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Aufruf zur Beteiligung an Mai-Aktionstagen

Aufruf an Tierbefreiungsgruppen zur Beteiligung an den antikapitalistischen Mai-Aktionstagen in Frankfurt vom 16. bis 19. Mai.

Für den 16. bis 19. Mai ruft ein breites Bündnis verschiedener sozialer und politischer Bewegungen zu Aktionstagen gegen die hegemoniale Krisenpolitik in Frankfurt am Main auf. Es gibt für Initiativen und Akteure der Tierbefreiungsbewegung gute Gründe, die gegenwärtige Krisenproteste nicht an sich vorbei ziehen zu lassen. Machen wir uns keine Illusionen: Dass die Bedürfnisse von Tieren in der gegenwärtigen Gesellschaft einen Dreck gelten, ist nicht nur Folge eines vermeintlich fehlenden moralischen Bewusstseins der Bevölkerungsmehrheit. Vielmehr hat die kapitalistische Wirtschaftsweise, welche gegenwärtig mit sozialen Angriffen und Entdemokratisierungen bis aufs Messer verteidigt wird, für nicht-menschliche Individuen nicht mehr übrig, als Waren oder Produktionsmittel zu sein. Die massenhafte Gefangenhaltung von Tieren und Schlachtungen im Akkord sind die hässlichen Folgen der Inwertsetzung der Tiere. Eine tatsächliche Veränderung des durch Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse geprägten Mensch-Tier-Verhältnisses bedarf stattdessen grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen, die vor allem auf der der Überwindung dieser zutiefst destruktiven Ökonomie basiert!

Wenn wir einen Prozess anstoßen wollen, in dem bspw. in der Lebensmittelproduktion andere Aspekte als bloße Profitinteressen geltend gemacht werden sollen, so ist die Teilhabe aller Menschen am Prozess der Produktion und Versorgung eine notwendige Voraussetzung. Nur durch die Überwindung ökonomischer Abhängigkeitsverhältnisse und die Demokratisierung aller Lebensbereiche kann eine Grundlage geschaffen werden, um Bedürfnisse und Interessen von Menschen und auch von Tieren zu berücksichtigen. Die durch das Krisenregime beförderte autoritäre Wende in Europa ist jedoch das konkrete Gegenteil einer bewussten und freiheitlichen Gestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage partizipativ-demokratischer Aushandlungsprozesse. Daher ist es von dringlicher Bedeutung, aktiven Widerstand zu leisten gegen die weltweiten Entsolidarisierungs- und Entdemokratisierungsprozesse und die Versuche, den Kapitalismus zu retten. Und es ist notwendig, dass wir uns die Kontrolle über zentrale Lebensbereiche wieder aneignen. Die sofortige Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien wie der Finanzindustrie, dem Energiesektor oder der Agrarkonzerne können erste Schritte darstellen, um die blinde Zerstörungswut kapitalistischer Verwertungsinteressen zu überwinden. Derartige Veränderungen können nicht von einzelnen politischen Bewegungen allein erreicht werden. Sondern es bedarf gemeinsamer Perspektiven und einen breiten und vielfältigen Widerstand. Daher rufen wir alle AktivistInnen und Initiativen der Tierbefreiungsbewegung auf, sich an den Aktionstagen im Mai zu beteiligen – weil Tiere keine Waren sind.

Beteiligen wir uns an der Besetzung zentraler Plätze am 17. Mai und nutzen wir die entstehenden Räume für Diskussionen über gemeinsame Perspektiven mit anderen politischen Bewegungen.

Blockieren wir die EZB und das Frankfurter Bankenviertel am 18. Mai. Setzen wir ein Zeichen der Solidarität mit allen Betroffenen des neoliberalen Krisenregimes und zeigen dass wir gewillt und im Stande sind, das herrschende Machtgefüge zu überwinden.

Gehen wir mit vielen Tausenden Menschen gemeinsam am 19. Mai bei einer internationalen Großdemonstration auf die Straße. Machen wir als AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung gemeinsam deutlich, dass eine Kritik an unfreien Verhältnissen nicht an der Kritik der Ausbeutung und Beherrschung von Tieren halt machen kann.

Wenn ihr euch an den gemeinsamen Protesten beteiligen wollt, oder wenn ihr mehr Informationen erhalten möchtet, meldet euch bitte (möglichst früh) bei
Aktionstage-Frankfurt@riseup.net

Mehr Infos auch unter www.tierbefreiung-hamburg.org/frankfurt.

- Tierbefreiungs-Aktionsbündnis zu den Krisenprotesten in Frankfurt

Boris Palmer: „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“

Anmerkung zu diesem Artikel:

Das „Schwäbische Tagblatt“ berichtete am 10. November:

Palmer war am Rande des Neubürgerempfangs von der Antispeziesistischen Gruppe aufgefordert worden, Position zum Thema Tierschutz zu beziehen. Dabei wies er die Ansicht der Tierschützer zurück, die Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar. „Tiere haben nicht dieselben Rechte wie Menschen“, sagte Palmer.

Palmer gibt unsere Position gegenüber der Zeitung falsch wieder. Als Teil der politischen Tierbefreiungsbewegung grenzen wir uns scharf vom Tierschutz ab; wir sind zudem keineswegs der Ansicht, „Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar“. Manche meinen, der antispeziesistische Ansatz fordere eine „Gleichstellung“ der Tiere – dabei versteht es sich von selbst, dass dies eine absurde Forderung wäre: Die sozial konstruierte Kategorie „Tier“ fasst ja Arten mit ganz unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten etc. in Eins – wir wollen aber gerade den Mensch-Tier-Dualismus, der alle anderen Tiere dem Menschen als dessen Gegenteil gegenüberstellt, so die Artenvielfalt verschleiert und die Ausbeutung bestimmter Spezies legitimiert, als Ideologie entlarven, die es erlaubt, z.B. komplexe Säugetiere als prinzipiell „gleich“ anzusehen wie Fruchtfliegen. Dadurch kann eine Situation der Gefangenschaft und Ausbeutung, die offensichtlich im „Nutz“-Tier Leid erzeugt, legitimiert werden: „Es ist ja nur ein Tier“… Dass einige davon – wie Affen – uns sehr ähneln und somit ählich Leiden empfinden wie wir, wird so ausgeblendet.

In zahlreichen Mails hat Palmer in den letzten Tagen von uns gefordert, den nachfolgenden Text „aus dem Netz zu nehmen“. Wir haben ihn mehrmals gebeten, uns die Stellen zu nennen, an welchen er sich falsch wiedergegeben fühlt – dazu war er aber nicht in der Lage, er meinte lediglich, die Darstellung des Gesprächs sei „unsachlich“, sein Verlauf und seine Inhalte „einseitig“ dargestellt. Obwohl Palmer uns mit „rechtlichen Schritten“ droht, haben wir uns deshalb dazu entschlossen, seiner Forderung nicht nachzukommen.

Am 27. März 2011 wurde in Baden-Württemberg der neue Landtag gewählt. Bündnis 90/Die Grünen, die seither Regierungspartei sind, hatten in ihrem Wahlprogramm auch Tierrechte als Leitidee verankert. Grundsätzlich wird ein respektvoller und ethisch verantwortbarer Umgang mit Tieren gefordert. Unter anderem sollen die Haltung, das Mitführen und die Verwendung von Wildtieren in mobilen Zirkusbetrieben sowie ihre Dressur beendet, vegetarische und vegane Ernährung sollen als vollwertige Ernährungsformen anerkannt und in allen öffentlichen Kantinen und Mensen sollen alternativ vegetarische und vegane Gerichte angeboten werden.
In Bezug auf Tierversuche fordern die Grünen: Wo immer möglich eine Abschaffung und den Einsatz alternativer Methoden; die Versuche an Primaten sollen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.
Boris Palmer als grüner Oberbürgermeister der einzigen Stadt in Baden-Württemberg, in der noch Experimente an Affen durchgeführt werden, hat sich seit 2009, als die Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche begann, noch kein einziges Mal bewogen gefühlt, zu den Versuchen überhaupt Stellung zu nehmen.
Am 29. Oktober hatten Aktivisten der Kampagne bei einer öffentlichen Veranstaltung, bei der Boris Palmer anwesend war, Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen.
Das Ergebnis des Gesprächs: Seine Partei hat zwar im Wahlprogramm explizit das Ziel der Abschaffung der Affenversuche stehen, aber Palmer denkt nicht daran: Er habe mit den Experimentatoren über die Versuche gesprochen und ist der Meinung, der Nutzen für den Menschen sei größer zu bewerten als das Leid der Affen.
Dass er in Wirklichkeit über den „Nutzen“ und die Ziele der Experimente in Tübingen nicht gut informiert ist, zeigte sich u.a. daran, dass er „Alzheimer-Patienten“ als Argument anführte, mit denen wir „mal sprechen“ sollten – bereits am Tag unserer ersten Demonstration für die Abschaffung von Tierversuchen, am 18. April 2009, hatte die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige im „Schwäbischen Tagblatt“ geschaltet, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut – das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung ist eines der drei Tübinger Institute,1 an denen Primatenversuche durchgeführt werden – im Interview mit dem TAGBLATT. Er forsche zwar auch an Tieren über Alzheimer – allerdings an Fliegen und Würmern!2
Palmer hat nach eigenen Angaben mit den Wissenschaftlern gesprochen – die, indem sie „so auf mich zugekommen sind wie Sie jetzt“, wohl bereits früher einiges an Lobby-Arbeit geleistet haben –, aber nicht daran gedacht, sich auch mit ExpertInnen der Gegenseite zu unterhalten, etwa mit jemandem von Ärzte gegen Tierversuche.
In unserem Gespräch zog er eine ganz klare und eindeutige Demarkationslinie zwischen „Menschen und Tieren“ und sagte: „Tiere dürfen ausgebeutet und unterdrückt werden, weil sie keine Menschen sind, Ausbeutung von Tieren ist legitim, Legebatterien sind legitim.“
In der Schweiz wurde die konventionelle Käfighaltung von Hühnern 1992, in Österreich 2005 und in Deutschland 2008 verboten. Ab 1. Januar 2012 ist sie zudem in der Europäischen Union verboten. Ab 2012 sind in der EU nur noch ausgestaltete Käfige erlaubt, die ein höheres Platzangebot (750 cm² pro Tier) sowie Scharrbereich, Sitzstangen und Nester bieten. Boris Palmer fällt hier als grüner Politiker also nicht nur hinter alle Standards seiner eigenen Partei, sondern sogar hinter EU-Recht zurück!
Der „grüne“ Oberbürgermeister Tübingens berief sich bei seiner Aussage, wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlicher Fortschritt legitimierten die Inkaufnahme von Tierleid, auf eine „Axiomatik“ – man sollte wohl besser sagen: Dogmatik –, welche u.a. aus dem Grundsatz besteht: Menschen dürfen Tiere ohne jegliche Rücksichtnahme ausbeuten, unterdrücken und auch für niedere und leicht ersetzbare Zwecke töten. Dabei ging er in der Tat so weit, sich auf die angebliche „Legitimität“ von Legebatterien zu berufen, um im Umkehrschluss darauf hinzuweisen, dass dann auch die Versuche mit Primaten an den Tübinger Instituten legitim seien. Er sprach – entgegen den Leitlinien seiner eigenen Partei – auch davon, dass Tiere nach geltendem Recht Sachen seien, so dass sie vom Menschen willkürlich ausgebeutet werden dürften.
Insgesamt zog Palmer sich auf angeblich „geltendes Recht“, Axiomatik und bürokratiebedingte (Un-)Zuständigkeitsbereiche zurück und verwies dabei explizit auf die „Logik“ seiner Argumentation – dabei hat er aber in Wirklichkeit elementarste logische Grundsätze verletzt und fehlerhaft argumentiert; schon der Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten, ist logisch nicht zulässig (Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz). Fakt ist ja, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, stellt beispielsweise der israelische Soziologe Moshe Zuckermann fest.
Palmers Aussage, die Wissenschaft untermauere die taxonomische Demarkation zwischen Mensch und Tier – die er zu einer moralischen Demarkation ausweitete –, ist schlicht falsch. Dass er in diesem Bereich komplett uninformiert ist, zeigte sich daran, dass er tatsächlich mit längst widerlegten „Argumenten“ wie „Kulturfähigkeit“ und „Werkzeuggebrauch“ ankam, um am wesentlichen Unterschied von Menschen und anderen Tieren festzuhalten. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen, einem gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.
Den mehrmals ausgesprochenen Hinweis auf die Qualen, welche die Affen an den Tübinger Instituten durchleben müssen, ja jegliche Fragen nach dem Mitleid mit „Versuchstieren“, ignorierte Palmer konsequent.
Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war zugegen, als die 60.000 Unterschriften gegen die Affenversuche in Tübingen übergeben worden sind und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. – Man darf gespannt sein, ob – und wenn ja, wie schnell – die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen verwirklichen werden oder ob sie genauso vor der Lobby, die jene vertritt, welche von der tagtäglichen Ausbeutung in diesem System profitieren, einknicken – wie es seit jeher die Art von Boris Palmer ist.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. vgl. unseren Artikel Tierexperimenatoren widersprechen sich gegenseitig. [zurück]

Zum „offenen Brief“ Peter Bierls an uns

In seinem „offenen Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde“ wirft Peter Bierl uns vor, seine Person in unserem Artikel Zu Peter Bierl „auf der Grundlage trüber Quellen“ als Verleumder diffamiert zu haben. Wenn wir der Meinung seien, er würde sinnentstellend zitieren, sei es „angemessen, selber die Quellen [zu] prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.“
Selbstverständlich sind uns die Quellen, aus denen Peter Bierl nachweislich sinnentstellend zitiert hat, gut bekannt – handelt es sich doch um zwei Beiträge zu einem der wichtigsten theoretischen Werke der Tierbefreiungsbewegung; sie stammen aus der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Ausatzssammlung Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Wir waren allerdings der Meinung, dass die verleumderischen Methoden Peter Bierls im auf wissenrockt.de veröffentlichten Artikel Mit Dreck werfen, den wir zitiert haben, ausreichend beleuchtet werden.

In seinem Brief an uns erdreistet sich Bierl, die von uns kritisierte unredliche Vorgehensweise, die er bereits in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen anwandte, schlicht noch einmal zu tätigen: Er diffamiert Susann Witt-Stahl und Colin Goldner, indem er sie mit rechten antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung bringt.

Die Vorgehensweise von Peter Bierl ist folgende:

Zunächst unterschlägt er, damit seine Argumentation überhaupt funktionieren kann, wichtige Fakten.
So ist etwa gerade Colin Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt – in seinem Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, der in Der Rechte Rand 108 (Sept./Okt. 2007, S. 21f.) erschienen ist, schreibt er:

Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Psychokulte, Sekten, Religionsgemeinschaften jedweder Art, einschließlich der etablierten Kirchen, haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu schaffen; so wenig wie Nazis und Neo-Nazis.
Es kann insofern keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. Egal ob unter dem Kreuz, dem Hakenkreuz oder unter sonst einem der zahllosen Embleme von Unterdrückung, Ausbeutung oder Herrschaft.

Die linke Journalistin Susann Witt-Stahl, die von Bierl in die Nähe von holocaustrelativierenden Positionen gerückt wird, ist ausdrückliche und scharfe Kritikerin des sog. „KZ-Vergleichs“, im Zuge dessen manche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bestimmte Formen der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung von Tieren zu Fleisch sowie Tierversuche mit dem Holocaust verglichen haben. Die bürgerliche Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PeTA) hatte 2002 eine Ausstellung und internationale Plakatkampagne unter dem Motto „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gestartet, die etwa Fotografien von Tiertransporten und Vernichtungstransporten der deutschen Faschisten nebeneinander stellte. 2004 hatte die deutsche Sektion von PeTA die US-Plakatkampagne übernommen. Im selben Jahr verbot das Landgericht Berlin, im Jahr darauf das Kammergericht Berlin die Plakate, weil ihre Aussage gegen die Menschenwürde von Holocaustüberlebenden verstoße.
Bereits in ihrem Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern kritisierte Susann Witt-Stahl damals die PeTA-Kampagne; unter anderem schrieb sie:

Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. […] Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust […]. Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist.

Mit einer unreflektierten, in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah trage PeTA dazu bei, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, so Witt-Stahl, und weiter: Man möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation, die oberflächlich, unwissenschaftlich und unseriös vorgehe, um vorsätzliche Geschichtsfälschung handele oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder Ignoranz.

Gleich argumentiert Susann Witt-Stahl auch in dem im Rahmen des von ihr herausgegebenen Sammelbandes erschienenen Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie, aus dem Peter Bierl sinnentstellend zitiert.
In seinem Artikel Wahlverwandte unter sich schrieb er:

Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen „zur westlichen Weltreligion“, zu „einem negativen Identifikationsmodell“, entwickelt, und es finde eine „Fetischisierung des Holocaust“ statt, während die Tierrechtsorganisation PeTA den KZ-Vergleich in ihrer Werbung „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: „Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.“

In Bezug auf diesen Text von Susann Witt-Stahl findet Bierl, wie er in seinem offenen Brief an uns schreibt, „nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.“ Diese Aussge Bierls kann wirklich nur als schlechter Witz gewertet werden – mit dem er sich allerdings selbst lächerlich macht.
Durch selektives Zitieren will Bierl den Eindruck erwecken, Susann Witt-Stahl verteidige den „KZ-Vergleich“, den die bürgerliche Tierrechtsorganisation PeTA vorgenommen hat, greife jene, die ihn kritisieren, an und bewege sich damit selbst mindestens an der Grenze der Holocaustrelativierung. Dass Susann Witt-Stahl selbst eine der schärfsten KritikerInnen dieses Vergleichs ist, unterschlägt er; er verkauft damit seine LeserInnen für dumm und scheint darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht die Mühe machen, nachzusehen, um wen es sich bei der Autorin handelt und welchem Kontext die Zitate entnommen worden sind.

Im Mittelpunkt des Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie steht das Problem der Vereinnahmung der jüdischen Opfer des größten Verbrechens, das Menschen je gegen Menschen verübt haben, seine Instrumentalisierung und die durch gnadenlos „enttabuisierte Alltagsrhetorik forcierte Zerschwätzung“ und „kulturindustrielle Banalisierung des Besonderen und Einzigartigen“ (Moshe Zuckermann). Es geht Witt-Stahl um Ideologiekritik, darum, die Ideologieschichten abzutragen, die sowohl über dem Vergleich als auch über bestimmten Formen seiner Kritik wuchern, sie zu analysieren und als falsches Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen zu erkennen. Witt-Stahl fragt also sowohl nach den Beweggründen, Methoden und Strategien, warum und wie der „KZ-Vergleich“ von seinen Befürwortern so eifrig und beharrlich bemüht wird, als auch danach, weshalb er von vielen seiner Gegner gar nicht konsequent kritisiert wird, sondern vielmehr „hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft und andere antiemanzipatorische Zwecke instrumentalisiert zu werden“ (S. 279).

In seinem offenen Brief an uns gibt Peter Bierl die Position Witt-Stahls mit den Worten wieder: „Das eigentliche Problem bestünde in einem ‚längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus‘.“
Dass Susann Witt-Stahl vom Philosemitismus als „eigentlichem Problem“ spricht, davon kann keine Rede sein. In Wirklichkeit heißt es in ihrem Aufsatz hierzu:

Der eliminatorische Antisemitismus und die exzessive Perhorreszierung der Juden und des Judentums gelten heute in Deutschland und Resteuropa als historisch überwunden. Aber während des noch andauernden und sich stetig wandelnden und zumindest streckenweise katastrophal verlaufenden Prozesses dessen, was als „Vergangenheitsbewältigung“ oder „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnet wird, sind wesentliche Elemente des Antisemitismus bis heute nicht dialektisch aufgehoben und in eine wahrhaft emanzipatorische Praxis überführt worden. Sie sind lediglich in einen längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus umgeschlagen, der jederzeit droht, wieder in einen offenen, sich aggresiv entladenden Judenhass zurückzufallen. Denn diese erklärte „Liebe“ zu den Juden ist insofern eine falsche Liebe, als sie Juden entindividualisiert, kategorisiert, fetischisiert und zu Identifikationsobjekten degradiert. […] Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland den mit dem Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren. Welche Ausmaße falsche Liebe und mimentische Distanzlosigkeit annehmen können, demonstrieren beispielsweise so genannte Antideutsche – pseudomarxistische Ex-Linke, antilinke Deutsche, die im Windschatten der neoliberalen Großoffensive für eine radikale Entfesselung der Marktkräfte eine affirmative Wende vollzogen haben. Das, was als „Solidarität“ mit den Juden und dem Staat Israel verkauft wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung meist als narzisstisches Suhlen in deutschen Befindlichkeiten. Die falsche Projektion des „deutschen Wesens“ auf das arabisch-palästinensische Kollektiv indiziert ein tiefes Bedürfnis nach Entsorgung der Schande (S. 283).

Witt-Stahl bezieht sich hier auch auf die Analysen von Moshe Zuckermann, der in den letzten Jahren vermehrt auf die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses der Antisemitismuskritik und die damit unweigerlich verbundene „Veralltäglichung der Shoah“ hingewiesen und im Jahr 2010 dann auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Über den Rechtsruck in gewissen Bereichen der Antisemitismuskritik – was bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung geht – hat Susann Witt-Stahl ebenfalls im Jahr 2010 auch ein Interview mit Moshe Zuckermann geführt, in dem er diese Problematik ausführlich darstellt. Darin sagt er u.a.:

Als Historiker geht es mir um den Entstehungszusammenhang des geschichtlichen Antisemitismus; als Marxist um die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Antisemitismus und als jemand, der mit der Shoah befasst ist, um die generellen Schlussfolgerungen von dem, was mich lebensgeschichtlich immer schon umgetrieben hat und bis ans Ende meiner Tage umtreiben wird. Die sogenannte Antisemitismuskritik, von der ich in meinem Buch rede, hat mit alledem nichts zu tun. Sie gilt nicht der Bekämpfung des realen Antisemitismus, sondern suhlt sich einzig in der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs für fremdbestimmte Zwecke unter Verwendung perfidester denunziatorischer und polemisch verlogener Mittel. […] In Deutschland sehe ich in erster Linie den Zusammenhang von tabuisiertem Antisemitismus und legitimierter Islamophobie, welche nach dem 11. September 2001 einen großen weltpolitischen Aufschwung erhalten hat, als Nährboden für besagte Formation. Die Islamophobie ersetzt den Antisemitismus, der nun seinerseits in einen unsäglichen Philosemitismus umschlagen darf. Die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik, die aus geschichtlich erklärbaren Gründen diese Linie schon immer verfolgt hat, erhält nun von der bürgerlichen Presse einerseits und den sogenannten Antideutschen andererseits eine bemerkenswerte ideologische Affirmation. Das gab es so vorher nicht. Auch die deutsche Linke scheint mir, ähnlich wie die israelische, weitgehend zusammengebrochen zu sein. Das muss man, meine ich, in indirektem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Blocksystems, dem Siegeszug des globalisierten Kapitalismus und der Heraufkunft des amerikanischen Neokonservatismus sehen. […] Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat […] fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. […] Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment. […] Nicht minder schlimm ist dabei, dass die diesen Wunsch hegenden Deutschen sowohl sich selbst als „Deutsche“ als auch die Juden als „Juden“ abstrahieren – letztlich auf die leere Formel des „Deutschen“ und des „Juden“ reduzieren. Wie schnell sind da die Inhalte austauschbar, wie schnell kann das Ressentiment der fremdbestimmten Zuneigung ins Gegenteil, in die Aversion, umschlagen.

Genau „diese perfide Spielart des dem Antisemitismus verschwisterten Philosemitismus“ (S. 284) wird von Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz kritisiert. Doch das veschweigt Bierl, der ja selbst dem „antideutschen“ Spektrum zuzurechnen ist und den Antisemitismus-Vorwurf als bloßes politisches Instrument zur Diffamierung vermeintlicher „Gegner“ missbraucht, lieber. Statt sich auf einer sachlichen Ebene mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen – wofür ihm offensichtlich die Argumente fehlen –, versucht er Witt-Stahl in Misskredit zu bringen, indem er Satzteile aus ihrem Aufsatz derart aus dem Zusammenhang reißt, dass sie ins Gegenteil dessen, was eigentlich damit ausgedrückt wurde, verkehrt werden können; so verfährt Bierl etwa mit der Aussage Witt-Stahls, PeTA habe den „KZ-Vergleich“ „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ – so, wie Bierl das Zitat einsetzt, suggeriert er damit eine apologetische Haltung Witt-Stahls gegenüber dem „KZ-Vergleich“ PeTAs. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Natürlich verteidigt Witt-Stahl PeTA hier nicht, sondern macht der Tierrechtsorganisation die kulturindustrielle Banalisierung der Shoa zum Vorwurf! Der Kontext, aus dem Bierl selektiv zitiert, lautet:

Die Fetischisierung des Holocaust und seine kulturindustrielle Ausschlachtung stellen wohl das hässlichste Phänomen dar, das die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne begleitet hat. PeTA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext und den Gedenkräumen entrissen, profaniert, schließlich als eye catcher nahtlos in die Produktpalette eingereiht und das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht: In den Städten waren überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen. Letztlich erwies sich der Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus: Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert PeTA geliefert. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation nicht nur lobende Worte für „KZ-Betreiber“ wie Burger King findet, sondern auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi - die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PeTA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt (S. 287).

In seinem offenen Brief tut Bierl so, als ob Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz gewissermaßen PeTA und Konsorten nicht etwa deshalb kritisiere, weil sie von der Falschheit des „KZ-Vergleichs“ überzeugt wäre, sondern eher, um eine Legitimation dafür zu haben, sich „linke Kritiker“ dieses Vergleichs „vorzunehmen“: „Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl […] zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt.“ – In Wirklichkeit widmen sich die ersten 14 Seiten ihres Aufsatzes hauptsächlich der ausführlichen Kritik des „KZ-Vergleichs“; die Kritik an denjenigen, die den Vergleich aus der Sicht Witt-Stahls aus einem falschem Bewusstsein heraus kritisieren, beläuft sich nur auf die Hälfte dieser Anzahl von Seiten. Von einer „Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs“ – so Bierl in seinem Brief – kann dabei nicht die Rede sein; und dass Witt-Stahl sich „linke Kritiker vornimmt“, kann man so auch nicht behaupten. So geht es zunächst um die Äußerungen einer Vorsitzenden eines Tierschutzvereins und um eine Kolumnistin der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ des Axel-Springer-Konzerns. Und die Zeitschrift „Bahamas“, für die Uli Krug schreibt, hat schon lange grundsätzlich mit der Linken gebrochen und positioniert sich inzwischen selbst rechtsoffen.

Was Bierl wohl in Wahrheit nicht passt, dürfte der Umstand sein, dass Witt-Stahl in ihrem Aufsatz nachweist, dass gewisse „antideutsche“ Autoren, die der Tierrechtsbewegung die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps vorwerfen, dieses selbst verwenden – in einem philosemitischen Duktus, welcher sich aber aus antisemitischen Ressentiments speist. Denn sie benutzen

nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Terrors für die Affirmation einer Ideologie grenzenloser Unterjochung und Ausbeutung der Tiere – sie reproduzieren alte Judäophobien, wie sie beispielsweise in Richard Wagners Schriften zu finden sind (S. 296).

Wohl um diese Hintergründe zu vertuschen und weil er genau weiß, dass er sich u.a. in Bezug auf die vehemente Kritikerin „antideutscher“ Ideologie Susann Witt-Stahl unlauteren Methoden bedient, die den Zweck verfolgen, politische Gegner mundtot zu machen, schiebt Bierl in seinem offenen Brief an uns nach erneut vorgenommener sinnentstellender Zitation Witt-Stahls schnell ein „Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese“ nach.
Vielmehr gehe es um etwas ganz anderes: Der Verleumder Bierl, der sich nun selbst als Opfer von „Angriffen“ auf seine Person stilisiert, schreibt:

Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.

Wer also die verleumderischen Methoden, die Peter Bierl, wie wir nun hoffentlich ausführlich genug gezeigt haben, nachweislich angewandt hat, klar benennt und die Rufmord-Kampagne, die er gegen Aktive der Tierbefreiungsbewegung betreibt, kritisiert, trägt – obwohl er sich in krassem Widerspruch mit den Ansichten Peter Singers sieht und selbst eine ausführliche Kritik an der Würdigung Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung geübt hat – also letztlich zur Wiedereinführung der Euthanasie in Deutschland bei, so Bierls Vorwurf. Mit solchen abenteuerlichen Gedankenkonstruktionen, in denen, nebenbei bemerkt, eine unüberhörbare Portion Selbstüberschätzung mitschwingt, diskreditiert Peter Bierl sich lediglich – aufs Neue – selbst.

Es bleibt abzuwarten, ob die Methoden, welche er in seinem Vortrag zur Kritik an der Anthroposophie am Mittwoch anwenden wird, mit jenen unlauteren vergleichbar sind, die er benutzt hat, um Personen aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und aus dem säkularen Spektrum zu diffamieren, oder ob sein Vortrag Substanz haben und Anlass für eine fruchtbringende Diskussion bieten wird.

Zu Peter Bierl

Am 2. November 2011 lädt der Tübinger Infoladen zu einem Vortrag mit Peter Bierl. Bierl ist Journalist und Autor des Buches Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, sein Vortrag wird eine Kritik an der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner zum Inhalt haben.
Wir halten eine Kritik an der modernen Esoterik im Allgemeinen sowie an ihren rassistischen Elementen im Speziellen für notwendig – doch was Peter Bierl betreibt, ist Verleumdung als Methode:

Seine Arbeitsweise kann als Musterbeispiel für unseriöse Argumentation und bewusste Verleumdung gelten; sie trägt einen Diskurs in die Linke, der ansonsten unter Verschwörungstheoretikern und in rechten Portalen wie Politically Incorrect vorherrscht.

So jedenfalls urteilte der Humanistische Pressedienst, nachdem Peter Bier in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen sowohl Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung als auch Colin Goldner und Susann Witt-Stahl, die beide in der Tierbefreiungsbewegung aktiv sind, diffamiert hatte, indem er sie mit antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung brachte.
In unserem Text Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung kritisierten wir die Vergabe des „Ethik-Preises“ der Stiftung an den australischen Moralphilosophen Peter Singer und gaben, was dessen Ethik betrifft, dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander Recht, der diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnete und urteilte: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“ Wir merkten aber an:

Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN)1 wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen).

In letztgenanntem Artikel wird die Methode, nach der Bierl vorgeht, einer genaueren Analyse unterzogen. In Bezug auf Colin Goldner und Susann Witt-Stahl heißt es:

Der Zusammenhang, in dem die Zitate standen, interessiert Bierl […] meist wenig. Der Tierrechtler Colin Goldner wird damit zitiert, dass „wer eine Aussage wie ‚Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren‘ kritisiere, […] eine ‚Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfs‘ [betreibe]“. Während Goldner hier relativierende Tendenzen unterstellt werden sollen, geht es in seinem Artikel jedoch um die Abgrenzung gegenüber der Person, die diesen relativierenden KZ-Vergleich gezogen hat. So heißt es an der betreffenden Stelle weiter: „Zur Unterfütterung der Abgrenzungserfordernis ist im Übrigen der wenig substantiierte Antisemitismusvorwurf auch gar nicht nötig“. „Wenig substantiiert“, weil er sich nicht nachweisen lässt, und „nicht nötig“, weil genug andere, substanziellere Gründe zur Abgrenzung vorhanden sind. Auf solch manipulistische Weise Zitatbestandteile zusammenzustellen (und Wesentliches wegzulassen) hat Bierl nötig. Denn gerade Goldner in die rechte Ecke zu stellen wäre sonst ein schwieriges Unterfangen. Erst vor wenigen Monaten versuchte u.a. die NPD eine Lesung von ihm zu sprengen und er ist mehrmals als Kritiker gegen die Versuche von Nazis aufgetreten, die Tierrechtsszene zu unterwandern.
Daher verlagert sich die Kritik bereits nach einem Satz auf Susann Witt-Stahl – ungeachtet dessen, dass sie mit der Preisverleihung oder der gbs überhaupt nichts zu tun hat. Doch ist sie zusammen mit Goldner Herausgeberin eines Sammelbandes. Diese gedanklichen Umwege sind scheinbar ausreichend, um hier Assoziationen herzustellen. Man liest deutlich heraus, dass der „Antideutsche“ Bierl offene Rechnungen mit der Antideutschen-Kritikerin Witt-Stahl hat. So wird jede Möglichkeit genutzt, Seitenhiebe zu verteilen, egal wie wenig es zum Thema passt.
Auch bei Witt-Stahl werden Zitate von ihrem Kontext isoliert und Aussagen ins Gegenteil verkehrt. Es wird suggeriert, sie habe den KZ-Vergleich durch die Tierschutzorganisation PETA (die in der Tierrechtsszene stark umstritten ist) gerechtfertigt, da PETA ihn „in ihrer Werbung ‚lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt‘ habe“. Tatsächlich lautet die ganze Stelle in Witt-Stahls Aufsatz: „Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation [PETA, Anm.] nicht nur lobende Worte für ‚KZ-Betreiber‘ wie
Burger King findet, sondern sich auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi – die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PETA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt.“ Im nächsten Satz spricht sie von „nicht unerheblich[en] [..] werbestrategische[n] Erwägungen“ der Organisation. Die Rede vom „effektiven Marketing“ ist also unübersehbar Kritik an PETA, keine Zustimmung wie Bierls verfälschender Zitatschnipsel andeuten soll.

Der von Bierl angegriffene Michael Schmidt-Salomon erwähnte in einer Stellungnahme, vor einigen Jahren habe das iranische Staatsfernsehen aufgrund seines jüdisch klingenden Namens und seiner Unterstützung der Bewegung der Ex-Muslime behauptet, er sei ein Agent des Mossad. Dieser Versuch des iranischen Regimes, ihn mundtot zu machen, sei schon reichlich absurd gewesen. Peter Bierls Anschuldigungen seien aber noch ein gutes Stück absurder. Dank Bierl sei er nun „ein antisemitischer jüdischer Mossad-Agent.“ – „Großartig!“, so Schmidt-Salomon weiter: „Wenn das die Art ist, wie in Deutschland Aufklärung betrieben wird, dann gute Nacht…“
Durch die Anwendung der aufgezeigten Methoden hat Peter Bierl sich selbst diskreditiert und ist für uns als Referent – auch wenn es in seinem Tübinger Vortrag um ein anderes Thema geht – nicht mehr ernst zu nehmen. Dass die Infoladen-Gruppe eine Person, die mit solch unredlichen Mitteln gegen vermeintliche „Gegner“ vorgeht, einlädt, können wir nicht nachvollziehen.

  1. Die TAN hat sich inzwischen umbenannt – vgl. unseren Bericht Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf.[zurück]

Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf

Die Tierrechts Aktion Nord (TAN) war eine der ältesten und wichtigsten Protagonistinnen der Tierbefreiungsbewegung in Deutschland. Die TAN gründete sich 1987, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen; seitdem war die Gruppe mit spektakulären Aktionen – wie der Besetzung der Rinderspaltanlage im Hamburger Schlachthof 1988 –, Go-ins, Jagdsabotagen und als Unterstützergruppe der Animal Liberation Front (ALF) aktiv gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren für u.a. die Lebensmittel-, Bekleidungs- und Kulturindustrie.
Seit Einsetzen des durch den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und die Gründung der Berliner Republik ausgelösten Degenerationsprozesses weiter Teile der deutschen Linken sah die TAN zudem die Notwendigkeit einer fundamentalen Ideologiekritik an deren kläglichen Restbeständen, vor allem an opportunistisch zu AntikommunistInnen gewendeten Ex-Linken, die sich zentralen Ideologemen des Neokonservatismus verschrieben haben.1 Die Theoriearmut der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung als Schwachstelle erkennend fokussierte TAN ihr Engagement auf die Erarbeitung von Grundlagen für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere auf Basis der Werke von Marx und Engels und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ein wichtiges Dokument dieser Entwicklung ist der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Sammelband Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere mit einem Vorwort von Moshe Zuckermann.
Dass sich im Nachvollzug dieser Theorien das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, zur inneren und äußeren Natur als ein arbeitsvermitteltes und in der warenproduzierenden Klassengesellschaft historisch zu erkennendes offenbart, lieferte den Grundstock dafür, gesellschaftliche Kämpfe um Mensch, Arbeit und Natur nicht länger als nur irgendwie und teilweise ineinander übergehende zu denken, sondern sie auf ihren gemeinsamen Nenner zu bringen und auch als entsprechend vermittelte zu benennen. Für die Gruppe liegt politisch und theoretisch genau darin die Chance, vom bloß subversiven Lebensentwurf zu einer praktischen Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge zu kommen und von einer „Szene“ zur politischen Bewegung zu werden.
Als Konsequenz aus ihren theoretischen Reflexionen der letzten Jahre hat die Gruppe nun beschlossen, eine Umbenennung, verbunden mit einer neuen politischen Agenda, vorzunehmen. Am 27. August lud die TAN zu einer Diskussionsveranstaltung nach Hamburg, um bekannt zu geben, dass es die Gruppe in ihrer bisherigen Form bald nicht mehr geben wird. Die Begründung lautete: „Als Konsequenz unserer Theoriearbeit, den politischen Erfahrungen mit der deutschen Tierrechtsbewegung, wie sie derzeit besteht, und den verheerenden Entwicklungen der gesellschaftlichen Verhältnisse werden wir unsere Politik verändern und uns auch umbenennen. Wir treten auch weiterhin für die Befreiung von Mensch und Tier ein. Unser Verständnis der Bedingungen des Streitens für dieses Ziel hat sich jedoch erweitert. Die Veränderung unserer Gruppe bedeutet daher auch einen Schritt heraus aus der heutigen Tierbefreiungsbewegung, den wir mit einer expliziten Kritik an ihr verbinden. Die neuen Wege, die wir gehen wollen, befinden sich jenseits einer ruinierten deutschen Linken, die nichts von Tierbefreiung wissen will, sowie den Antispe-Autonomen und anderen bürgerlichen TierrechtlerInnen, für die die Befreiung der Gesellschaft oftmals nur ein Lippenbekenntnis ist. Damit wird TAN nach knapp 25 Jahren nicht aufgelöst, sondern in neuer, angemessener Form fortgesetzt.“

Die Themenblöcke bei der Diskussionsveranstaltung, an der auch VertreterInnen der Antispeziesistischen Aktion Tübingen teilnahmen, lauteten:

1. Ideologiekritiker oder „autonome Antispes“? Fallstricke in der
 Theorie des vulgären Antispeziesismus

2. Die Tiere befreien – aber nicht vom Kapitalismus?

3. Revolutionäre Realpolitik – Verhältnis zur deutschen Linken und zu bürgerlichen Organisationen

4. Solidarität und Aufklärung statt Denunziantentum und Anti- Intellektualismus – Die politische Kultur der Tierbefreiungsbewegung

Zu 1.: „Autonomer Antispeziesismus“ wurde als idealistisch, antihistorisch, als individualistisch und konsumistisch und letztlich als Ideologie kritisiert. Die Hauptfokussierung auf Themen wie die vegane Lebensweise oder die Sprachdekonstruktion zeuge von einer Entpolitisierung der Szene.
In diesem Zusammenhang wurde auch herausgestellt, dass nach marxistischem Verständnis der Unterschied zwischen Mensch und Tier ein gradueller, historischer ist, der auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zurückzuführen ist und so weder schon immer existent war, noch überall gleich ist. Nicht dieser graduelle Unterschied zwischen Mensch und Tier bilde den Speziesismus, sondern dessen Verabsolutierung – d.h., dass nicht jede Unterscheidung zwischen Mensch und Tier speziesistisch ist, sondern die absolute Abgrenzung des Menschen vom Tier bezüglich fast aller Eigenschaften. Als historisch real gewordene, durch die gesellschaftliche Organisation der Arbeit gemachte Differenz sei der Unterschied zwischen Mensch und Tier auch nicht einfach in poststrukturalistischer Manier, etwa durch den Hinweis, man müsse dualistische Ideologien überwinden oder einen nicht-speziesistischen Sprachgebrauch erfinden, zu „dekonstruieren“. Der Mensch-Tier-Dualismus sei nicht die Grundlage der Ausbeutung – das wäre idealistisch gedacht –, sondern ein nachträgliches Konstrukt zur Legitimierung der Ausbeutung. Speziesismus bezeichne eine Ideologie, die eine bestimmte Phase der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet und sollte nicht auf frühere Zeiten zurückprojiziert werden. Speziesismus, wie wir ihn heute verstehen, sei erst mit der bürgerlichen Aufklärung entstanden und setze bestimmte mit ihr verbundene Ideen wie etwa die der Freiheit des Individuums voraus.
Beim Speziesismus handelt es sich um eine klassische Ideologie: Speziesimus ist notwendig falsches Bewusstsein, dessen Ursache in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen liegt und das den Blick auf die kapitalistische Gesellschaft verschleiert und verstellt.

Zu 2.: Wesentliche Grundlage der Tierausbeutung in der momentanen gesellschaftlichen Formation sei nicht der Speziesismus, sondern die kapitalistische Produktionsweise. Tiere sind im Kapitalismus Teil der Waren. Tiere werden wie der Rest der Natur als Produktionsmittel, als Arbeitsgegenstand oder als Arbeitsmittel, behandelt. Sie werden dem Produktionsprozess als Material einverleibt. Die Natur wird auf den Prozess der Akkumulation von Kapital zugerichtet. Dies spiegelt sich in den modernen Ideologien über Tiere wider: Die hypostasierte, verabsolutierte Differenz zum Tier ist die Legitimationsideologie der kapitalistischen Ausbeutung der Tiere. Will die Tierbefreiungsbewegung letztere beenden, muss sie, so die Gruppe, darauf hinwirken, dass die Produktionsverhältnisse geändert werden. Antispeziesismus auf der Höhe der Zeit müsse deshalb notwendig antikapitalistisch sein bzw. Teil des Klassenkampfs.
Es sei zudem notwendig, eine Verschiebung vom Fokus auf die Konsumierenden hin zu den Produzierenden vorzunehmen: Die Konsumierenden würden hinsichtlich der Frage, was in dieser Gesellschaft produziert wird, eine nachgeordnete Rolle spielen. Es sei die herrschende Klasse, die den Mord und die Ausbeutung tagtäglich organisiere, die Konsumierenden seien nur die EndabnehmerInnen der Produkte aus Ausbeutung und Mord. Dass die Nachfrage das Angebot bestimme, sei ein Mythos, einer der gravierendsten Irrtümer und perfidesten Strategien des Kapitalismus, „Freiheit“ vorzutäuschen. Adorno weise in seiner Kritik der Kulturindustrie bereits darauf hin, dass es gerade das Heimtückische sei, dass die Kulturindustrie ihre Produkte so vermarktet, dass die Konsumierenden tatsächlich das Gefühl haben, sie würden sich frei entscheiden. Das Kapital verwende massive Mittel darauf, die Verhältnisse, welche in der Produktion von Lebensmitteln herrschen, zu verschleiern. Schon allein deshalb könne von „Freiheit“ hier nicht die Rede sein.
Als positiv wurde in diesem Zusammenhang die Methode der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung herausgestellt, Produzenten direkt anzugreifen – etwa im Zuge der gezielten Kampagnen gegen pelzverkaufende Unternehmen in den letzten Jahren. So könnte die Tierbefreiungsbewegung, weil sie die materielle Basis direkt angeht, für so manche linke Bewegung doch auch inspirierend sein.

Zu 3.: Nachdem die TAN Kritik an ihrer eigenen Geschichte als Organisation, die zu lange ohne ein eigenes Profil zu entwickeln in der „autonomen Szene“ aufgegangen sei, geübt hatte, wurde die Perspektive aufgemacht, in Zukunft schlagkräftige Bündnisse zu bilden, die nicht in irgendeiner Weise lifestyle-orientiert sind, also sich nicht primär etwa am Mode- oder Musikgeschmackt der (pop-)linken Szene ausrichten, sondern nach dem politischen Gehalt von möglichen Bündnispartnern. Dies sollen objektiv und in erster Linie Organisationen aus der antikapitalistischen Linken sein, Zweckbündnisse mit bürgerlichen Organisationen aber sind keineswegs von vornherein ausgeschlossen.
In ihrem Positionspapier betont die Gruppe: Ein-Punkt-Politik („single issue“), wie sie viele klassische autonome und andere außerparlamentarische Gruppen betrieben haben und immer noch betreiben, habe sich trotz einiger beachtlicher Resultate von sozialen Kämpfen sowohl theoretisch als auch praktisch als unzureichend herausgestellt. Theoretisch, weil ein gesellschaftliches Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis wie das zwischen Menschen und Tieren nicht aus sich heraus, sondern nur im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft zu analysieren und zu erklären sei. Praktisch, weil die unterschiedlichen Standpunkte, wie sie in der Gesellschaft existieren, in nahezu allen politischen Bewegungen wieder auftauchen und zu denselben Fraktionierungen führen würden. Die Grenzen verlaufen für die Gruppe zwischen den Klassen sowie den Marginalisierten und ihren UnterdrückerInnen in der kapitalistischen Gesellschaft und nicht zwischen den individuellen Arbeitsschwerpunkten oder Vorlieben einzelner Akteure in der Politik. Entscheidend sei nicht, an welcher Stelle, sondern dass man hier und heute Widerstand gegen die Herrschaft des Kapitals aufbaue und leiste. Potentielle Bündnispartner werden in emanzipatorischen Bürgerinitiativen, marxistischen Organisationen, Stadtteilgruppen, der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, in Gewerkschaften, der Anti-AKW-Bewegung, antiimperialistischen Organisationen, linken Parteien oder der Friedensbewegung gesehen – solange dort die Spannung zwischen dem Ziel einer Transformation der Gesellschaft und konkreter Politik aufrechterhalten werde.

Zu 4.: Die Tierbefreiungsbewegung sei zu einem großen Teil im autonomen Dschungel auf-/untergegegangen und habe es nicht geschafft, ein eigenes Profil zu entwickeln. Es herrsche in ihr ein eklatantes Bildungsdefizit, bürgerliche Ideologie und damit einhergehend mangelnde Solidarität etwa bei Diffamierungskampagnen gegen die TAN von „antideutscher“ Seite.
Im Positionspapier heißt es, die vorgeblich „linke Szene“, Tierbefreiungs-, Antifa- und Antira- oder Antisexismus-Gruppen stünden nicht automatisch für den Kampf um die Einrichtung einer befreiten Gesellschaft – teilweise im Gegenteil. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung verorte sich seit ihrem Bestehen in der undogmatischen Linken. In den seltenen Fällen, in denen sie sich überhaupt einmal politisch über das Mensch-Tier-Verhältnis hinaus positioniert habe, sei dies in Form einer Abgrenzung von der Traditionslinken geschehen2 – als gäbe es kein wesentlich gravierenderes, als gäbe es nicht das zentrale Problem: Kapitalismus. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung dürfe dieses fundamentale Problem nicht länger bagatellisieren. Sollte sie weiterhin nicht aus dem Bann bürgerlicher Ethik und nicht weniger bürgerlicher idealistisch-poplinker Diskurse heraustreten, so stelle dieses ein historisches Versagen dar, für das die Gruppe nicht (mehr) mitverantwortlich zeichnen will. Es reiche nicht, den Speziesismus (moralisch) als das falsche Denken zu verurteilen. Die Ursachen dieser mörderischen Ideologie müssten bekämpft – ihr müsse die ökonomische Basis entzogen werden.

Die bisherige TAN nennt sich ab sofort Assoziation Dämmerung.
Der Name bezieht sich auf einen Aphorismus von Max Horkheimer aus dem Jahr 1934. Dieser lautet:

DÄMMERUNG. — Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist, mit desto grausameren Mitteln muß man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist. Der Verstand der Massen hat in Europa mit der großen Industrie so zugenommen, daß die heiligsten Güter vor ihm behütet werden müssen. Wer sie gut verteidigt, hat seine Karriere schon gemacht; wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt: neben der allgemeinen, systematisch betriebenen Verdummung verhindert die Drohung mit wirtschaftlichem Ruin, gesellschaftlicher Ächtung, Zuchthaus und Tod, daß der Verstand sich an den höchsten begrifflichen Herrschaftsmitteln vergreife. Der Imperialismus der großen europäischen Staaten hat das Mittelalter nicht um seine Holzstöße zu beneiden; seine Symbole sind durch feinere Apparate und furchtbarer gerüstete Garden beschützt als die Heiligen der mittelalterlichen Kirche. Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.

Es handelt sich um den ersten Aphorismus in dem unter dem Pseudonym Heinrich Regius herausgegebenen Werk Dämmerung. Notizen in Deutschland (Zürich 1934). Hierin findet sich auch der Aphorismus „Der Wolkenkratzer“, in dem Horkheimer für die kapitalistische Gesellschaft die Metapher eines Hauses gebraucht, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei.3 Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen.

In ihrem Positionspapier mit dem Titel Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf stellt die Gruppe ihre neue politische Agenda öffentlich vor.

Zum Manifest der Assoziation Dämmerung.

Zur Website der Assoziation Dämmerung.

  1. Mehr zu diesem Phänomen: Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis. [zurück]
  2. Dabei gibt es in dieser zahlreiche Anknüpfungspunkte für die antikapitalistische Tierbefreiungsbewegung – vgl. beispielsweise unseren Text Die Tiere Rosa Luxemburgs. [zurück]
  3. In unserem Selbstverständnis findet sich eine ausführlichere Schilderung dieser „Wolkenkratzer“-Metapher. [zurück]

Kampagne gegen Exotenhandel in Tübingen mit Online-Petition

Bild: Infostand am 6. August vor dem Exotenladen; www.tuebingen-fuer-tiere.de.

Der Verein „Tübingen für Tiere“ fordert den sofortigen Verkaufsstopp sowie ein allgemeines Handelsverbot für exotische Tiere in Tübingen.
Im Mai 2011 eröffnete ein Geschäft namens „Reptilien-Paradies“ am Tübinger Haagtorplatz (Haaggasse 40, 72070 Tübingen), welches exotische Tiere außerhalb ihrer einzig artgerechten Umgebung, nämlich ihrer Heimat in Mittelamerika, sowie Futtertiere zum Verkauf anbietet. Mit der Kampagne will der Verein die Tübinger Bürgerinnen und Bürger auf die schweren Folgen dieses Handels für die gefangenen Tiere hinweisen und ein allgemeines Verkaufsverbot für exotische Tiere in Tübingen erreichen. Zu diesem Zweck führt er eine Unterschriftenaktion sowohl in schriftlicher als auch in elektronischer Form im Rahmen einer Online-Petition durch.

Zur Online-Petition

Grußbotschaft an den Tierrechtsgefangenen Mel Broughton

Im Rahmen der total liberation-Aktionswoche wird im Moment – und noch bis Mitte Mai – in zahlreichen deutschen Städten das Thema Repression in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und praktische Solidarität geübt, indem Veranstaltungen durchgeführt werden, deren Erlös an von staatlicher Repression betroffene AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung geht.
Auch in Tübingen finden heute und am Donnerstag Ausstellungen, sowie am Mittwoch ein Abend mit Vortrag, einer Filmvorführung und anschließender Cocktailbar statt. Alle Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche lassen sich hier einsehen.
Susann Witt-Stahl von der Tierrechts Aktion Nord (TAN) ist im Moment auf dem Weg nach Großbritannien. In Oxford wird sie die Möglichkeit haben, Mel Broughton im Gefängnis zu besuchen. Wir nutzen die Gelegenheit, ihr eine Grußbotschaft an Mel mitzugeben, in der wir unsere Solidarität ihm gegenüber zum Ausdruck bringen.
Mel Broughton wurde Tierrechtsaktivist, nachdem er 1980 in seiner Heimatstadt ein Flugblatt über Vivisektion erhalten hatte. Er muss derzeit eine 10-jährige Haftstrafe verbüßen. Ihm wird Verschwörung und die Beteiligung an einem Brandanschlag im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten gegen das vor kurzem gebaute Tierlabor der Universität Oxford vorgeworfen. Sein derzeitiger Gesundheitszustand ist kritisch. Obwohl er für mehrere Wochen schwer krank war und in nur kurzer Zeit massiv an Gewicht verloren hat, ignorierte das Gefängnispersonal seine Bitte um medzinische Versorgung. Er musste daher eine eigene Diagnose auf Grundlage von Büchern stellen, die er aus der Bibliothek ausleihen konnte, und er hat das Gefängnispersonal mehrmals darauf hingewiesen, dass er mit aller Wahrscheinlichkeit Diabetis habe. Letzten Endes erhielt er Besuch von einem Arzt, der ihn schockiert in den Krankenflügel überwies. Es wurde tatsächlich Diabetis diagnostiziert, und er erhält nun veganes Insulin. Obwohl sein allgemeiner Zustand immer noch schlecht ist, kann er zumindest wieder an Gewicht zulegen.


Foto: flickr.com – © All Rights Reserved Michael Kennally

Dear Mel,

we are a small self-organized group engaging in the struggle for animal rights and animal liberation. In our region in Germany there are several groups like us, trying to link the human and the animal case. Here, there are heavy conflicts within the animal rights movement: you might know that even fascists here try to use the animal rights cause for their goals and they count on the fact that Hitler was the first to introduce an animal protection act in Germany. That is one reason why many animal rights groups say that it is important to consider human liberation as well, when talking about animal liberation. This implies, for example, that we should fight groups which try to use the animal protection cause to spread hate against Jews and Muslims stressing that their ritual of slaughter is worse that the christian one. In any case, we are against slaughter, no matter if it’s in a Christian, Jewish or Muslim one. One approach to arrive at a consensus considering this was the Animal Liberation Hallmarks by a Swiss initiative.

With this letter we want to tell you that we think of you and support you. Being aware of the fact, that what happened to you could happen to anybody, we unite in mind. Thinking of the prisoners also means thinking of every one of our friends, comrades or even us.
What you achieved for our movement and for those who can‘t defend themselves, is one of those things which keeps us moving.
You may have heard of the thirteen Austrian animal rights activists, whose campaign against fur became so dangerous to the industries profits that the government tried to imprison them as terrorists. At the end of the trial they all had to be found not guilty, but still the prosecution wants to file an objection. Even when the animal rights scene had a lot of work about the trial, we became more and more committed to our goals. The fact that the government uses such force to continue the killing opens the eyes of more and more people to realize that this system is a fraud. Every single case of repression will on the one hand harm our fight but at the same time strengthen it.

We thought to also include a quote of Rosa Luxemburg, the German Marxist theorist, philosopher, socialist politician and revolutionary, who had been imprisoned for three years and four months. „Like a beast in a cage“ – that’s the description of the feeling she had in imprisonment she gave to her friend Sophie Liebknecht in a letter that she wrote in January 1917.
Being aware of „this huge madhouse in which we live“, she never gave up resistance and kept her will unweakened. On May 12, 1918, she wrote to her friend:

„Thus passing out of my cell in all directions are fine threads connecting me with thousands of creatures great and small, whose doings react upon me to arouse disquiet, pain, and self-reproach. You yourself, too, belong to this company of birds and beasts to which my nature throbs responsive. I feel how you are suffering because the years are passing beyond recall without your being able really to ‚live‘! Have patience, and take courage! We shall live none the less, shall live through great experiences. What we are now witnessing is the submergence of the old world, day by day another fragment sinks beneath the waters, day by day there is some fresh catastrophe. The strangest thing is that most people see nothing of it, but continue to imagine that the ground is firm beneath their feet.“

Maybe you like her statement – independent of political views – and we hope you can stay positive and that the day of freedom for all human and non-human animals will come as soon as possible!

Antispeciesist Action Tübingen, May 10, 2011.

Einige Anmerkungen zu den Freisprüchen im österreichischen § 278a-Verfahren

Nach 95 Verhandlungstagen und der Vernehmung von 126 Zeugen wurden vor dem Landgericht Wiener Neustadt am 2. Mai die Urteile im von den österreichischen Medien als „Tierschutzprozess“ bezeichneten Verfahren verkündet: Freispruch aller 13 Angeklagten in allen Punkten (Presseartikel: ND, jw).
Am 21. Mai 2008 hatte die österreichische Polizei erstmals einen Rundumschlag gegen eine soziale Bewegung durchgeführt: Bewaffnete Spezialeinheiten stürmten 23 Wohnungen, Häuser und Büros, die mit Tierrechtsaktivitäten in Verbindung gebracht werden. Die betroffenen Personen waren in unterschiedlichen Zusammenhängen und Organisationen aktiv – Begründung für die Durchsuchungen aber war der Vorwurf der gemeinsamen Bildung einer kriminellen Organisation „namens Animal Liberation Front (ALF)“. Rechtliche Grundlage für ein solches Vorgehen bildet der §278 des österreichischen Strafgesetzbuchs – das Pendant des bundesrepublikanischen §129 StGB. Die von der Justiz vorgebrachten Vorwürfe gegen die Beschuldigten waren lediglich „Aktivitäten zur Förderung der Ziele“ der konstruierten kriminellen Vereinigung, etwa die Anmeldung von Demonstrationen, das Verfassen von Artikeln, Aktionen zivilen Ungehorsams. Konkrete Straftaten sollten von „unbekannten Mittätern“ begangen worden sein. – Eine ausführliche Chronologie der Ereignisse um den „Tierschutzsprozess“ findet sich hier.
Wovor bereits seit langem gewarnt wird, dass die Anwendung des Paragraphen, welcher die „Bildung einer kriminellen Organisation“ zum Straftatbestand macht, der Kriminalisierung und Überwachung von sozialen und politischen Bewegungen Tür und Tor öffnet, hat sich bestätigt. Zudem zeigt sich an dem Geschehen in Österreich die Verflechtung von staatlichen und wirtschaftlichen Interessen: Die polizeiliche Sonderkommission „Bekleidung/Pelztier“ wurde im April 2007 erst auf Betreiben der österreichischen Bekleidungsindustrie, die sich durch die Aktivitäten der Tierrechtsaktivisten zunehmend gestört fühlte, eingerichtet. Seit März 2010 war der Prozess im Gange. Nun stellte Richterin Sonja Arleth fest: Züge einer kriminellen Vereinigung seien nicht festzustellen, bei den Tätigkeiten der Beschuldigten handle es sich lediglich „um eine Protestkultur, die im Gegensatz zu den Interessen der Polizei steht“.
Die Animal Liberation Front ist eine nicht organisierte Bewegung, es gibt keine Mitgliedschaft im herkömmlichen Sinn. Jede Gruppe oder auch Einzelperson, die sich mit ihren Zielen identifiziert, kann sich als Teil der ALF bezeichnen und in ihrem Namen Aktionen durchführen. Richterin Arleth stellte fest: „Jeder kann für sich selbst entscheiden. Die Ideologie ist das, was zusammenhält“.
Weltweit hat die Tierbefreiungsbewegung den Prozess verfolgt und am 2. Mai gespannt die Urteilsverkündung erwartet. Nach den Freisprüchen kam es zu spontanen Aktionen; auf dem Stuttgarter Schlossplatz etwa wurde der Ausgang des Prozesses bekannt gemacht, die Tierrechtsinitiative Region Stuttgart konnte vermelden: „Heute wurde gefeiert, was heute gefeiert werden durfte: ein Sieg gegen den Versuch der Lobbies der Tierausbeutungsindustrie, welche die staatliche Organe der Polizei und der Justiz ausnutzen, um die Tierrechtsbewegung zu kriminalisieren und zu zerschlagen.“
Die Freisprüche aber ändern nichts daran, dass es nie zur Anklage hätte kommen dürfen. In einer Stellungnahme der Solidaritätsgruppe antirep 2008 heißt es: „Das Urteil kann nicht als Beleg für einen ‚funktionierenden Rechtsstaat‘ aufgefasst werden, ist es doch vielmehr ein Beispiel dafür wie leicht es für die Behörden ist, trotz nicht vorhandener Beweislage den Repressionsapparat hochzufahren wenn der politische Wille zur Kriminalisierung vorhanden ist. Das Urteil ändert auch nichts am System einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Tiere alltäglich und gesetzlich gedeckt ist. Einem System, in dem Polizei und Justiz zunehmend repressiver gegen all jene vorgehen, die sich der herrschenden Ordnung nicht widerspruchslos anpassen und in dem Gerichte vielmehr der Machtdemonstration als der neutralen ‚Wahrheitsfindung‘ dienen.“
Bereits am 3. Mai hat die Staatsanwaltschaft außerdem bekannt gegeben, dass sie Berufung „wegen Schuld und Nichtigkeit“ beantragen will. Obwohl intensive Überwachungsmaßnahmen über Jahre hinweg – Observationen, Telefonüberwachungen, Kameras vor Hauseingängen, Mikrofone in Wohnungen, Peilsender an Autos, eine eingeschleuste verdeckte Ermittlerin sowie gekaufte Informanten – zu dem Ergebnis geführt haben, dass es keinen einzigen Beweis gegen einzelne Personen für begangene Straftaten gibt, behauptet die Staatsanwaltschaft nach wie vor, die Angeklagten seien Mitglieder einer „kriminellen Organisation“.
Die Kriminalisierung der Bewegung hat Ausmaße angenommen, die jeglichen Protest gegen die wirtschaftliche Vernutzung von Tieren mehr und mehr als terroristischen Akt bestimmt. Was in den 1920er Jahren als „Red Scare“ gegen Kommunisten begann, scheint mit „Green Scare“ Kontinuität zu erfahren. Die Repression richtet sich „gegen alle, die sich der Plünderung der Natur und lückenloser Verwertung der zur Ware erniedrigten Tiere in den Weg stellen“, wie es in Susann Witt-Stahls Kommentar Ausnahmezustand in der morgigen Ausgabe des ND heißt.
Wird jede Bewegung kontrolliert, bleibt nur noch die Unfreiheit. Jene aber ist, was die Menschen in der warenförmigen Gesellschaft mit den Tieren verbindet; beide leiden unter derselben Verwertungslogik. Hier findet sich die Schnittstelle der Befreiung von Mensch und Tier. Ziel jeder emanzipatorischen Bewegung sollte sein, für die Befreiung beider zu kämpfen. Angesichts der historischen Situation, welche sich durch den Niedergang der Linken bei gleichzeitiger Intensivierung der destruktiven Potentiale des Kapitals auszeichnet, ist dabei eine breit angelegte Solidarität notwendig. Auch wenn nicht alle Teile der Linken dazu bereit sein werden, Tiere zu den zu berücksichtigenden Gruppen zu zählen – zumindest ein Blick auf die politische Entwicklung in anderen Ländern lohnt sich, um zu sehen, was demnächst auch auf andere linke Strukturen zukommen kann.

Mit der total liberation-Aktionswoche, die morgen beginnt, wird bis Mitte Mai in zahlreichen deutschen Städten das Thema Repression in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt; mit Informationsveranstaltungen, Soliküchen, Partys, Filmvorführungen und vielen weiteren Veranstaltungen wird über die Tierbefreiungsbewegung und staatliche Repression informiert. Der Erlös der Veranstaltungen fließt komplett in Antirepressionsarbeit und soll möglichst viele AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung unterstützen. Auch in Tübingen werden Ausstellungen sowie ein Abend mit Vortrag, einer Filmvorführung und anschließender Cocktailbar stattfinden. Alle Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche lassen sich hier einsehen.

Solidaritätskampagne für die Beschuldigten des Mastanlagenbrands in Sprötze

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Bei einem Brandanschlag in Sprötze (südl. von Hamburg) wurde am 30. Juli 2010 eine kurz vor der Fertigstellung stehende Hühnermastanlage komplett zerstört. Dabei entstand laut Betreibern ein Schaden in Höhe von 500.000 Euro. Obwohl weder Menschen noch Hühner verletzt werden, bezeichnet die lokale Presse die Brandstifter teils gar als „Terroristen“. Die Anlage in Sprötze war als der erste von rund 420 Zulieferbetrieben für den in Wietze bei Celle entstehenden größten Hühnerschlachthof Europas der Firma Rothkötter geplant. Alle 33 Tage müssten in jeder Anlage knapp 40.000 Vögel mit einem Platz von weniger als einer DIN-A4 Seite pro Tier eingesperrt und bis zur Unbeweglichkeit gemästet werden, um danach als „Emsland Frischgefügel“ oder „Celler Land Frischgeflügel“ auf dem Markt zu landen, der längst übersättigt ist; ein Großteil soll darum ins Ausland exportiert werden, wo billiges Fleisch aus Europa lokale Märkte überschwemmt. Das Futter, hauptsächlich (Gen-)Sojaschrot, stammt nicht selten aus z.B. südamerikanischen Monokulturen, für die wiederum die örtliche Landbevölkerung vertrieben oder in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse gezwungen sowie weiterer tropischer Regenwald vernichtet wird.
Neben diesen und anderen Fakten nennt ein am 8. August 2010 veröffentlichtes BekennerInnenschreiben eine grundsätzliche Herrschaftskritik, die auch die Herrschaft der Menschen über Tiere mit einschließt, als Grund für den Anschlag. Dieser wird als eine politische Aktion erklärt, die durchgeführt worden sei, „da alle vorher argumentativ geführten Auseinandersetzungen gescheitert sind“.
Mittlerweile ist bekannt, dass gegen mindestens fünf Personen, die im letzten Sommer im Widerstand gegen Mastanlagen und Schlachthöfe bei öffentlichen Aktionen aufgefallen sind, ein Ermittlungsverfahren wegen Brandstiftung eröffnet wurde. In einem Fall (Karl-P.) kam es bereits zur Hausdurchsuchung, bei welcher u.a. Ausweisdokumente (Führerschein) sowie Tagebücher entwendet und bis heute nicht wieder ausgehändigt wurden. Wenige Wochen später wurde die selbe Person an einer Autobahnraststätte unter Zwang von der Polizei zur erkennungsdienstlichen (ED) Behandlung mitgenommen. Auch ein anderer Beschuldigter, Karl-Caspar, erhielt bereits eine Vorladung zur ED. In einem Schreiben der Staatsanwaltschaft wird außerdem Karl-Hugo als Beschuldigter erwähnt, der selbst jedoch bislang noch keinen Bescheid diesbezüglich erhalten hat. Beantragte Akteneinsichten werden allen Betroffenen bislang verwehrt, Briefe, auch von AnwältInnen, immer wieder ignoriert. Nachdem der Anwalt einer weiteren ehemals Beschuldigten mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde drohte, stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen diese Person ein. Das willkürliche Vorgehen und die Intention der Staatsanwaltschaft, in jedem Fall Schuldige zu präsentieren, sind mehr als offensichtlich. Über Einschüchterung wird versucht, Einblicke in eine Bewegung zu bekommen, die dem wirtschaftlichen Interesse der maximalen Ausbeutung der Tiere entgegenwirkt und zum Teil auch direkt dagegen vorgeht. Dabei könnte mit diesem Fall die Repression nun auch gegen die deutsche Tierbefreiungsbewegung Ausmaße annehmen, wie sie in anderen Ländern mit mehrjährigen Haftstrafen und totaler Überwachung der AktivistInnen längst Gang und Gäbe sind. Ein Präzedenzfall würde die Strukturen emanzipatorischer Bewegungen insgesamt gefährden.
Die derzeit von der Repression Betroffenen stehen dabei nur zufällig im Fokus der Ermittlungen und sind theoretisch austauschbar mit allen, die sich mit Tieren solidarisieren. Um dies zu verdeutlichen, wurde nun die Soli-Kampagane Kakaka.Du ins Leben gerufen, die mit Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit versucht, die rechtlichen Folgen des Brandanschlags für alle transparent zu gestalten und im Zusammenhang mit staatlicher Repression anderswo zu betrachten. Einem möglicherweise bevorstehenden Prozess soll dabei nicht einfach tatenlos entgegen gesehen werden. Vielmehr braucht es schon jetzt möglichst viele, die die Kampagne mit eigenen Aktionen und anderen Zeichen der Solidarität mitgestalten, die dem Staat, den Eickhoffs und den Rothkötters dieser Welt die Grenzen aufzeigen.

kakakadu.blogsport.de

Redebeitrag zum Frauenkampftag 2011

Der Redebeitrag, den die Antispeziesistische Aktion Tübingen bei der heutigen Demonstration Frauen, zurück auf die Barrikaden! halten wird:

Manche werden sich vielleicht fragen, warum die Antispe Tübingen hier einen Redebeitrag hält und einen einen Infostand veranstaltet. Schließlich sind Antispe-Gruppen als Tierrechts-/Tierbefreiungsgruppen bekannt. Mit diesem Beitrag wird jedoch deutlich werden, dass der Kampf für die Befreiung der Tiere nicht nur viel mit anderen Befreiungskämpfen gemeinsam hat, sondern dass diese Kämpfe zusammengedacht werden müssen. Wir zeigen auf, wie sexistische Ideologien mit speziesistischen Ideologien, also jenen Argumentationsmustern, mit denen die Ausbeutung der Tiere in unserer Gesellschaft gerechtfertigt wird, zusammenhängen und wie diese beiden Herrschaftsformen miteinander verflochten sind.
Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse werden von Menschen verinnerlicht als Ideologien, die sich oft tief ins gesellschaftliche Denken einprägen. Zur Rechtfertigung der Herrschaft der Männer über die Frauen wurden im Laufe der Geschichte eine Vielzahl von „Fakten“ erfunden. So wurden Frauen mit geistiger wie physischer Schwäche, Passivität, Hilflosigkeit, Weichheit, Oberflächlichkeit und Naturnähe in Verbindung gebracht. Das Konstrukt „Mann“ hingegen wurde mit geistiger und physischer Stärke, Aktivität, Selbständigkeit, Härte, Tiefe und Nähe zur Kultur anstatt zur Natur verbunden.
Dieses patriarchale Denken durchzieht die Geschichte der westlichen Zivilisation. Aristoteles steckte noch ganz offen die Frau zusammen mit den „Barbaren“, den Sklaven und den Tieren in eine Kategorie. Dieser setzt er den griechischen Bürger entgegen, der geistig dazu fähig und damit verpflichtet ist, über erstere zu herrschen. Dieser Gedanke wird später meist subtiler ausgedrückt, bildet aber eine Konstante europäischen Denkens. Die Reduktion auf Naturhaftigkeit, Körper und Instinkt sowie die Unterstellung eines Mangels an Vernunft und Individualität, die im Falle der Tiere deren Versachlichung ermöglicht und die totale Herrschaft über ihre Körper sichert, gehört seit über zweitausend Jahren auch zum Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmuster gegenüber Frauen.
Die Teilung der Ideenwelt in zwei gegensätzliche Extrempole entwickelte sich von der Antike über das Mittelalter bis heute zur Basis westlichen Denkens und westlicher Wissenschaft. Die abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam –, die sich auf einen männlich-väterlichen, menschenähnlichen Gott berufen, bildeten dualistische Gegensatzpaare wie Gut/Böse, Gott/Satan usw., wobei das Widergöttliche stets mit tierlichen und weiblichen Attributen belegt wurde. So wird im Christentum der Teufel mit Hörnern und Pferdefuß dargestellt und im Neuen Testament auch schlicht als „das Tier“ bezeichnet; bereits in der Genesis ist es die Frau, die sich vom Teufel verführen lässt, und seit der europäischen Neuzeit führt die Wahnvorstellung, dass vornehmlich Frauen – oft auch sexuell – einen Bund mit dem Teufel eingehen, zu zehntausenden Hinrichtungen. Im berühmten „Hexenhammer“, ein Werk eines Dominikaners zur Legitimation der Hexenverfolgung, werden Frauen u.a. als eine „häusliche Gefahr“ und „ein Übel der Natur“ bezeichnet.
Im vom religiösen Denken geprägten und von Männern betriebenen wissenschaftlichen Diskurs der Moderne kamen Gegensatzpaare dazu wie Geist/Körper, Kultur/Natur, Vernunft/Trieb, Rational/Emotional und eben Mann/Frau, Mensch/Tier. Dabei machte sich der Mann immer zum Standard, zur Norm. Frauen wurden zum defizitären (also benachteiligten) und naturnahen Wesen erklärt. So schrieb beispielsweise der Psychiater Paul Julius Möbius 1907: „Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich (…). Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenschaften zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils (…). Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustand geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus (…). Wäre das Weib nicht körperlich und geistig schwach, wäre es nicht in der Regel durch die Umstände unschädlich gemacht, so wäre es höchst gefährlich.“
Die aktuelle Situation von Frauen erklärt sich aus dieser Geschichte. Die Rolle der Frau als Hausfrau etwa wurde lange Zeit als naturgegeben dargestellt. Noch der 1947 verstorbene Physiker Max Planck sah keinen Zweifel daran, „dass die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und Hausfrau vorgeschrieben hat, und dass Naturgesetze unter keinen Umständen ohne schwere Schädigungen (…) ignoriert werden können.“
Auch heute sind Alltagswissen und Wissenschaft noch stark patriarchal geprägt. Ansätze, die unter solchen Bedingungen entstanden sind, müssen hinterfragt werden. Die feministische Sozialistin Donna Haraway etwa kritisiert Theorieansätze, die als abgeschlossen gesehen werden und einen totalen Erklärungsanspruch haben, als „männlichen Allmachtsanspruch“.
Donna Haraway ist übrigens keine Antispeziesistin oder Tierrechtlerin, räumt aber ein, dass die Tierrechtsbewegung nicht auf der irrationalen Verleugnung der Einzigartigkeit des Menschen beruht, sondern, wie sie einmal schreibt, „auf der klarsichtigen Erkenntnis einer sehr realen Verbundenheit, die quer zu dem diskreditierten Bruch zwischen Natur und Kultur verläuft.“
Feministisch inspirierte Wissenschaft hat herausgearbeitet, dass die Mechanismen der „Konstruktion des Anderen“, also die Vorgehensweisen, wie Gruppen als „Andere“ konstruiert, vom „Eigenen“ abgespalten, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und so ihre Ausbeutung oder soziale Unterdrückung ideologisch legitimiert wird, sich von ihrer Struktur her gleichen. Donna Haraway schreibt hierzu: „Bestimmte Dualismen haben sich in der westlichen Tradition hartnäckig durchgehalten, sie waren systematischer Bestandteil der Logiken und Praktiken der Herrschaft über Frauen, farbige Menschen, Natur, ArbeiterInnen, Tiere – kurz, der Herrschaft über all jene, die als Andere konstituiert werden“.
Als naturnah oder tierähnlich stigmatisierte Menschen, wie bis ins 20. Jahrhundert hinein Schwarze, und Indigene heute noch, werden zu geborenen Sklaven gemacht oder gelten als rückständig. Letztlich folgte auch die Entmenschlichung der Bewohner jener Gebiete, die man(n) sich erschließen wollte, sei es als Kolonien oder als „Lebensraum im Osten“, dem Muster, „die Bewohner des annektierten Territoriums auf die Stufe eines höheren Affen hinabzudrücken, um dem Kolonialherrn die Rechtfertigung dafür zu geben, daß er sie wie Arbeitstiere behandelt“, wie Jean-Paul Sartre einmal schrieb. Der sog. „jüdisch-bolschewistische Untermensch“ war für Heinrich Himmler „nur ein Wurf zum Menschen hin, mit menschenähnlichen Gesichtszügen – geistig und seelisch jedoch tiefer stehend als jedes Tier.“ Auch der Vorwurf der Fortschrittsfeindlichkeit und Geschichtslosigkeit wurde im 19. und im 20. Jahrhundert auf das Judentum angewendet, welches ja seit tausenden Jahren scheinbar unverändert geblieben sei.
Heute drücken sich solche Ideologien zwar meist subtiler aus, sie sind aber nach wie vor wirkmächtig. So werden beispielsweise männlichen Menschen noch immer andere Werte vermittelt als weiblichen. Meistens werden diese dann als „sachlich“ bezeichnet, während die Einstellungen, die vermehrt Mädchen und Frauen vermittelt werden, als „emotional“ diskreditiert werden. Dazu gehört „Empathie“, Einfühlungsvermögen, welches Jungs und Männern eher aberzogen wird. So wird empathische Parteinahme für die Tiere häufig als „emotional“ verschrien. Dass ein solches Urteil zutiefst patriarchal geprägt ist, fällt dabei selten auf. Ähnliche Muster führen auch dazu, dass unsere Polit-Gruppen hauptsächlich aus Männern bestehen. Es muss nicht nur der Umgang innerhalb der Gruppe sein, es könnte auch an der theoretischen Ausrichtung der Gruppe liegen, wenn diese als männlich definierte Einstellungen vertritt. – Für Donna Haraway ist übrigens Empathie ein wichtiges Mittel, das Eingang auch in die Wissenschaft finden muss. Für uns ist jedenfalls klar, dass die feministische Theorie und die Erkenntnisse aus dem Kampf der Frauen uns wichtiges Handwerkszeug für den Kampf für eine befreite Gesellschaft in die Hand geben. Mehr noch: Feministische Forschung zeigt: Herrschaft in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen verwendet ähnliche Rechtfertigungsmuster, sie legitimierende Ideologien sind vielfach miteinander verflochten. Wenn wir für eine freiere und solidarischere Gesellschaft kämpfen wollen, müssen wir das berücksichtigen und unsere Kämpfe zusammendenken.
Die Demonstration am heutigen Tag ist einer von vielen möglichen Schritten dazu!

Hier gibt es den Redebeitrag als PDF.

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Das themenspezifische Info-Material über das Verbindende von Feminismus und Tierbefreiung, das auf dem Infostand des „Bündnis 8. März“ heute ab 15 Uhr auf dem Holzmarkt ausliegen wird, gibt es hier auch online.

Zu Donna Haraway gibt es einen Text der Tierrechts Aktion Nord: Wer spricht für den Jaguar? Donna Haraways antispeziesistischer Ausflug nach Anderswo.

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