Zur Psychologie einer Ideologie: „Fleisch“

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Bild: Hartmut Kiewert. Zu unserem Interview mit dem Maler.

Im Zuge ihrer Doktorarbeit hat die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Schlachter, Fleischhauer und auch Menschen, die ihre eigenen Tiere aufziehen und schlachten, interviewt. Ihre Erkenntnis war, dass wir es mit viel mehr zu tun haben als nur mit individuellen Meinungen, wenn es um das Thema Fleischindustrie geht: Wir folgen einem unsichtbaren Glaubenssystem. Diese Ideologie, welche mit dem Essen von Fleisch verbunden ist, nennt Joy „Karnismus“ – und bezeichnet damit letztlich einen Teil des Speziesismus.
In einem heute veröffentlichten Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard finden sich einige bemerkenswerte Sätze, mit denen die Psychologin die speziesistische Ideologie der herrschenden Kultur demaskiert. So sagt sie etwa: „Wir neigen dazu, nur Ideologien zu benennen, die abseits des Mainstreams liegen. Doch auch hinter dominanten Kulturen liegt eine Ideologie verborgen. Es ist diese Mentalität von Dominanz und Unterwerfung, die es ermöglicht, ‚jemanden‘ in ‚etwas‘ zu verwandeln. Oder ein Leben in eine Produktionseinheit zu verwandeln.“ Sie betont, dass die Nutztiere dabei nur die offensichtlichsten Opfer darstellen – doch auch die menschlichen Opfer werden außerhalb des öffentlichen Bewusstseins gehalten: Auch die Arbeiter in Schlachtbetrieben seien teilweise Opfer, in den USA seien es zum Beispiel sehr oft Immigranten. Diese Arbeit ist sehr riskant und so gefährlich, dass Human Rights Watch im Jahr 2005 in einem Bericht einen einzigen Industriezweig kritisiert hat, dessen Arbeitsbedingungen so entsetzlich sind, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden – es handelte sich um die Fleischindustrie.
Joy macht auch auf die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Unterdrückungsformen aufmerksam – sie ist der Meinung: „Wenn wir es nicht schaffen, die Mechanismen zu erkennen, die allen gewalttätigen Ideologien zugrunde liegen, sind wir dazu verdammt, die Gräuel in anderen Erscheinungsformen immer wieder zu reproduzieren.“ – Über die beiden folgenden Sätze Joys dürfen ruhig auch Menschen nachdenken, die sich oftmals für ganz besonders emanzipatorisch und progressiv halten, die Ausweitung des Solidaritätsgedankens auf die Tiere und die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen sind, aber ablehnen und die Tierbefreiungsbewegung deshalb angreifen: „Veganismus und Vegetarismus sind eine Bewegung, die zwar gerade erblüht, aber dennoch von einer Minderheit gelebt wird. Leute können abfällige Bemerkungen über Vegetarier und Veganer machen, die völlig inakzeptabel wären, wenn es um das Thema Religion oder Geschlecht gehen würde.“

Die Psychologin Melanie Joy ist Autorin des Buches „Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows“. Sie studierte in Harvard und ist derzeit Psychologin, Lebenstrainerin und Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston.

Zum Interview mit Melanie Joy: derstandart.at

Carnism Awareness & Action Network: Was ist Karnismus?





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