Demobericht: Frankfurt Pelzfrei 2012

„Es hat gelebt, geamtet so wie wir, Pelz ist ein Stück ermordetes Tier.“ Eine klassische der vielen Parolen, die auf der diesjährigen Demo Frankfurt-Pelzfrei gerufen wurden. Rund 600 TeilnehmerInnen hatten sich nach unseren Schätzungen letzten Samstag auf der größten Antispe-Demo im deutschsprachigen Raum versammelt. Das sind zwar weniger als im letzten Jahr, als ca. 1000 Menschen gegen die Pelzindustrie demonstrierten, aber wie in jedem Jahr fand sich auch in diesem vor allem der politische Antispe-Flügel der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung auf der Demo ein, was wohl in erster Linie auf die Mobilisierung zu einem „Total Liberation Black Block“ (TLBB) durch die Vegane Antifa Süd (VAS) und dem Antifaschistischen Tierbefreiungskollektiv Aachen (Atiko) zurückzuführen ist, die unter dem Motto „Gegen Pelzhandel, Herrschaft und Ausbeutung!“ zu einem schwarzen Block auf der Demo aufgerufen hatten. Auch wenn die Blockbildung an der Spitze der Demo wegen der massiven Polizeipräsenz und den strengen Auflagen schwierig war, schlug sich diese Mobilisierung einerseits gut sichtbar im mehrheitlich schwarzen Kleidungsstil und den vielen Antifa-, Antispe- und schwarzroten Flaggen nieder, wurde andererseits aber auch in Redebeiträgen und Parolen hörbar. So gab es einen Beitrag einer Antifa-Gruppe, der auf Nazis und rechte Tierfreunde aufmerksam machte, was auf der Demo durch Parolen wie „Alerta Antifaschista“ oder „Antispe und Antifa – zusammen sind wir unschlagbar“ bestärkte, dass es eine gemeinsame Front gegen Rechts gibt.

Ein anderer Redebeitrag stellte den Kampf gegen den Kapitalismus als notwendig für die Tierbefreiungsbewegung heraus, weil diesem System die Verwertung von Mensch, Tier und Natur innewohne, und nur ein systemüberwindender Kampf erfolgreich Tiere befreien könne. Vor allem diese Forderung fand sich in der Demo mit den immer wiederkehrenden Parolen „Menschen und Tiere sind kein Kapital“ und „A-, Anti-, Anticapitalista“ breite Unterstützung. Auf der Demo waren keinerlei als sexistisch oder rassistisch/antisemitisch kritisierten Organisationen wie Peta oder das Universelle Leben vertreten.
Der Demonstrationszug marschierte über mehrere Stunden durch die Stadt und belagerte für jeweils kurze Zeit die anliegenden pelzverkaufenden Kaufhäuser und Pelzgeschäfte, aber auch Burger King, McDonalds, Metzgereien und Lederwarengeschäfte. Durch kurze Beiträge, die in regelmäßigen Abständen und bei der Abschlusskundgebung vom Lautsprecherwagen erklangen, wurden die TeilnehmerInnen über den aktuellen Stand der seit 2001 existierenden und relativ erfolgreichen Offensive gegen die Pelzindustrie informiert. So wurde etwa auf den Pelzapplikationsverkauf von Galeria Kaufhof eingegangen – der Warenhausbetreiber hatte jeweils in den Jahren 2005 und 2010 ein Ende seines Pelzhandels versprochen, war 2011 allerdings erneut mit Pelzapplikationen aufgewartet. Die Polizei, die mit mehreren Dutzend Kastenwägen angereist war, schützte die Geschäfte mit Gittern und teilweise mit Schildern. Dennoch blieb die Demo weitgehend friedlich, es wurde kein Farbbeutel geworfen und es ging unseres Wissens nach auch keine einzige Scheibe zu Bruch.

Vor und nach der Demonstration bestand die Möglichkeit, verschiedene Info- und Verkaufsstände von Tierbefreiungsgruppen, Veganversänden und ähnlichen Gruppen zu besuchen, wie der Tierrechtsinitiative Rhein-Main (TIRM), Roots of Compassion (ROC) und der Kreaktivisten.
Im seit 1983 besetzten Haus AU in Rödelheim fand dann die Afterparty mit einer drei Gerichte umfassenden Volxküche und drei Musikern aus der Tierbefreiungsbewegung statt. Erst trat der Rapper Albino auf, der in seinen Texten außer Antispeziesismus viele weitere linkspolitischen Themen behandelt; er stellte sein neues Album vor. Sein in einem Flyer, der auf der Demo umherging, kritisiertes Lied gegen Antideutsche, „Falsches Spiel“, fand beim Publikum, mit Ausnahme eines Gasts, der unter „Zionismus“-Grölen den Raum verließ, viel Zuspruch. Der Liedermacher Faulenza unterhielt das Publikum mit seinen lustigen und emotionalen Liedern über Themen wie Mäuse, welche Häuser besetzen, Veganismus oder freie Liebe – seine Musik kann unter „faulenza.blogsport.de“ kostenlos heruntergeladen werden. Er gab schließlich einige Lieder in der ungewöhnlichen Kombi mit Albino zum Besten, wo dieser auf seine Gitarrenakkorde rappte. Schließlich brachte Trashedy das Publikum mit seiner lauten Elektro-Punk-Rock‘n'Roll-Mischung zum Tanzen.

Bild: Trashedy in Aktion

Eine der Aufrufenden zum TLBB, die VAS, bewertete die Demo in einem Artikel auf linksunten.indymedia heute insgesamt positiv, auch wenn Enttäuschung über die versuchte und offenbar wenig gelungene Verknüpfung von Antifa- mit Antispe-Strukturen zu bemerken ist: „Offenbar scheint in der Tierrechtsszene auch ein geringes Interesse an einer solcher Verknüpfung zu bestehen“. Dass mit 600 TeilnehmerInnen die Demo im Vergleich zum Vorjahr (mit damals 1000 TeilnehmerInnen) relativ schwach besucht war, erklärt sich die VAS hauptsächlich so:

1) Durch die groß beworbene Demonstration in der Woche davor (M31) – auch in Frankfurt – mit ca. 6000 Teilnehmer_Innen, die durch die vielen Festnahmen, wie auch die gewaltsamen Ausschreitungen auf sich aufmerksam machen konnte, waren viele Aktivist_Innen wohl nicht motiviert eine Woche später noch einmal sich auf den, für viele z.T. weiten Weg nach Frankfurt zu machen. 2) Darüber hinaus haben die Oster-Feiertage, der gleichzeitig stattfindende Protest gegen den Naziaufmarsch in Stolberg und das vorausgesagte schlechte Wetter wohl nicht zum Erfolg der Demo beigetragen.


8 Antworten auf „Demobericht: Frankfurt Pelzfrei 2012“


  1. 1 critique_contraire 12. April 2012 um 3:36 Uhr

    Kritische Anmerkungen zur Demo sowie zum Soli-Konzert

    Die Demonstration ›Frankfurt Pelzfrei‹ findet seit vielen Jahren statt und ist in der Tierbefreiungsbewegung,
    bzw. Antispe-Szene ein wichtiger regelmäßiger Termin geworden. Es ist
    ausdrücklich zu begrüßen, dass mit der Demo eine Kritik an Tierausbeutung im Allgemeinen,
    sowie an der Pelzindustrie im Speziellen in die Öffentlichkeit getragen wird. Jedoch gibt es
    einige Dinge, die wir – eine kleine Gruppe, die sich selbst in der emanzipatorischen Tierbefreiungsbewegung
    verortet – mit diesem Text einer kurzen Kritik unterziehen möchten.

    »Total Liberation Black Block«

    Die Vegane Antifa Süd ruft gemeinsam mit anderen Gruppen erneut dazu auf, einen
    Schwarzen Block auf der Demo ›Frankfurt Pelzfrei‹ zu bilden. Das finden wir aus mehreren
    Gründen problematisch und wollen kurz darauf eingehen.
    Eines vorneweg: Wir erachten die Bildung von Schwarzen Blöcken auf Demos nicht
    grundsätzlich als falsch; es ist ein mögliches Mittel von vielen. Bei der ›Frankfurt Pelzfrei‹ allerdings
    haben wir das Gefühl, dass der ›Total Liberation Black Block‹ (TLBB) reiner Selbstzweck
    ist. Als ein Argument für den TLBB wird angeführt, durch das einheitliche Auftreten der Teilnehmer_
    innen [1] werde die Repression seitens der Polizei gemindert, da ein Identifizieren Einzelner
    erschwert werde. Fakt ist jedoch, dass die Repression sich fast ausschließlich gegen den
    Schwarzen Block richtet. Das soll nicht heißen, dass die Teilnehmer_innen des TLBB selbst
    schuld sind am einschüchternden Auftreten von behelmten Polizeieinheiten oder dem Seitenspalier.
    Allerdings zeigt es, dass die Bildung des TLBB dem Ziel der Minderung von Repression
    entgegengewirkt hat.
    Ein anderes Problem, welches wir beim TLBB sehen, ist die Reproduktion von patriarchalen [2]
    Männlichkeitsbildern, da das Konzept des Schwarzen Blocks klar männlich* [3] konnotiert
    ist. Produziert wird das Bild des starken Kämpfers, des mutigen Kampfbereiten, der sich in
    Frontstellung zum »System der Herrschaft« [4] befindet. Schwäche ist in diesem Konzept nicht
    vorgesehen, denn sie bedeutet strategischen Verlust. Im Aufruf zum TLBB heißt es, es gehe
    den Organisator_innen u.a. darum, »eine Gegenmacht gegenüber den staatlichen Repressionsorganen
    aufzubauen«. Wie wird »Gegenmacht« aufgebaut? Offenbar durch männlich* dominante
    Ausdrucksmittel. Wir denken, dass Entschlossenheit auf viele Arten vermittelt werden
    kann und dass ein Schwarzer Block aufgrund der Reproduktion von hegemonialen, also gesellschaftlich
    vorherrschenden Männlichkeitsbildern eine denkbar ungeeignete Art dazu ist. Nicht
    zuletzt auch deshalb, weil die Bildung eines Schwarzen Blocks zu einem Dresscode beiträgt,
    der normierend, also vereinheitlichend und damit letztlich ausgrenzend wirkt. Einer emanzipatorischen
    Bewegung sollte es unserer Meinung nach nicht darum gehen, die hegemonialen Normierungen
    durch eigene zu ersetzen, sondern die Aufhebung jeglicher Normierung herbeizuführen.
    Wir würden uns eine selbstkritische Auseinandersetzung (vor allem, aber nicht nur) der
    am Black Block beteiligten Männer* mit den eigenen Privilegien und verinnerlichten Sexismen
    wünschen. Auch über andere stille Ausschlussmechanismen sollte reflektiert werden, z.B. von
    Menschen, die durch eine körperliche Behinderung [5] nicht in der Lage sind, lange Demorouten
    zu laufen.

    Zur Eintrittspolitik beim Soli-Konzert

    Sowohl beim Soli-Konzert im Jahr 2010, als auch 2011 war der Eintrittspreis für eine ›alternative‹
    Veranstaltung vergleichsweise teuer. Aufgrund der teils hohen Fahrtkosten für die
    auftretenden Künstler_innen ist das zwar verständlich; allerdings ist es für uns nicht nachvollziehbar,
    dass Menschen, die nicht genug Geld hatten, den vollen Eintrittspreis zu bezahlen, der
    Eintritt verwehrt wurde. Das ist für uns ein nicht hinnehmbarer Ausschluss der Menschen, die
    nur wenig, bzw. kein Geld für ein Konzert ausgeben können. Alternativ zum Ausschluss durch
    einen festen Eintrittspreis könnte z.B. der Eintritt nach dem Einkommen bemessen werden oder
    die Leute könnten anhand einer Unter- und Obergrenze selbst einschätzen, wie viel sie
    bezahlen möchten. Menschen ohne Geld sollten allerdings niemals ausgeschlossen werden.

    Zum Auftritt von Albino

    Wie bereits bei Konzerten in den letzten Jahren wird der Rapper Albino beim Soli-
    Konzert auftreten. Auch dazu möchten wir einige Worte verlieren. Es gab in der Vergangenheit
    bereits Kritik an Textstellen von Albino; von der die Shoah relativierenden Zeile »Wenn es um
    Tiere geht wird jeder Mensch zum Nazi« hat sich der Rapper im Jahr 2005 distanziert. In einer
    Stellungnahme [6] dazu heißt es »Ich werde in Zukunft versuchen meine Sprache klarer und
    unmissverständlicher einzusetzen.« Diesen Satz scheint Albino sich wirklich zu Herzen genommen
    zu haben, wie sein neues Lied ›Ein falsches Spiel‹ [7] zeigt, nach eigenen Angaben [8] ein
    »Song gegen antideutschen Neokonservatismus und das affirmative Schweigen der deutschen
    Linken«. Laut Albino hätten jene, die er für ›antideutsch‹ [9] hält, »innerhalb des linkspolitischen
    Spektrums prokapitalistische, kriegstreiberische und rassistische Positionen salonfähig« gemacht.
    Sowohl in der Pressemitteilung, als auch im Lied werden noch andere ebenso abenteuerliche
    Behauptungen aufgestellt, z.B. heißt es, ›Antideutsche‹ würden Geld für Panzer sammeln.
    Die rechtspopulistische Gruppe ›Pro Zion NRW‹ wird als ›antideutsch‹ bezeichnet und mit
    der linken Zeitung ›Jungle World‹ und Thilo Sarrazin in einen Topf geworfen – einmal kräftig umgerührt
    und fertig ist der ›neokonservative Brei‹.
    Mit differenzierter Kritik hat das reichlich wenig zu tun. Es findet hier keine ernsthafte
    Auseinandersetzung statt mit den tatsächlichen Positionen von emanzipatorischen ›antideutschen‹
    Gruppen, die sich selbst in der radikalen Linken verorten. Stattdessen wird mit völlig haltlosen
    Behauptungen, Lügen und Verdrehungen versucht, Kritik am auch in der radikalen Linken
    immer noch verbreiteten (antiisraelischen) Antisemitismus als unzutreffend abzustempeln.
    Diese Kritik wird noch immer zum großen Teil von ›antideutschen‹ Gruppen geäußert und beschäftigt
    sich kritisch mit der Aburteilung der israelischen Politik, bzw. der Infragestellung des
    Existenzrechtes Israels. Eine Analyse des Antisemitismus, welche die so genannte ›Israelkritik‹
    unbeachtet lässt, macht sich selbst unglaubwürdig, denn Kritik an Israel ist nicht selten
    antisemitisch motiviert und/oder greift auf antisemitische Klischees zurück. Deshalb sind wir der
    Ansicht, dass emanzipatorische Kritik am (antiisraelischen) Antisemitismus wichtig, richtig und
    gut ist und in der radikalen Linken eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

    einige emanzipatorische Tierbefreier_innen

    für Kritik, Fragen und Anregungen schreibt bitte an
    critique_contraire@hush.com

    Fußnoten:

    1 Mit dem Unterstrich wollen wir alle jene sprachlich darstellen, die sich als männlich*, weiblich*, als etwas
    zwischen beiden, jenseits dieser Kategorien oder auch als etwas ganz anderes verorten.
    2 Mit Patriarchat meinen wir eine Gesellschaft, in der Männer* mit bestimmten gesellschaftlichen Privilegien
    ausgestattet sind, während Frauen* sich in einer unterprivilegierten Position befinden. Dem Männlichen* wird
    der Bereich des vermeintlich Öffentlichen, Frauen* das vermeintlich Private zugeschrieben.
    3 Das Sternchen soll einerseits daran erinnern, dass es sich bei »Mann« und »Frau« um äußerst macht- und
    wirkungsvolle Kategorien handelt, die allerdings gesellschaftlich hergestellt und nicht natürlich vorhanden sind.
    Andererseits soll es auf die Existenz von verschiedenen Männlichkeiten und Weiblichkeiten hinweisen.
    4 Aus dem Aufruf zum TLBB, zu finden unter http://antispeaction.blogsport.de/mobi/
    5 Behinderung meint nicht, dass die Menschen behindert sind, sondern dass sie durch die Gesellschaft behindert
    werden. Lesenswertes zum Thema beim ›Arbeitskreis mit und ohne Behinderung‹ unter http://www.ak-mob.org

    6 Zu finden unter http://home.arcor.de/albino-online/stellungnahme.html
    7 Der Text des Liedes ist zu finden unter http://albino-online.de/ptx_media/documents/falsches_spiel.pdf
    8 Aus der Pressemitteilung: http://www.art4real.de/art4real/presse/PM_albino_falsches-spiel_22082011…
    9 Da wir ein völlig anderes Verständnis vom Begriff ›antideutsch‹ haben als Albino, setzen wir es in
    Anführungszeichen. Als ›antideutsch‹ verstehen wir emanzipatorische Gruppen, die das Existenzrecht Israels
    verteidigen als unausweichliche Konsequenz aus dem Antisemitismus, der in der Shoah gipfelte, ohne dabei
    eine notwendige Kritik am Staatswesen Israels außen vor zu lassen.

  2. 2 Kritik an der Kritik 15. April 2012 um 19:11 Uhr

    Hier eine kurze Kritik an der „critique_contraire“ (cc):

    1. Die feministische Kritik am Black-Block ist wohl berechtigt, was aber auch die Berechtigung an dem TLBB nicht in Frage stellt, wie cc selbst sagt „keine grundsätzliche Ablehnung von Blackblocks“. Konstruktive Kritik ist daher ohnehin nicht auf diesem allgemeinen Level zu üben, wie die kritisierende Gruppe selbst sagt, dennoch aber die allgemeine BB-Kritik genau auf den TLBB bezieht, ohne dies zu begründen. Konstruktiv wären die fragen: was wollen wir auf DIESER Demo erreichen? WEN wollen wir WIE ansprechen? Ist dafür der TLBB geeignet?
    2. Die Kritik an der Eintrittpolitik finde ich gerechtfertigt und teile ich.
    3. So wie „anti“-deutsche Gruppen die Tierbefreiungsszene behandeln, diffamieren, ausgrenzen, blockieren, sabotieren und versuchen zu zerschlagen ist Albinos Position mehr als nachvollziehbar und schwer verständlich wie cc in „Anti“deutschen „emanzipatorische“ Gruppen sehen will! Die Analyse vieler „anti“deutscher Positionen als neokonservative hat erstaunlich viele Punkte der Übereinstimmung der beiden Strömungen gefunden, wenn es auch viele Differenzen gibt. Es ist wohl einfach so, dass solche Positionen in anderen Ländern sich früher aus der Linken gelöst haben – wie etwa in den USA, denn auch die Neocons kommen ursprünglich aus der Linken.

    Eine „Solidarität“ mit Israel ist ebenso ein sehr typisch „deutscher“ Umgang der Vergangenheitsbewältigung wie die Verteufelung Israels! Neutral gesehen kann der Zionismus als ehemaliger Befreiungsnationalismus ebenso kritisch wie solidarisch gesehen werden wie z.B. die Sowjetunion oder Kuba und ist einfach ein weiteres Beispiel, dass Befreiung, wenn sie zu Nationalismus wird, sich als neue Unterdrückung geriert. Das sehen Linksradikale wie Anarchist*innen international so, nur sehr „deutsche“ Linke tun sich da besonders schwer und rutschen wie der deutsche Mainstream auch in die eine oder andere Vergangenheitsbewältigung. Der sekundäre Antisemitismus, den Adorno beschreibt, also die Verschiebung des Antisemitismus von nationalbewussten Deutschen zu einem Israelhass, ist wohl kaum eine Erklärung für Israel-kritische Positionen in der radikalen Linken in Deutschland und weltweit. Der israelische Adorno-Anhänger Moshe Zuckermann hält die These der „Anti“deutschen, die deutsche Linke sei von diesem sekundären Antisemitismus überzogen, für „Blödsinn“ (siehe Inverview Gerhard Hanloser mit Moshe Zuckermann). Israel-Kritik, wenn sie nicht höher gestellt wird als jede andere Kritik an Nationalismus, Kolonialismus und eurozentristischem Rassismus, ist weltweit in der radikalen Linken üblich! Ein Existenzrecht für Israel sollte dabei genauso normal oder wenig normal sein, wie das Existenzrecht aller anderen kapitalistischen Länder (so auch Palästina)! Aber auch die radikale Absage an Nationalismus, vor allem wenn der Nationalstaat bereits erreicht ist und zum Unterdrückungsinstrument wird, also auch dem jüdischen! Da eine „Ausnahme“ zu machen ist nicht links, sondern eine besondere Art von Antisemitismus: Juden und Jüdinnen werden nicht gleichwertig wie alle anderen Menschen behandelt!
    Es sollte natürlich auch im Bewusstsein sein, dass Kritik an „den Anderen außerhalb des Landes“ immer ein gewisses Potential hat gegen „Andere“ zu hetzen: seien es Juden oder Muslime! Eine einseitige Kritik an „den“ Israelis ist ebenso problematisch wie einseitige Kritik an „den homophoben, frauenfeindlichen, antisemitischen Moslems“! „Anti“deutsche kritisieren das nicht, sondern drehen den Spieß einfach um und gelangen somit zur Linie der Rechtspopulisten: Islamisten werden so zu Faschisten, Muslime zu vor allem potentiellen Terroristen, Europa und ihre postkolonialen Siedlergesellschaften (von Australien über Israel bis USA) zum „Hüter der Demokratie und der Menschenrechte“, die westliche Ideologie zum Inbegriff für Freiheit! Das ist nicht links und schon gar nicht linksradikal und hat somit nichts mit uns zu tun!

    Albino beschreibt in „Falsches Spiel“ einfach diese kriegstreiberischen, antimuslimisch-rassistischen, pro-kapitalistischen, anti-veganen, sozial-chauvinistischen und anti-kommunistischen Argumentationen, die von fast allen „anti“deutschen Gruppen ausgehen. Er ist nicht der erste, dessen Tierbefreiungsstrukturen durch „Anti“deutsche sabotiert und zerstört wurden. „Anti“deutsche Positionen in die Tierbefreiungsszene aufzunehmen könnte, aber muss vielleicht nicht einer Selbstzerstörung der Bewegung gleichkommen.

  3. 3 Kritik an der Kritik 15. April 2012 um 19:16 Uhr

    Der Link zum Interview Gerhard Hanlosers mit Moshe Zuckermann:

    http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=38149

  4. 4 Diskussionspapier der Roten Flora 16. April 2012 um 1:20 Uhr

    Zur Diskussion um (linken) Antisemitismus und Israel sei das Diskussionspapier der Roten Flora mit dem Titel »The Good and the Evil« empfohlen, da es einen undogmatischen und kritischen Ansatz verfolgt und eine Position jenseits von unkritischer Israel-Abfeierei und antisemitischer ›Israelkritik‹ einzunehmen versucht. Da der Text zu lang ist, um ihn hier als Kommentar zu posten, der Link zum Text:

    http://www.cl-netz.de/foren/cl.politik.antifa/HH%3A-Diskussionspapier-der-Roten-Flora-zu-Antisemitismus-The-Good-and-the-Evil-13285.html

  5. 5 Flora halb kritisch, halb nicht 20. April 2012 um 21:17 Uhr

    Der Text vom Flora-Plenum ist glücklichweise nicht so platt-antideutsch, allerdings zeigt sich auch in ihm, dass die Flora mittlerweile kritisch-antideutsch dominiert ist (nach meinen Infos zu 3/4). Die Position ist im Gegensatz zu antideutschen relativ kritisch, auch wenn er ein paar der antideutschen Reflektions-Lücken übernimmt:

    Aber auch wenn Deutsche eine unkritische und absolute
    Identifizierung mit der israelischen Staatspolitik und dem israelischen Militär praktizieren, dient dies wahrscheinlich der eigenen Schuldabwehr

    Es ist schön das mal zu lesen, hab das bisher nur in diskussionen und überlegungen gehört.

    antisemitische Stereotype auch hier immer wieder auftauchen, z.B. wenn der Staat Israel als „Brückenkopf des US-Imperialismus“ bezeichnet wird.

    Das finde ich eine unkritische Bemerkung: Es hat nichts mit Existenzrecht und Antisemitismus zu tun, dass der Staat Israel für die USA und Europa als imperialistischer Stützpunkt dient, denn das ist ja wohl schwer zu leugnen… Nur daraus absolute Schlüsse zu ziehen, könnte antisemitisch sein!

    Das zweite Erklärungsmuster versteht Kapitalismus
    vereinfachend als konkrete Form von Herrschaft einer relativ kleinen Gruppe von bösartigen (und nicht arbeitenden) Menschen – den vermeintlichen VertreterInnen des Kapitals – über „das arbeitende Volk“. In dieser Personalisierung wird das relativ komplexe gesellschaftliche Verhältnis, das der Kapitalismus darstellt, heruntergebrochen auf ein einfaches gut-böse-Bild von den bösen UnterdrückerInnen „da oben“ und dem guten unterdrückten „Volk“. Dieses vereinfachende personalisierende Erklärungsmuster greift vor allem deshalb zu kurz, weil es nicht erklären kann, warum „das arbeitende Volk“ bei dem ganzen Spiel so unnachgiebig mitspielen will.

    Mit dieser Aussage will die Flora den Strukturmarxismus, der jegliche menschlichen Akteure ausblendet, als den einzig wahren Antikapitalismus gegenüber dem klassenkämpferischen Antikapitalismus progagieren. Die meisten wissen es wohl auch nicht anders, schließlich geben sich Antideutsche seit 15 Jahren alle mühe, Strukturmarxismus und Wertkritik als antikapitalistische Alleinherrscher in linken Köpfen einzusetzen. (vgl dazu http://www.assoziation-daemmerung.de/2012/01/mitschnitt-marx-statt-klassenkampf/)

    Es ist natürlich quatsch, dass die „Bosse“ die „Bösen“ sind, und das behaupten auch refelktierte Klassenkämpfer*innen nicht! Es macht trotzdem keinen Sinn den Klassencharakter des Kapitalismus zu leugnen und zu tun, als hätten ALLLE, die reichsten Milliardäre und die ärmsten Obdachlosen dem Kapitalismus gegenüber die selben Interessen! Meiner Einschätzung nach, sind zwar jetzt noch ein großer Teil der Arbeitenden und Arbeitslosen auf der Position „lieber Kapitalismus beibehalten“, aber mit fortschreitender Krise ändert sich das schon. Wärenddessen glaube ich kaum, dass die Privilegiertesten ein Interesse an der Abschaffung des Systems, das sie privilegiert, haben. Das ist aber nicht „Böse“. Wahrscheinlich würde ich auch so agieren, wäre ich reich!?
    Immerhin erkennt das Flora-Plenum an, dass das nicht antisemitisch ist:

    ist verkürzte Kapitalismus-Kritik (die
    zwar nicht per se antisemitisch ist, aber reichlich Anknüpfungspunkte zum Antisemitismus bietet) heute vor allem in der Linken besonders stark verbreitet.

    Dass es den Antisemitismus befördert, in einer Zeit wo offensichtlich von den mächtigsten Menschen kaum welche Juden sind und wo das Drama, welches aus Antisemitismus entstand, in aller Köpfe ist, glaub ich kaum.

    Ich finde außerdem, dass gegen die Mächtigen zu kämpfen keine Widerspruch zum Humanismus sein muss: Ich will weder Nazis noch Bonzen umbringen, auch wenn Antideutsche suggerieren, klassenkämpf hieße Morgelüste gegen Reiche zu haben.
    (in der schelling labert mich doch so einer an: „Kapialismus lässt sich nicht abschaffen, indem Ackermann an die Wand gestellt wird“. Beleidigend, dass mir so ein Käse unterstellt wird…)

    oft nicht als ernsthaftes Problem wahrgenommen: entweder indem
    Antisemitismus als eine bestimmte Form von Rassismus verstanden wird,

    Ich halte diese zwanghafte Trennung von Antisemitismus von Rassismus ebenfalls für eine Bewältigungstrategie. Denn in anderen Ländern wurde nicht den Juden, sondern anderen Volksgruppen solche Dinge untergeschoben (mensch denke an die Tutsi und die Hutu). Es ist zwar nicht falsch Antisemitismus gesondert zu erwähnen, wenn er hervorgehoben werden soll, aber er ist eindeutig eine Form von Rassismus! Dagegen habe ich noch nie ein vernünftiges Argument gehört. Ein Überbetonen von Antisemitismus – wenn er nur auf Jüdinnen und Juden bezogen wird – finde ich aber auch gefährlich, weil dadurch andere Volksgruppen potentiell abgewertet werden.

    muss dabei beachtet werden, dass die zentrale
    Motivation für die Gründung Israels eine andere als bei allen anderen Staaten war: Nachdem der von NS-Deutschland begangene – in der Geschichte singuläre und unvergleichbare – Versuch der totalen Vernichtung des europäischen Judentums

    Diesen Satz finde ich sehr problematisch: Die Betonung der Singularität ist eine typisch deutsche Selbst-Erhöhung: Wenn WIR nicht die Besten sind, sind wir aber immerhin die BÖSESTEN. Die Geschichte ist voller Verbrechen, alle so einzigartig, dass sie nicht gleichgesetzt mit anderen werden können und dennoch alle so geschichtlich, dass sie verglichen werden können. Die Ent-Historisierung durch die Formulierung “ singuläre und unvergleichbare“ ist problematisch, überhöht Deutsche und Juden und legt gefährliche Grundlage für anti-arabischen Rassismus: die Araber, die aus naheliegenden Gründen häufiger antizionistische Positionen vertreten als andere, sind somit leicht ‚Antisemiten und damit schon schlimmer, als anti-arabische Rassisten es je werden können!‘ Sehr problematisch!

    dass die zentrale Motivation für die Gründung Israels eine andere als bei allen anderen Staaten war

    Und genau da liegt ein Knackpunkt, der mir zeigt dass die Autoren kein antirassistischen Anspruch gelten machen können, sondern einen philosemitischen Ausdruck haben, der letztlich auch eine (schwächere) Form von rassismus ist:
    Viele Staaten hatten eine Befreiung einer Bevölkerungsgruppe als Motivation! Nicht nur Israel! Und nicht nur Israels Gründung gingen Völkermorde vorraus, sondern auch vielen Kolonialstaaten! Zionismus lässt sich am besten verstehen, wenn er mit ANDEREN BEFREIUNGS-NATIONALISMEN verglichen wird! Denn auch andere hatten ehrbare Gründe zur Staatenbildung! Die Hervorhebung als „singularität des holocaust“ ist natürlich notwendig, wenn mensch total anti-national sein will, außer bei Israel.
    Eine Differenziertere Position wäre, andere Befreiungs-Nationalismen ebenfalls kritisch-solidarisch zu sehen, wie den Zionismus damals. Wie andere Befreiungsnationalismen wurde dei Befreiung wieder zur Unterdrückung! Daraus lässt sich verschiedenes ziehen:
    1. Einmal Befreiung immer Befreiung: Über die Unterdrükcungen die von „Befreiten“ Nationen ausgeht wird hinweggesehen: Israel, wie China und Sowjetunion, Solidarität, egal ob Stalin sich an die Macht putschte oder Israel eine Rassentrennung einführt. Hier wird deutlich, warum AntiDs und Antiimps den „Kommunismus“ für sich beanspruchen…
    2. Nationalismus war schon immer scheiße: typische Anarchistische Position, die im globalen Süden ohne die Einrichtung von Nationalstaaten gegen Imperialismus kämpfte. Aber oft führt diese Position auch einfach zur Haltung: Alles Scheiße und Wer nichts macht, macht nichts falsch!
    3. Dialektische Analyse: Eine Bewegung, die jetzt gut und notwendig ist, muss es nicht bleiben. Ich kann Kurden wie Basken und Iren jetzt unterstützen, mit dem Wissen, dass nach der Einrichtung eines Nationalstaats nicht alles super sein wird, aber mit dem Wissen, dann vielleicht alles zum „best-möglichen“ wenden zu können…

    Für deutsche Linke stellt
    Anti-Zionismus keine Position dar, die diskutiert oder gar vertreten werden kann. Wenn darin gesellschaftliche NachfahrInnen des TäterInnen-Kollektivs den Staat Israel als Konsequenz der Shoah infrage stellen,
    dann bagatellisiert dies die deutsche Geschichte und betreibt damit eine Relativierung der Shoah.

    Ein leichtsinnsfehler, der im hastigen Denken antid-inspirierter Positionen häufig geschieht: Zionismus=Israel.
    Der Zionismus ist ein Nationalismus wie viele andere, der die Volks-Konstruktion und Abgrenzung und Ausgrenzung zu den „Anderen“ beinhaltet! Wer Nationalismus ablehnt und logisch denkt wird auch Zionismus ablegen. Das stellt den Staat nicht gleich in Frage, stellt aber wohl eine nationalistische Politik in Frage! Deutschland gibt es auch noch, obwohl die Nationalisten hier immer mal wieder nicht an der Macht waren. Die Frage nach Nationalismus ist eine Frage nach der Zielrichtung: z.B. im nahen Osten: in vielen arabischen Ländern ist Nationalismus noch nicht so verankert, die Politik ist häufig pan-arabisch (also nicht auf den eigenen Staat fixiert) oder muslimisch (also noch weiter ausgedehnt) orientiert, was deshalb jetzt nicht progressiver ist.
    Kurz: Nationalismus war notwendig, um einen Staat Israel aufzubauen. Er ist nicht notwendig um ihn zu erhalten! Es ginge auch ohne Rassentrennung auf israelischen Straßen, ohne anti-arabische Kampagnen der konservativen Nationalisten!
    Anti-Zionismus und Akzeptanz für das Existenzrecht Israels wiedersprechen sich der logik nach nicht!

    Ein deutscher Anti-Zionismus ist zwar
    wahrscheinlich nicht immer durch Schuldabwehr motiviert. Oft liegt hier sicherlich auch der Wunsch zugrunde, den Israel/Palästina-Konflikt vereinfachend als Auseinandersetzung zwischen „herrschendem Regime“ und „unterdrücktem Volk“ zu sehen, um sich dann mit dem „kämpfenden Volk“ identifizieren zu können. Doch unabhängig von der Motivation dienen in Deutschland öffentlich geäußerte anti-zionistische Positionen in jedem Fall der Schuldabwehr der deutschen Gesellschaft.

    Die angesprochene Vereinfachung ist daher falsch, dass es kein „Unterdrücktes Volk“ und „Herrschendes Volk“ gibt – Linke Analyse hat den Volksbegriff schon früh abgelehnt und versucht eher in die Gesellschaften zu blicken: Es gibt jeweils innerhalb der „Völker“ Unterdrückte, Unterdrücker und alles zwischendrin: Nationalist*innen und Inter/Antinationalist*innen, Antisemiten/antiaraber und Antirassist*innen!

    Für uns ergibt sich daraus, dass jeder Infragestellung des Existenzrechtes Israels – selbstverständlich auch innerhalb der eigenen Szene – entschieden entgegengetreten werden muss.

    …ja so als schluss: so viel und so wenig existenzrecht wie alle anderen auch, oder!?

    Bei der Zionismus-Frage geht es ja weniger um „Existenz Israels“ sondern um die der Ausdehnung Israels auf das „Heilige Land“, was Siedlungen ultra-ortodoxer Jüdischer Rassist*innen und weitere Vertreibung von Palästinenser*innen zur Folge hat! Auf awalls.org wird deutlich, dass es heute DARUM geht! Das andere ist viel Projektion um linke Position und vor allem Abgrenzungsbedürfnis, Reflektion und eben Auseinandersetzung mit einem immer noch existenten Antisemitismus vor allem bei Nazis und Konservativen, aber auch bei Unterschichtsangehörigen.

    Das andauernde Leid von Palästinensern darf nicht aufgewogen werden gegen die menschliche Katastrophe vor 70 Jahren, die Shoa. Palästinenser*innen hatten damit damals kaum was zu tun.

    Israel-Flaggen zu schwingen finde ich unmöglich, schließlich haben wir eine Multikulturelle Gesellschaft und auch wenn wir nur Nazis provozieren wollen, könnten wir palästinensischer Flüchtlinge damit provozieren, ein Akt der die notwendige linke Anbindung bei Palästinenser empfindlich stört! Auch bei Hammer und Sichel sollten wir bewusst sein, dass Russlanddeutsche, deren Vorfahren unter Stalin Hunger litten und in Gulags schufteten, provoziert werden, auch wenn wir damit nur die Herrschenden hier provozieren wollen!

    Simon B von der Antispe Tü

  6. 6 Notwendige Diskussion 22. April 2012 um 23:30 Uhr

    Schön, dass es noch Menschen gibt, die sich mit dem Thema argumentativ auseinandersetzen. Danke dafür! Ich versuche mal, eine Antwort auf den Beitrag »Flora halb kritisch, halb nicht« zu formulieren, in der ich die Punkte aufgreife, die ich anders sehe.

    Dass es den Antisemitismus befördert, in einer Zeit wo offensichtlich von den mächtigsten Menschen kaum welche Juden sind und wo das Drama, welches aus Antisemitismus entstand, in aller Köpfe ist, glaub ich kaum.

    Es ist für Antisemit_innen vollkommen egal, ob die ›Mächtigen‹, bzw. große Teile derselben tatsächlich ›jüdisch‹ sind oder nicht – sie sind der Ansicht, einer ›jüdischen Weltherrschaft‹ unterworfen zu sein und dies unabhängig davon, wie viele ›Mächtige‹ von den Antisemit_innen als ›jüdisch‹ definiert werden. Dies wird sehr treffend im Flora-Text beschrieben: »[D]as Ziel des Antisemitismus – sich von einer nicht realen, imaginierten Herrschaft zu befreien – [kann] nie erreicht werden.« Ohnehin definieren die Antisemit_innen ja meist selbst, wer oder was ›jüdisch‹ ist. So ist beispielsweise der Hinweis auf die vermeintliche Macht der ›Rockefellers‹ in den USA eine (in den meisten Fällen eindeutige) antisemitische Wahnvorstellung, da die Familie Rockefeller nicht ›jüdisch‹ ist, von Antisemit_innen aber als ›jüdisch‹ definiert wird.

    Ich halte diese zwanghafte Trennung von Antisemitismus von Rassismus ebenfalls für eine Bewältigungstrategie. Denn in anderen Ländern wurde nicht den Juden, sondern anderen Volksgruppen solche Dinge untergeschoben

    ;
    Soweit ich weiß, gibt es keine ›Volksgruppe‹ außer der jüdischen, der seit mehr als 2.000 Jahren immer wieder vorgeworfen wird, die ›Weltherrschaft‹ entweder anzustreben oder bereits zu besitzen. Weiters ist die – meiner Meinung nach wichtige Unterscheidung – bereits im Flora-Text treffend beschrieben, weshalb ich erneut zitiere: »Erstens wird nur das Judentum immer wieder hartnäckig mit dem Kapital in Verbindung gebracht, so dass verkürzte Kapitalismuskritik nur zum Antisemitismus, wie oben erläutert, immer eine offene Flanke hat. Zweitens spielen nur im Antisemitismus Verschwörungstheorien und Ohnmachts-Phantasien eine derart zentrale Rolle: Nur das Judentum wurde und wird immer wieder alleine für alle möglichen negativen gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen verantwortlich gemacht.« Alleine die lange Tradition der Judenfeindschaft und die Verbreitung derselben in allen Bevölkerungsschichten und nahezu allen Teilen der Erde macht eine Unterscheidung meiner Meinung nach unabdingbar.

    Die Ent-Historisierung [der Shoah] durch die Formulierung “ singuläre und unvergleichbare“ ist problematisch, überhöht Deutsche und Juden

    War die Shoah etwa kein ›singuläres und unvergleichbares‹ Verbrechen in der Geschichte der Menschheit? Es gab nie zuvor in der Geschichte den Versuch, eine als ›Anti-Volk‹ definierte Gruppe von Menschen systematisch und industriell (!) zu vernichten. Nie zuvor beteiligte sich ein so großer Teil eines Landes – des ›Deutschen Reiches‹ – mit solch einem Fanatismus an einem Vernichtungskrieg. Diese Vorgänge sind einzigartig und sie zu relativieren bedeutet, den ›Rückfall in die Barbarei‹, wie Adorno es ausdrückte, als ein Verbrechen ›wie andere‹ zu behandeln.

    die Araber, die aus naheliegenden Gründen häufiger antizionistische Positionen vertreten als andere, sind somit leicht ‚Antisemiten und damit schon schlimmer, als anti-arabische Rassisten es je werden können!‘

    Die Formulierung, für arabischen Antizionismus geben es ›naheliegende Gründe‹, übersieht meines Erachtens, dass ›Antizionismus‹ in den meisten Fällen – ob bewusst oder unbewusst sei mal dahin gestellt – ein Deckmantel für Antisemitismus ist. Da es nach der Shoah nicht ganz so schick ist, judenfeindlich zu sein, wird der Antisemitismus als ›Antizionismus‹, bzw. ›Israelkritik‹ verpackt. Doch auch wenn dem Antizionismus keine (bewussten) antisemitischen Motive zugrunde liegen, befördert er – auch ungewollt – einen Diskurs, der dem Antisemitismus Vorschub leisten kann. Auch die Einseitigkeit, mit der Israel kritisiert wird, springt ins Auge, so z.B. beim Wort ›Israelkritik‹. Hast Du schon einmal etwas von ›Mexikokritik‹ oder ›Ugandakritik‹ gehört?

    Eine Differenziertere Position wäre, andere Befreiungs-Nationalismen ebenfalls kritisch-solidarisch zu sehen, wie den Zionismus damals. Wie andere Befreiungsnationalismen wurde dei Befreiung wieder zur Unterdrückung! […] Über die Unterdrükcungen die von „Befreiten“ Nationen ausgeht wird hinweggesehen

    Ich frage mich, ob Du den Flora-Text möglicherweise nur überflogen hast, denn dort heißt es doch ganz eindeutig, dass die Autor_innen »Nationalstaaten als Gewaltverhältnisse und mit Bezug auf die Funktionen, die sie für die Aufrechterhaltung von kapitalistischer Ökonomie und rassistischen Herrschaftsverhältnissen, aber auch von Sexismus, Heteronormativität und Antisemitismus haben, allgemein abzulehnen.« Und ich persönlich kenne keine ›israelsolidarische‹ Person, der nicht vollkommen klar ist, dass Israel als Staat Menschen, insbesondere Palästinenser_innen unterdrückt. Die Unterdrückung, die Israel als Staat ausübt, wird doch weder im Flora-Text noch von Menschen, die Israel als Notwendigkeit betrachten, geleugnet.

    Eine Bewegung, die jetzt gut und notwendig ist, muss es nicht bleiben. Ich kann Kurden wie Basken und Iren jetzt unterstützen, mit dem Wissen, dass nach der Einrichtung eines Nationalstaats nicht alles super sein wird, aber mit dem Wissen, dann vielleicht alles zum „best-möglichen“ wenden zu können…

    Du sprichst einen wichtigen Punkt an, den ich bei nicht wenigen ›antideutschen‹ Gruppen und Einzelpersonen vermisse. Denn diese lehnen nicht selten – bleiben wir bei zwei Deiner Beispiele – den kurdischen oder baskischen Nationalismus als ›völkisch‹ ab. So richtig und wichtig diese Kritik zumindest beim kurdischen Nationalismus ist – beim baskischen gilt sie nur eingeschränkt, da meines Wissens nach in den aktuellen Debatten im Baskenland all jene Bask_innen sind, die im Baskenland leben und sich mit ihm verbunden fühlen –, übersieht sie etwas, das ich vor einiger Zeit aufgrund von ›dogmatisch antinationalen‹ Ansichten (»Alle Staaten sind scheiße.«) ebenfalls nicht gesehen habe: Eine kurdische oder baskische Nation ist zwar kein besonders anarchistisches, bzw. emanzipatorisches Projekt, jedoch befreit sie Kurd_innen und Bask_innen zumindest von einer Unterdrückungsform, nämlich von der Unterdrückung als nationale Minderheit. Insofern sind ›Befreiungsnationalismen‹ zwar kein Musterbeispiel für anarchistische Praxis; sie können (!) jedoch dazu beitragen, Menschen das Leben erträglicher zu machen.

    Wer Nationalismus ablehnt und logisch denkt wird auch Zionismus ablegen. […] Anti-Zionismus und Akzeptanz für das Existenzrecht Israels wiedersprechen sich der logik nach nicht!

    Hier sehe ich ein ähnliches Problem wie bereits oben beschrieben: Du siehst ›Antizionismus‹ offenbar nicht als eine Form des Antisemitismus an. Das ist meiner Meinung nach aus den bereits genannten Gründen (s.o.) problematisch. Ergänzend lässt sich vielleicht sagen, dass (›linker‹) ›Antizionismus‹ so gut wie immer mit der Infragestellung des Existenzrechtes Israels einhergeht und somit die Trennung, die Du aufmachst (»Anti-Zionismus und Akzeptanz für das Existenzrecht Israels«) an der Realität vorbeigeht.

    Linke Analyse hat den Volksbegriff schon früh abgelehnt

    Das stimmt leider für einige (wenige) ›antiimperialistische‹ Gruppen nicht, da diese sich teils noch immer auf einen recht altmodischen ›Volks‹begriff beziehen.

    Das andere ist viel Projektion um linke Position und vor allem Abgrenzungsbedürfnis

    In puncto ›Abgrenzungsbedürfnis‹ muss ich Dir – leider – Recht geben; es geht zu oft darum, sich zu vergewissern, zu den ›Guten‹ zu gehören und zu selten um eine konstruktive Debatte. Umso erfreulicher, dass hier eine Diskussion zustande kommt.

    Das andauernde Leid von Palästinensern darf nicht aufgewogen werden gegen die menschliche Katastrophe vor 70 Jahren, die Shoa. Palästinenser*innen hatten damit damals kaum was zu tun.

    Letzteres stimmt so nicht ganz. Interessant ist hier z.B. die Rolle des Mohammed Amin al-Husseini, auch ›Großmufti von Jerusalem‹ genannt. Dieser arbeitete mit dem deutschen Faschismus zusammen, traf sich mit Hitler persönlich, besuchte SS-Divisionen und organisierte islamische Wehrmachtseinheiten. Vergleiche dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini#Zeit_des_Nationalsozialismus

    Ich hoffe, ich konnte etwas zur Debatte beitragen. Antworten und Kritiken an meinem Text sind durchaus erwünscht, denn die Radikale Linke lebt ja bekanntermaßen (auch) von der Debatte.

  7. 7 Die "Anderen" sind nicht immer die bösen! 03. Mai 2012 um 16:12 Uhr

    Es ist sehr spannend gewisse Punkte von dir zu hören, die ich noch nie gehörthabe, sonst hätte ich gar nicht geantwortet, denn der übliche antid-kram wird einem ja ständig vorgekaut.

    Trotzdem:

    „Es ist für Antisemit_innen vollkommen egal, ob die ›Mächtigen‹, bzw. große Teile derselben tatsächlich ›jüdisch‹ sind oder nicht“

    Ja, „dem Antisemit“ vielleicht schon, aber der Erfolg seiner Hetze hängt auch davon ab, dass er Leute erreicht. Und das war zu einer Zeit, in der es jüdische Intellektuelle und Besitzende gab, möglich. Heute wird in Europa nichts dergleichen möglich sein, schon alleine weil der letzte Versuch, alles auf Juden zu schieben, gezeigt hat, dass es ganz andere Probleme und Ursachen gibt.

    „Diese Vorgänge sind einzigartig und sie zu relativieren bedeutet, den ›Rückfall in die Barbarei‹, wie Adorno es ausdrückte, als ein Verbrechen ›wie andere‹ zu behandeln.“

    Adorno bezeiht den „Rückfall in die Barbarei“ nicht nur auf die Nazis und die Shoa. Für ihn hat die gesamte industrielle Welt deutlich gemacht, dass sie Tendenzen zum Rückfall hat: der Stalinismus in der Sowjetunion und der Kapitalismus in den USA wie auch der Faschismus in Deutschland. In Ruanda wurde ein unglaublicher Völkermord organisiert, an dem ein riesiger Teil der Gesellschaft beteiligt war. Immer wenn ein Rassismus eliminatorisch wird, wird eine „Absolute Gefahr“ in einem anderen Volk konstruiert: „Wenn wir sie nicht töten, töten sie uns!“ hieß es in Ruanda. Goebbels sprach in der Sportpalastrede vom Anspruch der Weltherrschaft des Bolschewismus. Die Rechtspopulisten konstruieren – gemeinsam mit einigen Antideutschen und bürgerlichen Hetzmedien wie dem Spiegel – die Gefahr der Weltherrschaftsansprüche des Islams. Klar sind viele Merkmale des Antisemitismus der Nazis einmalig, bei vielen dieser Phänomene gibt es aber einmalige Momente. Mir scheint es ein typisch deutsches Bedürfnis zu sein, dass „wir Deutschen doch die Größten sind“ – wenn nicht im guten, dann im bösen. Warum nicht akzeptieren, dass unsere Vorfahren und das „Volk“ das sich „deutsch“ schimpft, zu den schlimmsten Verbrechern gehörte, es sich aber niemand anmaßen sollte zu sagen, wer DIE schlimmsten waren!??

    „Ergänzend lässt sich vielleicht sagen, dass (›linker‹) ›Antizionismus‹ so gut wie immer mit der Infragestellung des Existenzrechtes Israels einhergeht“

    Zionismus ist das Projekt, das ganze biblische Gebiet zu Israel als jüdischen Staat zu machen: Deshalb besetzen ultra-orthodoxe Siedler immer mehr von den palästinensischen Gebieten, deshalb sind diese immer noch von Israel militärisch besetzt und deshalb hat dieser Konflikt keine Chance auf Frieden! Israel, z.B. in den Grenzen von ’67, hätte auch unter den meisten Palästinensern Akzeptanz, nur müssten die ultra-orthodoxen Freaks und ihre parlamentarischen Unterstützer aufgehalten werden, die ihr religiöses Projekt „Zionismus“ weiterhin verfolgen. Ich sehe >linken Anti-Zionismus“Letzteres stimmt so nicht ganz. Interessant ist hier z.B. die Rolle des Mohammed Amin al-Husseini, auch ›Großmufti von Jerusalem‹ genannt.“

    Ja, der selbsternannte Großmufti wird vielzitiert und hält ständig dafür her, dass die Palästinenser doch Antisemiten seien und ihr Leid irgendwie selbst verschuldet hätten. Ich habe mich mal näher mit beschäftigt, und muss sagen, dass die ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen europäischen Juden und Palästinensern in den 20ern, lange vor dem Projekt des Muftis, passiert: damals hatten jüdische Jungendliche in Jerusalem für einen jüdischen Staat demonstriert, die Aneignung von palästinensischem Land durch reiche, zionistische Europäer hatte schon länger begonnen („jüdischer Boden für jüdische Bewohner“ und die ganzen Parolen, die Antids so gerne unter den Teppich kehren und so tun, als sei der Konflikt in Palästina erst mit dem Nazi-Mufti entstanden). Die Demonstration provozierte die Wut und Angst der Palästinenser – ich weiß es nicht und fand es nicht heraus, ob es war, weil die palästinensischen Nationalbestrebungen damit gefährdet wurden oder die Vertreibungen bereits so viele Menschen betraf – worauf der erste bewaffnete Übergriff von Palästinensern auf Juden stattfand, es wird auch vom Pogrom gesprochen. Fazit: >250 tote Juden, >500 tote Araber. Ein Pogrom, bei dem es doppeltsoviele Opfer bei den Tätern gibt, deutet entweder darauf hin, dass es vielmehr eine gewaltsame Auseinandersetzung – z.B. zwischen zwei nationalistischen Fronten – war, oder dass die Selbstverteidigung & Bewaffnung der jüdischen Siedler sehr gut war (die Kibbuze waren wie Forts gebaut). Jedenfalls war es da schon keine einseizige Opfer-Sache, Jahre vor dem Holocaust!

    Jüdische Araber hatten damals übrigens großteils kein Bock auf europäische Juden, die herziehen sollten, lebten sie doch mit den muslimischen und christlichen Arabern seit jahrhunderten hier – klar nicht immer friedlich, aber es schien immerhin zu funktionieren. Und einen derartigen Antijudaismus wie in Europa gab es unter den Muslimen immerhin nicht, zumindest laut Moshe Zuckermann, waren sie doch ein „Volk des Buches“ und vom Islam somit akzeptiert, nur Christen mochten Juden nicht, weil sie Jesus ans Kreuz gebracht haben sollen. Andersrum waren orientalische Juden ja auch für europäisch-rassistische Kolonisatoren keine ganzen Menschen.
    Dass diese Mufti die Nazis toll fand und dazu beitrug, dass Nazi-Literatur im Nahen Osten verbreitet wurde, stimmt natürlich und ist sehr traurig. Antisemitische Verschwörung und Propaganda exportiert natürlich Antisemitismus nach Palästina, welches dort auf fruchtbaren Boden fällt, schließlich haben mehrere Millionen Palästinenser unter Terror und Vertreibung durch jüdische Europäer zu leiden. Auch jüdische Araber sind in Israel nur bürger zweiter Klasse, der europäische Rassismus wurde halt mit dem Zionismus gleich nach Nahost gebracht. Ich denke, dass dieser europäische Rassismus, wie auch in ganz Afrika, unglaublichen Schaden mit sich brachte und weit verbreitet wurde, immerhin ist er Grundlage für Israel (ein Land ohne Volk (von ein paar Arabern, also „Wilden“ abgesehen) für ein Volk ohne Land). Meinen Erfahrungen nach, sind Nazi-Ideen und Antisemitismus lange nicht so stark in den nahen Osten eingedrungen. Jedenfalls gehört dieser koloniale Rassismus ebenso bekämpft und darf nicht als „Bringer von bürgerlicher Freiheit“ verklärt gegen den nazi Rassismus (v.a. Antisemitismus) ausgespielt werden! Damit würde nämlich wieder das „wir“ (wir Europäer, Aufklärer) zum guten und das „die“ (die bösen, rückständigen Araber) zum bösen gemacht, ohne dass es bei genauerer Betrachtung dieser Behauptung stand halten würde!
    Antisemitismus im Nahen Osten muss bekämpft werden, wie Rassismus hier: Wenn Unterdrückte und Ausgebeutete versuchen die Schuld auf Volksgruppen zu schieben, muss klar gemacht werden, dass Staat und Kapital, die israelische und palästinensische Rechte und deren Großbürger das Problem sind und nicht die Grenze zwischen „Völkern“ verlaufen.

    Jetzt wirst du vielleicht sagen, dass es nur Strukturen sind, gegen die gekämpft werden muss, keine Personen, aber damit verabstrahierst du das Problem soweit, bis jeglicher Widerstand wirkungslos wird! Und damit jagst du die Menschen quasi zu den Faschisten und Islamisten, weil die dann die einzigen sind, die nicht nur labern und mit Abstraktionen um sich werfen. Du solltest Wolf Wetzel dazu hören (wie gestern in der Infoladenhausbar in Tü)….

  8. 8 anarkismo 04. Mai 2012 um 21:29 Uhr

    zum thema: antizionismus=antisemitismus, einer Gleichung die immer wieder aufgestellt, oder zumindest angedeutet wird. Auch im darüberliegenden Kommentar:

    Die Formulierung, für arabischen Antizionismus geben es ›naheliegende Gründe‹, übersieht meines Erachtens, dass ›Antizionismus‹ in den meisten Fällen – ob bewusst oder unbewusst sei mal dahin gestellt – ein Deckmantel für Antisemitismus ist. Da es nach der Shoah nicht ganz so schick ist, judenfeindlich zu sein, wird der Antisemitismus als ›Antizionismus‹, bzw. ›Israelkritik‹ verpackt. Doch auch wenn dem Antizionismus keine (bewussten) antisemitischen Motive zugrunde liegen, befördert er – auch ungewollt – einen Diskurs, der dem Antisemitismus Vorschub leisten kann. Auch die Einseitigkeit, mit der Israel kritisiert wird, springt ins Auge, so z.B. beim Wort ›Israelkritik‹. Hast Du schon einmal etwas von ›Mexikokritik‹ oder ›Ugandakritik‹ gehört?

    Auch Staaten wie Mexiko, Uganda, Deutschland, Frankfreich und USA werden häufig kritisiert. Das Wort „Mexikokritik“ oder „Ugandakritik“ gibt es ebensowenig wie „Deutschlandkritik“ oder „Frankreichkritik“, aber nicht weil diese Länder nicht kritisiert werden, sondern weil das Kritisieren nicht thematisiert wird. Die Wortkonstruktion „XYkritik“ wird logischerweise ja nur dann notwendig, wenn ÜBER die Kritik gesprochen wird (auf einer Meta-Ebene), nicht wenn kritisiert wird. Nur v.a. durch die antideutsche Bewegung „Israelkritik“ und „Amerikakritik“ thematisiert wird, existieren diese beiden Wörter in unserem Alltagswortschatz. Das angeführte Argument ist also eher ein selbstgestelltes Bein ;)

    Zu Antizionismus habe ich auf hagalil.com gefunden, dass Antizionismus keineswegs wie immer dargestellt Antiisraelismus und Antisemitismus bedeutet, sondern auf das politische Program legaler Parteien in Israel selbst sein kann:

    Agudath Israel – 1912 wurde die Agudat Israel (hebr.: Vereinigung Israel) von extrem orthodoxen deutschen Juden als streng anti-zionistische Partei gegründet. Die anfangs streng antizionistische Organisation mäßigte im Laufe der Zeit ihre Haltung und wurde schließlich mehrmals an Regierungskoalitionen beteiligt. Bei den Knesset-Wahlen 1988 wurde sie zweitstärkste religiöse Partei. Grundtenor ihres Parteiprogramms ist die Durchsetzung religiös-orthodoxer Positionen im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Israels.

    Wenn Antizionismus also innerhalb Israels zwar eine radikale aber legitime politische Position ist, warum wird sie außerhalb Israels als rechte Position dargestellt? Ich finde, deutsche linke, die sich antideutschen Ideen nahe stehen, sollten anerkennen, dass ihre Position bestenfalls linksliberal ist – in Israel und sonstwo. Das propagieren des westlichen Individualismus und entsprechende Hetze gegen alternative Projekte zeigt mir aber eigentlich an, dass Antids doch in den allermeisten Fragen, die bei uns diskutiert werden, neokonservative bis neoliberale Positionen beziehen.

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