Brown Dog Riots: Allianzen zwischen Arbeiter-, Antivivisektions- und Frauenbewegung

Im Jahr 1906 wird das erste „Brown Dog“-Denkmal in Battersea enthüllt, jenem Stadtteil Londons, der damals als Hochburg der Gewerkschafts- und anderen sozialen Bewegungen sowie als Wiege für radikale Klassenpolitik gilt. Das Denkmal, das symbolisch für die Opfer der Vivisektion errichtet wird, wird schnell zum Ausgangspunkt für die heftigsten und militantesten Auseinandersetzungen, welche die britische Tierrechtsbewegung bis zu diesem Zeitpunkt geführt hat.

Die englische Antivivisektionsbewegung im 19. Jahrhundert ist mit der feministischen Bewegung der Zeit derart überlagert, dass die Medizinstudenten des University College, die ab 1906 gegen die Aufstellung des Denkmals protestieren, Antivivisektions- und Frauenwahlrechtsbewegung gleichsetzen: Sie stören zahlreiche Veranstaltungen letzterer, um gegen erstere vorzugehen. Medizinstudenten versuchen immer wieder, das Denkmal zu zerstören, stoßen dabei aber auf den vehementen Widerstand der Vivisektionsgegner sowie der Bevölkerung des Arbeiterviertels, die in dem Hund offenbar ein Symbol für ihre eigene Unterdrückung sieht. Über Jahre hinweg, zwischen 1903 und 1910, wird der Konflikt, bekannt als Brown Dog Riots, ausgetragen. Ort der Auseinandersetzungen ist sowohl Battersea als auch das Londoner Zentrum, wo auf dem Trafalgar Square Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmenden stattfinden. Unter dem Druck der Kontroverse wurde die Statue 1910 vom Bezirksrat geheim entfernt.
Die neue Statue, die man hier auf den Fotos sieht, wurde erst 1985 im Battersea Park errichtet – gestiftet von der British Union for the Abolition of Vivisection und der National Anti-Vivisection Society. 1992 wurde die Statue innerhalb des Parks an den Rand eines Pfades nahe des Old English Garden versetzt, wo sie kaum auffindbar ist. Auf dem Sockel finden sich unter anderem folgende Inschriften: In Memory of the Brown Terrier Dog Done to Death in the Laboratories of University College in February 1903 after having endured Vivisection extending over more than Two Months and having been handed over from one Vivisector to Another Till Death came to his Release. Also in Memory of the 232 dogs Vivisected at the same place during the year 1902. Men and women of England how long shall these things be?, und: Animal experimentation is one of the greatest moral issues of our time and should have no place in a civilised society.

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert existieren nicht nur bemerkenswerte Allianzen zwischen der Antivivisektions- und der Arbeiterbewegung – prominente Vertreter der Arbeiterbewegung unterzeichnen 1896 ein Manifest gegen die Vivisektion, in dem es heißt: „such experimentaion on living animals is opposed to the right feelings and true interests of the working classes“ –, auch zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung bestehen enge Verbindungen. Der Begriff „Suffragetten“ bezeichnet zu Anfang des 20. Jahrhunderts jene Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den USA, die mit verschiedenen Methoden für das Frauenwahlrecht kämpfen. In ihrer militanten Erscheinungsform übernimmt die Frauenwahlrechtsbewegung in diesen Jahren Methoden, die den Protestformen der radikalen Arbeitertradition entliehen sind und auf die sich wiederum die Tierrechtsbewegung bezieht. Die erklärte Absicht der militanten Suffragetten war, niemals Menschen oder Tiere zu gefährden – aber, so Emmeline Pankhurst (1858-1928), Mitglied der Independent Labour Party und Mitbegründerin der Women’s Social and Political Union (WSPU), im Jahr 1913: „Wenn es dafür notwendig ist, um das Wahrecht zu erhalten, werden wir soviel Schaden an Eigentum anrichten, wie wir können.“ Die Maßnahmen reichen von der Durchführung von Demonstrationen und der Störung von Parlamentssitzungen über Streikposten, Ankettungen und Angriffe auf Regierungsmitglieder bis hin zur Zerstörung von Fensterscheiben, Briefkästen und Briefsendungen, dem Einsatz von Brandbomben und der Brandstiftung an Häusern, Bahnhöfen und Schlössern. Des Weiteren verweigern sich einige der Zahlung von Steuern. „Es gibt etwas, um das sich Regierungen viel mehr Sorgen machen, als um menschliches Leben, und das ist die Sicherheit des Eigentums. Und so ist es durch das Eigentum, dass wir den Feind bekämpfen werden. Seid militant, jede auf ihre Art“, lässt Emmeline Pankhurst verlautbaren, und weiter: „Das Argument der zerbrochenen Fensterscheibe ist das wertvollste Argument moderner Politik.“ Ab 1912 ist die WSPU praktisch eine illegale Organisation, ihre Anführerinnen befinden sich entweder im Gefängnis oder im Exil in Paris, von wo aus sie die Leitung aus dem Untergrund weiterführen.
Abgesehen von der Wahl der Mittel, bestehen auch personelle Überschneidungen zwischen der Frauenwahlrechts-, der Tierrechts- und der Arbeiterbewegung. Frances Power Cobbe (1822-1904) etwa ist nicht nur Teil des Exekutivkomittees der 1868 gegründeten National Society for Woman Suffrage, sondern auch Begründerin der Victoria Street Society – der Vorgängerorganisation der noch heute bestehenden National Anti-Vivisection Society – sowie der British Union for the Abolition of Vivisection. Die Sozialistin Isabella Ford (1855-1924) engagiert sich für die Rechte der Frauen aus der Arbeiterklasse und ist gleichzeitig gegen Vivisektion und andere Tierausbeutung in der von Henry Salt (1851-1939) gegründeten Humanitarian League aktiv. Zwischen der League und der sozialistischen Bewegung bestehen wechselseitige Verbindungen, die Arbeit der Gesellschaft und die Themen Vegetarismus und Tierrechte werden auch in sozialistischen Zeitungen wie The Labour Annual, Clarion oder Justice vorgestellt und unterstützt. Kropotkin präsentiert sein Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902), in dem er die Rolle des Konzepts der Solidarität im Gegensatz zum populären des Überlebens des Stärkeren in der Evolution betont, auf einer Veranstaltung der League. Salt ist der Meinung, dass es einer Veränderung hin zu einer Ökonomie bedarf, die nicht auf Profit ausgerichtet ist, damit sich das Verhalten gegenüber den Tieren überhaupt grundlegend ändern kann. In einem Artikel mit der Überschrift The Animal Question and the Social Question (1898) schreibt er: „So long as pecuniary profit and self-interest are accepted as guiding principles of trade, it will remain impossible to secure the right treatment for animals; because it is absurd to suppose that mankind will agree to exempt the lower races from the results of an economic tyranny of which men are also victims.“ Die Forderung nach der Befreiung der Tiere sieht er als Fortsetzung der menschlichen Emanzipationsbestrebungen. In Animals‘ Rights. Considered in Relation to Social Progress (1892) schreibt er hierzu: „The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals“, und: „It is not human life only that is lovable and sacred, but all innocent and beautiful life: the great republic of the future will not confine its beneficence to man.“ Die Befreiung von Mensch und Tier sind für Salt untrennbar miteinander verbunden, eine ohne die andere gar nicht möglich. In der Autobiografie des Engländers, die den ironischen Titel Seventy Years among Savages (1931) trägt, heißt es: „The emancipation of men from cruelty and injustice will bring with it in due course the emancipation of animals also. The two reforms are inseparably connected, and neither can be fully realized alone.“ Entsprechend gelte es Folgendes zu überwinden: „The exploitation of one race by another race, of one class by another class, of the lower animals by mankind.“
Die Humanitarian League wird auch von Louise Lind-af-Hageby (1878-1963) unterstützt; sie ist Mitglied der Women’s Freedom League (WLF), 1909 gründet sie die Animal Defence and Anti-Vivisection Society, außerdem ist sie, in ihren eigenen Worten, militante Vegetarierin – für ihren strengen Vegetarismus wird sie ab 1944 in der durch Donald Watson (1910-2005) gegründeten Vegan Society Gleichgesinnte finden.
Emily Wilding Davison (1872-1913), eine der militantesten Suffragetten, ist der Meinung, dass Tierrechte die logische Erweiterung feministischer Forderungen sein müssen. Sie initiiert zahlreiche Brandanschläge und bekennt sich außerdem zum Anschlag auf das Privathaus des Premierministers Lloyd George im Jahr 1913. Zur Märtyrerin der Frauenwahlrechtsbewegung wird sie, als sie noch im selben Jahr beim Derby vor das Pferd des Königs läuft und an den Folgen ihrer Verletzungen stirbt. Zu ihrem Freundeskreis zählen andere Suffragetten, die ihr Tierrechtsinteresse teilen, etwa ihre spätere Biografin Gertrude Baillie Weaver (1857-1926). Sie und ihr Ehemann Harold, aktives Mitglied der Men’s League for Women Suffrage, gründen gemeinsam das National Council for Animals‘ Welfare Work. Für Harold Baillie Weaver ist Tierausbeutung die „abscheulichste Form der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken“.
Die Sozialistin und spätere Sinn Féin-Aktivistin Charlotte Despard (1844-1939) fungiert zunächst als führendes Mitglied der WSPU und ist 1907 Mitbegründerin der WLF. Im Alter von 47 Jahren wird sie, inspiriert von Texten von Percy Shelley, Vegetarierin und tritt der London Vegetarian Society bei; 1920 übernimmt sie die Präsidentschaft der Gruppe. Im Jahr 1906 begleitet Despard die Enthüllung des Brown Dog-Denkmals in Battersea. Dort ist noch heute eine Straße nach ihr benannt, die „Charlotte Despard Avenue“.

Für Teile der Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Feminismus und der Aktivismus gegen Tierausbeutung Teile desselben Kampfes gegen Unterdrückung. „Nichts könnte mich dazu bringen, ein Huhn zu essen oder die grausame Behandlung unschuldiger Tiere um ihres Pelzes willen stillschweigend zu dulden. Es läuft mir entsetzlich kalt über den Rücken, wenn ich auf einer Versammlung zum Wahlrecht für Frauen sehe, wie Frauen grässliche Trophäen von Schlachtopfern mit sich herumtragen“ – so eine Wortmeldung bei der Versammlung der National American Woman Suffrage Association im Jahr 1907. Es handelt sich um eine von vielen Stimmen, welche von jenen, die Geschichte geschrieben haben, zum Schweigen verurteilt worden sind: In der späteren Literatur über die Suffragettenbewegung findet sich das Zitat kaum noch irgendwo. Carol J. Adams, die Autorin des Buches The Sexual Politics of Meat: A Feminist-vegetarian Critical Theory (1990) merkt dazu an: „Die Allianz von Frauen und Vegetarismus in der Geschichte und in der Literatur wurde verzerrt und das aufschlussreiche Netzwerk von Feministinnen und VegetarierInnen daher überhaupt nie dargestellt. Teile der Theorien von vegetarischen Feministinnen wurden verschwiegen. Wir haben es also mit einer doppelt verschwiegenen Geschichte zu tun: der verschwiegenen Geschichte von Frauen und der verfälschten Geschichte des Tierrechtsaktivismus.“

Die hier wiedergegebenen historischen Informationen stammen aus dem in Kürze in der theorie.org-Reihe erscheinenden Buch Antispeziesismus unseres Aktivisten Matthias Rude, der auch die hier gezeigten Fotos der neuen Brown Dog-Statue im Londoner Battersea-Park gemacht hat (ein Foto der Original-Statue von 1906 findet sich z.B. hier). Mehr Fotos, auch von den aufschlussreichen Inschriften am Sockel, finden sich hier.





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