Archiv für August 2014

Von Kritikern und Geistersehern

Der Stuttgarter Verlag GEGEN_KULTUR, der eine gleichnamige Zeitschrift führt, beschäftigt sich unter anderem mit der Kritik am Veganismus; das vorläufige Ergebnis, eine kleine Broschüre mit dem Titel Kritik veganer Argumente, wurde von uns weitgehend positiv aufgenommen: Es handelt sich um eine Kritik am bürgerlich-moralphilosophischen Ansatz der Tierrechtsidee, wie sie in nahezu allen Punkten auch bei zu finden ist – weshalb wir keinen Anlass sahen, uns zu der Broschüre zu äußern.
Anders verhält es sich mit einem Vortrag von Peter Schadt, der bei GEGEN_KULTUR sowie bei der Gruppe „SJD – Die Falken“ in Stuttgart aktiv ist: Die „Kritik“, die Schadt in dem Vortrag mit dem Titel Kritik am politischen Veganismus übt, könnte, obschon auch sie auf Unterstellungen beruht und haltlos ist, unter Umständen gerade jüngere Linke, die beginnen, sich aus politischem Bewusstsein heraus für Veganismus und die Ausweitung des emanzipatorischen Imperativs über den Kreis des Menschen hinaus zu interessieren, vielleicht wieder von ihrem Vorhaben abbringen, wenn sie die vorgebrachten Thesen nicht mit dem nötigen ideologiekritischen Bewusstsein betrachten. Uns liegt der Vortrag in Form einer Aufnahme aus Jena vor, wo er im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu Veganismus gehalten wurde; im folgenden Text wollen wir darstellen, weshalb die Kritik, die im Vortrag an denjenigen geübt wird, die wie wir an einer kritischen Theorie der Tierbefreiung arbeiten, verfehlt ist.

Schadt nimmt zunächst die bürgerliche Moralphilosophie Peter Singers auseinander. Hier arbeitet er noch einigermaßen sorgfältig und konzentriert sich auf die Mängel, die aus dem falschen Bewusstsein eines idealistischen Weltbildes heraus notwendig resultieren: Ein allgemeines Gesetz zu erarbeiten, welches immer für alle gilt und damit suggeriert, es gäbe keine Klassengesellschaft mit sich widersprechenden Gegensätzen, muss scheitern. Es fällt hier sogar positiv auf, dass er sich nicht einfach auf die üblichen provokanten Thesen Singers stürzt, die bei diesem etwa zu potentiell behindertenfeindlichen Positionen führen, sondern tatsächlich versucht Singer zu verstehen und ihn ausgehend von seinen tätsächlichen Positionen kritisiert, und nicht nur aufgrund von Unterstellungen.
Hätte Schadt an dieser Stelle mit seinem Vortrag aufgehört, würden wir meinen, er hätte gute Ideologiekritik geleistet. Aber leider geht er weiter und versucht sich unter anderem an der Kritik der Kritischen Theorie im Zusammenhang mit Tierbefreiung.

Kritik oder…

Was die Ansätze der linken Tierbefreiungsbewegung angeht, muss konstatiert werden: Schadt übt eigentlich überhaupt keine inhaltliche Kritik etwa an den Thesen Susann Witt-Stahls und Marco Maurizis, die er anführt, oder an der Rezeption von Adorno, Horkheimer und Marcuse durch die Tierbefreiungsbewegung; stattdessen greift er sich einzelne Zitate heraus und macht sich erst gar nicht die Mühe, sie aus ihrem Kontext heraus verstehen zu wollen. Auf diese Weise kann er den Personen, die er zitiert, etwa krude Absichten unterstellen und sich dann „kritisch“ an seinen eigenen Unterstellungen abarbeiten. Dabei verhält er sich wie jemand, der Gespenster sieht und deshalb das Haus, in dem er sie sich eingebildet hat, niederreißen will. So wird beispielsweise aus einem Satz, den Susann Witt-Stahl einmal gesagt hat, nämlich, dass der Kapitalismus „eine einzige Ungerechtigkeit“ sei, fälschlicherweise gefolgert, ihre Kapitalismuskritik sei völlig desolat, da rein moralisch. Aus einem weiteren Zitat Witt-Stahls, nämlich „Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen“, folgert Schadt gar, dass Witt-Stahl jede Gesprächsbereitschaft mit Menschen, die eine andere Meinung haben, bereits aufgegeben hätte. Hätte er sich intensiver mit den Schriften Witt-Stahls beschäftigt, so hätte er gesehen, dass sie eine überaus ideologiekritische Marxistin ist. „Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf“ sind gar die Forderungen der politischen Gruppe, in der sie organisiert ist, nämlich der Hamburger Assoziation Dämmerung. Doch um eine inhaltliche Kritik der Theorie der Tierbefreiungsbewegung geht es Schadt offensichtlich nicht. Vielleicht findet er auch keine Schwachstelle in der Theorie der Gruppe – oder weshalb hätte er es sonst nötig, die Person Witt-Stahls mit Unterstellungen einer angeblich mangelnden Gesprächsbereitschaft zu diffamieren? „Kritik“ sieht jedenfalls anders aus.

…Anleitung zum Geistersehen?

„Geht’s um Naturverhältnisse, sinkt das Niveau linker Debatten schlagartig“, hat die von Schadt kritisierte Susann Witt-Stahl einmal festegestellt. So auch hier: In seinem Vortrag fordert Schadt eine materialistische Kritik am Idealismus – wie wir und andere, die eine kritische Theorie der Tierbefreiung vertreten, sie üben; er selbst fällt allerdings, geht es ums Tier, in bürgerliche Ideologie zurück, ja sogar weit hinter die Positionen von Marx selbst. Im Gegensatz zur marxistischen, historisch-materialistischen Geschichtsauffassung reproduziert er, hier alles andere als ideologiekritisch, den Mensch-Tier-Gegensatz in idealistischer Manier und postuliert, die Behauptung „Der Mensch ist kein Tier“ sei richtig – da man über den Menschen etwas aussagen könne, „was nun wirklich auf kein einziges anderes Tier zutrifft.“ Nämlich: „Sich mit Wille und Verstand zur Welt zu stellen und mit Bewusstsein, ist nun wirklich dem Menschen zu eigen!“
Es ist frustrierend zu beobachten, wie Marx und Engels vor über 150 Jahren die Erkenntnisse Darwins offenbar besser begreifen und verarbeiten konnten als heute so manche Linke. Immer wieder lässt sich feststellen, dass das heutige Alltagsbewusstsein die darwinistische Revolution noch lange nicht gänzlich vollzogen hat. Wissenschaftlich korrekt ist: Der Mensch ist ein Tier; und was die meisten Menschen gegenüber anderen Tieren unterscheidet, ebenso wie das, was Menschen voneinander unterscheidet, ist weniger ihre Biologie, es sind nicht in erster Linie ihre grundsätzlichen Fähigkeiten oder angeborene Eigenschaften, sondern es ist vor allem ihre aktuelle, materielle Lebenssituation. In der Deutschen Ideologie konkretisieren Marx und Engels die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier folgendermaßen: „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst“.
Idealistische Positionen bleiben in der Betrachtung der Spezies dem metaphysischen Denken verhaftet: Sie sehen das Bewusstsein des Menschen nicht als eine in einem geschichtlichen Prozess entstandene Eigenschaft, die, wie Marx vorschlägt, der Mensch durch die Veränderung der Natur, durch Arbeit und die dadurch veränderten Verhältnisse, erworben hat; stattdessen wird es zur Wesenseigenschaft des Menschen hochstilisiert. Marx und Engels kritisieren in der Deutschen Ideologie solche „Geisterseher“ scharf, unter anderem mit den Worten, sie blieben „bei dem Abstraktum ,der Mensch‘ stehen“. Der Marxismus dagegen erkennt die Bezeichnung „der Mensch” als eine Abstraktion an; im Lichte der marxschen Theorie ist es „noch religiös“, abstrakt von Begriffen wie „das Selbstbewußtsein“ und „der Mensch“ zu sprechen. Schadt aber lässt vollkommen unerwähnt, dass Marx und Engels sowie Vertreter der Kritischen Theorie und auch jene, die dabei sind, eine kritische Theorie der Tierbefreiung entwickeln, von der Arbeit als bewusstseinsverändernder Tätigkeit sprechen, während er selbst in bürgerlich-idealistischer Weise „Wille, Verstand und Bewusstsein“ als allgemein anerkannte Unterschiede zwischen Mensch und Tier voraussetzt. So entpuppt derjenige, der von anderen eine materialistische Kritik fordert, sich hier selbst als „Geisterseher“.

Alles gleich?!

Es gibt nach marxistischer Auffassung keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier, sondern nur einen graduellen. Die Menschen beginnen, sich graduell von anderen Tieren zu unterscheiden im Zuge der Arbeit im Sinne von „Veränderung der Natur zu ihren Gunsten“. Anders gesagt: Der Mensch hat durch Arbeit Distanz zwischen sich und die Natur gebracht – eben das vollzogen, was wir als Kulturprozess bezeichnen. Zunächst einmal ist der Mensch, ontogenetisch wie phylogenetisch, wie andere Säugetiere auch; er beginnt sich von ihnen zu unterscheiden anhand einer speziellen Kulturentwicklung, welche sich durch die Unterdrückung der inneren und die Beherrschung der äußeren Natur kennzeichnet: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt“, beschreiben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung diesen Prozess.
Der kritischen Theorie der Tierbefreiung geht es nicht darum zu behaupten, Menschen und andere Tiere seien „gleich“ – was schlicht auch eine unsinnige Behauptung wäre. Die Gemeinsamkeit aber, auf welche es ankommt und die eine Solidarität mit den quälbaren Körpern erfordert, welche über Speziesgrenzen hinausgeht, ist die Leidensfähigkeit. Wenn Schadt sich aber mit dem Begriff des Leidens auseinandersetzt, versucht er erst gar nicht, die Aussagen von Vertretern der Kritischen Theorie zum Thema zu verstehen. „Im Schmerz wird alles eingeebnet, jeder wird jedem gleich. Mensch und Mensch, Mensch und Tier. Der Schmerz saugt das ganze Leben des Wesens auf, das er ergriffen hat: sie sind nichts mehr als Hüllen von Schmerz“ – diese Sätze schreibt Horkheimer, und zwar in seiner Schrift Vernunft und Selbsterhaltung (1942), und nicht etwa in der Dialektik der Aufklärung, wie Schadt im Vortrag behauptet. Dass dieses Zitat falsch zugeordnet wurde, scheint uns kein Zufall gewesen zu sein, sondern passt zum sonstigen Vortrag, in dem es gar nicht darauf anzukommen scheint, Inhalte oder zusammenhängende theoretische Sachverhalte zu kritisieren, und zeigt wohl auch, dass Schadt sich über den Gegenstand, den er hier vorgibt zu kritisieren, die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos, keine tiefergehende Kenntnis angeeignet hat.
Letzteres zeigt sich auch daran, dass er zu Beginn seiner Ausführungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Menschen und Tieren zwar das Horkheimer-Zitat vorliest, im Fortgang dieser Ausführungen dann aber nicht etwa weiterhin dieses Zitat in seinem Kontext oder weitere Argumente und Erkenntnisse aus den Schriften der Kritischen Theorie kritisiert, sondern plötzlich Positionen ins Felde führt, die von der Internetseite veganismus.de stammen, eine Seite, die mit dem angeführten Zitat und mit der Kritischen Theorie insgesamt nichts, aber auch gar nichts zu tun hat – obwohl er doch gerade noch behauptet hat, die, wie er sagt, „wenigen“ VertreterInnen einer kritischen Theorie der Tierbefreiung kritisieren zu wollen. Den Bezug der linken Tierbefreiungsbewegung auf ein Diktum Horkheimers mit dem Verweis auf eine Internetseite zu kritisieren, welche von einem „unpolitischen“, moralisch argumentierenden Veganer betrieben wird, ist jedenfalls witzlos.

Voran zur Solidarität des Lebens!

Die unsorgfältige, intellektuell unredlich vorgehende und diffamierende „Kritik“ an der sich im Entstehungsprozess befindenden kritischen Theorie der Tierbefreiung, die der Referent vornimmt, ist ärgerlich. Wir empfehlen solchen „Kritikern“, sich erst einmal darüber bewusst zu werden, was sie auf welche Weise und mit welchem Ziel kritisieren – so fragen wir uns etwa auch, worin die Motivation liegen könnte, die kleine Bewegung des politischen Veganismus (mit destruktiver Absicht) zu kritisieren. Von unseren „Kritikern“ haben wir bislang jedenfalls noch keine Argumention sehen können, die zeigen würde, dass es nicht richtig und konsequent ist, eine linke, historisch-materialistische Kritik am Kapitalismus sowie an den gesellschaftlichen Naturverhältnissen zu üben, die das Anliegen der Tierbefreiung mit einbezieht. Tierbefreiung muss ein wichtiger Bestandteil der sozialen Kämpfe der Zukunft werden, denn sie resultiert nicht nur aus dem Impuls des Mitleids – der, und zwar keineswegs nur im Bereich des Antispeziesismus, das Potential hat, emanzipatorische Kräfte freizusetzen –, sondern erfolgt auch aus ureigenem Interesse der ausgebeuteten Menschen heraus – eben weil, wie Horkheimer in Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, und hier vor allem im Kapitel Die Revolte der Natur, herausgearbeitet hat, Herrschaft über die Natur die Herrschaft über Menschen mit einschließt.1 Aus diesem Grund spricht Herbert Marcuse, ein anderer Vertreter der Kritischen Theorie, von der „Befreiung der Natur als Mittel der Befreiung des Menschen“; er war sich (im Jahr 1972) noch nicht sicher, ob es nicht „verfrüht“ sei, sich konsequent für „universellen Vegetarismus“ einzusetzen. Für heutige progressive gesellschaftliche Kräfte sollte das keine Frage mehr sein – schon allein angesichts des Offenbarwerdens der Katastrophe, die uns der Versuch unserer Kultur, eine unantastbare Autoriät gegenüber der Natur auszuüben, eingehandelt hat, handelt es sich um ein Gebot der Stunde.


Hartmut Kiewert: „Evolution of Revolution“.

  1. Wenn der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich allerdings abschneidet, die innere Natur, quasi das Tier in sich, nicht anerkennt, kommt es zur Projektion verdrängter Triebimpulse auf Tiere und andere Menschen, die als Tiere oder als tierähnlich verunglimpft werden. Dergestalt diente das Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren in der menschlichen Gesellschaft seit je als Legitimationsfolie für Gewalttaten an Menschen, weshalb das Ziel menschlicher Emanzipation nur erreicht werden kann, wenn unsere Kultur ein andres Verhältnis zur Natur und zu den Tieren entwickelt. Vgl. zu diesem Zusammenhang die Seiten 15f., 188 sowie das Kapitel über die Kritische Theorie im Antispeziesismus-Buch (S. 143ff.). [zurück]

theorie.org-Buch: Interviews und Rezensionen

Unter dem Titel Il primo gradino ist in der Ausgabe 7/2014 der italienischen Zeitschrift Animal Studies. Rivista italiana di antispecismo ein Interview mit Matthias Rude erschienen. Valentina Sonzogni von Asinus Novus sprach mit unserem Aktivisten. Asinus Novus ist eine italienische Vereinigung, die eine Plattform zur Diskussion über Theorie und Aktivismus der Tierbefreiungsbewegung bieten will. Das Interview ist, vollständig und in deutscher Übersetzung, auf der Facebook-Seite zum Buch einsehbar.
Dort finden sich auch alle anderen aktuellen Informationen rund ums Buch. So gab es kürzlich etwa eine Rezension in den Marxistischen Blättern sowie eine Besprechung in der Zeitschrift Das Argument.
Eine Übersicht über Rezensionen, Interviews sowie über frei zugängliche Artikel zum Thema vom Autor findet sich unter facebook.com/Antispeziesismusbuch/info.




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: