Von Skandal zu Skandal; von Pferd zu Mensch


Pferde auf Island: So würden wir Pferde am liebsten sehen…

Fleischskandale sind nichts Besonderes mehr. In den 90ern war es BSE, das Todesfälle zur Folge hatte, 2005, 2006, 2007 und 2009 waren Gammelfleisch und Gifte die häufigsten Probleme in der Fleischproduktion. Es könnte fast schon gesagt werden, dass Fleischskandale Tradition bei der Ausbeutung der einfachen Menschen durch das Kapital haben.


…und die traurige, deutsche Realität: Ein Pferd kurz vor seiner „Hinrichtung“.

1919 wurde durch Zufall in Hamburg bekannt, dass der Industrielle Jacob Heil aus verdorbenen Fleischabfällen Sülze hergestellt und diese an die hungernde Bevölkerung verkauft hatte. Dies führte dann zu den so genannten Sülzeunruhen, die durch die vom antikommunistischen SPD-Kanzler Gustav Noske angeforderte Reichswehr und durch sogenannte Freikorps blutig niedergeschlagen wurden. 80 Menschen wurden erschossen. Der Fleischfabrikant Heil wurde vom Gericht für schuldig befunden und zu ganzen drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark verurteilt. Am Protest der Konsument*innen hat sich seitdem viel geändert, an der Fleischqualität und der Klassenjustiz jedoch leider wenig.

Aus den in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Fleischskandalen, mal mit mehr, mal mit weniger tödlichen Folgen für die Verbraucher*innen, lässt sich einiges über unsere kapitalistische Produktionsweise sagen.

Es ist offensichtlich, wie bei aufwändigen Produkten wie Fleisch – immerhin muss ein Vielfaches an Kraftfutter produziert werden, um damit ein Säugetier oder einen Vogel aufzuziehen, um diesen dann abzuschlachten und seinen Körper zerlegt zu verkaufen, als dieser Körper am Ende wiegt – an allen Ecken und Enden gespart wird. Die Konkurrenz ist hart und international, für den internationalen Fleischmarkt kommt sie aus Deutschland. Hier stehen die Mast- und Schlachtanlagen, die zu den größten und grausamsten der Welt zählen. Mit dem Geflügelhof Wietze wurde in Niedersachsen 2011 der größte Schlachthof Europas fertiggestellt – und vom Land Niedersachsen mit 6,5 Millionen Euro subventioniert. So manche Hähnchenzüchter in Afrika können da einpacken, diese Industrie kann z.B. in Ghana mit den Importen aus der EU nicht mithalten.
Auch hier in Deutschland ist Fleisch zum Spottpreis zu haben – Gifte, Dioxine, Seuchen inklusive; gammlige Fleischreste werden mit verarbeitet. Die ordentliche Dosis Antibiotika, die bei den Konsument*innen zu Immunität gegen dieses Medikament führt, ist schon gar kein Skandal mehr, sondern der Normalzustand.

Pferde warten auf

Wie die Broschüre „Warum antikapitalistisch vegan?“ darlegt, gibt es im Kapitalismus eine Tendenz zum Verkauf von Produkten, die besonders stark verarbeitet sind. Da jede Weiterverarbeitung eines Produkts eine Investition ist, die jeweils ihren Profit mit sich bringt, erzeugen Produkte mehr Profit, je stärker sie verarbeitet sind. Kein Wunder also, dass für Fertigprodukte, Müsliriegel und Fastfood mehr Werbung gemacht wird und diese Produkte mehr verkauft werden. Sie machen den Produzenten reicher – wobei natürlich nicht der Mensch reich wird, der unmittelbar durch seine Arbeit produziert, sondern der, der durch den Besitz oder Teilbesitz (Shareholder) der jeweiligen Firma den Profit einkassiert. Fleisch gehört durch den angesprochenen Aufwand auch zu den Produkten, die stark verarbeitet sind und so mehr Profit für die Chefetagen abwerfen.


Multimilliardär und Besitzer von Lidl und Kaufland Dieter Schwarz.

Kein Wunder also, dass der Besitzer von Kaufland und Lidl, der Heilbronner Dieter Schwarz, der drittreichste Deutsche ist. Sein Privatvermögen wird auf 12 Millarden Euro geschätzt (also 12.000.000.000 €). Die Marke Kaufland ist 2012 in Deutschland zehntgrößter Fleischhersteller und machte 650 Mio. Euro Umsatz mit Fleisch. Die deutsche Nummer Eins der Fleischproduzenten, die Tönnies-Gruppe, setzte sogar 4.3 Millarden Euro um. Deren Besitzer, Clemens Tönnies, gehört mit einem geschätzten Vermögen von rund 600 Millionen Euro zu den 200 reichsten Deutschen. Nummer Drei auf der Liste der aktivsten Fleischproduzenten ist die Gruppe PHW, zu der auch der skandalträchtige Wiesenhof-Konzern gehört, der allein jede Woche 4,5 Millionen Hähnchen schlachten lässt und im Geschäftsjahr 2011/2012 einen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro erzielte. Die Top-Fleischproduzenten machen ihren Milliardengewinn auf dem Rücken von Billiglohnarbeiter*innen; betreiben also üble Ausbeutung, häufig von Osteuropäer*innen. PHW ist zusätzlich noch für Raubbau an Grundwasservorräten bekannt.
Die Fleischindustrie ist also ein Geschäft, in dem jede Menge Geld steckt, und das weiterhin für Skandale und sicher auch für massive Opfer (Herzkrankheiten, Vergiftungen etc.) auf der Seite der Konsument*innen sorgen wird – von den 4 Millionen Rindern, 60 Millionen Schweinen und 134 Millionen Hühnern ganz zu schweigen. Diese Umstände tragen mit dazu bei, dass es immer mehr Vegetarier*innen und Veganer*innen gibt. In Deutschland sind es der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge wohl 1% der Männer, 2,2% der Frauen (laut Angaben des Focus 9% der Gesamtbevölkerung, nach dem Stern sogar 11%); in den USA immerhin 4% der Männer und 7% der Frauen, in Indien sind es gar 40% der gesamten Bevölkerung.

Der Pferdefleischskandal hat im Gegensatz zu den bisherigen Fleischskandalen einen besonderen Aspekt: Bei 45% der Deutschen kommt Pferdefleisch nicht auf den Tisch. Ein moralischer Zweifel kommt bei diesem Tier auf, welches noch nicht durch völliges Wegsperren bei den Menschen zu einem seelenlosen Ding geworden ist, wie es z.B. bei Schweinen der Fall ist. Pferde kennen noch viele als treues Reittier; durch den engen Kontakt wird die Intelligenz und das Bewusstsein des Tieres vermittelt. Noch um einiges höher wäre die Zahl der Menschen, die in Europa keine Hunde oder Katzen essen würden. Aber tatsächlich sind Schweine ebenso intelligent wie Hunde und Katzen – und das entscheidende Merkmal, nämlich die Fähigkeit, Leiden bewusst wahrzunehmen, vereint Pferde mit Rindern, Schweinen, Hunden, Katzen, Rhesusaffen und eben Menschen!

Ein nachhaltig gutes Leben für alle erfordert Tierbefreiung, verbunden mit einer post-kapitalistischen, demokratischen Produktionsweise mit geschlossenen Kreisläufen. Dass dies keineswegs eine Utopie ist und Tierbefreiung gut zu geschlossenen Kreisläufen einer ökologischen und solidarischen Ernährungsproduktion passt, wird bei Betrachtung von Solidarischer Landwirtschaft, Commons und Vergesellschaftung gut sichtbar.





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