Zur Demonstration „Gerechtigkeit für Stella“

Am kommenden Samstag (12. Januar) wird in Tübingen unter dem Motto „Gerechtigkeit für Stella“ wieder gegen Tierversuche demonstriert; los geht’s um 14 Uhr auf dem Marktplatz.

Im konkreten Fall geht es um den fallengelassenen Prozess gegen drei Experimentatoren, denen bei Tierversuchen mit Affen „unnötige Grausamkeit“ vorgeworfen wurde. Darunter befand sich Nikos Logothetis, der beim Max-Planck-Institut (MPI) Versuche mit Affen leitete. Der Prozess war für den 7. Januar vorgesehen, wurde jedoch abgesagt, nachdem Experimentatoren-Kollegen ein geheimes Gutachten aus dem Hut gezaubert hatten. Aus Protest gegen diese nachträgliche Legitimierung der Versuche und der Art ihrer Durchführung ruft die Organisation SOKO Tierschutz zur Demonstration am Samstag auf. Einem Opfer der Versuche, „Stella“, wird auf dieser Demonstration eine zentrale Rolle eingeräumt: „Gerechtigkeit“ für sie wird eingefordert.

Die Demonstrationen gegen die Tübinger Affenversuche haben in den letzten Jahren einige tausend Menschen auf die Straßen gebracht. Die Antispeziesistische Aktion Tübingen hat stets dazu aufgerufen, auch die Demonstrationen der SOKO Tierschutz zu unterstützen, schließlich haben wir – zusammen mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. – 2009 mit dem Start einer Kampagne gegen die Versuche erstmals auf diese aufmerksam gemacht und auch selbst mehrere Großdemonstrationen gegen die Versuche organisiert sowie viele kleinere Aktionen zum Thema gemacht. Trotz gewisser Vorbehalte dieser Organisation gegenüber waren wir auch stets bei den Demonstrationen der SOKO Tierschutz dabei; über die mediale Aufmerksamkeit, welche die Tierrechtsorganisation durch Undercover-Filmaufnahmen aus dem MPI, die bei Stern TV gesendet worden waren, geschaffen hat, konnte sie sehr viele Menschen zur Teilnahme mobilisieren. Jetzt scheint die Mobilisierung schlechter zu laufen: Fast schon verzweifelt postet SOKO Tierschutz in die Facebook-Veranstaltung zur Demonstration Sätze wie: „Gebt euch einen Ruck! Dabei statt nur interessiert!“ – Haben zu viele die Affenversuche bereits abgehakt? Tatsächlich hat nur das MPI die Beendigung der Versuche bekannt gegeben – an der Universität und im Hertie-Institut finden nach wie vor ähnliche Experimente statt. SOKO Tierschutz hatte den durch ihre Kampagne aufgebauten Druck aber von vorne herein nur auf das MPI konzentriert.

Was ebenfalls einige von der Beteiligung abhalten könnte, ist der Kommunikations- und Politikstil der SOKO Tierschutz: Es wird sehr moralisch über „das Böse“ und von „Affenquälern“ gesprochen, und so getan, als wäre der „Gerechtigkeit“ genüge getan, wenn diese drei „Täter“ verurteilt worden wären. Die Organisation geriert sich als eine Art Gesetzeshüter – „SOKO“ ist ja die Abkürzung von „Sonderkommission“, welche im Normalfall in Kriminalämtern und anderen polizeilichen Einheiten gebildet wird – und fordert rechtsstaatliche Urteile ein. Zudem gibt sie sich sehr autoritär, will auf „ihrer Demonstration“ alles kontrollieren: Anstatt einem bunten, vielfältigen Protest Raum einzuräumen, kündigt sie an, dass „Off-Topic-Plakate“, etwa mit politischen Botschaften, nicht geduldet werden sollen. Friedrich Mülln, das „Gesicht“ von SOKO Tierschutz, möchte, dass alles genau nach seinen Vorstellungen, wie eine Demonstration auszusehen hat, abläuft; in kurzer, autoritärer Art werden „Regeln zur Großdemonstration“ bekanntgegeben: „Bringt Plakate mit, der Rest bekommt welche von uns. Jeder trägt ein Plakat, Schild.“ Nicht nur uns befremdet dieser Stil: „Ob jemand ein Plakat tragen möchte oder nicht, sollte jedem selber überlassen sein“, kommentierte etwa jemand die „Regeln“.

Durch den bürgerlichen Staat und seine Gesetze wird im Normalfall keine „Gerechtigkeit“ hergestellt – sie sind in erster Linie dazu da, die kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen zu schützen und zu regeln. Wirkliche Befreiung wird vielmehr gegen diesen Staat durchzusetzen sein, der sich letztlich stets auf die Seite der Konzerne und des Kapitals stellt, sobald diese bedroht werden. Doch wir verstehen auch die Intention der Organisation, so viele Leute wie möglich auf diese Demonstration zu bringen, und teilen das Ziel, Tierversuche öffentlich zu delegitimieren. Wir sind zwar der Meinung, dass etwas mehr Seriosität der Sache nicht schaden würde und dass es nicht auf die Verurteilung einzelner „Täter“ ankommt, sondern darum gehen sollte, grundsätzlich ein System zu kritisieren, in welchem Tiere und Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden. Dennoch rufen wir auf, auch diesmal zur Demonstration zu gehen, weil jede Aufmerksamkeit für das Thema jetzt gut ist.

Doch Tierversuche machen nur einen kleinen Teil der Ausbeutungsindustrie aus. Die Realität der Wissenschaft wie auch der Industrie im Kapitalismus ist die Herabsetzung des Lebendigen selbst zum profitorientierten Erforschungs- und Ausbeutungsobjekt. Fangen wir mit der Befreiung der Affen an, um uns, dem Lebendigen, endlich den Sieg über die Anhäufung von Wissen und Kapital zu erringen!

Zum Hintergrund der Versuche und der Kampagne:

„Tierversuche: Opfer der Forschung“, Frontal 21, 19. Mai 2009.

Aktionsaufruf: Tierversuchsstadt Tübingen“, asatue, 26. März 2010.

„Weshalb wir gegen Tierversuche sind“, asatue, 5. Mai 2013.

„Stoppt Affenversuche! Kampagne und Großdemoonstration in der Tierversuchsstadt Tübingen“, Tierbefreiung, das aktuelle Tierrechtsmagazin, Heft 79 (Juni 2013), S. 14-19.

„Undercover-Aufnahmen: Leiden für die Wissenschaft“, Stern TV, 10. September 2014.

„Stadt der Affen: Undercover-Aufnahmen entfachen Streit um Tierversuche“, hintergrund.de, 15. September 2014.

„Strafbefehl gegen MPI-Mitarbeiter: Die folgenreiche Berichterstattung über Affenversuche am Max-Planck-Institut“, Stern TV, 21. Februar 2018.


0 Antworten auf „Zur Demonstration „Gerechtigkeit für Stella““


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei + = zehn



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: