Archiv für Oktober 2011

Zum „offenen Brief“ Peter Bierls an uns

In seinem „offenen Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde“ wirft Peter Bierl uns vor, seine Person in unserem Artikel Zu Peter Bierl „auf der Grundlage trüber Quellen“ als Verleumder diffamiert zu haben. Wenn wir der Meinung seien, er würde sinnentstellend zitieren, sei es „angemessen, selber die Quellen [zu] prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.“
Selbstverständlich sind uns die Quellen, aus denen Peter Bierl nachweislich sinnentstellend zitiert hat, gut bekannt – handelt es sich doch um zwei Beiträge zu einem der wichtigsten theoretischen Werke der Tierbefreiungsbewegung; sie stammen aus der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Ausatzssammlung Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Wir waren allerdings der Meinung, dass die verleumderischen Methoden Peter Bierls im auf wissenrockt.de veröffentlichten Artikel Mit Dreck werfen, den wir zitiert haben, ausreichend beleuchtet werden.

In seinem Brief an uns erdreistet sich Bierl, die von uns kritisierte unredliche Vorgehensweise, die er bereits in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen anwandte, schlicht noch einmal zu tätigen: Er diffamiert Susann Witt-Stahl und Colin Goldner, indem er sie mit rechten antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung bringt.

Die Vorgehensweise von Peter Bierl ist folgende:

Zunächst unterschlägt er, damit seine Argumentation überhaupt funktionieren kann, wichtige Fakten.
So ist etwa gerade Colin Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt – in seinem Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, der in Der Rechte Rand 108 (Sept./Okt. 2007, S. 21f.) erschienen ist, schreibt er:

Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Psychokulte, Sekten, Religionsgemeinschaften jedweder Art, einschließlich der etablierten Kirchen, haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu schaffen; so wenig wie Nazis und Neo-Nazis.
Es kann insofern keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. Egal ob unter dem Kreuz, dem Hakenkreuz oder unter sonst einem der zahllosen Embleme von Unterdrückung, Ausbeutung oder Herrschaft.

Die linke Journalistin Susann Witt-Stahl, die von Bierl in die Nähe von holocaustrelativierenden Positionen gerückt wird, ist ausdrückliche und scharfe Kritikerin des sog. „KZ-Vergleichs“, im Zuge dessen manche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bestimmte Formen der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung von Tieren zu Fleisch sowie Tierversuche mit dem Holocaust verglichen haben. Die bürgerliche Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PeTA) hatte 2002 eine Ausstellung und internationale Plakatkampagne unter dem Motto „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gestartet, die etwa Fotografien von Tiertransporten und Vernichtungstransporten der deutschen Faschisten nebeneinander stellte. 2004 hatte die deutsche Sektion von PeTA die US-Plakatkampagne übernommen. Im selben Jahr verbot das Landgericht Berlin, im Jahr darauf das Kammergericht Berlin die Plakate, weil ihre Aussage gegen die Menschenwürde von Holocaustüberlebenden verstoße.
Bereits in ihrem Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern kritisierte Susann Witt-Stahl damals die PeTA-Kampagne; unter anderem schrieb sie:

Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. […] Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust […]. Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist.

Mit einer unreflektierten, in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah trage PeTA dazu bei, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, so Witt-Stahl, und weiter: Man möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation, die oberflächlich, unwissenschaftlich und unseriös vorgehe, um vorsätzliche Geschichtsfälschung handele oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder Ignoranz.

Gleich argumentiert Susann Witt-Stahl auch in dem im Rahmen des von ihr herausgegebenen Sammelbandes erschienenen Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie, aus dem Peter Bierl sinnentstellend zitiert.
In seinem Artikel Wahlverwandte unter sich schrieb er:

Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen „zur westlichen Weltreligion“, zu „einem negativen Identifikationsmodell“, entwickelt, und es finde eine „Fetischisierung des Holocaust“ statt, während die Tierrechtsorganisation PeTA den KZ-Vergleich in ihrer Werbung „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: „Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.“

In Bezug auf diesen Text von Susann Witt-Stahl findet Bierl, wie er in seinem offenen Brief an uns schreibt, „nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.“ Diese Aussge Bierls kann wirklich nur als schlechter Witz gewertet werden – mit dem er sich allerdings selbst lächerlich macht.
Durch selektives Zitieren will Bierl den Eindruck erwecken, Susann Witt-Stahl verteidige den „KZ-Vergleich“, den die bürgerliche Tierrechtsorganisation PeTA vorgenommen hat, greife jene, die ihn kritisieren, an und bewege sich damit selbst mindestens an der Grenze der Holocaustrelativierung. Dass Susann Witt-Stahl selbst eine der schärfsten KritikerInnen dieses Vergleichs ist, unterschlägt er; er verkauft damit seine LeserInnen für dumm und scheint darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht die Mühe machen, nachzusehen, um wen es sich bei der Autorin handelt und welchem Kontext die Zitate entnommen worden sind.

Im Mittelpunkt des Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie steht das Problem der Vereinnahmung der jüdischen Opfer des größten Verbrechens, das Menschen je gegen Menschen verübt haben, seine Instrumentalisierung und die durch gnadenlos „enttabuisierte Alltagsrhetorik forcierte Zerschwätzung“ und „kulturindustrielle Banalisierung des Besonderen und Einzigartigen“ (Moshe Zuckermann). Es geht Witt-Stahl um Ideologiekritik, darum, die Ideologieschichten abzutragen, die sowohl über dem Vergleich als auch über bestimmten Formen seiner Kritik wuchern, sie zu analysieren und als falsches Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen zu erkennen. Witt-Stahl fragt also sowohl nach den Beweggründen, Methoden und Strategien, warum und wie der „KZ-Vergleich“ von seinen Befürwortern so eifrig und beharrlich bemüht wird, als auch danach, weshalb er von vielen seiner Gegner gar nicht konsequent kritisiert wird, sondern vielmehr „hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft und andere antiemanzipatorische Zwecke instrumentalisiert zu werden“ (S. 279).

In seinem offenen Brief an uns gibt Peter Bierl die Position Witt-Stahls mit den Worten wieder: „Das eigentliche Problem bestünde in einem ‚längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus‘.“
Dass Susann Witt-Stahl vom Philosemitismus als „eigentlichem Problem“ spricht, davon kann keine Rede sein. In Wirklichkeit heißt es in ihrem Aufsatz hierzu:

Der eliminatorische Antisemitismus und die exzessive Perhorreszierung der Juden und des Judentums gelten heute in Deutschland und Resteuropa als historisch überwunden. Aber während des noch andauernden und sich stetig wandelnden und zumindest streckenweise katastrophal verlaufenden Prozesses dessen, was als „Vergangenheitsbewältigung“ oder „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnet wird, sind wesentliche Elemente des Antisemitismus bis heute nicht dialektisch aufgehoben und in eine wahrhaft emanzipatorische Praxis überführt worden. Sie sind lediglich in einen längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus umgeschlagen, der jederzeit droht, wieder in einen offenen, sich aggresiv entladenden Judenhass zurückzufallen. Denn diese erklärte „Liebe“ zu den Juden ist insofern eine falsche Liebe, als sie Juden entindividualisiert, kategorisiert, fetischisiert und zu Identifikationsobjekten degradiert. […] Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland den mit dem Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren. Welche Ausmaße falsche Liebe und mimentische Distanzlosigkeit annehmen können, demonstrieren beispielsweise so genannte Antideutsche – pseudomarxistische Ex-Linke, antilinke Deutsche, die im Windschatten der neoliberalen Großoffensive für eine radikale Entfesselung der Marktkräfte eine affirmative Wende vollzogen haben. Das, was als „Solidarität“ mit den Juden und dem Staat Israel verkauft wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung meist als narzisstisches Suhlen in deutschen Befindlichkeiten. Die falsche Projektion des „deutschen Wesens“ auf das arabisch-palästinensische Kollektiv indiziert ein tiefes Bedürfnis nach Entsorgung der Schande (S. 283).

Witt-Stahl bezieht sich hier auch auf die Analysen von Moshe Zuckermann, der in den letzten Jahren vermehrt auf die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses der Antisemitismuskritik und die damit unweigerlich verbundene „Veralltäglichung der Shoah“ hingewiesen und im Jahr 2010 dann auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Über den Rechtsruck in gewissen Bereichen der Antisemitismuskritik – was bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung geht – hat Susann Witt-Stahl ebenfalls im Jahr 2010 auch ein Interview mit Moshe Zuckermann geführt, in dem er diese Problematik ausführlich darstellt. Darin sagt er u.a.:

Als Historiker geht es mir um den Entstehungszusammenhang des geschichtlichen Antisemitismus; als Marxist um die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Antisemitismus und als jemand, der mit der Shoah befasst ist, um die generellen Schlussfolgerungen von dem, was mich lebensgeschichtlich immer schon umgetrieben hat und bis ans Ende meiner Tage umtreiben wird. Die sogenannte Antisemitismuskritik, von der ich in meinem Buch rede, hat mit alledem nichts zu tun. Sie gilt nicht der Bekämpfung des realen Antisemitismus, sondern suhlt sich einzig in der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs für fremdbestimmte Zwecke unter Verwendung perfidester denunziatorischer und polemisch verlogener Mittel. […] In Deutschland sehe ich in erster Linie den Zusammenhang von tabuisiertem Antisemitismus und legitimierter Islamophobie, welche nach dem 11. September 2001 einen großen weltpolitischen Aufschwung erhalten hat, als Nährboden für besagte Formation. Die Islamophobie ersetzt den Antisemitismus, der nun seinerseits in einen unsäglichen Philosemitismus umschlagen darf. Die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik, die aus geschichtlich erklärbaren Gründen diese Linie schon immer verfolgt hat, erhält nun von der bürgerlichen Presse einerseits und den sogenannten Antideutschen andererseits eine bemerkenswerte ideologische Affirmation. Das gab es so vorher nicht. Auch die deutsche Linke scheint mir, ähnlich wie die israelische, weitgehend zusammengebrochen zu sein. Das muss man, meine ich, in indirektem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Blocksystems, dem Siegeszug des globalisierten Kapitalismus und der Heraufkunft des amerikanischen Neokonservatismus sehen. […] Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat […] fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. […] Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment. […] Nicht minder schlimm ist dabei, dass die diesen Wunsch hegenden Deutschen sowohl sich selbst als „Deutsche“ als auch die Juden als „Juden“ abstrahieren – letztlich auf die leere Formel des „Deutschen“ und des „Juden“ reduzieren. Wie schnell sind da die Inhalte austauschbar, wie schnell kann das Ressentiment der fremdbestimmten Zuneigung ins Gegenteil, in die Aversion, umschlagen.

Genau „diese perfide Spielart des dem Antisemitismus verschwisterten Philosemitismus“ (S. 284) wird von Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz kritisiert. Doch das veschweigt Bierl, der ja selbst dem „antideutschen“ Spektrum zuzurechnen ist und den Antisemitismus-Vorwurf als bloßes politisches Instrument zur Diffamierung vermeintlicher „Gegner“ missbraucht, lieber. Statt sich auf einer sachlichen Ebene mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen – wofür ihm offensichtlich die Argumente fehlen –, versucht er Witt-Stahl in Misskredit zu bringen, indem er Satzteile aus ihrem Aufsatz derart aus dem Zusammenhang reißt, dass sie ins Gegenteil dessen, was eigentlich damit ausgedrückt wurde, verkehrt werden können; so verfährt Bierl etwa mit der Aussage Witt-Stahls, PeTA habe den „KZ-Vergleich“ „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ – so, wie Bierl das Zitat einsetzt, suggeriert er damit eine apologetische Haltung Witt-Stahls gegenüber dem „KZ-Vergleich“ PeTAs. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Natürlich verteidigt Witt-Stahl PeTA hier nicht, sondern macht der Tierrechtsorganisation die kulturindustrielle Banalisierung der Shoa zum Vorwurf! Der Kontext, aus dem Bierl selektiv zitiert, lautet:

Die Fetischisierung des Holocaust und seine kulturindustrielle Ausschlachtung stellen wohl das hässlichste Phänomen dar, das die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne begleitet hat. PeTA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext und den Gedenkräumen entrissen, profaniert, schließlich als eye catcher nahtlos in die Produktpalette eingereiht und das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht: In den Städten waren überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen. Letztlich erwies sich der Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus: Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert PeTA geliefert. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation nicht nur lobende Worte für „KZ-Betreiber“ wie Burger King findet, sondern auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi - die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PeTA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt (S. 287).

In seinem offenen Brief tut Bierl so, als ob Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz gewissermaßen PeTA und Konsorten nicht etwa deshalb kritisiere, weil sie von der Falschheit des „KZ-Vergleichs“ überzeugt wäre, sondern eher, um eine Legitimation dafür zu haben, sich „linke Kritiker“ dieses Vergleichs „vorzunehmen“: „Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl […] zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt.“ – In Wirklichkeit widmen sich die ersten 14 Seiten ihres Aufsatzes hauptsächlich der ausführlichen Kritik des „KZ-Vergleichs“; die Kritik an denjenigen, die den Vergleich aus der Sicht Witt-Stahls aus einem falschem Bewusstsein heraus kritisieren, beläuft sich nur auf die Hälfte dieser Anzahl von Seiten. Von einer „Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs“ – so Bierl in seinem Brief – kann dabei nicht die Rede sein; und dass Witt-Stahl sich „linke Kritiker vornimmt“, kann man so auch nicht behaupten. So geht es zunächst um die Äußerungen einer Vorsitzenden eines Tierschutzvereins und um eine Kolumnistin der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ des Axel-Springer-Konzerns. Und die Zeitschrift „Bahamas“, für die Uli Krug schreibt, hat schon lange grundsätzlich mit der Linken gebrochen und positioniert sich inzwischen selbst rechtsoffen.

Was Bierl wohl in Wahrheit nicht passt, dürfte der Umstand sein, dass Witt-Stahl in ihrem Aufsatz nachweist, dass gewisse „antideutsche“ Autoren, die der Tierrechtsbewegung die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps vorwerfen, dieses selbst verwenden – in einem philosemitischen Duktus, welcher sich aber aus antisemitischen Ressentiments speist. Denn sie benutzen

nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Terrors für die Affirmation einer Ideologie grenzenloser Unterjochung und Ausbeutung der Tiere – sie reproduzieren alte Judäophobien, wie sie beispielsweise in Richard Wagners Schriften zu finden sind (S. 296).

Wohl um diese Hintergründe zu vertuschen und weil er genau weiß, dass er sich u.a. in Bezug auf die vehemente Kritikerin „antideutscher“ Ideologie Susann Witt-Stahl unlauteren Methoden bedient, die den Zweck verfolgen, politische Gegner mundtot zu machen, schiebt Bierl in seinem offenen Brief an uns nach erneut vorgenommener sinnentstellender Zitation Witt-Stahls schnell ein „Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese“ nach.
Vielmehr gehe es um etwas ganz anderes: Der Verleumder Bierl, der sich nun selbst als Opfer von „Angriffen“ auf seine Person stilisiert, schreibt:

Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.

Wer also die verleumderischen Methoden, die Peter Bierl, wie wir nun hoffentlich ausführlich genug gezeigt haben, nachweislich angewandt hat, klar benennt und die Rufmord-Kampagne, die er gegen Aktive der Tierbefreiungsbewegung betreibt, kritisiert, trägt – obwohl er sich in krassem Widerspruch mit den Ansichten Peter Singers sieht und selbst eine ausführliche Kritik an der Würdigung Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung geübt hat – also letztlich zur Wiedereinführung der Euthanasie in Deutschland bei, so Bierls Vorwurf. Mit solchen abenteuerlichen Gedankenkonstruktionen, in denen, nebenbei bemerkt, eine unüberhörbare Portion Selbstüberschätzung mitschwingt, diskreditiert Peter Bierl sich lediglich – aufs Neue – selbst.

Es bleibt abzuwarten, ob die Methoden, welche er in seinem Vortrag zur Kritik an der Anthroposophie am Mittwoch anwenden wird, mit jenen unlauteren vergleichbar sind, die er benutzt hat, um Personen aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und aus dem säkularen Spektrum zu diffamieren, oder ob sein Vortrag Substanz haben und Anlass für eine fruchtbringende Diskussion bieten wird.

Zu Peter Bierl

Am 2. November 2011 lädt der Tübinger Infoladen zu einem Vortrag mit Peter Bierl. Bierl ist Journalist und Autor des Buches Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, sein Vortrag wird eine Kritik an der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner zum Inhalt haben.
Wir halten eine Kritik an der modernen Esoterik im Allgemeinen sowie an ihren rassistischen Elementen im Speziellen für notwendig – doch was Peter Bierl betreibt, ist Verleumdung als Methode:

Seine Arbeitsweise kann als Musterbeispiel für unseriöse Argumentation und bewusste Verleumdung gelten; sie trägt einen Diskurs in die Linke, der ansonsten unter Verschwörungstheoretikern und in rechten Portalen wie Politically Incorrect vorherrscht.

So jedenfalls urteilte der Humanistische Pressedienst, nachdem Peter Bier in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen sowohl Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung als auch Colin Goldner und Susann Witt-Stahl, die beide in der Tierbefreiungsbewegung aktiv sind, diffamiert hatte, indem er sie mit antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung brachte.
In unserem Text Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung kritisierten wir die Vergabe des „Ethik-Preises“ der Stiftung an den australischen Moralphilosophen Peter Singer und gaben, was dessen Ethik betrifft, dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander Recht, der diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnete und urteilte: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“ Wir merkten aber an:

Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN)1 wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen).

In letztgenanntem Artikel wird die Methode, nach der Bierl vorgeht, einer genaueren Analyse unterzogen. In Bezug auf Colin Goldner und Susann Witt-Stahl heißt es:

Der Zusammenhang, in dem die Zitate standen, interessiert Bierl […] meist wenig. Der Tierrechtler Colin Goldner wird damit zitiert, dass „wer eine Aussage wie ‚Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren‘ kritisiere, […] eine ‚Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfs‘ [betreibe]“. Während Goldner hier relativierende Tendenzen unterstellt werden sollen, geht es in seinem Artikel jedoch um die Abgrenzung gegenüber der Person, die diesen relativierenden KZ-Vergleich gezogen hat. So heißt es an der betreffenden Stelle weiter: „Zur Unterfütterung der Abgrenzungserfordernis ist im Übrigen der wenig substantiierte Antisemitismusvorwurf auch gar nicht nötig“. „Wenig substantiiert“, weil er sich nicht nachweisen lässt, und „nicht nötig“, weil genug andere, substanziellere Gründe zur Abgrenzung vorhanden sind. Auf solch manipulistische Weise Zitatbestandteile zusammenzustellen (und Wesentliches wegzulassen) hat Bierl nötig. Denn gerade Goldner in die rechte Ecke zu stellen wäre sonst ein schwieriges Unterfangen. Erst vor wenigen Monaten versuchte u.a. die NPD eine Lesung von ihm zu sprengen und er ist mehrmals als Kritiker gegen die Versuche von Nazis aufgetreten, die Tierrechtsszene zu unterwandern.
Daher verlagert sich die Kritik bereits nach einem Satz auf Susann Witt-Stahl – ungeachtet dessen, dass sie mit der Preisverleihung oder der gbs überhaupt nichts zu tun hat. Doch ist sie zusammen mit Goldner Herausgeberin eines Sammelbandes. Diese gedanklichen Umwege sind scheinbar ausreichend, um hier Assoziationen herzustellen. Man liest deutlich heraus, dass der „Antideutsche“ Bierl offene Rechnungen mit der Antideutschen-Kritikerin Witt-Stahl hat. So wird jede Möglichkeit genutzt, Seitenhiebe zu verteilen, egal wie wenig es zum Thema passt.
Auch bei Witt-Stahl werden Zitate von ihrem Kontext isoliert und Aussagen ins Gegenteil verkehrt. Es wird suggeriert, sie habe den KZ-Vergleich durch die Tierschutzorganisation PETA (die in der Tierrechtsszene stark umstritten ist) gerechtfertigt, da PETA ihn „in ihrer Werbung ‚lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt‘ habe“. Tatsächlich lautet die ganze Stelle in Witt-Stahls Aufsatz: „Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation [PETA, Anm.] nicht nur lobende Worte für ‚KZ-Betreiber‘ wie
Burger King findet, sondern sich auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi – die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PETA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt.“ Im nächsten Satz spricht sie von „nicht unerheblich[en] [..] werbestrategische[n] Erwägungen“ der Organisation. Die Rede vom „effektiven Marketing“ ist also unübersehbar Kritik an PETA, keine Zustimmung wie Bierls verfälschender Zitatschnipsel andeuten soll.

Der von Bierl angegriffene Michael Schmidt-Salomon erwähnte in einer Stellungnahme, vor einigen Jahren habe das iranische Staatsfernsehen aufgrund seines jüdisch klingenden Namens und seiner Unterstützung der Bewegung der Ex-Muslime behauptet, er sei ein Agent des Mossad. Dieser Versuch des iranischen Regimes, ihn mundtot zu machen, sei schon reichlich absurd gewesen. Peter Bierls Anschuldigungen seien aber noch ein gutes Stück absurder. Dank Bierl sei er nun „ein antisemitischer jüdischer Mossad-Agent.“ – „Großartig!“, so Schmidt-Salomon weiter: „Wenn das die Art ist, wie in Deutschland Aufklärung betrieben wird, dann gute Nacht…“
Durch die Anwendung der aufgezeigten Methoden hat Peter Bierl sich selbst diskreditiert und ist für uns als Referent – auch wenn es in seinem Tübinger Vortrag um ein anderes Thema geht – nicht mehr ernst zu nehmen. Dass die Infoladen-Gruppe eine Person, die mit solch unredlichen Mitteln gegen vermeintliche „Gegner“ vorgeht, einlädt, können wir nicht nachvollziehen.

  1. Die TAN hat sich inzwischen umbenannt – vgl. unseren Bericht Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf.[zurück]

Revolutionärer Antispeziesismus

Unser Flugblatt Revolutionärer Antispeziesismus: Die Befreiung von Mensch und Tier ist jetzt online.

Revolutionärer Antispeziesismus ist ein Prozess der Befreiung des Menschen und des Tiers aus Unterdrückung und Ausbeutung. Er setzt sich deshalb gegen die Ausbeutungsmaschinerie Kapitalismus und dessen Verwertungslogik ein. Diese versucht aus allen natürlichen Rohstof­fen und aus der menschlichen Arbeitskraft das Maximale herauszuholen. Sie achtet dabei nicht auf die entstehenden Schäden, wie Leid und Umweltzerstörung; sie zwingt Menschen, sich selbst und ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen.
Das Ziel von antispeziesistischer Arbeit, wie wir sie verstehen, besteht in der Überwindung ka­pitalistischer Verwertungszwänge und jedem anderen Ausbeutungsverhältnis. (…)
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Ankündigung: Vortrag „Unity of Oppression und Intersektionalität“

Dienstag, 25.10., 19 Uhr, Tübingen, Volkshochschule:

In den frühen 1990ern hielten in der radikalen Linken durch den Feminismus angestoßene Überlegungen über die Mehrfachunterdrückung (durch Sexismus, Rassismus und Kapitalismus) Einzug, die Mitte der 1990er durch die Tierrechtsbewegung um die Kategorie „Spezies“ bzw. „Nicht-Mensch“ im Unity-of-Oppression-Konzept erweitert wurden. Während dieser Ansatz in den letzten zehn Jahren an Gewicht verloren hat, boomt inzwischen eine ähnlich gelagerte Diskussion in wissenschaftlichen Kreisen, die Parallelen zur Unity-of-Oppression-These der Tierrechtsbewegung aufweist: Die Intersektionalität. Dabei geht es um die Analyse von Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Ungleichheit, Benachteiligung etc. und deren Einbettung im Kapitalismus. In dieser Veranstaltung soll der Werdegang von Triple Oppression zur Unity of Oppression nachgezeichnet und das Modell der Intersektionalität dargestellt und in Hinblick auf seine Relevanz für die Analyse von gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen ausgeleuchtet werden.

Andre Gamerschlag ist der Überzeugung:

Der Kapitalismus hat mit seiner Marktlogik Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens – im Neoliberalismus wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Auch Speziesismus ist in ihm so eingeschrieben, dass die moderne Tierausbeutung nicht ohne die Analyse marktwirtschaftlicher Mechanismen begriffen werden kann.
Speziesismus ist auf vielfältige Weise mit anderen Herrschaftsformen verbunden sowie im Kapitalismus eingebettet. Zwar gab es schon immer Tierausbeutung, aber die heutige Form, in ihrer qualitativ und quantitativ entsetzlichen Ausprägung, ist ein Produkt des Kapitalismus. Er hat ganze Industrien mit modernen „Errungenschaften“ wie Massentierhaltung und Fließbandtötung hervorgebracht.
Wer Tierausbeutung alleine abschaffen will, stößt spätestens bei den kapitalistischen Zwängen an Grenzen.

Text zum Thema:
Unity-Of-Oppression, Intersektionalität und die Verwobenheit von Speziesismus mit menschenbezogenen Herrschaftsformen

Über den Referenten:
Andre Gamerschlag ist Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Methoden der Sozialforschung, Gender Studies, Intersektionalität und Human-Animal Studies. Seit 2004 ist er aktiv in der Tierrechtsbewegung und seit 2007 bei die tierbefreier e.V., free animal e.V. und in der Redaktion der „Tierbefreiung“ – gamerschlag.info.

60.000 Unterschriften gegen Affenversuche in Tübingen übergeben

Foto: Wolfgang Reimer, Silke Bitz, Reinhold Pix.

Heute um 11 Uhr hat die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. im Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz dem Ministerialdirektor Wolfgang Reimer stellvertretend für alle UnterstützerInnen der Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen 60.000 Unterschriften übergeben, verbunden mit der Aufforderung, dem Beispiel anderer Bundesländer zu folgen und der Hirnforschung an Affen in Baden-Württemberg die rote Karte zu zeigen.
In Kooperation haben Ärzte gegen Tierversuche e.V. und die Antispeziesistische Aktion Tübingen die Kampagne im Januar 2009 initiiert. 2009 und 2010 wurden jeweils Großdemonstrationen in Tübingen zum Protest gegen die Hirnforschung an Affen veranstaltet. In der Zwischenzeit hat sich in Tübingen ein breiteres lokales Bündnis gegen die Versuche gebildet, das seither viele gemeinsame Aktionen durchgeführt hat – zuletzt protestierten wir bei einer Festveranstaltung des Hertie-Instituts (vgl. auch die Dokumentation Stimmen gegen Affenversuche) sowie beim Tag der offenen Tür auf dem Max-Planck-Campus gegen die Affenversuche. Neben dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und dem Max-Plack-Institut für biologische Kybernetik wird invasive Hirnforschung an Affen in Tübingen außerdem noch am Institut für Zoologie der Universität betrieben.
In ihrer ersten Bilanz der Kampagne, welche sie nach einem Jahr gezogen hatte, hatte die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. die Verantwortlichen in der Politik angeklagt, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. „Solange sich die Politik schützend vor die einflussreiche Tierversuchslobby stellt, anstatt sich klar zu einer tierversuchsfreien Forschung zu bekennen, dürfen wir mit dem öffentlichen Druck nicht nachlassen“, hatte sie damals an die Bevölkerung appelliert.
Am 27. März 2011 wurde der 15. Landtag von Baden-Württemberg gewählt; in Folge musste die CDU nach 58 Jahren die Regierungsverantwortung an eine Koalition aus Grünen und SPD abgeben; mit Winfried Kretschmann wurde erstmals ein Grünen-Politiker zum Regierungschef eines deutschen Bundeslandes gewählt. Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der heutigen Unterschriftenübergabe zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. – Man darf gespannt sein, ob – und wenn ja, wie schnell – die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen verwirklichen werden.
Protest und Druck auf allen Ebenen erachten wir nach wie vor als notwendig und unabdinglich – so lange, bis die Experimente an Affen Vergangenheit sind!

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SWR-Bericht: Grüne gegen „sinnlose“ Hirnforschung an Affen

„Bild“: Grüne: „Sinnlose“ Hirnforschung an Affen stoppen

Südwest-Presse: Grünen-Fraktion kritisiert Versuche mit Rhesus- Affen

Reutlinger Generalanzeiger: „Tier-Versuche sind notwendig“

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Ringvorlesung mit Militärs – trotz Zivilklausel!

Morgen beginnt die im Rahmen des Studium Generale der Universtität Tübingen stattfindende Ringvorlesung „Zum Frieden verpflichtet: Chancen und Herausforderungen der Tübinger Zivilklausel“. Die Klausel wurde im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft und lautet: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“
Im Ankündigungstext der Vorlesungsreihe heißt es:

Die Selbstverpflichtung in der Tübinger Friedensklausel greift allgemein anerkannte gesellschaftliche Werte auf. Dennoch gibt es einen Disput darüber, welche Auswirkungen die Ausrichtung auf diese Werte für die Entwicklung und Verfolgung von Fragestellungen, die Inanspruchnahme von Finanzquellen, die Durchführung der Forschung und die Veröffentlichung und Verwertung der Forschungsergebnisse sowie die Ausgestaltung von Studium und Lehre haben.

Ein „Disput“ ist allerdings auch notwendig: Wie wir bereits in unserem Artikel über Militärforschung und Tierversuche berichteten, hat die Universität Tübingen nicht nur den Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger zum Honorarprofessor und zur Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft gemacht,1 sondern forscht auch im Auftrag des Verteidigungsministeriums zu Lärmtraumata, zu Organophosphaten und zur Wirkung nuklearer Strahlung auf Körperzellen. Sie liefert außerdem Komponenten für „µDrones“ (www.ist-microdrones.org), Überwachungsdrohnen für Militär und Polizei – trotz Zivilklausel.
Bereits kurze Zeit nach der Aufnahme der Zivilklausel in die Grundordnung der Universität fanden außerdem Veranstaltungen statt, die der Zivilklausel eklatant widersprachen: Der Bundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulen, Nachfolgeorganisation der Bundesarbeitsgemeinschaft Studierender Reservisten, veranstaltete am 15. April 2010 gemeinsam mit der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik im großen Senat – den wohl repräsentativsten Räumlichkeiten der Universität – sein „Sicherheitspolitisches Forum“. Als Unterstützer wurden auf den Einladungen und den Programmheften unmittelbar neben dem vom Verteidigungsministerium finanzierten Reservistenverband auch die Universität Tübingen angegeben. Eine gute Woche später fand am Institut für Ethnologie ein Seminar mit dem Titel „Angewandte Ethnologie und Militär“ statt, geleitet von Frau Dr. Monika Lanik, die selbst für die Bundeswehr tätig ist und unter anderem Materialien erstellt, mit denen SoldatInnen auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet werden und die den deutschen Streitkräften dabei helfen sollen, Stammesloyalitäten, Verwandtschaftsbeziehungen usw. für ihre Zwecke nutzbar zu machen.2
In der Ringvorlesungsreihe im anstehenden Semester

soll „weiter über den Krieg palavert werden“, kritisiert Dietrich Schulze, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender des durch eine Zivilklausel gebundenen Forschungszentrums Karlsruhe mit fundierten Erfahrungen zum Thema. Schulze war als Auftaktredner der Vorlesungsreihe vorgesehen. Als er aber Kritik an den Rüstungsforschungsprogrammen und der Vergabe der Honorarprofessur übte, wurde er kurzerhand wieder ausgeladen. Dafür ist nun Dr. Sabine Jaberg von der Bundeswehr-Führungsakademie dabei. Die Vorlesung soll „dazu beitragen, das Nachdenken über eine angemessene Ausgestaltung der Zivilklausel zu befördern“, so die Universität. Schulze warnt hingegen vor der Etablierung einer „olivgrünen Zivilklausel“.3

Die Auftaktvorlesung der Ringvorlesung beginnt am morgigen Dienstag, 18. Oktober, um 20 Uhr c.t. im Hörsaal 21 des Kupferbaus. Folgendes Flugblatt wollen AntimilitaristInnen morgen vor Beginn der Vorlesung verteilen: Krieg ist Frieden: Die Universität Tübingen forscht fürs Militär – trotz Zivilklausel.

  1. Bei der NATO-Sicherheitskonferenz wollen internationale Sicherheitspolitiker vorgeblich den „Frieden durch Dialog“ mit Militärs und Rüstungsindustriellen fördern. Schon im April wurde der Militärstratege Ischinger bei einem öffentlichen Auftritt in der Tübinger Universität von AntimilitaristInnen am Reden gehindert. Per Interview mit der Lokalpresse versuchte er rechtzeitig vor Beginn des Wintersemesters sein Image aufzupolieren und stilisierte sich zum Fürsprecher von Abrüstung und Friedenspolitik. Dabei hat Der Spiegel erst im September seine Rolle als Kriegstreiber nach dem 11. September 2001 aufgedeckt: „Die uneingeschränkte Solidarität war eine deutsche Erfindung. Es gab Antreiber auf deutscher Seite“, schrieb das Nachrichtenmagazin – einer davon war Ischinger, damals Botschafter in Washington: Sein Büro habe „diese Formulierung erfunden“ (Spiegel 36/2011, S. 77). [zurück]
  2. IMI-Standpunkt 2010/013: Krieg ist Frieden, Unwissenheit ist Stärke und die Zivilklausel … eine Farce? [zurück]
  3. junge Welt, 17.10.2011: Ringvorlesung mit Militärs in Tübingen. Ausrichter der NATO-Sicherheitskonferenz in München an Uni berufen. Zivilklausel soll ausgehebelt werden. [zurück]

Max-Planck-Campus: Tag der offenen Tür ohne Affenversuche?

Heute war „Tag der offenen Tür“ auf dem Tübinger Max-Planck-Campus. Die Max-Planck-Institute für Entwicklungsbiologie, für biologische Kybernetik und für Intelligente Systeme sowie das Friedrich-Miescher-Laboratorium präsentierten sich von 14 bis 18 Uhr der Öffentlichkeit – in der Einladung hieß es: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Tübinger Max-Planck-Campus laden alle Interessierten herzlich ein, Einblick in die aktuelle Forschung und die Arbeit an den Instituten zu gewinnen.“ In Vorträgen und Ausstellungen drehte sich alles um die Themen Genetik, Evolution, künstliche Intelligenz und – Hirnforschung. Die invasive Forschung am Gehirn von Affen, welche das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik betreibt, wurde dabei allerdings komplett ausgespart. An einem Tag, bei dem „Forschung rund um Gene und Gehirn – zum Sehen, Hören und Mitmachen“ und „Vorträge für Kinder und Erwachsene“ geboten werden, hielt man eine Konfrontation der Besucherinnen und Besucher mit den Bedingungen, unter welchen diese Experimente durchgeführt werden, wohl nicht für angebracht: Durch Durst werden die Affen gezwungen, stundenlang mit angeschraubtem Kopf Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen. Über ein Bohrloch im Schädel werden Elektroden ins Gehirn eingeführt. Die Qual der Tiere kann Jahre dauern (hier gibt es Videoaufnahmen von den Versuchen).
Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts (MPIs) für biologische Kybernetik, rechtfertigte gegenüber dem ZDF-Magazin Frontal 21 die Gewalt, mit der die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, zur Teilnahme an den Versuchen gezwungen werden, mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben. Heute präsentierte das MPI sich dafür ganz kindgerecht, mit blauen Luftballons auf dem gesamten Campus – Kinder konnten z.B. DNA aus Bananen isolieren oder Zebrafisch-Babys „ganz groß“ unter dem Mikroskop betrachten.
Den „Tag der offenen Tür“ nahmen wir zum Anlass, auch über die Schattenseiten des MPIs aufzuklären. Mit dem Banner der Kampagne „Stoppt Affenversuche in Tübingen!“, Flugblättern und kreativen Kreideaktionen informierten wir auf dem Campus über die Affenversuche in Tübingen, die nicht nur am MPI, sondern auch noch an zwei anderen Instituten in Tübingen1 durchgeführt werden.
Am 18. Oktober 2011 überreichen Vertreter der bundesweiten Vereinigung „Ärzte gegen Tierversuche“ dem Ministerialdirektor Wolfgang Reimer stellvertretend für zahlreiche BürgerInnen und UnterstützerInnen der Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen 60.000 Unterschriften verbunden mit der Aufforderung, dem Beispiel anderer Bundesländer zu folgen und der Hirnforschung an Affen in Baden-Württemberg die rote Karte zu zeigen.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen. [zurück]

Neokonservative Herrschaftsideologie hinter linken Masken

Nachdem der „Eiserne Vorhang“ sich geöffnet hatte, ließ sich auf der politischen Weltbühne das Trauerspiel eines historischen Niedergangs der Linken beobachten. Einige Linke vollzogen selbst eine politische „Wende“, wandelten sich opportunistisch zu AntikommunistInnen und haben sich im Laufe der Jahre so stark den Positionen der Neocons angenähert, dass sie mittlerweile als eine mit einem linken Habitus agierende Variante des Neokonservatismus betrachtet werden müssen. Die neue Bewegung entfernte sich zunehmend von essentiellen linken und originär antikapitalistischen Positionen. Vor allem die „antideutsche“ Bewegung, die nach 1989/90 aus der radikalen Linken heraus entstand, vollzog schnell einen affirmative turn, dessen ultimative, aber in ihrer Ideologie von vornherein angelegte Konsequenz nicht nur die Bejahung der herrschenden Zustände und der neoliberalen Agenda der Herrschenden – inklusive der neuen imperialistischen Kriege –, sondern, wie sich zunehmend zeigt, die Anschlussfähigkeit an neuere rechte Strömungen ist. – Hintergrund-Autorin Susann Witt-Stahl analysiert die neue Entwicklung folgendermaßen:

Neue Rechte, Rechtskonservative, „antideutsche“ und andere Neokonservative eröffnen mithilfe einiger Noch-Linker eine neue politische Front: „Für die Verteidigung Israels und der Juden“, schallt der Schlachtruf aus der FPÖ, von der Achse des Guten und sogar vom rechten Rand der Linkspartei. „Umma-Sozialisten“ (Islamisten) und Antiimperialisten sind für sie die Nazis von heute. Daher verlaufe die Grenze nicht mehr zwischen rechts und links, oben und unten, sondern zwischen „zivilisiertem Westen“ und „barbarischem Islam“. Muslime, Antikapitalisten, linke Israel-Kritiker, besonders jüdische, und die Friedensbewegung sind die neuen Feinde; Antisemitismus-Vorwürfe die neuen Waffen.

Nachdem sich in der Vergangenheit Angriffe auf Tübinger linke Gruppen von sich als „antideutsch“ bezeichnenden oder beeinflussten einzelnen Protagonisten aus dem Umfeld der Tübinger subkulturellen „Szene“ eher spontan und ungelenk ausgedrückt haben – ein Beispiel hierfür sind die Vorwürfe der „Holocaustrelativierung“ oder des „Abrutschens ins Ökofaschistische“ an die Antispeziesistische Aktion Tübingen (vgl. unseren Artikel Zu Angriffen von „links“) –, ist seit Juni ein eigens gegründeter Arbeitskreis an die Öffentlichkeit getreten, dessen einziger Zweck darin zu bestehen scheint, die antikommunistischen Ressentiments einer sich gern als „undogmatisch“ bezeichnenden Tübinger „linken Szene“ gegen die Marxistische Aktion Tübingen (MAT) zu bündeln und ihnen dadurch, dass man sie in wissenschaftlich und „emanzipatorisch“ klingende Phrasen kleidet und seiner Vortragsreihe einen „ideologiekritischen“ Anstrich gibt, zu legitimieren. Dabei blieben Antisemitismus-Vorwürfe naturgemäß nicht aus – denn diese erweisen sich zunehmend als wirksamste politische Instrumente zur Diskreditierung originär antikapitalistischer Positionen.
Mit dem Phänomen der neokonservativ gewendeten, sogenannten „antideutschen“ Ex-Linken hat die MAT sich bereits in ihrer im Juni erschienenen Broschüre „Good bye, Lenin!“ Vom „Abbruchunternehmen der Linken“ ins rechte Lager: Eine Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis auseinandergesetzt (vgl. unseren Artikel Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis). Die neue Broschüre der MAT zum Thema beinhaltet neben einer allgemeinen Analyse der mit dem Zitat von Susann Witt-Stahl angedeuteten besorgniserregenden aktuellen Entwicklungen eine ausführliche Kritik an den gegen die Gruppe verwendeten Methoden des „AK Linke Irrwege“. Es handelt sich also auch um die Dokumentation eines lokalen Beispiels einer Diffamierungskampagne gegen eine linke Gruppe; diese hat aber als Widerschein der oben beschriebenen Entwicklung durchaus exemplarischen Charakter.

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Marxistische Aktion Tübingen: „Good bye, Lenin!“ – revisited. Irre geworden an der Linken. Neokonservative Herrschaftsideologie hinter linken Masken – eine Kritik am Beispiel des „AK Linke Irrwege“. Ein Lehrstück aus Tübingen.

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Dokumentation: Stimmen zum Protest gegen Affenversuche

„Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut.“ – Leserbriefschreiberin Valeska Dufft heute im TAGBLATT.

Die Ausrichtung der Tübinger Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ galt zumindest während der 35 Jahre andauernden Chefredaktions-Ära von Christoph Müller (1969 bis 2004) als tendenziell linksliberal bis links geprägt, was für eine schwäbische Zeitung mit mehrheitlich konservativ geprägtem Umfeld ungewöhnlich war. So wurde das Tagblatt umgangssprachlich mit assoziativem Bezug auf den durch Tübingen fließenden Neckar und die bekannteste sowjetische Tageszeitung gelegentlich als „Neckar-Prawda“ bezeichnet. Dass die offiziell vertretene Linie der TAGBLATT-Redaktion bei bestimmten Themen den Positionen der Tübinger Linken inzwischen diametral entgegengesetzt ist, zeigt aktuell beispielsweise die Verfahrensweise der Zeitung in der Debatte um Wolfgang Ischinger. Seit April ist der „Militärstratege“,1 frühere Botschafter und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft – trotz einer Zivilklausel in der Grundordnung der Universität, die im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft wurde und besagt: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“3 Die Universität scheint nun die Strategie zu verfolgen, die Zivilklausel so umzudeuten und ihre Auslegung derart zu verwässern, dass die Honorarprofessur Ischingers sich zu ihr kompatibel verhält. Die Redaktion des TAGBLATTs leistet den Kriegstreibern dabei Schützenhilfe, indem sie, rechtzeitig vor Beginn des Wintersemesters, am 7. Oktober Wolfgang Ischinger unkritisch ein öffentliches Forum im Rahmen einer Interviews bietet, im Zuge dessen er sein angeschlagenes Image aufpolieren und sich als Friedenspolitiker und Befürworter von Abrüstung inszenieren kann – das TAGBLATT titelte: Militärische Gewalt nur als letztes Mittel – Wolfgang Ischinger will die Diskussion mit seinen Kritikern. Dabei hat Der Spiegel erst im September seine Rolle als Kriegstreiber nach dem 11. September 2001 aufgedeckt: „Die uneingeschränkte Solidarität war eine deutsche Erfindung. Es gab Antreiber auf deutscher Seite“, schrieb das Nachrichtenmagazin – einer davon war Ischinger, damals Botschafter in Washington: Sein Büro habe „diese Formulierung erfunden“.4
Unser Leserbrief zu Militärforschung und Tierversuchen, der auf einen TAGBLATT-Artikel vom 20. September Bezug nahm, wurde am 25. September zwar veröffentlicht, aber im letzten Absatz um den Verweis auf Wolfgang Ischinger gekürzt.
Dass unsere Anliegen vom TAGBLATT mit z.T. unlauteren Methoden diskreditiert und unsere Leserbriefe von der Redaktion sinnentstellend gekürzt werden, sind wir gewohnt – wir haben zu diesem Vorgehen der Zeitung auch bereits zwei Stellungnahmen veröffentlicht: Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“ und „Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser.
Wir waren also nicht verwundert, dass auch unsere letzte Protestaktion bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Hertie-Instituts vom TAGBLATT totgeschwiegen wurde.
Zum Glück gibt es Leserinnen und Leser der Zeitung, welche die Festveranstaltung besucht und unsere Protestaktion erlebt haben, denen das Totschweigen des Protests durch das TAGBLATT auffällt und die sich deshalb in Leserbriefen zu Wort melden, um darauf aufmerksam zu machen. Wir möchten an dieser Stelle einige Stimmen von Leserinnen und Lesern des TAGBLATTs zu unserer Aktion dokumentieren.

Am 7. Oktober wurde ein Brief von Jan Overbeck abgedruckt. Darin heißt es:

Mit dem Hertie-Institut feiert anscheinend ganz Tübingen. Das zumindest vermittelten die Worte des Unirektors Bernd Engler und des grünen Bürgermeisters Boris Palmer zu Beginn des abendlichen Festakts in der Neuen Aula. Die beachtlichen wissenschaftlichen Erfolge insbesondere in der Grundlagenforschung, zum Beispiel zu Parkinson und Alzheimer, in allen Ehren: Die Neurowissenschaft in Tübingen ist gleichzeitig (und seit Jahren) Kulisse von Experimenten an Primaten. Der gesellschaftliche Diskurs hierzu scheint nicht von allen Seiten gewünscht zu werden.
Insbesondere Boris Palmer könnte zu diesem Thema einmal eindeutiger Stellung beziehen und Debatten anstoßen. Ich persönlich freue mich, dass es Menschen gibt, die die Problematik immer wieder auf die Tagesordnung setzen, wie zum Beispiel bei besagter Abendveranstaltung, als zur Rede von Palmer ein Plakat hochgehalten wurde („Stoppt Affenversuche in Tübingen“). Unbehagliche Themen dürfen nun einmal nicht totgeschwiegen werden, Affen Leid zuzufügen, ist keine Selbstverständlichkeit und kann sicherlich nicht gegen hochkarätige anderweitige Forschung aufgewogen werden (. . .)5

Am 8. Oktober heißt es in einem Brief von Dr. Christa Maria Burr:

Die Öffentlichkeit war zum Festakt anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in die Neue Aula eingeladen worden. Das Hertie-Institut hätte seine viel zitierte und sicher zu Recht hochgelobte Spitzenposition in den Neurowissenschaften und seine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Selbstreflexion unter Beweis stellen können, wenn es statt der langatmigen Podiumsdiskussion im TV-Talkshowstil über die Affenversuche in einer seiner Abteilungen, nämlich der für kognitive Neurologie, hätte kontrovers diskutieren lassen. Denn wir tragen eine besondere Verantwortung auch für Tiere, insbesondere für Affen, die wir in Gefangenschaft halten und die von unserer Fürsorge abhängig sind. Gehört nicht auch die psychische Dimension zu den Neurowissenschaften?
Zum Beispiel wären folgende Fragen von gesellschaftichem Interesse: Welche kognitiven und emotionalen Fähigkeiten haben die für die Experimente verwendeten Affen? Was bewirken diese Experimente bei den Affen (und bei den Betreuern)? Sind diese Experimente für uns notwendig und unverzichtbar und menschlich verantwortbar und für die Tiere zumutbar?
Wenn die anwesenden Wissenschaftler eine solche wissenschaftliche Offenheit, Neugier und Mut gezeigt hätten, dann hätte man auch die stille Anwesenheit der zwei Studenten mit ihrem Transparent „Stoppt die Affenversuche“ großzügig ertragen können (oder man hätte ihnen zumindest eine kurze Zeit einräumen können), und man hätte sie nicht promt als eine „Störung“ des Saales verweisen müssen. Schade um die vergebene Chance zugunsten einer wissenschaftlichen Wahrheitssuche!

Heute sind zwei weitere Leserbriefe zum Thema im TAGBLATT abgedruckt.

Der Leserbrief von Tobias Geisinger lautet:

„Dem Denken auf der Spur“, titelt das TAGBLATT anlässlich der Zehn-Jahres-Feier des Hertie-Instituts. Noch nicht auf der Spur ist eine breite Öffentlichkeit den grausamen Affenversuchen, welche am Hertie-Institut, aber auch am Max-Planck-Institut und in Laboren der Universität durchgeführt werden, da die Institute sich über die Versuche ausschweigen. Um dies zu ändern, haben Tierrechtsaktivisten die abendliche Festveranstaltung der Jubiläumsfeier des Hertie-Instituts genutzt, um im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula der Universität ein Banner „Stoppt Affenversuche in Tübingen“ zu entrollen und mit Flugblättern über die Praktiken des Hertie-Instituts aufzuklären. Angesichts der immensen Aufmerksamkeit, welche die freilich nicht im Abendprogramm vorgesehene Aktion verursachte, erstaunt es doch sehr, dass das TAGBLATT in seiner Berichterstattung den aufsehenerregenden Zwischenfall mit keinem Wort erwähnt. (…)

Valeska Dufft schreibt u.a.:

(…) Und dann – nach vielen unnötigen Grußworten im Sinne von „Eminenzen“ und „Exzellenzen“ – endlich der Vortrag der beiden Kandels unter dem Motto: Machen Sie Power-Point-Präsentation oder haben Sie was zu sagen? Mal ehrlich, wer hat was verstanden von dem Vortrag? Auch von denen, die Englisch können und vom Fach sind? […] Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut. Ja, die Tiere und unsere Verantwortung für sie! Den Plakatträgern verdanke ich, dass ich wieder klarer weiß: All diese Forschungen werfen einen Riesenschatten, und die auf den ersten Blick so gewinnende Heiterkeit von Eric Kandel ist auch nicht die ganze Wahrheit. Danke an die mutigen Protestierer!

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. vgl. auch den Artikel Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche. [zurück]
  4. Der Spiegel 36/2011, S. 77. [zurück]
  5. Dieser Brief wurde inzwischen beim TAGBLATT auch online gestellt. [zurück]

BekennerInnenschreiben zum Mastanlagenbrand in Mehrum

Vechelde
Bild: Brennende Anlage in Alvesse bei Vechelde (16. Juli). Inzwischen ist der zweite Stall in Betrieb gegangen; es werden dort nun 42.000 Tiere gemästet.

In der Nacht zum 8. Oktober ist erneut ein noch im Bau befindliches Stallgebäude angezündet worden, dieses Mal in Hohenhameln-Mehrum im Landkreis Peine (Niedersachsen). Erst in der Nacht zum 16. Juli war bei Vechelde, ebenfalls im im Landkreis Peine und nur 30 Kilomenter von Mehrum entfernt, eine andere kurz vor der Inbetriebnahme stehende Geflügelmastanlage fast vollständig niedergebrannt worden (vgl. Brand in Hähnchenmastanlage; zum BekennerInnenschreiben). Diese geplante Mastanlage sollte ein Zulieferbetrieb für den Schlachthof Wietze werden. In Wietze bei Celle soll Europas größte Geflügel-Schlachtfabrik errichtet und täglich eine halbe Million „Hähnchen“ geschlachtet werden. Die Schlachtfabrik kann nur dann vollkommen in Betrieb genommen werden, wenn es genügend Zulieferbetriebe gibt. Zur Belieferung müssen in der Region ca. 420 Mastfabriken mit jeweils ca. 40.000 Tieren errichtet werden. Bisher konnten nur einige wenige der geplanten Mastanlagen realisiert werden, auch aufgrund von massiven Protesten. Auch in Sprötze ist ein Maststall vor seiner Inbetriebnahme im Juli 2010 abgebrannt worden (vgl. Solidaritätskampagne für die Beschuldigten des Mastanlagenbrands in Sprötze). Im Sommer 2010 wurde das Baugelände in Wietze während knapp drei Monaten besetzt gehalten (vgl. Erklärung des Tierbefreiungskongresses 2010). Am 27. Juni dieses Jahres wurde ein von TierbefreiungsaktivistInnen besetzt gehaltenes Gelände in Teplingen (Wendland), auf dem ebenfalls ein Zulieferbetrieb für Wietze errichtet werden soll, von den Eigentümern der entstehenden Mastanlage auf brutale Art angegriffen (vgl. Besetzte Mastanlagen-Baustelle brutal angegriffen).
Am 28. September berichtete die Peiner Allgemeine Zeitung, dass die Ermittlungen zum Brand bei Vechelde auf der Stelle treten. Inzwischen unterstützte Interpol die Ermittlungen der örtlichen Polizei. Auf Anfrage der FDP legte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) im September Zahlen vor, die einen deutlichen Anstieg solcher Taten in den vergangenen Jahren belegen. Niedersachsens Landesregierung sieht zudem „enge Verbindungen zum Linksextremismus“. Wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) berichtete, teilen die Ermittler „die Szene in drei Gruppen ein: Tierschützern gehe es um artgerechtes Leben ohne unnötiges Leiden, Tierrechtler und Tierbefreier räumten den Tieren dagegen unveräußerliche Rechte und Anerkennung als gleichberechtigte Wesen ein. Dabei gebe es vor allem bei den Tierrechtlern Bezüge zur linksextremistischen Szene. Durch diese Überschneidungen werden diese auch für den Verfassungsschutz interessant. Nach Einschätzung der Behörde bewegt sich die Zahl solcher Aktivisten ‚im unteren zweistelligen Bereich‘.“
Heute nun wurde auf linksunten.indymedia ein BekennerInnenschreiben zum Brand in Mehrum veröffentlicht. Es lautet:

wir sind wütend! tiere werden ausgebeutet, eingesperrt, gequält und ermordet. deshalb haben wir in der nacht auf den 8. oktober feuer an dem im bau befindlichen hühnermaststall bei mehrum gelegt. dass massentierhaltung mit tierquälerei verbunden ist, wissen die meisten menschen. uns ist wichtig, dass die verwerflichkeit von nutztierhaltung an sich erkannt und gegen diese direkt vorgegangen wird. wir müssen uns aus der ohnmacht befreien, die uns durch legalitätsdenken auferlegt wird. aktiver widerstand ist wichtig, möglich und nötig. allen landwirt_innen raten wir: finger weg von mastanlagen! sie brennen leicht ab… für die befreiung aller tiere. alf (animal liberation front)




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: