Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis

Die politische Tierbefreiungsbewegung hatte in der Vergangenheit wiederholt mit Angriffen auch von Seiten anderer linker oder sich mit diesem Label bezeichnenden Gruppen und Personen zu kämpfen.1 Die Polemiken stammten fast ausschließlich aus dem sich als „antideutsch“ verstehenden Bereich. Die Tierrechts Aktion Nord veranstaltete im Juni 2010 eine Diskussionsveranstaltung zum Thema, in deren Rahmen die „antideutsche“ Ideologie als Neokonservatismus und Klassenkampf von oben analysiert wurde: Weil die „Mahner“ vor einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ ihre Traktate mit marxistisch klingenden Begriffen garnierten, wirke es zwar zunächst so, als handele es sich um eine linke Kritik an rechten Tendenzen, in Wahrheit richte sich die „antideutsche“ Kritik am Antikapitalismus als eine Spielart neokonservativer und antikommunistischer Herrschaftsideologie, die der „Barbarei“ sozialistischer Politikmodelle die „Freiheit der Märkte“ gegenüber stelle, aber gegen die Linke und gegen die ArbeiterInnenbewegung.2
Eine ausführliche Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis in Form einer Broschüre, welche den Weg der „Antideutschen“ vom selbsternannten „Abbruchunternehmen der Linken“ ins rechte Lager nachzeichnet, hat nun die Marxistische Aktion Tübingen veröffentlicht. Ausgehend von dem Umstand, dass Teile der „antideutschen“ Bewegung inzwischen offen die Übereinstimmung der eigenen Positionen mit jenen der Neuen Rechten einräumen, wird der affirmative turn der „antideutschen“ Bewegung, in dessen Vollzug diese sich von essentiellen linken Positionen zunehmend entfernt hat und dessen ultimative, aber logische Konsequenz nicht nur die Bejahung der herrschenden Zustände, sondern, wie sich nun zeigt, der Wechsel ins rechte Lager ist, einer ausführlichen Betrachtung unterzogen. Die affirmative Haltung gegenüber den herrschenden Zuständen und die Hinwendung zu neoliberalen Positionen in der gesamten „antideutschen“ Bewegung und Teilen der „autonomen Szene“ wird aufgezeigt – denn die Unfähigkeit, internalisierte bürgerliche Ideologie in der eigenen Theorie und Praxis zu überwinden, ist kein Alleinstellungsmerkmal der „Antideutschen“. Dass der linke Flügel der „Antideutschen“ sich vor allem in der „autonomen Szene“ tummelt, sei daher kein Zufall, sondern strukturell bedingt. Am Schluss wird darauf hingewiesen, dass es viele Linke gibt, die sich mitunter gar nicht oder nicht mehr als „antideutsch“ bezeichnen oder sich jedenfalls von den extremsten Entwicklungen der Szene distanzieren, antideutsche „Kritik“ aber nach wie vor als wichtig und notwendig bezeichnen, in vielen Auffassungen von „antideutscher“ Ideologie beeinflusst sind und sich nach wie vor als „israelsolidarische Linke“ bezeichnen. Über sie heißt es in der Broschüre: „Diejenigen Linken, die solche Argumentationsmuster übernommen haben, übersehen, dass es sich bei der ‚Kritik‘ der ‚Antideutschen‘ an der Linken niemals um solidarische, innerlinke Kritik gehandelt hat, welche die Bewegung vorangebracht oder emanzipatorischer gemacht hätte, sondern es sich im Gegenteil bei den ‚Antideutschen‘ von Anfang an um ein ‚Abbruchunternehmen der Linken‘ (Justus Wertmüller) gehandelt hat, mit dem Ziel, die Linke zu zerstören.“ Wo Linke sich darauf eingelassen hätten, sich mit den Zielen der israelischen und US-amerikanischen Rechten solidarisch zu erklären, wo Linke sich gegenüber der Ideologie der Herrschenden affirmativ verhalten und in die Propaganda von der Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten gegenüber „totalitären“ Systemen mit eingestimmt hätten, hätten sie sich konsequenterweise nicht nur von den essentiellsten linken Positionen entfernt, sondern seien selbst bürgerlich, (neo-)konservativ oder rechts geworden: Aus ursprünglich „antideutschen Kommunisten“ sind proamerikanische Apologeten des Kapitalismus geworden, die sich selbst aus der Linken verabschiedet haben, zu willfährigen Apologeten des Kapitals, seines bürgerlichen Staates und seiner imperialistischen Kriege geworden sind und das ursprüngliche linke Anliegen, die bürgerliche Herrschaft zu überwinden, längst aufgegeben haben.
Die Broschüre “Good bye, Lenin!” Vom „Abbruchunternehmen der Linken” ins rechte Lager: Eine Kritik „antideutscher” Ideologie und Praxis gibt es hier.

  1. Vgl. den Beitrag Zu Angriffen von „links“. [zurück]
  2. Tierrechts Aktion Nord: Der „antideutsche“ Neokonservativismus als Klassenkampf von oben. [zurück]

3 Antworten auf „Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis“


  1. 1 Administrator 04. Juli 2011 um 22:13 Uhr

    Rezension der Broschüre in der Tageszeitung junge welt: http://www.jungewelt.de/2011/07-04/019.php?sstr=marxistische%7Caktion%7Ct%FCbingen

  2. 2 Iceflame 12. Oktober 2011 um 10:49 Uhr

    Finde ich sehr gut dass Ihr Euch als Gruppe gegen diese Angriffe auf Eure Arbeit und Existenz als politische Gruppe wehrt und Euch theoretisch damit befasst um aufzuklären. Wäre ich keine Einzelperson und zu persönlich verstrickt, hätte ich mir schon lange mal die Mühe gemacht entsprechende Beiträge zu formulieren, die in das Thema hinzupassen. Ich bin sehr froh, dass es nun politische Gruppen gibt die sich diesen Raum nehmen Widerstand zu leisten um uns alle nicht von angeblich linken Gruppierungen am Ausüben linker Politik und Lebensweise hindern zu lassen. Vielen Dank, solidarische und aus eigener Erfahrung KRAFTSPENDENDE Grüße, da ich weiß wie auszerrend es ist sich mit diesen Menschen rumschlagen zu müssen, wünsche ich Euch von Hier aus Berlin eine entspannende Zeit das Thema möglichst unbeschadet abhandeln zu können, um Euch wieder Eurer eigenen Arbeit widmen zu können.

  1. 1 Der schwäbische ArbeiterInnenwiderstand gegen Hitler und die Nazis « Antispeziesistische Aktion Tübingen Pingback am 11. Dezember 2012 um 22:37 Uhr
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