Archiv für September 2011

Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf

Die Tierrechts Aktion Nord (TAN) war eine der ältesten und wichtigsten Protagonistinnen der Tierbefreiungsbewegung in Deutschland. Die TAN gründete sich 1987, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen; seitdem war die Gruppe mit spektakulären Aktionen – wie der Besetzung der Rinderspaltanlage im Hamburger Schlachthof 1988 –, Go-ins, Jagdsabotagen und als Unterstützergruppe der Animal Liberation Front (ALF) aktiv gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren für u.a. die Lebensmittel-, Bekleidungs- und Kulturindustrie.
Seit Einsetzen des durch den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und die Gründung der Berliner Republik ausgelösten Degenerationsprozesses weiter Teile der deutschen Linken sah die TAN zudem die Notwendigkeit einer fundamentalen Ideologiekritik an deren kläglichen Restbeständen, vor allem an opportunistisch zu AntikommunistInnen gewendeten Ex-Linken, die sich zentralen Ideologemen des Neokonservatismus verschrieben haben.1 Die Theoriearmut der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung als Schwachstelle erkennend fokussierte TAN ihr Engagement auf die Erarbeitung von Grundlagen für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere auf Basis der Werke von Marx und Engels und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ein wichtiges Dokument dieser Entwicklung ist der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Sammelband Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere mit einem Vorwort von Moshe Zuckermann.
Dass sich im Nachvollzug dieser Theorien das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, zur inneren und äußeren Natur als ein arbeitsvermitteltes und in der warenproduzierenden Klassengesellschaft historisch zu erkennendes offenbart, lieferte den Grundstock dafür, gesellschaftliche Kämpfe um Mensch, Arbeit und Natur nicht länger als nur irgendwie und teilweise ineinander übergehende zu denken, sondern sie auf ihren gemeinsamen Nenner zu bringen und auch als entsprechend vermittelte zu benennen. Für die Gruppe liegt politisch und theoretisch genau darin die Chance, vom bloß subversiven Lebensentwurf zu einer praktischen Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge zu kommen und von einer „Szene“ zur politischen Bewegung zu werden.
Als Konsequenz aus ihren theoretischen Reflexionen der letzten Jahre hat die Gruppe nun beschlossen, eine Umbenennung, verbunden mit einer neuen politischen Agenda, vorzunehmen. Am 27. August lud die TAN zu einer Diskussionsveranstaltung nach Hamburg, um bekannt zu geben, dass es die Gruppe in ihrer bisherigen Form bald nicht mehr geben wird. Die Begründung lautete: „Als Konsequenz unserer Theoriearbeit, den politischen Erfahrungen mit der deutschen Tierrechtsbewegung, wie sie derzeit besteht, und den verheerenden Entwicklungen der gesellschaftlichen Verhältnisse werden wir unsere Politik verändern und uns auch umbenennen. Wir treten auch weiterhin für die Befreiung von Mensch und Tier ein. Unser Verständnis der Bedingungen des Streitens für dieses Ziel hat sich jedoch erweitert. Die Veränderung unserer Gruppe bedeutet daher auch einen Schritt heraus aus der heutigen Tierbefreiungsbewegung, den wir mit einer expliziten Kritik an ihr verbinden. Die neuen Wege, die wir gehen wollen, befinden sich jenseits einer ruinierten deutschen Linken, die nichts von Tierbefreiung wissen will, sowie den Antispe-Autonomen und anderen bürgerlichen TierrechtlerInnen, für die die Befreiung der Gesellschaft oftmals nur ein Lippenbekenntnis ist. Damit wird TAN nach knapp 25 Jahren nicht aufgelöst, sondern in neuer, angemessener Form fortgesetzt.“

Die Themenblöcke bei der Diskussionsveranstaltung, an der auch VertreterInnen der Antispeziesistischen Aktion Tübingen teilnahmen, lauteten:

1. Ideologiekritiker oder „autonome Antispes“? Fallstricke in der
 Theorie des vulgären Antispeziesismus

2. Die Tiere befreien – aber nicht vom Kapitalismus?

3. Revolutionäre Realpolitik – Verhältnis zur deutschen Linken und zu bürgerlichen Organisationen

4. Solidarität und Aufklärung statt Denunziantentum und Anti- Intellektualismus – Die politische Kultur der Tierbefreiungsbewegung

Zu 1.: „Autonomer Antispeziesismus“ wurde als idealistisch, antihistorisch, als individualistisch und konsumistisch und letztlich als Ideologie kritisiert. Die Hauptfokussierung auf Themen wie die vegane Lebensweise oder die Sprachdekonstruktion zeuge von einer Entpolitisierung der Szene.
In diesem Zusammenhang wurde auch herausgestellt, dass nach marxistischem Verständnis der Unterschied zwischen Mensch und Tier ein gradueller, historischer ist, der auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zurückzuführen ist und so weder schon immer existent war, noch überall gleich ist. Nicht dieser graduelle Unterschied zwischen Mensch und Tier bilde den Speziesismus, sondern dessen Verabsolutierung – d.h., dass nicht jede Unterscheidung zwischen Mensch und Tier speziesistisch ist, sondern die absolute Abgrenzung des Menschen vom Tier bezüglich fast aller Eigenschaften. Als historisch real gewordene, durch die gesellschaftliche Organisation der Arbeit gemachte Differenz sei der Unterschied zwischen Mensch und Tier auch nicht einfach in poststrukturalistischer Manier, etwa durch den Hinweis, man müsse dualistische Ideologien überwinden oder einen nicht-speziesistischen Sprachgebrauch erfinden, zu „dekonstruieren“. Der Mensch-Tier-Dualismus sei nicht die Grundlage der Ausbeutung – das wäre idealistisch gedacht –, sondern ein nachträgliches Konstrukt zur Legitimierung der Ausbeutung. Speziesismus bezeichne eine Ideologie, die eine bestimmte Phase der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet und sollte nicht auf frühere Zeiten zurückprojiziert werden. Speziesismus, wie wir ihn heute verstehen, sei erst mit der bürgerlichen Aufklärung entstanden und setze bestimmte mit ihr verbundene Ideen wie etwa die der Freiheit des Individuums voraus.
Beim Speziesismus handelt es sich um eine klassische Ideologie: Speziesimus ist notwendig falsches Bewusstsein, dessen Ursache in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen liegt und das den Blick auf die kapitalistische Gesellschaft verschleiert und verstellt.

Zu 2.: Wesentliche Grundlage der Tierausbeutung in der momentanen gesellschaftlichen Formation sei nicht der Speziesismus, sondern die kapitalistische Produktionsweise. Tiere sind im Kapitalismus Teil der Waren. Tiere werden wie der Rest der Natur als Produktionsmittel, als Arbeitsgegenstand oder als Arbeitsmittel, behandelt. Sie werden dem Produktionsprozess als Material einverleibt. Die Natur wird auf den Prozess der Akkumulation von Kapital zugerichtet. Dies spiegelt sich in den modernen Ideologien über Tiere wider: Die hypostasierte, verabsolutierte Differenz zum Tier ist die Legitimationsideologie der kapitalistischen Ausbeutung der Tiere. Will die Tierbefreiungsbewegung letztere beenden, muss sie, so die Gruppe, darauf hinwirken, dass die Produktionsverhältnisse geändert werden. Antispeziesismus auf der Höhe der Zeit müsse deshalb notwendig antikapitalistisch sein bzw. Teil des Klassenkampfs.
Es sei zudem notwendig, eine Verschiebung vom Fokus auf die Konsumierenden hin zu den Produzierenden vorzunehmen: Die Konsumierenden würden hinsichtlich der Frage, was in dieser Gesellschaft produziert wird, eine nachgeordnete Rolle spielen. Es sei die herrschende Klasse, die den Mord und die Ausbeutung tagtäglich organisiere, die Konsumierenden seien nur die EndabnehmerInnen der Produkte aus Ausbeutung und Mord. Dass die Nachfrage das Angebot bestimme, sei ein Mythos, einer der gravierendsten Irrtümer und perfidesten Strategien des Kapitalismus, „Freiheit“ vorzutäuschen. Adorno weise in seiner Kritik der Kulturindustrie bereits darauf hin, dass es gerade das Heimtückische sei, dass die Kulturindustrie ihre Produkte so vermarktet, dass die Konsumierenden tatsächlich das Gefühl haben, sie würden sich frei entscheiden. Das Kapital verwende massive Mittel darauf, die Verhältnisse, welche in der Produktion von Lebensmitteln herrschen, zu verschleiern. Schon allein deshalb könne von „Freiheit“ hier nicht die Rede sein.
Als positiv wurde in diesem Zusammenhang die Methode der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung herausgestellt, Produzenten direkt anzugreifen – etwa im Zuge der gezielten Kampagnen gegen pelzverkaufende Unternehmen in den letzten Jahren. So könnte die Tierbefreiungsbewegung, weil sie die materielle Basis direkt angeht, für so manche linke Bewegung doch auch inspirierend sein.

Zu 3.: Nachdem die TAN Kritik an ihrer eigenen Geschichte als Organisation, die zu lange ohne ein eigenes Profil zu entwickeln in der „autonomen Szene“ aufgegangen sei, geübt hatte, wurde die Perspektive aufgemacht, in Zukunft schlagkräftige Bündnisse zu bilden, die nicht in irgendeiner Weise lifestyle-orientiert sind, also sich nicht primär etwa am Mode- oder Musikgeschmackt der (pop-)linken Szene ausrichten, sondern nach dem politischen Gehalt von möglichen Bündnispartnern. Dies sollen objektiv und in erster Linie Organisationen aus der antikapitalistischen Linken sein, Zweckbündnisse mit bürgerlichen Organisationen aber sind keineswegs von vornherein ausgeschlossen.
In ihrem Positionspapier betont die Gruppe: Ein-Punkt-Politik („single issue“), wie sie viele klassische autonome und andere außerparlamentarische Gruppen betrieben haben und immer noch betreiben, habe sich trotz einiger beachtlicher Resultate von sozialen Kämpfen sowohl theoretisch als auch praktisch als unzureichend herausgestellt. Theoretisch, weil ein gesellschaftliches Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis wie das zwischen Menschen und Tieren nicht aus sich heraus, sondern nur im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft zu analysieren und zu erklären sei. Praktisch, weil die unterschiedlichen Standpunkte, wie sie in der Gesellschaft existieren, in nahezu allen politischen Bewegungen wieder auftauchen und zu denselben Fraktionierungen führen würden. Die Grenzen verlaufen für die Gruppe zwischen den Klassen sowie den Marginalisierten und ihren UnterdrückerInnen in der kapitalistischen Gesellschaft und nicht zwischen den individuellen Arbeitsschwerpunkten oder Vorlieben einzelner Akteure in der Politik. Entscheidend sei nicht, an welcher Stelle, sondern dass man hier und heute Widerstand gegen die Herrschaft des Kapitals aufbaue und leiste. Potentielle Bündnispartner werden in emanzipatorischen Bürgerinitiativen, marxistischen Organisationen, Stadtteilgruppen, der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, in Gewerkschaften, der Anti-AKW-Bewegung, antiimperialistischen Organisationen, linken Parteien oder der Friedensbewegung gesehen – solange dort die Spannung zwischen dem Ziel einer Transformation der Gesellschaft und konkreter Politik aufrechterhalten werde.

Zu 4.: Die Tierbefreiungsbewegung sei zu einem großen Teil im autonomen Dschungel auf-/untergegegangen und habe es nicht geschafft, ein eigenes Profil zu entwickeln. Es herrsche in ihr ein eklatantes Bildungsdefizit, bürgerliche Ideologie und damit einhergehend mangelnde Solidarität etwa bei Diffamierungskampagnen gegen die TAN von „antideutscher“ Seite.
Im Positionspapier heißt es, die vorgeblich „linke Szene“, Tierbefreiungs-, Antifa- und Antira- oder Antisexismus-Gruppen stünden nicht automatisch für den Kampf um die Einrichtung einer befreiten Gesellschaft – teilweise im Gegenteil. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung verorte sich seit ihrem Bestehen in der undogmatischen Linken. In den seltenen Fällen, in denen sie sich überhaupt einmal politisch über das Mensch-Tier-Verhältnis hinaus positioniert habe, sei dies in Form einer Abgrenzung von der Traditionslinken geschehen2 – als gäbe es kein wesentlich gravierenderes, als gäbe es nicht das zentrale Problem: Kapitalismus. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung dürfe dieses fundamentale Problem nicht länger bagatellisieren. Sollte sie weiterhin nicht aus dem Bann bürgerlicher Ethik und nicht weniger bürgerlicher idealistisch-poplinker Diskurse heraustreten, so stelle dieses ein historisches Versagen dar, für das die Gruppe nicht (mehr) mitverantwortlich zeichnen will. Es reiche nicht, den Speziesismus (moralisch) als das falsche Denken zu verurteilen. Die Ursachen dieser mörderischen Ideologie müssten bekämpft – ihr müsse die ökonomische Basis entzogen werden.

Die bisherige TAN nennt sich ab sofort Assoziation Dämmerung.
Der Name bezieht sich auf einen Aphorismus von Max Horkheimer aus dem Jahr 1934. Dieser lautet:

DÄMMERUNG. — Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist, mit desto grausameren Mitteln muß man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist. Der Verstand der Massen hat in Europa mit der großen Industrie so zugenommen, daß die heiligsten Güter vor ihm behütet werden müssen. Wer sie gut verteidigt, hat seine Karriere schon gemacht; wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt: neben der allgemeinen, systematisch betriebenen Verdummung verhindert die Drohung mit wirtschaftlichem Ruin, gesellschaftlicher Ächtung, Zuchthaus und Tod, daß der Verstand sich an den höchsten begrifflichen Herrschaftsmitteln vergreife. Der Imperialismus der großen europäischen Staaten hat das Mittelalter nicht um seine Holzstöße zu beneiden; seine Symbole sind durch feinere Apparate und furchtbarer gerüstete Garden beschützt als die Heiligen der mittelalterlichen Kirche. Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.

Es handelt sich um den ersten Aphorismus in dem unter dem Pseudonym Heinrich Regius herausgegebenen Werk Dämmerung. Notizen in Deutschland (Zürich 1934). Hierin findet sich auch der Aphorismus „Der Wolkenkratzer“, in dem Horkheimer für die kapitalistische Gesellschaft die Metapher eines Hauses gebraucht, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei.3 Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen.

In ihrem Positionspapier mit dem Titel Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf stellt die Gruppe ihre neue politische Agenda öffentlich vor.

Zum Manifest der Assoziation Dämmerung.

Zur Website der Assoziation Dämmerung.

  1. Mehr zu diesem Phänomen: Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis. [zurück]
  2. Dabei gibt es in dieser zahlreiche Anknüpfungspunkte für die antikapitalistische Tierbefreiungsbewegung – vgl. beispielsweise unseren Text Die Tiere Rosa Luxemburgs. [zurück]
  3. In unserem Selbstverständnis findet sich eine ausführlichere Schilderung dieser „Wolkenkratzer“-Metapher. [zurück]

Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche

Bild: Hartmut Kiewert

Wie die taz heute unter dem Titel Wirtschaft trifft Forschung: Frieden schaffen mit Chemiewaffen berichtet, forscht die Universität Tübingen weiterhin im Auftrag der Bundeswehr, obwohl eine Zivilklausel in der Grundordnung der Universität Tübingen das seit Januar 2010 verbietet. Die Klausel lautet: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“ Trotzdem fließen zur Finanzierung wehrmedizinischer Forschung eine halbe Million Euro vom Verteidigungsministerium an die Universität.
Die Zivilklausel wurde im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft und ist seither in der Grundordnung der Universität festgeschrieben – dennoch haben seither zahlreiche Veranstaltungen rund um den Campus stattgefunden, die ihr widersprechen. Die Universität hat bisher überhaupt nicht auf die Klausel reagiert. „Die Zivilklausel interessiert die Uni überhaupt nicht“, so Christoph Marischka von der Informationsstelle Militarisierung.
Seit April ist nun sogar der „Militärstratege“1 und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft.
Der Arbeitskreis Universität in ziviler Verantwortung fordert die Universität Tübingen dazu auf, die in der Grundordnung verankerte Selbstverpflichtung zu respektieren, Mechanismen zu etablieren, die eine transparente Überprüfung der Vereinbarkeit von Forschung und Lehre mit den in der Grundordnung festgelegten Zielen erlauben und die Verleihung der Honorarprofessur an Wolfgang Ischinger rückgängig zu machen.
Doch die Universität zeigt sich ignorant. Auch zu den neuen Vorwürfen, die heute in der taz gegen die Universität erhoben werden, schweigt sich Rektor Bernd Engler bislang aus.
Der Bereich der Wehrforschung steht im Allgemeinen unter Geheimhaltung. Folgendes aber ist bekannt: „Wehrmedizinische Forschung findet, finanziert durch das Verteidigungsministerium, an den Bundeswehrkrankenhäusern, den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München sowie an zahlreichen deutschen Hochschulen statt, darunter auch in Tübingen. Hier wird im Auftrag des Verteidigungsministeriums zu Lärmtraumata, zu Organophosphaten und zur Wirkung nuklearer Strahlung auf Körperzellen geforscht. Mittels Internetrecherche konnte bislang nur das Projekt zur Erforschung von Lärmtraumata identifiziert werden, das auch die offensichtlichsten Bezüge zur Einsatzrealität der Bundeswehr aufweist. So sind Lärm- und Knalltraumata unter den häufigsten Formen von Verletzungen von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und auch jenseits des konkreten Kriegseinsatzes leiden viele Soldaten wegen ihres unmittelbaren Umgangs mit Gewehren, Explosionswaffen, Flugzeugen und Hubschraubern unter chronischen Hörschäden. Am zur Universität gehörenden Tübingen Hearing Research Centre auf dem Gelände der Universitätsklinik wird bzw. wurden im Auftrag des Verteidigungsministerium der Haarzellverlust infolge von Schalldruck und mögliche Behandlungsmöglichkeiten untersucht. Als Grundlage der Forschung diente die experimentelle Beschallung und anschließende Untersuchung von Meerschweinchen. Ob diese Tierversuche selbst in Tübingen stattfanden und weiter stattfinden, ist jedoch bislang nicht eindeutig geklärt.“3
Sicher ist, dass die Uni Tübingen Komponenten für „µDrones“ (www.ist-microdrones.org), Überwachungsdrohnen für Militär und Polizei, liefert – trotz Zivilklausel. Dazu wurde die Orientierung von Ratten erforscht.4 Diese Forschung fand und findet am Institut für Neurowissenschaft im Labor für Kognitive Neurowissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Hanspeter A. Mallot statt. Daneben ist Mallot – man höre und staune – am von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Bioethik“ beteiligt. Dieses ist beim Tübinger Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) angesiedelt, welches u.a. in die Kritik geriet, da es im Auftrag der Bundesregierung „ethische Begleitforschung“ zur Einführung sog. „Nackscanner“ an deutschen Flughäfen betreibt – und letztlich Optimierungsvorschläge unterbreitet, die diese Einführung erleichtern. Das IZEW hat sich im Übrigen in die Diskussion um die Zivilklausel an der Universität Tübingen eingeschaltet und organisiert im kommenden Wintersemester eine Ringvorlesung hierzu mit, bei der Bundeswehrangehörige sprechen sollen, Militärkritiker jedoch ausgeladen wurden.
Mit der wehrmedizinischen Forschung an der Universität Tübingen würden, so ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber der taz, „wichtige Grundlagen zur Prüfung neuer Medikamente geschaffen, um Menschen zu behandeln, die nach Aufnahme von sogenannten Organophosphaten erkrankt seien“. Organophospate sind chemische Botenstoffe, die in Nervenkampfstoffen und Pestiziden vorkommen. Ihre lebensbedrohliche Wirkung beruht dosisabhängig auf einer Lähmung der Atemmuskulatur. Vor ihrer Zulassung werden sie normalerweise Hühnern als einmalige Dosis oder wiederholt verabreicht – diese Tierart sei am ehesten empfänglich für die giftige Wirkung dieser Chemikalien. Die Tiere werden auf Verhaltensabweichungen untersucht und anschließend getötet; Nerven, Gehirn und Rückenmark werden auf Anzeichen von Nervenschäden untersucht. In Tübingen scheint es sich allerdings um eine In-vitro-Studie zu handeln.5
Man weiß aber nicht, was sonst noch alles unter dem Deckmantel der Geheimhaltung im Auftrag der Bundeswehr passiert. Im Dezember 2008 war bekannt geworden, dass die Bundeswehr bereits seit 2004 Tausende Tierversuche durchführen lässt, um Auswirkungen von biologischen und chemischen Waffen zu erforschen. Dabei starben mindestens 3300 Tiere, darunter auch 18 Affen. Insgesamt wurden bei den Tierversuchen der Wehrforscher zwischen 2004 und 2008 mindestens 2.220 Mäuse, 706 Meerschweinchen, 276 Ratten, 84 Kaninchen, 76 Schweine und 18 Makaken-Affen getötet.6
Abgeschirmt von der Öffentlichkeit geht inmitten unserer sich kultiviert nennenden Gesellschaft, wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung ausgedrückt haben, „verkannt als bloßes Exemplar“ tagtäglich Versuchstier nach Versuchstier „durch die Passion des Laboratoriums“, ziehen die Experimentatoren „verstümmelten Tierleibern“ den „blutigen Schluß“ ab, ohne dass dies der Großteil der Menschen überhaupt mitbekommt. So sind sich auch viele Menschen, die in Tübingen leben, überhaupt nicht darüber bewusst, dass solche „scheußlichen physiologischen Laboratorien“ sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden. In Tübingen werden aber – nach zahlreichen bereits beendeten Versuchen mit Affen – momentan nicht nur gleich an drei Instituten ähnliche Versuche mit Makaken durchgeführt, wie sie bereits in München, Berlin und Bremen in den letzten Jahren aus ethischen Gründen von den Behörden nicht mehr erlaubt wurden – die „Datenbank Tierversuche“ findet unter der Stichwortsuche „Tübingen“ aktuell 189 wissenschaftliche Publikationen über Studien, zu deren Durchführung an Tieren experimentiert wurde.
Was hinter den verschlossenen Türen Tübinger Institute geschieht, würde, geschähe es beim Menschen, Folter und Mord genannt werden; und ganz offen werden Personen, die für Folter und Mord in weltweitem Maßstab verantwortlich sind, von der Universität Tübingen hofiert. Wir fordern:

Kriegstreiber und Tierquäler raus aus den Unis!

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Mehr Informationen zu Tübinger Tierversuchen in der Kategorie Tierversuche.

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. IMI: Zivilklausel an der Universität Tübingen. Dokumentation Juli 2011. [zurück]
  4. Hölscher et al.: Rats are able to navigate in virtual environments, The Journal of Experimental Biology 208, 561-569. [zurück]
  5. vgl. das Abstract Long-term evaluation of organophosphate toxicity and antidotal therapy in co-cultures of spinal cord and muscle tissue. [zurück]
  6. So die Angaben des Nachrichtenmagazins Focus am 11.12.2008. [zurück]

Größte Geflügel-Schlachtfabrik Europas nimmt Betrieb auf

In Wietze bei Celle entsteht Europas größte Geflügel-Schlachtfabrik, wo täglich eine halbe Million „Hähnchen“ geschlachtet werden sollen. Seit das Bauvorhaben bekannt ist, gibt es massiven Widerstand. Im Sommer 2010 wurde das Baugelände in Wietze während knapp drei Monaten besetzt gehalten (vgl. Erklärung des Tierbefreiungskongresses 2010). In Sprötze ist der Maststall einer geplanten Zulieferfabrik für Wietze vor seiner Inbetriebnahme im Juli 2010 abgebrannt worden (vgl. Solidaritätskampagne für die Beschuldigten des Mastanlagenbrands in Sprötze). Am 27. Juni wurde ein von TierbefreiungsaktivistInnen besetzt gehaltenes Gelände in Teplingen (Wendland), auf dem ebenfalls ein Zulieferbetrieb für Wietze errichtet werden soll, von den Eigentümern der entstehenden Mastanlage brutal angegriffen (vgl. Besetzte Mastanlagen-Baustelle brutal angegriffen). Bei Vechelde im Landkreis Peine (Niedersachsen) ist in der Nacht auf den 16. Juli eine kurz vor der Inbetriebnahme stehende Hähnchenmastanlage in Brand geraten (vgl. Brand in Hähnchenmastanlage und BekennerInnenschreiben zum Mastanlagenbrand bei Vechelde). In Großmunzel bei Wunstorf (Region Hannover) wurde im August abermals ein Bauplatz für eine geplante Mastanlage besetzt (vgl. Erneute Besetzung eines Mastanlagen-Bauplatzes).
Die Schlachtfabrik in Wietze kann nur dann vollkommen in Betrieb genommen werden, wenn es genügend Zulieferbetriebe gibt. Zur Belieferung müssen in der Region ca. 420 Mastfabriken mit jeweils 40.000 Tieren errichtet werden. Bisher konnten nur einige wenige der geplanten Mastanlagen realisiert werden, auch aufgrund von massiven Protesten.
Bereits letzten Freitag soll es nun in Wiezte aber bereits Probeschlachtungen gegeben haben. Seit heute ist der Schlachthof in Betrieb. Der Widerstand und die Proteste der letzten Jahre aber haben Spuren hinterlassen: Geschlachtet wird vorerst in nur einer Schicht pro Tag auf einer Schlachtlinie – die Anlage musste in Betrieb gehen, obwohl noch immer die Zulieferer fehlen. Es musste heimlich, quasi ohne Ankündigung, eine kümmerliche halbe Bauruine eröffnet werden, die auf Dauer in dieser Form alles andere als wirtschaftlich ist. Zumindest solange die Hühner fehlen. Die Suche nach Agroindustriellen, die bereit sind, Mastbetriebe für Wietze zu übernehmen, geht also umso krampfhafter weiter.
Im Klartext heißt das: Werden auch in Zukunft weiter genug Mastanlagen verhindert, wird auch der Schlachthof in Wietze ein Verlustgeschäft bleiben. Lasst uns diesen Pyrrussieg der Agrarindustrie zum dankbaren Anlass nehmen, dem taumelndem Riesen endgültig die Luft abzuschneiden!

Schlachtfabriken verhindern!

NDR-Bericht zur Eröffnung mit Video des Fernsehbeitrages

„Die Ware Schwein wird wahrgenommen“

Heute berichtet die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ über das Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Ein großer Teil des Artikels sowie das Foto widmet sich der Kunst Hartmut Kiewerts, der auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen vom 22. August bis zum 3. September in der Shedhalle zu Werke ist und diese mit seinem beeindruckenden Bild optisch dominiert. Im Artikel heißt es u.a.:

Auf die blutige Geschichte der Shedhalle als Schlachthof bezieht sich Hartmut Kiewerts Monumentalbild „meat the past“. Der Künstler, Jahrgang 1980, will die inzwischen an einen anderen Ort verlegten Schlachtungen wieder sichtbar machen. Wie an den Ringelschwänzchen aufgehängt, konfrontieren 15 gefühlt lebensgroße Schweine kopfunter den Betrachter.
„Man riecht die Schweine ja immer noch“, bemerkt eine Besucherin. „Wenn man vor dem Bild steht, erst recht.“ Der Maler will „die meistens warenförmig vermittelte Mensch-Tier-Beziehung wieder rückkoppeln“ – um erneut das einzelne Tier wahrzunehmen.

In seinem Katalog „mensch_tier“ definiert Hartmut Kiewert für sich die Bildende Kunst als „adäquates Terrain, um das Problem der Mensch-Tier-Beziehung neu zu verhandeln.“ Die Symbolik von Fleisch oder Darstellungen von Jagd und Erlegtem sind für ihn Symboliken der Macht und der Herrschaft:

Der Moment des totalen Zugriffs auf den Körper durch Gewalt ist der Moment der Ausübung der absoluten Macht. So steht einerseits das Verzehren von Fleisch auch heute noch als Symbol der Herrschaft und als Metapher für diesen totalen Zugriff und ist es zugleich auch de facto, da tatsächlich ein Leben ausgelöscht wurde, also Macht in ihrer extremsten Form angewendet wurde, um sich Teile des Tierkörpers einzuverleiben.

Gerade unter herrschaftskritischer Perspektive transportiere die Symbolik des Tieres und des Fleisches doppeldeutig eine Kritik an der Gewalt gegen Tiere, genauso wie an Gewalt und Herrschaft als solcher im Allgemeinen. In seiner Arbeit versucht Hartmut Kiewert diese Aspekte zuzuspitzen und zu konzentrieren:

Der Abwesenheit des Schlachtens und schlechten Lebens der Tiere setze ich die Präsenz der Malmasse, der Fleischfarben entgegen. Die unbehaglichen Perspektiven meiner (Fleisch-)Landschaften sind der Versuch der Unterwanderung der herrschaftsförmigen Perspektiven auf nicht-menschliche Lebewesen.

Harmut Kiewert will mit seiner Kunst die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern. Bei seinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem er noch während dieser Woche im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitet, scheint das mehr als gut zu funktionieren. Wir haben in den letzten Tagen die Beobachtung gemacht, dass das Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf viele Menschen anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für mannigfaltige Gespräche und Diskussionen bildete. Auch das „Schwäbische Tagblatt“ spricht von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“ und stellt fest: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“.




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