Archiv für Januar 2019

Angela Davis: „Veganismus ist Teil einer revolutionären Perspektive“

Angela Davis

Die US-amerikanische Bürgerrechtlerin und marxistische Philosophin Angela Davis wird heute 75 Jahre alt. In den 1970er-Jahren wurde sie zur Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA. Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren gehörte sie zu den prominenten Führungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der USA. In ihrem Studium hörte Davis Vorlesungen von Herbert Marcuse. Auf seine Vermittlung hin studierte sie ab September 1965 in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. In Frankfurt schloss sie sich dem SDS an und nahm an Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie promovierte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.

Anfang der 1970er-Jahre wurde sie in den USA verhaftet und angeklagt: Dem bereits seit seinem 18. Lebensjahr in Haft sitzenden George Jackson, der im Gefängnis Mitglied der Black Panther Party wurde, schlug Davis vor, ein Buch über seine Haftbedingungen zu schreiben, was er mit Soledad Brother auch tat. Im August 1970 lieferte sich Jacksons Bruder Jonathan bei einem missglückten Befreiungsversuch in einem Gerichtssaal eine Schießerei mit der Polizei, bei der vier Menschen getötet wurden. Davis wurde vorgeworfen, die Waffe für diesen Überfall geliefert zu haben. Sie wurde daraufhin vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt, einige Wochen später wurde sie verhaftet. Ihr drohte wegen des Vorwurfs der „Unterstützung des Terrorismus“ die Todesstrafe. Gegen ihre Verhaftung entwickelte sich eine über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinausreichende Welle des öffentlichen Protests. So schickten ihr tausende Menschen aus der DDR unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. Nach zwei Jahren wurde Davis am 4. Juni 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen. In der Tageszeitung junge Welt ist heute unter dem Titel „Kämpferin für Gerechtigkeit“ ein Artikel zum Thema erschienen; darin heißt es: „Einige Leserinnen und Leser der jungen Welt werden sich vielleicht noch an den 26. Januar 1971 erinnern, als aus Anlass des 27. Geburtstags der jungen Kommunistin in Berlin, der Hauptstadt der DDR, eine Solidaritätskampagne für die politische Gefangene initiiert wurde. Denn es entsetzte in der DDR viele Menschen, dass die linke Professorin dem damaligen republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, ein Dorn im Auge war und für lange Zeit weggesperrt werden sollte.“

Davis ist emeritierte Professorin an der University of California in Santa Cruz in den Fachbereichen Geschichte des Bewusstseins und Feministische Studien. Im Dezember 2013 trat sie die erste Angela-Davis-Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Universität Frankfurt am Main an. Schwerpunkt ihrer Arbeit der vergangenen Jahre ist die Untersuchung des „Gefängnis-Industrie-Komplexes“, vor allem in den USA. Mehrmals hat sie sich aber auch zum Thema Tierbefreiung und Veganismus geäußert. Im Februar 2012 hat sie öffentlich dafür plädiert, Tierbefreiung als notwendigen Teil linker Gesellschaftskritik zu begreifen. Das entsprechende Video gibt es auf der Website von Assoziation Dämmerung. Im März desselben Jahres führte sie an der University of California in Berkeley ein Gespräch mit Grace Lee Boggs mit dem Titel „On Revolution“, in welchem sie abermals auf das Thema einging. Der englische Original-Text ist hier einsehbar; wir wollen hier einige Sätze daraus übersetzt wiedergeben:

Ich denke, das Feld der Ernährung wird die nächste große Arena für unsere Kämpfe bilden. Ich bin manchmal wirklich enttäuscht, dass viele unter uns sich für so radikale Aktivisten halten, aber gar nicht darauf kommen, über das Essen nachzudenken, das wir unseren Körpern zuführen. Wir realisieren nicht das Ausmaß, wie sehr wir in den gesamten kapitalistischen Prozess eingebunden sind dadurch, dass wir unkritisch an jener Lebensmittel-Politik partizipieren, welche uns von den großen Konzernen aufgetischt wird. Ich erwähne normalerweise nicht, dass ich vegan bin, aber da habe ich mich entwickelt… Ich denke, dass es der richtige Moment ist, darüber zu sprechen, weil es Teil einer revolutionären Perspektive ist – wie können wir nicht nur zu Menschen ein Verhältnis entwickeln, das von Mitgefühl geprägt ist, sondern wie können wir ein empathisches Verhältnis auch zu den anderen Lebewesen entwickeln, mit denen wir diesen Planeten teilen, und das würde bedeuten, der gesamten kapitalistischen industriellen Art der Nahrungsmittelproduktion eine Kampfansage zu machen. […] Die meisten Menschen denken nicht über die Tatsache nach, dass sie Tiere essen. Wenn sie ein Steak essen oder Hühnerfleisch, denken die meisten Menschen nicht über das enorme Leid nach, das diese Tiere ertragen, nur um Lebensmittel-Produkte zu werden, damit sie von Menschen konsumiert werden können. Ich denke, dass die fehlende kritische Auseinandersetzung mit der Nahrung, die wir essen, demonstriert, wie sehr die Warenform die primäre Art und Weise geworden ist, mit der wir die Welt wahrnehmen. Wir gehen nicht über das hinaus, was Marx den Tauschwert des tatsächlichen Objektes genannt hat – wir denken nicht über die Verhältnisse nach, die dieses Objekt verkörpert und die maßgeblich für den Produktionsprozess dieses Objekts waren, ob es sich dabei nun um unser Essen, unsere Kleidung, unsere iPads oder alle anderen Dinge handelt, die wir verwenden, um eine Ausbildung an einer Institution wie dieser zu erwerben. Das würde wirklich revolutionär sein, eine Gewohnheit zu entwickeln, sich die menschlichen und nichtmenschlichen Verhältnisse hinter all den Objekten, die unsere Umwelt bilden, vorzustellen.

Mindestens 2500 Menschen demonstrieren in Tübingen für eine Agrarwende

Während in Berlin etwa 35.000 Menschen unter dem Motto der „Wir haben es satt“ auf die Straße gegangen sind, haben auch in Tübingen mindestens 2500 Menschen für eine klima- und tierfreundlichere Landwirtschaft demonstriert. In Berlin hatte ein Großbündnis von mehr als 40 Klima- und Umweltverbänden, NGOs, Landwirten und Verbraucher- sowie Tierschützern dazu aufgerufen, gegen die Agrarindustrie und die EU-Subventionspolitik im Dienst der Konzerne zu protestieren. Statt einer „Agrarpolitik im Dienst der Industrie“ wurde für eine zukunftsfähige Landwirtschaft demonstriert, für gesunde Lebensmittel für alle statt Hunger, Nahrungsmittelspekulation und Patentierung von Pflanzen und Tieren, sowie für Biodiversität statt Gentechnik und Pestizide.

In Berlin gab es auch einen „veganen Tierrechtsblock“. In einem Artikel in der jungen Welt, der heute erschienen ist, schreibt John Lütten zum Thema:

Gründe für Protest gibt es genug: Das romantisierte Bild der klassisch bäuerlichen Landwirtschaft, das die Industrie verbreitet, kaschiert etwa, dass hier nur einzelne Player das Sagen haben. »Viele wissen nicht, dass weite Teile des Ernährungssektors zwischen wenigen Konzernen aufgeteilt sind«, heißt es etwa im »Konzernatlas 2017«, der u. a. von der Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Oxfam herausgegeben wurde. »Und der Trend zur Machtkonzentration geht weiter.« Nicht ökologische Standards oder die Interessen von Beschäftigten oder Tieren sind hier daher entscheidend. Nein, knallharte Profitinteressen sind der Grund für verschärfte Konkurrenz und Preiskämpfe, den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat, Naturzerstörung oder »Billigfleisch«. So zum Beispiel in der Fleischindustrie, in der eine Handvoll Unternehmen den Markt unter sich aufteilen. Sie gelten als Mitverursacher des Klimawandels, stoßen massenhaft CO2 und Feinstaub aus, lassen Regenwälder abholzen. Für die Profite lassen sie Millionen von Tieren töten, nicht zu vergessen die Ausbeutung von Arbeitern, die für die zehrende »Produktion« von Fleisch meist knapp über Mindestlohn bezahlt werden. Daran haben auch »grüner« Konsum oder Lifestyle-Veganismus wenig geändert, mitunter nutzen die Fleischkonzerne sie sogar schlicht zur Erweiterung ihrer Produktpalette. […] Fragen der Ökologie oder Klimapolitik sind immer auch Klassen- und Systemfragen: Nicht nur die Monopolisierung des Marktes, die Begünstigung der Konzerne oder ihre Lobby sind das Problem – die Profitmacherei selbst ist letztlich der Grund für Naturzerstörung, Pestizideinsatz und Verschleiß von Arbeitskräften oder Tieren.

In Tübingen ging es mit einer Kundgebung um 11 Uhr auf dem Marktplatz los, es folgte ein Demonstrationszug durch die Stadt. Organisiert wurde die Tübinger Demonstration vom Bündnis „Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen“. „Zum Auftakt der ‚Grünen Woche‘ in Berlin, in der der Agrarministergipfel über unsere Zukunft diskutiert, werden wir laut und stehen für unsere Werte ein! Wir schließen uns damit den tausenden Menschen der Wir-haben-es-satt-Demo in Berlin an. Wir sind eine wachsende, bunte und friedliche Bewegung, die nicht tatenlos zusieht, wie die Erde zu Grunde gewirtschaftet wird, sondern handelt“, heißt es in dem Aufruf zur süddeutschen „Wir haben es satt“-Kundgebung in Tübingen, und: „Mit der derzeitigen Landwirtschaft zerstören wir unsere Lebensgrundlagen! Deshalb kommen wir zusammen, um gemeinsam eine zukunftsfähige Landwirtschaft einzufordern, uns zu vernetzen und Lösungswege aufzuzeigen.“ Bereits gestern waren in Tübingen 1000 Schüler im Schulstreik und haben unter dem Motto „Fridays for Future“ für Klimaschutz demonstriert.

Wir fordern eine Agrar- und Systemwende, die auch mit einer Transformation der Landwirtschaft hin zu einer (bio-)veganen Produktion einhergehen sollte. Die Tierindustrie bedeutet nicht nur unermessliches Leiden für „Nutztiere“ und gnadenlose Ausbeutung von Arbeitern, sie vernichtet auch zusehends unsere Lebensgrundlage, indem sie die Umwelt verschmutzt und zerstört und maßgeblich zum Klimawandel beiträgt. Wir haben das menschen- und tierverachtende System, in dem wir leben, satt; es ist höchste Zeit, der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ein Ende zu setzen und für eine Gesellschaft zu kämpfen, die ein ökologisches und friedliches Zusammenleben der Menschen mit der Natur und den Tieren ermöglicht!

Mehr Fotos von der Tübinger Demonstration auf unserer Facebook-Seite.

Demonstration: Wir haben es satt!

Auch in Tübingen wird am 19. Januar unter dem Motto „Wir haben es satt!“ für eine Agrarwende demonstriert. Los geht es mit einer Kundgebung um 11 Uhr auf dem Marktplatz, es folgt ein Demonstrationszug durch die Stadt. Organisiert wurde die Demonstration vom Bündnis „Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen“.

„Zum Auftakt der ‚Grünen Woche‘ in Berlin, in der der Agrarministergipfel über unsere Zukunft diskutiert, werden wir laut und stehen für unsere Werte ein! Wir schließen uns damit den tausenden Menschen der Wir-haben-es-satt-Demo in Berlin an. Wir sind eine wachsende, bunte und friedliche Bewegung, die nicht tatenlos zusieht, wie die Erde zu Grunde gewirtschaftet wird, sondern handelt“, heißt es in dem Aufruf zur süddeutschen „Wir haben es satt“-Kundgebung in Tübingen, und: „Mit der derzeitigen Landwirtschaft zerstören wir unsere Lebensgrundlagen! Deshalb kommen wir zusammen, um gemeinsam eine zukunftsfähige Landwirtschaft einzufordern, uns zu vernetzen und Lösungswege aufzuzeigen.“ Unter anderem wird eine Agrarpolitik für eine zukunftsfähige Landwirtschaft – statt Lobbyismus und Subventionen für die Agrarindustrie – gefordert, gesunde Lebensmittel für alle statt Hunger, Nahrungsmittelspekulation und Patentierung von Pflanzen und Tieren, sowie Biodiversität statt Gentechnik und Pestizide. Bei der parallel in Berlin stattfindenden Demonstration zum Thema wird es auch einen „veganen Tierrechtsblock“ geben.

Wir rufen dazu auf, die Demonstration zu unterstützen und auch in Tübingen ein Zeichen zu setzen für eine Agrarwende, die mit einer Transformation der Landwirtschaft hin zu einer veganen Produktion einhergehen sollte. Die Tierindustrie bedeutet nicht nur unermessliches Leiden für „Nutztiere“ und gnadenlose Ausbeutung von Arbeitern, sie vernichtet auch zusehends unsere Lebensgrundlage, indem sie die Umwelt verschmutzt und zerstört und maßgeblich zum Klimawandel beiträgt. Politiker und Lobbyisten der Tierindustrie arbeiten dabei Hand in Hand gegen eine Agrarwende. In einem Artikel, der in der Ausgabe 3/2018 des Nachrichtenmagazins Hintergrund erschienen ist und der seit gestern auch vollständig online einsehbar ist, heißt es dazu:

Der Agrarsektor, speziell die Tierproduktion, ist bekanntlich einer der Hauptverursacher schädlicher Klimagase. Hinsichtlich des Klimawandels stellte das UN-Umweltprogramm bereits im Jahr 2010 fest: «Eine wesentliche Reduzierung der Auswirkungen wäre nur mit einem grundsätzlichen weltweiten Ernährungswechsel möglich, weg von tierischen Produkten.» […] Das BMEL und auch andere maßgebliche Institutionen – wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), deren Ernährungsratschläge stark die Interessen der Beiräte aus der Milch- und Fleischindustrie berücksichtigen – sind aber personell und institutionell derart eng mit der Tierindustrie und ihren Lobbyorganisationen verbunden, dass solche Vorschläge illusorisch sind. Derzeit ist das absolute Gegenteil der Fall: Während etwa Kuhmilch staatlich subventioniert und als «Grundnahrungsmittel» mit dem ermäßigten Satz von 7 Prozent besteuert wird, beträgt der Steuersatz für pflanzliche Milchalternativen 19 Prozent. Und Klöckner führt den Kurs ihres Vorgängers unbeirrt fort. Christian Schmidt hatte in seiner Amtszeit unter anderem damit auf sich aufmerksam gemacht, dass er die Interessensbekundungen des Deutschen Fleischer-Verbandes und des Bauernverbandes, die die beiden Organisationen im April 2016 formuliert hatten, eins zu eins übernahm und lauthals ein Verbot von «Fleischbezeichnungen» für vegetarische und vegane Produkte forderte. […] Wo Schmidt aufgehört hat, macht Klöckner nun weiter: Wie er setzt sie sich beispielsweise für Schweinefleisch in deutschen Schulkantinen ein und […] kündigt an, Tierrechtsaktivisten, die in Ställe eindringen, um Verstöße aufzudecken, härter bestrafen zu wollen – ein Ziel, das die Regierung auch bereits im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat. Der Regensburger Jura-Professor Henning Ernst Müller kritisiert den Plan der Großen Koalition, einen Sonderstrafbestand einzuführen. Eine solche Strafrechtsnorm widerspräche nicht nur dem Interesse der Wählermehrheit und der Verbraucher: «Am meisten besorgt mich», so Müller, «der zu befürchtende Akzeptanzverlust des Strafrechts, sollten künftig regelmäßig auf intransparentem Lobbyisten-Weg Partikularinteressen in strafrechtliche Form gegossen werden.»

Gehen wir gemeinsam auf die Straße und machen wir deutlich, dass wir das menschen- und tierverachtende System, in dem wir leben, satt haben, dass es höchste Zeit ist, der kapitalistischen Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ein Ende zu setzen und für eine Gesellschaft zu kämpfen, die ein ökologisches und friedliches Zusammenleben der Menschen mit der Natur und den Tieren ermöglicht.

Links:

Wir haben es satt! (Berlin)

Zukunftsfähige Landwirtschaft Tübingen

Hintergrund-Artikel „Agrarpolitik im Dienst der Industrie“

Zur Demonstration „Gerechtigkeit für Stella“

Am kommenden Samstag (12. Januar) wird in Tübingen unter dem Motto „Gerechtigkeit für Stella“ wieder gegen Tierversuche demonstriert; los geht’s um 14 Uhr auf dem Marktplatz.

Im konkreten Fall geht es um den fallengelassenen Prozess gegen drei Experimentatoren, denen bei Tierversuchen mit Affen „unnötige Grausamkeit“ vorgeworfen wurde. Darunter befand sich Nikos Logothetis, der beim Max-Planck-Institut (MPI) Versuche mit Affen leitete. Der Prozess war für den 7. Januar vorgesehen, wurde jedoch abgesagt, nachdem Experimentatoren-Kollegen ein geheimes Gutachten aus dem Hut gezaubert hatten. Aus Protest gegen diese nachträgliche Legitimierung der Versuche und der Art ihrer Durchführung ruft die Organisation SOKO Tierschutz zur Demonstration am Samstag auf. Einem Opfer der Versuche, „Stella“, wird auf dieser Demonstration eine zentrale Rolle eingeräumt: „Gerechtigkeit“ für sie wird eingefordert.

Die Demonstrationen gegen die Tübinger Affenversuche haben in den letzten Jahren einige tausend Menschen auf die Straßen gebracht. Die Antispeziesistische Aktion Tübingen hat stets dazu aufgerufen, auch die Demonstrationen der SOKO Tierschutz zu unterstützen, schließlich haben wir – zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. – 2009 mit dem Start einer Kampagne gegen die Versuche erstmals auf diese aufmerksam gemacht und auch selbst mehrere Großdemonstrationen gegen die Versuche organisiert sowie viele kleinere Aktionen zum Thema gemacht. Trotz gewisser Vorbehalte dieser Organisation gegenüber waren wir auch stets bei den Demonstrationen der SOKO Tierschutz dabei; über die mediale Aufmerksamkeit, welche die Tierrechtsorganisation durch Undercover-Filmaufnahmen aus dem MPI, die bei Stern TV gesendet worden waren, geschaffen hat, konnte sie sehr viele Menschen zur Teilnahme mobilisieren. Jetzt scheint die Mobilisierung schlechter zu laufen: Fast schon verzweifelt postet SOKO Tierschutz in die Facebook-Veranstaltung zur Demonstration Sätze wie: „Gebt euch einen Ruck! Dabei statt nur interessiert!“ – Haben zu viele die Affenversuche bereits abgehakt? Tatsächlich hat nur das MPI die Beendigung der Versuche bekannt gegeben – an der Universität und im Hertie-Institut finden nach wie vor ähnliche Experimente statt. SOKO Tierschutz hatte den durch ihre Kampagne aufgebauten Druck aber von vorne herein nur auf das MPI konzentriert.

Was ebenfalls einige von der Beteiligung abhalten könnte, ist der Kommunikations- und Politikstil der SOKO Tierschutz: Es wird sehr moralisch über „das Böse“ und von „Affenquälern“ gesprochen, und so getan, als wäre der „Gerechtigkeit“ genüge getan, wenn diese drei „Täter“ verurteilt worden wären. Die Organisation geriert sich als eine Art Gesetzeshüter – „SOKO“ ist ja die Abkürzung von „Sonderkommission“, welche im Normalfall in Kriminalämtern und anderen polizeilichen Einheiten gebildet wird – und fordert rechtsstaatliche Urteile ein. Zudem gibt sie sich sehr autoritär, will auf „ihrer Demonstration“ alles kontrollieren: Anstatt einem bunten, vielfältigen Protest Raum einzuräumen, kündigt sie an, dass „Off-Topic-Plakate“, etwa mit politischen Botschaften, nicht geduldet werden sollen. Friedrich Mülln, das „Gesicht“ von SOKO Tierschutz, möchte, dass alles genau nach seinen Vorstellungen, wie eine Demonstration auszusehen hat, abläuft; in kurzer, autoritärer Art werden „Regeln zur Großdemonstration“ bekanntgegeben: „Bringt Plakate mit, der Rest bekommt welche von uns. Jeder trägt ein Plakat, Schild.“ Nicht nur uns befremdet dieser Stil: „Ob jemand ein Plakat tragen möchte oder nicht, sollte jedem selber überlassen sein“, kommentierte etwa jemand die „Regeln“.

Durch den bürgerlichen Staat und seine Gesetze wird im Normalfall keine „Gerechtigkeit“ hergestellt – sie sind in erster Linie dazu da, die kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen zu schützen und zu regeln. Wirkliche Befreiung wird vielmehr gegen diesen Staat durchzusetzen sein, der sich letztlich stets auf die Seite der Konzerne und des Kapitals stellt, sobald diese bedroht werden. Doch wir verstehen auch die Intention der Organisation, so viele Leute wie möglich auf diese Demonstration zu bringen, und teilen das Ziel, Tierversuche öffentlich zu delegitimieren. Wir sind zwar der Meinung, dass etwas mehr Seriosität der Sache nicht schaden würde und dass es nicht auf die Verurteilung einzelner „Täter“ ankommt, sondern darum gehen sollte, grundsätzlich ein System zu kritisieren, in welchem Tiere und Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden. Dennoch rufen wir auf, auch diesmal zur Demonstration zu gehen, weil jede Aufmerksamkeit für das Thema jetzt gut ist.

Doch Tierversuche machen nur einen kleinen Teil der Ausbeutungsindustrie aus. Die Realität der Wissenschaft wie auch der Industrie im Kapitalismus ist die Herabsetzung des Lebendigen selbst zum profitorientierten Erforschungs- und Ausbeutungsobjekt. Fangen wir mit der Befreiung der Affen an, um uns, dem Lebendigen, endlich den Sieg über die Anhäufung von Wissen und Kapital zu erringen!

Zum Hintergrund der Versuche und der Kampagne:

„Tierversuche: Opfer der Forschung“, Frontal 21, 19. Mai 2009.

Aktionsaufruf: Tierversuchsstadt Tübingen“, asatue, 26. März 2010.

„Weshalb wir gegen Tierversuche sind“, asatue, 5. Mai 2013.

„Stoppt Affenversuche! Kampagne und Großdemoonstration in der Tierversuchsstadt Tübingen“, Tierbefreiung, das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79 (Juni 2013), S. 14-19.

„Undercover-Aufnahmen: Leiden für die Wissenschaft“, Stern TV, 10. September 2014.

„Stadt der Affen: Undercover-Aufnahmen entfachen Streit um Tierversuche“, hintergrund.de, 15. September 2014.

„Strafbefehl gegen MPI-Mitarbeiter: Die folgenreiche Berichterstattung über Affenversuche am Max-Planck-Institut“, Stern TV, 21. Februar 2018.




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