Vegan-Hype: Ursachen und Vereinnahmung aus kämpferischer Perspektive

Was heute alltäglich ist, hätte noch vor fünf Jahren kaum jemand aus der Tierrechtsszene für möglich gehalten: Geschäfte werben damit, dass sie vegane Artikel führen, große, bürgerliche Zeitungen wie die „Süddeutsche“ oder „Die Zeit“ behandeln den Veganismus in ganzseitigen Artikeln, im Privatfernsehen wird über Veganismus gesprochen, große Fleischkonzerne bringen vegane Produktlinien heraus.1 Sind wir dabei zu gewinnen? Nein und ja…

Der Hype in Zahlen

Es herrscht ein Vegan-Hype, das ist nicht zu leugnen. Und an seinem Aufkommen sind „wir“ Tierbefreierinnen maßgeblich beteiligt.2 Seit Jahrzehnten stehen sich Generationen von Tierrechtlerinnen und Tierbefreierinnen3 auf den Straßen dieser Welt die Beine in den Bauch, um Veganismus-Flyer zu verteilen, streiten sich mit Laden- und Restaurantbesitzerinnen, um etwas ohne Milch, Ei und Fleisch zu bekommen und sorgen mit nächtlich sabotierten Tierbetrieben ab und zu für Schlagzeilen. Den Vegetarismus und den Veganismus in der Welt bekannt zu machen, hat „uns“ Jahrzehnte der Mühe, Arbeit, des Aktivismus, der gemeinsamen Kämpfe, der Kreativität und so weiter gekostet. Das war nicht umsonst, denn ohne „uns“ gäbe es diesen Vegan-Hype heute sicher nicht. Da können wir uns getrost gegenseitig auf die Schultern klopfen und feiern!
Dennoch sollten wir uns auch von diesem ersten großen Erfolg nicht blenden lassen. Schließlich bedeutet der Vegan-Hype keineswegs, dass dadurch weniger Tiere4 gefangen gehalten, gequält und ermordet werden. Obwohl sich die Zahl der Vegetarierinnen in Deutschland laut einer Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim seit 2006 verdoppelt5 hat (laut diesen Zahlen auf 3,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, andere Zahlen geben schön länger weit höhere Prozentsätze an) und dem Meinungsforschungsinstitut forsa nach rund 52 Prozent der Bundesbürgerinnen angeben, weniger Fleisch essen zu wollen, kann der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie gelassen berichten, dass der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch in Deutschland von 2001-2012 stabil war und erst 2013 um 2,1 Kilo auf 59,2 Kilo sank.6 Dies bestätigt die Prognose des marxistischen Antispeziesisten Marco Maurizi, dass der Veganismus nicht die Ausbeutung der Tiere* beenden kann.7 Die individuelle Konsumhaltung ist im Kapitalismus nicht direkt mit der Produktion verknüpft, da dort nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern für Profite produziert wird. So kann beispielsweise eine starke vegane Bewegung dazu führen, dass das Fleisch billiger wird und die fleischkonsumierende Bevölkerung umso mehr Fleisch isst. Genau das könnte auch die momentane Situation erklären, ist aber nur eine der vielen komplexen Wechselwirkungen der Ökonomie. Hinzu kommt, dass die Fleischindustrie durch die EU und die Bundesländer auch noch millionenschwer subventioniert wird; die PHW-Gruppe („Wiesenhof“) erhielt beispielsweise alleine vom Land Niedersachsen im Jahr 2007 4,2 Millionen Euro.8

Reaktionen der Fleischindustrie

Doch die Fleischindustrie reagiert schon früh auf den Trend des reduzierten Fleischkonsums. Einerseits wird verstärkt auf den Export gesetzt; so erhöhte sich der Anteil des jährlich exportierten Fleisches von 2001 bis 2010 um 250 Prozent auf 3,7 Millionen Tonnen.9 Zwar scheinen Fleischexporte im Wert von 8,17 Milliarden Euro10 bei einem insgesamten Exportvolumen von 951 Milliarden Euro11 nur wenig Bedeutung zu haben, jedoch ist das im Autoland und Exportvizeweltmeister Deutschland bereits schon sehr viel (Zahlen für 2010). So werden in Deutschland die dritt-meisten Schweine weltweit geschlachtet: 59 Millionen Tiere im Jahr, während es bei den beiden Spitzenreitern China 661 Millionen und in den USA 110 Millionen sind.12 Diese Masse an Produktion erreicht Deutschland, wie andere Produktionsstandorte, auch durch intensive Massentierhaltung, extremes Lohndumping und Ausbeutung oft migrantischer Arbeiterinnen, Billigfuttermittelimporte usw. Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte zu einem Stundenlohn von 3-5 Euro erfolgt unter schlimmsten Bedingungen und strengen Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse erkämpfen können (Kasernierung, Redeverbote). Diese Umstände haben sogar den niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies dazu bewegt, die Verhältnisse in den Schlachtfabriken mit „moderner Sklaverei“ zu vergleichen.13

Die zweite Reaktion der Fleischindustrie ist die Entdeckung des Wachstumsmarkts „vegane Produkte“. Da dieser Markt noch sehr wenig bedient wird, sehen auch große Fleischkonzerne hier enorme Wachstumsmöglichkeiten. Der Fleischkonzern Vion, größter Schweinefleischverarbeiter Europas und weltweit unter den Top 10, betreibt neben den Marken „Lutz“ (Kochschinken) und „Weimarer“ („Echte Thüringer“ Wurst) auch die Marke „Vegetaria“, die seit 2013 auf Anstoß der Albert-Schweitzer-Stiftung von vegetarischen auf vegane Produkte umstellte.14 Gut für arme oder geizige Veganerinnen, schlecht für die Seitan- und Tofu-Pioniere wie Topas in Mössingen oder Taifun in Freiburg. Solange die Lebensmittel industriell hergestellt werden, ist jedoch eine großindustrielle Produktion von speziell veganen Fleischersatzprodukten wohl ein notwendiger Schritt, damit Veganismus zum Massenphänomen werden kann. Vegane Landwirtschaft mit lokalen Produktions- und Verteilungsstrukturen in Gesellschaftseigentum und unter basisdemokratischer Kontrolle dagegen wäre das, was wir anstreben würden. In diesem Spannungsfeld kann diese Entwicklung gesehen werden.

Krisen und neue Märkte

Letztlich sind solche „neue“ Märkte, die durch Labels wie „Bio“, „Vegan“ oder „Fairtrade“ entstehen, notwendig für das Kapital. Schließlich durchleben wir seit 2007 eine der heftigsten weltweiten Wirtschaftskrisen überhaupt, auch wenn deren Folgen durch die Transformation Deutschlands zum Niedriglohnland und der hiesigen Euro-Politik noch großteils kaschiert werden können. Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass das Kapital sich nicht mehr verwerten kann, d.h. „zu wenig“ Profit bei Investitionen herausspringt oder „zu wenig“ Zinsen bei Kapitaleinlagen entstehen. Stagnierendes Wachstum, also z.B. gleichbleibende statt wachsende Nachfrage nach Produkten, ist, auch wenn das an sich für eine nachhaltige Gesellschaft notwendig wäre, für die kapitalistische Wirtschaft eine Katastrophe und kann zum Auslöser einer Krise werden. Insgeamt sind Krisen jedoch ein Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, und solange der Kapitalismus herrscht, kommt es regelmäßig zu Krisen. Daher kann das Aufkommen von Krisen in Zyklen beschrieben werden, auch wenn die klassische und neoklassische Wirtschaftstheorie dies bestreitet und stets menschliches „Versagen“ für Krisen verantwortlich macht. Damit das kapitalistische Wirtschaften fortgesetzt werden und die Krise als überwunden gelten kann, müssen neue Wachstumsmöglichkeiten gefunden werden.15
Ein „neuer“ Markt, also zuvor nicht dagewesene Nachfrage nach neuen Produkten, sorgt für Wachstum und das Kapital strömt in die Produktion, in die Werbung und den Vertrieb dieses Marktes, was heißt, dass Kapital dort investiert wird. Ein Siegel oder Label, welches diesen neuen Markt umreißt, ist dazu ideal. „Bio“ machte eine ähnliche Bewegung durch wie Veganismus heute: Jahrzehnte lang organisierte und ackerte (oft auch im wörtlichen Sinne) die Umweltbewegung, um Bewusstsein und Verfügbarkeit von Produkten ohne Kunstdünger und Gifte zu erreichen. Verbunden war dies oft mit einer (wenn auch mitunter diffusen) Kritik am Kapitalismus und mit der damit verbundenen Entfremdung der wichtigsten aller Produkte: der Nahrung. Entfremdung heißt auch, dass niemand mehr weiß, wer die Nahrungsmittel angebaut hat und wo genau, wie und wann sie angebaut wurden. Die Beziehung zur Ökobäuerin um die Ecke, zum Hofladen und zum kleinen noch halbwegs transparenten Bioladen sollte dagegenwirken: Sowohl Intransparenz als auch Konkurrenz sollten durch lokale und regionale Versorgungswege verhindert oder zumindest abgemildert werden.
Jedoch nahm das Kapital die Wachstumschancen des Bio-Sektors dankend an und bediente diesen Markt vor allem mithilfe des EG-Bio-Siegels: Klare, aber minimale Regeln, die ein Produkt zum Bio-Produkt machen, ermöglichten es, innerhalb des Bio-Minimal-Konsens (insofern die Regeln überhaupt eingehalten werden) denselben Wahnsinn von Konkurrenz (Lohndruck) und Werbung (Intransparenz) weiterzutreiben. Landgrabbing und Vertreibungen, Monokultur und Mega-Plantagen, Regenwaldabholzung und Vernichtung von Ökosystemen, Lohndumping, Sklaverei, Massentierhaltung, irreführende Verpackungen, verblendende Werbekampagnen – all das ist seither auch bei den meisten Bio-Produkten Standard. Nur noch strengere Labels, die dafür nur teurere Produkte schmücken und deshalb auf dem Markt schlechtere Zukunftsaussichten haben, wie Bioland, Naturland oder Demeter, schränken genannte Phänomene ein. Denn schließlich müssen diese Labels, die „echte“ Biowaren kennzeichnen, im (Bio-)Supermarkt mit EG-Bio-Plantagenprodukten konkurrieren.

Ähnliches geschieht mit der Fairtrade-Bewegung: Auch hier baute eine Bewegung in Abgrenzung zum herkömmlichen Kapitalismus und zu den Supermärkten eigene Läden, eigene Vertriebstrukturen und unzählige Kooperativen auf. Auch hier wurde versucht, über Aufklärung in den Weltläden und über solidarische Ökonomie der Intransparenz und der Konkurrenz entgegenzutreten. Aber auch hier entstand ein Label, das Max-Havelaar-Fairtradelabel, welches kreiert wurde, um den fairen Handel in die Supermärkte zu bringen, so die ungehemmte Kommerzialisierung vereinfachte und dessen Mindestanforderungen an soziale Arbeitsbedigung in der Herstellung der Produkte weit unter denen der traditionellen Fairhandelshäuser liegen. Seit 1997, nach der Fusion mit zwei anderen Siegeln, heißt das Label nun nur noch „Fairtrade-Siegel“.
Da im Fairtrade-Bereich das ehrenamtliche Engagement und das solidarische Wirtschaften eine größere Bedeutung hat als im Bio-Sektor,16 wich diese Entwicklung etwas von der der Bio-Bewegung ab: Die Weltläden verstanden sich großteils noch bis in die 1990er und 2000er Jahre sowohl als Aufklärungskollektive als auch als Verkaufsorte, waren also besser über die Umstände und Arbeitsbedingungen informiert und begannen daher früh, das „Fairtrade-Siegel“ abzulehnen. Dagegen wurde sich eher auf die traditionellen Fairtrade-Häuser El Puente, DWP und Gepa verlassen, die durch konsequenten fairen Handel ein gewisses Vertrauen errungen hatten. Auch das größe Fairtrade-Haus Gepa, welches als einziges auch auf Supermärkte setzt, nahm das „Fairtrade-Siegel“ von seinen Verpackungen und steht lieber mit eigenem Namen für die Arbeitsbedigungen.17
Das liegt daran, dass das „Fairtrade-Siegel“ in Kritik geriet. Denn „Fairtrade“ boomt wie „Bio“ und „Vegan“: In Frankreich stieg der Umsatz im Fairtrade-Bereich von 94 Mio. Euro im Jahr 2004 auf 408 Mio. Euro, also um 334 Prozent, im Jahr 2012. Die arte-Dokumentation „Fairer Handel auf dem Prüfstand“ zeigt aber auf, dass die Anforderungen des „Fairtrade-Siegels“ (Mindestlohn, ein freier Tag in der Woche, Organisationsfreiheit, Diskriminierungsverbot) kaum kontrolliert werden und so unterbezahlte Knochenarbeit und elende Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten, die auch noch Übergriffen ausgesetzt sind, vorkommen. Und dabei liegen diese ohnehin weit unter den Selbstverpflichtungen der traditionellen Fairtradehäusern. Zwar sind die Waren in den Weltläden vor solchen Katastrophen bisher sicher, doch die enormen Wachstumsraten spiegeln sich nur zu einem kleinen Teil in den Weltläden wieder. Auch hier kann davon gesprochen werden, dass das Kapital18 die Bewegung zu einem großen Teil vereinnahmt und dadurch sinnentleert hat, und dennoch kleine Erfolge erzielt wurden.

Vereinnahmung in der Herrschaft

Im Kapitalismus, wie auch in der Entwicklung von Herrschaft allgemein, lassen sich immer wiederkehrende Bewegungen ausmachen. Eine Bewegung gegen Herrschaft wird unter der Bedingung von Kompromissen selbst an der Herrschaft beteiligt, wodurch die Herrschaft erneuert und stabilisiert wird. Diese Herrschaftstechnik wurde schon immer verwendet und ist schon in der römischen Parole „teile und herrsche“ („divide et impera“) ausgedrückt. Ein sehr gutes Beispiel zeigt sich unter Otto von Bismarck in den 1880er Jahren; Bismarck ließ zwar Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen verfolgen, führte aber Sozialgesetze ein, um nicht durch die Forderungen der damals sehr starken Arbeiterinnenbewegung gefährdet zu werden. Er gestand offen, dass er dies tat, um den Sozialistinnen „die Wurzel abzugraben“, also keineswegs aus eigenem Interesse an der Situation der Arbeiterinnen, auch wenn er ironischerweise trotz seiner sonstigen Verbrechen dafür bis heute geehrt wird. Die Vereinnahmung geschah durch die teilweise Erfüllung der Forderungen bei gleichzeitiger Verfolgung und Unterdrückung der Bewegung. Ähnlich verlief die Vereinnahmung bei der SPD 1914, welche durch den Wechsel zu einem Pro-Kriegs-Kurs unter ihrem rechten Flügel mit Noske und Ebert, welche selbst linke Sozialdemokratinnen verfolgen ließen, zur Regierungsmacht werden konnte.
Ähnliches geschah auch mit der grünen Partei 1998, die ohne Zusagen an die neoliberalen Reformen Gerhard Schröders wohl nie eine Regierungsbeteiligung erreicht hätte. Diese Erkenntnis erhärtet sich in Anbetracht des Falls der Ernennung Gerhard Schröders zum Kanzlerkanditaden der SPD 1998. Es wurde nachgewiesen, wie die Leitmedien die SPD dazu drängten, Schröder, nachdem er 1996 vor dem Wirtschaftsrat der CDU vorsprach, zum Kanzlerkandidaten zu machen. Sowohl „Bild“ als auch „Der Spiegel“ und andere bürgerliche Medien machten klar, dass sie nur im Falle von Schröders Kandidatur, welcher in einer Urabstimmung der SPD zuvor abgewählt worden war, die SPD als wählbar darstellen würden.19

Um kämpferische Perspektiven zu analysieren, können solche gesellschaftlichen Entwicklungen als Klassenkämpfe zwischen der Kapital-Seite und der Seite der Ausgebeuteten angesehen werden. Es entsteht also immer von Seiten der Unterdrückten eine linke Strömung, Initiative, Partei, oder ähnliches, die, wenn sie stark genug wird, vonseiten des Kapitals vereinnahmt wird, um die Ausbeutungssituation zu erneuern und zu stabilisieren. Dabei erringen je nach Kräfteverhältnis natürlich auch die Unterdrückten größere oder kleinere Erfolge, welche auch als Zugeständnisse der Kapital-Seite gesehen werden können: Sozialgesetzgebung, demokratische Wahlen, Frauenrechte, Atomausstieg und aktuell die Wiedereinführung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Baden-Württemberg. All diese erkämpften Zugeständnisse sind zugleich einerseits kleine Siege im Klassenkampf wie andererseits Teil der, wenn man es mit Mercuse so nennen mag, Konterrevolution. Solche Erfolge können als Ausdruck einer relativen Schwäche des politischen Gegners gewertet werden: Der militaristische Adelige Bismarck wird während der Einführung der Sozialgesetze mit den Zähnen geknirscht haben; die konservativen Machteliten werden Bauchschmerzen gehabt haben, als sie freie Wahlen zulassen mussten und als sie hundert Jahre später die Beteiligung der Grünen an der Regierung erlauben mussten. Solche Vereinnahmungen sind daher auch Zeichen unserer relativen Stärke: Die Herrschenden können nicht ihre Ziele kompromisslos durchsetzen, sondern sind gezwungen, zumindest kleine Schritte auf unsere Forderungen zuzugehen. Ohne diese Form von Teilerfolgen, auch wenn sie immer gleichzeitig Gegenstrategien der Herrschenden waren, um unseren Widerstand zu brechen, lebten wir heute auch hier noch in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hunger, je nachdem, von wo wir in der Betrachtung ausgehen. Wir müssen also weiterkämpfen, um Sklaverei, Leibeigenschaft und Hunger weltweit und für alle, auch für Tiere, abzuschaffen!20

Vereinnahmung durch das Kapital

Ähnliche Bewegungen lassen sich auch im wirtschaftlichen Bereich finden. Die sexuelle Befreiung der 68er, die vor allem Frauen aus biederen und patriarchalen Normvorstellungen und Herrschaftsverhältnissen befreite, wurde von der Porno- und Prostitutionsindustrie vereinnahmt, welche durch die vermehrte Ausbeutung ärmerer Frauen Milliardengewinne einstreicht. Die Anti-AKW-Bewegung hat durch Jahrzehnte der Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und direkten Aktionen einen (langsamen) Atomausstieg in der Politik erreicht; worauf die Industrie mit einem Ausbau von Kohlekraftwerken reagiert, die Treibhausgase in Massen ausstoßen. Der Natur und somit nicht zuletzt uns werden Tonnen von Pestiziden und Kunstdüngern erspart, jedoch wird dafür heute hektarweise Land z.B. in Osteuropa angeeignet (Landgrabbing) und Regenwald in Südamerika abgeholzt, um quadratkilometergroße Monokulturplantagen anzulegen.
Aber die Bewegung hört an diesen Punkten nicht auf: Die ausgebeutete Seite, die nicht auf der Seite des Kapitals die Ausbeutung vorantreibt, muss ihre Lage erkennen und darauf reagieren. So kämpft seit Jahren die Frauenbewegung gegen Ausbeutung durch Prostitution, eine Anti-Kohlekraft-Bewegung mobilisiert seit 2005 mithilfe von Klimacamps und großangelegten Besetzungsaktionen gegen den Klimawandel und die jährlichen Demonstrationen gegen die industrielle Landwirtschaft unter dem Motto „Wir haben es satt!“ werden trotz (oder wegen?) der Kommerzialisierung des Bio-Booms immer größer (dieses Jahr über 30.000 Teilnehmerinnen).
Horkheimer und Adorno beschreiben im „Kulturindustrie“-Kapitel der Dialektik der Aufklärung, wie das Kapital kulturelle Gegenbewegungen als Wachstumsmöglichkeiten vereinnahmt und so rebellische Ideen zu handelbaren Waren macht. Doch auch die kommerzielle Vereinnahmung von Gegenkultur kann, wenn richtig mit ihr umgegangen wird, gegen dessen sinnentleerende Wirkung, politisieren.21 Die Dinge realistisch zu sehen heißt also zu erkennen, dass sowohl unsere Seite als auch die Seite des Kapitals immer weiter kämpft, gewinnt und verliert, und dadurch sozialer Wandel in Gang gesetzt wird.

Vereinnahmung von Veganismus

Was also mit dem Veganismus passiert, ist die ganz normale Vereinnahmung durch das Kapital. Ein Merkmal, welches für die kapitalistische Vereinnahmung optimal ist, ist die Konsum-Orientierung. Kein Wunder also, dass von allen Elementen der Tierbefreiung vor allem der Veganismus zur Zeit boomt. Einige Bedingungen, die die Vereinnahmung ermöglichen oder optimieren, lassen sich an einem zentralen scheinbaren Protagonisten des Vegan-Hype ablesen: dem veganen „Starkoch“ Attila Hildmann. Der eigentliche Akteur hinter ihm ist das Kapital, also die Profitlogik im Kopf der Kapitalbesitzerinnen und Managerinnen, die sich der Maximierung des Kapitals widmen. Diese tritt dann in der Politik, z.B. des Medienkonzerns ProSiebenSat.1 Media AG zu Tage. Denn noch einige Jahre vor dem Vegan-Hype fiel ProSieben in seiner Pseudo-Wissenschaftssendung „Galileo“ dadurch auf, dass es unterschwellig Fleischkonsum massiv bewarb: In jeder Folge von Galileo war Fleisch ein Hauptthema; mal ging es dabei um Zusammensetzung des Fleisches selbst, mal um die Funktionsweise von Wok-Pfannen, die natürlich anhand des Bratens von Schweinefleisch getestet wurden. Über Jahre hinweg war die Fleisch-Werbung bei Galileo so ausnahmslos anzutreffen, dass wirtschaftliche Verbindungen zur Fleischindustrie mehr als wahrscheinlich sind. Und gerade diese Sendung verschaffte Attila Hildmann im Juli 2010 seinen ersten großen Fernsehauftritt. Es sind Medienkonzerne wie ProSiebenSat.1, die sich unter allen Veganköchinnen und sonstigen möglichen Protagonistinnen der Bewegung für den Veganismus ausgerechnet Hildmann aussuchen.
Aber warum Attila Hildmann? Einerseits, weil seine Schwerpunkte, wie die Titel seiner bekanntesten Kochbücher „Vegan for Fit“ und „Vegan for Fun“ zeigen, auf egoistisch orientierten Themen liegen. (Die eigene) Fitness und (die eigene) Gesundheit sind zentrale Themen derjenigen Menschen, die von Marktforscherinnen zum Konsummilieu der LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) gerechnet werden. Da es dabei um die eigenen Vorteile wie die individuelle Gesundheit geht – alles andere ist in der kapitalistisch-individualistischen Grundstimmung ohnehin schon verdächtig –, profitiert der „Bio“-Boom davon ebenso wie der „Vegan“-Boom. „Fairtrade“, mit seinem ethischen Schwerpunkt, trifft dieses Bedürfnis nicht, versucht aber über das Bewerben der besonders hohen Qualität seiner Produkte, auch auf diesen Zug aufzuspringen.
Zum anderen ist Hildmann der Mann für den Boom, weil er sich im Gegensatz zu den meisten Vegan-Köchinnen in seinen Statements fast völlig vom politischem Anspruch der Tierbefreiung lossagt und ihre Aktivistinnen sogar noch als Dogmatiker und Hippies beschimpft.22 Genau diese Eigenschaft ist wichtig für das Kapital, um Veganismus hypen zu können, hat es doch in der Angst um seine Profite durch die Fleischindustrie dafür gesorgt, dass in den großen Medien das Bild von Veganismus und Veganerinnen durch Angst und Lächerlichkeit bestimmt ist. Um trotzdem plötzlich Veganismus verkaufen zu können und ohne Tierbefreiungsaktivismus dadurch aufzuwerten, war ein Vegan-Koch, dem es um „Fitness, Lifestyle, Spaß“ geht (so ist Hildmanns Homepage überschrieben) und der von Gesellschaftskritik und Politaktivismus nichts wissen will, genau der richtige; genau das ist es, was für die Vereinnahmung des Veganismus gebraucht wird. Hat deshalb ProSieben im Jahre 2010 Hildmann so gepuscht, der erst danach bei den kleineren Sendern MDR und WDR auftauchte?
„Die Zeit“ schreibt zum neuen, hippen Vegan-Image: „Die neuen Veganer pflegen keinen Überlegenheitsmythos. Sie gehen nicht mit ihren politisch-moralischen Ansprüchen hausieren und sie begreifen Veganismus nicht als Ideologie“.23 Dass Veganismus nicht eine Erfindung der Hildmanns und Co. ist, sondern wir „Radikalen“ die Basisarbeit leisteten, gibt diese bürgerlich-liberale Wochenzeitung wie auch die Ernährungstrendforscherin Karin Frick in einem Interview mit dem Bio-Werbemagazin „Schrot&Korn“ zu: „Es braucht immer die Radikalen, die die Ideen hervorbringen. Die Extremen sind die Impulsgeber, diejenigen, die die neuen Themen in die Welt bringen.“24 Auf die Vereinnahmung anderer Bewegungen geht auch „Die Zeit“ im bereits zitierten Artikel ein: „Die Ideen der Grünen oder der Frauenrechtsbewegung gehören heute nur deswegen zum bildungsbürgerlichen Standardrepertoire, weil sie in ihrer Frühzeit nicht ungehört verhallten“.

Für die wirtschaftliche Vereinnahmung ist es also am besten, wenn die politische Dimension einer Strömung entsorgt wird. Des Weiteren ist die Konsumierbarkeit wichtig, denn nur dadurch lassen sich neue Produkte erzeugen und neue Märkte erschließen. Für diese ist der egoistische Gewinn ein bedeutender Teil – und diesen nicht als primäre Motivation zu haben gilt im patriachalen Kapitalismus nicht nur als sentimental, sondern, wie Horkheimer und Adorno schon festgestellt haben, gar als Abfall von der Kultur. Ideal ist, wenn das dann auch noch mit dem laufenden Fitness-Boom und der verstärkten Privatisierung der Gesundheit (in der jede selbst für ihre Gesundheit verantwortlich ist und diese Frage keine gesellschaftliche oder politische mehr sein kann) verknüpfbar ist. Dies bietet der Veganismus ebenso wie „Bio“ und „Fairtrade“ immerhin zu Teilen, oder, ein Jahrhundert vorher, die Lebensreformbewegung, deren bekanntestes Überbleibsel die „Reformhaus“ genannten Geschäfte sind. Aus linker Sicht ist die Lebensreformbewegung ambivalent zu beurteilen, als positive Folge ist sicherlich zu verzeichnen, dass die relativ starke Verbreitung von Vegetarismus, ökologischem Bewusstsein, Naturheilkunde und FKK in der BRD heute zu Teilen auf sie zurückgeführt werden kann; es muss aber auch beachtet werden, dass Teile der insgesamt eher bürgerlichen Lebensreformbewegung sich reaktionär, antisemitisch und völkisch orientierten, wie etwa die noch existierende Kommune „Eden“ in Oranienburg. Wie unser Aktivist Matthias Rude im Kapitel über die Lebensreformbewegung im theorie.org-Buch Antispeziesismus herausgearbeitet hat, zeichnete sie sich durch die Privatisierung der sozialen Frage, durch die Beschränkung auf den Appell ans individuelle Konsumverhalten aus. Hierbei handelt es sich, so Rude, „um eine Einstellung, die auch heute wieder in weiten Teilen der veganen Bewegung anzutreffen ist und die entsprechend kritisiert werden muss.“25

Veganismus als Weg?

Wie Marco Maurizi darlegt, kann Veganismus alleine keine Tierbefreiung erreichen. In Anbetracht der mäßig erfolgreichen Kampagne gegen Coca-Cola prognostiziert er einem Boykott einer so breiten, unspezifischen Produktpalette wie tierlichen26 Produkten wenig Erfolg bei der Abschaffung der Tierausbeutung. Selbst wenn sich direkte Tierprodukte nicht vermarkten ließen, würde das Kapital Tierausbeutung trotzdem weiter überall betreiben, wo es am Ende nicht im Produkt erkennbar ist. Aber Maurizi macht sich trotzdem für den Veganismus stark, auch abseits seiner Funktion des ökonomischen Boykotts. Schließlich zeigen Veganerinnen auf, dass es von der Konsumentinnenseite her schon mal möglich ist, ohne Tierausbeutung zu leben. Die Vermassung des Veganismus, deren ersten großen Schritt wir jetzt geschafft haben, ist eine ausgezeichnete Basis für weitere Tierbefreiungsarbeit, auch wenn jetzt die Taktik geändert werden muss. Wenn tierliche Produkte nicht mehr Teil der Nahrung, also der unmittelbarsten Basis des menschliches Lebens der meisten Menschen sind, können diese Menschen wahrscheinlich leichter ihr „ja“ zur Tierbefreiung geben. Je mehr Menschen also vegan leben, desto einfacher ist die politische Forderung von Tierbefreiung, auch in einem revolutionären Prozess, durchsetzbar.
Gleichzeitig sollte hier aber auch betont werden, dass diese Forderung auch von nicht-vegan lebenden Menschen mitgetragen werden kann. Veganismus ist sicher ein wichtiges Element, um sich dem Ziel der Befreiung von Mensch und Tier* zu nähern, aber er muss nicht unbedingt die Grundlage politischen Kampfes, nicht der einzige Weg und nicht einmal der unproblematischste sein. So liegt Veganismus heute z.B. vielen Unterschichtsjugendlichen ferner denn vielen anderen, weil sie im Gegensatz zu Mittelschichtsjugendlichen weniger Zeit und Energie haben, sich um Probleme zu kümmern, die nicht direkt die ihrigen sind. Dazu kommt, dass vegane Produkte mit vergleichbarem Geschmack einfach noch um ein Vielfaches teurer sind als Tierprodukte. Wem es also nicht passiert, sich der Tierausbeutung derart bewusst zu werden, dass sie die Kraft schöpft, die Konditionierung auf Fleisch abzulegen, ist draußen aus dem (durch die Struktur unserer Gesellschaft noch elitären) Kreis der Veganerinnen. Vegan zu leben ist entgegen dem bürgerlichen Schein nur zum Teil der eigene Verdienst und zu einem beachtlichen Teil eben eine von außen herangetragene Möglichkeit, die, mit einigen Zufällen durchmischt, strukturell ungleich auf die Gesellschaft verteilt ist.
Eine politische Vereinnahmung des Veganismus und/oder der Tierbefreiungsbewegung könnte, wenn wir nicht aufpassen, in einigen Jahren dazu führen, dass die Ausbeutung der Unterschichten mit dem Argument ihres mangelnden ethischen Verhaltens gegenüber Tieren* legitimiert wird oder dass Kriegsakte gegen ein Land außerhalb des NATO-Bündnisses mit dessen grausamen Verhalten gegenüber Tieren* gerechtfertigt werden.27 Allerdings können wir, was das angeht, stolz auf uns als Tierbefreiungsbewegung sein, denn im Gegensatz zur Tierschutzbewegung ist bei uns bisher konsequent jeder Vereinnahmungsversuch von rechts abgewehrt worden, durch ausreichend politisches Bewusstsein und wachsame, aktive Gruppen und Einzelpersonen innerhalb der Bewegung. Dennoch gilt es, weiterhin wachsam zu bleiben und besonders dem Elitarismus gegenüber kritischer zu werden.

Fazit für die Bewegung

Das Fazit aus diesen Überlegungen und Analysen müssen die Akteurinnen der Tierrechtsbewegung selbst ziehen. Da es psychologisch gesehen wichtig ist, Siege zu feiern, läge das Fazit nahe, den Vegan-Hype trotz aller Kritik erstmal als Teilerfolg zu feiern. Aus der Reflektion des laufenden Vereinnahmungsversuchs könnte diese Feier dann zum Anlass genommen werden, ein geändertes Verhältnis zum Veganismus einzuläuten: War früher die Bewerbung des Veganismus an sich schon ein politischer Akt, so wird diese mühsame Arbeit heute für die sicherliche begrenzte Zeit des Booms von Attila Hildmann mit einer Auflage von 100.000 Stück seines Kochbuchs „Vegan for Fit“, durch die Sonderausgaben „Schrot&Korn: Vegan&Bio“ und anderen Mainstream-Medien übernommen.28
Wir könnten nun einerseits versuchen, klar zu machen, dass der Veganismus mit politischen Schlussfolgerungen fest verknüpft war, ist und bleiben sollte, um somit auch die Neu-Veganerinnen zu politisieren und zu radikalisieren. Denn auch wenn Menschen aus Gesundheitsgründen ihre Ernährungsweise umgestellt haben, können sie sich dann vielleicht trotzdem eher eine Welt ohne Tierausbeutung vorstellen. So könnte an der neuen Massen-Identität angeknüpft werden, egal aus welcher Motivation heraus sie entstand, wobei dabei mit dem elitären Potential der Identität vorsichtig umgegangen werden muss.
Oder wir könnten uns dafür entscheiden, dafür einzutreten, dass emanzipatorische Politik nicht mit einem Konsumstil verknüpft sein muss oder darf und uns auf den Aufbau einer politischen Bewegung abseits des Veganismus konzentrieren. Schließlich könnten viel mehr Menschen, vielleicht auch größere Teile der Unterschicht, die doch ein wichtiger Teil der ausgebeuteten Klasse ist, sich für Tierbefreiung als eine von vielen wichtigen Forderungen begeistern, wenn bei dieser nicht der Verzicht im Hier und Jetzt im Vordergrund stände, sondern das zu erkämpfende gute Leben für alle! Das würde jedoch eine Menge Überzeugungsarbeit innerhalb der bisherigen Tierbefreiungsbewegung bedeuten, die teilweise noch wenig zwischen Veganismus und Tierbefreiung zu unterscheiden scheint.
Welche Konsequenzen auch gezogen werden, für uns ist klar, dass eine befreite Gesellschaft für Mensch und Tier* nur erreicht werden kann, wenn der Kapitalismus besiegt wird. Die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, worunter auch die Lebensmittelindustrie fällt, und eine Konversion der tierverarbeitenden Fabriken in Werke für vegane Lebensmittel, die als Commons29 unter basisdemokratische Kontrolle gestellt würden, wäre eine mögliche Richtungsforderung,30 die einen wichtigen Schritt hin zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung bedeuten würde.

  1. https://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=556929351067831&id=134443886649715 [zurück]
  2. Wir machen hier die Kollektivindentität Tierrechtlerinnen und Tierrechtler/Tierbefreierinnen und Tierbefreier auf, in dem Bewusstsein, dass das keine Vereinheitlichung sein soll und wir sehr unterschiedlich sein können, aber auch, dass Kollektividentitäten sehr viel Stärke verleihen können, die für emanzipatorische Kämpfe unabdingbar ist. [zurück]
  3. In diesem Text verwenden wir das generische Femininum, wenn allgemeine Begriffe zur Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet werden. [zurück]
  4. Korrekt müsste es statt „Mensch und Tier“ „Mensch und andere Tiere“ heißen. Da wir jedoch an das Alltagsbewusstsein andocken wollen und unsere Sprache nicht zu sehr fremd machen wollen, sprechen wir trotzdem von „Mensch und Tier“ und erinnern mit einem Sternchen „*“ daran, dass dies ein sehr unkorrekter und speziesistisch-ideologischer Begriff ist. [zurück]
  5. http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Verbraucher/Verbraucher-in-Deutschland-kaufen-immer-weniger-Fleisch-und-Alkohol_article1331799063.html [zurück]
  6. http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/“>http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/ [zurück]
  7. http://www.tierrechtsgruppe-zh.ch/?p=1344 [zurück]
  8. http://www.welt.de/wirtschaft/article118425725/Deutschland-ist-Europas-Schlachthaus.html [zurück]
  9. http://www.taz.de/!86176/ [zurück]
  10. http://www.v-d-f.de/zoom/deutschland_aussenhandel_2010 [zurück]
  11. http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-02/export-deutschland [zurück]
  12. Heinrich-Böll-Stiftung: Fleischatlas 2014, S. 19 [zurück]
  13. http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/fleischindustrie115.html [zurück]
  14. http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/vegetaria-produkte-jetzt-vegan [zurück]
  15. Neues Wachstum zu erwirken kann häufig als Zerstörung charakterisiert werden: Entweder Zerstörung im Krieg, der entweder die gegnerische oder die eigene Wirtschaft zerstört und wo der Wiederaufbau zeitweise unbegrenzt wirkendes Wachstum ermöglicht, oder durch Abbau von Industrie, was zwar eine sanfte „Zerstörung“ bedeutet, aber trotzdem Massenarbeitslosigkeit und Elend zur Folge hat. Eine Mischform ist die Durchsetzung ultra-neoliberaler Politik. Durch massiven Sozialabbau, Lohndumping, Verelendung der Ärmsten kann ein Land so billig produzieren, dass die Arbeitslosigkeit und das dadurch entstehende Elend nicht im eigenen Land erscheint, sondern in den Ländern, die den Konkurrenzkampf verlieren. Das passiert gerade in Europa: Während Deutschland durch ultra-neoliberale Politik die Krise im eigenen Land leugnet (trotz um 15 Prozent gesunkener Reallöhne in den letzten Jahren), wird nur in den anderen Ländern Europas die Krise wirklich deutlich: Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Irland aber auch Frankreich und England. Wenn diese neoliberale Attacken und Ausbeutungsformen sich wegen zu großem Widerstand der Arbeiterinnenbewegung nicht durchsetzen lassen, tendiert das Kapital dazu, Faschismus als autoritäre Form kapitalistischer Ausbeutung zu installieren. [zurück]
  16. In Deutschland gibt es inzwischen 700 „Weltläden“. Das mangelnde Bewusstsein über die unfairen und neokolonialen Welthandelsverhältnisse war neben den fehlenden Alternativen ein zentrales Problem für die sog. „Dritte-Welt-Bewegung“ in den 1970er Jahren. Die „Dritte-Welt-Läden“, später in „Eine-Welt-Länden“ und schließlich nur noch „Weltläden“ umbenannt, verkauften daher nicht nur faire gehandelte Produkte, sondern führten zahlreiche Zeitschriften und Bücher, die sich mit dem Welthandel beschäftigten – natürlich aus linker Perspektive und der Perspektive der Ausgebeuteten im globalen Süden selbst. Informationsveranstaltungen und Demonstrationen waren ebenso wichtig wie fairer Kakao, Rohrzucker, Tee und Kaffee. Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre jedoch wandelten sich Weltläden immer mehr zu nur noch „schönen“ Geschäftchen, die sich auf Kunsthandwerk und Schokolade spezialisierten und die Bücher und Zeitschriften verbannten. In Tübingen vollzog sich dieser Wandel erst 2006; anstatt der lern- und wissensorientierten Studierenden übernahmen vermehrt wohltätig gesonnene Menschen oft im Rentenalter die ehrenamtlichen Verkaufsschichten. In Baden-Württemberg ist vor allem der Weltladen Konstanz zu nennen, der dem „alten“ Prinzip treu geblieben ist und neben der üblichen breiten, fairen Produktpalette noch ein breites Sortiment an Fachbüchern zu diesem Thema führt. [zurück]
  17. http://www.gepa.de/service/faq/frage//show/3-warum-tragen-jetzt-viele-gepa-produkte-kein-fairtrade-siegel-mehr.html [zurück]
  18. Wir sprechen von „dem Kapital“, weil dies im Kapitalismus den eigentlichen Akteur darstellt. Zwar sind es Managerinnen und Kapitaleignerinnen, die stellvertretend für das Kapital die rücksichtslose Profitlogik umsetzen und ihr oder das von ihnen verwaltete Vermögen in die Ausbeutung von Mensch, Tier* und Natur investieren, um es zu vermehren. Aber diese Personen sind austauschbar, und was mit dem Vermögen getan wird, ist relativ unabhängig davon, wer konkret damit hantiert. [zurück]
  19. isw-Report Nr. 80: Kapitalmacht oder Pressefreiheit: Medien und Demokratie in Deutschland [zurück]
  20. Diese klassenkämpferische Geschichtsperspektive wird u.a. im (Post-)Operaismus vertreten, welcher im deutschsprachigen Raum am häufigsten in der linken Zeitschrift „Grundrisse“ diskutiert wird. Das Kapital ist dabei nicht eine Ansammlung moralisch „böser“ Menschen, sondern die Ausbeutungs- und Profitmaximierungslogik des Reichtums, welches sich selbst zu vergrößern trachtet und sich in den Handlungen von Großgrundbesitzern, Kapitaleignern, Managern aber manchmal auch kleineren Kapitalisten oder ihren Handlangern äußert. Die Arbeiter- und Arbeiterinnenklasse ist in uns allen vertreten und tritt für das gute Leben je von sich selbst wie von allen gemeinsam ein. Verkörpert wird diese Klasse oder Multitude durch alle, Arbeitende, Hausarbeitende, Arbeitslose, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete, auch außerhalb des Arbeitsverhältnis marginalisierter wie Schwule und Lesben, Bi- und Transexuelle, aber ein Stück weit auch durch die Seite im Manager oder dem Kapitalisten, welche gegen die Profitlogik handelt, alles hinwerfen und aussteigen will. Kämpfende Äußerungen der Arbeiter(innen)klasse oder Multitude sind die Arbeiterinnenbewegung und die sozialen und ökologischen Bewegungen aber auch unorganisierte Streiks und Sabotageakte, Aufruhr und Aufstände, mit all ihren Widersprüchen. [zurück]
  21. Wie z.B. die Band „Rage against the Machine“ trotz ihrer MTV-Laufbahn weltweit Jugendliche antikapitalistische Motivationen näher brachte. [zurück]
  22. https://www.facebook.com/AttilaHildmannOfficial [zurück]
  23. http://www.zeit.de/community/2013-11/veganismus-social-media-blogs/seite-2 [zurück]
  24. http://www.schrotundkorn.de/2014/201403b01.php [zurück]
  25. Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 84. [zurück]
  26. Da die Endung mit „-isch“ im Gegensatz zu der auf „-lich“ meist negativ konnotiert ist (z.B. „kindisch“ gegenüber „kindlich“, „weiblich“ gegenüber „weibisch“), verwenden wir ier das Wort „tierlich“ statt „tierisch“. [zurück]
  27. Vergleiche: Kriegerische Stimmung wird gegen geopolitisch interessante Länder wie den Iran unter der Fokussierung auf die Verletzung der Menschenrechte vor allem gegenüber Frauen dort geschaffen, während Saudi-Arabien, welches frauenrechtlich noch einiges schlimmer ist als der Iran, weiterhin Bündnispartner des Westens bleibt. [zurück]
  28. http://www.buchmarkt.de/content/57190-media-control-jahrescharts-der-hundertjaehrige-siegt-erneut.htm; http://www.schafschoki.de/shop/Sehen-Hoeren-Mehr/Buecher/Schrot-Korn-Vegan-Bio-Der-neue-Genuss-1-Stueck.html [zurück]
  29. http://arranca.org/ausgabe/41/die-commons-in-zeiten-der-cholera [zurück]
  30. http://arranca.org/ausgabe/41/transformationen-des-kapitalismus-und-revolutionaere-realpolitik; http://arranca.org/ausgabe/47/eine-konstituierende-perspektive-radikaler-politik [zurück]

20 Antworten auf „Vegan-Hype: Ursachen und Vereinnahmung aus kämpferischer Perspektive“


  1. 1 Squirrel 23. März 2014 um 13:37 Uhr

    „Auch das größe Fair­tra­de-​Ha­se Gepa, wel­ches als ein­zi­ges auch auf Su­per­märk­te setzt, nahm das „Fair­tra­de-​Sie­gel““

    Ist euch hier ein kleiner Fehler unterlaufen? Bin gerade ratlos, was mit Fairtrade „Hase“ gemeint ist.

    >> Du hast Recht. „Fairtrade-Haus“ ist gemeint! Danke! (Anm. antispeziesistische aktion tübingen)

    Ansonsten brillianter Text!

    Attila veganisiert jetzt auch noch die Bundeswehr. Ich denke ja jedesmal, was er jetzt gebracht hat, kann er nicht mehr toppen, aber er schafft es jedesmal wieder.

    O-Ton Attila (im Namen des deutschen Volkes):

    „Unsere deutschen Truppen auf Vegankurs…hier Challenger-Kameraden in einer Bundeswehr-Kasernen-Küche!
    Zwischen den Panzerfahrten mal ne Matchashake-Pause mit Amaranth-Riegel
    Frau Ministerin von der Leyen: lassen Sie uns über die Verpflegung der deutschen Streitkräfte sprechen, ich bitte Sie im Namen der Sicherheit des deutschen Volkes! “

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=683448321697169&set=a.309816819060323.67767.115883448453662&type=1&stream_ref=10

  2. 2 antispe.mainz 25. März 2014 um 13:54 Uhr

    Moin,

    LOHAS heißt soweit ich weiß „Lifestyles of Health and Sustainability“ nicht „Li­ving on Health and Sustaina­bi­li­ty“.

    Ansonsten schöner Text.

    Für eine starke linksradikale Tierbefreiungsbewegung, gegen unpolitischen Vegan-Lifestyle-Schmodder.

    Anm. Antispeziesistische Aktion Tübingen: Danke für den Hinweis, ist jetzt verbessert.

  3. 3 Baron Von Merkens 25. März 2014 um 18:58 Uhr

    Großen Dank für diesen aufschlußreichen Artikel – Der Kampf geht weiter!

  4. 4 gustav gans 25. März 2014 um 19:19 Uhr

    Aber der erhöhte Anteil vegan lebender Menschen bringt auch probleme mit sich…in Indonesien werden riesige Flächen Regenwald abgeholzt für den Anbau von Palmen(fett) Plantagen…die dortigen Wildtiere verenden jämmerlich…
    Desweiteren nur weil vegan drauf steht hat man noch lange keine Garantie das bei der ganzen Produktionskette keine Tiere gequält wurden…
    Die meisten Veganer die diesem Hype hinterher rennen mavhen das um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen wenn Bilder von Massentierhaltungen übern Fernseher laufen…
    Das es bei der veganen Massenproduktion auch vielen Tieren schlecht geht ist für sie sehr weit weg…

  5. 5 Gabi 26. März 2014 um 10:06 Uhr

    Boa gustav gans… Nur du bist der echte veganer, der alles richtig macht. Palmfett wird sicher nicht nur für vegane Produkte angebaut. Es geht den Tieren auf jeden Fall schon mal besser als würden deine „schlechten“ Veganer gar keine sein. Dich kotzt es doch nur an, dass du wegen dem Hype auf einmal nichts besonderes mehr bist.

  6. 6 Steffen Blaese 26. März 2014 um 11:57 Uhr

    Und ich sprach zum Leben: »Es ist ungerecht, wenn man sich Jahrzehnte abgerackert hat, und dann kommt so´n Heini, verkauft 100.000 Bücher und macht sich auch noch lustig über mich. Ich habs doch erfunden! «
    — aber das Leben erwiderte nichts und lächelte nur.
    Ich brüllte: »Der hat seine Seele dem Teu.. — ähm — Kapital verkauft. Das ist nicht echt. Die machen doch PROFIT! Und jetzt auch noch mit unserer Sache. «
    — aber das Leben erwiderte nichts und lächelte nur.
    Ich wurde wütend und stampfte mit den Füssen: »Ich hab Recht und die Massen sind blöd! Ich werd´s Dir schon zeigen. Denn ich habe die Wahrheit auf meiner Seite. «
    — aber das Leben erwiderte nichts und lächelte nur.

    >> Anmerkung Anspeziesistische Aktion Tübingen:
    >> Ja, nette Geschichte. Aber das ist hoffentlich nicht deine Antwort auf das,
    >> was du aus dem Artikel liest, oder? Sonst lies lieber nochmal ;)

  7. 7 Administrator 26. März 2014 um 17:53 Uhr

    Natürlich ist mit Gepa auch nicht alles so rosig. War im Artikel wenig Raum um genauer drauf einzugehen, aber das größte der tradtionellen Fairtrade-Häusern ist auch das inkonsequenteste und öfters dafür auch in Kritik geraten.

  8. 8 Daniel 26. März 2014 um 21:36 Uhr

    danke für diesen langen artikel, der zu nachdenken und diskutieren einlädt!

  9. 9 kritika 26. März 2014 um 21:57 Uhr

    Ich verstehe das nicht? klar läuft nicht alles rund und das solle man kritisieren aber was sollen sprüche wie: „Für eine starke linksradikale Tierbefreiungsbewegung, gegen unpolitischen Vegan-Lifestyle-Schmodder.“ für wen haltet ihr euch eigentlich? ich finde es bei jedem menschen gut der vegan lebt und auch der mainstream ist gut, ihr vgergesst es geht um die tiere nicht um euch und euren lifestyle, seid ihr sauer das ihr „mami-staatz“ nicht mehr schocken könnt während ihr mit nikeschuhen, auf apple rechnern und ner zigarette im mund eure empörung nieder tippt?

    ich bin über die reaktionen hier schockiert und stimme da Gabi voll und gans zu.

    doppelmoral steht heute eher links, oder?

  10. 10 kritika 26. März 2014 um 22:03 Uhr

    wow, zwei kommenatare die etwas kritisch waren wurden direkt gelöscht.. ist ja echt geil was hier für eine meinungsdiktatur herrscht

  11. 11 Administrator 27. März 2014 um 8:19 Uhr

    Anmerkung zum Begriff: Das Kapital
    Kapital ist angehäufter Wert. Egal ob auf der Bank, als Grund- oder Immobilieneigentum, als Aktien oder direkter Besitz von Firmen. Wenn Kapital richtig investiert wird, „vermehrt es sich“. Was „richtig“ ist, entscheidet die Kapitallogik, kein Mensch und auch keine Versammlung von Menschen.

    Kapitalistinnen und Kapitalisten sind Menschen die soviel Kapital besitzen, dass sie von dessen „Vermehrung“ leben können, ohne dafür arbeiten zu müssen. Kapital vermehrt sich aber nie wirklich selbst von, sondern alle existierenden Wert müssen geschaffen werden: Kapital wird vom Lohn produktiv arbeitender Menschen abgezweigt. Deshalb werden die Reichen auf Kosten der Ärmeren immer reicher. Aber auch alle anderen Arbeitenden und auch Arbeitslose tragen ihren Teil zur Kapitalanhäufung bei: Z.B. übt die alleinige Existenz von Arbeitslosen Lohndruck auf die Arbeitenden aus und hilft so der Kapitalakkumulation.

    Die Profitlogik entscheidet, wo das investierte Kapital „sich vermehrt“ und wo nicht. Kapitalistinnen und Kapitalisten investieren es dort hin und werden dadurch reicher. Und wir Arbeitslosen und Arbeitenden kämpfen für ein gutes Leben und gegen die entfremdete und ausbeuterische Arbeit (und alle anderen Aspekte des entfremdeten und ausgebeuteten Lebens), die uns von Seite des Kapitals aufgezwungen wird.

    Da es aber letzlich unsere Arbeit und Nichtarbeit ist, die das Kapital überhaupt erst erzeugt, haben wir eine unglaubliche Macht, wenn wir uns mal zusammentun. Gemeinsam können wir die Welt verändern, die Entscheidungsmacht wieder zurück holen, den Planeten vor dem Klimawandel und die Menschen von Hunger, Krieg und Krise retten! Dieses Zusammentun gegen die ständigen Spaltungsversuche von Seite des Kapitals heißt Klassenkampf!

  12. 12 julebambule 27. März 2014 um 18:02 Uhr

    @kritika@gaby was ein Glück dass ausgesprochen wurde was ich gefühlt und dann ge- und durchdacht habe. und @gustavgans du bist sicherlich einer der gründe warum das leben hier nicht schön und friedlich ist. menschen anderen ihre gedanken nicht lassen. ein anfang ist ein anfang – die richtung vegan stimmt. für alles andere muss — mit solchen artikeln wie diesem – aufgeklärt werden. aber „vegan-lifestyle-schmodder“? wow, ich würde echt gerne mal in deine Küche/ Kleiderschrank gucken und schauen, wie weit du wirklich gehst. du bist ein echtes problem für menschen wie mich die versuchen, auch „normale“ menschen wie meine eltern an diese bewusste lebensweise heranzuführen. und zwar ohne dogmascheiße sondern indem ich jeden da abhole wo sie/er gerade politisch „lifestylemässig ect. steht. alles andere ist unlogisch. THINK! FEEL! CHOSE!

  13. 13 antispe.mainz 27. März 2014 um 19:46 Uhr

    kritika schrieb: „ihr vgergesst es geht um die tiere…“

    Nein, es geht eben nicht nur um die Tiere. Und es geht schon gar nicht um Lifestyles. Weder um Vegan-Lifestyle-Schmodder, noch um Antispe-Revolutions-Gepose.

    Es geht wie es so schön heißt um die „Befreiung von Mensch und Tier“. Faust & Pfote, verstehste? Wer den Menschen vergisst, der vergisst eben mal 50 % des Programms…

  14. 14 Andreas 27. März 2014 um 23:43 Uhr

    „Die in­di­vi­du­el­le Kon­sum­hal­tung ist im Ka­pi­ta­lis­mus nicht di­rekt mit der Pro­duk­ti­on ver­knüpft, da dort nicht zur Be­frie­di­gung von Be­dürf­nis­sen, son­dern für Pro­fi­te pro­du­ziert wird. So kann bei­spiels­wei­se eine star­ke vega­ne Be­we­gung dazu füh­ren, dass das Fleisch bil­li­ger wird und die fleisch­kon­su­mie­ren­de Be­völ­ke­rung umso mehr Fleisch isst.“

    Dieser Satz entzieht sich meiner Logik…
    Global betrachtet wird doch trotzdem noch ein Bedürfnis befriedet oder sehe ich das falsch? Wenn es keiner kaufen will (Nachfrage), wird es auch kein Profit geben, ergo kein Angebot, keine Produktion dessen

  15. 15 Administrator 28. März 2014 um 20:01 Uhr

    Es gibt deutliche Unterschiede, ob nach Bedürfnis oder Profit produziert wird. Die einfachsten Beispiele sind, wenn es Bedürfnisse bei Leuten mit wenig Geld gibt, andersherum, können reiche Leute viel Nachfrage für Waren erzeugen, die nur sehr wenige Leute bedürfen. Waren die stärker verarbeitet sind, also mehr Produktionsstufen durchlaufen, wobei bei jeder Produktionsstufe extra Profit erzeugt wird, erzeugen insgesamt mehr Profit als wenig verarbeitete Produkte. Als einfach gesagt: ein Schokoriegel erzeugt viel mehr Profit als eine Karotte.
    Deshalb werden Schokoriegel auch viel stärker beworben, und es wird viel mehr Nachfrage dafür künstlich erschaffen. Tierische Produkte, weil ihr Futter extra hergestellt werden muss, erzeugen deshalb tendenziell immer mehr Profit als pflanzliche. Im Kapitalismus gibt es daher ebenso eine Tendenz zu tierischen Produkten wie zu Schokoriegeln, Chemieprodukten usw. (siehe u.a. Warum antikapitalistisch vegan?
    Dazu kommt, dass da die Tierproduktherstellung z.Zt. auf Volldampf läuft, diese Produkte sehr günstig sind, und daher gern in andere Produkte eingebaut werden. Dazu werden Ausnahmeregelungen der Zutatenlisten ausgenutzt, Tierprodukte könnten als Energieträger oder sonstwie verwendet werden usw.
    Hier:
    Das hier genannte Beispiel trifft nur zu, wenn wie du (Andreas) sagst, keiner Tierprodukte kaufen will.
    Der ärmere Teil der Bevölkerung kauft aber oft einfach das, was er sich leisten kann um satt zu werden. Wenn bei dem reicheren Teil der Bevölkerung die Bedarf sinkt, ist gut möglich, dass er proportional beim ärmeren Teil der Bevölkerung steigt: Dann wird gesamtgesellschaftlich gleich viel Fleisch konsumiert und
    die Ärmeren haben das Nachsehen mit den Folgeerscheinungen: Krankheiten, Übergewicht usw….

  16. 16 Squirrel 28. März 2014 um 21:05 Uhr

    „Wenn es keiner kaufen will (Nachfrage), wird es auch kein Profit geben, ergo kein Angebot, keine Produktion dessen“

    Hier sind unbedingt auch die Subvention zu nennen, die oben unter „Der Hype in Zahlen“, kurz angesprochen wurden und die zu einer Wettbewerbsverzerrung führen. Laut Magazin TIERBEFREIUNG 79 (S. 52, Neues von der Fleischfront) wird „seit Jahren in der Schweinemast zu viel Fleisch produziert“. Als Folge werden deshalb jedes Jahr etwa 20 Millionen Schweine umsonst getötet. Ohne Subventionen wäre es nicht rentabel, am Markt vorbei zu produzieren. Hinzu kommen Exportsubventionen, die dazu führen, dass deutsche Hühner/Hühnerteile (denn die Deutschen essen meist nur noch Brustfilet) nach Afrika gekarrt werden und dort – trotz des logistischen Aufwandes – billiger angeboten werden können, als vor Ort gezüchtete Hühner.

  17. 17 chriswien 05. April 2014 um 18:20 Uhr

    toller text, finde es war an der zeit, dass mal wer linker, kritischer was zu dem thema veröffentlicht.
    der historische rückblick zu bio und faitrade fand ich auch sehr passend!

    das thema sollte weiter diskutiert werden!

  18. 18 Edward 02. Mai 2014 um 10:00 Uhr

    Ich finde den Text auch sehr gelungen, zeigt er doch auf, wie verstrickt die ganze Situation ist, die man oft glaubt durch eine einzige Entscheidung in eine bestimmte Richtung bewegen zu können (Keine tierischen Produkte = Befreiung für die Tiere), dem ja nicht so ist.
    Ich bin gerade selbst in einer sehr selbstkritischen/ überdenkenden Frage und beschäftige mich mit dem Thema Veganismus, der natürlicherweise nicht nur durch den „Befreiungsgedanken“ geprägt ist, sondern nun mal auch durch „Verzicht“ beziehungsweise finanzielle Zusatzbelastungen, die ich als Auszubildende zu tragen hätte. Schon eine Packung günstigere Soyamilch kostet schließlich das doppelt wie eine „übliche“ Packung Kuhmilch, zudem wohne ich auf dem Land und habe nicht, wie viele Großstädtler, mal eben den veganen Supermarkt um die Ecke oder den veganen Schnellimbiss, wenn man Lust und Hunger auf was Bestimmtes hat.
    Dagegen steht die Liebe zu Tieren und der unbedingte Wunsch, dass es Ihnen besser geht. Ernüchternd, dass man eigentlich gar nicht direkt darauf einwirken kann, selbst wenn man ihre Produkte im Regal lässt.
    Ich finde es nach dem Artikel umso angebrachter, dass jeder seinen eigenen unbedenklichen und moralischen Weg findet, sich mit den Gegebenheuten auseinanderzusetzen. Man sollte weder seine moralischen Bedenken einfach über Bord werfen und sich, wie die breite Masse, kaum Gedanken machen, was man sich „in den Mund stopft“; noch sollte man „blind radikal“ sein an einer Stelle, an der man vermutlich nur einsam in den Wald schreit. Vielleicht sollte man sich auch einfach aktiv für Tierrechte und Aktionen einsetzen anstatt auf Frischkäse gänzlich zu verzichten?

    Dies war jedenfalls mein persönlicher Gedankengang dazu ;)

  19. 19 Administrator 05. Mai 2014 um 13:04 Uhr

    Ich finde auch, dass nicht unbedingt den möglichst totalen Verzicht auf Tierprodukte in jeder Zeit und jeder Situation das angemessenste ist. Persönliche Kompromisse je nach Lebenslage sind auch okaye Wege mit diesem Widerspruch umzugehen. Ich finde es sogar wichtig, dass ganz viele Leute sagen „Ich bin für Tierbefreiung“, unabhängig davon, ob sie sich immer vegan ernähren. Es gibt so viele Faktoren, die das vegane Leben für unterschiedliche Menschen leicht oder schwer machen; gleiches von Menschen in ungleichen Lagen zu verlangen ist die typische liberale Ungerechtigkeit.
    Bei Kleidung, Handy usw. ist es ähnlich: Ich trage unfair produzierte Unterhosen (finde nur faire T-Shirts) und nutze unfair produzierte Computerteile (nicht alles finde ich second-hand)! Warum soll ich deshalb gegen ganz andere Arbeitsverhältnisse sein? Warum soll ich nicht für absolut faire und selbstbestimmte Arbeitsbedingungen sein? Warum sollen also Leute, die tierische Produkte (noch) konsumieren nicht für Tierbefreiung sein?
    Ich möchte hier aber auch noch an Vorteile des veganen Lebens erinnern: Durch das täglich Praktizieren bindet sich das Thema fester an die eigene Identität. Du zeigst regelmäßig anderen auf, dass du Tierproduktion nicht in Ordnung findest. Und, vielleicht am wichtigsten: Du ‚profitierst‘ nicht mehr von der Tierindustrie. Solange Mensch noch einen Vorteil daraus zieht, ist die Möglichkeit des Rückfalls zu der Position „Tierausbeutung ist okay“ nach einigen Jahren groß. Aber wenn der Verzicht zu sehr Verzicht ist (und vor allem weil die sachlich eigentlich viel günstiger zu produzierenden veganen Artikel so teuer sind) ist das natürlich auch keine gute Werbung für das sich Einsetzen für eine andere Welt. Ich finde Kompromisse und kleine Schritte auch wichtig: Keine Milch, aber Käse/ ganz selten XY / nur bei XY / nur Containerware… Oder: Wenn ich das fertig hab / diesen Job habe / dort hingezogen bin …

  20. 20 sd sad 27. Juli 2014 um 15:43 Uhr

    >Bei Kleidung, Handy usw. ist es ähnlich: Ich trage unfair >produzierte Unterhosen (finde nur faire T-Shirts) und nutze >unfair produzierte Computerteile (nicht alles finde ich second-
    >hand)! Warum soll ich deshalb gegen ganz andere >Arbeitsverhältnisse sein? Warum soll ich nicht für absolut faire >und selbstbestimmte Arbeitsbedingungen sein? Warum sollen also >Leute, die tierische Produkte (noch) konsumieren nicht für >Tierbefreiung sein?

    sehe ich nicht so.
    das ist veganismus schon nochmal was anderes: faire baumwollbekleidung ist eine feine sache. auch ich hab nicht nur faire klamotten, was blöd ist, aber auch eine geldfrage

    bestimmte vegane proiudkte sind sicher auch eine geldfrage, aber nicht ob ich tierprodukte alls essbar oder konsumierbar ansehen will oder nicht. insofern würde ich nciht mal aus geldmangel oder faulheit tierprodukte konsumieren, wären ich das bei unfair produkzierten textilien z.b. schon mache

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