Archiv für Mai 2013

Gegen das Krisenregime: Blockupy 2013

Blockupy Banner

Noch immer wird die kapitalistische Krise als Legitimation verwendet, massive Angriffe auf die einfachen Menschen in Südeuropa durchzuführen, bisher vor allem in Spanien, Griechenland, Zypern und Portugal:

- Privatisierung staatlicher Unternehmen, was zu Profitmaximierung statt Bedürfnisbefriedigung bei Grundbedürfnissen wie Strom, Wasser, Müllentsorgung, Krankenversorgung, Altenpflege, Bildung usw. führt (und Milliarden von den Bedürftigen zu den Investoren umverteilt)
- massive Kürzung von Renten, Arbeitslosengeld und anderen Transfereinkommen, so dass Menschen, die ihr Leben lang hart schufteten, jetzt am Hungertuch nagen; Tausende sterben an Mangelernährung, fehlenden Medikamenten usw.
- massive Kürzung von Krankenpflege, Kinderbetreuung und Kindergärten, und durch Entlassungen und Lohnkürzungen doppelte Angriffe gegen Hausfrauen, Erziehende und Pflegende: Der Arbeitsaufwand und Stress steigt für viele enorm, die finanzielle Not steigt mit
- in Spanien zeitweise täglich bis zu 500 Zwangsräumungen, so dass Tausende obdachlos wurden, während mehr als genug Wohnraum für alle leer steht

…diese und viele „Sparmaßnahmen“ mehr, wie diese Angriffe des Kapitals auf das Leben der einfachen Leute genannt wird, führten jedoch keineswegs zu einer Linderung der Krise.

Blockupy-Proteste 2012

Die Angriffe des Kapitals sind vielmehr Rettungsversuche für den Kapitalismus: Eine Neoliberalisierung, die, aufgrund von Widerstand der Bevölkerung, autoritär durchgepeitscht werden muss (erzwungen durch massive Polizeigewalt) und dabei von rassistischer Stimmung begleitet wird (wir erinnern uns an den unsäglichen rassistischen Diskurs über „Pleite-Griechen“ in Bild, Spiegel und eigentlich der gesamten bürgerlichen Presse). Während marxistische Ökonomen die ständig wiederkehrenden Krisen auf den Kapitalismus direkt zurückführen können, bleiben bürgerliche Ökonomen großteils ratlos und behelfen sich mit verschiedenen Formen „menschlichen Versagens“. Der Kapitalismus, das System, das die Reichen auf Kosten aller Anderen immer reicher macht und das jedes Lebewesen nur als eine Form von Kapital verwerten möchte, soll um jeden Preis gerettet werden. Den Preis sollen wir bezahlen: Lohnabhängige, Selbstständige, Erziehende, Arbeitslose, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Minijobber, Hausfrauen und -männer, Handwerkerinnen und Handwerker, Arbeiterinnen und Arbeiter, Renterinnen und Rentner, Migrierte, Transfereinkommensabhängige, Flüchtlinge, Mietwohnende, Obdachlose, …wir alle.

Sitzblockade, schon vor der eigentlichen Blockade 2012

Der zentrale, neoliberale Akteur der sog. Euro-Krise ist die Troika. Sie zwingt entsprechende Staatsregierungen zu „Sparmaßnahmen“, also zu Kürzungen und Privatisierungen. Die Troika besteht aus Vertretern der Europäischen Zentralbank (EZB), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission. Die Europäische Zentralbank hat ihren Sitz in Frankfurt und war daher schon letztes Jahr Ziel der Proteste gegen die „Sparpolitik“ der EU.

Letztes Jahr wurde versucht, in der Innenstadt zu zelten – dieses Jahr gibt es ein Camp

Die Occupy-Bewegung, die seit 2011 durch Platzbesetzungen gegen Krisenregimes protestierte, bezog sich ausdrücklich auf die Besetzung des Tahir-Platzes in Kairo durch hunderttausende Menschen. Vor allem in den Krisenländern USA, Spanien und Nigeria nahmen jeweils mehrere Millionen Menschen an den Besetzungen teil. Als Reaktion auf die sozialen Angriffe im Zuge der Eurokrise formierte sich im Herzen der Bestie EU 2012 die Blockupy-Bewegung, die letztes Jahr für einen Tag eine Schließung der EZB erreichte. Zwar wurden die Blockaden der 2000 Teilnehmenden durch mehrere Hundert Polizisten verhindert, aber schon dadurch konnte der Betrieb der EZB an diesem Tag nicht stattfinden. Die Antispeziesistische Aktion Tübingen unterstützte damals mit einem Bündnis von Tierbefreiungsgruppen den Aufruf zu den Protesten und war vor Ort. Tierbefreiung Hamburg verbreitete dort ein Flugblatt zum Thema Tiere und Krise.

Die Blockaden finden wie letztes Jahr unter dem Aktionskonsens des zivilen Ungehorsams statt, weshalb Repression nur bezüglich Ordnungswidrigkeiten zu befürchten ist: Die Besetzung zählt nicht als Straftat. Daher haben sich alle teilnehmenden Gruppen darauf geeinigt, auf militantere Aktionen zu verzichten.

30.000 Menschen auf der Blockupy-Demonstration in Frankfurt 2012

Da die Repression und die ganzen Verbote der im Rahmen von Blockupy letztes Jahr angemeldeten Veranstaltungen am Blockadetag einen enormen Aufschrei in den Medien erzeugt hatten, ist dieses mal fast jede Anmeldung erfolgreich durchgegangen. Es ist also mit weniger Repression und mehr Veranstaltungen rund um die Blockaden zu rechnen als im letzten Jahr; die 400 Gewahrsamnahmen des letzten Jahres werden sich daher hoffentlich nicht wiederholen.


Das offizielle Blockupy-Mobi-Video

Auch in diesem Jahr rufen wir wieder alle dazu auf, an den diesjährigen Blockaden um die EZB teilzunehmen. Am 30. Mai (Feiertag) findet die Anfahrt auf das Aktionscamp Frankfurt statt, es gibt Bustickets für Menschen aus der Region Reutlingen-Tübingen (siehe unten). Dort ist für Zeltplatz, Essen und Trinken gesorgt. Am Freitag finden dann die Blockaden der EZB statt. Am Samstag findet zum Abschluss eine Großdemonstration (im letzten Jahr 30.000 Teilnehmende) durch Frankfurt dazu statt, wofür ein gesonderter Bus nach Frankfurt fährt. Nach der Demonstration werden erstmals statt einer Endkundgebung dezentrale Asambleas stattfinden. Am Samstag fahren abdens dann beide Busse zurück.

Wer mitfahren will, kann sich Bustickets (10-25 Euro, Selbsteinschätzung/Soli-Preis) unter folgenden Mail-Adressen bestellen:
Für den Bus am Donnerstag: il-tue (at) riseup.net
Für den Bus am Samstag: levelup (at) kommunismus.tv

Weitere Informationen:

Aufruf von Tierbefreiung Hamburg zu Blockupy
Webstite von Blockupy
Aufrufende/Unterzeichnende
Lokale Ansprechpartner für Blockupy
Dokumentation Catastroika

Buch „Antispeziesismus“ bei „theorie.org“

Im Moment korrigiert der Autor noch die Druckfahnen, doch das Buch „Antispeziesismus“ in der theorie.org-Reihe wird in wenigen Wochen erscheinen!
Es gibt bereits die ersten Erwähnungen in der Presse – in einem Artikel mit dem Titel „Tiere sind keine Ware“ in der linken Tageszeitung Neues Deutschland schreibt die Journalistin Susann Witt-Stahl:

Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zuletzt die Geschichte der lückenlosen Ausbeutung der Natur – und des Widerstands dagegen. Die moderne Tierschutzbewegung entstand nicht zufällig im Mutterland der Industrialisierung. 1824 wurde sie in Großbritannien mit der Gründung der weltweit ersten Tierschutzorganisation »Society for the Prevention of Cruelty to Animals« aus der Taufe gehoben. Ihre vorwiegend aus dem Bürgertum stammenden Initiatoren hatten sich aber nur auf die Fahnen geschrieben, die zu Ware und Produktionsmitteln verdinglichten Tiere vor »unnötiger« Quälerei und allzu roher Behandlung zu bewahren. Sie richteten Tierheime für »herrenlose« Haustiere ein, wie sie bis heute von Tierschutzvereinen betrieben werden.
Diese Institutionen gelten als Vorläufer der Tierasyle und Lebenshöfe. Deren Träger sind allerdings weniger von bürgerlichen als von sozialistischen Weltanschauungen beeinflusst. Es gibt noch eine »›geheime‹ – vergessene, verdrängte – Geschichte«, schreibt der Philosoph Matthias Rude in seinem Buch »Antispeziesismus«. Der Begriff bezeichnet die Ablehnung jeglicher mit der Gattungszugehörigkeit begründeten Unterdrückung von Lebewesen.
Angehörige der ausgebeuteten Klassen, die im 19. Jahrhundert in den Bergwerken und Manufakturen schufteten, hätten, so Rude, Gemeinsamkeiten in den Kämpfen für die Befreiung des Menschen und der Tiere entdeckt und einen Blick auf die geschundene Kreatur entwickelt, »der von Identifikation und Solidarität geprägt war«.
Der Marxist und Mitbegründer der Kritischen Theorie Max Horkheimer knüpfte Anfang der 1930er Jahre an diese, fast verloren gegangene revolutionäre Perspektive an. In seinem Aphorismus »Der Wolkenkratzer« werden Tiere als Geknechtete und Ausgebeutete reflektiert: »Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis der Erde krepieren«, so der Sozialphilosoph Horkheimer, befinde sich die »Tierhölle« – ein gigantischer Schlachthof, der das Fundament der Bausünde bildet, die bis heute Denkmal des vorerst gescheiterten Zivilisationsprozesses ist.

Brown Dog Riots: Allianzen zwischen Arbeiter-, Antivivisektions- und Frauenbewegung

Im Jahr 1906 wird das erste „Brown Dog“-Denkmal in Battersea enthüllt, jenem Stadtteil Londons, der damals als Hochburg der Gewerkschafts- und anderen sozialen Bewegungen sowie als Wiege für radikale Klassenpolitik gilt. Das Denkmal, das symbolisch für die Opfer der Vivisektion errichtet wird, wird schnell zum Ausgangspunkt für die heftigsten und militantesten Auseinandersetzungen, welche die britische Tierrechtsbewegung bis zu diesem Zeitpunkt geführt hat.

Die englische Antivivisektionsbewegung im 19. Jahrhundert ist mit der feministischen Bewegung der Zeit derart überlagert, dass die Medizinstudenten des University College, die ab 1906 gegen die Aufstellung des Denkmals protestieren, Antivivisektions- und Frauenwahlrechtsbewegung gleichsetzen: Sie stören zahlreiche Veranstaltungen letzterer, um gegen erstere vorzugehen. Medizinstudenten versuchen immer wieder, das Denkmal zu zerstören, stoßen dabei aber auf den vehementen Widerstand der Vivisektionsgegner sowie der Bevölkerung des Arbeiterviertels, die in dem Hund offenbar ein Symbol für ihre eigene Unterdrückung sieht. Über Jahre hinweg, zwischen 1903 und 1910, wird der Konflikt, bekannt als Brown Dog Riots, ausgetragen. Ort der Auseinandersetzungen ist sowohl Battersea als auch das Londoner Zentrum, wo auf dem Trafalgar Square Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmenden stattfinden. Unter dem Druck der Kontroverse wurde die Statue 1910 vom Bezirksrat geheim entfernt.
Die neue Statue, die man hier auf den Fotos sieht, wurde erst 1985 im Battersea Park errichtet – gestiftet von der British Union for the Abolition of Vivisection und der National Anti-Vivisection Society. 1992 wurde die Statue innerhalb des Parks an den Rand eines Pfades nahe des Old English Garden versetzt, wo sie kaum auffindbar ist. Auf dem Sockel finden sich unter anderem folgende Inschriften: In Memory of the Brown Terrier Dog Done to Death in the Laboratories of University College in February 1903 after having endured Vivisection extending over more than Two Months and having been handed over from one Vivisector to Another Till Death came to his Release. Also in Memory of the 232 dogs Vivisected at the same place during the year 1902. Men and women of England how long shall these things be?, und: Animal experimentation is one of the greatest moral issues of our time and should have no place in a civilised society.

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert existieren nicht nur bemerkenswerte Allianzen zwischen der Antivivisektions- und der Arbeiterbewegung – prominente Vertreter der Arbeiterbewegung unterzeichnen 1896 ein Manifest gegen die Vivisektion, in dem es heißt: „such experimentaion on living animals is opposed to the right feelings and true interests of the working classes“ –, auch zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung bestehen enge Verbindungen. Der Begriff „Suffragetten“ bezeichnet zu Anfang des 20. Jahrhunderts jene Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den USA, die mit verschiedenen Methoden für das Frauenwahlrecht kämpfen. In ihrer militanten Erscheinungsform übernimmt die Frauenwahlrechtsbewegung in diesen Jahren Methoden, die den Protestformen der radikalen Arbeitertradition entliehen sind und auf die sich wiederum die Tierrechtsbewegung bezieht. Die erklärte Absicht der militanten Suffragetten war, niemals Menschen oder Tiere zu gefährden – aber, so Emmeline Pankhurst (1858-1928), Mitglied der Independent Labour Party und Mitbegründerin der Women’s Social and Political Union (WSPU), im Jahr 1913: „Wenn es dafür notwendig ist, um das Wahrecht zu erhalten, werden wir soviel Schaden an Eigentum anrichten, wie wir können.“ Die Maßnahmen reichen von der Durchführung von Demonstrationen und der Störung von Parlamentssitzungen über Streikposten, Ankettungen und Angriffe auf Regierungsmitglieder bis hin zur Zerstörung von Fensterscheiben, Briefkästen und Briefsendungen, dem Einsatz von Brandbomben und der Brandstiftung an Häusern, Bahnhöfen und Schlössern. Des Weiteren verweigern sich einige der Zahlung von Steuern. „Es gibt etwas, um das sich Regierungen viel mehr Sorgen machen, als um menschliches Leben, und das ist die Sicherheit des Eigentums. Und so ist es durch das Eigentum, dass wir den Feind bekämpfen werden. Seid militant, jede auf ihre Art“, lässt Emmeline Pankhurst verlautbaren, und weiter: „Das Argument der zerbrochenen Fensterscheibe ist das wertvollste Argument moderner Politik.“ Ab 1912 ist die WSPU praktisch eine illegale Organisation, ihre Anführerinnen befinden sich entweder im Gefängnis oder im Exil in Paris, von wo aus sie die Leitung aus dem Untergrund weiterführen.
Abgesehen von der Wahl der Mittel, bestehen auch personelle Überschneidungen zwischen der Frauenwahlrechts-, der Tierrechts- und der Arbeiterbewegung. Frances Power Cobbe (1822-1904) etwa ist nicht nur Teil des Exekutivkomittees der 1868 gegründeten National Society for Woman Suffrage, sondern auch Begründerin der Victoria Street Society – der Vorgängerorganisation der noch heute bestehenden National Anti-Vivisection Society – sowie der British Union for the Abolition of Vivisection. Die Sozialistin Isabella Ford (1855-1924) engagiert sich für die Rechte der Frauen aus der Arbeiterklasse und ist gleichzeitig gegen Vivisektion und andere Tierausbeutung in der von Henry Salt (1851-1939) gegründeten Humanitarian League aktiv. Zwischen der League und der sozialistischen Bewegung bestehen wechselseitige Verbindungen, die Arbeit der Gesellschaft und die Themen Vegetarismus und Tierrechte werden auch in sozialistischen Zeitungen wie The Labour Annual, Clarion oder Justice vorgestellt und unterstützt. Kropotkin präsentiert sein Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902), in dem er die Rolle des Konzepts der Solidarität im Gegensatz zum populären des Überlebens des Stärkeren in der Evolution betont, auf einer Veranstaltung der League. Salt ist der Meinung, dass es einer Veränderung hin zu einer Ökonomie bedarf, die nicht auf Profit ausgerichtet ist, damit sich das Verhalten gegenüber den Tieren überhaupt grundlegend ändern kann. In einem Artikel mit der Überschrift The Animal Question and the Social Question (1898) schreibt er: „So long as pecuniary profit and self-interest are accepted as guiding principles of trade, it will remain impossible to secure the right treatment for animals; because it is absurd to suppose that mankind will agree to exempt the lower races from the results of an economic tyranny of which men are also victims.“ Die Forderung nach der Befreiung der Tiere sieht er als Fortsetzung der menschlichen Emanzipationsbestrebungen. In Animals‘ Rights. Considered in Relation to Social Progress (1892) schreibt er hierzu: „The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals“, und: „It is not human life only that is lovable and sacred, but all innocent and beautiful life: the great republic of the future will not confine its beneficence to man.“ Die Befreiung von Mensch und Tier sind für Salt untrennbar miteinander verbunden, eine ohne die andere gar nicht möglich. In der Autobiografie des Engländers, die den ironischen Titel Seventy Years among Savages (1931) trägt, heißt es: „The emancipation of men from cruelty and injustice will bring with it in due course the emancipation of animals also. The two reforms are inseparably connected, and neither can be fully realized alone.“ Entsprechend gelte es Folgendes zu überwinden: „The exploitation of one race by another race, of one class by another class, of the lower animals by mankind.“
Die Humanitarian League wird auch von Louise Lind-af-Hageby (1878-1963) unterstützt; sie ist Mitglied der Women’s Freedom League (WLF), 1909 gründet sie die Animal Defence and Anti-Vivisection Society, außerdem ist sie, in ihren eigenen Worten, militante Vegetarierin – für ihren strengen Vegetarismus wird sie ab 1944 in der durch Donald Watson (1910-2005) gegründeten Vegan Society Gleichgesinnte finden.
Emily Wilding Davison (1872-1913), eine der militantesten Suffragetten, ist der Meinung, dass Tierrechte die logische Erweiterung feministischer Forderungen sein müssen. Sie initiiert zahlreiche Brandanschläge und bekennt sich außerdem zum Anschlag auf das Privathaus des Premierministers Lloyd George im Jahr 1913. Zur Märtyrerin der Frauenwahlrechtsbewegung wird sie, als sie noch im selben Jahr beim Derby vor das Pferd des Königs läuft und an den Folgen ihrer Verletzungen stirbt. Zu ihrem Freundeskreis zählen andere Suffragetten, die ihr Tierrechtsinteresse teilen, etwa ihre spätere Biografin Gertrude Baillie Weaver (1857-1926). Sie und ihr Ehemann Harold, aktives Mitglied der Men’s League for Women Suffrage, gründen gemeinsam das National Council for Animals‘ Welfare Work. Für Harold Baillie Weaver ist Tierausbeutung die „abscheulichste Form der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken“.
Die Sozialistin und spätere Sinn Féin-Aktivistin Charlotte Despard (1844-1939) fungiert zunächst als führendes Mitglied der WSPU und ist 1907 Mitbegründerin der WLF. Im Alter von 47 Jahren wird sie, inspiriert von Texten von Percy Shelley, Vegetarierin und tritt der London Vegetarian Society bei; 1920 übernimmt sie die Präsidentschaft der Gruppe. Im Jahr 1906 begleitet Despard die Enthüllung des Brown Dog-Denkmals in Battersea. Dort ist noch heute eine Straße nach ihr benannt, die „Charlotte Despard Avenue“.

Für Teile der Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Feminismus und der Aktivismus gegen Tierausbeutung Teile desselben Kampfes gegen Unterdrückung. „Nichts könnte mich dazu bringen, ein Huhn zu essen oder die grausame Behandlung unschuldiger Tiere um ihres Pelzes willen stillschweigend zu dulden. Es läuft mir entsetzlich kalt über den Rücken, wenn ich auf einer Versammlung zum Wahlrecht für Frauen sehe, wie Frauen grässliche Trophäen von Schlachtopfern mit sich herumtragen“ – so eine Wortmeldung bei der Versammlung der National American Woman Suffrage Association im Jahr 1907. Es handelt sich um eine von vielen Stimmen, welche von jenen, die Geschichte geschrieben haben, zum Schweigen verurteilt worden sind: In der späteren Literatur über die Suffragettenbewegung findet sich das Zitat kaum noch irgendwo. Carol J. Adams, die Autorin des Buches The Sexual Politics of Meat: A Feminist-vegetarian Critical Theory (1990) merkt dazu an: „Die Allianz von Frauen und Vegetarismus in der Geschichte und in der Literatur wurde verzerrt und das aufschlussreiche Netzwerk von Feministinnen und VegetarierInnen daher überhaupt nie dargestellt. Teile der Theorien von vegetarischen Feministinnen wurden verschwiegen. Wir haben es also mit einer doppelt verschwiegenen Geschichte zu tun: der verschwiegenen Geschichte von Frauen und der verfälschten Geschichte des Tierrechtsaktivismus.“

Die hier wiedergegebenen historischen Informationen stammen aus dem in Kürze in der theorie.org-Reihe erscheinenden Buch Antispeziesismus unseres Aktivisten Matthias Rude, der auch die hier gezeigten Fotos der neuen Brown Dog-Statue im Londoner Battersea-Park gemacht hat (ein Foto der Original-Statue von 1906 findet sich z.B. hier). Mehr Fotos, auch von den aufschlussreichen Inschriften am Sockel, finden sich hier.

Vortrag zum Geist-Natur-Dualismus

Kritik des Geist-Natur-Dualismus from Errico Malatesta on Vimeo.

Den Vortrag zum Geist-Natur-Dualismus und seinen Erscheinungsformen von Susann Witt-Stahl von der Assoziation Dämmerung (ehemals Tierrechts Aktion Nord) gibt es nun als Video – das Richtige für alle, die sich einführend mit antispeziesistischer Theorie, der Grundlage einer kritischen Theorie der Tierbefreiung, Adorno und Horkheimer beschäftigen wollen. Nebenbei streift Susann als Beispiel für Ideologie auch die Aktion Kirche für Tiere (AKUT) und die sogenannten „Antideutschen“. Der Vortrag wurde 2007 auf den Tierrechtstagen Recklinghausen aufgenommen.
Vielleicht ist für den einen oder die andere dieser Vortrag auch eine gute Einstimmung zur Herbstakademie der Assoziation Dämmerung „Tierbefreiung und revolutionäre Realpolitik“.

Soli-Sampler erschienen

Wenn ihr uns und unsere politische Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr dies durch den Kauf des am 4. Mai erschienenen Benefit-Soli-Samplers tun, den das Label Black Rose Records für uns gemacht hat. 13 Künstler, 23 Tracks, 80 Minuten. Es handelt sich um eine schwarze CD (in Schallplatten-Optik) in handgemachter Hülle, die Auflage ist auf hundert, einzeln nummerierte Stücke limitiert. Den Sampler könnt ihr hier bestellen.

Weshalb wir gegen Tierversuche sind

Unser Redebeitrag bei der gestrigen Demonstration gegen Affenversuche:

Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, sind eine Gruppe von Menschen aus der Tübinger Linken. Als Schwerpunkt unserer politischen Arbeit haben wir die Kritik am Speziesismus gewählt – dem Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jeder Ideologie, die dieses legitimiert und verschleiert. Weshalb? Wir finden, es ist an der Zeit, die Forderung nach gesellschaftlicher Befreiung und nach einem Ende von Ausbeutung nicht länger auf die Menschen zu beschränken, denn damit trifft man eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen, der weit über die menschliche Spezies hinausreicht. Wir sind damit keineswegs die ersten; wir sehen uns in einer langen linken Tradition von Ansätzen für die Befreiung von Mensch und Tier. Die Bewegung zur Befreiung der Tiere sieht ihre Forderungen traditionell als logische Fortsetzung und Konsequenz der großen emanzipatorischen Imperative. Die Geschichte zeigt, dass diejenigen Menschen, die sich organisierten, um eine Verbesserung der elenden Situation der Tiere in der menschlichen Gesellschaft zu bewirken, durchweg auch Teil anderer Befreiungskämpfe waren: Sie stritten etwa gegen monarchistische Willkürherrschaft, für Menschenrechte, gegen die Sklaverei, für die Emanzipation der Frauen, für die Belange der lohnabhängigen Massen oder waren im antifaschistischen Widerstand aktiv. Aber sie gingen weiter, für sie war klar: Befreiung hört nicht beim Menschen auf. Im Gegensatz zu vielen visionären Kämpferinnen und Kämpfern früherer Generationen wären wir heute in der Lage, den Gedanken der Tierbefreiung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu machen, denn die Ausbeutung von Tieren ist auf dem technischen Stand unserer Gesellschaft objektiv unnötig geworden. Dennoch wird sie fortgesetzt und sogar zum industriell rationalisierten, durchorganisierten System gesteigert.

Die kapitalistische Gesellschaft gleicht einer riesigen Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur; diese findet ihren sinnfälligsten Ausdruck im Herrschaftsverhältnis gegenüber den Tieren. Das Mensch-Natur- und das Mensch-Tier-Verhältnis der westlichen Kultur, das im Zuge der Europäisierung der Erde dominant geworden ist, ist ein in seinem Ursprung patriarchales, und ist durch und durch von Herrschaft geprägt. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno drücken dies in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung folgendermaßen aus: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt.“ Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung: Sie wird von der menschlichen Vernunft, die zum bloßen Instrument der Herrschaft degradiert worden ist, geordnet, kategorisiert, eingeteilt, um sie besser beherrschen und ausbeuten zu können. Andere Tiere treten der menschlichen Wahrnehmung zunehmend weniger als Individuen, als vielmehr nur noch als bloße Vertreter ihrer Gattung gegenüber. So geht etwa das Versuchstier „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“, wie Adorno und Horkheimer schreiben.

Die Autoren der Dialektik der Aufklärung, die viel Einfluss etwa auf die Studentenbewegung und damit auf die Neuen Sozialen Bewegungen hatten, analysieren, dass der Mensch im Prozess seiner Befreiung das Schicksal mit der übrigen Welt teilt. So ist die Geschichte der Anstrengungen des Menschen, die Natur zu beherrschen, auch die Geschichte der Herrschaft des Menschen über den Menschen. In die Sphäre des Natürlichen, die es zu beherrschen gilt, fallen nicht nur die Tiere, sondern traditionell auch die zu beherrschende Frau und der zu unterjochende Fremde: Sexismus, Rassismus und Speziesismus hängen untrennbar miteinander zusammen und bedürfen einer gemeinsamen Lösung. Eine befreite Gesellschaft zu erreichen, ohne auch die Tiere zu befreien, ist deshalb ein Widerspruch in sich. Tatsächlich ist Tierbefreiung Voraussetzung und Resultat menschlicher Befreiung. Aus diesem Grund kämpfen wir gegen jegliche Tierausbeutung, die im Tierexperiment mit ihren grausamsten Ausdruck findet.
Die Abgrenzung zu anderen Tieren war besonders wichtig für das Heraustreten des Menschen aus der Natur: „Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus“, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit sei dieser Gegensatz „von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens“ immer wieder bestätigt worden, dass dieser Gegensatz wie nur wenige weitere Ideen bis heute zum Grundbestand der westlichen Anthropologie geworden sei. Diejenigen, die die Ablösung der Beobachtung freilebender Tiere durch das Laborexperiment vorgenommen haben, haben diesen Gegensatz „bloß scheinbar vergessen“. In Wahrheit aber bestärken sie ihn – denn das Tierexperiment vermag weder etwas über das Tier in Freiheit, noch etwas über den Menschen an sich auszusagen; tatsächlich offenbart diese Praxis vor allem, wie sehr der Mensch im Kapitalismus sich selbst und der Natur entfremdet wurde.

Horkheimer und Adorno schreiben über Tierexperimentatoren: „Daß sie auf die Menschen dieselben Formen und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art. Der Schluß, den sie aus verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. […] Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. […] Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. […] Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, daß sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß.“
Wir danken euch, dass wir heute mit euch und eurem Protest „rechnen“ konnten. Wir hoffen, dass wir euch mit diesem Einblick in unsere Theorie zeigen konnten, weshalb es für uns unabdingbar ist, die Befreiung der Tiere nicht unabhängig von jener des Menschen zu betrachten und andersherum. Tierexperimente sind ein Ausdruck einer Form von Herrschaft, die uns alle verletzt – diese Praxis ist Teil unserer Unfreiheit, da sie dazu beiträgt, unser Verhältnis zu den Tieren und jenes zu anderen Menschen zu verstümmeln. Sie gehört deshalb, ohne Wenn und Aber, abgeschafft.

Mehr Fotos von der Demonstration auf unserer Facebook-Seite.

Ein Video von der Demonstration gibt es hier.

Wir haben die Antispeziesistische Aktion Tübingen im Jahr 2007 gegründet, um unserem Anliegen, die Befreiung von Mensch und Tier voranzutreiben, effektiveren Ausdruck zu geben. Wir beteiligen uns nicht nur seit 2009 an der Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche, sondern arbeiten auch an der linken Theorie der Tierbefreiung und auf eine größere Organisierung der Tierbefreiungsbewegung hin. Ein Buch zum Thema, geschrieben von einem unserer Aktivisten, erscheint in Kürze.

Wenn ihr Interesse daran habt, bei unserer Gruppe mitzumachen, kommt zum offenen Treffen am Donnerstag, 16. Mai 2013, um 19 Uhr im Infoladen im Keller der Schellingstraße 6.

Ankündigung: „Raum für Experimente“

„Adorno hatte recht“, kommentiert das Schwäbische Tagblatt unseren Leserbrief, in dem wir nicht nur auf die morgige Demonstration gegen Affenversuche hinweisen, sondern auch darauf, dass Tierversuche eine Praxis darstellen, „die Teil menschlicher Unfreiheit ist, da sie dazu beiträgt, unser Verhältnis zu den Tieren und jenes der Menschen untereinander zu verstümmeln.“
Auch in der Stadtzeitung Tübingen im Fokus wird in der aktuellen Ausgabe, die heute erschienen ist, kritisch auf das Verhalten der Grünen gegenüber ihrem Wahlversprechen, die Affenversuche abzuschaffen, eingegangen, in einem Kommentar mit dem Titel Demokratie? „Hochgefährlich“.
Wir hoffen, morgen mit unserer Demonstration ein starkes Zeichen zu setzen! Ab 11 Uhr gibt es Infostände auf dem Marktplatz, ab 12 Uhr beginnt der Demonstrationszug durch die Innenstadt gegen die Experimente an Primaten, die in Tübingen an drei Instituten betrieben werden. Danach bieten wir in der Hausbar im Keller des Wohnprojekts Schellingstraße 6 „Raum für zwischenmenschliche Experimente“.




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