Archiv für April 2013

Ankündigung: Demonstration gegen Affenversuche

„Der Schluß, den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. Der Professor am Seziertisch definiert sie wissenschaftlich als Reflexe, der Mantiker am Altar hatte sie als Zeichen seiner Götter ausposaunt. Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. […] Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. […] Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, daß sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß.“
– Max Horkheimer, Theodor W. Adorno.

4. Mai 2013: Demonstration gegen Primatenversuche:

In nur einer Stadt in Baden-Württemberg werden Tierversuche mit Primaten betrieben, aber das gleich an drei Instituten: In Tübingen. Es handelt sich um invasive Hirnforschung; dabei werden Rhesusaffen durch ein Bohrloch im Schädel Elektroden ins Gehirn geführt. Sie werden täglich stundenlang fixiert, ohne den Kopf bewegen zu können. Durch Wasserentzug werden sie gezwungen, Aufgaben an einem Bildschirm zu lösen, wodurch die Forscher sich Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns erhoffen. Seit 2009 ist mit der Kampagne „Stoppt Affenversuche in Tübingen!“ einiges dagegen unternommen worden: Mahnwachen, kreative Aktionen und Großdemonstrationen in Tübingen und Stuttgart, 60.000 Unterschriften gegen die Versuche wurden gesammelt. Schließlich nahm die grüne Partei die Forderung nach dem Ende der Versuche in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf. Jetzt geht es darum, diese Forderungen gegenüber der Tierversuchslobby durchzusetzen, die im Moment mit allen Mitteln versucht, die Landesregierung am Verbot der Versuche zu hindern. Gerade jetzt gilt es, ein deutliches Zeichen zu setzen, um den drohenden Bruch des Wahlversprechens zu verhindern!

Samstag, 4. Mai 2013: Große Demonstration gegen die Affenversuche in Tübingen. Ab 11 Uhr Infostände auf dem Marktplatz, ab 12 Uhr Demonstration durch die Innenstadt!

Antispeziesismus: Strukturell antifaschistisch?

Vor allem die dem Neokonservatismus zugewandten Teile der (Noch-)Linken würden am liebsten die antispeziesistische Strömung mitsamt der ganzen Tierbefreiungsbewegung und so manchen anderen sozialen und Umweltbewegungen in die tendenziell rechte Ecke stellen.1 Offensichtlich ist jedoch, dass die Tierbefreiungsbewegung, ebenso wie die Anti-AKW-Bewegung, Anti-Kohlekraft-Bewegung, Antira-Bewegung, Anti-Kriegsbewegung und die Arbeiter*innenbewegung, großteils linke Ideen vertritt. Der Tierbefreiungsgedanke an sich ist genuin links. Im in Bälde erscheinenden Buch Antispeziesismus: Eine Einführung heißt es dazu in der Hinführung: „Die Bewegung zur Befreiung der Tiere sieht ihre Forderungen traditionell als logische Fortsetzung und Konsequenz der großen emanzipatorischen Imperative, und die Geschichte zeigt, dass diejenigen Menschen, die sich organisierten, um eine Verbesserung der elenden Situation der Tiere in der menschlichen Gesellschaft zu bewirken, durchweg auch Teil anderer Befreiungskämpfe waren – sie stritten etwa gegen monarchistische Willkürherrschaft, für Menschenrechte, gegen die Sklaverei, für die Emanzipation der Frauen, für die Belange der lohnabhängigen Massen oder waren im antifaschistischen Widerstand aktiv. Aber sie gingen weiter, für sie war klar: Befreiung hört nicht beim Menschen auf.“ Die moderne antispeziesistische Strömung nimmt durchweg linksradikale, anarchistische und kommunistische Positionen ein.2 Dieser Offensichtlichkeit versuchten Leute aus der Tübinger „linken Szene“ seit 2007 über Antifa-Verteiler, in Vorträgen im Epplehaus (Input), auf dem Hardcore-Festival New Direction in Herrenberg (2011) und in zahlreichen Blogeinträgen entgegenzuwirken, um unser Anliegen, auf die Befreiung von Mensch und Tier hinzuwirken, zu diskreditieren.3 Leider scheinen einige Nachwuchslinke auf diese Propaganda hereingefallen zu sein.

Ein überraschender Beitrag zu diesem Thema kommt von der Aussteigerhilfe Bayern. Der 2011 gegründete Verein versucht unabhängig von Staat, Polizei und Verfassungsschutz Ausstiegshilfe für Neonazis zu leisten. Aussteiger*innen müssen ihre Zeit in der Nazi-Szene intensiv reflektieren und können dann in den Verein einsteigen – so wie Sebastian Angermüller, der nach zehn Jahren in der Neonazisszene ausstieg. Angermüller war zuletzt bei den Autonomen Nationalisten aktiv gewesen, hatte Redebeiträge auf Demonstrationen gehalten und Nazi-Homepages betrieben. Als Autonome Nationalisten 2007 das Thema „Tierrechte und Antispeziesismus“ aufgriffen, beschäftigte Angermüller, damals noch bei den Nazis, sich intersiver damit. Durch die Reflexion, die seine Beschäftigung mit dem Antispeziesismus nach sich zog, erkannte er, wie widersprüchlich die faschistische Argumentation war. Er stieg aus der Nazi-Szene aus und trat der Aussteigerhilfe bei – nicht ohne vorher die Homepages zu löschen und Propagandamaterial zu vernichten.


Wie auch das Antifa-Logo kopieren Neonazis das Antispelogo (rechts): Das Logo wirkt radikal, die Beschriftung („Tier- und Umweltschutz“) dagegen schon konservativ.

Nun veröffentlichte Angermüller eine Broschüre mit dem Titel „Geht mal gar nicht: Nazis und Tierrechte“ bei der Aussteigerhilfe, in der er den grundsätzlichen Widerspruch von Tierbefreiung und Faschismus aufzeigt. Weiterhin werden einige Klischees und Propagandalügen der Nazis entlarvt, etwa, dass Hitler Vegetarier gewesen sei; außerdem wird der Gegensatz zwischen der einschließenden Herrschaftskritik des Antispeziesismus und der ausschließenden Hetze gegen Minderheiten der Faschisten deutlich gemacht. Angermüller zeigt in der 25-seitigen Broschüre auch auf, dass Antispeziesismus einen qualitativen Vorteil gegenüber Tierschutz oder Tierrechten inne hat, wenn es um antifaschistische Positionierung geht. Durch die rundweg herrschaftskritische Konzeption, welche die Befreiung der Menschen erweitern möchte, ist Antispeziesismus gegen eine Vereinnahmung von Rechts besonders gefeit. Zum Schluss betont Angermüller, dass die Tierbefreiungsbewegung sich weiterhin konsequent gegenüber dem Faschismus abgrenzen muss. Er hofft allderdings, dass die Nazis bei diesem Thema bleiben, da es dazu beitrage, dass sie sich selbst logisch zerlegen würden. Diese Hoffnung scheint sich aber nicht so recht zu erfüllen: Nachdem Autonome Nationalisten 2007 und 2008 mit ihrer „AG-Tierrecht“ kurz für Aufmerksamkeit sorgten, ist inzwischen nichts mehr davon zu hören.
Wir empfehlen die Broschüre Angermüllers, auch wenn die doch eher moralphilosophischen Position des Autors nicht unsere Herangehensweise darstellt, und hoffen, dass sie nur den ersten Teil einer „Geht mal gar nicht: Nazis und …“-Serie darstellt.


Nazis für Tierrechte: Kurz da, wieder weg, nichts mehr von gehört. Zumindest in Deutschland scheint das Thema bei den Nazis nicht anzukommen. Die Gesinnung dieser beiden ist hier nur im Kleingedruckten ihres Transparents zu erkennen.

Während die Tierbefreiungsbewegung und der Antispeziesismus über einen emanzipatorischen Ansatz ihre Politik bestimmen, sieht es leider mit dem Tierschutz und seinen neueren Erscheinungsformen anders aus. In Deutschland wurde Tierschutz erstmals von den Nazis rechtlich verankert – um, wie Angermüller darlegt, die Menschen jüdischen Glaubens als Unmenschen darzustellen: Verboten und dämonisiert wurde nur die jüdische rituelle Schlachtung, während die übliche verharmlost wurde. Tierschutz wurde also schon früh von Nazis rassistisch vereinnahmt; das dabei von ihnen verwertete Moment der Abwertung Anderer aufgrund ihres Umgangs mit Tieren ist dabei heute noch aktuell.


Neuer Trend aus Peking: Lebende Tiere als Schlüsselanhänger in einer Nährlösung. Europäer*innen genießen das sanfte Grauen und die digitale Rückmeldung beim Verbreiten solcher Bilder im Internet. Europäische Grausamkeiten dagegen sind für sie Alltag und daher uninteressant.

Dem Tierschutz geht es, anders als der Tierbefreiung, nicht darum, Tier(zwangs)haltung als Herrschaft und Ausbeutung zu begreifen und generell abzuschaffen, sondern eher darum, die scheinbar grausamsten Auswüchse der Tierhaltung zu reglementieren. Dieser Schein spielt im Tierschutz, aber auch bei immer mehr Tierrechtler*innen, eine große Rolle: Die exotisch anmutenden Haltungs- und Nutzungsbedingungen von Tieren in anderen Ländern scheinen häufig grausamer als die hiesigen, an die man sich das ganze Leben lang gewöhnt hat. So wird beispielsweise das Halten, Schlachten und Essen von Hunden als grausam angeprangert, während dieselbe Behandlung der ebenso intelligenten und fühlenden Schweine europäischen Tierschützer*innen als akzeptabel errscheint.


Bei Facebook ist nicht überall Antispe drin, wo Antispe draufsteht!

Diese unreflektierte Tradition von Tierschutz findet heute leider neue Erscheinungsformen, die bis in die vorgeblich linken Strömungen reichen. Die Betreiber*innen der Facebook-Seiten „Antispe“ oder „Für Tierrechte kämpfen“ etwa haben sich offensichtlich kaum mit dem Thema beschäftigt, welches sie vorgeben zu behandeln. Die Seite mit dem Titel „Antispe“ schmückt sich zwar mit schwarz-grüner Flaggenkombi und verweist in ihren Kontaktinformationen unter „Website“ auf die Initiative antispe.org, eine „Plattform für herrschaftskritischen Antispeziesismus“, die Betreiber*nnen der Facebook-Seite aber zeigen mit ihren Äußerungen „für die Tiere“, dass sie überhaupt nicht verstanden haben, worum es sich beim Antispeziesismus und beim Tierbefreiungsgedanken handelt; so werden beispielsweise Aussagen gepostet wie: „Der Mensch kann wirklich widerlich sein“, und wenn dies jemand mit den Worten „Diese Asis müssten an den Galgen“ kommentiert, wird das von „Antispe“ „geliked“ – ebenso die beiden Kommentare „Bestie Mensch!“ und „Eine gerechte Strafe bekommen diese Bastarde ja nicht, wenn man sie erwischt. Ich wüsste schon was ich mit so einem machen würde.“ – Noch deutlicher wird dieses Missverhältnis bei der Seite „Für Tierrechte kämpfen“, deren Betreiber*innen sich offenbar gar keine Mühe geben, ihrem Faust-Pfote-Logo mit dem Spruch „Für die Befreiung von Mensch und Tier“ gerecht zu werden. So wird eine exotische Tierausbeutung nach der anderen zerpflückt, die hiesige massive Tierausbeutung kommt nur am Rande vor. Kein Wunder, dass nach Meldungen über Gallensaftgewinnung aus Bären in China und über lebende Schlüsselanhänger in Peking rassistische Kommentare über „die Chinesen“ gepostet werden – das geht bis hin zu Vernichtungsfantasien: „Die Schlitzaugen, sind eins der abartigsten, perversesten Völker, was die Eßkultur anbelangt! Die quälen in ganz vielen Bereichen wehrlose Tiere zu Tode. Die Bombe damals, war viel zu klein.“ – Selbst aber, wenn solche „Kritik“ an Tierausbeutung nicht, wie in diesem Beispiel, rassistisch konnotiert sein sollte, so muss man sich die Frage stellen, wo beim moralischen Fingerzeig nach woanders die Berücksichtigung der Menschen abbleibt – vor allem, da gleichzeitig die BRD dabei ist, sich zum Geflügelexportweltmeister zu mausern und in den hiesigen Schlachthöfen die Ausbeutung von Mensch und Tier offenkundig ist.4
Auch wenn der Tierbefreiungsgedanke also offenbar von seiner Struktur her antifaschistische Positionen nahelegt, erübrigt sich für die linke Tierbefreiungsbewegung keineswegs die Abgrenzung und der Kampf gegen alle reaktionären und bürgerlichen Positionen in diesem Themenfeld. „Der sich links wähnende Teil der Tierrechtsbewegung hat es bisher versäumt, sich ein eigenes Profil zu geben. Stattdessen eifert er in Optik und politischen Phrasen der ,autonomen Szene‘ nach“ – damit trage er aber nicht eine radikal linke Politik in die Bewegung hinein, sondern bürgerliche Ideologie, so die damalige Tierrechts-Aktion-Nord bei einer Veranstaltung am 6. Juni 2009 zum Thema Well adjusted people. Die „autonome Szene“ auf dem rechten Weg der bürgerlichen Gesellschaft. Will die Tierbefreiungsbewegung von einer „Szene“ zu einer wirklichen politischen Bewegung werden, so muss sie sich von bürgerlicher Ideologie, die in sie eingeflossen ist, trennen. In ihrer Ankündigung für die im November 2013 stattfindende Herbstakademie zum Thema Tierbefreiung und revolutionäre Realpolitik macht die Hamburger Gruppe, die sich inzwischen in Assoziation Dämmerung umbenannt hat, darauf aufmerksam, dass die Auswüchse kapitalistischer Lebensmittel-, insbesondere der Fleischproduktion, in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch diskutiert werden; weiter heißt es: „Veganismus als ,Lifestyle‘ erlebt einen regelrechten Boom, und die Chancen für prominent platzierte Hinweise auf das Elend der industriellen Massentötung von Tieren standen schon schlechter. Für die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung eine günstige Situation, um gemeinsam mit ökologischen und sozialen Bewegungen radikale antikapitalistische Forderungen zu stellen.“ Doch das geschehe nicht: Die Tierbefreiungsbewegung verfüge über kein politisches Theoriekonzept, über keine Gesellschaftsanalyse, und sei sich über den gemeinsamen Nenner mit anderen linken Bewegungen nicht im Klaren. Daraus folgt: „Ihre Kritik an der Massenproduktion der Ware Tier bleibt bürgerlich und moralisch und wahrt Distanz zu antikapitalistischen Ansätzen – auch der ,autonome Antispeziesismus‘ ist dazu keine Alternative. Wird die Bewegung aktiv, handelt sie vielfach unmittelbar systemkritisch – macht sich das aber nicht bewusst.“ Auf der anderen Seite hätten traditionell sozialistische Bewegungen oftmals prinzipielle Vorbehalte gegen die Tierbefreiungsbewegung. Es müsse nun darum gehen, die falsche beiderseitige Distanz zu verringern: „Wir wollen deutlich machen, warum die Befreiung von Mensch und Tier ohne Kapitalismuskritik nicht zu haben ist und warum andererseits Kapitalismuskritik nicht fundamental ist, wenn sie nicht auch das Verhältnis zur Natur (und zu den Tieren im Besonderen) mit in den Blick nimmt.“ Die anstehende Aufgabe sei, die Grundlagen zu schaffen, auf denen eine revolutionäre Realpolitik „zur Überwindung gesellschaftlicher Zustände, in denen längst nicht nur der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, aufbauen könne. Wir fordern alle Tierbefreiungs- und sonstige linke Gruppen und Strömungen auf, an diesem Anliegen im Allgemeinen mitzuwirken sowie speziell die Hamburger Herbstakademie zu bewerben und zu unterstützen.

  1. http://asatue.blogsport.de/2010/06/13/angriff-von-links [zurück]
  2. Vergleiche etwa Antispe Freiburg, Antispe Leipzig, Vegane Antifa Süd, Assoziation Dämmerung, unsere Wenigkeit usw. [zurück]
  3. Siehe z.B. Input vom 12. Mai 2011: http://input.blogsport.de/input-tuebingen/input-history/ [zurück]
  4. Vergleiche Zeitungsartikel http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/lebensmittel/arbeitsbedingungen-auf-schlachthoefen-das-billige-fleisch-hat-einen-preis-12148647.html [zurück]



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