Archiv für März 2012

Blutiger Fehlschluss

In Tübingen werden an gleich drei Forschungsinstituten1 Methoden angewandt, die man, am Menschen vollzogen, mit den Begriffen Folter und Mord benennen würde – da für die Experimente aber andere Primaten verwendet werden, ist ihre Anwendung in den Augen der Experimentatoren legitim. Die Affen werden durch Durst gezwungen, stundenlang mit angeschraubtem Kopf Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen; über ein Bohrloch im Schädel werden dabei Elektroden in das Gehirn eingeführt. Schließlich werden sie getötet, damit ihr Gehirn seziert werden kann. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hat, zum Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet:

Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!

Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart fixiert! Zur Legitimation dieser Zustände verstiegen die Experimentatoren sich in der Vergangenheit in absurde Rechtfertigungsversuche – so wurde beispielsweise die Vorgehensweise, die Affen durch Flüssigkeitsentzug zur Mitwirkung an den Versuchen zu zwingen, schlicht mit dem Hinweis begründet, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). – Auch, was den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen angeht, konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – hier waren sie nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert (vgl. Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Experimente mit Primaten in Tübingen läuft, seit bald dreieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber sehr darum bemüht, gegenüber der Öffentlichkeit deren angeblichen Nutzen zu betonen. Wild wurden dazu schon irgendwelche Krankheiten angeführt – Alzheimer, Parkinson, Krebs –, deren Bekämpfung durch Erkenntnisse aus den Versuchen ermöglicht werden soll – nun sollen es, wie die Lokalpresse meldet, neuronale Erkrankungen wie etwa Schizophrenie sein. Die Eberhard Karls Universität Tübingen lässt mitteilen, die Experimentatoren um Andreas Nieder im „Labor für Primaten-Neurokognition“ des Instituts für Zoologie hätten durch ihre Forschungen Erkenntnisse erzielt, die „helfen, krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung, zum Beispiel bei einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln“. – Was haben die Forscher gemacht? Zunächst wurden Rhesusaffen am Computer trainiert, Lichtpunkte zu entdecken. Auf der Website der Universität ist der weitere Versuchsablauf beschrieben:

Dabei wurde nur in der Hälfte der Versuchsdurchläufe tatsächlich ein Lichtpunkt gezeigt; in der anderen Hälfte der Fälle war kein Lichtpunkt zu sehen. Die Affen lernten in beiden Fällen die richtige Entscheidung zu treffen: „Ja, Lichtpunkt vorhanden“ oder „Nein, nichts zu sehen“. Nun wurden die Lichtpunkte auf dem Bildschirm so schwach präsentiert, dass sich die Tiere unsicher wurden, ob ein Signal vorhanden war. In solchen Situationen trifft das Gehirn eine von der Helligkeit des Lichtpunktes unabhängige, subjektive Entscheidung.
Während die Tiere die Aufgaben lösten, fanden sich bei Messungen im Bereich des Stirnhirns, des so genannten Präfrontalkortex, Gehirnzellen mit erstaunlichen Reaktionen. Die Nervenzellen signalisierten nicht die Helligkeit der Lichtpunkte, sondern die ja/nein-Entscheidung des Tieres. Besonders interessant war, dass nicht nur die Ja-, sondern auch die Nein-Entscheidung durch eine verstärkte Aktivierung bestimmter Hirnzellen verarbeitet wurde. Anhand der Signale der Nervenzellen ließ sich sogar voraussagen, ob der Affe mit Ja oder mit Nein antworten würde.

Zu Recht kann man sich nun fragen, was das alles mit neurologischen Erkrankungen zu tun haben soll. Andreas Nieder wagt diesen gedanklichen Spagat: „Seit langem ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns mit neuropsychiatrischen Erkrankungen einhergehen. So ist beispielsweise die Schizophrenie durch starke Fehlinterpretationen der normalen Wahrnehmung und der Urteilskraft, bis hin zu schweren Halluzinationen, gekennzeichnet“.
Für die Behauptung aber, die Untersuchung der Verarbeitung visueller Reize und subjektiver Entscheidungsprozesse im Hirn von Rhesusaffen helfe, krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns beim Menschen zu begreifen, gibt es schlicht keine Grundlage. Affen sind zwar von allen Tieren dem Menschen am ähnlichsten, aber wie groß ist die Ähnlichkeit wirklich? Die US-amerikanische Neurologin Aysha Akhtar hat in ihrer Studie Neurological Experiments: Monkey See… But Not Like Humans neuroanatomische und -physiologische Unterschiede zusammengetragen, die zeigen, dass Gehirne von Rhesusaffen schlicht nicht als Modell fürs menschliche Gehirn herhalten können. So hat beispielsweise ein menschliches Neuron 7.000 bis 10.000 Synapsen (Verbindungen zu anderen Neuronen), beim Affen sind es nur 2.000 bis 6.000. Menschen haben außerdem gerade zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen gar nicht gibt! Die bundesweite Ärzteereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. ist deshalb der Meinung:

Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht. Will man etwas über das menschliche Gehirn erfahren, muss das »Zielhirn« untersucht werden und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen – ohne Löcher in den Schädel zu bohren. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn von Freiwilligen untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.2

Erst vor Kurzem haben Neurowissenschaftler vom Tübinger Zentrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) relevante Zusammenhänge von Informationsverarbeitungsprozessen im Gehirn entdeckt – aber keineswegs durch Tierexperimente: Während menschliche Versuchspersonen Entscheidungen trafen, wurde ihre Gehirnaktivität mit Hilfe von Elektroenzephalografie (EEG) und Magnetoenzephalografie (MEG) gemessen (unter dem Titel Fingerabdrücke von Hirnleistungen wurde diese Forschung am 15. Februar vorgestellt). – Offensichtlich können Erkenntnisse über das menschliche Gehirn eben am ehesten durch bildgebende Verfahren mit Versuchspersonen erzielt werden, und nicht, wie die Tierexperimentatoren behaupten, durch invasive Verfahren am Gehirn von Rhesusaffen.
Selbst wenn den gemarterten Körpern von Tieren eine Erkenntnis abgerungen werden kann, die Menschen in irgendeiner Weise als „nützlich“ erscheint, so rechtfertigt das in keinem Fall diese Methode. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive Wissenschaft erkennt längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet. Die Philosophen Max Horkheimer – der die Situation der Tiere als „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“ beschrieb – und Theodor W. Adorno zeigten sich nicht nur bereits im Jahr 1944 in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung allgemein entsetzt über die „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt heute“, sondern verurteilten speziell auch scharf die Vorgehensweise einer von bloß instrumenteller Vernunft geleiteten modernen Wissenschaft, „verstümmelten Tierleibern“ in „scheußlichen Laboratorien“ den „blutigen Schluß“ abzwingen zu wollen. Was die Hirnforschung an Primaten betrifft, kommt hinzu, dass deren Ergebnisse überhaupt nicht auf Menschen übertragbar sind: Die Experimentatoren vollziehen hier an den Tieren einen blutigen Fehlschluss.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Ärzte gegen Tierversuche e.V.: Hirnforschung an Affen – Grausam und sinnlos.[zurück]

Grün-rote Landesregierung bricht Wahlversprechen – Baden-Württemberg hält an Experimenten mit Primaten fest

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Die erste Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg ist eine Tübingerin, Dr. Cornelie Jäger. Sie wird ihr Amt am 1. April antreten. Der Ministerrat habe der Besetzung des Postens mit Cornelie Jäger zugestimmt, teilte Verbraucher- und Tierschutzminister Alexander Bonde (Grüne) am Sonntag mit. Damit werde ein bedeutendes Anliegen aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt: „Mit dem Amt schafft die Landesregierung eine funktionsfähige sowie nachhaltige Einrichtung für die Belange des Tierschutzes“. Die Tierschutzbeauftragte soll in Zukunft, so das Ministerium, „eine wichtige Ansprechpartnerin für Tierschutzverbände und -vereine sowie für Organisationen und Einrichtungen, die sich mit dem Tierschutz und der Tierhaltung beschäftigen“, sein. – Diese können sich gleich einmal mit der Frage an sie wenden, weshalb die Regierung, von der sie gestern als neue Tierschutzbeauftragte eingesetzt worden ist, ihre Wahlversprechen bricht und die Primatenversuche in Tübingen nicht beendet.
Vor fast genau einem Jahr ist in Baden-Württemberg der neue Landtag gewählt worden. Bündnis 90/Die Grünen, die seither Regierungspartei sind, hatten in ihrem Wahlprogramm auch Tierrechte als Leitidee verankert. Grundsätzlich wurde ein respektvoller und ethisch verantwortbarer Umgang mit Tieren gefordert. In Bezug auf Tierversuche forderte die Partei: Wo immer möglich eine Abschaffung und den Einsatz alternativer Methoden; die Versuche an Primaten, die an drei Instituten in Tübingen durchgeführt werden, sollten innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden. Auch die SPD hatte wichtige Ziele zur Stärkung der tierversuchsfreien Forschung in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Im Koalitionsvertrag der beiden Parteien heißt es: „Wir wollen die Zahl der Tierversuche im Land weiter verringern und die Entwicklung von Alternativmethoden besser fördern.“
Von einer „weiteren“ Verringerung konnte allerdings gar nicht die Rede sein. Die Zahl der Tierversuche ist seit dem Jahr 2000 in Deutschland um 56 Prozent gestiegen – und Baden Württemberg ist führend: Dort werden rund 20 Prozent aller deutschen Versuchstiere „verbraucht“.
Nun ist klar: Das Bundesland hält auch an den Tübinger Tierversuchen mit Primaten fest – wie die bundesweite Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. vermutet, in erster Linie aus elitären Interessen: Die Regierungsparteien wollten die Bestrebungen der Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative nicht gefährden. An deren Medizinischer Fakultät ist eines von bundesweit 20 Exzellenzclustern etabliert, das Zentrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN), das von internen und externen Partnern getragen wird, u.a. vom Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik und vom Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung – jenen Instituten, an welchen die Affenversuche durchgeführt werden, die Kritiker für sinnlos halten. – Auf der Website des CIN wird die „Grundlagenforschung mit nichthumanen Primaten“ verteidigt; zwar wird zugegeben: „Grundlagenforschung beschäftigt sich mit Phänomenen und Fragestellungen, für die es bislang keine Erklärungen gibt, daher ist ihre spätere Anwendung nicht planbar“ – dennoch stellen laut CIN „die Experimente mit Rhesusaffen, einen wichtigen Pfeiler der biomedizinischen Forschung dar.“
Die Affen werden durch Durst gezwungen, stundenlang mit angeschraubtem Kopf Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen. Über ein Bohrloch im Schädel werden dabei Elektroden ins Gehirn eingeführt. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten von Videoaufnahmen, die das ZDF von den Versuchen gemacht hatte, zu dem Schluss, schon alleine das Fixieren im sog. „Primatenstuhl“ bedeute für einen Laboraffen erhebliches Leid: „Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus!“ Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten 14 Tage lang Tag und Nacht derart fixiert. – Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts für Biologische Kybernetik, rechtfertigte gegenüber dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ die Gewalt, mit der die Affen zur Teilnahme an den Versuchen gezwungen werden, mit der Aussage, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben. „Frontal 21“ kam zu dem Schluss: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“
Vor drei Jahren hat die Antispeziesistische Aktion Tübingen in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. eine Kampagne gegen die Primatenversuche initiiert. 2009 und 2010 wurden jeweils Großdemonstrationen in Tübingen zum Thema veranstaltet. Am 18. Oktober 2011 übergab die Ärztevereinigung dem Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz stellvertretend für alle Unterstützer der Kampagne gegen die Affenversuche 60.000 Unterschriften, verbunden mit der Aufforderung, dem Beispiel anderer Bundesländer zu folgen und der Hirnforschung an Affen in Baden-Württemberg die rote Karte zu zeigen. Reinhold Pix, tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der Übergabe der Unterschriften zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen.“
Inzwischen aber wollen die Regierungsparteien davon nichts mehr wissen. Es ist sogar eine Ausweitung der Forschung zu befürchten, da derzeit an der Universität Tübingen die Räumlichkeiten für die Haltung von Affen ausgebaut werden. Diplom-Biologin Silke Bitz, Sprecherin von Ärzte gegen Tierversuche e.V., urteilt deshalb nun: „Offensichtlich beugt sich die Landesregierung lieber der mächtigen Experimentatorenlobby, anstatt sich ihren selbst gesetzten Zielen zu widmen. Ein trauriges Bild, das die Politik abgibt, der Wähler nicht zuletzt aufgrund des Vorhabens, Affenversuche auslaufen zu lassen, ihr Vertrauen geschenkt haben.“

Leserbrief zum Thema in der Tübinger Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“: „Ein trauriges Bild“, 16.3.2012.

Zur Psychologie einer Ideologie: „Fleisch“

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Bild: Hartmut Kiewert. Zu unserem Interview mit dem Maler.

Im Zuge ihrer Doktorarbeit hat die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Schlachter, Fleischhauer und auch Menschen, die ihre eigenen Tiere aufziehen und schlachten, interviewt. Ihre Erkenntnis war, dass wir es mit viel mehr zu tun haben als nur mit individuellen Meinungen, wenn es um das Thema Fleischindustrie geht: Wir folgen einem unsichtbaren Glaubenssystem. Diese Ideologie, welche mit dem Essen von Fleisch verbunden ist, nennt Joy „Karnismus“ – und bezeichnet damit letztlich einen Teil des Speziesismus.
In einem heute veröffentlichten Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard finden sich einige bemerkenswerte Sätze, mit denen die Psychologin die speziesistische Ideologie der herrschenden Kultur demaskiert. So sagt sie etwa: „Wir neigen dazu, nur Ideologien zu benennen, die abseits des Mainstreams liegen. Doch auch hinter dominanten Kulturen liegt eine Ideologie verborgen. Es ist diese Mentalität von Dominanz und Unterwerfung, die es ermöglicht, ‚jemanden‘ in ‚etwas‘ zu verwandeln. Oder ein Leben in eine Produktionseinheit zu verwandeln.“ Sie betont, dass die Nutztiere dabei nur die offensichtlichsten Opfer darstellen – doch auch die menschlichen Opfer werden außerhalb des öffentlichen Bewusstseins gehalten: Auch die Arbeiter in Schlachtbetrieben seien teilweise Opfer, in den USA seien es zum Beispiel sehr oft Immigranten. Diese Arbeit ist sehr riskant und so gefährlich, dass Human Rights Watch im Jahr 2005 in einem Bericht einen einzigen Industriezweig kritisiert hat, dessen Arbeitsbedingungen so entsetzlich sind, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden – es handelte sich um die Fleischindustrie.
Joy macht auch auf die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Unterdrückungsformen aufmerksam – sie ist der Meinung: „Wenn wir es nicht schaffen, die Mechanismen zu erkennen, die allen gewalttätigen Ideologien zugrunde liegen, sind wir dazu verdammt, die Gräuel in anderen Erscheinungsformen immer wieder zu reproduzieren.“ – Über die beiden folgenden Sätze Joys dürfen ruhig auch Menschen nachdenken, die sich oftmals für ganz besonders emanzipatorisch und progressiv halten, die Ausweitung des Solidaritätsgedankens auf die Tiere und die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen sind, aber ablehnen und die Tierbefreiungsbewegung deshalb angreifen: „Veganismus und Vegetarismus sind eine Bewegung, die zwar gerade erblüht, aber dennoch von einer Minderheit gelebt wird. Leute können abfällige Bemerkungen über Vegetarier und Veganer machen, die völlig inakzeptabel wären, wenn es um das Thema Religion oder Geschlecht gehen würde.“

Die Psychologin Melanie Joy ist Autorin des Buches „Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows“. Sie studierte in Harvard und ist derzeit Psychologin, Lebenstrainerin und Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston.

Zum Interview mit Melanie Joy: derstandart.at

Carnism Awareness & Action Network: Was ist Karnismus?

Tierbefreiungsbewegung wird europaweit überwacht und kriminalisiert

Seit mindestens 2006 wird der grenzüberschreitende Tierrechtsaktivismus durch die EU-Polizeiagentur Europol ausgespäht. Dies hat die Bundesregierung jetzt in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage eines Bundestagsabgeordneten der „Linken“ mitgeteilt – dessen Urteil: Um linke politische Bewegungen in den Mitgliedstaaten auszuspähen, werden diese als „Terrorismus“ eingestuft.

Zum nd-Artikel von Andrej Hunko

Angela Davis über Tiere im Kapitalismus

Angela Davis

Die US-amerikanische Bürgerrechtlerin und marxistische Philosophin Angela Davis plädiert dafür, Tierbefreiung als notwendigen Teil linker Gesellschaftskritik zu begreifen. Das entsprechende Video gibt es auf der Website von Assoziation Dämmerung.




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