Archiv für Dezember 2012

Haft für Boehringer-Gegnerin

Nachdem Boehringer Ingelheim die zunächst favorisierten Standorte Tübingen und Reutlingen aufgegeben hatte – „Aus der Traum“ schrieb damals die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“1 –, errichtete der Pharmakonzern sein europäisches Forschungslabor für Tier-Impfstoffe in Hannover.
Sobald der genaue Standort bekannt geworden war, kam es zu massiven Protesten von Seiten der Tierbefreiungsbewegung, u.a. zu einer Besetzung des Baugeländes. Nun wurde eine Aktivistin, der vorgeworfen worden war, das Baugelände zusammen mit anderen Menschen besetzt zu haben, wegen „Hausfriedensbruch“ verurteilt; sie muss ab dem 4. Januar 2013 eine 20tägige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hildesheim antreten.
20 Tage Haft für eine Aktivistin, weil sie Widerstand geleistet hat gegen einen Konzern, der mit seinem seit Ende September 2012 offiziell eröffneten Versuchslabor nun auf grausame Weise auf die Optimierung der Massentierhaltung hinarbeitet.
Wo sich kilometerlange Straßen quer durch den Amazonasregenwald ziehen, um etwa das Soja, das als Futtermittel in der Tierhaltung verwendet wird, zu transportieren, wo Lebensräume vernichtet, die Umwelt vergiftet und Lebewesen nur als verbrauchbare Ressource angesehen werden, dort muss es Widerstand geben! Und wo ein Mensch die verheerenden Folgen von Tierausbeutung und Umweltzerstörung aufzeigt und deswegen ins Gefängnis gesperrt wird, muss es Solidarität geben!

Vor dem Haftantritt am 4. Januar 2013 wird es in Hannover ab 12 Uhr eine Aktion geben.
Mehr Informationen: boehringerbesetzung.blogsport.de.

Schreibt der Gefangenen:

Isabell Jahnke
JVA Vechta für Frauen
Abteilung Hildesheim
Godehardsplatz 7
31134 Hildesheim

  1. Boehringer kommt nicht nach Reutlingen, „Schwäbisches Tagblatt“, 12.10.2007. Als Gründe gab das Unternehmen u.a. „das politische Umfeld, die öffentliche Akzeptanz“ an.[zurück]

SPD knickt vor Tierexperimentatoren-Lobby ein


Im Gespräch: (von links) Hans-Peter Thier vom Hertie Institut, Uni-Rektor Bernd Engler, SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender Claus Schmiedel und die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid. Foto: Martin Schreier, GEA. Das Fotografieren der Affen ist nicht erlaubt: Professor Thier befürchtet, dass die Tiere „in einem unglücklichen Moment abgelichtet“ würden und so „ein falsches Bild“ entstünde.

Wie der Reutlinger Generalanzeiger heute berichtet, knickt die baden-württembergische SPD vor der Tierexperimentatoren-Lobby ein und bricht den Koalitionsvertrag mit den Grünen. Damit rückt ein im Wahlprogramm der Grünen versprochenes Ende der Affenversuche noch weiter in die Ferne.
Nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, einem der drei Institute, an denen Versuche mit Primaten durchgeführt werden, sagte Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag: „Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt“. Wo Versuche mit Primaten „unerlässlich“ seien, müssten sie durchgeführt werden.
Weiter heißt es im Artikel:

Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Wie sensibel und kontrovers das Thema Tierversuche ist, zeigt sich auch im Kleinen. Fotografieren ist dort nicht erlaubt. Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.
Allerdings bekamen die Politiker ohnehin kaum Tiere zu sehen – und wenn, nur aus größerer Entfernung durch ein kleines Fenster in einer Tür.
Angesprochen auf den Koalitionsvertrag zitiert SPD-Mann Schmiedel lediglich, dass darin vereinbart wurde, die Zahl der Tierversuche zu verringern. Doch das ist nicht alles. Die Vereinbarung, sich »für ein Verbandsklagerecht für staatlich anerkannte Tierschutzverbände« einzusetzen, lässt er unerwähnt, obwohl gerade das Verbandsklagerecht der zentrale Anlass für das Gespräch mit den Wissenschaftlern war. […] Die Tübinger Universität sei nicht zuletzt wegen der auf Tierversuchen basierenden Forschung zur Excellenz-Uni aufgestiegen. In der Universitätsstadt arbeiten etwa 200 bis 300 Forscher in vier Institutionen (am Max Planck Institut für biologische Kybernetik, im Fachbereich Biologie der Universität, am Hertie Institut sowie im Zentrum für Integrative Neurowissenschaften) mit 60 bis 80 Primaten. Für Wissenschaftler, deren Arbeit von Tierversuchen abhängt, ist die mögliche Einführung des Verbandsklagerechts also ein bedrohliches Szenario.
Thier hält ein Verbandsklagerecht für unnötig. Sonst entstünde ein zu hoher bürokratischer Aufwand. Tierversuche durchliefen jetzt schon ein langes Genehmigungsverfahren, in das auch eine Ethikkommission einbezogen sei.
Der Ansicht ist auch SPD-Mann Schmiedel. Seine Sorge ist, dass die Grünen als Koalitionspartner dem Thema zu einseitig und dogmatisch gegenüberstünden. Deshalb will er mit ihnen erneut das Gespräch suchen.

Zum Artikel: Reutlinger Generalanzeiger: SPD unterstützt Tierversuche

Zensur für Zinser?!

Das „Schwäbische Tagblatt“ hat zum ersten Mal einen Leserbrief von uns veröffentlicht, in dem Mode Zinser, ein großer Anzeigenkunde der Zeitung, als das Hauptziel der Tübinger Anti-Pelz-Aktivitäten benannt wird. In der Vergangenheit waren solche Leserbriefe abgelehnt worden (zur Vorgeschichte: „Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser, Mode Zinser „ermittelt“ gegen Tierrechtsverein). Unser Brief wurde diesmal zwar abgedruckt, allerdings wesentlich gekürzt. Die gekürzte Passage lautete: „Bereits damals betrieb das TAGBLATT ‚Zensur für Zinser‘: Es ließ den großen Anzeigenkunden in den Berichten unerwähnt und weigerte sich, Leserbriefe, in denen Zinser genannt wurde, abzudrucken. Pflicht kritischer Journalisten wäre es, den Machenschaften der Zinser-Gruppe nachzugehen: Als der Verein Tübingen für Tiere e.V. regelmäßig Protestaktionen vor der Tübinger Filiale des Modehauses veranstaltete und Zinser offenbar keinen Erfolg darin hatte, diese Aktionen auf dem rechtlichen Weg zu unterbinden, griff das Unternehmen zu drastischeren Mitteln: Es gab Droh-Anrufe bei Mitgliedern des Vereins, in denen Sätze fielen wie ‚Wer uns kaputt macht, den machen wir kaputt!‘, ‚Wir ermitteln gegen Sie‘ und ‚Weiß Ihr Arbeitgeber davon?‘. Kein Wort davon im TAGBLATT!“

Der schwäbische ArbeiterInnenwiderstand gegen Hitler und die Nazis

Es scheint erstaunlich, warum in der BRD gerade das Unterkapitel „Widerstand gegen das Nazi-Regime” im Oberthema „deutscher Faschismus“ so vernachlässigt wird. Außer dem Wehrmachtsoffizier Graf von Stauffenberg, der eher als Verschwörer denn als Widerstandskämpfer gewertet werden kann, und den heldenhaften, jedoch vergleichsweise harmlosen WiderständlerInnen Sophie und Hans Scholl sind der Allgemeinheit kaum Widerstandskämpferinnen oder Widerstandskämpfer bekannt. Bei der Beschäftigung mit dem Mössinger Arbeiteraufstand gegen die sog. „Machtergreifung“1 1933, wie bei der vom Talheimer Verlag organisierten Veranstaltung im Bürgerhaus Nehrens am 23. November, kommt diese Frage zutage und wird zumindest teilweise beantwortet.

Der gefüllte Mehrzweckraum im Bürgerhaus Nehren.

Der Raum ist brechend voll. Das Publikum ist großteils über 40, jedoch sind Senioren ebenso selten wie junge Erwachsene. An diesem Freitagabend wird hier lokale Geschichte aufgearbeitet, die trotz ihrer bundesweiten Bedeutung selten vorgetragen wurde. Die Veranstaltung trägt den Titel Des gfällt mr heut‘ no! – Rotes Nehren und der Mössinger Generalstreik und konzentriert sich auf die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner von Nehren beim Arbeiteraufstand der Nachbarstadt Mössingen gegen das Nazi-Regime. Sie ist Teil einer Veranstaltungsreihe des Talheimer Verlags zum Anlass des 80. Jubiläums des Aufstandes im kommenden Januar.

Der Demonstrationszug in Mössingen.

Am 31. Januar 1933 nämlich, am Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, folgten im Städtchen Mössingen bei Tübingen die Arbeiterinnen und Arbeiter dem Aufruf zum Generalstreik und legten die Arbeit nieder. Auch die Nehrener Arbeiterinnen und Arbeiter – Nehren verfügte wie Mössingen über eine gewisse Industrie und somit über ein Proletariat –, schlossen sich ihren Mössinger Genossinnen und Genossen an bei deren Versuch, die Pläne der Nazis zu durchkreuzen. Leider waren das die einzigen beiden Orte, die den Generalstreik umsetzten. Warum hat der Aufruf zum Generalstreik, der damals von der KPD ausging, nirgends sonst in der Republik zu Streiks geführt? War die Mössinger Arbeiterschaft die einzige, die zu diesem Schritt wagemutig genug war? Oder hatte die KPD-Führung den Aufruf zum Generalstreik kurz vor dem geplanten Termin zurückgezogen und die ländliche Industrieregion Mössingen hatte dies nicht mitbekommen? Diese Frage konnte nie ganz geklärt werden.

Das Flugblatt der KPD, das zum Streik gegen Hitler aufruft.

Alles andere wurde auf der Veranstaltung dafür in einer Ausführlichkeit erklärt, die Geschichte für alle Anwesenden greifbar machte. Der Referent Jürgen Jonas konzentrierte sich auf die Hintergründe des „Arbeiterdorfs” Nehren, welches zwischen Mössingen und Tübingen liegt, und legte dar, wie diese ländliche Gegend durch ihre ärmlichen Verhältnisse, den hohen Anteil von ArbeiterInnen und der linken Agitation einiger lokaler, standfester Arbeiter und Handwerker zu solch einer linken Gesinnung kommen konnte. Die Gründung eines Arbeiterturnvereins, welchem ein Arbeitergesangsverein, ein Arbeiterradfahrerverein und ein Arbeiterkonsumverein folgten,2 spielten für die kulturelle Entfaltung nicht nur der 300-400 Arbeiter in diesem Ort eine wichtige Rolle. Die Vereine dienten als kulturelles Schanier zwischen dem dörflich-religiösen Traditionalismus und der Modernisierung.3 Die Vereine waren vor dem Ersten Weltkrieg sozialdemokratisch geprägt und danach – zum „Vaterlandskrieg“ mobilisierte auch die SPD – änderte sich diese Gesinnung über die Zuwendung zur USPD hin zu einer kommunistischen Weltanschauung.

Turnübung vor der Halle des Vereins.

Als der Arbeiterturnverein dann schließlich eine Turnhalle baute, welche fortan auch für politische Veranstaltungen genutzt wurde, half das ganze Dorf mit. Die Vereine traten auch zu politischen Veranstaltungen im Vorprogramm auf. Der ideologische Gegenspieler war zu dieser Zeit vor allem die Kirche, welche die ArbeiterInnen zum Erdulden der Zustände drängte und deren Selbstorganisation und Politisierung misstrauisch beobachtete. Trotz dieser Gegensätze blieb die dörfliche Vertraulichkeit bestehen: Der Pfaffe wie der kommunistische Arbeiterführer kannten sich von Kindheit an.

Der Arbeiterturnverein Nehrens.

Als schließlich die Nachricht aus der nächstgelegenen Industriestadt Reutlingen kam, die KPD hätte zum Generalstreik aufgerufen, schwang sich der Mössinger KPD-Vorstand auf sein Fahrrad, um sich dieser Botschaft zu vergewissern. Am Abend der Machtübergabe beschlossen die KPD Mössingen gemeinsam mit der örtlichen Antifaschistischen Aktion (eine Vereinigung von KommunistInnen, SozialdemokratInnen und anderen, die sich zum Kampf gegen die Nazis zusammengeschlossen hatten) den Generalstreik in Mössingen. Auch im benachbarten Arbeiterdorf Nehren wurde der Beschluss mitgeteilt. So legten am Folgetag in Mössingen mehrere hundert ArbeiterInnen und HandwerkerInnen ihre Arbeit nieder und demonstrierten in der Stadt. Ein Zug aus Nehren schloss sich an, sowie die ArbeiterInnen von Betrieben, die vom Demonstrationszug besucht wurden. Der Mössinger Textildruckbetrieb Pausa gab seinen ArbeiterInnen frei, da die jüdischen Besitzer ebenfalls an der Verhinderung der Machtübergabe an Hitler interessiert waren.4 Am Nachmittag zogen also über 1500 ArbeiterInnen und HandwerkerInnen durch die Straßen. Der Zug wurde erst am späten Nachmittag von einem polizeilichen Überfallkommando aus Reutlingen aufgelöst. Die TeilnehmerInnen wussten noch nicht, dass Mössingen und Nehren die einzigen Orte in der ganzen Republik waren, die dem Aufruf zum Generalstreik gefolgt waren.

Die jüdischen Gründer und Besitzer des Textildruckbetriebs Pausa: Felix und Arthur Löwenstein.

Am Folgetag wurden viele StreikteilnehmerInnen auch in Nehren auf dem Weg zur Arbeit am Fabriktor von ihren Vorgesetzen abgefangen, fristlos gekündigt und nach Hause geschickt: „Gang hoim, dein Vater soll dii verhalta!” Die Repression war hart, aber im Vergleich zu dem Vorgehen der Nazis später milde. Die Streikenden wurden zusätzlich zur Kündigung zu Gefängnis zwischen drei Monaten und drei Jahren verurteilt. Es wurden auch Frauen verurteilt, was zeigt, dass der Widerstand keine reine Männersache war. Da die FabrikarbeiterInnen Nehrens häufig „Feierabendlandwirte” waren, mussten diejenigen, die nach einer Verhaftung verblieben waren, alleine die Landwirtschaft aufrecht erhalten. Ihr „Stückle” (Stück Landgut) rettete aber viele der entlassenen ArbeiterInnen nach dem Gefängnisaufenthalt. Wer kein Land hatte, war auf die damals nicht unübliche Solidarität von arbeitenden Genossen und Genossinnen angewiesen. Allerdings starben viele der politisch aktiven Arbeiter, wie allgemein ein großer Teil der männlichen Bevölkerung, später als Soldaten im Krieg.

Der eigentliche Skandal, den der Talheimer Verlag mit dieser Veranstaltungsreihe aufdeckte, ist der Umgang mit dem Generalstreik nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Aufstand wurde vom politischen Mainstream in der neu entstandenen BRD keineswegs gewürdigt. Es gab keine Unterstützung zu dessen Bekanntmachung, keine Fördermittel zur Aufarbeitung. Der Streik wird in keinem Schulbuch erwähnt und selbst die Schülerinnen und Schüler Mössingens und Nehrens lernen heute noch diesen Teil ihrer Geschichte nur, wenn ihr Lehrer oder ihre Lehrerin zufällig davon weiß und ein Interesse an der Weitergabe hat.5
Warum das so ist, wurde bei der Rede des bei der Vernanstaltung anwesenden Bürgermeisters Nehrens, dem parteilosen Egon Betz, beispielhaft deutlich. Dieser erklärte – mit zahlreichen Schmeicheleien den damals Streikenden gegenüber versetzt –, der Umstand des Verschweigens des Aufstandes dürfe nicht mit den Kategorien Gut und Böse oder Schwarz und Weiß dargestellt werden – schließlich seien die Streikenden, wenn Stalinismus und Kommunismus gleichgesetzt würden, ja auch nicht für eine gute Sache eingetreten. Dabei verwischte er in der typischen Art konservativer Ideologen die Gegensätze zwischen Faschismus und linken, demokratischen und sozialistischen Bewegungen und Ideen: Es wird so getan, als hätte ein konsequenter Generalstreik in der ganzen Republik nicht das Leben von über 60 Millionen Menschen (va. Weltkriegs- und Holocaustopfer) retten können und als sei der Autoritarismus, der sich in der UdSSR entwickelte, ein dem Kommunismus notwendig innewohnendes Element. Mit Hilfe dieser Konstruktion konnte in der neu entstandenen Bundsrepublik Deutschland der Großteil der aktiven Nazis weiterhin Karriere machen, während die linken WiderständlerInnen ausgegrenzt wurden. Die West-Besatzer ließen dies zu, erstens um im Kalten Krieg das bessere Humankapital gegenüber der Ost-Besatzungszone zu haben und zweitens, weil eine antikommunistische Stimmung in ihrem Interesse war.
Deshalb wird der Widerstand gegen die Nazis, den linke KämpferInnen leisteten, in der BRD vernachlässigt: Anstelle des kommunistisch orientierten Handwerkers Georg Elser wird General von Stauffenberg zur Ikone des Widerstands stilisiert, obwohl letztgenannter die längste Zeit aktiv für die Sache der Nazis gearbeitet hatte und deren rassistische Vorstellungen vertrat. Anstelle des Widerstands der Arbeiterjugend „Edelweißpiraten”, die im körperlichen Kampf den Anfängen der Nazi-Bewegung entgegentrat, oder des im Untergrund gegen die Nazis kämpfenden vegetarischen Internationalen Sozialistischen Kampfbunds (ISK)6 wird lediglich der hoffnungslose Widerstand der Weißen Rose geehrt. Die Botschaft ist klar und wird sogar in der autonomen Szene von den sog. „Antideutschen“ immer wieder reproduziert: Die Verbrechen hätten nicht die Nazis und deren konservative Verbündete begangen, denen Linke sich entgegenstellten, sondern das ganze „deutsche Volk”. Diese Kollektivschuld soll einerseits verhindern, die Geschichte nach Pro-Faschisten und Anti-Faschisten zu durchstöbern und uns andererseits heute mahnen, uns nicht politisch zu radikalisieren, sondern uns demütig politisch passiv zu verhalten.

ISK-Gründer Leonard Nelson starb schon 1927.

Die Botschaft der noch lebenden Teilnehmer des Generalstreiks ist aber eine ganz andere. Im Rahmen der Veranstaltung wurde die Fernsehdokumentation Da ist nirgens nichts gewesen außer hier, die 1982 vom SWR produziert wurde, gezeigt. Im Film sagt ein gealterter Streikteilnehmer auf die Frage des Reporters hin, ob er wieder bei einem solchen Streik teilnehmen würde: „Do bin I dabei, nommol zom demonschriera, aktiv.” Ein anderer bestätigt: „Des gfällt mr heut no, wenn I do dra denk.”

Das Deckblatt des zentralen Werkes dieser Veranstaltungsreihe.

Das zentrale Werk, welches bei der Veranstaltung vorgestellt wurde, ist das Buch Da ist nirgens nichts gewesen außer hier aus den 1970ern, welches der Talheimer Verlag in diesem Jahr neu herausbrachte. Das Buch zeigt auf 353 Seiten die lokale Geschichte bezüglich des Generalstreikts mit der Vorgeschichte und den Folgen mit vielen Bildern und Originaldokumenten auf.
Aber auch die Bücher des Hechinger Arztes, Autors und Politaktivisten Friedrich Wolf waren ausgestellt. Wolf, der im benachbarten Hechingen praktizierte, war vor allem durch sein Hauptwerk Die Natur als Arzt und Helfer (1928) für die ärmlichen Arbeiterinnen und Arbeiter wichtig. Er versuchte nicht nur durch Naturheil-Methoden und eine vegetarisch Ernährungsweise die ArbeiterInnen zu unterstützen, gesund zu halten und zu heilen, sondern politisierte auch in einer Theatergruppe im Rahmen von zahlreichen Auftritten die lokale Bevölkerung. Beim Streik spielte Wolf als Hechinger aber nur als Randfigur eine Rolle, auch wenn sein Name beim Vortrag mehrmals fiel.

Arzt, Kommunist und Vegetarier: Friedrich Wolf praktizierte in Hechingen.

Zahlreiche schwäbische Zitate, die der nicht-schwäbische Referent Jonas mit hörbarem hochdeutschen Akzent vortrug, sowie einige Anekdoten rückten die damalige Situation in der hiesigen Region in greifbare Nähe. So berichtete Jonas, wie ein Polizist den Nehrener Streikführer besonders bestrafte, als dieser sich weigerte, in einen Kamin zehnmal zu rufen „I be koin Kommunischd”. Eine weitere Anekdote beschrieb, wie zwei Dorfbewohner nach dem Krieg versuchten, Mitglieder für die neu gegründete CDU zu werben. Diese gingen von Tür zu Tür und warben für ihre neue Partei auf christlicher Basis. Als sie an der Tür eines Streikteilnehmers ankamen, rief dieser durchs Fenster aus dem ersten Stock: „I bee Kommunischd ond I bleibs au, aber ihr kennad hoch komma ond an Moschd hau.” Die zwei stiegen die Treppen hoch, und mit dem Most war die Werbetour für diesen Tag beendet.

An den 78. Jahrestag des Mössinger Generalstreiks erinnerten Unbekannte in Mössingen mit einer Plakat-Aktion.

Im Rahmen einer antifaschistischen Erinnerung an den 8. Mai 1945 haben im letzten Jahr außerdem Unbekannte an verschiedenen Stellen in Tübingen rote Fahnen angebracht, wie sie auch vor 66 Jahren von der Roten Armee als Symbol der Freiheit und des Friedens auf dem Reichstag in Berlin gehisst wurden. Außerdem nahmen sie den Tag der Befreiung zum Anlass, um an Friedrich Wolf zu erinnern: „Auch die beiden Statuen vor der Neuen Aula hielten am Tag der Befreiung die rote Fahne hoch. Mit diesen Statuen hat es eine besondere Bewandtnis: Sie stellen den jungen Friedrich Wolf (1888-1953) dar. Als Medizinstudent in Tübingen war er, um sich etwas dazu zu verdienen, Modell für anatomische Aktzeichnungen gestanden, nach denen die Statuen gestaltet wurden. […] Deshalb haben wir Friedrich Wolf am Tag der Befreiung nicht nur noch einmal die rote Fahne tragen lassen, sondern auch am Sockel der Statuen Plaketten angebracht, die an ihn erinnern, mit der Aufschrift: Friedrich Wolf (1888-1953) – Schriftsteller, Arzt, Kommunist und Antifaschist.“

Friedrich Wolf beim Modell-Stehen. Aus: Friedrich Wolf: Die Natur als Arzt und Helfer (1928).

Veranstaltungshinweise:

Die nächste Veranstaltung in der Reihe findet am 30. Januar 2013 um 20 Uhr in der Osianderschen Buchhandlung Wilhelmstraße Tübingen statt: „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ Das Buch zum Mössinger Generalstreik 1933 gegen Hitler. Mit den Herausgebern Prof. Dr. Bernd Jürgen Warneken und Dr. Hermann Berner.

Am 31. Januar 2013 findet in der Langgass-Turnhalle Mössingen um 19 Uhr die offizielle Gedenkveranstaltung 80 Jahre Mössinger Generalstreik statt – mit einer Rede des Oberbügermeisters und einem Vortrag von Prof. Ewald Frie, dem Direktor des Seminars für Neuere Geschichte der Universität Tübingen.

Am 1. Februar schließlich findet in der Kulturscheune Mössingen ebenfalls um 19 Uhr eine Veranstaltung statt, mit dem Titel Das Recht des NS-Staates ist Unrecht – Warum die Verurteilung der Generalstreik-Teilnehmer nicht rechtsmäßig ist – mit einem Vortrag des Landgerichtspräsidenten in Ruhestand Hans-Ernst Böttcher und einer musikalischen Umrahmung vom Ernst-Bloch-Chor.

  1. Da der sonst verwendete Begriff „Machtergreifung“ unpräzise ist und suggeriert, Hitler hätte die Macht den anderen politischen Akteuren entrissen, wird geraten, den Begriff Machtübergabe zu verwenden. Immerhin konnte Hitler nur in Koalition mit den konservativen Parteien an die Macht gelangen und wurde vom Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler vereidigt. Zusätzlich hatten Vertreter der Industrie hatten diesen in einem Brief darum gebeten. [zurück]
  2. Der letztgenannte Verein ermöglichte den Arbeiterinnen und Arbeitern ein günstiges gemeinsames Einkaufen und würde heute vielleicht als „Food-Coop“ durchgehen. [zurück]
  3. Bernd Jürgen Warneken, Hermann Berner: Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das rote Mössingen und der Arbeiteraufstand gegen Hitler. Die Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes, Talheimer Verlag 2012. [zurück]
  4. Der Mössinger Textildruckbetrieb Pausa AG wurde 1919 von den Stuttgarter Unternehmern Arthur und Felix Löwenstein gegründet. 1936 wurde er durch die Nazis „arisiert“, d.h. die Gründer und Besitzer des Betriebs wurden, weil sie jüdisch waren, zum Verkauf des Betriebs an einen nicht-jüdischen Deutschen gezwungen. Die Löwensteins flohen nach England. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aber nicht die Familie Löwenstein geehrt und rehabilitiert, sondern der durch die Nazis zum Besitz gelangte ‚nicht-jüdische‘ Deutsche wurde zum Namensgeber einer Straße Nehrens und zu dessen Ehrenbürger ernannt. Diese weitere Beispiel für den Umgang der BRD mit ihrem Nazi-Erbe wird unter anderem von der Initiative Löwenstein thematisiert. Informationen über Arisierung und Flucht finden sich bei der Ernst-Bloch-Gesellschaft. [zurück]
  5. In der DDR gab es immerhin minimale Ehrung der Streikenden in der Geschichtsschreibung, auch wenn die Akteure selbst auch in der DDR keine Unterstützung erfuhren. [zurück]
  6. Zu den organisiertesten Formen des Widerstands können die Aktionen des ISK gezählt werden, der nicht nur den Frauenkampf aufwertete, sondern auch Tierrechte forderte. Die Mitglieder mussten VegetarierInnen sein; den Widerstand gegen das Nazi-Regime koodinierten und finanzierten sie mithilfe eines Netzes vegetarischer Wirtshäuser, die als „bürgerliche Tarnung“ dienten. Sie waren auf die Machtübergabe der Nazis besser vorbereitet als die KPD und SPD – so hatten sie etwa ihre Mitgliederlisten rechtzeitig vernichtet – und waren noch bis 1938 gegen die Nazis handlungsfähig. Der ISK rettete viele Menschen, indem er sie über die Grenzen ins Ausland schmuggelte. Zu ihren Aktionen gehörten Sabotageakte, Flugblattaktionen und der Versuch der Gründung einer klandestinen Gewerkschaft. Entwickelt hatte sich der ISK aus dem Internationalen Sozialistischen Jugendbund (ISB), der wie der ISK von Leonard Nelson und Minna Specht gegründet, und auch von Personen wie Albert Einstein unterstützt wurde. [zurück]

ChocolART bleibt unfair

Unser Leserbrief zum Thema im „Schwäbischen Tagblatt“: Zur ChocolART in Tübingen: Kinder in Plantagen.

ND-Hintergrundartikel zum Thema: Bitterer Nachgeschmack – Schokolade, Nahrungsmittel und Luxusgut, ist bis heute Produkt der brutalen Ausbeutung von Mensch und Natur.

Derzeit findet in Tübingen zum siebten Mal die ChocolART, „Deutschlands größtes Schokoladenfest“, statt. Dieses Mal wurde der faire Handel zum Motto des Festivals erhoben. „Schokomarkt mir Fair-Appeal“ titelt deshalb heute das „Schwäbische Tagblatt“ – so falsch die Überschrift, so heuchlerisch der Inhalt: Vom „hohen Anteil von Ständen mit Fairtrade-Zeichen“ ist im Artikel die Rede; wie hoch dieser Anteil wirklich ist, wird wohlweislich verschwiegen. Auf Nachfrage bei der Veranstalterin, der „Tübingen erleben GmbH“ erfährt man: Es sind lediglich zwölf von hundert! Und was wird beim Festival überhaupt gefeiert? Die Geschichte des Kakaos ist fast untrennbar mit Sklaverei verbunden – bis heute: In den Produktionsketten einiger der beliebtesten Schokoladen finden sich in gewissen Gliedern Kinderraub, Gefangenschaft, Krankheit und Tod.

Der Ursprung verarbeiteten Kakaos liegt bei den Olmeken der Tieflandwälder des südlichen Mexiko. Ursprünglich kakawa ausgesprochen, gehörte das Wort bereits ein Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung auf dem Höhepunkt der olmekischen Kultur zu deren Sprache. Von den Olmeken übernahmen die Maya das Wort. Sie feierten zu Ehren von Ek Chuah, dem Gott der Kaufleute und der Kakaopflanze, im April ein Fest, das das Opfern von Tieren und das Verteilen von Geschenken beinhaltete. Wie bei den Maya, so war auch in der Kultur der Azteken Schokolade den herrschenden Schichten vorbehalten. Das Kakaogetränk bildete den krönenden Abschluss eines Mahls und wurde zusammen mit Rauchtabakröhrchen serviert. Der Konquistador Hernán Cortés berichtet, dass der aztekische König Montezuma kakaohaltige Getränke in großer Menge zu sich genommen habe.
Ethnohistorischen Quellen lässt sich entnehmen, dass es unter den späten postklassischen Maya und unter den Azteken starke symbolische Assoziationen zwischen Schokolade und Blut gab – eine gedankliche Verbindung, die auch nach 1521 und bis heute stimmig geblieben ist…


Bei den Azteken stand das Wort für die Kakaofrucht auch für das herausgerissene Herz bei der Opferhandlung.

Man weiß nicht, wie viele Menschen im Aztekenreich am Vorabend der Conquista lebten – Schätzungen zufolge lebten allein in Zentralmexiko 10 bis 11 Millionen Menschen. Ganz so barbarisch, wie sie lange Zeit über dargestellt worden sind, waren die Azteken, oder die Mexika – wie sie sich meistens selber nannten –, nicht. Diese Sichtweise ergab sich daraus, dass die Wissenschaft den Darstellungen der Konquistadoren folgte, die bemüht waren, ihre Invasion und die Jahrhunderte der Unterdrückung und des Völkermords zu rechtfertigen. Es handelte sich allerdings um eine aristokratische, streng hierarchische Klassengesellschaft, in der die Masse der Besitzlosen für die Herrschenden, denen alles gehörte, lebte. Der Chronist Francisco Cervantes de Salazar berichtet, dass das Kakao-Magazin der Schatzkammer von Motecuhzoma Xocoyotzin („Montezuma“) 40.000 Traglasten, also etwa 960.000 Bohnen barg – die Kakaobohne diente in den mittelamerikanischen Kulturen als Zahlungsmittel. Der Plünderer Pedro de Alvarado soll in einer Nacht 43.200.000 Bohnen erbeutet haben, was nicht einmal ein Zwanzigstel des kaiserlichen Kakaobestands ausgemacht haben soll.
Aus einem 1545 verfassten Dokument geht hervor: Eine Truthenne ist „100 dicke Kakaobohnen wert oder 120 geschrumpfte“, ein Truthahn 200, ein kleines Kaninchen 30, ein Truthennenei oder ein in Maishülsen gewickelter Fisch drei. Kakaobohnen wurden auch gefälscht: In Wasser gequollen, damit sie dicker wurden, angemalt, damit sie die Farbe der besten Sorten vorspiegelten; oder es wurde in Kakaoschalen eine Masse gefüllt, die dem Kern ähnlich sah. Jedesmal, wenn ein Azteke einen Schluck Schokolade aus den mit leuchtenden Farben bemalten Kürbisschälchen trank, in denen sie serviert wurde, trank er, wenn man so will, echtes Geld.

Diego M. Rivera (1886-1957): Cortés Landung in Veracruz (Ausschnitt).

Von der ersten Invasion Yucatáns (1517) und der Eroberung Mexikos (1519) an brauchten die Spanier nicht lange, bis sie die Bedeutung der Kakaobohnen als Zahlungsmittel in der Wirtschaft dieser Länder erfasst und sich zunutze gemacht hatten. Das Getränk verabscheuten sie zunächst. Girolamo Benzoni schrieb in seiner Storia des Mondo Nuovo (1575) über die Schokolade: „Sie schien eher ein Getränk für Schweine zu sein als für die Menschheit.“
Auch die englischen Piraten, die in der zweiten Hälfte des 16. Jh. unter dem Kaperbrief Elisabeths I. segelten, Jagd auf spanische Schiffe machten und die spanischen Häfen terrorisieren, hatten kein Interesse an den Bohnen – jedenfalls wird berichtet, dass englische Seeräuber 1579 achtlos eine ganze Schiffsladung der Bohnen verbrannten, weil sie sie für Schafsmist hielten. 1655 eroberten Cromwells Truppen die Insel Jamaika, die bis dahin in spanischer Hand gewesen war. Dort gediehen bereits die Kakaoplantagen, und so wurde Jamaika von diesem Jahr an Englands Haupt-Schokolade-Lieferant. Schon 1657 warb ein Unternehmer in einer englischen Zeitung für Schokolade. Im restlichen Europa war die Schokolade, bis sie im Zuge der Industrialisierung Massenware wurde, strikt dem Adel vorbehalten.
In der „Neuen Welt“ hatten gegen Ende des 17. Jahrhunderts nur etwa zehn Prozent der ursprünglichen indianischen Bevölkerung das Massensterben, das der Conquista folgte, überlebt. Es handelte sich um die größte demographische Katastrophe der Menschheitsgeschichte, im Zuge derer alle eingeborenen Völkern der westlichen Hemisphäre von Krankheiten aus der Alten Welt überfallen wurden, gegen die sie nicht die geringste Resistenz hatten. Die Misshandlung durch die Spanier in ihren neu errichteten Minen, Plantagen und Viehfarmen tat ein übriges.
Anfangs versuchten die Konquistadoren die Indianer von Soconusco – eine weite pazifische Tiefebene, die sich vom Isthmus von Tehuantepec bis hinunter zum Grenzgebiet Guatemalas und El Salvadors erstreckt und lange Zeit Heimat des besten Kakaos der Welt war – als Sklaven zu halten. Ein Sklave wurde mit zwei Goldpesos bewertet, eine Traglast Kakao mit zehn, ein Schwein mit 20.
Doch am 29. Mai 1537 veröffentlichte Papst Paul III. die Bulle Sublimis Deus. Darin heißt es, die Indianer seien als veri homines, also als „wahre Menschen“, befähigt, den christlichen Glauben anzunehmen und dürften nicht „wie Tiere“ zum Sklavendienst eingespannt werden. So wurden in den darauffolgenden drei Jahrhunderten Menschen aus Schwarzafrika als Sklaven und Sklavinnen in die Neue Welt verschleppt – deren Versklavung war durch die Theologie legitimiert: Als ihr Stammvater galt der biblische Ham, dessen Nachkommen, wie es im ersten Buch Moses heißt, durch Noah verflucht sind. Über Hams Sohn heißt es dort: „Verflucht sei Kanaan. Der niedrigste Knecht sei er seinen Brüdern“ (Gen. 9,25).


Teil eines Mahnmals gegen den Sklavenhandel auf Sansibar. Nicht für alle AfrikanerInnen ist die Zeit der Sklaverei Vergangenheit.

Am Sklavenhandel beteiligten sich auch Spaniens Rivalen Frankreich und Portugal sowie die protestantischen Länder England, Holland und Dänemark. Deren Sklavenschiffe transportierten Manufakturwaren zu afrikanischen Sklavendepots, dort wurden diese Güter gegen die menschliche Fracht eingetauscht und zu den Zucker-, Kakao-, Indigo- und Tabakplantagen der Neuen Welt befördert; die Erträge dieser Plantagen wurden dann wieder zum Mutterland zurückgebracht und dort verkauft.
In Frankreich wurde die Sklaverei im Jahr 1817 offiziell verboten – in Nantes, von wo aus die Hälfte der französischen Sklavenschiffe ausliefen, wurde allerdings heimlich noch weitere 20 Jahre Handel mit Sklaven betrieben.
Leider ist die Zeit der Sklaverei noch heute nicht für alle AfrikanerInnen Vergangenheit. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge arbeiten ca. 200.000 bis 250.000 Kindersklaven auf den Kakao-Plantagen Westafrikas. Über 60 Prozent der arbeitenden Kinder sind unter 14 Jahre alt.

Nach entsprechenden Medienberichten geriet die Schokoladeindustrie zunächst unter Druck. In den USA wurde ein Gesetzesentwurf diskutiert, der Unternehmen, deren Schokolade nachweislich ohne Zwangsarbeit produziert wird, erlaubt hätte, ein entsprechendes Label auf ihren Produkten anzubringen. Um ein solches Label zu verhindern, stimmte die Industrie im Jahr 2001 dem sogenannten Harkin-Engel-Protokoll zu. Dieses gewährte Produzenten, Regierungen und lokalen Farmern vier Jahre Zeit, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit, Kinderhandel und Zwangsarbeit für Erwachsene auf den Kakaofarmen in der Elfenbeinküste und Ghana zu beenden. 2005 aber bat die Industrie um eine Fristverlängerung bis im Sommer 2008. Bis im Juni 2008 war jedoch nach wie vor nicht viel geschehen, also wurde die Frist für die Erfüllung der Ziele noch einmal verlängert, bis Ende 2010. Geschehen ist aber bis heute nichts. Die unabhängige entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern urteilt: „Die Industrie versteckt sich hinter mitfinanzierten Pilotprojekten, deren Ziel es ist, die Praktiken der Bauern zu ändern, ohne dass sie ihre eigenen ändern.“


„Auch die Kinder, die gezwungen sind auf Kakaoplantagen zu arbeiten, zählen die Tage.“ Plakat von „STOP THE TRAFFIK“, einer Organisation gegen Menschenhandel.

Schokolade wurde erst mit der Einführung der Milchschokolade zur Massenware. Diese wurde 1839 in Dresden entwickelt. Doch bald schon galt die Schweiz als Land der Schokolade schlechthin, was daran lag, dass die Industrie dort eine massive Werbekampagne startete, die Schokolade mit Alpenglühen und Kuhweiden assoziierte: „Die Marketingstrategen griffen auf das Image der Schweiz als Hort freier und unverdorbener Hirten zurück. Zugleich wurde das Exportprodukt Milchschokolade zu einem Element der nationalen Identität stilisiert, der dunkle bittere Rohstoff sozusagen in gebleichter süsser Gestalt akkulturiert. Schokolade schien – und scheint noch heute – vor allem aus Milch zu bestehen“, schrieb Urs Hafner in einem Artikel über das Thema in der NZZ.
Doch im Land der lila ,,Schokladen-Kuh“ sieht die Realität traurig aus: Neun von zehn Schweizer Kühen verbringen ihr Leben angebunden. In Deutschland sehen 40 Prozent der Kühe in ihrem Leben niemals die Weide. Einer durchschnittlichen europäischen Kuh müssen zwei Quadratmeter Lebensraum genügen.

Die heutige Milchkuh ist eine Qualzucht. Ihre Milchleistung wurde von 1.500 Liter pro Jahr (1950) auf 6.000 Liter pro Jahr (1990), mittlerweile auf 10.000 Liter pro Jahr gesteigert. Für das Tier bedeutet das ständige Schmerzen durch ein Euter, das zehnmal mehr Milch enthält, als ein Kalb benötigen würde.
Durch die Haltung auf Spaltenböden erkranken die Tiere häufig an den Klauen. Auch Rückenschäden sind keine Seltenheit, denn die Wirbelsäule der Kühe ist der Milchlast nicht gewachsen. Durch das übergroße Euter entstandene Entzündungen (Mastitis) und andere Krankheiten werden mit Antibiotika bekämpft, deren Rückstände sich in der Milch befinden.
Ab dem zweiten Lebensjahr beginnt für die Kuh die Dauerschwangerschaft. Nach der künstlichen Besamung trägt sie neun Monate lang ihr Kalb aus. In dieser Zeit stellen sich Körper und Seele auf den Nachwuchs ein. Es muss unvorstellbar grausam für die Mutter sein, wenn ihr, in der Regel zwei Tage nach der Geburt, das Kalb entrissen wird: Das verzweifelte Rufen nacheinander ist gewiss kein Zeichen ländlicher Idylle. Das Kalb wird unter Rotlicht in eine enge Box gezwängt und mit Ersatzmilch gefüttert. Nachher wird es (meist auf Spaltenböden) mit anderen Kälbern in einen abgetrennten Raum gehalten. Die weiblichen Tiere nehmen später die Plätze ihrer Mütter ein. Weniger gesunde Tiere werden meist schon nach ein paar Tagen geschlachtet.
Die Milchproduktion weist einen regelrechten Verschleiß an Tieren auf. Unter normalen Umständen wird eine Kuh 20 Jahre alt. Durch die Überbeanspruchung ist sie nach fünf Jahren schon so „verbraucht“, dass sie „wertlos“ ist. Was sie jetzt noch von ihrem „Leben“ erwarten kann ist der Tod im Schlachthaus und der Transport dorthin. Bei etwa der Hälfte des in Deutschland produzierten Rindfleisches handelt es sich um Nebenprodukte der Milchindustrie. Die Kälber werden auch zu Pasteten und Tierfutter verarbeitet. Das Lab, ein Ferment aus ihren Mägen, verwendet man zur Käseherstellung.
Männliche Tiere und Kälber, die nicht als Milchkühe genutzt werden sollen, werden nach ein bis zwei Wochen an Mastbetriebe verkauft. In ihren Boxen liegt keine Einstreu, denn die würden sie sonst essen. Die Tiere sollen aber einen flüssigen Mastbrei trinken, der ihr Gewicht unnatürlich schnell zunehmen lässt. Die Kälber sind oft nur über quälenden Durst dazu zu bringen, den Brei zu schlucken. Nach drei bis fünf Monaten werden sie geschlachtet. Länger hätten sie diese Haltung ohnehin nicht überlebt. 170.000 Kälber, die unter drei Monaten alt sind, sterben jedes Jahr schon aufgrund dieser schlechten Haltungsbedingungen und der brutalen Behandlung auf dem Markt. – Klingt das alles etwa „fair“?

Quellen:
Sopie D. Coe, Michael D. Coe: Die wahre Geschichte der Schokolade. Aus dem Amerikanischen von Bettina Ararbanell, Frankfurt am Main 1997
Schmutzige Schokolade, ARD, 6. Oktober 2010, 23.30-00.15 Uhr
Erklärung von Bern (EvB): http://www.evb.ch/p15187.html, http://www.evb.ch/p15184.html
Deutschlands süßes Herz, MDR LexiTV
Urs Hafner: Eines Knaben unwürdig – wie die Schokolade die Geschmäcker eroberte. Ein Blick in die Geschichte der Schokolade öffnet ein Fenster in die kolonialistische Vergangenheit der Schweiz, NZZ, 19. September 2008
http://www.rageandreason.de/vegan.html#gutegruende
http://www.die-tierfreunde.de/wissen-a-z/wissen-a-z/milch.html

BekennerInnenschreiben zum Mastanlagenbrand in Meppen

Zum Mastanlagenbrand im niedersächsischen Meppen ist heute auf linksunten.indymedia ein anonymes BekennerInnenschreiben veröffentlicht worden, das wir im Folgenden zitieren:

Wir haben in der Nacht zum 22. November eine zwischen zwei Mastperioden leerstehende Hähnchenmastanlage in Klein Fullen in Brand gesetzt.
Im Kapitalismus ist fast alles eine Ware. Der Tauschwert einer Sache bestimmt was erbracht werden muss, um etwas zu bekommen. Wer was braucht, um zufrieden leben zu können, ist unwichtig.
Manche Menschen können viele Dinge als ihr Eigentum in Beschlag nehmen, die sie nicht benutzen, obwohl die dann anderen fehlen. Dinge werden nicht produziert wenn die, die sie brauchen, kein Geld haben. Wenn Dinge nicht mehr gut verkauft werden können, werden sie oft zerstört, obwohl sie gebraucht würden. Bei unrentabel hohem Angebot wird z.B. Getreide verbrannt, damit die Preise nicht sinken.
Auch Tiere werden zur Ware gemacht. „Nutztiere“ können mit minimalen Kosten am Leben erhalten und ausgebeutet werden: Maximaler Profit aus einem Lebewesen, das keinen Widerstand leisten kann. Bei der Fleischproduktion schafft erst der Tod der Tiere den Mehrwert. Bei anderen Tierprodukten ist er die ökonomische Konsequenz, sobald die Existenz von z.B. Milchkühen oder Legehennen nicht mehr maximal rentabel ist. Menschen und Tiere weden ausgebeutet und getötet. Das ist auf keinen Fall gleichsetzbar, aber in beiden Fällen abzulehnen.
Wir setzen nicht auf verbalen Austausch. Dieser ist wichtig, aber nicht genug. Die gegenwärtigen Verhältnisse sind viel destruktiver als es Brandstiftung an Sachen je sein könnte. Die Verhältnisse sind extrem miserabel für die meisten Lebewesen und müssen radikal bekämpft werden. Egal wie gut sich der Sozialstaat darstellen mag, wie viele Quadratzentimeter einem Huhn oder Schwein zur Verfügung stehen. Es ändert nichts daran, dass in den Lebewesen an sich nichts als ihr Nutzen zur Schaffung von Mehrwert gesehen wird. In der Anlage werden Hühner für Rothkötter gemästet. Rothkötter und Wiesenhof sind die größten Geflügelfleischkonzerne Deutschlands.
Es gibt noch viel mehr Anlagen, in denen Tiere gehalten werden.




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