Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm


1 Antwort auf „Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert“


  1. 1 Zur Psychologie einer Ideologie: „Fleisch“ « Antispeziesistische Aktion Tübingen Pingback am 22. März 2012 um 15:25 Uhr
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