Von Kritikern und Geistersehern

Der Stuttgarter Verlag GEGEN_KULTUR, der eine gleichnamige Zeitschrift führt, beschäftigt sich unter anderem mit der Kritik am Veganismus; das vorläufige Ergebnis, eine kleine Broschüre mit dem Titel Kritik veganer Argumente, wurde von uns weitgehend positiv aufgenommen: Es handelt sich um eine Kritik am bürgerlich-moralphilosophischen Ansatz der Tierrechtsidee, wie sie in nahezu allen Punkten auch bei zu finden ist – weshalb wir keinen Anlass sahen, uns zu der Broschüre zu äußern.
Anders verhält es sich mit einem Vortrag von Peter Schadt, der bei GEGEN_KULTUR sowie bei der Gruppe „SJD – Die Falken“ in Stuttgart aktiv ist: Die „Kritik“, die Schadt in dem Vortrag mit dem Titel Kritik am politischen Veganismus übt, könnte, obschon auch sie auf Unterstellungen beruht und haltlos ist, unter Umständen gerade jüngere Linke, die beginnen, sich aus politischem Bewusstsein heraus für Veganismus und die Ausweitung des emanzipatorischen Imperativs über den Kreis des Menschen hinaus zu interessieren, vielleicht wieder von ihrem Vorhaben abbringen, wenn sie die vorgebrachten Thesen nicht mit dem nötigen ideologiekritischen Bewusstsein betrachten. Uns liegt der Vortrag in Form einer Aufnahme aus Jena vor, wo er im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zu Veganismus gehalten wurde; im folgenden Text wollen wir darstellen, weshalb die Kritik, die im Vortrag an denjenigen geübt wird, die wie wir an einer kritischen Theorie der Tierbefreiung arbeiten, verfehlt ist.

Schadt nimmt zunächst die bürgerliche Moralphilosophie Peter Singers auseinander. Hier arbeitet er noch einigermaßen sorgfältig und konzentriert sich auf die Mängel, die aus dem falschen Bewusstsein eines idealistischen Weltbildes heraus notwendig resultieren: Ein allgemeines Gesetz zu erarbeiten, welches immer für alle gilt und damit suggeriert, es gäbe keine Klassengesellschaft mit sich widersprechenden Gegensätzen, muss scheitern. Es fällt hier sogar positiv auf, dass er sich nicht einfach auf die üblichen provokanten Thesen Singers stürzt, die bei diesem etwa zu potentiell behindertenfeindlichen Positionen führen, sondern tatsächlich versucht Singer zu verstehen und ihn ausgehend von seinen tätsächlichen Positionen kritisiert, und nicht nur aufgrund von Unterstellungen.
Hätte Schadt an dieser Stelle mit seinem Vortrag aufgehört, würden wir meinen, er hätte gute Ideologiekritik geleistet. Aber leider geht er weiter und versucht sich unter anderem an der Kritik der Kritischen Theorie im Zusammenhang mit Tierbefreiung.

Kritik oder…

Was die Ansätze der linken Tierbefreiungsbewegung angeht, muss konstatiert werden: Schadt übt eigentlich überhaupt keine inhaltliche Kritik etwa an den Thesen Susann Witt-Stahls und Marco Maurizis, die er anführt, oder an der Rezeption von Adorno, Horkheimer und Marcuse durch die Tierbefreiungsbewegung; stattdessen greift er sich einzelne Zitate heraus und macht sich erst gar nicht die Mühe, sie aus ihrem Kontext heraus verstehen zu wollen. Auf diese Weise kann er den Personen, die er zitiert, etwa krude Absichten unterstellen und sich dann „kritisch“ an seinen eigenen Unterstellungen abarbeiten. Dabei verhält er sich wie jemand, der Gespenster sieht und deshalb das Haus, in dem er sie sich eingebildet hat, niederreißen will. So wird beispielsweise aus einem Satz, den Susann Witt-Stahl einmal gesagt hat, nämlich, dass der Kapitalismus „eine einzige Ungerechtigkeit“ sei, fälschlicherweise gefolgert, ihre Kapitalismuskritik sei völlig desolat, da rein moralisch. Aus einem weiteren Zitat Witt-Stahls, nämlich „Wer immer noch nicht auf die Idee kommt, dass die In-Wert-Nahme von empfindungsfähigen Individuen, der Konsum ihrer Körperteile und -substanzen etwas mit Unterdrückung und Ausbeutung zu tun hat, der soll von Herrschaftskritik schweigen“, folgert Schadt gar, dass Witt-Stahl jede Gesprächsbereitschaft mit Menschen, die eine andere Meinung haben, bereits aufgegeben hätte. Hätte er sich intensiver mit den Schriften Witt-Stahls beschäftigt, so hätte er gesehen, dass sie eine überaus ideologiekritische Marxistin ist. „Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf“ sind gar die Forderungen der politischen Gruppe, in der sie organisiert ist, nämlich der Hamburger Assoziation Dämmerung. Doch um eine inhaltliche Kritik der Theorie der Tierbefreiungsbewegung geht es Schadt offensichtlich nicht. Vielleicht findet er auch keine Schwachstelle in der Theorie der Gruppe – oder weshalb hätte er es sonst nötig, die Person Witt-Stahls mit Unterstellungen einer angeblich mangelnden Gesprächsbereitschaft zu diffamieren? „Kritik“ sieht jedenfalls anders aus.

…Anleitung zum Geistersehen?

„Geht’s um Naturverhältnisse, sinkt das Niveau linker Debatten schlagartig“, hat die von Schadt kritisierte Susann Witt-Stahl einmal festegestellt. So auch hier: In seinem Vortrag fordert Schadt eine materialistische Kritik am Idealismus – wie wir und andere, die eine kritische Theorie der Tierbefreiung vertreten, sie üben; er selbst fällt allerdings, geht es ums Tier, in bürgerliche Ideologie zurück, ja sogar weit hinter die Positionen von Marx selbst. Im Gegensatz zur marxistischen, historisch-materialistischen Geschichtsauffassung reproduziert er, hier alles andere als ideologiekritisch, den Mensch-Tier-Gegensatz in idealistischer Manier und postuliert, die Behauptung „Der Mensch ist kein Tier“ sei richtig – da man über den Menschen etwas aussagen könne, „was nun wirklich auf kein einziges anderes Tier zutrifft.“ Nämlich: „Sich mit Wille und Verstand zur Welt zu stellen und mit Bewusstsein, ist nun wirklich dem Menschen zu eigen!“
Es ist frustrierend zu beobachten, wie Marx und Engels vor über 150 Jahren die Erkenntnisse Darwins offenbar besser begreifen und verarbeiten konnten als heute so manche Linke. Immer wieder lässt sich feststellen, dass das heutige Alltagsbewusstsein die darwinistische Revolution noch lange nicht gänzlich vollzogen hat. Wissenschaftlich korrekt ist: Der Mensch ist ein Tier; und was die meisten Menschen gegenüber anderen Tieren unterscheidet, ebenso wie das, was Menschen voneinander unterscheidet, ist weniger ihre Biologie, es sind nicht in erster Linie ihre grundsätzlichen Fähigkeiten oder angeborene Eigenschaften, sondern es ist vor allem ihre aktuelle, materielle Lebenssituation. In der Deutschen Ideologie konkretisieren Marx und Engels die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier folgendermaßen: „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst“.
Idealistische Positionen bleiben in der Betrachtung der Spezies dem metaphysischen Denken verhaftet: Sie sehen das Bewusstsein des Menschen nicht als eine in einem geschichtlichen Prozess entstandene Eigenschaft, die, wie Marx vorschlägt, der Mensch durch die Veränderung der Natur, durch Arbeit und die dadurch veränderten Verhältnisse, erworben hat; stattdessen wird es zur Wesenseigenschaft des Menschen hochstilisiert. Marx und Engels kritisieren in der Deutschen Ideologie solche „Geisterseher“ scharf, unter anderem mit den Worten, sie blieben „bei dem Abstraktum ,der Mensch‘ stehen“. Der Marxismus dagegen erkennt die Bezeichnung „der Mensch” als eine Abstraktion an; im Lichte der marxschen Theorie ist es „noch religiös“, abstrakt von Begriffen wie „das Selbstbewußtsein“ und „der Mensch“ zu sprechen. Schadt aber lässt vollkommen unerwähnt, dass Marx und Engels sowie Vertreter der Kritischen Theorie und auch jene, die dabei sind, eine kritische Theorie der Tierbefreiung entwickeln, von der Arbeit als bewusstseinsverändernder Tätigkeit sprechen, während er selbst in bürgerlich-idealistischer Weise „Wille, Verstand und Bewusstsein“ als allgemein anerkannte Unterschiede zwischen Mensch und Tier voraussetzt. So entpuppt derjenige, der von anderen eine materialistische Kritik fordert, sich hier selbst als „Geisterseher“.

Alles gleich?!

Es gibt nach marxistischer Auffassung keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier, sondern nur einen graduellen. Die Menschen beginnen, sich graduell von anderen Tieren zu unterscheiden im Zuge der Arbeit im Sinne von „Veränderung der Natur zu ihren Gunsten“. Anders gesagt: Der Mensch hat durch Arbeit Distanz zwischen sich und die Natur gebracht – eben das vollzogen, was wir als Kulturprozess bezeichnen. Zunächst einmal ist der Mensch, ontogenetisch wie phylogenetisch, wie andere Säugetiere auch; er beginnt sich von ihnen zu unterscheiden anhand einer speziellen Kulturentwicklung, welche sich durch die Unterdrückung der inneren und die Beherrschung der äußeren Natur kennzeichnet: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt“, beschreiben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung diesen Prozess.
Der kritischen Theorie der Tierbefreiung geht es nicht darum zu behaupten, Menschen und andere Tiere seien „gleich“ – was schlicht auch eine unsinnige Behauptung wäre. Die Gemeinsamkeit aber, auf welche es ankommt und die eine Solidarität mit den quälbaren Körpern erfordert, welche über Speziesgrenzen hinausgeht, ist die Leidensfähigkeit. Wenn Schadt sich aber mit dem Begriff des Leidens auseinandersetzt, versucht er erst gar nicht, die Aussagen von Vertretern der Kritischen Theorie zum Thema zu verstehen. „Im Schmerz wird alles eingeebnet, jeder wird jedem gleich. Mensch und Mensch, Mensch und Tier. Der Schmerz saugt das ganze Leben des Wesens auf, das er ergriffen hat: sie sind nichts mehr als Hüllen von Schmerz“ – diese Sätze schreibt Horkheimer, und zwar in seiner Schrift Vernunft und Selbsterhaltung (1942), und nicht etwa in der Dialektik der Aufklärung, wie Schadt im Vortrag behauptet. Dass dieses Zitat falsch zugeordnet wurde, scheint uns kein Zufall gewesen zu sein, sondern passt zum sonstigen Vortrag, in dem es gar nicht darauf anzukommen scheint, Inhalte oder zusammenhängende theoretische Sachverhalte zu kritisieren, und zeigt wohl auch, dass Schadt sich über den Gegenstand, den er hier vorgibt zu kritisieren, die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos, keine tiefergehende Kenntnis angeeignet hat.
Letzteres zeigt sich auch daran, dass er zu Beginn seiner Ausführungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Menschen und Tieren zwar das Horkheimer-Zitat vorliest, im Fortgang dieser Ausführungen dann aber nicht etwa weiterhin dieses Zitat in seinem Kontext oder weitere Argumente und Erkenntnisse aus den Schriften der Kritischen Theorie kritisiert, sondern plötzlich Positionen ins Felde führt, die von der Internetseite veganismus.de stammen, eine Seite, die mit dem angeführten Zitat und mit der Kritischen Theorie insgesamt nichts, aber auch gar nichts zu tun hat – obwohl er doch gerade noch behauptet hat, die, wie er sagt, „wenigen“ VertreterInnen einer kritischen Theorie der Tierbefreiung kritisieren zu wollen. Den Bezug der linken Tierbefreiungsbewegung auf ein Diktum Horkheimers mit dem Verweis auf eine Internetseite zu kritisieren, welche von einem „unpolitischen“, moralisch argumentierenden Veganer betrieben wird, ist jedenfalls witzlos.

Voran zur Solidarität des Lebens!

Die unsorgfältige, intellektuell unredlich vorgehende und diffamierende „Kritik“ an der sich im Entstehungsprozess befindenden kritischen Theorie der Tierbefreiung, die der Referent vornimmt, ist ärgerlich. Wir empfehlen solchen „Kritikern“, sich erst einmal darüber bewusst zu werden, was sie auf welche Weise und mit welchem Ziel kritisieren – so fragen wir uns etwa auch, worin die Motivation liegen könnte, die kleine Bewegung des politischen Veganismus (mit destruktiver Absicht) zu kritisieren. Von unseren „Kritikern“ haben wir bislang jedenfalls noch keine Argumention sehen können, die zeigen würde, dass es nicht richtig und konsequent ist, eine linke, historisch-materialistische Kritik am Kapitalismus sowie an den gesellschaftlichen Naturverhältnissen zu üben, die das Anliegen der Tierbefreiung mit einbezieht. Tierbefreiung muss ein wichtiger Bestandteil der sozialen Kämpfe der Zukunft werden, denn sie resultiert nicht nur aus dem Impuls des Mitleids – der, und zwar keineswegs nur im Bereich des Antispeziesismus, das Potential hat, emanzipatorische Kräfte freizusetzen –, sondern erfolgt auch aus ureigenem Interesse der ausgebeuteten Menschen heraus – eben weil, wie Horkheimer in Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, und hier vor allem im Kapitel Die Revolte der Natur, herausgearbeitet hat, Herrschaft über die Natur die Herrschaft über Menschen mit einschließt.1 Aus diesem Grund spricht Herbert Marcuse, ein anderer Vertreter der Kritischen Theorie, von der „Befreiung der Natur als Mittel der Befreiung des Menschen“; er war sich (im Jahr 1972) noch nicht sicher, ob es nicht „verfrüht“ sei, sich konsequent für „universellen Vegetarismus“ einzusetzen. Für heutige progressive gesellschaftliche Kräfte sollte das keine Frage mehr sein – schon allein angesichts des Offenbarwerdens der Katastrophe, die uns der Versuch unserer Kultur, eine unantastbare Autoriät gegenüber der Natur auszuüben, eingehandelt hat, handelt es sich um ein Gebot der Stunde.


Hartmut Kiewert: „Evolution of Revolution“.

  1. Wenn der Mensch das Bewusstsein seiner selbst als Natur sich allerdings abschneidet, die innere Natur, quasi das Tier in sich, nicht anerkennt, kommt es zur Projektion verdrängter Triebimpulse auf Tiere und andere Menschen, die als Tiere oder als tierähnlich verunglimpft werden. Dergestalt diente das Ausbeutungsverhältnis gegenüber den Tieren in der menschlichen Gesellschaft seit je als Legitimationsfolie für Gewalttaten an Menschen, weshalb das Ziel menschlicher Emanzipation nur erreicht werden kann, wenn unsere Kultur ein andres Verhältnis zur Natur und zu den Tieren entwickelt. Vgl. zu diesem Zusammenhang die Seiten 15f., 188 sowie das Kapitel über die Kritische Theorie im Antispeziesismus-Buch (S. 143ff.). [zurück]


3 Antworten auf „Von Kritikern und Geistersehern“


  1. 1 lalelu 13. August 2014 um 12:32 Uhr

    Zunächst einmal zur „einzigen Ungerechtigkeit“. Es wird daraus tatsächlich keine Aussage getroffen über die gesamte Kritk von Susanne Witt-Stahl, sondern lediglich diese Aussage bewertet. Im der Vorbereitung der Behandlung des Zitates wird nur behauptet, die krit. Theoretiker würden sich um einen Begriff der Sache auch beim Kapitalismus nicht bemühen – was bei diesem Zitat auf jeden Fall stimmt. Es stellt sich auch schon die Frage wie jemand der, wie ihr behauptet, ja eigentlich eine super ausgearbeitete, materialistische (was für eine Gütesiegel!) Position hat, darauf kommt einen so moralisierenden Satz zu formulieren, wenn nicht eben doch aus einem Mangel der Analyse heraus.

    Zum nächsten Witt-Stahl Zitat: Ihr weist überhaupt nicht am Zitat nach, wo Peter Schadt hier einen Fehler gemacht hat, wenn er Witt-Stahl unterstellt sie würde Leute von der Debatte ausschließen, was ja gar nicht so weit hergeholt ist, wenn sie sagt die sollen „schweigen“. Stattdessen meint ihr, man wisse doch über die Autorin, dass sie eigentlich mit den Leuten reden wollen würde. Wieder die Frage: Wieso schreibt sie dann so einen Schrott? Bzw. wenn sich die Bedeutung des Zitates im Kontext verändern würde, warum erwähnt ihr dann nicht den Kontext, dessen Weglassung zum Mangel an Schadts Interpretation geführt haben könnte. Stattdessen sagt ihr einfach, man solle sich mal durch das Gesamtwerk der Autorin kämpfen, dann würde man schon merken, dass sie so eine gar nicht ist, wie sie hier zu sein scheint. Na herzlichen Dank.

    Zum Geistersehen: Hier seid ihr es doch, die etwas aus dem Kontext reißen, um falsche Positionen zu unterstellen. Ihr werft ihm vor, Bewusstsein nicht als Produkt von Arbeit zu behandeln und benennt ein Marx-Zitat, in dem genau das getan wird. Nur: exakt dasselbe Zitat wird doch im Vortrag genannt. Weil davor von Evolution die Rede ist, wollt ihr herausgehört haben, dass der andere Teil, der eben Inhalt des Zitates ist, völlig durchgestrichen wird. Jetzt werdet ihr doch aber nicht ernsthaft bestreiten, dass vor dem Punkt, an dem die menschliche Arbeit anfängt ihn vom Tier zu unterscheiden, keinerlei evolutionärer Prozess stattgefunden hat, der die Vorraussetzungen für ebenjene Arbeit liefert. Und mehr wird auch gar nicht gesagt.
    Ihr weist auch gar nicht nach, warum es falsch ist, dass Tiere sich nicht das Bewusstsein (bzw. die menschliche Form des Bewusstseins) mit dem Menschen teilen – und sich daher, wie im Vortrag erwähnt, doch eigentlich auch an Tierrechtsarbeit beteiligen könnten. Ihr fahrt lediglich ein paar linke Autoritäten auf (Marx, Adorno, Horkeimer), die eurer Meinung nach dem Vortrag widersprechen.

    Kurz etwas zu der Unart mit dem falsch eingeordneten Zitat:
    Es wird hier im Vortrag ein Zitat dem falschen Werk zugeordnet, das stimmt. Was ihr jetzt aber darauf zielsicher folgert, nämlich, dass Schadt sich offensichtlich mit der kritischen Theorie nur höchst oberflächlich befasst hat, ist a) Spekulation und b) offensichtlich nur dazu tauglich, ihn disqualifizieren zu wollen. Es könnte doch auch schlicht sein, dass man während man einen Vortrag hält, der – wie man unschwer hören kann – nicht so furchtbar routiniert ist, einfach mal aus Versehen ein Zitat ins falsche Buch einordnet. Die Unterstellung die ihr daraus macht ist, um mal in eurem Vokabular zu bleiben, intelektuell unredlich und diffamierend.

    Nun zum Inhalt: Ihr wiederholt nur genau das, was Schadt euch im Vortrag vorwirft und argumentiert gegen absolut nichts davon an: Gleich seien Mensch & Tier im Schmerz, dieser Schmerz sei das ausschlaggebende für den Imperativ der Solidarität, alles andere wird durchgestrichen. Dann behauptet ihr noch, er habe das Zitat falsch verstanden – seid dann aber so im eurer Empörung versunken, dass es nicht ordentlich zugeordnet wurde, dass ihr darüber wohl vergesst zu benennen, was er denn nun falsch verstanden habe.
    Die Aufregung darüber, dass das nächste Zitat nun aus einer anderen Ecke kommt, finde ich unverständlich, schließlich sagt er das doch selbst & behauptet mit keinem Wort, dass dort kritische Theoretiker zur Sprache kämen, insbesondere da dort auch gar nicht der „bürgerlich ethische Charakter“ der Website Gegenstand des Zitates wird, sondern das Zitat lediglich als eine Möglichkeit behandelt wird, wie Veganer den Mensch/Tier-Dualismus auflösen, worüber dann ja noch länger geredet wird (also über diesen Dualismus)
    Danach kommt ja dann – wie ihr wohl vergessen habt zu erwähnen – auch Maurizius zu Wort, auf die Kritik dieses Zitates geht ihr leider nicht mehr ein.

    Insgesamt seid ihr leider enttäuschend wenig auf die Argumentation, dafür sehr viel auf den Referenten eingegangen. Jemandem vorzuwerfen er habe etwas nicht richtig verstanden, ersetzt bei euch den Nachweis eines Fehlers & die Berufung auf Autoritäten der kritischen Theorie die eigenen Argumente – auch am Ende, wo euch nur wieder einfällt auf Horkheimer zu verweisen, der ja schon längst geschrieben habe, was ihr auch immer behauptet.

  2. 2 Knoti 13. August 2014 um 18:59 Uhr

    Ich habe nicht so ganz das Gefühl, dass das uns weiterbringt. Dennoch versuche ich möglichst sachlich zu antworten, vielleicht verstehen wir uns ja doch noch:

    1. „einzige Ungerechtigkeit“: Ich kenne niemand der bei der Kritik über Kapitalismus nicht eine Bewertung abgibt=moralisiert. Das ist ja auch okay, solange es nicht dabei bleibt. Wo ist der Sinn, es zu kritisieren, wenn ich sage: Kapitalismus ist Scheiße!? Nirgends, finde ich…

    2. :D Der Gag an dem Spruch mit dem „…schweigen“ ist doch das veränderte Horkheimer-Zitat! Es geht doch nur darum, vehement auszudrücken, dass die Ausbeutung der Tiere anerkannt wird. Es geht darum, zu sagen: Leute, schaut doch mal, ihr sprecht von Herrschaftskritik, kritisiert aber nicht, dass andere fühlende Wesen getötet und zerstückelt werden, ist das denn nicht auch Herrschaft? Wer das nicht versteht, soll für immer schweigen… ;P

    3. „…durch das Gesamtwerk der Autorin kämpfen“ … „na herzlichen Dank“… Bitte sehr! Weiß zwar nicht wofür, aber mir war es zu mühsam mich durch deinen Gesamtbeitrag zu kämpfen.

    4. „dass vor dem Punkt, an dem die menschliche Arbeit anfängt ihn vom Tier zu unterscheiden, keinerlei evolutionärer Prozess stattgefunden hat, der die Vorraussetzungen für ebenjene Arbeit liefert.“ Auf geht’s in die nächste Runde: Willkommen zurück im Idealismus. Genau: Die Evolution hat das Bewusstsein des Menschen verändert und das ist die Vorraussetzung für die Arbeit. Deshalb sagt Marx ja auch „das Bewusstsein bestimmt das Sein“, oder wie jetzt? Oh, Moment, war das nicht andersrum? Hat dann nicht doch die Arbeit das Bewusstsein verändert und so den Menschen einzigartig gemacht?! ^^

    5. Oh, wir weisen nicht die (Nicht-)Existenz von Bewusstsein nach. Wir hatten das eigentlich schon hingekriegt, mit EEG und Neuroforschung und so, aber irgendwie habe ich den Beweis dann doch beim Einkaufen verloren. Und die anderen Wissenschaftler*innen konnten uns den Beweis dann auch nicht liefern… sorry.

    6. Stimmt, linke Autoritäten sollten nicht nur durch ihren Namen Autoritäten sein. Wer das Glück hat dann mal doch Marx, Adorno und Horkheimer teilweise zu verstehen, merkt, dass es nicht nur der Name ist. Schade, wenn wir dir nicht vermitteln konnten, was sie sagen wollen und du hier nur Autoritätsgläubigkeit siehst… Werden uns wohl noch mehr Mühe geben müssen.

    7. “ mal aus Versehen ein Zitat ins falsche Buch einordnet“ Beziehst du dich auf diesen Text oben? Wir haben extra angedeutet, dass es mal per Zufall passiert, Zitate falsch zuzuordnen. Nur, dass keinerlei Inhalt der Kritischen Theorie angedeutet oder ansatzweise angebracht wird, sondern dieser noch explizit widersprochen wird, hat uns eben zu der Annahme geführt, dass er diese Theorie kritisiert, ohne sie ansatzweise zu verstehen. Wir wollen ihn keinenfalls diskreditieren, das erledigt er schon selbst in seinem Vortrag, aber doch darauf hinweisen, dass es leicht ist etwas zu kritisieren, wenn mensch sich nicht damit beschäftigt! Ich kann leicht zwei Sätze von irgendwoher aus dem Kontext nehmen und sagen: Stimmt doch gar nicht!
    Genau das macht Schadt ja nicht mit Singer, was ihm auch hoch anzurechnen ist! Er kritisiert Singer anhand von dem, was Singer meint, nicht von dem, was Singer unterstellt werden kann. Das tut fast niemand, auch ich als linker Tierbefreier hat es meist gereicht, doofe Sachen von Singer zu hören, um ihn doof zu finden. Ich habe mich dann an anderer Stelle mit bürgerlicher Moralphilosophie beschäftigt.
    Aber Schadt wird zugeben müssen, dass er dieses gründliche Vorgehen bei Singer nicht bei der Kritischen Theorie durchhielt. Heißt ja auch nicht, dass ich nur kritisieren darf, was ich völlig durchschaut habe, wird aber eben schwächer und macht mich angreifbar, wenn ich quasi „halbblind“ kritisiere….

    Zum Inhalt
    1: „Gleich seien Mensch und Tier im Schmerz, dieser Schmerz sei das ausschlaggebende für den Imperativ der Solidarität, alles andere wird durchgestrichen.“ Das ist nicht, was Peter uns vorwirft. Er unterstellt uns quasi moralphilosophisches Vorgehen, indem wir eine Kategorie suchen, die als Imperativ zu gelten hat, um allen gleiche „Rechte“ zu geben. So tun es z.B. biozentristische oder pathozentristische Philosoph*innen, von denen wir uns distanziert haben (s. unseren Text „Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus“).
    In der Solidarität ist kein Aufruf zur absoluten Gleichbehandlung enthalten, keine moralische Verurteilung von abweichendem Verhalten! Solidarität entspringt keinem Philosophengeist, sondern ist ein Prinzip, welches in Gefühlsregungen begründet ist, z.B. dem Mitgefühl. Und Leid und Mitleid hängen eng beieinander. Ohne das Leid gibt es keinen Grund für die Verbesserung meiner Situation zu kämpfen, ohne das Mitleid keinen um meine Kämpfe auf andere zu beziehen, wenn mal von strategischen Gründen abgesehen wird. Leid, Mitleid, Kampf und Solidarität sind eng miteinaner verbunden. Diese Prinzipien, die der „männlich-rationale Charakter“ gern als Gefühlsduselei ablehnt (Horkheimer und Adorno schreiben übrigens auch: „Die Sorge ums vernunftlose Tier aber ist dem Vernünftigen müßig. Die westliche Zivilisation hat sie den Frauen überlassen“…), sind ein besserer Maßstab für das eigene Handeln als Bibliotheken gefüllt mit Philosophie (ein guter Text zum Thema: http://www.streifzuege.org/2013/hohe-menschen-und-niedrige-tiere).

    2. Maurizi (ohne -us) erkennt, dass es einen wesenlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier*, den auch du wieder hier behauptest, nicht gibt. Und er sieht, dass das Marx auch schon erkannt hat, obwohl dieser es wohl selbst nicht wahrhaben wollte für seine Einschätzung des Tieres*. Peter behauptet, die drei Sätze, die Maurizi von Marx (Dem Sinn nach: Nur, weil der Mensch sich durch Arbeit von der Natur abgrenzt, ist das menschliche Bewusstsein anders als das tierische‘) ableitet, seien „alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet“. Gleich danach sagt er „Wille, Verstand und Bewusstsein“ sei der Unterschied. Was nun!? Diesen „Trick“ von Peter finde ich krass. In einem Nebensatz einen Unterschied darlegen zu wollen, von dem der Titel des Workshops suggeriert, er würde über ihn sprechen! Die Erkenntnis, dass nicht „der Mensch“ anders ist als „das Tier“, sondern nur die Menschen, die durch ihre Kulturgeschichte Distanz zwischen sich und die Natur gebracht haben (also letztlich dadurch doch alle Menschen) einfach mit einem Wesensunterschied „Wille, Verstand, Bewusstsein“ gleichzusetzen, das ist ein krasser Trick.
    Dass Maurizi die Sätze von Marx mit einem „nur“ versieht, weil er (auch) andere Erkenntnisse daraus zieht wie Marx, ist doch kein „Trick“. Die Sätze sagen ja dadurch nichts anderes aus. Und ihm dann das „tricksen“ unterstellen… – hm, wir werfen uns ja die ganze Zeit fiese Mittel vor, können wir also genausogut lassen.

    3. „Insgesamt seid ihr leider enttäuschend wenig auf die Argumentation, dafür sehr viel auf den Referenten eingegangen.“ – Das finde ich die wichtigste Aussage in deinem Kommentar. Ich hatte einen anderen Eindruck – hatte das Gefühl, dass wir jetzt viel, was sich Leute nicht anderswo anlesen wollen, erklären – aber wenn du das so siehst, heißt das für mich, dass wir nächstesmal mehr auf den Inhalt eingehen sollten. Du hast jetzt aber auch gar nicht auf unsere sachlichen Hinweise reagiert. Reicht es nicht, um etwas davon zu verstehen? Vielleicht können wir nochmal einen Text schreiben, der die Entwicklung inhaltlich zusammenfasst. Bis dahin empfehle ich dir die Deutsche Ideologie von Marx und Engels. Gibts im Netz…

    Ich finde es aber auch schwer, wenn da einer umherzieht und zur „Kritik am politischen Veganismus“ referiert, hauptsächlich mit kontextlosen Zitaten arbeitet und dann inhaltlich gar nichts zu sagen hat als das übliche „Tiere haben halt kein Bewusstsein“, was wir seit Jahrzehnten von jedem Metzger hören, nicht über dieses Vorgehen zu schreiben, sondern zu schreiben: „Hm, du hast offenbar dich gar nicht mit der Materie auseinandergesetzt, also, es ist so….“.

  3. 3 Versuchte einer einführenden Zusammenfassung 15. August 2014 um 17:19 Uhr

    Nochmal inhaltlich zu dem was Peter Schadt in seiner Kritik vollkommen unberücksichtigt gelassen hat. Ich versuche hier eine einführende Zusammenfassung, die sicher leicht kritisiert werden kann (denn ich kann schließlich nicht die Dialektik der Aufklärung, die Deutsche Ideologie und einige andere Werke mit derselben Überzeugungskraft auf ein paar Zeilen zusammenfassen), wenn der Wille dazu auch nur ein wenig da ist, kann es sicher auch verstanden werden:

    1. Materialismus
    Diese Idee, dass es „den Menschen“ einfach so als völlig von Tieren und Natur abgetrennte Entität gibt, ist pure Ideologie. Die Geschichte dieser Idee war lange von der Schöpfungsgeschichte geprägt und auch die atheistische Philosophie behielt diese Idee aufrecht. Wie gesagt, Arnold Gehlen, mal als exemplarischen modernen bürgerlichen Philosophen, sieht den Mensch als Mängelwesen, der nicht alleine in der Natur klarkommt, sondern dafür sich Technik schaffen kann die er zum Überleben braucht. Ein Blick auf sogenannte Jäger und Sammler Gemeinschaften, von denen noch einige Hundertauschende in den Urwäldern und Steppen leben, teilweise mit sehr geringem Technisierungsgrad, zeigt auf, wie unhistorisch und idealistisch, quasi willkürlich gesetzt, diese Perspektive ist! Und auch dass einige Tiere sich einfach technische Hilfsmittel schaffen, spricht gegen diese Setzung, ebenso wie dass viele höhere Tiere auch ohne Sozialisation und Gemeinschaft nicht überleben können. Peter macht sich über den Ast lustig, den der Schimpanse verwendet. Aber es geht weit darüber hinaus. Manche Krähen manipulieren sehr geschickt Grashalme, bauen quasi kleine Widerhaken ein, um sich Insekten aus Bäumen zu angeln. Das ist nicht „von Natur aus“ den Krähen und den Schimpansen gegeben. Auch diese Tiere machen Entdeckungen und geben sie an andere und ihre Nachkommen weiter! Und das ist genau die Definition von Kultur. Bei einer Affenart auf japanischen Inseln wurde dieser Verbreitungsprozess einmal genau beobachtet, dort bei der Entdeckung des Waschens von Süßkartoffeln.
    Und das Adorno-Zitat mit dem Furchtbaren, was die Menschheit durchmachen musste, zeigt auch auf: All das muss in jeder Kindheit wiederholt werden, denn jede*r von uns wird als quasi Tier* geboren.
    Wenn du jetzt sagst, das evolutionär entstandene Bewusstsein, das zur Arbeit befähigt, sei entscheidend, stellst du Marx und den Materialismus auf den Kopf (wobei Marx doch extra den idealistischen Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat). Unser heutiges Bewusstsein haben wir durch tausende Jahre Kulturgeschichte. Bewusstsein ist primär historisch, nicht primär evolutionär/biologisch. Jäger und Sammler unterscheiden nicht zwischen sich und den Tieren*, auch teilweise heute noch. Sie jagen und sammeln wie Tiere auch. Sie sehen sich nicht als grundsätzlich verschieden an. Natürlich produzieren auch sie wie alle anderen Menschen, Kunst, Sprache, Schmuck, weshalb durchaus auch materialistisch Gesehen sie eindeutig Menschen sind. Aber z.B. ist die zentrale Arbeit, Jagen und Sammeln, fast dieselbe wie die der Tiere*, hat sich geschichtlich also wenig davon wegentwickelt. Klar, dass daraus ein Bewusstsein als Teil der Natur erfolgt, nicht als Ebenbild Gottes oder gar über-allem-stehendes, Natur gestaltendes Wesen, wie der „moderne“ Mensch, der sich deshalb einbildet etwas anderes als ein Tier zu sein. Darwins Erkenntnis hat bei denen, die diese ernst genommen haben, dazu geführt nicht mehr die Mensch-Tier-Grenze so überzubetonen, was leider seit Marx und Engels trotzdem viele Linke wieder angefangen haben zu tun. Darwin sagte noch selbst, dass die „Tier-Seele“ nur graduellen und keinen wesentlichen zur menschlichen hatte und dass der soziale Instinkt der Tiere noch immer der wichtigste Bestandteil der modernen Moral sei. Die bürgerliche wie die linke Wissenschaft ist leider weit hinter Marx und Darwin zurückgefallen, was klar ist: Es fließt viel Geld durch die Tierhaltung, da ist also natürliche mächtig Interesse dahinter noch an die atheistische Version des gottesebenbildlichen Menschen zu glauben. Bei der bleibt Peter stehen, was nicht schlimm ist, nur dass ihm soviel theoretische Autorität zugetraut wird dabei, ist tragisch.

    2. Ausweitung der Solidarität
    Menschen sind völlig unterschiedlich. Manche Menschen haben ihr leben lang das Bewusstsein eines 5 Wochen alten Kindes. Trotzdem werden sie als Menschen behandelt, und das ist auch gut so! Diese abstrakte Kategorie „der Mensch“, einfach weil er Kind von anderen Menschen ist und diese wie Menschen aussehen, hat historisch geholfen. Es war ein Fortschritt erstmal mindestens allen Individuen zu gewissen Rechtsansprüchen zu verhelfen, weil dann nicht alle immer wieder jedes mal für ihre Interessen kämpfen mussten, z.B. die es gar nicht können (was weniger die justistische als die faktische Seite von Recht ist). Trotzdem ist, wie aus kapitalismuskritischer Sicht ja immer wieder zurecht wiederholt wird, das Recht eine bürgerliche Instanz, die auch dazu beiträgt Ausbeutung fortzuführen, das Menschenrecht noch lange nicht erfüllt und das kann es auch im Kapitalismus nicht werden.
    Und ebenso wie nach dem ersten Fortschritt, in der Französischen Revolution, wo immerhin mal die weißen Männer zumindest rechtlich gleichgestellt wurden, es nicht reichte da stehen zu bleiben, sondern die Frauen und Nichtweißen es erkämpfen mussten auch in diese „Menschenrechte“ eingeschlossen zu werden, ebenso reicht es nicht im Kampf für ein besseres Leben bei „den Menschen“ stehen zu bleiben. Es ist eben viel zu auffällig, wie ähnlich Rassisten und Sexisten bis ins 19.Jahrhundert die Unterdrückung der Frauen und Nichtweißen rechtfertigte: Fehlendes Bewusstsein, Unfähigkeit zu Kultur usw. waren ebenso Argumente, wie jetzt, wo es um Tiere* geht.

    3. Frankfurter Schule
    Die Kritische Theorie hat als marxistische Denkschule angefangen. In ihren materialistischen und vielen anderen Prinzipien sind sie das geblieben. Allerdings haben sie die Fortschrittsgläubigkeit des 19.Jahrhunderts, die auch in Marx‘ Texten stecken, hinterfragt. Eigentlich begann Engels schon damit, als er in der Dialektik der Natur schrieb, dass die fortschreitende Herrschaft über die Natur immer wieder auf die Menschen zurückschlägt. Adorno und Horkheimer beschreiben in der Dialektik der Aufklärung wie aufgeklärte Rationalität keineswegs ins Glück führen müssen, sondern auch ebenso in den Faschismus führen kann. Faschismus ist neben der unglaublichen Irrationalität und Anti-Aufklärung, die es an den Tag legt, auch ein bis ins extreme durchrationalisiertes Herrschaftssystem. Der Aufklärung wohnt inne, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt. Das ist kein Argument gegen Aufklärung und Rationalität, wohl aber ein Appell vorsichtig damit zu sein und dessen Grenzen anzuerkennen. (ich kann nicht 250 Seiten Dialektik der Aufklärung in 30 Zeilen zusammenfassen, dennoch denke ich, dass es mit Wohlwollen verstanden werden kann!)
    Und ein Appell dem Gefühl und dem Mitgefühl Raum zu geben, neben der kalten Rationalität. Daraus folgt einerseits, auch die zu berücksichtigen, welche viel mehr Gefühl und Triebe und viel weniger als wir Rationalität und nur in Ansätzen Aufklärung kennen, wie die Tiere*. Andererseits dass wir das eigene Mitgefühl, auch diesen unseren „Mittieren“ gegenüber, zur Geltung bringen sollten, wie auch allen Menschen gegenüber, gegenüber wir derart privilegiert leben, dass wir uns auf unseren Privilegien (nicht zur 2-3 Milliarden großen Welt-Unterschicht zu gehören, die um ihre tägliche Nahrung bangen muss) ausruhen könnten (was die meisten von uns leider auch tun und passend zu diesem Sein sich auch Bewusstsein schaffen, indem sie diese Privilegierung und fehlende Aktion dagegen rechtfertigen, sei es durch Rassismus, gelegentliche Spenden oder durch subjektlosen Strukturmarxismus (‚niemand kann was für meine Privilegierung, der Kapitalismus ist es, der die Welt so ungerecht macht‘)).

    4. Pathische Projektion
    Um etwas spezifischer zu werden mit der Kritischen Theorie können wir hier kurz die pathische Projektion erläutern, ein speziellen Fall des Rückfalls der Aufklärung in Barbarei:
    „Erst die Unterdrückung des Triebs trennt den Menschen vom Tier. Die „Bändigung des Triebs durch die Vernunft“ (DA 55) führt dazu, daß der Mensch „das Bewußtsein seiner selbst als Natur sich abschneidet“ (DA 61). Triebe werden tabuisiert und mit dem Tier gleichgesetzt, über das der Mensch sich zu erheben sich anstrengt. „Der Affekt wird dem Tier gleichgesetzt, das der Mensch unterjocht.“ (DA 54) Dies führt zur Projektion verdrängter Triebimpulse auf Tiere und andere Menschen, die als Tiere oder tierähnlich verunglimpft werden und in deren Bestrafung und Verfolgung sich der Verdrängende seinem Unmut und seiner Aggression über die Verdrängung freien Lauf lassen und gleichzeitig als Vollstrecker der Zivilisation fühlen kann. Diesen Mechanismus nennen Adorno und Horkheimer „pathische Projektion“. Allgemeiner ausgedrückt meint dieser Begriff die Projektion eigener, gesellschaftlich tabuierter und daher verdrängter Triebimpulse und Gefühlsregungen vorzugsweise auf nicht dem eigenen (Volks-)Kollektiv angehörende und gesellschaftlich abgewertete, weil der Natur angeblich näherstehenden, Individuen bzw. (konstruierte) Gruppen, um sie dort zu verfolgen und in der Verfolgung die verdrängten Impulse bzw. die unbewußte Wut über deren Verdrängung auszuleben und sich dadurch als rechtschaffener Durchsetzer des Tabus zu fühlen.“ (quelle: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm#punkt24)
    Es ist also wichtig, die Rationalität kritisch zu sehen, und den eigenen Trieben und Lüsten, Gefühlen und Mitgefühlen nicht mit kalter Rationalität zu begegnen. Beziehungsweise, die absolute Hierarchie der Rationalität über die Gefühle, ist in Frage zu stellen. Eine Erkenntnis die auch aus dem Feminismus schon öfters in die Linke drang.
    Adorno und Horkheimer nehmen das Tier* immer wieder als Beispiel für das Wesen, welches aus unserer Sicht sich unbedacht seinen Trieben und Instinkten hingibt. Natürlich schlachtet niemand Tiere* um sie auszurotten oder aus Wut gegenüber ihr sonst so freies Leben. Aber andersherum lässt sich beobachten, dass Tiere* zur Abwertung anderer Menschen verwendet werden. Dazu mehr im nächsten Punkt.

    5. Das Tier-Konstrukt
    In der sozio-linguistischen Arbeit von Jobst Paul „Das (tier)-Konstrukt und die Geburt des Rassismus“ analysiert dieser die Sprache der Abwertung. Es geht dabei um Schimpfwörter aller Art, wie um rassistische Sprache. Er kommt zu dem Schluss, dass alle Abwertungen letztendlich auf eine Art Tier* oder besser gesagt das abzielen, wie wir uns Tiere* vorstellen: Eine Art Nur-Körper, ohne Geist, nur Instinkte und Triebe, Intelligenz höchstens instrumentell, also als Mittel um seine niederen Triebe zu befriedigen. Das trifft sowohl die gängige Tier-Darstellung (mensch denke an Peters Ast) als auch die Abwertungsbezeichnungen, die entweder direkt auf Tiere abzielen („Sau“, „Schwein“, „Esel“) oder auf den Stoffwechsel („Fress-“, „Fett-“, „Arsch“, „Scheiß-“). Das trifft auf (post-)koloniale rassistische Abwertung („Busch-“, „Wild-“, „Affen“) als auch auf ‚Übermachtsrassismen‘ wie Antisemitismus („gerissene gierige Juden“) als auch antimuslimischen Rassismus („irrationale Horden von Moslems“, „fluten nach Europa“, „vermehren sich wie Kaninchen“).
    Um eine menschenfreundliche Welt zu schaffen müssen wir von diesem idealistischen Denken, es gäbe „das Wesen“ eines Individuums oder einer Gruppe, weg kommen, denn es sind immer die veränderbaren Umstände, die es bestimmen, ebenso vom Geist-Natur-Dualismus, welcher die Blaupause für den Mensch-Tier-Dualismus darstellt.

    5. Naturbeherrschung
    Der Umschlag der Rationalität in Barbarei haben die Frankfurter jedoch auch im Weltmaßstab beobachtet: Sowohl der Faschismus als auch östlichen Stalinismus wie im westlich-liberalen Kapitalismus. Überall scheint Rationalität in Barbarei umzuschlagen. Und tatsächlich sehen wir denselben rationalistischen Maximierungswahn in allen drei „Systemen“: Überall wird die Ausbeutung der Natur perfektioniert und das heißt sowohl der Pflanzen und der Tiere als auch der Menschen. Du kannst nicht sagen, du willst die Nutzung von Allem effektiver machen, ohne dass dieses Konzept nicht die Menschen berührt und versucht dessen Nutzung effektiver zu machen. Das ist weder bei uns noch bei den Frankfurtern ein Appell zum Rückkehr in die Steinzeit. Die Kritischen Theoretiker stellen sich eine Versöhnung zwischen Kultur und Natur vor, die Adorno selbst mit seinen perfektionistischen Maßstäben und sehr kritischen theoretischen Herangehensweisen nur in der Musik verwirklicht sieht. Wir können uns aber ein mensch-tier- und naturfreundliches Zusammenleben und -wirken in einer befreiten Gesellschaft vorstellen. Ohne Privateigentum an Produktionsmitteln, ohne groß Hierarchien, effektiver wo es niemand schadet, ineffektiver wo es den Betroffenen angenehmer ist.

    6. Hunger durch Handel
    Noch kurz etwas zu Peters Schadts Argument, dass Veganismus nichts gegen den Welthunger hilft, weil das Mehr an Lebensmittel überhaupt nicht den Armen zugute kommen würde, weil sie ja kein Geld haben um diese zu bezahlen. Erstmal, ja, es ist nicht so einfach, dass es an Nahrung fehlt und deshalb Menschen hungern. Es gibt jetzt schon genug für alle, auch mit Fleischkonsum. Ohne können auf jeden Fall mehr Menschen ernährt werden. Aber es ist auch nicht so, dass mit den Grundprinzipien des Kapitalismus die Welt erklärt werden kann! Schließlich gibt es reale Enteignungen, die über den kapitalistischen Handeln ablaufen: Durch die Kraftfutterproduktion für Tierprodukte steigt der Bedarf an Soja weitaus stärker als durch den veganen Sojakonsum. Dadurch werden Felder für den Sojaanbau im globalen Süden „gebraucht“ und Substistenzbauern in den ärmeren Ländern von ihrem Land vertrieben, sei es legal durch Landkauf oder illegal. Der Konsum von Tierprodukten (außer Demeter, da muss 80% der Futtermittel an Ort und Stelle produziert werden), von Südfrüchten, von Energiepflanzen(E10-Kraftstoff und Biodiesel), von Kaffee und Tee sowie von Schnittblumen kann also direkt mit der Enteignung von Bauern und Bäuerinnen im globalen Süden und mit dem dadurch entstehenden Hunger zusammenhängen! Schadts nebensächliche Setzung, die ganze Welt sei bereits durchkapitalisiert und niemand lebe mehr von Substistenzwirtschaft, ist unkorrekt. Die globale Bauern und Bäuerinnenorganisation Via Campesina setzt bei der Hungerbekämpfung auf Ernährungssouveränität, also die Möglichkeit vor Ort Nahrung anzubauen. Die Vorstellung, es gebe hier ja genug zu Essen und im Süden nicht, und diese Nahrung müsste in den Süden transportiert werden ist notwendig falsches Bewusstsein, ein Schein der sich aufdrängt aber nichts mit der Realität von Enteignung der Menschen im Globalen Süden zu tun hat.
    Aber natürlich ist das auch nicht alles. Z.B. reagieren die Fleischproduzenten in Deutschland auf die Krise (und u.a. auch auf den Vegan-Hype hier) indem sie stärker auf Export setzen und so billiges Hünchenfleisch auf die afrikanischen Märkte strömt, dort die lokale Infrastruktur zerstört und ebenfalls für Hunger und langfristige Abhängigkeiten sorgt. Die Lösung gegen den Welthunger finden wir also nicht in der Ernährungsweise und auch nicht in überheblicher Kapitalismuskritik, sondern in Aktionen des globalen Klassenkampfes (der natürlich auch theoretisch unterfüttert sein sollte). Gezielte Boykott-Kampagnen können ebenso Teil dieser Aktionen sein, wie Fairtrade-Kampagnen, Gipfelproteste, Anschläge auf Täterkonzerne hier, Massenmobilisierung und -aufklärung z.B. zum Thema Freihandel, Ausarbeiten theoretischer Argumente für diesen Widerstand usw.

    Zum selbst nachlesen:
    Adorno, Horkheimer: Dialektik der Aufklärung: http://phoenix.blogsport.de/images/dialektik_aufklaerung.pdf
    die sehr lesenswerte und verständliche Kurzdarlegung der Kritischen Theorie in Bezug auf Tierbefreiung: http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/menschtier.htm
    Marx, Engels: Gesammelte Werke unter http://mlwerke.de
    Kapitalimus, Kolonialismus, Hunger gibts vieles, z.B.: über Nahrungsmittelspekulation: http://uweness.eu/kapitalismus-toetet.html und über Zerstörung von Substistenzwirtschaft: http://www.berndsenf.de/pdf/WDLKapitalismusKolonialismus.pdf
    und über Agrarkolonialimus: http://einarschlereth.blogspot.de/2014/04/agrarkolonialismus-in-afrika.html

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