Archiv für Juni 2014

Bauernaufstand feiern oder seine Niederschlagung?

Tübingen feiert den Tübinger Vertrag. Dieser wurde vor 500 Jahren vom Tübinger Herzog Ulrich mit dem wohlhabenden Bürgertum abgeschlossen und gilt als Meilenstein in der Geschichte der Demokratie. Der manchmal als „Magna Charta Baden-Württembergs“ gefeierte Vertragsabschluss wird dieses Jahr in Tübingen mit einer teuren Ausstellung „Macht Gewalt Freiheit“ in der Tübinger Kunsthalle feiert. Stadt und Land steuern für diese eine Halbe Millionen Euro bei (siehe Tübinger Tagblatt). Die Tübinger Öffentlichkeit ist inzwischen soweit, den Abschluss des Tübinger Vertrags dahingehend kritisch zu bearbeiten, dass immer wieder eingeflochten wird, er sei auf dem „Rücken der Bauern“ ausgetragen worden.

Aber welche Rolle spielten die Bauern? In wie fern ist der Vertrag ein Schritt in die Demokratie? Wem ist dieser Schritt zu verdanken?



So feiert Tübingen seinen Vertrag. Leider war Freiheit in Wirklichkeit nicht das Ende der Tragödie.

Nicht nur ein kleiner Teil der linken Gegenöffentlichkeit in der Region Tübingen versuchen die andere Seite der Geschichte darzustellen. Auch die Städte Fellbach, Schorndorf, Waiblingen und Weinstadt feiern ganz offiziell, wenn auch mit weniger Geldmittel als Tübingen ihre historische Seite des Vertrages: Der Aufstand der Bauern vor allem im Remstal! Dieser Bauernaufstand, der auch in anderen deutschen Königreichen und Fürstentümern Anfang des 16. Jahrhunderts stattfand, wurden hier von der aufständischen Bauernorganisation Namens der Arme Konrad maßgeblich getragen. Der Name bezieht sich auf einen damaligen Bauernwitz, da die Betroffenen sich in der Lage häufig auf Nord-Schwäbisch sagten: „Do hän i kon Rat!“.
Die bis dahin recht braven Bäuerinnen1 gerieten vor allem durch die Rücksichtslosigkeit und Prunksucht des Herzogs Ulrich in schlimme Not. Der Herzog verprasste die gesamten Ersparnisse, die die Herzöge seit Generationen von der Arbeit der Bäuerinnen und Bauern durch Abgaben und Frohndienste abpressten, durch große Feierlichkeiten für sich und seine adeligen Freunde aus den benachbarten Fürstentümern. Um wieder an Geld zu kommen erhöhte der Herzog die Steuern und Abgaben. Zudem fütterten die Handlanger des Herzogs die Wildtiere in den Wäldern und verboten den Bäuerinnen diese zu töten, um dem Herzog das „Vergnügen“ der Jagd zu ermöglichen, wodurch die Tiere großen Schaden auf den Feldern anrichteten. Dabei ritten der Herzog und seine adeligen Gäster rücksichtslos über die mühsam gepflegten Felder der Bäuerinnen und Bauern. Nicht selten kam es vor, dass der Herzog oder einer seiner Gäste eine Bäuerin oder Bürgerin im Vorbeireiten tot schlug. Durch die Macht des Herzog hatte er den Richterspruch nicht sonderlich zu fürchten. Hunger und Not breitete sich in der Bauernschaft aus, und damit auch der Wille zum Widerstand.2
Die Jagd war schon damals ein „Sport“ für die Herrschenden. Das Leben der Bäuerinnen basierte auf Ackerbau, die ärmeren bearbeiteten ihre Felder ohne Hilfe von Tieren. Bei der Jagd des Herzogs waren manchmal auch sie Opfer. Selbstverständlich beschreibt das die Situation der Bäuerinnen und Bauern, nicht per se deren Bewusstsein oder Forderungen, die u.a. das Recht auf Holzschlag, Fischen und Jagen beinhalteten.

Die geheime Bauernorganisation der Arme Konrad breitete sich schnell aus und auch einige Bürgerinnen und Bürger nahmen sich der Sache der Bäuerinnen und Bauern an oder waren ebenfalls von den neuen Steuern betroffen. Zur Hochzeit des Armen Konrad besetzten die aufständischen Bäuerinnen sogar einige Städte, großteils friedlich wenn auch bewaffnet. Der Arme Konrad, wie die gesamte Bauernbewegung dieser Zeit kann als eine frühe und emanzipatorische, soziale Bewegung bezeichnet werden. Die zwölf Artikel, die zwanzig Jahre später im oberschwäbischen Bauernaufstand unter anderem vom aus Rottenburg am Neckar stammenden Sebastian Lotzer verfasst wurden, gehören zu den frühesten Forderungen der Abschaffung der Leibeigenschaft. Darüber hinaus beinhalten sie demokratische Forderungen nach der Wahl des Pfarrers (welcher in den Dörfern mehr als diskursive Macht ausübte) und soziale Forderungen nach Gemeingütern (heute meist: Commons). Die Umsetzung dieser Zwölf Artikel wäre ein wirklicher Schritt in eine wirkliche Demokratisierung gewesen. Deren Umsetzung hätte aber mindestens eine massive Einschränkung der Macht der Herzogs bedeutet und kamen von Herrschaftsseite nicht in Frage.




Dem Herzog fehlte das Geld um Söldner zur Niederschlagung zu bezahlen. Deshalb war er gezwungen auf das Angebot einiger reicher Bürgerinnen und Bürger einzugehen, die ihm Geld anboten, wenn sie in Zukunft gewissen politische und bürgerliche Rechte dafür bekämen. Dazu zählte eine gewisse politische Mitbestimmung und Schutz vor willkürlicher Verhaftung. Dieser Handel wurde im sogenannten Tübinger Vertrag festgehalten. Daraufhin wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen und viele Aktive, die mit dem Armen Konrad in Verbindung gebracht wurden öffentlich hingerichtet und ihre Köpfe teilweise auf Anweisung Herzog Ulrichs auf Pfählen aufgesteckt zur Abschreckung aufgestellt. Noch heute wird der Feldherr der die Niederschlagung durchführte Ernst von Fürst dafür in Tübingen durch einen Straßennamen geehert.



Der Vertrag kann also als typsiche Vereinnahmung einer emanzipatorischen Bewegung, hier der Bauernbewegung, verstanden werden; als Öffnung der Macht des Adels gegenüber dem reichen Bürgertum um die ärmeren Bürgerinnen und die Bauernschaft weiter auszubeuten und von politischen und bürgerlichen Rechten auszugrenzen. Zwar ist der Vertrag ein kleiner Schritt in Richtung Demokratie, auch den Bäuerinnen und Bauern wurden einige wenige Rechte danach gewährt, diente aber dazu einen großen Schritt in Richtung richtige Demokratie zu verhindern. Es ist die typische Bewegung, die seither immer wieder zu sehen ist: Nur wer alles fordert, erreicht auch kleine Verbresserungen. Diese werden im Nachhinein als die fortschrittlichen Taten der Herrschenden dargestellt, um das kämpferische Bewusstsein zu dämpfen.

Unsere Aufgabe ist es daher, darüber aufzuklären, dass nicht die Herrschaft sondern nur die Rebellion der Massen gegen die Herrschaft Fortschritte erkämpfte. Dass unsere Vorfahren und Vorgängerinnen dadurch uns all die Vorzüge die wir als einfach Leute heute genießen (bzw. heute die traurigen Reste von Sozialstaat und Demokratie) erstritten haben. Und dass wir, wenn wir auch nur kleine Schritte vorwärts kommen wollen, alles fordern müssen.

Für alle Interessierte gibt es heute Abend in Waldenbuch im Zuge einer Veranstaltungsreihe einen Vortrag zum Armen Konrad von der Stadtarchivarin Debora Fabriz. In Tübingen gibt es ebenfalls eine paar Veranstaltungen die die Seite der Bäuerinnen und Bauern vertritt. So finden im Club-Voltaire immer wieder Veranstaltungen dazu statt. Außerdem wird das diesjährige Sommertheater des Theaters Lindenhof das Stück „Der Arme Konrad“ von Friedrich Wolf auf der Neckarinsel in Tübingen aufführen. Friedrich Wolf war ein hechinger Arzt, Kommunist und Author, der sich auch für eine vegetarische Ernährung stark machte und im Generalstreik gegen Hitler involviert war. Dass er dies nicht nur aus Gesundheitsgründen tat beweist er mit seiner berühmten Geschichte „Die Weihnachtsgans Auguste“.

  1. Wir verwenden das generische Femininum, d.h. wir verwenden die weibliche Form und meinen damit alle Geschlechter, ob weiblich, männlich, intersex, trans, usw. [zurück]
  2. Wilhelm Zimmermann: Der große deutsche Bauernkrieg. 1999 (1845) [zurück]

Blockupy Proteste: Großdemos und Schlachthofblockaden

An den Blockupy-Krisendemonstrationen am 17.Mai in Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg und Berlin haben je 1.500-3.000 Menschen teilgenommen. Es gab eine Mobilisierung von Tierbefreier-/Tierrechtlerinnen, die in Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg mit je 20-40 Aktiven vertreten waren. In den Aktionen in den Innenstädten nach den Demonstrationen wurden Care-Arbeit, Produktionsbedingungen in der Textilindustrie, Zeitarbeit aber auch Ausbeutungssituationen wo Menschen und Tiere betroffen sind thematisiert, v.a. in der Fleischindustrie. Ein ausführlicheren Bericht zu den Demos und Aktionen findet ihr auf der Homepage des Bündnisses Tierbefreiung goes Blockupy.

Im Rahmen der europaweiten Mai-Aktionstage von 15.-25.Mai fanden aber noch viele weitere Aktionen statt. Eine große Gruppe geflüchteter Menschen begann in dieser Zeit ihren Marsch von Straßburg bis Brüssel, um für Bewegungsfreiheit zu demonstrieren. Mehr Infos auf ihrer Seite FreedomNotFrontex.

Auch im Kontext der Blockupy-Aktionstage wurden am 19.Mai zwei Geflügelschlachthöfe von Tierbefreiungsaktivistinnen mehrere Stunden lang blockiert. Einmal der Wiesenhof-Schlachthof bei Möckern und einmal der berüchtigte Schlachthof Rothkötters bei Wieze, welcher den größten Schlachthof Europas darstellt. Aktivistinnen hatten sich an Betonfässen gefesselt und den Schlachthofbetrieb um einige Stunden aufhalten können. Ein ausführlichen Aktionsbericht mit Infos über die Hintergründe findet ihr
hier
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Die Schlachthofblockade bei Möckern.


Die Antspeziesistische Aktion Tübingen war an der Organisation beteiligt und natürlich in Stuttgart vor Ort.




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