Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen

Zur öffentlichen Auseinandersetzung über Tierversuche mit dem Tierexperimentator Dr. Fahad Sultan haben wir bereits zweimal berichtet (Dr. Sultans Geheimnis und Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“), oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrem Forschungsgegenstand aber rein gar nichts zu tun haben (vgl. auch Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen an gleich drei Instituten1 anderen hochentwickelten Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde: Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“ Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart im „Primatenstuhl“ fixiert!
Dazu könnten sich die Herren Experimentatoren einmal äußern – doch hier fehlen ihnen die Argumente. Stattdessen schreiben sie lieber öffentliche Briefe, in denen sie sich über den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen auslassen; peinlich nur, dass sie auch hier nicht in der Lage dazu sind, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern sogar nachweislich mit falschen Tatsachenbehauptungen aufwarten. Nachdem wir hier auf unserer Internetpräsenz sowie in verkürzter Darstellung in einem Leserbrief nachgewiesen haben, dass die Behauptung Dr. Sultans, die er zuvor in einem Leserbrief gemacht hat, die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, die zur Verstümmelung einer Million psychiatrischer Patienten geführt habe, sei „vorher leider nicht an Tieren getestet“ worden, falsch ist – das Gegenteil ist der Fall: Entsprechende Experimente, die an Tieren durchgeführt worden waren, brachten ihn überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden –, versucht Sultan seinen Kopf in seiner öffentlichen Antwort an uns ernsthaft aus der Schlinge zu ziehen, indem er behauptet, es sei „nicht belegt“, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen sei.
Sein öffentlicher Brief ist in der heutigen Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ veröffentlicht. Er lautet:

Die Aussage von Tierschützern, dass man alle Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzen könnte, ist schlicht falsch. Die meisten Nobelpreise in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Eine Ausnahme stellt die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie dar (1949). Es ist nicht belegt, wie er auf die Idee der Psychochirurgie kam. Schädel aus der Bronzezeit deuten schon auf chirurgische Eingriffe hin.
Wichtiger ist aber, dass Moniz selber keine Tierversuche gemacht hat, um den Erfolg seiner Therapie zu belegen. Er berichtet von seiner Idee, dass es bei vielen psychiatrischen Erkrankung gilt, dauerhaft krankhafte Gedankenkreise zu durchbrechen. Weiter räsonierte er in seinem Gedankenexperiment (ohne Tierversuche hätte er heute eine Computersimulation benutzt), dass dies durch die Unterbrechung bestimmter Gehirnverbindungen erreicht werden kann.
Danach schritt er zur Tat und begann gleich mit Menschenexperimenten. Zuerst injizierte er 100-prozentiges Ethanol ins Gehirn von Patienten. Später entschloss er sich zu mechanischen Läsionen. Das Ausmaß der Zerstörungen konnte leider erst Jahre später erfasst werden. Man stellte fest, dass weit mehr als nur die anvisierten Gehirnverbindungen zerstört wurden.
Heute, nach der Einführung von Tierversuchen als gesetzliche Pflicht zur Dokumentation von Therapieerfolgen wären diese Schäden viel früher festgestellt und die Methode wäre gleich verboten worden. Tierversuche sind leider weiter notwendig. Dass sie uns keine 100-prozentige Sicherheit garantieren, ist für jeden vernünftigen Menschen ersichtlich. Dass Demagogen solch eine Sicherheit vorgaukeln, ist eigentlich ihr Kennzeichen.

Dr. med Fahad Sultan, Tübingen, Mörikestraße 37

Der Brief ist ein Armutszeugnis ohnegleichen! Erneut führt Sultan falsche Tatsachenbehauptungen an. Es ist sehr gut belegt, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen ist. In zahlreichen Publikationen legte er retrospektiv dar, was ihn dazu geführt hatte, operative Eingriffe aus psychiatrischer Indikation am Frontalhirn durchzuführen. Als Mediziner muss Sultan das wissen – es bleibt also nur die Schlussfolgerung, dass er die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen will.

António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz

Wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, führt ausführlich beispielsweise Rainer Fortner in seiner 2003 an der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereichten Dissertation Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen aus. Das Kapitel über die Anfänge der Psychochirurgie darin beginnt mit den Worten: „Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in der Medizin die allgemeine Bereitschaft, experimentell gewonnene Erkenntnisse vom Tier auf den Menschen zu übertragen. Auch für die Hirnforschung und später für die Psychiatrie bedeutete dies einen entscheidenden Umbruch: Der englische Neurologe Ferrier führte 1880 am Affen elektrische Reizungen des Frontalhirns durch […]. Einige Jahre später berichtete der deutsche Physiologe Goltz über seine Beobachtungen an Hunden, denen er zuvor Teile des Großhirns herausgeschnitten hatte“.2 Egas Moniz bezog sich auch auf die Experimente des russischen Physiologen Pawlow, dessen Forschungen maßgeblich zum Popularitätsgewinn von Tierexperimenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatten – die Versuche Pawlows an Hunden und seine daraus entwickelte Theorie von den „bedingten Reflexen“ (klassische Konditionierung) wurden weltberühmt. Er erwähnte ebenso die Experimente von Bechterew und Luzaro, die nach Exzision der Präfrontallappen von Hunden zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie der bereits erwähnte Physiologe Goltz. Die von Fulton und Jacobsen durchgeführten Versuche an Schimpansen beschrieb Moniz retrospektiv als „extremly valuable“; 1935 hatten die beiden englischen Physiologen Ergebnisse ihrer Forschungen, bei denen sie die Bedeutung des Frontalhirns in Bezug auf Problemlösungsfähigkeit und Lernprozesse untersucht hatten, auf dem Neurologiekongress in London vorgestellt. Nach einer doppelseitigen Entfernung von Teilen des Frontalhirns waren verschiedene Aufgaben für die Affen unlösbar und nicht wieder erlernbar geworden. Bei der Schimpansin Betty wurden als Nebenbefund Charakterveränderungen festgestellt: Musste sie vor der Operation noch in den Versuchskäfig gezerrt werden, weil sie sich weigerte, diesen zu betreten und daraufhin defäkierte und urinierte, betrat sie ihn nun – nach der Operation am Frontalhirn – alleine und auf bereitwillige Weise.3 In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema, in dem die große Bedeutung dieser Experimente an Schimpansen für die Entwicklung der Psychochirurgie betont wird, heißt es zu dem Londoner Neurologiekongress: „In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Es kann also nicht die Rede davon sein, dass „nicht belegt“ sei, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, wie Sultan behauptet. Fakt ist: Die Psychochirurgie wurde vor ihrer Anwendung am Menschen von verschiedenen Wissenschaftlern an verschiedenen Tierarten getestet, und die Ergebnisse dieser Tierexperimente bewogen Egas Moniz überhaupt erst dazu, solche Eingriffe auch beim Menschen vorzunehmen. Die Geschichte der Psychochirurgie, die, wie Dr. Sultan selbst schreibt, „zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten“ führte, spricht also in Wahrheit gegen die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen. Sie als Argument für Tierversuche anzuführen, kann nur gelingen, wenn man wie Dr. Sultan Geschichte grob verfälscht und dergestalt eine breite Öffentlichkeit, die sich in speziellen Fragen der Medizingeschichte nicht auskennt, täuscht. Natürlich ist diese Öffentlichkeit gewogen, sich in medizinischen Fragen auf die Informationen eines „Dr. med.“ zu verlassen. Schamlos nutzt Sultan also seine berufliche Stellung aus, um die Tübinger Öffentlichkeit, die seine Experimente an Affen mit ihren Steuergeldern finanziert, zu täuschen.
Auch für seine weiteren Behauptungen, dass Tierversuche „leider weiter notwendig“ seien, bleibt er jeden Beweis schuldig. Er räumt stattdessen ein, dass sie „keine 100-prozentige Sicherheit garantieren“ – damit spielt er den wahren Schaden, den Tierversuche anrichten, maßlos herunter: Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.4

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Rainer Fortner: Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg Würzburg 2003, S. 48f., hier online einsehbar. [zurück]
  3. Ebd., S. 53f. [zurück]
  4. Vgl. den Bericht „Tübinger Affenqual?“ im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 9. Mai 2011 über unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ mit der Veterinärmedizinerin Dr. Hiltrud Straßer am 5. Mai. [zurück]

3 Antworten auf „Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen“


  1. 1 Burak Tüzüner 10. Juni 2011 um 16:33 Uhr

    Diesen Menschen sollte man die Lizenz wegnehmen!

  2. 2 Claudia Urbaczka 14. Juni 2011 um 19:43 Uhr

    Tierversuche sind nicht auf Menschen übertragbar! Tierversuche sind unnötig. Tierversuche befriedigen nur den perversen Spieltrieb des Herrn Professors der damit Kariere machen will! Der Steuerzahler muß dafür zahlen. Die Menschen werden damit verschaukelt und für dumm gehalten!

  1. 1 Rainer fortner | Alldigiphoto Pingback am 29. Juli 2011 um 0:30 Uhr
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