Angela Davis: „Veganismus ist Teil einer revolutionären Perspektive“

Angela Davis

Die US-amerikanische Bürgerrechtlerin und marxistische Philosophin Angela Davis wird heute 75 Jahre alt. In den 1970er-Jahren wurde sie zur Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen in den USA. Zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren gehörte sie zu den prominenten Führungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der USA. In ihrem Studium hörte Davis Vorlesungen von Herbert Marcuse. Auf seine Vermittlung hin studierte sie ab September 1965 in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie, unter anderem bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. In Frankfurt schloss sie sich dem SDS an und nahm an Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Sie promovierte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität.

Anfang der 1970er-Jahre wurde sie in den USA verhaftet und angeklagt: Dem bereits seit seinem 18. Lebensjahr in Haft sitzenden George Jackson, der im Gefängnis Mitglied der Black Panther Party wurde, schlug Davis vor, ein Buch über seine Haftbedingungen zu schreiben, was er mit Soledad Brother auch tat. Im August 1970 lieferte sich Jacksons Bruder Jonathan bei einem missglückten Befreiungsversuch in einem Gerichtssaal eine Schießerei mit der Polizei, bei der vier Menschen getötet wurden. Davis wurde vorgeworfen, die Waffe für diesen Überfall geliefert zu haben. Sie wurde daraufhin vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA gesetzt, einige Wochen später wurde sie verhaftet. Ihr drohte wegen des Vorwurfs der „Unterstützung des Terrorismus“ die Todesstrafe. Gegen ihre Verhaftung entwickelte sich eine über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinausreichende Welle des öffentlichen Protests. So schickten ihr tausende Menschen aus der DDR unter dem Motto „Eine Million Rosen für Angela Davis“ Postkarten mit Rosen ins Gefängnis. Nach zwei Jahren wurde Davis am 4. Juni 1972 in allen Punkten der Anklage freigesprochen. In der Tageszeitung junge Welt ist heute unter dem Titel „Kämpferin für Gerechtigkeit“ ein Artikel zum Thema erschienen; darin heißt es: „Einige Leserinnen und Leser der jungen Welt werden sich vielleicht noch an den 26. Januar 1971 erinnern, als aus Anlass des 27. Geburtstags der jungen Kommunistin in Berlin, der Hauptstadt der DDR, eine Solidaritätskampagne für die politische Gefangene initiiert wurde. Denn es entsetzte in der DDR viele Menschen, dass die linke Professorin dem damaligen republikanischen Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, ein Dorn im Auge war und für lange Zeit weggesperrt werden sollte.“

Davis ist emeritierte Professorin an der University of California in Santa Cruz in den Fachbereichen Geschichte des Bewusstseins und Feministische Studien. Im Dezember 2013 trat sie die erste Angela-Davis-Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity-Studies an der Universität Frankfurt am Main an. Schwerpunkt ihrer Arbeit der vergangenen Jahre ist die Untersuchung des „Gefängnis-Industrie-Komplexes“, vor allem in den USA. Mehrmals hat sie sich aber auch zum Thema Tierbefreiung und Veganismus geäußert. Im Februar 2012 hat sie öffentlich dafür plädiert, Tierbefreiung als notwendigen Teil linker Gesellschaftskritik zu begreifen. Das entsprechende Video gibt es auf der Website von Assoziation Dämmerung. Im März desselben Jahres führte sie an der University of California in Berkeley ein Gespräch mit Grace Lee Boggs mit dem Titel „On Revolution“, in welchem sie abermals auf das Thema einging. Der englische Original-Text ist hier einsehbar; wir wollen hier einige Sätze daraus übersetzt wiedergeben:

Ich denke, das Feld der Ernährung wird die nächste große Arena für unsere Kämpfe bilden. Ich bin manchmal wirklich enttäuscht, dass viele unter uns sich für so radikale Aktivisten halten, aber gar nicht darauf kommen, über das Essen nachzudenken, das wir unseren Körpern zuführen. Wir realisieren nicht das Ausmaß, wie sehr wir in den gesamten kapitalistischen Prozess eingebunden sind dadurch, dass wir unkritisch an jener Lebensmittel-Politik partizipieren, welche uns von den großen Konzernen aufgetischt wird. Ich erwähne normalerweise nicht, dass ich vegan bin, aber da habe ich mich entwickelt… Ich denke, dass es der richtige Moment ist, darüber zu sprechen, weil es Teil einer revolutionären Perspektive ist – wie können wir nicht nur zu Menschen ein Verhältnis entwickeln, das von Mitgefühl geprägt ist, sondern wie können wir ein empathisches Verhältnis auch zu den anderen Lebewesen entwickeln, mit denen wir diesen Planeten teilen, und das würde bedeuten, der gesamten kapitalistischen industriellen Art der Nahrungsmittelproduktion eine Kampfansage zu machen. […] Die meisten Menschen denken nicht über die Tatsache nach, dass sie Tiere essen. Wenn sie ein Steak essen oder Hühnerfleisch, denken die meisten Menschen nicht über das enorme Leid nach, das diese Tiere ertragen, nur um Lebensmittel-Produkte zu werden, damit sie von Menschen konsumiert werden können. Ich denke, dass die fehlende kritische Auseinandersetzung mit der Nahrung, die wir essen, demonstriert, wie sehr die Warenform die primäre Art und Weise geworden ist, mit der wir die Welt wahrnehmen. Wir gehen nicht über das hinaus, was Marx den Tauschwert des tatsächlichen Objektes genannt hat – wir denken nicht über die Verhältnisse nach, die dieses Objekt verkörpert und die maßgeblich für den Produktionsprozess dieses Objekts waren, ob es sich dabei nun um unser Essen, unsere Kleidung, unsere iPads oder alle anderen Dinge handelt, die wir verwenden, um eine Ausbildung an einer Institution wie dieser zu erwerben. Das würde wirklich revolutionär sein, eine Gewohnheit zu entwickeln, sich die menschlichen und nichtmenschlichen Verhältnisse hinter all den Objekten, die unsere Umwelt bilden, vorzustellen.


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