komplett der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig).
Auch die erneuten Versuche, öffentlich für Tierexperimente zu argumentieren, scheitern kläglich. Es ist verständlich, dass Matthias Wiesner als Beschäftigter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik seinem Kollegen, dem Tierexperimentator Dr. Sultan, zur Seite stehen will. Verständlich ist auch, dass beide in ihren Briefen verschweigen, in welchem Verhältnis sie zum MPI stehen. Zum Zweck der Verteidigung von Tierversuchen allerdings mit nachweislich falschen Behauptungen aufzuwarten, ist schlicht peinlich.
In Dr. Sultans Leserbrief heißt es etwa: „Viele mit dem Nobelpreis gewürdigten Ergebnisse in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Die wenigen, die es nicht taten, führten meist zu verheerenden Ergebnissen. Die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, bekannt durch den Film ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, führte zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten. Diese ‚Therapie‘ wurde vorher leider nicht an Tieren getestet.“

Das Gegenteil aber ist der Fall – entsprechende Versuche, die an Schimpansen durchgeführt worden waren, brachten Egas Moniz überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden! In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema heißt es hierzu: „Von grosser Bedeutung waren die Experimente, die Charles Jacobson und John Fulton in den 1930er Jahren an der Yale University an Schimpansen vornahmen. Die Forscher hatten den Tieren Teile des Stirnhirns entfernt, worauf diese ‚frei von emotionalen und frustrierten Verhaltensweisen‘ schienen. 1935 stellte Fulton an einem Kongress in London die Experimente vor. In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Auch die Ausführungen von Matthias Wiesner sind nicht überzeugender und teilweise schlicht falsch. So schreibt er etwa: „Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben.“ Penicillin wurde aber nicht 1893, sondern erst 1928 entdeckt,2 und zwar keineswegs durch Tierexperimente, sondern durch Zufall: Alexander Fleming hatte vor den Sommerferien am St. Mary’s Hospital in London eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft und beiseite gestellt; bei seiner Rückkehr am 28. September entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen Nachbarschaft die Bakterien sich nicht mehr vermehrten.

Fleming nannte den bakterientötenden Stoff, der aus dem Nährmedium gewonnen werden konnte, Penicillin und beschrieb ihn für die Öffentlichkeit erstmals 1929 im British Journal of Experimental Pathology. Später wurden auch Tierversuche mit Penicillin durchgeführt. Nach heutigen Standard-Tierversuchen aber wäre der Stoff überhaupt nicht zugelassen worden, weil er tödlich für Meerschweinchen und andere Nager ist.
Ähnlich wie Penicillin haben viele weitere Wirkstoffe, die für andere Tiere schädlich oder tödlich sind, positive Wirkungen auf Menschen: Digitalis, Herzmedikament für den Menschen, erzeugt bei Hunden Bluthochdruck; Chloroform, Narkosemittel für Menschen, ist für Hunde giftig; Morphium hat eine beruhigende Wirkung auf Menschen und Ratten, erzeugt bei Katzen und Mäusen aber manische Erregungszustände; Aspirin verursacht Geburtsschäden bei Ratten, Mäusen, Affen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, jedoch nicht beim Menschen. – Folgende Wirkstoffe wurden im Tierversuch als sicher befunden, was tragische Konsequenzen nach sich zog: Eraldin verursacht Blindheit, Magenbeschwerden, Gelenkschmerzen und Wucherungen; Opren: 3.500 Menschen litten unter ernsthaften Nebenwirkungen wie Schäden an Haut und Augen, Kreislaufbeschwerden, Leber- und Nierenschäden, 70 Menschen starben; Flosint verursachte den Tod von 7 Menschen; Osmosin: Nebenwirkungen bei 650 Menschen, 20 Menschen starben; Chloramphenicol verursachte tödliche Blutkrankheiten; Clioquinol verursachte 30.000 Fälle von Blindheit und/oder Lähmungen, Tausende starben; Thalidomid verursachte als Wirktstoff in den Medikamenten Contergan und Softenon weltweit ca. 10.000 Geburtsschäden.

Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.
Um es mit Matthias Wiesner zu sagen: „Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann.“ Der polemische Satz, mit dem er seinen Brief dann schließt, wird durch die genannten Fakten allein bereits relativiert: „Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis“, so Wiesner. Durch fehlerhafte Argumentation – nämlich durch den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten,3 hatte auch Dr. Sultan in seinem ersten Brief Bedenken, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen, schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ verworfen. Fakt ist aber doch, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, so der israelische Soziologe Moshe Zuckermann.

Durch falsches ideologisches Bewusstsein ohne reale Basis zeichnet sich also vielmehr aus, wer am durch die moderne Wissenschaft widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen heutzutage an, dass der Speziesismus, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.

  1. Anmerkung, 29. Mai 2011: An dieser Stelle war im Text ursprünglich ein Link zum Leserbrief von Matthias Wiesner auf tagblatt.de. Wiesner scheint dafür gesorgt zu haben, dass dieser auf tagblatt.de entfernt wurde, jedenfalls ist er nicht mehr online zugänglich. Der in der Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ am 19. Mai abgedruckte Brief lautet: „Als langjähriger Patient mit einer Vielzahl an Eingriffen erstaunen mich Herrn Rudes gebetsmühlenartig vorgetragenen Versuche, den Nutzen von Tierversuchen für den Menschen zu leugnen. Fragen Sie doch mal die Menschen, welche zum Beispiel eine Herz-OP überlebt haben. Heutzutage ein Standardeingriff, aber wie wurden die Methoden entwickelt? Die Herz-Lungen-Maschine wurde seit 1935 permanent optimiert mithilfe von Tierversuchen. Eine Endokarditis (Herzmuskelentzündung) ist mit Tofu und Globuli behandelbar, allerdings mit einer hohen Mortalitätsrate behaftet. Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben. Die Entwicklung von Sehchips und Hirnschrittmachern sind ohne Tierversuche nicht möglich und befinden sich in klinischen Anwendungen, auch in Tübingen. Zum Nutzen des Patienten. Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann. Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis. – Matthias Wiesner, Tübingen, Untere Straße 9.“ [zurück]
  2. Von italienischen Autoren wird neuerdings behauptet, Bartolomeo Gosio habe das erste Penicillin entdeckt, was aber eindeutig falsch ist (ab 1893 untersuchte Gosio die Vitaminmangelkrankheit Pellagra, deren Ursache er in einem Pilzbefall von Mais vermutete. Hier isolierte und kristallisierte er die Mycophenolsäure, die heute als das erste, gut charakterisierte Beispiel für ein Antibiotikum gilt. Gosio machte die Beobachtung, dass sie das Wachstum des Milzbranderregers behinderte. Obwohl Gosio seine Erkenntnisse 1896 noch einmal zusammenfasste, untersuchte er den Stoff nicht weiter, wohl weil er eigentlich an Pellagra interessiert war). [zurück]
  3. Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz. [zurück]

2 Antworten auf „Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an“


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