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Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Interview: Isolationshaft in der Türkei

In Folge unserer Veranstaltung am 1. Juli, in deren Rahmen Ulaş Göçmen einem interessierten Publikum seine Erfahrungen in Isolationshaft schilderte, führten wir noch ein ausführlicheres Gespräch mit ihm – folgendes Interview ist das Ergebnis:

Am 19. Dezember 2000 wurde in 20 Gefängnissen der Türkei eine ironischerweise mit „Rückkehr zum Leben“ bezeichnete Operation durchgeführt, bei der 28 Gefangene und zwei Soldaten ihr Leben verloren und hunderte Gefangene verletzt wurden. Das Ergebnis der Operation war die Verlegung der politischen Gefangenen in sogenannte F-Typ-Gefängnisse, Isolationszellen, die unter massiver Kritik stehen. Amnesty International sah die Gefahr „grausamer und erniedrigender Bestrafung“ durch Isolationshaft gegeben. Gegen die Einführung der neuen Haftanstalten protestierten Gefangene mit Hungerstreiks. Das sogenannte „Todesfasten“, welches am 20. Oktober des Jahres 2000 gegen die Eröffnung der F-Typ-Gefängnisse begann und seit dem 19. Dezember desselben Jahres für ihre Schließung fortgesetzt wird, hat bis zum heutigen Tag 107 Gefangene das Leben gekostet. – Ulaş Göçmen hat das alles erlebt und überlebt und erzählt seine Geschichte.

Wann und aus welchem Grund bist du verhaftet worden?
Ich bin am 28.04.1996 in Istanbul auf der Straße verhaftet worden. Bei der Festnahme haben die Polizisten mich angeschossen. Ich habe eine Niere verloren und in meinem linken Bein habe ich seither einen Nervenschaden. Eine Kugel hat mich unter dem Herz in die Brust getroffen und ist bis zur Wirbelsäule eingedrungen; sie wurde vier Jahre später operativ entfernt.
Ich war in meiner Heimatstadt Gaziantep – das liegt im Südosten der Türkei an der syrischen Grenze – in der Schule politisch aktiv. Ich habe Ende 1994 Gaziantep verlassen, um zu studieren. Durch ein Telefongespräch mit meinem Vater habe ich erfahren, dass in Gaziantep die Polizei mit einer Fahndung begonnen hatte und es Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gab und auch Menschen von der Polizei erschossen wurden. Auch mein Elternhaus haben sie verwüstet. Aus Angst, von der Polizei verhaftet oder gar erschossen zu werden, bin ich nach Istanbul gegangen, da man in der großen Stadt arbeiten und sich gut verstecken kann.

Was wurde dir konkret vorgeworfen?
Mir wurde vorgeworfen, in Gaziantep und Istanbul Angriffe auf Polizeigebäude und Autos verübt zu haben. Doch zum Beispiel zu den Tatzeiten in Gaziantep war ich gar nicht dort, sondern 18 Stunden entfernt in einer anderen Stadt, wo ich an diesen Tagen nachweislich gearbeitet habe.

Gaziantep

Warst du in Untersuchungshaft? Was geschah dort?
Ich war bei der Festnahme schwer verletzt und musste notoperiert werden. Schon im Krankenhaus haben Polizisten angefangen, mich zu foltern. Ich lag im Bett und konnte mich kaum bewegen, sie haben mich geschlagen, besonders auf die offenen Wunden, wo es am meisten weh tat. Elf Tage lang ging das so. Obwohl mein Gesundheitszustand danach immer noch schlecht war, wurde ich nach diesen elf Tagen zum Polizei-Hauptgebäude der Anti-Terror-Abteilung in Istanbul gebracht. Mein rechter Arm war in Gips, an Bauch und Brust hatte ich offene Wunden, mein linker Fuß war geschwollen. Sie haben mich nackt ausgezogen, mir meine Augen verbunden und mich so gefoltert. Sie wollten, dass ich ein von ihnen angefertigtes „Geständnis“ unterschreibe, das ich noch nicht einmal lesen durfte. Ich habe dort Menschen gesehen, die wie ich gefoltert worden sind und habe Schreie von Gefolterten gehört.

Wie war der Prozess?
Zehn Monate nach meiner Verhaftung war meine erste Gerichtsverhandlung. Die Gerichte richten sich in ihrer Entscheidung nach dem, was die Polizei sagt, den Angeklagten wird kein Glauben geschenkt. Ich habe von der Folter erzählt, aber für die Richter war das völlig egal oder normal. Der Prozess hat sich über zwei Jahre hingezogen, ich war drei oder viermal vor Gericht.

Wozu bist du verurteilt worden?
Ich bin zum Tode verurteilt worden, aber die Türkei praktiziert die Todesstrafe nicht, weshalb meine Strafe zu einer lebenslangen Haftstrafe „unter strengen Bedingungen“ umgewandelt wurde.

In welche Art Gefängnis kamst du dann?
Ich war insgesamt sechs Jahre lang in Haft; die ersten fünf Jahre war ich in einem E-Typ-Gefängnis mit großen Schlaf- und Essensräumen für 20 bis 40 Personen. Dort konnten wir regeln, wie wir unseren Alltag verbringen wollten und wir konnten miteinander teilen, was wir an Essen, Kleidung usw. hatten. Manche von uns hatten keinen Besuch und manche mehrere Besucher, aber wir haben alles Mitgebrachte gerecht geteilt. Wir lebten sozial und teilten schöne wie schlechte Tage, wir haben zusammen gesungen und gespielt, auch einen Chor und eine Theatergruppe gebildet, selbst Theaterstücke und Gedichte geschrieben. Wir hatten tausende Bücher zur Verfügung. Einige Analphabeten haben dort schreiben und lesen gelernt. Einige Mitgefangene waren minderjährig, andere mehrfache Familienväter oder Großväter. Wir waren wie eine große Familie, unsere Tage waren fröhlich und lebendig.

Warum und wann sollte die Verlegung in F-Typ-Gefängnisse stattfinden?
Wie wir im Gefängnis lebten, störte den Staat, denn politische Gefangene sollen durch die Haft kranke, hoffnungslose und unpolitische Menschen werden. Gegen unsere Solidarität setzten sie die Waffe der Isolation. Hier waren europäische Verordnungen, vor allem deutsche, für die Türkei ein großes Vorbild. Nach 1996 wurde damit begonnen, sogenannte F-Typ-Gefängnisse zu bauen, und die Stadt präsentierte diese Todeszellen wie Fünf-Sterne-Luxushotels. Aber wir wussten, was uns erwartet: Statt warmer Solidarität kalter Beton. Die politischen Gefangenen haben lange diskutiert, was man gegen die Verlegung machen kann und haben öffentlich gemacht, dass sie nicht freiwillig in Isolationshaft gehen, sondern Widerstand leisten.

F-Typ-Gefängnis

Was habt ihr getan, um die Verlegung zu verhindern?
Die Gefangenen hatten nicht viele Möglichkeiten zum Widerstand, sie hatten nur ihre Körper. Deshalb wurde mit einem massenweisen Hungerstreik begonnen, der in einigen Gruppen bis zum sogenannten „Todesfasten“ reichte.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Im dritten Monat des Hungerstreiks führte das Militär am 19. Dezember 2000 in über 20 Gefängnissen mit mehreren tausend schwerbewaffneten Soldaten eine Aktion durch; unsere Räume stürmten die Soldaten um 4 Uhr morgens, als alle Gefangenen im Tiefschlaf waren, mit Schüssen und Gasbomben. Um uns zu verteidigen, errichteten wir mit Betten, Schränken, Stühlen usw. Barrikaden. Wo ich damals war, in Canakkale, einer ägäischen Küstenstadt, hat der Widerstand gegen die Verlegung drei Tage gedauert. Während dieser drei Tage haben sie das Gefängnis mit Baggern und Baumaschinen ganz zerstört, mehrere tausend Schuss mit Sturmgewehren abgefeuert und fünftausend Gasbomben geworfen. Nach Angaben der Stadt wurden insgesamt, also für alle Gefängnisse, zwanzigtausend Gasbomben eingesetzt, manche davon waren für geschlossene Räume verboten, weil sie tödlich sind. Im Gefängnis in Istanbul wurden an diesem Tag mehrere Frauen durch solche Bomben ermordet, in Canakkale starben bei dem Angriff vier Gefangene. Viele wurden verletzt und beim Transport gefoltert. An diesem Tag starben auch zwei Soldaten, durch Schüsse von anderen Soldaten, wie bei der Obduktion ihrer Leichen festgestellt wurde – sie haben im Chaos aufeinander geschossen.
Ende Dezember war es natürlich sehr kalt. In den Räumen aber stand bald einen Meter hoch das Wasser und der Schaum der Feuerwehr, wir waren bis auf die Haut nass. Unter Kälte und Schlägen, hungrig, mit zerfetzten Klamotten und ohne Schuhe wurden wir in die Isolationszellen gebracht. Da erst zwei Wochen vor der Verlegung die Kugel aus meinem Rücken entfernt worden war, hatte ich auch frische Wunden von dieser Operation.

Schließlich also bist du doch in ein F-Typ-Gefängnis gekommen. Wie waren die Umstände dort?
Bei der Aufnahme wurden alle Gefangenen einzeln gefoltert. Man wurde nackt ausgezogen, unter Schlägen wurden Haare und Bart geschnitten. Die Zelle roch nach Beton, alle vier Wände waren weiß gestrichen. In so einer Zelle kann man sich nicht mehr als ein paar Schritte bewegen. Es gab ein Bett aus Metall, einen Schrank, einen Tisch und Stühle aus Plastik, mehr nicht.
Tagelang gab es keinen Besuch, keine Zeitung, Radio oder ähnliches. Wir wussten nicht, wer von unseren Freunden überlebt hatte, wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Erst nach zehn Tagen habe ich eine Zeitung bekommen. Dass die Gefangenen miteinander kommunizieren, war streng verboten, ein direkter Kontakt war nicht möglich. Wir haben aber kleine Notizen über die Dächer ausgetauscht oder laut geredet und gesungen; wir konnten über die Dächer sogar unsere Kleidung mit den Gefangenen, die keinen Besuch hatten, teilen.
Allein schon die Isolation macht den Menschen krank, weil er ein soziales Wesen ist und nicht jahrelang allein eingesperrt leben kann. In Isolationshaft verliert man das Gefühl für vieles, man weiß zum Beispiel irgendwann nicht mehr, ob es Tag oder Nacht ist, weil man immer nur die Wände sieht. Ich habe über ein Jahr lang nicht ferngesehen oder Radio gehört, um an Nachrichten zu gelangen; eine Zeitung konnte man nur kaufen, wenn man Geld hatte. Das System will durch die Haft unpolitische und kranke Menschen erzeugen.
Alles war beschränkt – wir durften von Besuchern zwei Hosen, zwei T-Shirts oder drei Socken erhalten. Regelmäßig wurde unsere Zelle durchsucht. Was wir unerlaubterweise hatten, wurde zerstört oder weggenommen.
Was ich erlebt habe, ist in einem Interview nicht erzählbar.

Aus welchem Grund hast du das „Todesfasten“ begonnen, wie lange hast du gefastet und wie erging es dir dabei?
Ich habe mich daran beteiligt, weil die Gefängnisbedingungen so unmenschlich waren. Unser Alltag war beherrscht von der Willkür der Wärter. Jahrelange Isolation ist schlimmer als der Tod. Wir Gefangenen verlangten Gemeinschaftsräume. Wir verlangten auch, dass die Verantwortlichen für die Toten vor Gericht kommen.
Ich habe 256 Tage gefastet. Am Ende war ich schwer krank. Schon vor dem Todesfasten habe ich mich dreimal hintereinander, insgesamt vier Monate lang, an Hungerstreiks beteiligt.
Um das Thema aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen, hat der Staat ein Gesetz beschlossen, durch das viele Gefangene zum Zweck „medizinischer Behandlung“ für sechs Monate frei kamen; konnte man durch ein Attest bescheinigen, dass man weiterhin krank war, konnte man diese Zeit alle sechs Monate verlängern.
Viele sind draußen gestorben, lebten mit durch das Fasten hervorgerufenen Behinderungen und Krankheiten oder haben, so wie ich, versucht das Land zu verlassen.
Auch in Europa war ich unwillkommen. Mein Asylverfahren hat fast sieben Jahre gedauert, am Ende habe ich kein Asyl erhalten; mir wurde aus humanitären Gründen aber der Aufenthalt befristet erlaubt. Auch in Deutschland kam ich mir in der Zeit des Asylverfahrens eher wie ein Gefangener mit unzähligen Beschränkungen vor.

Solidaritätsbekundung (Irland)

Weißt du, wie die momentane Situation in der Türkei ist?
Noch immer kommt es vor, dass Menschen auf der Straße von der Polizei erschossen werden, auch in Untersuchungshaft und in den Gefängnissen sterben Menschen durch Folter oder werden erschlagen. Vor ein paar Monaten beispielsweise wurde ein kurdischer Student im Westen der Türkei von der Polizei erschossen, auch in Bodrum wurde kürzlich jemand nach der Festnahme von Zivilpolizisten erschossen. Ein im Westen zu Bekanntheit gelangter Fall ist der des Menschenrechtsaktivisten Engin Ceber, der 2008 an den Folgen der in der Haft erlittenen Verletzungen starb. Zum ersten Mal in der türkischen Rechtsgeschichte erhielten Beamte daraufhin wegen Folter mit Todesfolge lebenslange Haftstrafen – wenn sie in nächster Instanz nicht doch wieder freigesprochen werden. Sollten sie wirklich bestraft werden, wäre das für mich eine Ausnahme.
Die Gefängnisse sind überfüllt, kranke Gefangene werden weder im Gefängnis ausreichend medizinisch versorgt noch freigelassen, um draußen behandelt zu werden. Es gibt viele minderjährige Gefangene, die auf Demonstrationen verhaftet worden sind. Für mich sind Gefängnisse wie Spiegel einer Gesellschaft; sie zeigen, ob ein Land ein gerechtes oder ein ungerechtes System hat. Dabei ist es egal, ob es sich um kriminelle oder politische Gefangene handelt. Ungerechte Systeme verursachen die Probleme, die beide Gruppen ins Gefängnis bringen.

Ulaş Göçmen wurde am 27.8.1975 in Gaziantep geboren; nach Abschluss des Gymnasiums besuchte er ab 1994 eine Berufshochschule. Zwischen 1996 und 2002 befand er sich in verschiedenen Gefängnissen, bevor er 2003 nach Deutschland kam. Hier arbeitete er in Fabriken und im gastronomischen Bereich. Er sagt über sich: „Ich bin momentan nicht politisch aktiv, aber ich versuche wenigstens, auf Demonstrationen zu gehen, gegen den Sozialabbau in Deutschland oder für Minderheiten in der Türkei, gegen Krieg oder auch für Tierrechte.“

Hier gibt es das Interview als PDF.

Das Interview erscheint parallel in der Amnesty International-Publikation Anklagen – zur Druckausgabe (pdf-Format, S. 18-20).

Interview: Primatenversuche am MPI Tübingen

Radio Dreyeckland:

Primatenversuche am MPI Tübingen
Interview mit Ex-Diplomandin Gabriele Busse

Die Anti-Tierversuchs-Demo hat auch dieses Jahr wieder einige DemonstrantInnen nach Tübingen gelockt. Diese kamen am Sa, 5. Juni 2010, zum Aktionstag im Rahmen der Kampagne „Stoppt Affenqual in Tübingen“. Auf dem Programm des Aktionstags, der aus einer Kooperation des Bündnisses gegen Tierausbeutung Tübingen und der Ärzte gegen Tierversuche entstand, waren neben Demo, Info- und veganen Essensständen auch verschiedene Vorträge eingeplant.
Gabriele Busse hielt einen davon und berichtete, wie sie als Germanistin im Rahmen ihrer Diplomarbeit am Max-Planck-Institut Tübingen durch Zufall auf die dort durchgeführten Affenversuche stößt. Sie fragt nach – und löst damit eine Hetzkampagne ungeahnten Ausmaßes aus. Binnen Stunden wurde sie zur radikalen Tierrechtlerin hochstilisiert, die sie weder damals war noch heute ist. Im Interview berichtet Gabriele von den Affenversuchen, ihrer Zeit am MPI und davon, wie falsche Anschuldigungen letztendlich zu ihrem Engagement über Tierversuche aufzuklären führten.

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