Totale Transparenz

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Entwicklung zur Totalökonomisierung aller Lebensbereiche tendiert; der angestrebten Totalität entsprechen die Methoden, welcher sich die Herrschenden und die Eliten zunehmend bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Abgeschirmt von der Öffentlichkeit zwingen inmitten unserer sich kultiviert nennenden Gesellschaft, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sich ausgedrückt haben, Experimentatoren „verstümmelten Tierleibern“ den „blutigen Schluß“ ab, ohne dass dies ein Großteil der Bevölkerung überhaupt mitbekommt. So sind sich viele Menschen, die in Tübingen leben, überhaupt nicht darüber bewusst, dass die Laboratorien sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden.
Seitdem wir in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. im Rahmen der Kampagne Stoppt Affenversuche in Tübingen! im Jahr 2009 angefangen haben, Tierversuche ins öffentliche Bewusstsein bringen, versuchen die Institute, an denen die Experimente durchgeführt werden, diese nach Möglichkeit weiterhin im Verborgenen zu halten. So belügt etwa das Max-Planck-Institut seine eigenen Angestellten bezüglich der dort stattfindenen Versuche – eine ehemalige Mitarbeiterin spricht von „Informationsverschleierung“. Die Affen werden zu geheimen Zeiten unbemerkt an die Institute geliefert. Medien bekommen keinen Zugang zu den Versuchen, Informationen bleiben rar. Über das Hertie Institut schreibt eine Lokalzeitung: „Fotografieren ist dort nicht erlaubt. Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.“
Unter dem mit der Kampagne aufgebauten politischen Druck – unter anderem wurden über 60.000 Unterschriften gegen die Versuche gesammelt, die Grünen nahmen die Forderung nach einem Verbot von Primatenexperimenten in ihr Programm zur Landtagswahl 2011 auf –, sahen die Institute sich jetzt jedoch unter Zugzwang. So lud das Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN), welches jene Institute, an denen die Affenversuche betrieben werden, vereint, am 24. Juni zur öffentlichen Veranstaltung „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ in der Universitäts-Kinderklinik. Das Ergebnis des „Gesprächs“ stand bereits fest: Die angebliche Notwendigkeit von Tierversuchen wurde vorausgesetzt, es sollte lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten – „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Die „Sicht der Patienten“ vetrat dabei der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ sprach der Tübinger Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, „ethische Erwägungen“ sollte Dr. Dr. Karin Blumer anstellen, Lobbyistin der Novartis AG, Pharmakonzern und einer der größten Tierversuchs-Betreiber – eine einzige Farce. Es handelte sich um eine PR-Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Nachdem die Universität Tübingen aufgrund des „Exzellenzclusters“ CIN und der dort betriebenen Tierversuche zur „Eliteuniversität“ geworden ist, geht es nun darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von dieser Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit überaus banalen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. Die Experimentatoren spielen dafür mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod. CIN-Leiter Thier war sich nicht zu schade, eine schwerkranke Patientin regelrecht vorzuführen – als angebliche „lebende Begründung“ für Tierversuche, wie die Zeitung Schwäbisches Tagblatt schrieb (ein kritischer Leserbrief zu diesem „Affentheater“ findet sich hier).
Nach der von unserem Protest begleiteten Veranstaltung ist alles, was die Universität in ihrem „Newsletter“, der an alle Studierenden verschickt wird, von der Veranstaltung berichtet, dass die Diskussion „stellenweise emotional“ geführt worden sei und „Tierschützer“ im Publikum gefordert hätten, „verstärkt auf alternative Forschungsverfahren auszuweichen.“ Nach einer Auflistung der Argumente der Experementatoren und Lobbyisten heißt es dann: „Man habe nichts zu verbergen und sei auch zu diesem Thema dialogbereit. Das erste CIN Gespräch ist aus Sicht der mit Tierversuchen arbeitenden Wissenschaftler ein Schritt hin zu mehr Transparenz.“
Hier wurde sich Herrschaftsintrumenten bedient, die Herbert Marcuse bereits im Jahr 1965 beschrieb. In seinem Text über „Repressive Toleranz“ – in dem es übrigens am Anfang heißt: „Daß die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft“ – beschreibt Marcuse die Form des Umgangs mit politischer Opposition, die für die bürgerlichen, formal demokratischen Staaten typisch ist: Ignorieren, so weit sie sich an die Regeln hält, und die Polizei schicken, wenn sie es nicht tut. Vorgeblich soll in der „demokratischen“ politischen Ordnung ein „Dialog“ ermöglicht werden, um durch Meinungswettstreit zu den, wie man unterstellt, bestmöglichen Entscheidungen zu kommen. So jedenfalls die Theorie. Unter den Bedingungen einer ökonomisch prosperierenden Gesellschaft mit einer kulturindustriell vereinheitlichten Öffentlichkeit und einer randständigen Opposition hat die Debatte zwischen radikal oppositionellen und etablierten Positionen allerdings diese Bedeutung verloren, auch wenn formale Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet sind: Der Diskurs ist nur deshalb formal herrschaftsfrei, weil er dem Gang der Dinge gegenüber wirkungslos bleibt – aus seinen Ergebnissen folgt nichts. Unter solchen Bedingungen des Verzichtes auf Konsequenzen aus einer vernuftgeleiteten Debatte setzt sich natürlich immer der Status quo durch. Der bestehende Dissens wird dann, ungeachtet seines Inhalts, sogar noch zum formalen Beweis der Liberalität eines Systems, das seine Grundlagen, wie das Privateigentum an Produktionsmitteln oder das Führen eines mörderischen Krieges in anderen Teilen der Welt, nicht dem Ergebnis einer Diskussion unterwirft und hinter dem Schleier des Sachzwanges oder der Alternativlosigkeit versteckt, aber gerne darüber diskutieren lässt, solange dies folgenlos bleibt. Marcuse meint, dass das, was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, „in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung“ diene. In einer Gesellschaft totaler Verwaltung wird die Freiheit – etwa der Meinungsäußerung, Versammlung und Rede – als ein Instrument missbraucht, um die Knechtschaft freizusprechen.1
Wir leben in einer Gesellschaft, deren Entwicklung zur Totalökonomisierung aller Lebensbereiche tendiert; der angestrebten Totalität entsprechen die Methoden, welcher sich die Herrschenden und die Eliten zunehmend bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen. Deren Gipfel wurde am treffensten von George Orwell in „1984″ beschrieben. Die im Roman herrschende Diktatur setzt Begriffe mit ihrem gegenteiligen Inhalt gleich. So lässt die Regierung etwa verkünden: „Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ Um Forschung zu legitimieren, welche auch militärischen Interessen und Zwecken dient, wird diese vom CIN einfach zu ihrem eigenen Gegenteil erklärt – oder, wie es bei Orwell heißt: „Krieg ist Frieden“. In ihrem „Newsletter“ hat die Universität die Tübinger Parolen Orwellscher Art um eine neue bereichert, sie lautet: „Propaganda ist Transparenz!“

Mehr zum Thema: Universität Tübingen: Forschung für die Elite.

  1. Herbert Marcuse: Repressive Toleranz, in: Schriften, Band 8, Springe 2004, 136-166, 136, 138; Michael Schwandt: Kritische Theorie. Eine Einführung, Stuttgart 2010, 168f. [zurück]

2 Antworten auf „Totale Transparenz“


  1. 1 Stefan Wehmeier 26. Juli 2013 um 14:19 Uhr

    “Der grundlegende Irrtum von Marx, der ihn vom Weg der klassenlosen Gesellschaft abirren und auf die schiefe Ebene des Kommunismus (Totalitarismus) geraten ließ, besteht darin, die Ursache der Ausbeutung im Privateigentum an den Produktionsmitteln zu suchen. In logischer Fortführung dieses Gedankens gelangt er dann zu seinem bekannten Vorschlag, dieses Privateigentum zu beseitigen, die Produktionsmittel zu sozialisieren, was lediglich auf eine Verstaatlichung hinausläuft. Wenn man, wie Marx, annimmt, dass das Privateigentum an den Produktionsmitteln den Zins bedingt, dann muss man von einer Beseitigung des Privateigentums auch die Beseitigung des Zinses, den er „Mehrwert“ nennt, erhoffen.
    Die Überwindung des Kapitalismus ist daher für Marx lediglich eine Enteignungsfrage.
    Marx erliegt dem optischen Eindruck und hält das Kapital in völliger Übereinstimmung mit der klassischen Nationalökonomie für eine Sache. Wer diese Sache zufällig besitzt, der vermag, nach Marx, andere auszubeuten. Für ihn ist der Unternehmer, weil er die Produktionsmittel in der Regel besitzt, kurzerhand der Ausbeuter.
    Dieser Ansicht von Marx ist entgegenzuhalten: Nicht weil die Fabrik, das Mietwohnhaus, der Verkehrsbetrieb sich in privaten Händen befindet, vermag der Eigentümer einen Zins zu erzielen, sondern weil es zu wenig von diesen Sachgütern gibt, weil sie knapp sind. Die Knappheit bedingt also den Zins. Und diese Knappheit wird durch die Form des heutigen Geldes verewigt, das bei gesunkenem Sachzins die Investition verweigert; das sie verweigern kann, weil es streikfähig ist. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln allein genügt keineswegs, um einen Zins zu erzielen.”

    Otto Valentin (Die Lösung der Sozialen Frage, 1952)

    Mehr braucht es nicht, um den ganzen marxistischen Unsinn und damit auch die so genannte “kritische Theorie” ad absurdum zu führen.

    Nur mit einem hatte Karl Marx recht, auch wenn er als Ökonom keine Leuchte war: Die Religion ist das „Opium des Volkes“. Doch der „Unglaube“ ist wirkungslos. Wer sich von dieser schlimmsten aller Drogen befreien will, muss den Erkenntnisprozess der „Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion“ durchlaufen!

  2. 2 Administrator 20. Oktober 2013 um 20:06 Uhr

    Dieser Ansicht von Marx ist entgegenzuhalten: Nicht weil die Fabrik, das Mietwohnhaus, der Verkehrsbetrieb sich in privaten Händen befindet, vermag der Eigentümer einen Zins zu erzielen, sondern weil es zu wenig von diesen Sachgütern gibt, weil sie knapp sind. Die Knappheit bedingt also den Zins.

    Naja, dieser Valentin macht sichs da auch leicht. Klar ist die Knappheit notwendig um Mehrwert zu abzuschöpfen (welcher auch nicht mit Zins gleichgesetzt werden kann): Wenn die Produkte einer Fabrik so massenhaft vorhanden wären, dass nur noch der tatsächliche Produktionspreis dafür gezahlt würde, könnte kein Mehrwert abgeschöpft werden und die Produktion würde umgehend gestoppt werden. Aber genau deshalb besteht die Knappheit ja: weil sie notwendig ist, damit private Produktionsmittelbesitzer Profit machen können.
    Deshalb besteht solange die Mittel in privater Hand sind kein Intresse die Knappheit abzuschaffen: Wenn die Nahrungsmittel freigegeben statt vernichtet werden, funktionierte die kapitalistische Nahrungsmittelproduktion nicht mehr. Deshalb werden Milliarden Tonnen Nahrungsmittel vernichtet, obwohl ein Drittel der Menschheit unter knappen Nahrungsmitteln leidet.

    Noch deutlicher und absurder ist es bei Software: Von ihrer Natur her ist Software, also Musik, Baupläne, Filme, Videospiele, Ideen usw. frei und kann beliebig oft kopiert werden. Es besteht also keine Knappheit, weil alle die einen USB-Stick haben, sich alles kopieren können was sie wollen. Dann gibt es aber keinen Profit mehr für Film-, Musik- und Videospieleindustrie und sie müssen daher künstliche Knappheit schaffen, indem das Kopieren als „Raubkopieren“ diffamiert wird und unter Strafe gestellt wird. Hier wird deutlich wie viel Mühe (Polizei und Cyberdetektive, Kopierschutz, Gerichte und Strafen) aufgewendet werden muss, um eine künstliche Knappheit zu schaffen, damit die Profitlogik noch funktioniert und der Kapitalismus sich weiterentwickelt. Linke Medienaktivist*innen schlagen schon lange verschiedene Formen der „Vergesellschaftung der digitalen Produktionsmittel“ vor z.B. die sogenannte Kulturflatrate oder andere formen der gesellschaftlich finanzierten Kunst und Kultur. Die Idee ist einfach: Musik, Filme, Software, werden gesamtgesellschaftlich finanziert, Künstler*innen bekommen eine Künstlerrente und die geschaffenen Produkte werden der gesamten Gesellschaft kostenlos zur Verfügung gestellt. Digitaler Kommunismus. Dann würde Kunst und Kultur nicht mehr nach dem Prinzip der Profitmaximierung geschaffen, sondern nach der künstlerischen Idee der Kulturschaffenden.
    An diesem Beispiel wird klar, dass Stefan Wehmeier und der von ihm zitierte Otto Valentin sich gar nicht klar waren und sind, in welchen Dimensionen Marx den Kapitalismus erfasst hat und dass das nicht mit drei Sätzen eines Vulgärökonomen widerlegt werden kann, was nicht heißt, das Marx keine Fehler gemacht hätte oder keine blinden Stellen gehabt hätte.

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