„Die Ware Schwein wird wahrgenommen“

Heute berichtet die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ über das Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Ein großer Teil des Artikels sowie das Foto widmet sich der Kunst Hartmut Kiewerts, der auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen vom 22. August bis zum 3. September in der Shedhalle zu Werke ist und diese mit seinem beeindruckenden Bild optisch dominiert. Im Artikel heißt es u.a.:

Auf die blutige Geschichte der Shedhalle als Schlachthof bezieht sich Hartmut Kiewerts Monumentalbild „meat the past“. Der Künstler, Jahrgang 1980, will die inzwischen an einen anderen Ort verlegten Schlachtungen wieder sichtbar machen. Wie an den Ringelschwänzchen aufgehängt, konfrontieren 15 gefühlt lebensgroße Schweine kopfunter den Betrachter.
„Man riecht die Schweine ja immer noch“, bemerkt eine Besucherin. „Wenn man vor dem Bild steht, erst recht.“ Der Maler will „die meistens warenförmig vermittelte Mensch-Tier-Beziehung wieder rückkoppeln“ – um erneut das einzelne Tier wahrzunehmen.

In seinem Katalog „mensch_tier“ definiert Hartmut Kiewert für sich die Bildende Kunst als „adäquates Terrain, um das Problem der Mensch-Tier-Beziehung neu zu verhandeln.“ Die Symbolik von Fleisch oder Darstellungen von Jagd und Erlegtem sind für ihn Symboliken der Macht und der Herrschaft:

Der Moment des totalen Zugriffs auf den Körper durch Gewalt ist der Moment der Ausübung der absoluten Macht. So steht einerseits das Verzehren von Fleisch auch heute noch als Symbol der Herrschaft und als Metapher für diesen totalen Zugriff und ist es zugleich auch de facto, da tatsächlich ein Leben ausgelöscht wurde, also Macht in ihrer extremsten Form angewendet wurde, um sich Teile des Tierkörpers einzuverleiben.

Gerade unter herrschaftskritischer Perspektive transportiere die Symbolik des Tieres und des Fleisches doppeldeutig eine Kritik an der Gewalt gegen Tiere, genauso wie an Gewalt und Herrschaft als solcher im Allgemeinen. In seiner Arbeit versucht Hartmut Kiewert diese Aspekte zuzuspitzen und zu konzentrieren:

Der Abwesenheit des Schlachtens und schlechten Lebens der Tiere setze ich die Präsenz der Malmasse, der Fleischfarben entgegen. Die unbehaglichen Perspektiven meiner (Fleisch-)Landschaften sind der Versuch der Unterwanderung der herrschaftsförmigen Perspektiven auf nicht-menschliche Lebewesen.

Harmut Kiewert will mit seiner Kunst die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern. Bei seinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem er noch während dieser Woche im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitet, scheint das mehr als gut zu funktionieren. Wir haben in den letzten Tagen die Beobachtung gemacht, dass das Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf viele Menschen anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für mannigfaltige Gespräche und Diskussionen bildete. Auch das „Schwäbische Tagblatt“ spricht von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“ und stellt fest: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“.





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