Prozess gegen Tübinger Tierexperimentatoren

Foto: Demonstration gegen die Tübinger Experimente mit Primaten im Dezember 2016; mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Wie heute berichtet wird, kommt es im Verfahren wegen „mutmaßlicher Tiermisshandlung“ bei Versuchen mit Affen am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik nun zu einem Prozess gegen die drei Angeklagten. Eine entsprechende Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) aufgreifend, schreiben etwa die Süddeutsche Zeitung und Focus:


Das teilte das Amtsgericht Tübingen am Mittwoch mit. Demnach ist der Auftakt zur Hauptverhandlung für den 7. Januar vorgesehen. (Aktenzeichen 15 Cs 15 Js 18215/14 (2)). Das Gericht hatte den Angeklagten zu Jahresbeginn Geldstrafen auferlegt. Sie hatten die Zahlung jedoch abgelehnt und Einspruch erhoben. Die drei Beschuldigten waren zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt Mitarbeiter des Instituts. Laut Anklage sollen sie Affen unnötigen Qualen ausgesetzt haben, weil sie Versuche an ihnen weiterführten, statt die Tiere einzuschläfern. Bei einem der Angeklagten handelt es sich laut Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft um den Forscher Nikos Logothetis. Die Gesellschaft hat dem Abteilungsdirektor des Instituts wegen des laufenden Strafverfahrens seine Leitungsfunktionen teilweise entzogen. Logothetis darf derzeit keine Tierversuche durchführen und anleiten, wie eine Sprecherin am Mittwoch mitteilte. Er habe bereits 2015 nach Bekanntwerden der Vorwürfe erklärt, Versuche an Affen einzustellen.

Andere Medien machen das Thema reißerischer auf: „Affen unnötig gequält“, titeln etwa die Badischen Neuesten Nachrichten, auf tag24.de liest man gar: „Affen bis aufs Blut misshandelt: Jetzt kommt es zum Prozess“.

Nikos Logothetis rechtfertigte schon in einem Fernseh-Beitrag von 2009, der unsere Demonstration am 18. April und die Primatenversuche in Tübingen zum Thema hatte, die Gewalt, mit der die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, zur Teilnahme an den Versuchen gezwungen werden, mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben, und leugnete dann schlicht, dass die Affen leiden. Das ZDF-Magazin Frontal21​ kam damals zum Schluss: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Bereits im Dezember 2015 ist eine Tübinger Angestellte des Instituts zu einer Geldstrafe wegen des Vortäuschens von Straftaten verurteilt worden: Sie hatte angebliche Übergriffe gegen sich frei erfunden, um die Tierversuchsgegner zu diskreditieren.

Auch auf intellektueller und moralischer Ebene haben die Experimentatoren und deren Lobbyisten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Gleich zu Beginn der Kampagne widersprachen sich Tierexperimentatoren gegenseitig: Am Tag unserer ersten Großdemonstration gegen die Primatenversuche am 18. April 2009 schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt. Darin wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut, selbst Tier-Experimentator, im Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt. Er selbst forsche über Alzheimer – an Fliegen und Würmern. Damit gab er die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft vollkommen der Lächerlichkeit preis.

Die Verantwortlichen waren nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Stattdessen wurde in intellektuell unredlicher Weise durch die Nennung diverser Krankheiten, beispielsweise „Krebs oder Parkinson“, ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Richtig peinlich wurde es, als die Experimentatoren nachweislich falsche Behauptungen anführten, die entweder von einem erschreckenden Defizit medizinhistorischen Wissens zeugten oder aber den Schluss zulassen, dass sie die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen wollten.

Ihren moralischen Tiefpunkt erreichten die Experimentatoren, als sie ein „öffentliches Gespräch“ veranstalteten, das die Notwendigkeit von Tierversuchen „aus verschiedenen Perspektiven“ beleuchten sollte. „Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai 2013, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Am 24. Juni ging das Tübinger „Affentheater“ in die nächste Runde: In geradezu perfider Art und Weise wurde bei der Veranstaltung mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Und wer vertrat die „Sicht der Patienten“? Zwei Professoren, die selbst Tierexperimente betreiben und persönlich unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ sprach Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, für „ethische Erwägungen“ wurde Dr. Dr. Karin Blumer, PR-Fachfrau der Novartis AG, ein Pharmakonzern, der ebenfalls Tierexperimente betreibt, eingeflogen. Schließlich waren die Experimentatoren sich nicht einmal zu schade, im Interesse ihrer eigenen Karrieren dem Publikum eine schwerkranke Patientin im Rollstuhl regelrecht vorzuführen und sie schaulaufen zu lassen, nur um Betroffenheit auszulösen und Kritiker der Versuche mundtot zu machen. Denn mit Primatenexperimenten hatte die Erforschung ihrer Krankheit natürlich rein gar nichts zu tun.

Das Tübinger Trauerspiel rund um die Affenversuche ist auch politisch betrachtet eine Farce: Der grüne Oberbürgermeister der Stadt, Boris Palmer, positionierte sich bereits 2011 mit den Worten „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“ klar aufseiten der Experimentatoren und der Tierausbeutungs-Industrie. Im September 2014 tauchte er bei einer Demonstration gegen die Versuche auf und provozierte die Teilnehmer; unter anderem beschimpfte er sie als „Gesinnungsterroristen“. Aus einem kleinen Kieselstein, der ihn aus der Menge heraus am Hemd – und nicht, wie er später, obwohl es zahlreiche Zeugen gab, behauptete, „am Kopf“ – traf, machte er auf seiner Facebook-Seite „Steinwürfe gegen Andersdenkende“; er log also, um das Anliegen der Demonstranten zu verunglimpfen. Später rückte er einen unserer Aktivisten in die Nähe der Roten Armee Fraktion: „So ähnlich hat es mit der RAF angefangen. Sie sollten sich Hilfe holen“, schrieb er. „So lacht das Netz über Boris Palmer“, titelte daraufhin der Reutlinger Generalanzeiger.

Während Palmer – selbst Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Campus Tübingen – sich von Anfang an auf die Seite der Experimentatoren stellte, hatte seine Partei auf Landesebene unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch unsere Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut worden war, die For­de­rung nach einem Ende der Experimente in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 aufgenommen; die Versuche soll­ten „in­ner­halb eines fest­ge­leg­ten Zeit­rah­mens ganz be­en­det wer­den“, hieß es darin. Auch die SPD hatte wich­ti­ge Ziele zur Stär­kung der tier­ver­suchs­frei­en For­schung in ihrem Wahl­pro­gramm fest­ge­schrie­ben, und im Ko­ali­ti­ons­ver­trag der bei­den Par­tei­en heißt es: „Wir wol­len die Zahl der Tier­ver­su­che im Land wei­ter ver­rin­gern und die Ent­wick­lung von Al­ter­na­tiv­me­tho­den bes­ser för­dern.“

Nach und nach offenbarte sich aber ein „doppelter Betrug am Wähler“: Als sie Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung schnell nichts mehr wissen. Am 16. November 2012 fand im Stuttgarter Landtag eine Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ statt – eine Farce: Dem Experimentator Nieder, der mit einem ganzen Fanclub von Studierenden angereist war, wurde Raum geboten, die Versuche ausführlich zu verteidigen. Ihm zur Seite stand die ebenfalls bereits erwähnte Pharma- und Tierversuchslobbyistin Blumer – die allerdings nicht einmal wusste, in welchem Bundesland sie sich gerade befand. Auch bei den Grünen zeigte sich Orientierungslosigkeit: Der Großteil der anwesenden Parlamentarier schien sich zum ersten Mal überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Reinhold Pix, der tier­schutz­po­li­ti­sche Spre­cher der Par­tei, gab sich gar die Blöße, sich dergestalt zu „rechtfertigen“, dass die Grünen bei der Ver­an­ker­ung der For­de­rung nach einem Ver­bot der Af­fen­ver­su­che im Wahl­pro­gramm ja nicht damit ge­rech­net hät­ten, in Ba­den-​Würt­tem­berg tat­säch­lich in die Si­tua­ti­on der Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu ge­lan­gen. Der Koalitionspartner SPD vollzog Ende 2012 einen regelrechten Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby und befürwortet seither die Affenversuche.

Die Primatenversuche am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik sind beendet; doch noch immer finden an zwei Tübinger Instituten Experimente mit Affen statt: In der Abteilung Kognitive Neurologie des Hertie-Instituts für Klinische Hirnforschung (Hoppe-Seyler-Straße 3
, 72076 Tübingen) sowie in den Laboren des „Chair in Animal Physiology“ der Universität Tübingen (Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen).

Zur Kampagne:

Im Januar 2009 starteten wir zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche eine Kampagne gegen die Primatenversuche in Tübingen, in deren Rahmen neben zahlreichen Infoständen und kleineren Aktionen mehrere Großdemonstrationen in Tübingen und Stuttgart stattfanden. 2010 riefen wir zu einer offenen Aktionsphase gegen Tierversuche auf; daraufhin fanden mehrere Aktionen statt, unter anderem wurde auf den Tübingern Ortsschildern der Schriftzug „Universitätsstadt Tübingen“ zu „Tierversuchsstadt Tübingen“ geändert, woraufhin „wegen des offenbar politischen Hintergrunds“ der Staatsschutz ermittelte. Im Oktober 2011 wurden über 60.000 Unterschriften gegen die Versuche, die von den Teilnehmern der Kampagne gesammelt worden waren, an die grün-rote Landesregierung Baden-Württembergs übergeben.

Der Verlauf der Kampagne lässt sich in unserer Kategorie „Tierversuche“ nachverfolgen; ein ausführlicher Kampagnenbericht (Stand: Juni 2013) fand sich in der Ausgabe 79 des Magazins Tierbefreiung, inklusive unseres Redebeitrags, den wir bei der dritten Tübinger Großdemonstration gegen die Versuche gehalten haben; den gesamten Artikel als PDF gibt es hier. Im September 2014 erschien ein Artikel mit dem Titel „Stadt der Affen“ zum Thema beim Nachrichtenmagazin Hintergrund.

Für großes Aufsehen sorgte ebenfalls im September 2014 ein Bericht von Stern TV zum Thema mit dem Titel „Leiden für die Wissenschaft“. Ein Aktivist der SOKO Tierschutz hatte heimliche Aufnahmen im Affenlabor des Max-Planck-Instituts gemacht; Ausschnitte davon wurden im Stern TV-Beitrag gezeigt. Dadurch erlangte das Thema große Aufmerksamkeit in den Medien und der Öffentlichkeit; bei den von SOKO Tierschutz in Folge organisierten Demonstrationen in Tübingen nahmen jeweils hunderte Menschen teil; im Dezember 2014 beispielsweise demonstrieren mindestens 800 Menschen gegen die Versuche. 2015 fand eine Razzia der Staatsanwaltschaft in den Räumen des Instituts statt, 2017 stellte es die Experimente an Affen ein. Im Februar 2017 klagte auch eine ehemalige Praktikantin das MPI an: Sie sei 2013 trotz fehlender Sachkenntnisse zu schwierigen Operationen an lebenden Tieren „geradezu genötigt“ worden. Im Februar 2018 beantragte die Staatsanwaltschaft Tübingen Strafbefehle gegen drei verantwortliche Mitarbeiter.

Links:

„Tierversuche: Opfer der Forschung“, Frontal 21, 19. Mai 2009.

Aktionsaufruf: Tierversuchsstadt Tübingen“, asatue, 26. März 2010.

„Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an“, asatue, 20. Mai 2011.

„Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen“, asatue, 30. Mai 2011.

„Blutiger Fehlschluss“, asatue, 29. März 2012.

„Weshalb wir gegen Tierversuche sind“, asatue, 5. Mai 2013.

„Stoppt Affenversuche! Kampagne und Großdemoonstration in der Tierversuchsstadt Tübingen“, Tierbefreiung, das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79 (Juni 2013), S. 14-19.

„Undercover-Aufnahmen: Leiden für die Wissenschaft“, Stern TV, 10. September 2014.

„Stadt der Affen: Undercover-Aufnahmen entfachen Streit um Tierversuche“, hintergrund.de, 15. September 2014.

„Strafbefehl gegen MPI-Mitarbeiter: Die folgenreiche Berichterstattung über Affenversuche am Max-Planck-Institut“, Stern TV, 21. Februar 2018.


2 Antworten auf „Prozess gegen Tübinger Tierexperimentatoren“


  1. 1 kurt windler 21. November 2018 um 16:33 Uhr

    Schluss mit Tierversuche

  2. 2 Angela Lenz 22. November 2018 um 11:14 Uhr

    Grundsätzlich Einstellung jeglicher Tierversuche und zwar sofort!!!!

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