Archiv der Kategorie 'Aufrufe/Offene Briefe/Erklärungen'

Termine: One Billion Rising und Mahnwache gegen Affenversuche


Am Freitag den 14. Februar 2014 findet in Tübingen die zweite Tanzdemo gegen Gewalt gegen Frauen One Billion Rising statt. Da jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens statistisch gesehen mindestens einmal Opfer von Gewalt wird, wollen sich eine Milliarde Menschen (engl. one billion) dagegen erheben. Ab 17 Uhr am Europaplatz (vor dem Hauptbahnhof) kann jede aktiv teilnehmen und jeder solidarisch mitmachen!


Am Samstag den 15. Februar 2014 findet auf dem Holzmarkt um 11-13 Uhr eine Mahnwache gegen Affenversuche statt. Die Mahnwache will an das 5-jährige bestehen der Kampagne gegen Affenversuche in Tübingen erinnern. Teilnahme in dunkler Kleidung ist erwünscht.

Offener Brief an Cornelie Jäger

Ein offener Brief an Dr. Cornelie Jäger mit der Aufforderung an sie, sich in ihrer Funktion als baden-württemberigsche Landestierschutzbeauftragte von der Pharma- und Tierexperimentatoren-Lobby nicht als nützliche Marionette missbrauchen zu lassen.

An:

Dr. med. vet. Cornelie Jäger,
Landesbeauftragte für Tierschutz
Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg
Kernerplatz 10
D-70182 Stuttgart

Tel. 0711-126-2450
cornelie.jaeger@mlr.bwl.de

Am 24. Juni lädt das Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) zur öffentlichen Veranstaltung „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ in der Universitäts-Kinderklinik.
Das Ergebnis des „Gesprächs“ steht bereits fest: Die angebliche Notwendigkeit von Tierversuchen wird vorausgesetzt, es soll lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten – „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Und wer vertritt die „Sicht der Patienten“? Der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ spricht der Tübinger Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, „ethische Erwägungen“ soll Dr. Dr. Karin Blumer anstellen, Lobbyistin der Novartis AG, Pharmakonzern und einer der größten Tierversuchs-Betreiber – eine einzige Farce. Und als ob die Lobby noch nicht stark genug verträten wäre, soll für die Industrie Dr. Jörg Luft von der Covance Laboratories GmbH in Münster sprechen. Auch Sie, Frau Jäger, sind eingeladen – Ihre Funktion wird von den Veranstaltern offensichtlich darin gesehen, dass Sie als Landesbeauftragte für Tierschutz einige Strohmann-Argumente anbringen sollen.
Es handelt sich also um eine PR-Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Nachdem die Universität Tübingen aufgrund des „Exzellenzclusters“ CIN und der dort betriebenen Tierversuche zur „Eliteuniversität“ geworden ist, geht es nun darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von dieser Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit überaus banalen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. So heißt es im offiziellen Ankündigungstext der Universität, es gehe „nicht zuletzt auch um Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten für Krankheiten“, und weiter: „Durch die Einbeziehung von Patienten mit ihren Nöten und Hoffnungen soll Menschen Gehör verschafft werden, die in eher theoretischen Grundsatzdiskussionen in aller Regel ausgeklammert bleiben.“ In geradezu perfider Art und Weise wird hier mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Dies versuchen die Experimentatoren schon seit gegen die Affenversuche vorgegangen wird: Bereits am Tag der ersten Großdemonstration gegen die Experimente, am 18. April 2009, schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine fast ganzseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt, welche die Überschrift trug: „Tierexperimente sind in der neurowissenschaftlichen Forschung unverzichtbar: sie versprechen die Linderung menschlichen Leidens“. In der Anzeige wurde mit einfachen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April 2009 der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im Interview mit dem Tagblatt, und gab damit die kostspielige Anzeige der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ der Lächerlichkeit preis. Jucker selbst ist Tierexperimentator – er forscht über Alzheimer an Fliegen und Würmern.
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen verkaufen sie die Öffentlichkeit für dumm, indem sie zur Legitimation ihrer Experimente wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson, Krebs oder auch Schizophrenie –, die mit ihrer Grundlagenforschung rein gar nichts zu tun haben.
Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen anderen Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Tübinger Versuchsaufnahmen, die das ZDF im Jahr 2009 gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im sogenannten „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“ Was den angeblichen Nutzen ihrer Versuche angeht, so konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – sie waren bisher nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mehrmals mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert. In unverantwortlicher Art und Weise versuchen sie außerdem, die Angst der Menschen vor Krankheiten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Worum es ihnen wirklich geht, darauf hat bereits im Jahr 2009 das ZDF-Magazin Frontal 21 aufmerksam gemacht: Nachdem es auf Erhebungen der Akademie für Tierschutz München hingewiesen hatte, die zeigen, dass die absolute Mehrheit von Tierversuchen keinen Nutzen für den Menschen bringt, urteilte es: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“ Für elitäre Interessen wird also in perfider Art und Weise mit der Angst von Menschen gespielt!
Unter dem politischen Druck, der durch die Kampagne Stoppt Affenversuche in Tübingen! aufgebaut wurde, nahm Ihre Partei die Forderung nach einem Ende der Affenversuche in Tübingen in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf: Die Experimente sollten „innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.“ Am 18. Oktober 2011 – inzwischen befanden die Grünen sich in der Regierungsverantwortung –, wurden die über 60.000 Unterschriften, welche gegen die Experimente gesammelt worden waren, der Landesregierung übergeben. Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der Übergabe der Unterschriften am 18. Oktober zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. Am 16. November 2012, bei der Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ im Stuttgarter Landtag gab Pix sich dann die Blöße, zuzugeben, dass die Grünen bei der Verankerung der Forderung nach einem Verbot der Affenversuche im Wahlprogramm ja nicht damit gerechnet hätten, in Baden-Württemberg tatsächlich in die Situation der Regierungsverantwortung zu gelangen.
„Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai dieses Jahres, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Nachdem Sie vom Schwäbischen Tagblatt mit der Aussage zitiert worden waren, Sie würden kein Votum dafür abgeben, dass alle Tierversuche eingestellt werden sollten, meldeten Sie sich per Leserbrief zu Wort, schrieben, Ihre Äußerungen seien „missverständlich wiedergegeben“ worden und stellten klar: „Ich befürworte Tierversuche nicht“.
Mit Ihrer Teilnahme an dem „Gespräch“, für dessen Teilnehmer die angebliche Notwendigkeit von Tierversuchen von vornherein feststeht – diese soll ausdrücklich lediglich noch „aus verschiedenen Perspektiven […] beleuchtet werden“ –, würden Sie Ihre Aussage revidieren und sich klar auf der Seite der Tierversuchsbefürworter positionieren.
Wir haben genug vom Tübinger „Affentheater“! Bevor diese Realsatire am 24. Juni in die nächste Runde gehen kann, fordern wir Sie dazu auf, Ihre Teilnahme an dieser offensichtlichen Propaganda-Veranstaltung des CIN abzusagen, sich in Ihrer Funktion als Landestierschutzbeauftragte nicht als Feigenblatt der Experimentatorenlobby missbrauchen zu lassen, und stattdessen endlich dafür zu sorgen, dass die Grünen ihr Wahlversprechen, die Abschaffung der Affenversuche, wahr machen!

Größte Mastanlage Süddeutschlands blockiert – und geräumt

Sieben AktivistInnen und zwei Dutzend UnterstützerInnen des Aktionsbündnisses Mastanlagen Widerstand blockierten am Samstag von 8:30 Uhr bis 14:30 Uhr die Zu- und Ausfahrten der Schlachtfabrik in Bogen (50 Kilometer südöstlich von Regensburg, Bayern), um ein Zeichen gegen das tägliche Leiden der Tiere für den Fleischkonsum zu setzen. Um 14:30 Uhr desselben Tags räumte die Polizei unter Amtshilfe der Feuerwehr. Verletzt oder festgenommen wurde niemand; es wird jedoch Anzeige wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz und wegen Hausfriedensbruch erstattet.

Das Aktionsbündnis will den Bau weiterer Mastanlagen und damit weiterer Zulieferbetrieben für die Schlachtfabrik direkt verhindern. Die Schlachtfabrik mit dem Namen Donauthal Geflügelspezialitäten gehört zu Wiesenhof, dem größten Geflügelkonzern Deutschlands. Wiesenhof war letztes Jahr aufgrund mehrfacher Skandale um Haltungsbedingungen bekannt geworden.

Die AktivistInnen bitten nun um Unterstützung, um mit der Repression umgehen zu können. Praktische Solidarität und Spenden sind für diese Arbeit hilfreich und wichtig.

Spendenkonto:

Name: „Spenden & Aktionen“
Konto Nr.: 92881806,
Bank: Volksbank Mittelhessen
Bankleitzahl: 513 900 00
Betreff: ,,MASTANLAGEN WIDERSTAND“ (bitte unbedingt mit angeben!)

Links:

Original Unterstützungsaufruf von „Mastanlagen Widerstand“.

Ausführlicher Artikel mit Bildern auf dem unabhängigen Regionalnachrichtenblog „Regensburg Digital“.

Haft für Boehringer-Gegnerin

Nachdem Boehringer Ingelheim die zunächst favorisierten Standorte Tübingen und Reutlingen aufgegeben hatte – „Aus der Traum“ schrieb damals die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“1 –, errichtete der Pharmakonzern sein europäisches Forschungslabor für Tier-Impfstoffe in Hannover.
Sobald der genaue Standort bekannt geworden war, kam es zu massiven Protesten von Seiten der Tierbefreiungsbewegung, u.a. zu einer Besetzung des Baugeländes. Nun wurde eine Aktivistin, der vorgeworfen worden war, das Baugelände zusammen mit anderen Menschen besetzt zu haben, wegen „Hausfriedensbruch“ verurteilt; sie muss ab dem 4. Januar 2013 eine 20tägige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hildesheim antreten.
20 Tage Haft für eine Aktivistin, weil sie Widerstand geleistet hat gegen einen Konzern, der mit seinem seit Ende September 2012 offiziell eröffneten Versuchslabor nun auf grausame Weise auf die Optimierung der Massentierhaltung hinarbeitet.
Wo sich kilometerlange Straßen quer durch den Amazonasregenwald ziehen, um etwa das Soja, das als Futtermittel in der Tierhaltung verwendet wird, zu transportieren, wo Lebensräume vernichtet, die Umwelt vergiftet und Lebewesen nur als verbrauchbare Ressource angesehen werden, dort muss es Widerstand geben! Und wo ein Mensch die verheerenden Folgen von Tierausbeutung und Umweltzerstörung aufzeigt und deswegen ins Gefängnis gesperrt wird, muss es Solidarität geben!

Vor dem Haftantritt am 4. Januar 2013 wird es in Hannover ab 12 Uhr eine Aktion geben.
Mehr Informationen: boehringerbesetzung.blogsport.de.

Schreibt der Gefangenen:

Isabell Jahnke
JVA Vechta für Frauen
Abteilung Hildesheim
Godehardsplatz 7
31134 Hildesheim

  1. Boehringer kommt nicht nach Reutlingen, „Schwäbisches Tagblatt“, 12.10.2007. Als Gründe gab das Unternehmen u.a. „das politische Umfeld, die öffentliche Akzeptanz“ an.[zurück]

Solidaritätserklärung von Antirep2008 für die Barchem 4

Im Oktober 2009 wurden etwa fünftausend Nerze von einer „Pelzfarm“ im holländischen Barchem befreit, die meisten von ihnen konnten nicht mehr eingefangen werden. Kurz darauf wurden vier Personen verhaftet, die von der Polizei verdächtigt werden, für diese Befreiung verantwortlich zu sein, sowie mehrere Hausdurchsuchungen durchgeführt. Die vier Beschuldigten wurden bis zu drei Monate in Untersuchungshaft gesteckt, eine von ihnen musste sogar zwei Monate in Isolationshaft verbringen. Allen wurde veganes Essen vorenthalten.
Am 25. und am 27. September findet der Prozess gegen die vier AktivistInnen statt; aus diesem Anlass veröffentlichte die österreichische Antirepressionsgruppe Antirep2008 nun folgende Solidaritätserklärung:

Getroffen hat es wenige – gemeint sind wir alle!

Wer für die Befreiung von Tieren kämpft, will die Grundfesten dieser Gesellschaft, die auf Unterdrückung, Ausbeutung und Mord basiert, zum Einstürzen bringen. In dieser Gesellschaft wird versucht, Widerstand gegen Gewalthandlungen mit Gewalt zu brechen. Die Befreiung der über fünftausend Nerze aus ihrer Gefangenschaft auf einer „Pelzfarm“ in Barchem stellt die Reduzierung von Tieren zu Waren und Produktionseinheiten an sich in Frage. Sie öffnet die Käfige für über fünftausend Individuen, die einer qualvollen Gefangenschaft – mit einem nach wirtschaftlichen Überlegegungen vorherberechneten Todesdatum vor Augen – entfliehen können.
Der Prozess gegen die Barchem 4 ist Teil des Versuchs, das Mauerwerk der gewalttätigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu stabilisieren. Diese Gesellschaft zu überwinden ist Ziel unseres politischen Handelns.
Wir wünschen den Angeklagten, ihren Unterstützer_innen und ihrem Umfeld viel Kraft und Durchhaltevermögen! Widerstand gegen die Gewalt der Ausbeuter_innen ist gerechtfertigt und notwendig!

Zur Original-Erklärung.

Zur Homepage der support group.

Ankündigung: Aktionstag in Stuttgart morgen – Halklar arası dayanışma günü 12.Mayıs Tutuklulara Özgürlük

Am 14. Mai wurden in der Türkei 60 Menschen wegen ihrer Beteiligung an der 1. Mai-Parade in Istanbul festgenommen und ihre Wohnungen durchsucht. Ihnen wird „Sachbeschädigung öffentlichen Eigentums im Namen einer terroristischen Organisation“ vorgeworfen, weil bei der Parade einige Banken beschädigt wurden. Neun von ihnen befinden sich nach wie vor in Haft. Mit der Androhung von 15 bis 20 Jahren Haft wurde manchen der neun in den ersten Tagen, in denen jeglicher Kontakt zu ihren Familien und Freunden sowie anwaltlicher Beistand verwehrt wurde, ein Geständnis zur Rädelsführerschaft in einer terroristischen Organisation abgepresst – angesichts der Organisierung aller Betroffenen in Zusammenhängen unterschiedlichster Spektren, von Tierbefreiung bis zu Menschenrecht, Umweltschutz und der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans), ist dies ein geradezu absurder Vorwurf.
Es ist das erste Mal in der Türkei, dass der Vorwurf der terroristischen Organisation auch gegen Angehörige sozialer Bewegungen angewendet wird – gegen kurdische Gruppen und andere Linke hat dieser Vorwurf leider schon eine lange Tradition.

14 Mayıs 2012 de 60 kişi Türkiyede İstanbuldaki 1 Mayısa katıldıkları için evleri Baskınla aranarak tutuklandı. 1.Mayıs yürüyüşü sırasında zarar gören bazı bankalardan dolayı bu insanlar kamu malına zarar vermek ve terör örgütü mensubu olmak suçuyla ilişkilendirilip suçlanlandırılmış. Bunlardan dokuz kişi T Tipi kapalı cezaevine hapsedildi. 15 yıldan 20 yıla kadar Hapisle yargılanan 60 kişiden 9 kişiyi devlet ilk günden itibaren bunları aile ve avukatlarıyla gürüştürtmeden laf oyunlarıyla ve zorbaskılarıyla terör örgütü mensubu ve liderleri olduklarını kabulendirmeye çalıstı. Halbuki tutuklananlar hayvan, insan, çevre koruma derneklerine ve LBGT Hareketine (lesbiyen, gay, bisexual, trans) mensubu ve üyeleriydi.
Sivil toplum derneklerine ve mensublarına karşı bu tutuklanma ve suçlama taktiği Türkiyede ilk defa oluyorsada, bu taktiği Kürt ve Solcu grupplara karşı gelenekleştirdiği uzun süredir bilinmektedir.

Ein offener Brief der türkischen Gefangenen findet sich hier.

Wer wissen will, was es bedeutet, wie die neun Gefangenen derzeit, als politischer Gefangener in einem F-Typ-Gefängnis in der Türkei inhaftiert zu sein, kann unser Interview mit Ulaş Göçmen zum Thema lesen – er hat diese Situation selbst erlebt und uns seine Erlebnisse eindrücklich geschildert.

Am 12. Juni werden im Rahmen eines internationalen Aktionstages in vielen Ländern der Welt Menschen vor türkischen Botschaften demonstrieren, um ihre Solidarität mit den Inhaftierten auszudrücken und ihre Freilassung zu fordern (zum Aktionsaufruf).

Auch für Stuttgart wurde spontan eine Aktion organisiert. Wir treffen uns um 10.30 Uhr beim Eingang der Königstraße zur Klettpassage (Hbf), vor dem Seifengeschäft LUSH. Dann gehen wir gemeinsam zum Konsulat. Schilder und Flugblätter, möglichst auf türkisch, sind angebracht.

Von Tübingen fahren wir gemeinsam um 9.17 Uhr mit Umstieg in Herrenberg. Von Reutlingen fährt ein Zug um 9.31 Uhr mit Umstieg in Wendlingen.

Neue Netzwerke der Solidarität aufbauen!

Am 14. Mai wurden in der Türkei 60 Menschen wegen ihrer Beteiligung an der 1. Mai-Parade in Istanbul festgenommen und ihre Wohnungen durchsucht. Ihnen wird „Sachbeschädigung öffentlichen Eigentums im Namen einer terroristischen Organisation“ vorgeworfen, weil bei der Parade einige Banken beschädigt wurden. Neun von ihnen befinden sich nach wie vor in Haft. Mit der Androhung von 15 bis 20 Jahren Haft wurde manchen der neun in den ersten Tagen, in denen jeglicher Kontakt zu ihren Familien und Freunden sowie anwaltlicher Beistand verwehrt wurde, ein Geständnis zur Rädelsführerschaft in einer terroristischen Organisation abgepresst – angesichts der Organisierung aller Betroffenen in Zusammenhängen unterschiedlichster Spektren, von Tierbefreiung bis zu Menschenrecht, Umweltschutz und der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans), ist dies ein geradezu absurder Vorwurf.
Es ist das erste Mal in der Türkei, dass der Vorwurf der terroristischen Organisation auch gegen Angehörige sozialer Bewegungen angewendet wird – gegen kurdische Gruppen und andere Linke hat dieser Vorwurf leider schon eine lange Tradition.

Ein offener Brief der türkischen Gefangenen findet sich hier.

Wer wissen will, was es bedeutet, wie die neun Gefangenen derzeit, als politischer Gefangener in einem F-Typ-Gefängnis in der Türkei inhaftiert zu sein, kann unser Interview mit Ulaş Göçmen zum Thema lesen – er hat diese Situation selbst erlebt und uns seine Erlebnisse eindrücklich geschildert.

Am 12. Juni werden im Rahmen eines internationalen Aktionstages in vielen Ländern der Welt Menschen vor türkischen Botschaften demonstrieren, um ihre Solidarität mit den Inhaftierten auszudrücken und ihre Freilassung zu fordern (zum Aktionsaufruf).

Angesichts der drängenden Aktualität des Themas – der zunehmenden Kriminalisierung sozialer Bewegungen – laden wir hiermit noch einmal alle Angehörigen sozialer, linker, Tier- und Menschenrechts- sowie Ökologie-Bewegungen in der Region ein, am Vortrag des US-Journalisten Will Potter am 9. Juni um 20 Uhr im Saal des Tübinger Fichtehauses (Herrenberger Str. 40) teilzuhaben und im Anschluss gemeinsam über die Gangbarkeit neuer Wege der Solidarität zu diskutieren.

Es wird auch die Möglichkeit bestehen, dass Interessierte sich vernetzen, um ein gemeinsames Vorgehen für den Aktionstag am 12. Juni zu planen. Perspektivisch würde sich eine Mobilisierung zum Generalkonsulat der Republik Türkei in Stuttgart (Kerner Straße 19 B) an diesem Tag anbieten.

Zum Vortrag „Green is the New Red“:

Derzeit – zwischen dem 3. und dem 14. Juni – befindet sich der US-amerikanische Journalist und Autor Will Potter auf Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, um sein Buch „Green is the New Red“ vorzustellen – am 9. Juni wird er Station in Tübingen machen; alle Stationen der Tour sind auf der Website der Assoziation Dämmerung einsehbar.

In einem Artikel, der vor drei Tagen im Züricher Tages Anzeiger sowie in der Basler Zeitung erschienen ist, wird Potters Werdegang wie folgt geschildert:

Im Jahr 2002 erhielt er, damals Journalist bei der „Chicago Tribune“, Besuch von zwei FBI-Agenten. Der Grund: Er und seine Freundin hatten in einem Vorort an einer Demonstration gegen Tierversuche teilgenommen, Flugblätter verteilt und waren danach festgenommen worden. Jetzt verlangten die Staatsschützer von ihm, dass er Informationen über andere Tierrechtler preisgebe. Wenn nicht, würde er selber auf die Terrorliste gesetzt und könne seine Journalistenkarriere vergessen.
Potter liess sich von der Drohung nicht beeindrucken, im Gegenteil. Er machte sich selbstständig und begann, die staatliche Verfolgung von Umweltschützern und Tierrechtlern zu dokumentieren. Potter vergleicht die Verfolgung mit der antikommunistischen Hetze der Fünfziger- und Sechzigerjahre, und so gründete er im Jahr 2007 zu diesem Zweck seinen Blog „Green Is the New Red“ und gab vergangenes Jahr das gleichnamige Buch heraus.

Der „Insiderbericht aus einer sozialen Bewegung im Belagerungszustand“ – so der Untertitel seines Buches – beschreibt die staatlichen Maßnahmen gegen die Ökologie und Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung in den USA: Abhör- und Überwachungsmaßnahmen ohne rechtliche Grundlage durch die National Security Agency (NSA), rechtlich nicht abgesicherte Sondergefängnisse, in denen Grundrechte systematisch verletzt werden, Sondergesetze, die Menschen- und Grundrechte einschränken und zum Teil außer Kraft setzen, umfangreiche Kriminalisierungswellen, öffentliche Gerichtsprozesse gegen die Köpfe der Bewegungen, bis zu 19jährige Gefängnisstrafen; ein Aktivist, Willliam Rodgers, beging im Angesicht der ihm drohenden Strafe Selbstmord.
Das FBI erklärte die Ökologie- und Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung im Jahr 2005 zur „größten terroristischen Bedrohung im Inland“ – dabei sind diese Bewegungen für keinen einzigen Gewaltakt gegen Menschen in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Mit dem „Animal Enterprise Terrorism Act“ wurden im Jahr darauf alle – auch friedliche – Handlungen als „Terrorismus“ definiert, die den Geschäftsablauf von Unternehmen stören, die mit Tieren „arbeiten“. Die Kriminalisierung der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung hat also inzwischen Ausmaße angenommen, die jeglichen Protest gegen die wirtschaftliche Vernutzung von Tieren mehr und mehr als terroristischen Akt bestimmt. Was in den 1920er Jahren als „Red Scare“ gegen KommunistInnen und AnarchistInnen begann, erfährt mit „Green Scare“ historische und politische Kontinuität – und das angelsächsische Beispiel macht Schule: In ihrem Bericht von 2008 hat EUROPOL die Ökologiebewegungen in mehreren europäischen Ländern als „terroristische Gefahr“ eingestuft. Im selben Jahr wurden in Österreich zehn Aktivistinnen und Aktivisten der Tierrechtsbewegung festgenommen; im Anschluss wurde versucht, ihnen unter dem Vorwurf der „Bildung einer kriminellen Organisation“ den Prozess zu machen (sie wurden im Mai 2011 letztlich freigesprochen, vgl. den jw-Artikel Österreich: Freispruch nach Monsterprozess gegen Tierrechtler).

Wenn an einer relativ jungen und ungefestigten Bewegung derzeit neue Gesetze vor allem im Bereich der sogenannten Terrorismusbekämpfung erprobt werden, stellt sich die Frage, wen es als nächstes treffen wird. Will Potter warnt:

Indem Tierbefreiungs- und Umweltaktivisten als Terroristen ins Visier genommen werden, wird ein Präzedenzfall geschaffen, der auch gegen andere soziale Bewegungen benutzt werden kann. Diese Personen sind die Kanarienvögel in einer Mine. Wenn sie keine Luft mehr bekommen, wird es anderen auch bald schwer fallen zu atmen.

Wie die derzeitigen Vorfälle in der Türkei zeigen, wird der Journalist in der Zwischenzeit von seinen eigenen Prognosen eingeholt. Sie zeigen auch: Die Repressalien in der westlichen Welt treffen heute zunehmend – wie einst die „roten“ demokratischen und sozialistischen Bewegungen – nahezu jeden Versuch oppositioneller Praxis und jeden noch so zögerlichen Widerstand, der den kapitalistischen Betriebsablauf auch nur geringfügig stört.
Ob die nach dem Einschnitt von 1989/90 verbliebenen linkspolitischen Strömungen, ob MenschenrechtlerInnen, Friedensbewegung oder neue soziale Bewegungen wie Umwelt-, Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung, die sich nicht mit einem „Green New Deal“ abspeisen lassen wollen, ob LBGT-Bewegung oder die Bewegungen gegen Sozialabbau – wir alle sind potentielle Ziele der Repression, die jene trifft, die den neoliberalen Umbauprozess der westlichen Gesellschaften hemmen und der totalitäre Züge annehmenden kapitalistischen Vergesellschaftung noch etwas entgegenzusetzen haben.

Wir rufen angesichts dieser Bedrohung dazu auf, neue Netzwerke der Solidarität aufzubauen und die strömungsübergreifende Zusammenarbeit, die nicht nur in Tübingen in den letzten Jahren stagniert ist, wieder anzuregen und zu fördern – im Sinne der Abschlussresolution des internationalen Antirepressionskongresses „New Roads of Solidarity“ 2010 in Hamburg:

Angesichts der über hundertjährigen historischen Erfahrungen politischer Integration und Neutralisierung emanzipatorischer Bewegungen, ihrer von Ohnmacht dominierten Märsche durch die Institutionen, die stets an der Grenze zur alles beherrschenden Ökonomie Halt machen mussten, bei gleichzeitiger Kontinuität von Unterdrückung und Ausbeutung, sehen wir uns weiterhin zu Protest und Widerstand verpflichtet. Repressive Toleranz werden wir nicht akzeptieren. Bis das Leid behoben ist, das die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugen, haben wir keine Alternative, als auf die Abschaffung der mörderischen kapitalistischen Gesellschaftsformation hinzuwirken.
In dem Bewusstsein, dass unsere Atomisierung in Nationen, politische Kulturen, Lager und Organisationen uns in den vergangen 20 Jahren geschwächt hat und wir aufgrund des Totalitarismus und der wachsenden Aggressivität des Kapitalismus und der herrschenden Politik zu einer historischen Neubestimmung von widerständiger Theorie und Praxis veranlasst sind, werden wir uns in den nächsten Jahren bemühen, gemeinsam neue Wege der Solidarität zu suchen und zu gehen.

Hier geht’s zur gekürzten Version dieses Aufrufes, die als Flugblatt beim Aktionstag gegen Speziesismus am 9. Juni in Stuttgart verteilt werden wird.

Aufruf zur Beteiligung an Mai-Aktionstagen

Aufruf an Tierbefreiungsgruppen zur Beteiligung an den antikapitalistischen Mai-Aktionstagen in Frankfurt vom 16. bis 19. Mai.

Für den 16. bis 19. Mai ruft ein breites Bündnis verschiedener sozialer und politischer Bewegungen zu Aktionstagen gegen die hegemoniale Krisenpolitik in Frankfurt am Main auf. Es gibt für Initiativen und Akteure der Tierbefreiungsbewegung gute Gründe, die gegenwärtige Krisenproteste nicht an sich vorbei ziehen zu lassen. Machen wir uns keine Illusionen: Dass die Bedürfnisse von Tieren in der gegenwärtigen Gesellschaft einen Dreck gelten, ist nicht nur Folge eines vermeintlich fehlenden moralischen Bewusstseins der Bevölkerungsmehrheit. Vielmehr hat die kapitalistische Wirtschaftsweise, welche gegenwärtig mit sozialen Angriffen und Entdemokratisierungen bis aufs Messer verteidigt wird, für nicht-menschliche Individuen nicht mehr übrig, als Waren oder Produktionsmittel zu sein. Die massenhafte Gefangenhaltung von Tieren und Schlachtungen im Akkord sind die hässlichen Folgen der Inwertsetzung der Tiere. Eine tatsächliche Veränderung des durch Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse geprägten Mensch-Tier-Verhältnisses bedarf stattdessen grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, die vor allem auf der der Überwindung dieser zutiefst destruktiven Ökonomie basiert!

Wenn wir einen Prozess anstoßen wollen, in dem bspw. in der Lebensmittelproduktion andere Aspekte als bloße Profitinteressen geltend gemacht werden sollen, so ist die Teilhabe aller Menschen am Prozess der Produktion und Versorgung eine notwendige Voraussetzung. Nur durch die Überwindung ökonomischer Abhängigkeitsverhältnisse und die Demokratisierung aller Lebensbereiche kann eine Grundlage geschaffen werden, um Bedürfnisse und Interessen von Menschen und auch von Tieren zu berücksichtigen. Die durch das Krisenregime beförderte autoritäre Wende in Europa ist jedoch das konkrete Gegenteil einer bewussten und freiheitlichen Gestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage partizipativ-demokratischer Aushandlungsprozesse. Daher ist es von dringlicher Bedeutung, aktiven Widerstand zu leisten gegen die weltweiten Entsolidarisierungs- und Entdemokratisierungsprozesse und die Versuche, den Kapitalismus zu retten. Und es ist notwendig, dass wir uns die Kontrolle über zentrale Lebensbereiche wieder aneignen. Die sofortige Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien wie der Finanzindustrie, dem Energiesektor oder der Agrarkonzerne können erste Schritte darstellen, um die blinde Zerstörungswut kapitalistischer Verwertungsinteressen zu überwinden. Derartige Veränderungen können nicht von einzelnen politischen Bewegungen allein erreicht werden. Sondern es bedarf gemeinsamer Perspektiven und einen breiten und vielfältigen Widerstand. Daher rufen wir alle AktivistInnen und Initiativen der Tierbefreiungsbewegung auf, sich an den Aktionstagen im Mai zu beteiligen – weil Tiere keine Waren sind.

Beteiligen wir uns an der Besetzung zentraler Plätze am 17. Mai und nutzen wir die entstehenden Räume für Diskussionen über gemeinsame Perspektiven mit anderen politischen Bewegungen.

Blockieren wir die EZB und das Frankfurter Bankenviertel am 18. Mai. Setzen wir ein Zeichen der Solidarität mit allen Betroffenen des neoliberalen Krisenregimes und zeigen dass wir gewillt und im Stande sind, das herrschende Machtgefüge zu überwinden.

Gehen wir mit vielen Tausenden Menschen gemeinsam am 19. Mai bei einer internationalen Großdemonstration auf die Straße. Machen wir als AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung gemeinsam deutlich, dass eine Kritik an unfreien Verhältnissen nicht an der Kritik der Ausbeutung und Beherrschung von Tieren halt machen kann.

Wenn ihr euch an den gemeinsamen Protesten beteiligen wollt, oder wenn ihr mehr Informationen erhalten möchtet, meldet euch bitte (möglichst früh) bei
Aktionstage-Frankfurt@riseup.net

Mehr Infos auch unter www.tierbefreiung-hamburg.org/frankfurt.

- Tierbefreiungs-Aktionsbündnis zu den Krisenprotesten in Frankfurt

Boris Palmer: „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“

Anmerkung zu diesem Artikel:

Das „Schwäbische Tagblatt“ berichtete am 10. November:

Palmer war am Rande des Neubürgerempfangs von der Antispeziesistischen Gruppe aufgefordert worden, Position zum Thema Tierschutz zu beziehen. Dabei wies er die Ansicht der Tierschützer zurück, die Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar. „Tiere haben nicht dieselben Rechte wie Menschen“, sagte Palmer.

Palmer gibt unsere Position gegenüber der Zeitung falsch wieder. Als Teil der politischen Tierbefreiungsbewegung grenzen wir uns scharf vom Tierschutz ab; wir sind zudem keineswegs der Ansicht, „Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar“. Manche meinen, der antispeziesistische Ansatz fordere eine „Gleichstellung“ der Tiere – dabei versteht es sich von selbst, dass dies eine absurde Forderung wäre: Die sozial konstruierte Kategorie „Tier“ fasst ja Arten mit ganz unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten etc. in Eins – wir wollen aber gerade den Mensch-Tier-Dualismus, der alle anderen Tiere dem Menschen als dessen Gegenteil gegenüberstellt, so die Artenvielfalt verschleiert und die Ausbeutung bestimmter Spezies legitimiert, als Ideologie entlarven, die es erlaubt, z.B. komplexe Säugetiere als prinzipiell „gleich“ anzusehen wie Fruchtfliegen. Dadurch kann eine Situation der Gefangenschaft und Ausbeutung, die offensichtlich im „Nutz“-Tier Leid erzeugt, legitimiert werden: „Es ist ja nur ein Tier“… Dass einige davon – wie Affen – uns sehr ähneln und somit ählich Leiden empfinden wie wir, wird so ausgeblendet.

In zahlreichen Mails hat Palmer in den letzten Tagen von uns gefordert, den nachfolgenden Text „aus dem Netz zu nehmen“. Wir haben ihn mehrmals gebeten, uns die Stellen zu nennen, an welchen er sich falsch wiedergegeben fühlt – dazu war er aber nicht in der Lage, er meinte lediglich, die Darstellung des Gesprächs sei „unsachlich“, sein Verlauf und seine Inhalte „einseitig“ dargestellt. Obwohl Palmer uns mit „rechtlichen Schritten“ droht, haben wir uns deshalb dazu entschlossen, seiner Forderung nicht nachzukommen.

Am 27. März 2011 wurde in Baden-Württemberg der neue Landtag gewählt. Bündnis 90/Die Grünen, die seither Regierungspartei sind, hatten in ihrem Wahlprogramm auch Tierrechte als Leitidee verankert. Grundsätzlich wird ein respektvoller und ethisch verantwortbarer Umgang mit Tieren gefordert. Unter anderem sollen die Haltung, das Mitführen und die Verwendung von Wildtieren in mobilen Zirkusbetrieben sowie ihre Dressur beendet, vegetarische und vegane Ernährung sollen als vollwertige Ernährungsformen anerkannt und in allen öffentlichen Kantinen und Mensen sollen alternativ vegetarische und vegane Gerichte angeboten werden.
In Bezug auf Tierversuche fordern die Grünen: Wo immer möglich eine Abschaffung und den Einsatz alternativer Methoden; die Versuche an Primaten sollen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.
Boris Palmer als grüner Oberbürgermeister der einzigen Stadt in Baden-Württemberg, in der noch Experimente an Affen durchgeführt werden, hat sich seit 2009, als die Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche begann, noch kein einziges Mal bewogen gefühlt, zu den Versuchen überhaupt Stellung zu nehmen.
Am 29. Oktober hatten Aktivisten der Kampagne bei einer öffentlichen Veranstaltung, bei der Boris Palmer anwesend war, Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen.
Das Ergebnis des Gesprächs: Seine Partei hat zwar im Wahlprogramm explizit das Ziel der Abschaffung der Affenversuche stehen, aber Palmer denkt nicht daran: Er habe mit den Experimentatoren über die Versuche gesprochen und ist der Meinung, der Nutzen für den Menschen sei größer zu bewerten als das Leid der Affen.
Dass er in Wirklichkeit über den „Nutzen“ und die Ziele der Experimente in Tübingen nicht gut informiert ist, zeigte sich u.a. daran, dass er „Alzheimer-Patienten“ als Argument anführte, mit denen wir „mal sprechen“ sollten – bereits am Tag unserer ersten Demonstration für die Abschaffung von Tierversuchen, am 18. April 2009, hatte die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige im „Schwäbischen Tagblatt“ geschaltet, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut – das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung ist eines der drei Tübinger Institute,1 an denen Primatenversuche durchgeführt werden – im Interview mit dem TAGBLATT. Er forsche zwar auch an Tieren über Alzheimer – allerdings an Fliegen und Würmern!2
Palmer hat nach eigenen Angaben mit den Wissenschaftlern gesprochen – die, indem sie „so auf mich zugekommen sind wie Sie jetzt“, wohl bereits früher einiges an Lobby-Arbeit geleistet haben –, aber nicht daran gedacht, sich auch mit ExpertInnen der Gegenseite zu unterhalten, etwa mit jemandem von Ärzte gegen Tierversuche.
In unserem Gespräch zog er eine ganz klare und eindeutige Demarkationslinie zwischen „Menschen und Tieren“ und sagte: „Tiere dürfen ausgebeutet und unterdrückt werden, weil sie keine Menschen sind, Ausbeutung von Tieren ist legitim, Legebatterien sind legitim.“
In der Schweiz wurde die konventionelle Käfighaltung von Hühnern 1992, in Österreich 2005 und in Deutschland 2008 verboten. Ab 1. Januar 2012 ist sie zudem in der Europäischen Union verboten. Ab 2012 sind in der EU nur noch ausgestaltete Käfige erlaubt, die ein höheres Platzangebot (750 cm² pro Tier) sowie Scharrbereich, Sitzstangen und Nester bieten. Boris Palmer fällt hier als grüner Politiker also nicht nur hinter alle Standards seiner eigenen Partei, sondern sogar hinter EU-Recht zurück!
Der „grüne“ Oberbürgermeister Tübingens berief sich bei seiner Aussage, wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlicher Fortschritt legitimierten die Inkaufnahme von Tierleid, auf eine „Axiomatik“ – man sollte wohl besser sagen: Dogmatik –, welche u.a. aus dem Grundsatz besteht: Menschen dürfen Tiere ohne jegliche Rücksichtnahme ausbeuten, unterdrücken und auch für niedere und leicht ersetzbare Zwecke töten. Dabei ging er in der Tat so weit, sich auf die angebliche „Legitimität“ von Legebatterien zu berufen, um im Umkehrschluss darauf hinzuweisen, dass dann auch die Versuche mit Primaten an den Tübinger Instituten legitim seien. Er sprach – entgegen den Leitlinien seiner eigenen Partei – auch davon, dass Tiere nach geltendem Recht Sachen seien, so dass sie vom Menschen willkürlich ausgebeutet werden dürften.
Insgesamt zog Palmer sich auf angeblich „geltendes Recht“, Axiomatik und bürokratiebedingte (Un-)Zuständigkeitsbereiche zurück und verwies dabei explizit auf die „Logik“ seiner Argumentation – dabei hat er aber in Wirklichkeit elementarste logische Grundsätze verletzt und fehlerhaft argumentiert; schon der Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten, ist logisch nicht zulässig (Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz). Fakt ist ja, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, stellt beispielsweise der israelische Soziologe Moshe Zuckermann fest.
Palmers Aussage, die Wissenschaft untermauere die taxonomische Demarkation zwischen Mensch und Tier – die er zu einer moralischen Demarkation ausweitete –, ist schlicht falsch. Dass er in diesem Bereich komplett uninformiert ist, zeigte sich daran, dass er tatsächlich mit längst widerlegten „Argumenten“ wie „Kulturfähigkeit“ und „Werkzeuggebrauch“ ankam, um am wesentlichen Unterschied von Menschen und anderen Tieren festzuhalten. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen, einem gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.
Den mehrmals ausgesprochenen Hinweis auf die Qualen, welche die Affen an den Tübinger Instituten durchleben müssen, ja jegliche Fragen nach dem Mitleid mit „Versuchstieren“, ignorierte Palmer konsequent.
Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war zugegen, als die 60.000 Unterschriften gegen die Affenversuche in Tübingen übergeben worden sind und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. – Man darf gespannt sein, ob – und wenn ja, wie schnell – die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen verwirklichen werden oder ob sie genauso vor der Lobby, die jene vertritt, welche von der tagtäglichen Ausbeutung in diesem System profitieren, einknicken – wie es seit jeher die Art von Boris Palmer ist.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. vgl. unseren Artikel Tierexperimenatoren widersprechen sich gegenseitig. [zurück]

Zum „offenen Brief“ Peter Bierls an uns

In seinem „offenen Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde“ wirft Peter Bierl uns vor, seine Person in unserem Artikel Zu Peter Bierl „auf der Grundlage trüber Quellen“ als Verleumder diffamiert zu haben. Wenn wir der Meinung seien, er würde sinnentstellend zitieren, sei es „angemessen, selber die Quellen [zu] prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.“
Selbstverständlich sind uns die Quellen, aus denen Peter Bierl nachweislich sinnentstellend zitiert hat, gut bekannt – handelt es sich doch um zwei Beiträge zu einem der wichtigsten theoretischen Werke der Tierbefreiungsbewegung; sie stammen aus der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Ausatzssammlung Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Wir waren allerdings der Meinung, dass die verleumderischen Methoden Peter Bierls im auf wissenrockt.de veröffentlichten Artikel Mit Dreck werfen, den wir zitiert haben, ausreichend beleuchtet werden.

In seinem Brief an uns erdreistet sich Bierl, die von uns kritisierte unredliche Vorgehensweise, die er bereits in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen anwandte, schlicht noch einmal zu tätigen: Er diffamiert Susann Witt-Stahl und Colin Goldner, indem er sie mit rechten antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung bringt.

Die Vorgehensweise von Peter Bierl ist folgende:

Zunächst unterschlägt er, damit seine Argumentation überhaupt funktionieren kann, wichtige Fakten.
So ist etwa gerade Colin Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt – in seinem Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, der in Der Rechte Rand 108 (Sept./Okt. 2007, S. 21f.) erschienen ist, schreibt er:

Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Psychokulte, Sekten, Religionsgemeinschaften jedweder Art, einschließlich der etablierten Kirchen, haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu schaffen; so wenig wie Nazis und Neo-Nazis.
Es kann insofern keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. Egal ob unter dem Kreuz, dem Hakenkreuz oder unter sonst einem der zahllosen Embleme von Unterdrückung, Ausbeutung oder Herrschaft.

Die linke Journalistin Susann Witt-Stahl, die von Bierl in die Nähe von holocaustrelativierenden Positionen gerückt wird, ist ausdrückliche und scharfe Kritikerin des sog. „KZ-Vergleichs“, im Zuge dessen manche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bestimmte Formen der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung von Tieren zu Fleisch sowie Tierversuche mit dem Holocaust verglichen haben. Die bürgerliche Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PeTA) hatte 2002 eine Ausstellung und internationale Plakatkampagne unter dem Motto „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gestartet, die etwa Fotografien von Tiertransporten und Vernichtungstransporten der deutschen Faschisten nebeneinander stellte. 2004 hatte die deutsche Sektion von PeTA die US-Plakatkampagne übernommen. Im selben Jahr verbot das Landgericht Berlin, im Jahr darauf das Kammergericht Berlin die Plakate, weil ihre Aussage gegen die Menschenwürde von Holocaustüberlebenden verstoße.
Bereits in ihrem Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern kritisierte Susann Witt-Stahl damals die PeTA-Kampagne; unter anderem schrieb sie:

Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. […] Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust […]. Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist.

Mit einer unreflektierten, in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah trage PeTA dazu bei, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, so Witt-Stahl, und weiter: Man möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation, die oberflächlich, unwissenschaftlich und unseriös vorgehe, um vorsätzliche Geschichtsfälschung handele oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder Ignoranz.

Gleich argumentiert Susann Witt-Stahl auch in dem im Rahmen des von ihr herausgegebenen Sammelbandes erschienenen Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie, aus dem Peter Bierl sinnentstellend zitiert.
In seinem Artikel Wahlverwandte unter sich schrieb er:

Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen „zur westlichen Weltreligion“, zu „einem negativen Identifikationsmodell“, entwickelt, und es finde eine „Fetischisierung des Holocaust“ statt, während die Tierrechtsorganisation PeTA den KZ-Vergleich in ihrer Werbung „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: „Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.“

In Bezug auf diesen Text von Susann Witt-Stahl findet Bierl, wie er in seinem offenen Brief an uns schreibt, „nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.“ Diese Aussge Bierls kann wirklich nur als schlechter Witz gewertet werden – mit dem er sich allerdings selbst lächerlich macht.
Durch selektives Zitieren will Bierl den Eindruck erwecken, Susann Witt-Stahl verteidige den „KZ-Vergleich“, den die bürgerliche Tierrechtsorganisation PeTA vorgenommen hat, greife jene, die ihn kritisieren, an und bewege sich damit selbst mindestens an der Grenze der Holocaustrelativierung. Dass Susann Witt-Stahl selbst eine der schärfsten KritikerInnen dieses Vergleichs ist, unterschlägt er; er verkauft damit seine LeserInnen für dumm und scheint darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht die Mühe machen, nachzusehen, um wen es sich bei der Autorin handelt und welchem Kontext die Zitate entnommen worden sind.

Im Mittelpunkt des Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie steht das Problem der Vereinnahmung der jüdischen Opfer des größten Verbrechens, das Menschen je gegen Menschen verübt haben, seine Instrumentalisierung und die durch gnadenlos „enttabuisierte Alltagsrhetorik forcierte Zerschwätzung“ und „kulturindustrielle Banalisierung des Besonderen und Einzigartigen“ (Moshe Zuckermann). Es geht Witt-Stahl um Ideologiekritik, darum, die Ideologieschichten abzutragen, die sowohl über dem Vergleich als auch über bestimmten Formen seiner Kritik wuchern, sie zu analysieren und als falsches Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen zu erkennen. Witt-Stahl fragt also sowohl nach den Beweggründen, Methoden und Strategien, warum und wie der „KZ-Vergleich“ von seinen Befürwortern so eifrig und beharrlich bemüht wird, als auch danach, weshalb er von vielen seiner Gegner gar nicht konsequent kritisiert wird, sondern vielmehr „hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft und andere antiemanzipatorische Zwecke instrumentalisiert zu werden“ (S. 279).

In seinem offenen Brief an uns gibt Peter Bierl die Position Witt-Stahls mit den Worten wieder: „Das eigentliche Problem bestünde in einem ‚längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus‘.“
Dass Susann Witt-Stahl vom Philosemitismus als „eigentlichem Problem“ spricht, davon kann keine Rede sein. In Wirklichkeit heißt es in ihrem Aufsatz hierzu:

Der eliminatorische Antisemitismus und die exzessive Perhorreszierung der Juden und des Judentums gelten heute in Deutschland und Resteuropa als historisch überwunden. Aber während des noch andauernden und sich stetig wandelnden und zumindest streckenweise katastrophal verlaufenden Prozesses dessen, was als „Vergangenheitsbewältigung“ oder „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnet wird, sind wesentliche Elemente des Antisemitismus bis heute nicht dialektisch aufgehoben und in eine wahrhaft emanzipatorische Praxis überführt worden. Sie sind lediglich in einen längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus umgeschlagen, der jederzeit droht, wieder in einen offenen, sich aggresiv entladenden Judenhass zurückzufallen. Denn diese erklärte „Liebe“ zu den Juden ist insofern eine falsche Liebe, als sie Juden entindividualisiert, kategorisiert, fetischisiert und zu Identifikationsobjekten degradiert. […] Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland den mit dem Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren. Welche Ausmaße falsche Liebe und mimentische Distanzlosigkeit annehmen können, demonstrieren beispielsweise so genannte Antideutsche – pseudomarxistische Ex-Linke, antilinke Deutsche, die im Windschatten der neoliberalen Großoffensive für eine radikale Entfesselung der Marktkräfte eine affirmative Wende vollzogen haben. Das, was als „Solidarität“ mit den Juden und dem Staat Israel verkauft wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung meist als narzisstisches Suhlen in deutschen Befindlichkeiten. Die falsche Projektion des „deutschen Wesens“ auf das arabisch-palästinensische Kollektiv indiziert ein tiefes Bedürfnis nach Entsorgung der Schande (S. 283).

Witt-Stahl bezieht sich hier auch auf die Analysen von Moshe Zuckermann, der in den letzten Jahren vermehrt auf die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses der Antisemitismuskritik und die damit unweigerlich verbundene „Veralltäglichung der Shoah“ hingewiesen und im Jahr 2010 dann auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Über den Rechtsruck in gewissen Bereichen der Antisemitismuskritik – was bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung geht – hat Susann Witt-Stahl ebenfalls im Jahr 2010 auch ein Interview mit Moshe Zuckermann geführt, in dem er diese Problematik ausführlich darstellt. Darin sagt er u.a.:

Als Historiker geht es mir um den Entstehungszusammenhang des geschichtlichen Antisemitismus; als Marxist um die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Antisemitismus und als jemand, der mit der Shoah befasst ist, um die generellen Schlussfolgerungen von dem, was mich lebensgeschichtlich immer schon umgetrieben hat und bis ans Ende meiner Tage umtreiben wird. Die sogenannte Antisemitismuskritik, von der ich in meinem Buch rede, hat mit alledem nichts zu tun. Sie gilt nicht der Bekämpfung des realen Antisemitismus, sondern suhlt sich einzig in der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs für fremdbestimmte Zwecke unter Verwendung perfidester denunziatorischer und polemisch verlogener Mittel. […] In Deutschland sehe ich in erster Linie den Zusammenhang von tabuisiertem Antisemitismus und legitimierter Islamophobie, welche nach dem 11. September 2001 einen großen weltpolitischen Aufschwung erhalten hat, als Nährboden für besagte Formation. Die Islamophobie ersetzt den Antisemitismus, der nun seinerseits in einen unsäglichen Philosemitismus umschlagen darf. Die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik, die aus geschichtlich erklärbaren Gründen diese Linie schon immer verfolgt hat, erhält nun von der bürgerlichen Presse einerseits und den sogenannten Antideutschen andererseits eine bemerkenswerte ideologische Affirmation. Das gab es so vorher nicht. Auch die deutsche Linke scheint mir, ähnlich wie die israelische, weitgehend zusammengebrochen zu sein. Das muss man, meine ich, in indirektem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Blocksystems, dem Siegeszug des globalisierten Kapitalismus und der Heraufkunft des amerikanischen Neokonservatismus sehen. […] Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat […] fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. […] Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment. […] Nicht minder schlimm ist dabei, dass die diesen Wunsch hegenden Deutschen sowohl sich selbst als „Deutsche“ als auch die Juden als „Juden“ abstrahieren – letztlich auf die leere Formel des „Deutschen“ und des „Juden“ reduzieren. Wie schnell sind da die Inhalte austauschbar, wie schnell kann das Ressentiment der fremdbestimmten Zuneigung ins Gegenteil, in die Aversion, umschlagen.

Genau „diese perfide Spielart des dem Antisemitismus verschwisterten Philosemitismus“ (S. 284) wird von Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz kritisiert. Doch das veschweigt Bierl, der ja selbst dem „antideutschen“ Spektrum zuzurechnen ist und den Antisemitismus-Vorwurf als bloßes politisches Instrument zur Diffamierung vermeintlicher „Gegner“ missbraucht, lieber. Statt sich auf einer sachlichen Ebene mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen – wofür ihm offensichtlich die Argumente fehlen –, versucht er Witt-Stahl in Misskredit zu bringen, indem er Satzteile aus ihrem Aufsatz derart aus dem Zusammenhang reißt, dass sie ins Gegenteil dessen, was eigentlich damit ausgedrückt wurde, verkehrt werden können; so verfährt Bierl etwa mit der Aussage Witt-Stahls, PeTA habe den „KZ-Vergleich“ „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ – so, wie Bierl das Zitat einsetzt, suggeriert er damit eine apologetische Haltung Witt-Stahls gegenüber dem „KZ-Vergleich“ PeTAs. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Natürlich verteidigt Witt-Stahl PeTA hier nicht, sondern macht der Tierrechtsorganisation die kulturindustrielle Banalisierung der Shoa zum Vorwurf! Der Kontext, aus dem Bierl selektiv zitiert, lautet:

Die Fetischisierung des Holocaust und seine kulturindustrielle Ausschlachtung stellen wohl das hässlichste Phänomen dar, das die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne begleitet hat. PeTA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext und den Gedenkräumen entrissen, profaniert, schließlich als eye catcher nahtlos in die Produktpalette eingereiht und das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht: In den Städten waren überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen. Letztlich erwies sich der Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus: Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert PeTA geliefert. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation nicht nur lobende Worte für „KZ-Betreiber“ wie Burger King findet, sondern auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi - die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PeTA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt (S. 287).

In seinem offenen Brief tut Bierl so, als ob Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz gewissermaßen PeTA und Konsorten nicht etwa deshalb kritisiere, weil sie von der Falschheit des „KZ-Vergleichs“ überzeugt wäre, sondern eher, um eine Legitimation dafür zu haben, sich „linke Kritiker“ dieses Vergleichs „vorzunehmen“: „Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl […] zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt.“ – In Wirklichkeit widmen sich die ersten 14 Seiten ihres Aufsatzes hauptsächlich der ausführlichen Kritik des „KZ-Vergleichs“; die Kritik an denjenigen, die den Vergleich aus der Sicht Witt-Stahls aus einem falschem Bewusstsein heraus kritisieren, beläuft sich nur auf die Hälfte dieser Anzahl von Seiten. Von einer „Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs“ – so Bierl in seinem Brief – kann dabei nicht die Rede sein; und dass Witt-Stahl sich „linke Kritiker vornimmt“, kann man so auch nicht behaupten. So geht es zunächst um die Äußerungen einer Vorsitzenden eines Tierschutzvereins und um eine Kolumnistin der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ des Axel-Springer-Konzerns. Und die Zeitschrift „Bahamas“, für die Uli Krug schreibt, hat schon lange grundsätzlich mit der Linken gebrochen und positioniert sich inzwischen selbst rechtsoffen.

Was Bierl wohl in Wahrheit nicht passt, dürfte der Umstand sein, dass Witt-Stahl in ihrem Aufsatz nachweist, dass gewisse „antideutsche“ Autoren, die der Tierrechtsbewegung die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps vorwerfen, dieses selbst verwenden – in einem philosemitischen Duktus, welcher sich aber aus antisemitischen Ressentiments speist. Denn sie benutzen

nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Terrors für die Affirmation einer Ideologie grenzenloser Unterjochung und Ausbeutung der Tiere – sie reproduzieren alte Judäophobien, wie sie beispielsweise in Richard Wagners Schriften zu finden sind (S. 296).

Wohl um diese Hintergründe zu vertuschen und weil er genau weiß, dass er sich u.a. in Bezug auf die vehemente Kritikerin „antideutscher“ Ideologie Susann Witt-Stahl unlauteren Methoden bedient, die den Zweck verfolgen, politische Gegner mundtot zu machen, schiebt Bierl in seinem offenen Brief an uns nach erneut vorgenommener sinnentstellender Zitation Witt-Stahls schnell ein „Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese“ nach.
Vielmehr gehe es um etwas ganz anderes: Der Verleumder Bierl, der sich nun selbst als Opfer von „Angriffen“ auf seine Person stilisiert, schreibt:

Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.

Wer also die verleumderischen Methoden, die Peter Bierl, wie wir nun hoffentlich ausführlich genug gezeigt haben, nachweislich angewandt hat, klar benennt und die Rufmord-Kampagne, die er gegen Aktive der Tierbefreiungsbewegung betreibt, kritisiert, trägt – obwohl er sich in krassem Widerspruch mit den Ansichten Peter Singers sieht und selbst eine ausführliche Kritik an der Würdigung Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung geübt hat – also letztlich zur Wiedereinführung der Euthanasie in Deutschland bei, so Bierls Vorwurf. Mit solchen abenteuerlichen Gedankenkonstruktionen, in denen, nebenbei bemerkt, eine unüberhörbare Portion Selbstüberschätzung mitschwingt, diskreditiert Peter Bierl sich lediglich – aufs Neue – selbst.

Es bleibt abzuwarten, ob die Methoden, welche er in seinem Vortrag zur Kritik an der Anthroposophie am Mittwoch anwenden wird, mit jenen unlauteren vergleichbar sind, die er benutzt hat, um Personen aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und aus dem säkularen Spektrum zu diffamieren, oder ob sein Vortrag Substanz haben und Anlass für eine fruchtbringende Diskussion bieten wird.




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