Blutiger Fehlschluss

In Tübingen werden an gleich drei Forschungsinstituten1 Methoden angewandt, die man, am Menschen vollzogen, mit den Begriffen Folter und Mord benennen würde – da für die Experimente aber andere Primaten verwendet werden, ist ihre Anwendung in den Augen der Experimentatoren legitim. Die Affen werden durch Durst gezwungen, stundenlang mit angeschraubtem Kopf Aufgaben am Bildschirm zu erfüllen; über ein Bohrloch im Schädel werden dabei Elektroden in das Gehirn eingeführt. Schließlich werden sie getötet, damit ihr Gehirn seziert werden kann. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hat, zum Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet:

Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!

Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart fixiert! Zur Legitimation dieser Zustände verstiegen die Experimentatoren sich in der Vergangenheit in absurde Rechtfertigungsversuche – so wurde beispielsweise die Vorgehensweise, die Affen durch Flüssigkeitsentzug zur Mitwirkung an den Versuchen zu zwingen, schlicht mit dem Hinweis begründet, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). – Auch, was den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen angeht, konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – hier waren sie nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert (vgl. Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Experimente mit Primaten in Tübingen läuft, seit bald dreieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber sehr darum bemüht, gegenüber der Öffentlichkeit deren angeblichen Nutzen zu betonen. Wild wurden dazu schon irgendwelche Krankheiten angeführt – Alzheimer, Parkinson, Krebs –, deren Bekämpfung durch Erkenntnisse aus den Versuchen ermöglicht werden soll – nun sollen es, wie die Lokalpresse meldet, neuronale Erkrankungen wie etwa Schizophrenie sein. Die Eberhard Karls Universität Tübingen lässt mitteilen, die Experimentatoren um Andreas Nieder im „Labor für Primaten-Neurokognition“ des Instituts für Zoologie hätten durch ihre Forschungen Erkenntnisse erzielt, die „helfen, krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung, zum Beispiel bei einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln“. – Was haben die Forscher gemacht? Zunächst wurden Rhesusaffen am Computer trainiert, Lichtpunkte zu entdecken. Auf der Website der Universität ist der weitere Versuchsablauf beschrieben:

Dabei wurde nur in der Hälfte der Versuchsdurchläufe tatsächlich ein Lichtpunkt gezeigt; in der anderen Hälfte der Fälle war kein Lichtpunkt zu sehen. Die Affen lernten in beiden Fällen die richtige Entscheidung zu treffen: „Ja, Lichtpunkt vorhanden“ oder „Nein, nichts zu sehen“. Nun wurden die Lichtpunkte auf dem Bildschirm so schwach präsentiert, dass sich die Tiere unsicher wurden, ob ein Signal vorhanden war. In solchen Situationen trifft das Gehirn eine von der Helligkeit des Lichtpunktes unabhängige, subjektive Entscheidung.
Während die Tiere die Aufgaben lösten, fanden sich bei Messungen im Bereich des Stirnhirns, des so genannten Präfrontalkortex, Gehirnzellen mit erstaunlichen Reaktionen. Die Nervenzellen signalisierten nicht die Helligkeit der Lichtpunkte, sondern die ja/nein-Entscheidung des Tieres. Besonders interessant war, dass nicht nur die Ja-, sondern auch die Nein-Entscheidung durch eine verstärkte Aktivierung bestimmter Hirnzellen verarbeitet wurde. Anhand der Signale der Nervenzellen ließ sich sogar voraussagen, ob der Affe mit Ja oder mit Nein antworten würde.

Zu Recht kann man sich nun fragen, was das alles mit neurologischen Erkrankungen zu tun haben soll. Andreas Nieder wagt diesen gedanklichen Spagat: „Seit langem ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns mit neuropsychiatrischen Erkrankungen einhergehen. So ist beispielsweise die Schizophrenie durch starke Fehlinterpretationen der normalen Wahrnehmung und der Urteilskraft, bis hin zu schweren Halluzinationen, gekennzeichnet“.
Für die Behauptung aber, die Untersuchung der Verarbeitung visueller Reize und subjektiver Entscheidungsprozesse im Hirn von Rhesusaffen helfe, krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns beim Menschen zu begreifen, gibt es schlicht keine Grundlage. Affen sind zwar von allen Tieren dem Menschen am ähnlichsten, aber wie groß ist die Ähnlichkeit wirklich? Die US-amerikanische Neurologin Aysha Akhtar hat in ihrer Studie Neurological Experiments: Monkey See… But Not Like Humans neuroanatomische und -physiologische Unterschiede zusammengetragen, die zeigen, dass Gehirne von Rhesusaffen schlicht nicht als Modell fürs menschliche Gehirn herhalten können. So hat beispielsweise ein menschliches Neuron 7.000 bis 10.000 Synapsen (Verbindungen zu anderen Neuronen), beim Affen sind es nur 2.000 bis 6.000. Menschen haben außerdem gerade zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen gar nicht gibt! Die bundesweite Ärzteereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. ist deshalb der Meinung:

Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht. Will man etwas über das menschliche Gehirn erfahren, muss das »Zielhirn« untersucht werden und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen – ohne Löcher in den Schädel zu bohren. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn von Freiwilligen untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.2

Erst vor Kurzem haben Neurowissenschaftler vom Tübinger Zentrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) relevante Zusammenhänge von Informationsverarbeitungsprozessen im Gehirn entdeckt – aber keineswegs durch Tierexperimente: Während menschliche Versuchspersonen Entscheidungen trafen, wurde ihre Gehirnaktivität mit Hilfe von Elektroenzephalografie (EEG) und Magnetoenzephalografie (MEG) gemessen (unter dem Titel Fingerabdrücke von Hirnleistungen wurde diese Forschung am 15. Februar vorgestellt). – Offensichtlich können Erkenntnisse über das menschliche Gehirn eben am ehesten durch bildgebende Verfahren mit Versuchspersonen erzielt werden, und nicht, wie die Tierexperimentatoren behaupten, durch invasive Verfahren am Gehirn von Rhesusaffen.
Selbst wenn den gemarterten Körpern von Tieren eine Erkenntnis abgerungen werden kann, die Menschen in irgendeiner Weise als „nützlich“ erscheint, so rechtfertigt das in keinem Fall diese Methode. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive Wissenschaft erkennt längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet. Die Philosophen Max Horkheimer – der die Situation der Tiere als „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“ beschrieb – und Theodor W. Adorno zeigten sich nicht nur bereits im Jahr 1944 in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung allgemein entsetzt über die „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt heute“, sondern verurteilten speziell auch scharf die Vorgehensweise einer von bloß instrumenteller Vernunft geleiteten modernen Wissenschaft, „verstümmelten Tierleibern“ in „scheußlichen Laboratorien“ den „blutigen Schluß“ abzwingen zu wollen. Was die Hirnforschung an Primaten betrifft, kommt hinzu, dass deren Ergebnisse überhaupt nicht auf Menschen übertragbar sind: Die Experimentatoren vollziehen hier an den Tieren einen blutigen Fehlschluss.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Ärzte gegen Tierversuche e.V.: Hirnforschung an Affen – Grausam und sinnlos.[zurück]

1 Antwort auf „Blutiger Fehlschluss“


  1. 1 Aktionsbericht zum internationalen Tag zur Abschaffung der Tierversuche « Antispeziesistische Aktion Tübingen Pingback am 01. Mai 2012 um 4:17 Uhr
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