ChocolART bleibt unfair

Unser Leserbrief zum Thema im „Schwäbischen Tagblatt“: Zur ChocolART in Tübingen: Kinder in Plantagen.

ND-Hintergrundartikel zum Thema: Bitterer Nachgeschmack – Schokolade, Nahrungsmittel und Luxusgut, ist bis heute Produkt der brutalen Ausbeutung von Mensch und Natur.

Derzeit findet in Tübingen zum siebten Mal die ChocolART, „Deutschlands größtes Schokoladenfest“, statt. Dieses Mal wurde der faire Handel zum Motto des Festivals erhoben. „Schokomarkt mir Fair-Appeal“ titelt deshalb heute das „Schwäbische Tagblatt“ – so falsch die Überschrift, so heuchlerisch der Inhalt: Vom „hohen Anteil von Ständen mit Fairtrade-Zeichen“ ist im Artikel die Rede; wie hoch dieser Anteil wirklich ist, wird wohlweislich verschwiegen. Auf Nachfrage bei der Veranstalterin, der „Tübingen erleben GmbH“ erfährt man: Es sind lediglich zwölf von hundert! Und was wird beim Festival überhaupt gefeiert? Die Geschichte des Kakaos ist fast untrennbar mit Sklaverei verbunden – bis heute: In den Produktionsketten einiger der beliebtesten Schokoladen finden sich in gewissen Gliedern Kinderraub, Gefangenschaft, Krankheit und Tod.

Der Ursprung verarbeiteten Kakaos liegt bei den Olmeken der Tieflandwälder des südlichen Mexiko. Ursprünglich kakawa ausgesprochen, gehörte das Wort bereits ein Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung auf dem Höhepunkt der olmekischen Kultur zu deren Sprache. Von den Olmeken übernahmen die Maya das Wort. Sie feierten zu Ehren von Ek Chuah, dem Gott der Kaufleute und der Kakaopflanze, im April ein Fest, das das Opfern von Tieren und das Verteilen von Geschenken beinhaltete. Wie bei den Maya, so war auch in der Kultur der Azteken Schokolade den herrschenden Schichten vorbehalten. Das Kakaogetränk bildete den krönenden Abschluss eines Mahls und wurde zusammen mit Rauchtabakröhrchen serviert. Der Konquistador Hernán Cortés berichtet, dass der aztekische König Montezuma kakaohaltige Getränke in großer Menge zu sich genommen habe.
Ethnohistorischen Quellen lässt sich entnehmen, dass es unter den späten postklassischen Maya und unter den Azteken starke symbolische Assoziationen zwischen Schokolade und Blut gab – eine gedankliche Verbindung, die auch nach 1521 und bis heute stimmig geblieben ist…


Bei den Azteken stand das Wort für die Kakaofrucht auch für das herausgerissene Herz bei der Opferhandlung.

Man weiß nicht, wie viele Menschen im Aztekenreich am Vorabend der Conquista lebten – Schätzungen zufolge lebten allein in Zentralmexiko 10 bis 11 Millionen Menschen. Ganz so barbarisch, wie sie lange Zeit über dargestellt worden sind, waren die Azteken, oder die Mexika – wie sie sich meistens selber nannten –, nicht. Diese Sichtweise ergab sich daraus, dass die Wissenschaft den Darstellungen der Konquistadoren folgte, die bemüht waren, ihre Invasion und die Jahrhunderte der Unterdrückung und des Völkermords zu rechtfertigen. Es handelte sich allerdings um eine aristokratische, streng hierarchische Klassengesellschaft, in der die Masse der Besitzlosen für die Herrschenden, denen alles gehörte, lebte. Der Chronist Francisco Cervantes de Salazar berichtet, dass das Kakao-Magazin der Schatzkammer von Motecuhzoma Xocoyotzin („Montezuma“) 40.000 Traglasten, also etwa 960.000 Bohnen barg – die Kakaobohne diente in den mittelamerikanischen Kulturen als Zahlungsmittel. Der Plünderer Pedro de Alvarado soll in einer Nacht 43.200.000 Bohnen erbeutet haben, was nicht einmal ein Zwanzigstel des kaiserlichen Kakaobestands ausgemacht haben soll.
Aus einem 1545 verfassten Dokument geht hervor: Eine Truthenne ist „100 dicke Kakaobohnen wert oder 120 geschrumpfte“, ein Truthahn 200, ein kleines Kaninchen 30, ein Truthennenei oder ein in Maishülsen gewickelter Fisch drei. Kakaobohnen wurden auch gefälscht: In Wasser gequollen, damit sie dicker wurden, angemalt, damit sie die Farbe der besten Sorten vorspiegelten; oder es wurde in Kakaoschalen eine Masse gefüllt, die dem Kern ähnlich sah. Jedesmal, wenn ein Azteke einen Schluck Schokolade aus den mit leuchtenden Farben bemalten Kürbisschälchen trank, in denen sie serviert wurde, trank er, wenn man so will, echtes Geld.

Diego M. Rivera (1886-1957): Cortés Landung in Veracruz (Ausschnitt).

Von der ersten Invasion Yucatáns (1517) und der Eroberung Mexikos (1519) an brauchten die Spanier nicht lange, bis sie die Bedeutung der Kakaobohnen als Zahlungsmittel in der Wirtschaft dieser Länder erfasst und sich zunutze gemacht hatten. Das Getränk verabscheuten sie zunächst. Girolamo Benzoni schrieb in seiner Storia des Mondo Nuovo (1575) über die Schokolade: „Sie schien eher ein Getränk für Schweine zu sein als für die Menschheit.“
Auch die englischen Piraten, die in der zweiten Hälfte des 16. Jh. unter dem Kaperbrief Elisabeths I. segelten, Jagd auf spanische Schiffe machten und die spanischen Häfen terrorisieren, hatten kein Interesse an den Bohnen – jedenfalls wird berichtet, dass englische Seeräuber 1579 achtlos eine ganze Schiffsladung der Bohnen verbrannten, weil sie sie für Schafsmist hielten. 1655 eroberten Cromwells Truppen die Insel Jamaika, die bis dahin in spanischer Hand gewesen war. Dort gediehen bereits die Kakaoplantagen, und so wurde Jamaika von diesem Jahr an Englands Haupt-Schokolade-Lieferant. Schon 1657 warb ein Unternehmer in einer englischen Zeitung für Schokolade. Im restlichen Europa war die Schokolade, bis sie im Zuge der Industrialisierung Massenware wurde, strikt dem Adel vorbehalten.
In der „Neuen Welt“ hatten gegen Ende des 17. Jahrhunderts nur etwa zehn Prozent der ursprünglichen indianischen Bevölkerung das Massensterben, das der Conquista folgte, überlebt. Es handelte sich um die größte demographische Katastrophe der Menschheitsgeschichte, im Zuge derer alle eingeborenen Völkern der westlichen Hemisphäre von Krankheiten aus der Alten Welt überfallen wurden, gegen die sie nicht die geringste Resistenz hatten. Die Misshandlung durch die Spanier in ihren neu errichteten Minen, Plantagen und Viehfarmen tat ein übriges.
Anfangs versuchten die Konquistadoren die Indianer von Soconusco – eine weite pazifische Tiefebene, die sich vom Isthmus von Tehuantepec bis hinunter zum Grenzgebiet Guatemalas und El Salvadors erstreckt und lange Zeit Heimat des besten Kakaos der Welt war – als Sklaven zu halten. Ein Sklave wurde mit zwei Goldpesos bewertet, eine Traglast Kakao mit zehn, ein Schwein mit 20.
Doch am 29. Mai 1537 veröffentlichte Papst Paul III. die Bulle Sublimis Deus. Darin heißt es, die Indianer seien als veri homines, also als „wahre Menschen“, befähigt, den christlichen Glauben anzunehmen und dürften nicht „wie Tiere“ zum Sklavendienst eingespannt werden. So wurden in den darauffolgenden drei Jahrhunderten Menschen aus Schwarzafrika als Sklaven und Sklavinnen in die Neue Welt verschleppt – deren Versklavung war durch die Theologie legitimiert: Als ihr Stammvater galt der biblische Ham, dessen Nachkommen, wie es im ersten Buch Moses heißt, durch Noah verflucht sind. Über Hams Sohn heißt es dort: „Verflucht sei Kanaan. Der niedrigste Knecht sei er seinen Brüdern“ (Gen. 9,25).


Teil eines Mahnmals gegen den Sklavenhandel auf Sansibar. Nicht für alle AfrikanerInnen ist die Zeit der Sklaverei Vergangenheit.

Am Sklavenhandel beteiligten sich auch Spaniens Rivalen Frankreich und Portugal sowie die protestantischen Länder England, Holland und Dänemark. Deren Sklavenschiffe transportierten Manufakturwaren zu afrikanischen Sklavendepots, dort wurden diese Güter gegen die menschliche Fracht eingetauscht und zu den Zucker-, Kakao-, Indigo- und Tabakplantagen der Neuen Welt befördert; die Erträge dieser Plantagen wurden dann wieder zum Mutterland zurückgebracht und dort verkauft.
In Frankreich wurde die Sklaverei im Jahr 1817 offiziell verboten – in Nantes, von wo aus die Hälfte der französischen Sklavenschiffe ausliefen, wurde allerdings heimlich noch weitere 20 Jahre Handel mit Sklaven betrieben.
Leider ist die Zeit der Sklaverei noch heute nicht für alle AfrikanerInnen Vergangenheit. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge arbeiten ca. 200.000 bis 250.000 Kindersklaven auf den Kakao-Plantagen Westafrikas. Über 60 Prozent der arbeitenden Kinder sind unter 14 Jahre alt.

Nach entsprechenden Medienberichten geriet die Schokoladeindustrie zunächst unter Druck. In den USA wurde ein Gesetzesentwurf diskutiert, der Unternehmen, deren Schokolade nachweislich ohne Zwangsarbeit produziert wird, erlaubt hätte, ein entsprechendes Label auf ihren Produkten anzubringen. Um ein solches Label zu verhindern, stimmte die Industrie im Jahr 2001 dem sogenannten Harkin-Engel-Protokoll zu. Dieses gewährte Produzenten, Regierungen und lokalen Farmern vier Jahre Zeit, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit, Kinderhandel und Zwangsarbeit für Erwachsene auf den Kakaofarmen in der Elfenbeinküste und Ghana zu beenden. 2005 aber bat die Industrie um eine Fristverlängerung bis im Sommer 2008. Bis im Juni 2008 war jedoch nach wie vor nicht viel geschehen, also wurde die Frist für die Erfüllung der Ziele noch einmal verlängert, bis Ende 2010. Geschehen ist aber bis heute nichts. Die unabhängige entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern urteilt: „Die Industrie versteckt sich hinter mitfinanzierten Pilotprojekten, deren Ziel es ist, die Praktiken der Bauern zu ändern, ohne dass sie ihre eigenen ändern.“


„Auch die Kinder, die gezwungen sind auf Kakaoplantagen zu arbeiten, zählen die Tage.“ Plakat von „STOP THE TRAFFIK“, einer Organisation gegen Menschenhandel.

Schokolade wurde erst mit der Einführung der Milchschokolade zur Massenware. Diese wurde 1839 in Dresden entwickelt. Doch bald schon galt die Schweiz als Land der Schokolade schlechthin, was daran lag, dass die Industrie dort eine massive Werbekampagne startete, die Schokolade mit Alpenglühen und Kuhweiden assoziierte: „Die Marketingstrategen griffen auf das Image der Schweiz als Hort freier und unverdorbener Hirten zurück. Zugleich wurde das Exportprodukt Milchschokolade zu einem Element der nationalen Identität stilisiert, der dunkle bittere Rohstoff sozusagen in gebleichter süsser Gestalt akkulturiert. Schokolade schien – und scheint noch heute – vor allem aus Milch zu bestehen“, schrieb Urs Hafner in einem Artikel über das Thema in der NZZ.
Doch im Land der lila ,,Schokladen-Kuh“ sieht die Realität traurig aus: Neun von zehn Schweizer Kühen verbringen ihr Leben angebunden. In Deutschland sehen 40 Prozent der Kühe in ihrem Leben niemals die Weide. Einer durchschnittlichen europäischen Kuh müssen zwei Quadratmeter Lebensraum genügen.

Die heutige Milchkuh ist eine Qualzucht. Ihre Milchleistung wurde von 1.500 Liter pro Jahr (1950) auf 6.000 Liter pro Jahr (1990), mittlerweile auf 10.000 Liter pro Jahr gesteigert. Für das Tier bedeutet das ständige Schmerzen durch ein Euter, das zehnmal mehr Milch enthält, als ein Kalb benötigen würde.
Durch die Haltung auf Spaltenböden erkranken die Tiere häufig an den Klauen. Auch Rückenschäden sind keine Seltenheit, denn die Wirbelsäule der Kühe ist der Milchlast nicht gewachsen. Durch das übergroße Euter entstandene Entzündungen (Mastitis) und andere Krankheiten werden mit Antibiotika bekämpft, deren Rückstände sich in der Milch befinden.
Ab dem zweiten Lebensjahr beginnt für die Kuh die Dauerschwangerschaft. Nach der künstlichen Besamung trägt sie neun Monate lang ihr Kalb aus. In dieser Zeit stellen sich Körper und Seele auf den Nachwuchs ein. Es muss unvorstellbar grausam für die Mutter sein, wenn ihr, in der Regel zwei Tage nach der Geburt, das Kalb entrissen wird: Das verzweifelte Rufen nacheinander ist gewiss kein Zeichen ländlicher Idylle. Das Kalb wird unter Rotlicht in eine enge Box gezwängt und mit Ersatzmilch gefüttert. Nachher wird es (meist auf Spaltenböden) mit anderen Kälbern in einen abgetrennten Raum gehalten. Die weiblichen Tiere nehmen später die Plätze ihrer Mütter ein. Weniger gesunde Tiere werden meist schon nach ein paar Tagen geschlachtet.
Die Milchproduktion weist einen regelrechten Verschleiß an Tieren auf. Unter normalen Umständen wird eine Kuh 20 Jahre alt. Durch die Überbeanspruchung ist sie nach fünf Jahren schon so „verbraucht“, dass sie „wertlos“ ist. Was sie jetzt noch von ihrem „Leben“ erwarten kann ist der Tod im Schlachthaus und der Transport dorthin. Bei etwa der Hälfte des in Deutschland produzierten Rindfleisches handelt es sich um Nebenprodukte der Milchindustrie. Die Kälber werden auch zu Pasteten und Tierfutter verarbeitet. Das Lab, ein Ferment aus ihren Mägen, verwendet man zur Käseherstellung.
Männliche Tiere und Kälber, die nicht als Milchkühe genutzt werden sollen, werden nach ein bis zwei Wochen an Mastbetriebe verkauft. In ihren Boxen liegt keine Einstreu, denn die würden sie sonst essen. Die Tiere sollen aber einen flüssigen Mastbrei trinken, der ihr Gewicht unnatürlich schnell zunehmen lässt. Die Kälber sind oft nur über quälenden Durst dazu zu bringen, den Brei zu schlucken. Nach drei bis fünf Monaten werden sie geschlachtet. Länger hätten sie diese Haltung ohnehin nicht überlebt. 170.000 Kälber, die unter drei Monaten alt sind, sterben jedes Jahr schon aufgrund dieser schlechten Haltungsbedingungen und der brutalen Behandlung auf dem Markt. – Klingt das alles etwa „fair“?

Quellen:
Sopie D. Coe, Michael D. Coe: Die wahre Geschichte der Schokolade. Aus dem Amerikanischen von Bettina Ararbanell, Frankfurt am Main 1997
Schmutzige Schokolade, ARD, 6. Oktober 2010, 23.30-00.15 Uhr
Erklärung von Bern (EvB): http://www.evb.ch/p15187.html, http://www.evb.ch/p15184.html
Deutschlands süßes Herz, MDR LexiTV
Urs Hafner: Eines Knaben unwürdig – wie die Schokolade die Geschmäcker eroberte. Ein Blick in die Geschichte der Schokolade öffnet ein Fenster in die kolonialistische Vergangenheit der Schweiz, NZZ, 19. September 2008
http://www.rageandreason.de/vegan.html#gutegruende
http://www.die-tierfreunde.de/wissen-a-z/wissen-a-z/milch.html





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