Dokumentation: Stimmen zum Protest gegen Affenversuche

„Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut.“ – Leserbriefschreiberin Valeska Dufft heute im TAGBLATT.

Die Ausrichtung der Tübinger Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ galt zumindest während der 35 Jahre andauernden Chefredaktions-Ära von Christoph Müller (1969 bis 2004) als tendenziell linksliberal bis links geprägt, was für eine schwäbische Zeitung mit mehrheitlich konservativ geprägtem Umfeld ungewöhnlich war. So wurde das Tagblatt umgangssprachlich mit assoziativem Bezug auf den durch Tübingen fließenden Neckar und die bekannteste sowjetische Tageszeitung gelegentlich als „Neckar-Prawda“ bezeichnet. Dass die offiziell vertretene Linie der TAGBLATT-Redaktion bei bestimmten Themen den Positionen der Tübinger Linken inzwischen diametral entgegengesetzt ist, zeigt aktuell beispielsweise die Verfahrensweise der Zeitung in der Debatte um Wolfgang Ischinger. Seit April ist der „Militärstratege“,1 frühere Botschafter und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft – trotz einer Zivilklausel in der Grundordnung der Universität, die im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft wurde und besagt: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“3 Die Universität scheint nun die Strategie zu verfolgen, die Zivilklausel so umzudeuten und ihre Auslegung derart zu verwässern, dass die Honorarprofessur Ischingers sich zu ihr kompatibel verhält. Die Redaktion des TAGBLATTs leistet den Kriegstreibern dabei Schützenhilfe, indem sie, rechtzeitig vor Beginn des Wintersemesters, am 7. Oktober Wolfgang Ischinger unkritisch ein öffentliches Forum im Rahmen einer Interviews bietet, im Zuge dessen er sein angeschlagenes Image aufpolieren und sich als Friedenspolitiker und Befürworter von Abrüstung inszenieren kann – das TAGBLATT titelte: Militärische Gewalt nur als letztes Mittel – Wolfgang Ischinger will die Diskussion mit seinen Kritikern. Dabei hat Der Spiegel erst im September seine Rolle als Kriegstreiber nach dem 11. September 2001 aufgedeckt: „Die uneingeschränkte Solidarität war eine deutsche Erfindung. Es gab Antreiber auf deutscher Seite“, schrieb das Nachrichtenmagazin – einer davon war Ischinger, damals Botschafter in Washington: Sein Büro habe „diese Formulierung erfunden“.4
Unser Leserbrief zu Militärforschung und Tierversuchen, der auf einen TAGBLATT-Artikel vom 20. September Bezug nahm, wurde am 25. September zwar veröffentlicht, aber im letzten Absatz um den Verweis auf Wolfgang Ischinger gekürzt.
Dass unsere Anliegen vom TAGBLATT mit z.T. unlauteren Methoden diskreditiert und unsere Leserbriefe von der Redaktion sinnentstellend gekürzt werden, sind wir gewohnt – wir haben zu diesem Vorgehen der Zeitung auch bereits zwei Stellungnahmen veröffentlicht: Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“ und „Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser.
Wir waren also nicht verwundert, dass auch unsere letzte Protestaktion bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Hertie-Instituts vom TAGBLATT totgeschwiegen wurde.
Zum Glück gibt es Leserinnen und Leser der Zeitung, welche die Festveranstaltung besucht und unsere Protestaktion erlebt haben, denen das Totschweigen des Protests durch das TAGBLATT auffällt und die sich deshalb in Leserbriefen zu Wort melden, um darauf aufmerksam zu machen. Wir möchten an dieser Stelle einige Stimmen von Leserinnen und Lesern des TAGBLATTs zu unserer Aktion dokumentieren.

Am 7. Oktober wurde ein Brief von Jan Overbeck abgedruckt. Darin heißt es:

Mit dem Hertie-Institut feiert anscheinend ganz Tübingen. Das zumindest vermittelten die Worte des Unirektors Bernd Engler und des grünen Bürgermeisters Boris Palmer zu Beginn des abendlichen Festakts in der Neuen Aula. Die beachtlichen wissenschaftlichen Erfolge insbesondere in der Grundlagenforschung, zum Beispiel zu Parkinson und Alzheimer, in allen Ehren: Die Neurowissenschaft in Tübingen ist gleichzeitig (und seit Jahren) Kulisse von Experimenten an Primaten. Der gesellschaftliche Diskurs hierzu scheint nicht von allen Seiten gewünscht zu werden.
Insbesondere Boris Palmer könnte zu diesem Thema einmal eindeutiger Stellung beziehen und Debatten anstoßen. Ich persönlich freue mich, dass es Menschen gibt, die die Problematik immer wieder auf die Tagesordnung setzen, wie zum Beispiel bei besagter Abendveranstaltung, als zur Rede von Palmer ein Plakat hochgehalten wurde („Stoppt Affenversuche in Tübingen“). Unbehagliche Themen dürfen nun einmal nicht totgeschwiegen werden, Affen Leid zuzufügen, ist keine Selbstverständlichkeit und kann sicherlich nicht gegen hochkarätige anderweitige Forschung aufgewogen werden (. . .)5

Am 8. Oktober heißt es in einem Brief von Dr. Christa Maria Burr:

Die Öffentlichkeit war zum Festakt anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in die Neue Aula eingeladen worden. Das Hertie-Institut hätte seine viel zitierte und sicher zu Recht hochgelobte Spitzenposition in den Neurowissenschaften und seine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Selbstreflexion unter Beweis stellen können, wenn es statt der langatmigen Podiumsdiskussion im TV-Talkshowstil über die Affenversuche in einer seiner Abteilungen, nämlich der für kognitive Neurologie, hätte kontrovers diskutieren lassen. Denn wir tragen eine besondere Verantwortung auch für Tiere, insbesondere für Affen, die wir in Gefangenschaft halten und die von unserer Fürsorge abhängig sind. Gehört nicht auch die psychische Dimension zu den Neurowissenschaften?
Zum Beispiel wären folgende Fragen von gesellschaftichem Interesse: Welche kognitiven und emotionalen Fähigkeiten haben die für die Experimente verwendeten Affen? Was bewirken diese Experimente bei den Affen (und bei den Betreuern)? Sind diese Experimente für uns notwendig und unverzichtbar und menschlich verantwortbar und für die Tiere zumutbar?
Wenn die anwesenden Wissenschaftler eine solche wissenschaftliche Offenheit, Neugier und Mut gezeigt hätten, dann hätte man auch die stille Anwesenheit der zwei Studenten mit ihrem Transparent „Stoppt die Affenversuche“ großzügig ertragen können (oder man hätte ihnen zumindest eine kurze Zeit einräumen können), und man hätte sie nicht promt als eine „Störung“ des Saales verweisen müssen. Schade um die vergebene Chance zugunsten einer wissenschaftlichen Wahrheitssuche!

Heute sind zwei weitere Leserbriefe zum Thema im TAGBLATT abgedruckt.

Der Leserbrief von Tobias Geisinger lautet:

„Dem Denken auf der Spur“, titelt das TAGBLATT anlässlich der Zehn-Jahres-Feier des Hertie-Instituts. Noch nicht auf der Spur ist eine breite Öffentlichkeit den grausamen Affenversuchen, welche am Hertie-Institut, aber auch am Max-Planck-Institut und in Laboren der Universität durchgeführt werden, da die Institute sich über die Versuche ausschweigen. Um dies zu ändern, haben Tierrechtsaktivisten die abendliche Festveranstaltung der Jubiläumsfeier des Hertie-Instituts genutzt, um im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula der Universität ein Banner „Stoppt Affenversuche in Tübingen“ zu entrollen und mit Flugblättern über die Praktiken des Hertie-Instituts aufzuklären. Angesichts der immensen Aufmerksamkeit, welche die freilich nicht im Abendprogramm vorgesehene Aktion verursachte, erstaunt es doch sehr, dass das TAGBLATT in seiner Berichterstattung den aufsehenerregenden Zwischenfall mit keinem Wort erwähnt. (…)

Valeska Dufft schreibt u.a.:

(…) Und dann – nach vielen unnötigen Grußworten im Sinne von „Eminenzen“ und „Exzellenzen“ – endlich der Vortrag der beiden Kandels unter dem Motto: Machen Sie Power-Point-Präsentation oder haben Sie was zu sagen? Mal ehrlich, wer hat was verstanden von dem Vortrag? Auch von denen, die Englisch können und vom Fach sind? […] Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut. Ja, die Tiere und unsere Verantwortung für sie! Den Plakatträgern verdanke ich, dass ich wieder klarer weiß: All diese Forschungen werfen einen Riesenschatten, und die auf den ersten Blick so gewinnende Heiterkeit von Eric Kandel ist auch nicht die ganze Wahrheit. Danke an die mutigen Protestierer!

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. vgl. auch den Artikel Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche. [zurück]
  4. Der Spiegel 36/2011, S. 77. [zurück]
  5. Dieser Brief wurde inzwischen beim TAGBLATT auch online gestellt. [zurück]




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