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Mary Shelley: Frankensteins „Monster“

Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

Seit dem 27. Dezember läuft auch in den deutschen Kinos der Film A Storm In The Stars – der deutsche Titel lautet schlicht: Mary Shelley. Es handelt sich um eine Filmbiografie von Haifaa Al Mansour über die britische Schriftstellerin, die als Autorin von Frankenstein in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Der Film soll die „wahre Geschichte“ der Entstehung des Romans schildern. Leider findet vor allem ein Aspekt keine Beachtung.

Dieser Text wurde zuerst auf der Facebook-Seite des Antispeziesismus-Buchs veröffentlicht.

Die Bedingungen, die im Jahr 1816 am Genfer See zur Entstehung des Romans Frankenstein führten, sind längst selbst zur Legende geworden. Es handelte sich um das „Jahr ohne Sommer“: Auf der Insel Sumbawa, östlich von Java gelegen, war der Vulkan Tambora ausgebrochen – mit einer unvorstellbaren Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben. Hunderte Kilometer weit verdunkelte sich der Himmel fast vollständig, ein Schleier legte sich um den Erdball; dann kam der vulkanische Winter. Es kam zu schweren Un­wettern, in der Schweiz schneite es plötzlich mitten im Sommer. Missernten und Hungers­nöte waren die Folge, Chronisten erzählen, dass „die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe“. Mary Shelley erinnerte sich später: „Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich mit ein paar deutschen Gespenstergeschichten, die wir zufällig entdeckt hatten, die Zeit. Diese Geschichten weckten einen spielerischen Wunsch zur Nachahmung.“ [1] Im Alter von nur 18 Jahren schuf sie mit ihrem Roman ein literarisches Werk von Weltrang, das heute gleichermaßen als Höhepunkt der Gothic Novel und Geburtsstunde des Science-Fiction-Genres gilt. [2] Es handelt von einem Naturforscher namens Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen und Teilen geschlachteter Tiere ein künstliches Wesen schafft, das sich schließlich gegen seinen Schöpfer wendet und dessen Existenz zerstört.

Heute ist der Name „Frankenstein“ so fest im kollektiven Bewusstsein verankert, dass die bloße Erwähnung genügt, um eine Kette von Assoziationen auszulösen: „Unwillkürlich sehen wir sofort Bilder aus dem Filmklassiker von James Whale vor uns: Wir erinnern uns an Boris Karloff, der mit merkwürdig flachem Schädel und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch die Pappkulissen tappt“, merkt Alexander Pechmann im Nachwort der von ihm neu übersetzten und 2013 herausgegebenen Urfassung von Frankenstein an. Die Popkultur habe den Frankenstein-Mythos ganz und gar vereinnahmt und in immer neuen Variationen und Parodien herausgebracht: „Frankenstein wurde zum Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers, der gegen die göttliche Ordnung verstößt und dafür konsequent bestraft oder zum Besseren bekehrt wird. Wie wenig dies mit der Radikalität der ursprünglichen Romanvorlage zu tun hat, offenbart sich erst durch einen Vergleich mit der Urfassung von 1818.“ [3] Denn Mary Shelleys Werk ist weit mehr als eine Parabel über die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Als Zeugnis eines radikalen Lebensentwurfes der jungen Autorin hat der Roman eine dezidiert politische Dimension. [4]

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Höchstmaß an politischer Subversion

Als Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin waren Mary Shelley progressive politische Ansichten gewissermaßen in die Wiege gelegt: Mit A Vindication of the Rights of Woman (1792) war Wollstonecraft zur Begründerin der radikalen Frauenrechtsbewegung geworden; Godwin gilt aufgrund seines Werkes Enquiry Concerning Political Justice (1792), in dem er die Abschaffung der Nationen und Regierungen, der Klassenunterschiede, der Ehe und der etablierten Religion forderte, als einer der Begründer des Sozialismus im Allgemeinen sowie des politischen Anarchismus im Besonderen. Sein Name stand, wie es in einer Biografie über Mary Shelley heißt, „für atheistisches Freidenkertum und damit für ein Höchstmaß an politischer Subversion“. [5] Die Wichtigkeit dieser Prägungen wird im Film auch ausreichend thematisiert: Die Beziehung Marys zu ihrem Vater und das Andenken an die Mutter – diese starb elf Tage nach der Geburt ihrer Tochter am Kindbettfieber – spielen darin eine große Rolle.

Ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley lernte die junge Mary Wollstonecraft Godwin kennen, als der Dichter im November 1812 die Verlagsbuchhandlung ihres Vaters in der Skinner Street in London besuchte. Shelley war fasziniert von den politischen Theorien Godwins und versuchte, sie in eine politische Praxis zu übersetzen. So beteiligte er sich etwa an Protestkampagnen für inhaftierte Radikaldemokraten; in Dublin riefen er und seine erste Frau Harriet mit selbst verfassten Flugblättern die Iren zum Aufstand gegen England auf. In seinem ersten großen Gedicht Queen Mab (1813), das Harriet gewidmet ist, versuchte Shelley, wie der Schriftsteller Wolfgang Koeppen einmal schrieb, „das Godwinsche Vernunftevangelium in Poesie zu übersetzen“. [6] Wie Percy und Mary sich kennenlernen, wie sie sich am Grab von Mary Wollstonecraft ihre Liebe gestehen, ihre Beziehungen zu Claire Clairmont und George Gordon Byron – all das wird in der Filmbiografie treffend dargestellt.

Dass sie, was ihre politischen Überzeugungen, ihr Engagement und ihren persönlichen Lebenswandel angeht, recht fortschrittlich waren, vermittelt der Film ebenfalls. Ein Aspekt aber wird leider komplett ausgeblendet: Mary und Percy Shelley zählten nicht nur in Bezug auf die Proklamation der freien Liebe und die Emanzipation der Frauen, nicht nur, was die Solidarität mit der Arbeiter- und mit Revolutionsbewegungen angeht, zu den progressiven Kräften ihrer Epoche – sie vertraten auch, ihrer Zeit weit voraus, einen radikalen Vegetarismus, den sie explizit politisch verstanden wissen wollten. Hier gilt dasselbe, was etwa auch am Film „Suffragette“ (2015) zu bemängeln ist: Zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestanden enge Verbindungen, einige der Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften, waren auch radikale Vegetarierinnen – im Drama der Regisseurin Sarah Gavron zum Thema spielt das aber keine Rolle. „Kaum eine andere emanzipatorische Forderung verhallte im Gang der Geschichte immer wieder derart ungehört wie der Ruf nach der Befreiung der Tiere“, heißt es gleich zu Beginn des Antispeziesismus-Buchs: Es handelt sich um ein Stück „geheime“ – vergessene, verdrängte, verschwiegene – Geschichte. Nicht ohne Grund liegt in der von Max Horkheimer mit der Metapher eines Wolkenkratzers aphoristisch beschriebenen kapitalistischen Gesellschaftspyramide die „Tierhölle“ im Keller und befindet sich damit unterhalb des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins. Das 2013 in der theorie.org-Reihe des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erschienene Buch wirft deshalb in einem Streifzug durch die Geschichte modernen emanzipatorischen Denkens einige Schlaglichter auf diese Tradition, um sie aus ihrem Schattendasein zu holen; und in diesem Zusammenhang ist auch der englischen Romantik, im Speziellen – neben William Blake – den Shelleys und Byron, ein Kapitel gewidmet.

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

„Vegetable system“

Neben William Godwin hat den jungen Percy Shelley in erster Linie John Frank Newton und dessen Werk The Return to Nature, or, a Defence of the Vegetable Regimen (1811) beeinflusst. Newton war ein Patient des Lon­don­er Arztes William Lambe, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre lang ve­gan ernährte und 1809 sein erstes Buch über vegane Ernährung als Therapie für bestimmte Er­krankung­en veröffentlicht hatte (später verfasste er noch ein zweites Buch zum Thema). Zusammen mit seiner Frau schloss Shelley sich im Jahr 1812 der Kommune Newtons in Berkshire an, die eine Kombination aus Nudismus und konsequentem Vegetarismus nach Lambe praktizierte. In seinen Anmerkungen zu Queen Mab, die auch gesondert unter dem Titel A Vindication of Natural Diet (1813) gedruckt wurden, begründete der Dichter, der unter anderem dafür bekannt war, auf Londons Märkten Fluss­krebse zu kaufen, um sie wieder in die Themse zu entlassen, seinen radikalen Vegetarismus, der eng mit seinen politischen Überzeugungen zusammenhing. So führte er beispielsweise die Verschwendung von Ackerflächen, die für die intensive Produktion von tierischem Eiweiß genutzt werden und so für die Ernährung ärmerer Schichten verloren gehen, und den daraus resultierenden Hunger auf das auf Fleisch- und Wollgewinnung ausgerichtete englische Ernährungssystem zurück, sah also klar den Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Ernährungsbereich und der Entwicklung der Produktionsverhältnisse von einer agrarischen Subsistenzwirtschaft zu einer industriell orientierten Woll- und Lammfleischproduktion. Die Schafe würden, so Shelley, pro Mahlzeit einen Morgen nutzbares Ackerland auffressen. [7] Unter Bezugnahme auf Newton und den Autor von Paradise Lost (1667), den großen revolutionären Dichter John Milton, der ebenfalls Vegetarier war, empfahl Shelley in A Vindication of Natural Diet ein „vegetable system“ als Grundlage für einen „Zustand der Gesellschaft, in der alle Energien des Menschen in die Schaffung gänzlichen Glücks gelenkt werden sollen“. [8]

Am 26. Juni 1814 erklärten sich Percy und Mary ihre Liebe. Wegen seiner unkonventionellen Lebensweise – Percy war auf dem Papier noch immer mit Harriet verheiratet – sah sich das junge Paar massiven Anfeindungen ausgesetzt. „Mann und Frau sollten so lange verbunden sein, wie sie einander lieben: Jedes Gesetz, das sie auch nur für einen Augenblick zum Zusammenleben zwingt, nachdem ihre Zuneigung erloschen ist, wäre völlig unerträgliche Tyrannei“, lässt Haifaa Al Mansour Percy Shelley im Film sagen – es handelt sich um ein Zitat aus seinen Anmerkungen zu Queen Mab. Gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont beschlossen die beiden, vor allen sozialen Konventionen in die Schweiz zu fliehen. In Luzern zwang Geldmangel sie allerdings zur Aufgabe ihrer Pläne. Die Rückreise über Straßburg, Mannheim, Mainz, Bonn, Köln und Rotterdam sollte von Marys Romanheld Victor Frankenstein wiederholt werden. Frankenstein entstand im Zuge einer zweiten Reise in die Schweiz, wo das Trio den Dichter Lord Byron traf, der ebenfalls, seit seinem 23. Lebensjahr, vegetarisch lebte.

Byron, der bis heute nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für seine Teilnahme an der Griechischen Revolution in den 1820er-Jahren bekannt ist, musste England im April 1816 aufgrund diverser Skandale um seine Person verlassen. Vier Jahre zuvor hatte ihn die Veröffentlichung der ersten beiden Gesänge von Childe Harold’s Pilgrimage (1812) – das poetische Tagebuch einer zweijährigen Reise, die ihn auf die Iberische Halbinsel, in die Türkei, nach Griechenland und nach Albanien geführt hatte – schlagartig berühmt gemacht. Im selben Jahr hielt er seine Antrittsrede im britischen Oberhaus, in der er die Lage der arbeitenden Klassen thematisierte: In Nottinghamshire, einem Zentrum der Textilindustrie, hatte im Jahr 1811 der Aufstand der Maschinenstürmer begonnen und schnell auch andere Grafschaften erfasst. Um die Aufstände niederzuschlagen, schickte London Soldaten – über 14.000 bis zur Jahresmitte. Byron hielt eine flammende Rede, in der er sich für die entlassenen Weber einsetzte, die Maschinen zerstört und Fabriken in Brand gesetzt hatten – doch der Frame Breaking Act, das Gesetz, das die Zerstörung von Webstühlen unter Todesstrafe stellte, wurde zu seiner großen Enttäuschung sowohl vom Oberhaus als auch vom Unterhaus angenommen.

Auch Byrons Ehe mit Anne Isabella verlief nicht glücklich. Charakterliche Diskrepanzen, ständige Geldschwierigkeiten und Byrons exzessiver Genuss von Laudanum – einer zu dieser Zeit populären Opiumlösung, der auch Percy Shelley sehr zugetan war [9] – führten im Jahr 1816 schließlich zur Trennung. Zu diesem Zeitpunkt soll Byron bereits ein Verhältnis mit Claire Clairmont gehabt haben. Als dann Gerüchte über ein inzestuöses Verhältnis Byrons zu seiner Halbschwester die Runde machten und einen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit auslösten, musste er im April 1816 England in Richtung Schweiz verlassen. Im Juni mietete er die Villa Diodati am Genfer See, da er glaubte, dass John Milton sich 1638 dort aufgehalten hätte, wo ihn Percy, Mary und Claire dann im Sommer besuchten – und wo die Idee zu Frankenstein entstand.

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Schrecklicher Wachtraum

Neben dem Konsum von Alkohol und Opium – auch dies wird im Film dargestellt – dientem dem Zirkel um Byron in dem verregneten Sommer des Jahres 1816 intellektuelle Diskussionen als Zeitvertreib. Eines der Gespräche zwischen Byron und Percy Shelley drehte sich um die Frage nach der Natur, der Grundlage des Lebens und darum, wie die Elektrizität damit zusammenhängt – eine Diskussion, die von Luigi Galvanis Experimenten angefacht worden war: Die Beine toter Frösche bewegten sich, nachdem der italienische Arzt sie mit einem geladenen Metallgegenstand berührt hatte. Galvanis Neffe, der Physiker Giovanni Aldini, führte solche Versuche an Leichen von Enthaupteten und Erhängten durch. So legte er etwa zwei Köpfe aneinander und setzte sie unter Strom. „Die Grimassen, die beide Gesichter einander machten, waren wunderbar und beängstigend“, sollte er später berichten – und dass bei diesem Anblick die ersten Zuschauer in Ohnmacht gefallen seien. [10]

In der Einleitung zur überarbeiteten Ausgabe von Frankenstein aus dem Jahr 1831 gab Mary Shelley die Überlegungen aus dem Gespräch am Kaminfeuer folgendermaßen wieder: „Vielleicht könnte man eine Leiche wiederbeleben; galvanische Experimente hatten für solche Dinge den Beweis geliefert: Vielleicht könnte man einzelne Teile einer Kreatur herstellen, zusammensetzen und mit Lebenswärme versorgen.“ [11] Die zündende Idee für ihren Roman kam ihr dann durch einen, wie sie sich ausdrückte, „schrecklichen Wachtraum“: „Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigem Blick – ich sah den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten und er sich mit schwerfälligen, halblebendigen Bewegungen rührte.“ [12] Frankensteins Monster war geboren.

Zwei Jahre später erschien der Roman – anonym und, wie damals üblich, in drei Teilen, mit einem Vorwort von Percy Shelley. Er wurde zum Bestseller, auch wenn er bei den meisten Literaturkritikern überhaupt nicht gut ankam. „Gegen die Tagträume des Grauens, die von den unnatürlichen Reizen dieser neueren Schule erzeugt werden, müssen wir protestieren; und wir fühlen uns nach der Lektüre dieser drei geisteszermürbenden Bände genauso mitgenommen wie nach einer Überdosis Laudanum oder einem quälenden Alptraum“, hieß es etwa in The British Critic. „All diese monströsen Einfälle sind die Folgen der wilden und ungebührlichen Theorien unserer Zeit“, meinte der bekannte Verleger John Murray. [13]

Insgesamt gilt die Romantik als die Zeit der Verinnerlichung politischer Konflikte. Teilweise hat das zu Interpretationen geführt, die Mary Shelley unterstellen, sie habe Frankenstein in Auseinandersetzung mit den radikalen Theorien ihrer Eltern geschrieben und diese letztlich abgelehnt. Die Botschaft sei: Alle revolutionären Experimente gebären Monster; Frankensteins Kreatur stünde dann für die Angst der bürgerlichen Philanthropen vor der Hässlichkeit des im Prozess der Industrialisierung „aus Abfällen“ wie aus „gesellschaftlichem Unrat“ gebildeten Proletariats – so der Heidelberger Anglist Horst Meller. [14] Wolfram Sailer, ebenfalls Anglist in Heidelberg, der diesen Aspekt in einer Studie zum Thema ausführlich beleuchtet, widerspricht dieser Vorstellung: Der Versuch, Mary Shelley in eine nervöse Konservative zu verwandeln, werde der Sympathie mit dem Monster, die der Roman auch den Lesern vermittelt, nicht gerecht. [15] Für ihn spiegeln sich in dem Roman vielmehr die ersten Ansätze zu einer Selbstverständigung des englischen Proletariats als Klasse wider, die sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung in Form der maschinenstürmenden Ludditen und der Chartisten zeigten.

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

Opfer der Aufklärung

Der Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel bildet die Grundlage für die kapitalistische Produktionsweise: Indem der Ackerbauer das Eigentum an Grund und Boden verliert, werden ihm seine Mittel zur Selbstversorgung entrissen, was ihn, in Marxscher Terminologie, „doppelt frei“ macht – frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will, aber auch „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln. Er wird zum Proletarier. Im Zuge des bereits angesprochenen Aufschwungs der Wollmanufaktur war das „Losungswort“, so heißt es im Kapital von Marx, „Verwandlung von Ackerland in Schafweide“. [16] Zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung aus selbst wirtschaftenden Bauern bestanden, die am Gemeindeeigentum beteiligt waren; nun wurden die Gemeingüter zu Privatbesitz gemacht, das Gemeindeland eingehegt, die Bauern gewaltsam enteignet. In Mary Shelleys Roman wird darauf Bezug genommen. So vergleicht Frankenstein seine Situation mit der eines enteigneten Bauern, als er über das Monster sagt: „Würde er aber besiegt, dann war ich ein freier Mann. Allerdings was für eine Freiheit? Eine Freiheit, deren sich der Landmann erfreut, nachdem er gesehen hat, wie seine Familie hingeschlachtet, seine Hütte verbrannt, seine Felder verwüstet werden, und dann heimatlos, verarmt und allein, aber frei seines Weges zieht.“ [17]

Das Monster wiederum entwickelt eine dezidiert kritische Sicht auf, wie es sagt, „das seltsame System der menschlichen Gesellschaft“, als es „von der Aufteilung der Besitzstände, von ungeheurem Reichtum, erbärmlicher Armut, von Rang, Abstammung und edlem Blut“ hört. Zu Frankenstein sagt es: „Ich erfuhr, daß der Besitz, den deine Artgenossen am meisten schätzen, eine noble und makellose Abstammung in Verbindung mit Reichtum war. Ein Mann könnte vielleicht mit nur einer dieser Eigenschaften respektiert werden, aber ohne eine der beiden würde er, außer in sehr seltenen Ausnahmen, als Herumtreiber und Sklave betrachtet, der dazu verurteilt ist, seine Lebenskraft dem Profit einiger Auserwählter zu opfern.“ [18]

Sailer zieht Parallelen zu den Eigenschaften des Monsters und dem im Zuge der Industrialisierung entstehenden Proletariat: „Das Monster wie das Proletariat sind kollektive und artifizielle Geschöpfe: das Monster, aus Leichenteilen von den Friedhöfen, Totenhäusern und Schlachtfeldern der instrumentalisierten Aufklärung bestehend, das Proletariat aus den im Zusammenbruch des feudalen Systems ,frei‘ gewordenen Landarbeitern und Kleinpächtern, die – in England durch die enclosures von ihrem Land vertrieben – sich in den Slums der neuen Großstädte des heraufdämmernden Industriekapitalismus zu jenem neuen Wesen zusammenfanden.“ Für Karl Marx ist das Kapital „verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit“. Die Angst, die die von citoyens zu bourgeois degenerierten Aufklärer vor dem Kollektivwesen hatten, das sie doch selbst hervorgebracht hatten und nun für ihre Zwecke nutzten, gleiche, so Sailer, der Angst Frankensteins; sie sei die Furcht vor dem eigenen Totengräber: „Marx und Engels nennen in ihrem Kommunistischen Manifest das Proletariat den von der Bourgeoisie selbst produzierten Totengräber; Frankenstein nennt sein Geschöpf ,meinen eigenen Vampir, meinen eigenen Geist losgelassen vom Grabe und gezwungen, alles zu vernichten, was mir lieb war‘.“ [19]

Das Monster droht – wie die Arbeiterbewegung –, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden, unverhohlen mit der Umkehrung des Verhältnisses von Herr und Knecht. Indem Frankenstein den Torso der fast fertigen Partnerin zerstört, welche sich das Monster gewünscht hat, um seiner Isolation zu entkommen, klärt er das Verhältnis zu seiner Kreatur für den Rest des Romans: Das Monster nennt Frankenstein seinen Sklaven; dieser sei zwar sein Schöpfer, es selbst aber sei nun Frankensteins Herr. Sailer merkt dazu an: „Die Entfremdungen, denen Frankenstein sich in seinem Arbeitsprozeß unterwirft, führen letztlich allesamt dazu, daß das Verhältnis des Produzenten zu seinem Produkt sich langsam, aber unausweichlich umkehrt. Die Entfremdung von der Natur reflektiert Frankensteins zerrissenen inneren Zustand, die Entfremdung von Freunden und Familie läßt ihn mit seiner Arbeit und seiner Aufgabe allein, die von seinem Produkt schließlich entfremdet ihn auch von sich selbst als produzierenden Menschen. Mary Shelley nimmt mit dieser Darstellung vorweg, was Karl Marx etwa dreißig Jahre später in seiner Entfremdungstheorie formulierte“. [20] Gerade auch in seinen Äußerungen zur Natur nehme Marx in wissenschaftlicher Form Mary Shelleys Ansätze auf, in welchen sie Frankensteins Versuche kritisiere, der Natur mit Gewaltmitteln der Naturwissenschaft auf die Schliche zu kommen. So zieht Sailer den Schluss: „Das Monster läßt sich als Metapher für die Opfer der Aufklärung (in wissenschaftlicher wie in politischer Hinsicht) lesen.“ [21]

Insofern handelt es sich um eine Fehlinterpretation, wenn Muriel Spark das Monster als „den isolierten Intellekt“ Frankensteins betrachtet. [22] Wie Sailer anhand zahlreicher Textstellen nachweist, ist das Gegenteil der Fall: Das Monster steht nicht nur für alle „Verdammten dieser Erde“, sondern auch allgemein für die innere und äußere Natur, die von Frankenstein als die „Verkörperung eines männlich-zielgerichteten Prinzips“ unterdrückt wird. [23] In der Dialektik der Aufklärung (1944), dem Hauptwerk der Kritischen Theorie, in dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine Wissenschaft kritisieren, die in „scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren“ den „blutigen Schluß“ abzwingt, heißt es entsprechend: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war.“ [24]

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein's monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein’s monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Utopisches Moment

Denn die Opfer der Aufklärung – oder, um mit den Worten Horkheimers und Adornos zu sprechen, der instrumentellen Vernunft – sind nicht nur Menschen. Das „Monster“, das in vielen Punkten menschlicher dargestellt wird als Frankenstein, zeichnet sich allgemein durch die Fähigkeit zur Empathie aus – so bricht es etwa, als es vom Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern hört, in Tränen aus –, und diese ist die Voraussetzung für Solidarität, die auch mit Tieren geübt werden kann. Horkheimer schrieb dazu einmal: „Eigentlich ist ja die Solidarität, die wir mit den Menschen in Not fühlen dieselbe wie die mit dem Tier, in der Qual erweist sich ihre Identität und das Weh fließt zusammen.“ [25] Tatsächlich erwächst die politische Kritik, die das Monster übt, aus den basalen Wahrnehmungen von Lust und Schmerz; es sagt: „Ich las von Menschen, die im Dienste der Öffentlichkeit ihre Artgenossen regierten oder abschlachteten. Ich spürte, wie sich in mir eine große Begeisterung für die Tugend regte und ein Abscheu vor Lasterhaftigkeit, soweit ich die Bedeutung jener Begriffe verstand, da sie nach meiner Auffassung offenbar nur Lust und Schmerz entsprechen konnten.“ [26]

Das Monster muss bald erkennen, dass es im von ihm entworfenen Klassenraster noch nicht einmal auf der Stufe der Ärmsten der Armen steht, sondern noch unter ihnen: Es sei, so sagt es, „nicht einmal von derselben Art wie der Mensch“. [27] Sein Wunsch, den es gegenüber dem alten, blinden de Lacey äußert, ist, „nicht aus der Gesellschaft und vom Mitgefühl Ihrer Artgenossen“ [28] – im Original: „not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures“, [29] ein Begriff, der Menschen und Tiere umfasst – ausgeschlossen zu werden. Es sagt: „Sollte irgendeine Kreatur mir gegenüber Wohlwollen empfinden, dann würde ich es hundertfach und tausendfach vergelten. Wegen dieses einen Wesens würde ich Frieden mit seiner gesamten Spezies schließen!“ [30] Doch dies wird ihm verwehrt. Die Autorin und Aktivistin Carol J. Adams schreibt dazu in ihrem Buch The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory (1990): „Frankensteins Geschöpf bezieht Tiere in seinen Moralkodex ein, wird jedoch hintergangen und zutiefst enttäuscht, als es danach strebt, in den Moralkodex der Menschen einbezogen zu werden. Es lernt, dass, ungeachtet seiner eigenen moralischen Maßstäbe, der Kreis der Menschen so gezogen ist, dass sowohl es selbst wie auch die anderen Tiere davon ausgeschlossen bleiben.“ [31] Und allein das ist der Grund, warum es destruktiv wird – es sagt: „Ich trug, wie Satan persönlich, eine Hölle in mir, und da es niemanden gab, der Mitleid mit mir hatte, wollte ich die Bäume ausreißen, Chaos und Vernichtung um mich herum verbreiten.“ [32]

Kurz allerdings blitzt im Roman ein utopisches Moment der Versöhnung mit Mensch und Natur auf, wenn sich das Monster seine Zukunft mit einer zu ihm passenden Gefährtin ausmalt: „Meine Nahrung ist nicht die blutige der Menschen. Ich vernichte nicht Lämmer und Ziegen, um meinen Hunger zu stillen; Nüsse und Beeren genügen mir. Da meine Genossin ebenso beschaffen sein wird wie ich, wird auch sie mit der gleichen Nahrung vorlieb nehmen.“ [33] Zu Frankenstein sagt es: „Das Bild, das ich dir beschreibe, ist friedlich und menschlich, und du mußt spüren, daß du es mir nur aus Willkür und Grausamkeit verweigern kannst.“ [34] Während das „Monster“ Lamm und Zicklein nicht zerstört, um seinen Appetit zu befriedigen, foltert Frankenstein lebende Tiere, um das leblose Material seiner technischen Menschenproduktion zu beseelen; das Leid der gequälten Kreatur hat, so Wolfram Sailer, für ihn nur Bedeutung, insofern sie ihn selbst mit Schrecken füllt. [35] Er verwehrt seinem Geschöpf die Verwirklichung der Utopie, die es ihm geschildert hat. Entsprechend heißt es am Ende des Kapitels über die englischen, revolutionären Romantiker im Antispeziesismus-Buch: „Statt in einen Zustand des Friedens mit Menschen, Tieren und der Natur einzutreten, findet Frankensteins vegetarisches Monster sein Ende im Feuer eines Scheiterhaufens.“ [35]

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889). Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889).
Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Zum Weiterlesen:

Ein thematisch ähnlicher Text von Matthias Rude ist im Jahr 2016 anlässlich der 200. Jährung der Entstehung des Romans Frankenstein unter dem Titel Höchstmaß an politischer Subversion im Feuilleton des Nachrichtenmagazins Hintergrund erschienen; der Artikel kann auf der Website von Hintergrund bestellt werden.

Im Buch Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken (Stuttgart 2013) findet sich auf den Seiten 64 bis 74 das Kapitel „‚Earth groans beneath religion’s iron age, making the Earth a slaughter-house‘: Revolutions-Romantik – Shelleys brennendes Herz, Frankensteins vegetarisches Monster“. Darin geht es neben dem Dichter William Blake vor allem um die Shelleys und um Byron. Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Leseprobe des Buches finden sich auf der Website des Verlags; das Buch ist über den Buchandel erhältlich (ISBN: 3-89657-670-4).

Vom Autor ist im Magazin Melodie und Rhythmus auch ein Artikel zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und dessen politischer Interpretation erschienen; der Text ist inzwischen vollständig online einsehbar: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochen, Melodie und Rhythmus 4/2016, S. 108f.

Ein frei zugänglicher Text zu den Verbindungen zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert findet sich hier. Vgl. dazu auch das Kapitel „‚The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals‘: Tierbefreiung in Arbeiterbewegung, sozialistischen und feministischen Strömungen“ im Antispeziesismus-Buch (S. 88-100).

Anmerkungen:

Titelbild (oben): Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

[1] Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 8.

[2] So die allgemeine Meinung der Experten. Beispielsweise heißt es dazu in einer 2001 erschienenen Biografie über Mary Shelley: „Sie läßt diese ,gotischen‘ Erzählungen hinter sich, bedient sich nicht mehr ihrer konventionellen Muster und Figuren, sondern schreibt einen futuristischen Roman, der schon auf die Science-fiction-Literatur verweist“ (Karin Priester: Mary Shelley. Die Frau, die Frankenstein erfand. Biographie, München 2001, S. 120).

[3] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 286f.

[4] Zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und seiner politischen Interpretation vgl. auch: Matthias Rude: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochenMelodie und Rhythmus 4/2016 (S. 108f.).

[5] Karin Priester: Mary Shelley (Anm. 2), S. 29. – Später vertrat Godwin allerdings mehr und mehr einen politischen Reformismus und brachte wohl auch Percy Shelley „nach und nach auf einen linksliberalen Kurs, der mit dem Radikalismus der noch jungen englischen Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und der Bewegung des Chartismus, nicht viel zu tun hatte, auch wenn Shelleys Werk ,Queen Mab‘ gerade in diesen Kreisen begeistert aufgenommen und geradezu als eine Art Bibel gelesen wurde“ (ebd., S. 84).

[6] Wolfgang Koeppen (Hg.): Percy Bysshe Shelley: Das brennende Herz, München, Wien, Basel 1958, S. 13.

[7] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein.Studien zur romantischen Mythenumdeutung (Anglistik in der Blauen Eule, Bd. 16, zgl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1991), Essen 1994, S. 89.

[8] Percy Bysshe Shelley: The Complete Poetry of Percy Bysshe Shelley. Volume two. Edited by Donald H. Reiman and Neil Fraistat, Baltimore, London 2004, S. 307; Übersetzung zitiert nach: Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 72.

[9] Der Gebrauch von Laudanum und Opium war in der Romantik eher die Regel als die Ausnahme. „Angesichts dessen kann man sich leicht ausmalen, unter welchen Vorzeichen die Texte in der Villa Diodati entstanden sind“, heißt es in einem Artikel zum Thema (Christoph Hombergs: Laudanum, in: Alexander Eilers (Hg.): „The Summer of 1816“ – Von Monstern, Geistern und Vampiren. Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung in der Universitätsbibliothek Gießen (15.4.-13.5.2009), Fernwald 2010, S. 43-47, S. 47.). Vgl. auch: Matthias Rude: Laudanum: Glückseligkeit für einen Penny (7.11.2018).

[10] Reto U. Schneider: Der Frankenstein von Bologna, NZZ Folio, August 2003.

[11] Entsprechend lässt Mary Shelley Victor Frankenstein im Roman sagen: „One of the phenomena which had peculiarly attracted my attention was the structure of the human frame, and, indeed, any animal endued with life. Whence, I often asked myself, did the principle of life proceed?” (Mary Shelley: Frankenstein. English | German. Übersetzt von Heinz Widtmann. Berliner bilinguale Ausgabe, 2015, S. 31).

[12] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 269f.

[13] Ebd., S. 277f.

[14] Horst Meller: Prometheus im romantischen Heiligenkalender, in: Hans-Joachim Zimmermann (Hg.): Antike Tradition und Neuere Philologien. Symposium zu Ehren des 75. Geburtstages von Rudolf Sühnel, Heidelberg 1984, S. 151-175, S. 168.

[15] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 168.

[16] Im Kapitel über „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 23, Berlin 1962, S. 746.

[17] „If he were vanquished, I should be a free man. Alas! What freedom? Such as the peasant enjoys when his family have been massacred before his eyes, his cottage burnt, his lands laid waste, and he is turned adrift, homeless, penniless, and alone, but free“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 141).

[18] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 127.

[19] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 174f.

[20] Ebd., S. 210.

[21] Ebd., S. 173.

[22] Muriel Spark: Mary Shelley. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Angelika Beck, Frankfurt am Main und Leipzig 1992, S. 211.

[23] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[24] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988, S. 262, S. 40.

[25] Max Horkheimer: Briefwechsel 1941-1948 (Gesammelte Schriften, Band 17). Herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1996, S. 797.

[26] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 138. Im Original heißt es: „I read of men concerned in public affairs, governing or massacring their species. I felt the greatest ardour for virtue rise within me, and abhorrence for vice, as far as I understood the signification of those terms, relative as they were, as I applied them, to pleasure and pain alone“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 93).

[27] „I was not even of the same nature as man“ (ebd., S. 87).

[28] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 145.

[29] „I trust that, by your aid, I shall not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 98).

[30] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 158.

[31] Carol J. Adams: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Übersetzung aus dem Englischen von Susanna Harringer, Wien, Mühlheim a.d. Ruhr 2002, S. 128.

[32] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 147. – Es handelt sich hierbei um eine Anspielung auf das vierte Buch von Paradise Lost, wo es über Satan, der heimlich den Garten besucht, heißt: „horror and doubt distract / His troubled thoughts, and from the bottom stir / The hell within him, for within him hell / He brings, and round about him, nor from hell / One step no more than from himself can fly / By change of place“ (John Milton: Das verlorene Paradies, Werke. Englisch – Deutsch, Frankfurt am Main 2008, S. 168).

[33] „My food is not that of man; I do not destroy the lamb and the kid to glut my appetite; acorns and berries afford me sufficient nourishment. My companion will be of the same nature as myself and will be content with the same fare” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 108).

[34] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), München 2013, S. 159.

[35] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[36] Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 74.

Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung: Übersetzungen

Im Januar 2017 erschien das Thesenpapier des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung. Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier

Der marxistische Philosoph Karl Reitter, bekannt durch seine Arbeit zu Marx und Spinoza, seine Kritik des Zirkulationsmarxismus und als langjähriger Herausgeber der (im Jahr 2014 eingestellten) grundrisse, hat den Text besprochen und kommt zum Ergebnis, „dass dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ein sehr interessantes und fein zu diskutierendes Thesenpapier gelungen ist“. Seine Rezension findet sich hier.

Der ökomarxistische Soziologe Athanasios Karathanassis hatte bereits im September 2017 in der sozialistischen Zeitung vorwärts seine Meinung zu Papier gebracht und die Vereinigung von Marxismus und Tierbefreiung als „längst überfälliges Bündnis“ bezeichnet.

Seit August bzw. Oktober gibt es den Text nun auch in englischer und französischer Übersetzung:

18 Theses on Marxism and Animal Liberation

18 thèses sur le marxisme et la libération animale

Demo: Das Schlachten beenden!

Am 13. Oktober 2018 fand in Zürich die Demo „Das Schlachten beenden!“ statt. Vor Ort wurde dieses Flugblatt der Tierrechtsgruppe Zürich und des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung verteilt:

Das Schlachten beenden!

Heute tragen wir den Protest gegen die Fleischindustrie und ihre Schlachthäuser auf die Strassen von Zürich. Diese Industrie ist verantwortlich für den Mord an unzähligen Tieren, welche tagtäglich mit Bolzenschussgeräten, Stromzangen oder durch Vergasung getötet werden. Sie lässt Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu unmenschlichen Bedingungen schuften und gehört zu den zentralen Verursachern der weltweiten Naturzerstörung.

Mörderische Geschäftspraxis

In der Schweiz werden jährlich über 62 Millionen Tiere für die Produktion von Fleisch getötet. Von Anfang an ist das Leben dieser Tiere von unermesslichem Leid gezeichnet. Sie werden für grösstmögliche Erträge zurecht gezüchtet, gemästet und sterben eines viel zu frühen, menschlich herbeigeführten, schrecklichen Todes. Im Schlachthof Zürich, einem der grössten Schlachthöfe der Schweiz, wird alle 15 Sekunden ein Tier ermordet. Allein in einer Schicht von früh morgens bis zum Mittag sind es bis zu 2000 Kälber, Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen, die getötet, ausgeweidet und halbiert werden. Über 270.000 Tiere im Jahr werden in der Schlachtfabrik beim Letzigrund zu Fleisch verarbeitet. Das Geschäft mit dem Fleisch ist auf einem Berg von Leichen erbaut.

Hinter Tierausbeutung steht das Kapital

Verantwortlich für diese mörderische Praxis sind in erster Linie die Eigentümer und Bosse der Schlachthäuser und Fleischfabriken. Sie betreiben die Tötung von Tieren als rentables Geschäft und verdienen sich dabei eine goldene Nase. Die Chefs der Fleischbetriebe organisieren sich beim Schweizer Fleischfachverband (SFF), welcher seinen Sitz am Sihlquai in Zürich hat. Massgebendste Mitglieder im SFF sind die beiden Branchenprimusse Bell (Coop) und Micarna (Migros), welche die Schweizer Fleischwirtschaft mit ihrer Marktstärke weitaus dominieren. Durch ihre monopolartige Stellung setzen sie zusammen fast die Hälfte der insgesamt 10 Milliarden Franken um, welche hierzulande jährlich mit Fleischwaren erzielt werden.

Zum Schutz ihrer Gewinne sind die Profiteure der Fleischwirtschaft laufend darum bemüht, ihr blutiges Geschäft zu verharmlosen und zu verschleiern. So verbreiten sie das Märchen, die Fleischproduktion sei mit dem Tierwohl vereinbar. Diese Augenwischerei erhält noch kräftige finanzielle Unterstützung durch den Staat. Jedes Jahr spendiert der Bund Steuergelder in Höhe von rund 6 Millionen Franken für die Fleischwerbung.

Miese Jobs und schäbige Löhne

Aber nicht nur die Tiere sind in den Schlachthöfen bloss Mittel zur Profitmaximierung der Fleischbosse, sondern auch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Wer in der Fleischindustrie arbeitet, weiss, was es heisst, einen miesen Job zu haben. Jeder Arbeitsgang wird auf Tempo getrimmt, Fliessbänder und Arbeitsabläufe werden immer schneller. Wer nicht mithalten kann oder wegen des Stresses und der Belastung erkrankt, fliegt raus. Da in der Fleischindustrie immer mehr temporäre Arbeitskräfte für die anstrengende Arbeit in den Schlachtbetrieben angeheuert werden, feuern die Unternehmer Beschäftigte, die aufsässig sind, oder die geforderte Leistung nicht erbringen. Auch Krankentaggelder und andere Sozialabgaben können sich die Fleischunternehmen mit der Anstellung von Temporärarbeitern sparen und entsprechend ihre Profite vergrössern.

Entgegen der Realität in den Schlachtfabriken romantisieren die Profiteure der Fleischindustrie die Tradition des Metzgerhandwerks. Durch diese Masche versuchen sie zu verbergen, was offensichtlich ist: Die Fleischunternehmer machen fette Gewinne, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu miesen Anstellungsbedingungen und schäbigen Löhnen schuften lassen.

Fleischproduktion heisst Naturzerstörung

Doch damit nicht genug. Die Fleischindustrie macht neben Rekordgewinnen auf Kosten von Menschen und Tieren auch globale Rekordwerte im Ausstoss von CO2. Die fünf grössten Fleischbetriebe der Welt stossen mehr Schadstoffe aus als Ölfirmen wie Shell oder BP. Zudem ist der Wasserverbrauch für die Fleischherstellung immens. Für ein Kilo Rindfleisch werden 16.000 Liter Wasser benötigt – vier Mal mehr als für dieselbe Menge Reis. Gleichzeitig sorgt die Fleischindustrie für übersäuerte Böden und verschmutzt das Grundwasser. Auch die Zerstörung des Regenwaldes ist der Tierindustrie geschuldet. Über 40% des südamerikanischen Urwaldes wurde für die Nutztierhaltung gerodet, 22 Millionen Hektar Land dient dem monokulturellen Sojaanbau, wovon über 80% zu Tierfutter verarbeitet wird.

Der Hitzesommer dieses Jahres hat uns spüren lassen, wohin die Reise geht, wenn sich die Erde in Folge des kapitalismusgemachten Klimawandels stetig erwärmt. Wir steuern auf eine unumkehrbare Vernichtung der natürlichen Grundlagen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens zu. Die Fleischproduktion trägt dazu entschieden bei, wenn wir sie nicht endlich stoppen.

Fleischindustrie enteignen, Kapitalismus abschaffen!

Die Bosse der Fleischindustrie werden nicht freiwillig auf ihre Profite verzichten und somit die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur weiter auf die Spitze treiben. Solange die Produktionsmittel in den Händen der Kapitalisten sind und ihrer privaten Bereicherung dienen, wird das Schlachten kein Ende nehmen. Wir fordern deshalb die Enteignung der Fleischindustrie, ihre Überführung in eine vegane Lebensmittelproduktion unter gesellschaftlicher Kontrolle sowie die Entwicklung und Gewährleistung von Umschulungsprogrammen und alternativen Arbeitsplätzen für die betroffenen Lohnabhängigen. Ausserdem fordern wir einen sofortigen Stopp aller Subventionen, welche die Fleischindustrie vom Schweizer Staat jährlich erhält.

Schliesst euch dem Protest an! Gemeinsam gegen die Fleischindustrie!
Schluss mit dem Profit auf Kosten von Mensch, Tier und Natur!

Zürich, 13.10.2018
Tierrechtsgruppe Zürich, Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Einen Demo-Bericht gibt es auf der Website der Tierrechtsgruppe Zürich.

Radiosendung über Marx und Tierbefreiung

„Morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht“ – und jetzt vegan? Die Linksradikalen, Marx und Tierbefreiung

Im österreichischen Anarchistischen Radio hat die Basisgruppe Tierrechte (BAT) eine Sendung über die aktuellen Bestrebungen, Marxismus und Tierbefreiung zu verbinden, gemacht.

Der Podcast lässt sich anhören und herunterladen auf www.a-radio.net.

Der grüne Marx

Christian Stache, Autor des Buches „Kapitalismus und Naturzerstörung“ (2017), über Marx‘ Ökologie; aus der Ausgabe der Schweizer sozialistischen Zeitung Vorwärts zum 1. Mai:

Noch 200 Jahre nach Karl Marx‘ Geburt hält sich hartnäckig das Gerücht über den antiökologischen, sogenannten prometheischen Marx. Sowohl das philosophisch-ideologiekritische Früh- als auch das ökonomietheoretische Spätwerk weisen in die diametral entgegengesetzte Richtung. Marx war der erste Ökosozialist. (…)

Den ganzen Artikel gibt es auf vorwärts.ch.

Gemeinsam gegen die Fleischindustrie

Im Kapitalismus werden LohnarbeiterInnen und Tiere ausgebeutet – höchste Zeit, dass Tierbefreiungsbewegung und revolutionäre Linke ihn auch zusammen bekämpfen. Eine Positionierung vom Bündnis „Marxismus und Tierbefreiung“ im re:volt magazine.

Naturzerstörung, Klimawandel, Tierversuche, Massentierhaltung, „Gammelfleisch“ – es gibt viele gute Gründe, einen radikal anderen gesellschaftlichen Umgang mit Natur und Tieren zu fordern. Wer als Linke oder Linker jedoch die Befreiung der Tiere als Bestandteil einer sozialistischen Bewegung propagiert, erntet schräge Blicke – und zwar von gleich zwei Seiten: Von vielen marxistischen und kommunistischen Linken, weil sie mit Tierbefreiung nichts anfangen können, und von der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, weil sie von Marxismus und sozialistischer Politik nichts wissen will. Trotzdem haben ihre Kämpfe mehr miteinander zu tun, als beide Seiten glauben. Schließlich haben sie den selben Gegner: Das Kapital, das Arbeitskraft, die Natur und Tiere verheizt. MarxistInnen und TierbefreierInnen müssen sich zusammentun, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Profit auf Kosten der ArbeiterInnen, Natur und Tiere

Milliarden Tiere – das heißt leidensfähige Individuen – werden jährlich ausgebeutet und umgebracht. Sie müssen unter Qualen Milch und Eier produzieren, in Zoos und Zirkussen stumpfsinnige Shows vorführen, werden in Laboren gequält und ermordet, oder landen auf dem Teller. Die Fleischindustrie lässt im Akkord töten, verschwendet dafür natürliche Ressourcen wie Wasser und Soja und verpestet die Umwelt und das Klima – Tendenz steigend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2017 in Deutschland ganze 8,11 Mio. Tonnen Fleisch „produziert“ – darunter 57,9 Mio. getötete Schweine, 3,5 Mio. getötete Rinder, rund 1,5 Mio. Tonnen Hühnerfleisch und etwa 20,600 Tonnen getötete Lämmer und Schafe. Der deutsche Markt ist oligopolistisch organisiert: Kleine und bäuerliche Betriebe müssen zusehends schließen, wenige Konzerne – u.a. Tönnies, Vion, Westfleisch – teilen die Mordsprofite unter sich auf. Professionelle Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sorgt für die propagandistische Legitimation des Geschäfts und die Hegemonie der Fleischkultur. Sie soll die Profiteure u.a. als nachhaltig wirtschaftende Unternehmen inszenieren.

Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter haben derweil nichts zu lachen: Sie arbeiten zu Hungerlöhnen unter miesen Bedingungen und werden schikaniert. Der aktuelle Tarifvertrag zwischen der Fleischwirtschaft und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sieht Mindestlöhne von mageren neun Euro vor. Es gibt mittlerweile genug Belege dafür, dass sogar dieser Hungerlohn systematisch von den Konzernbossen unterlaufen wird. Leiharbeit, informelle Beschäftigungsverhältnisse und Werkverträge, die die Löhne noch weiter nach unten drücken, sind die Regel. Gewerkschaftliche Organisierung wird massiv bekämpft, um die NiedriglöhnerInnen – meist ArbeitsmigrantInnen aus Osteuropa – ungestört ausbeuten zu können.

Wie keine andere versinnbildlicht die Fleischindustrie den rücksichtslosen Verschleiß von Mensch, Natur und Tieren durch das Kapital. Für ihre Profite nimmt die Bourgeoisie nicht nur das Ende des Planeten, wie wir ihn kennen, und das Elend der arbeitenden Klasse in Kauf. Sie geht auch buchstäblich über Leichen: Die Ursache der milliardenfachen industriellen Tötung von Tieren für die Fleisch-, Leder-, Milch-, Eier-, Pelzproduktion usw. ist das Kapital, das die Klasse der KapitalistInnen daraus schlägt – nicht bloß das falsche Denken „der“ Menschen über „die“ Tiere, wie Teile der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung meinen. Der Kampf gegen die Tierausbeutungsindustrie, wie ihn Initiativen wie Kampagnen gegen Tierfabriken, LPT Schließen, die Offensive gegen die Pelzindustrie und andere betreiben, ist daher begrüßenswert und fortschrittlich.

Klassenfrage Tierausbeutung

Die marxistische Linke hat zwar begriffen, dass es das systematische Streben der KapitalistInnen nach Profit ist, das Ausbeutung, Imperialismus, Naturzerstörung und millionenfaches Leid verursacht. Ihr Antikapitalismus hat jedoch einen blinden Fleck, wenn sie sich weiterhin weigert, die Frage nach der Befreiung der Tiere als Feld linker und sozialistischer Politik zu begreifen und ernsthaft zu diskutieren. Das Beispiel der Fleischindustrie zeigt, wie eng die Ausbeutung der Tiere mit der sozialen Frage und der Zerstörung der Natur verbunden ist. Dass die Linke sich ihrer bislang kaum angenommen hat, ist nicht nur angesichts der objektiven Bedeutung dieser Branche sowie der durch sie verursachten gravierenden Schädigung allein von Mensch und Natur verwunderlich. Für MarxistInnen gibt es darüber hinaus zwingende Gründe, die Tiere in den Kreis derer aufzunehmen, die es von Ausbeutung und Klassenherrschaft zu befreien gilt.

Für das Kapital sind nicht nur LohnarbeiterInnen, sondern auch Tiere bloß Instrumente der Verwertung: Die einen als Arbeitskraft und variables Kapital, die anderen als Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, sprich konstantes Kapital. Und für beide bedeutet das die schmerzvolle Abstraktion von ihren eigentlichen Bedürfnissen: Sie werden ausgebeutet und leidvoll verschlissen, die Tiere sogar systematisch umgebracht und zerstückelt. Die Interessen beider sind dem Kapital letzten Endes gleichgültig. Sie stehen in objektiver Gegnerschaft zur herrschenden Klasse und sitzen letztlich im selben Boot. Warum prangert man das Leid der einen an, lässt die anderen aber unberücksichtigt?

Dass sich die Ausbeutung von Arbeiterklasse und Tieren qualitativ unterscheidet – Tiere sind keine doppelt freien LohnarbeiterInnen, produzieren keinen Mehrwert und gehören nicht zur Arbeiterklasse – tut dem keinen Abbruch. Nur zum Vergleich: Marxistisch gesehen unterscheidet sich auch die Ausbeutung von SklavInnen qualitativ von jener der Lohnarbeit. Taugt das zum Argument gegen ihre Befreiung? Wohl kaum. Wir meinen: Wer als MarxistIn die Menschheit vom Elend des Kapitalismus befreien will, muss auch die Tiere befreien wollen. Die Arbeiterklasse leidet unter der Herrschaft des Kapitals, und die Tiere tun es nicht minder – also muss der Klassenkampf auch im Interesse beider organisiert werden.

Alles nur Moralismus?

Das halten einige GenossInnen nun für bürgerlichen Moralismus und entgegnen, Leiden und Moral könnten nicht die Grundlage kommunistischer Politik sein. Schließlich sei das Leiden der Menschen ja ein ganz anderes als das der Tiere. Und außerdem haben Marx, Engels, Lenin und andere ja nicht bloß die Leiden der Arbeiterklasse beweint, sondern konkrete Analysen der gesellschaftlichen und historisch-spezifischen Bedingungen und Ursachen dieses Leidens vorgenommen, um dann organisiert für die Interessen der Arbeiterklasse kämpfen zu können. Nicht sentimentale Appelle, sondern wissenschaftliche Analyse war und ist daher die Grundlage revolutionärer Strategie und Politik. Und das stimmt zweifelsohne, dennoch werden hier zwei Dinge übersehen: Erstens ist auch der Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse sehr wohl moralisch angetrieben, und zweitens ist Moral nicht mit Moralismus zu verwechseln.

Man will den Kapitalismus ja nicht abschaffen, weil er den Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert hervorbringt, zur Monopolbildung treibt oder weil ihm der tendenzielle Fall der Profitrate innewohnt. So analysiert man ihn, aber diese Analyse liefert keine Begründung für die Notwendigkeit seiner Abschaffung. MarxistInnen wollen den Kapitalismus abschaffen, weil er Ausbeutung, Verelendung, Konkurrenz, Hunger, Krieg und dergleichen bedeutet – kurz: gesellschaftlich produziertes Leid. Ohne den Drang, dieses zu mildern und aus der Welt zu schaffen, wären auch alle objektiven Widersprüche des Kapitalismus letztlich egal und jeder Klassenkampf gegenstandslos. Insofern ist Leid eine zentrale Kategorie des historischen Materialismus. Auch dem Marxschen Imperativ, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, liegt ein moralischer Impuls zugrunde.

MarxistInnen belassen es jedoch nicht bei diesem Impuls und sind sich immer über die gesellschaftlichen und historischen Grenzen der Moral im Klaren. Einen moralischen Antrieb haben und ihn zum Ausgangspunkt für Analyse und Organisation nehmen – das ist daher etwas ganz anderes als Moralismus, der die Verhältnisse moralisieren muss, weil er ihren inneren Zusammenhang nicht begreift.

Insofern verwundert die Ignoranz, mit der einige Genossinnen und Genossen sich einreden, der Kampf für die Befreiung der Tiere sei per se moralistisch und reine „Privatsache“. Natürlich kann man das Leid der Tiere und das der Menschen nicht gleichsetzen. Daraus aber zu schließen, dass man das eine abschaffen muss und das andere ignorieren darf, ist bürgerlicher Idealismus: man unterschlägt nämlich, dass der Mensch selber auch ein Tier ist (woran Marx und Engels als historische Materialisten übrigens keinen Zweifel ließen) und sich auch in der Leidensfähigkeit nur graduell vom Tier unterscheidet. Die Verachtung für das Mitleid mit den Tieren ist also vor allem eins: doppelmoralisch, antimaterialistisch und bürgerlich. Ihr liegt dieselbe Kälte zugrunde, mit der die Bürgerlichen auf den Wunsch der Linken nach Freiheit, Solidarität und Frieden herabsehen.

Tierausbeutung ist heute fortschrittsfeindlich

Darüber hinaus ist der Fortbestand der Fleisch- und Tierindustrie heute objektiv irrational und zivilisationsfeindlich. Die großindustrielle Ausbeutung der Tiere ist nicht nur längst überflüssig, sondern mittlerweile ein Hindernis für die Weiterentwicklung der menschlichen Gattung: Für die „Produktion“ von Fleisch verbraucht sie wichtige Ressourcen wie Getreide und Wasser, die wir anders viel besser einsetzen könnten. Sie holzt den Regenwald ab, um Flächen für den Anbau von Tierfutter für weidendes Schlachtvieh zu schaffen. Gleichzeitig gilt die Fleischindustrie u.a. als ein Hauptverursacher des Klimawandels. Mit dem massenhaft produzierten Billigfleisch der imperialistischen Zentren werden zudem periphere Ökonomien überschwemmt und zerstört. Damit trägt die Fleischindustrie zur Vernichtung von Existenzgrundlagen bei und zwingt Menschen zum Verlassen ihrer Länder.

Ohne Frage waren Fleischkonsum und die Domestikation von Tieren wichtig für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das ist allerdings kein Argument, sie hier und heute noch fortzuführen. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte macht es nötig und problemlos möglich, die Menschheit zu ernähren und zu kleiden, ohne dabei auf die Ausbeutung und Tötung von Tieren zurückzugreifen. Die ökologischen und sozialen Vorteile ihrer Abschaffung liegen auf der Hand. Sowohl moralisch als auch ökonomisch ist es daher geboten, die industrielle Tötung und den Verschleiß der Tiere zu beenden.

Fleischindustrie enteignen – Kapitalismus abschaffen!

Die Tierbefreiungsbewegung und die sozialistische Linke führen den gleichen Kampf: Die einen für die Befreiung der lohnabhängigen Klasse, die anderen für die Befreiung der Tiere – und beide gegen die Bourgeoisie, weil sie ArbeiterInnen und Tiere zu bloßen Mitteln der Kapitalverwertung degradiert. Sie müssen sich zusammentun und eine revolutionäre Politik für die Befreiung von Mensch, Tier und Natur entwickeln. Dazu müssen die einen begreifen, dass die Tiere zwar nicht Subjekt, wohl aber Objekt der Befreiung seien müssen; und die anderen müssen ihre Vorbehalte und mitunter antikommunistischen Vorurteile gegenüber marxistischer Gesellschaftskritik ablegen und ihre Politik auf ein radikales, antikapitalistisches Fundament stellen.

Eine erste gemeinsame Forderung könnte die Enteignung der Fleisch-KapitalistInnen sowie die Vergesellschaftung und Konversion ihrer Industrie sein. Warum nicht zusammen den Umbau der Tier-Industrie im Sinne einer ökologisch nachhaltigen, vernünftigen Produktion unter planmäßiger Kontrolle der Gesellschaft fordern? Angesichts der horrenden Ausbeutungsverhältnisse in den Tierindustrien, ihrer Zerstörung von Umwelt und Klima und des täglichen Massenmords an Tieren wäre es längst an der Zeit.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Aktiven der marxistischen Linken und Tierbefreiungsbewegung, welcher seit 2014 besteht und sich um die Vereinigung von linker und Tierbefreiungspolitik auf einer revolutionären, historisch-materialistischen Grundlage bemüht. Das Bündnis beteiligt sich an Veranstaltungen der Tierbefreiungsbewegung sowie der sozialistischen Linken und publiziert außerdem eigene Flyer und Texte wie das ausführliche Thesenpapier „Marxismus und Tierbefreiung“. Vom 30. März bis 1. April organisiert es in Hamburg eine Osterakademie unter dem Motto „Die Zukunft der Bewegung – Tierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation“.

Osterakademie: Die Zukunft der Bewegung

Vom 30. März bis zum 1. April findet in Hamburg eine Osterakademie zum Thema „Die Zukunft der Bewegung: ierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation“ statt.

Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung ist gegenwärtig mit mindestens drei Herausforderungen konfrontiert:

Trotz umfangreichen, vielfältigen Aktivismus und vereinzelter Erfolge gerät sie im Kampf mit den politischen und ökonomischen Profiteuren der Tierausbeutung zusehends ins Hintertreffen. Die Fleisch- und andere Tierindustrien blühen, ihre willigen Vollstrecker in den Staatsapparaten sorgen für politische und ideologische Rückendeckung und die entsprechende Kultur feiert – wie etwa die Pelzmode – fröhliche Urständ. Dennoch führt die „Bewegung“ keine strategischen und organisatorischen Diskussionen, sondern hält am Eingeübten und einst Bewährten fest. Unsere Proteste vereinzeln, die politische Wirkung versiegt, noch bevor sie sich entfalten könnte. Zu jedem Zirkus eine Demo, vor jedem Laden eine Kundgebung, zu jedem Thema eine Kampagne – seien sie auch noch so aussichtslos und die Beteiligungen gering.

Gleichzeitig greifen etablierte Institutionen, wie z.B. Staatsapparate, Parteien, Stiftungen, Zeitungen, Universitäten usw., die verschiedenen Forderungen einzelner Bewegungsakteure auf. Dies erscheint zunächst positiv. Mit dieser Entwicklung ist allerdings auch die Gefahr der politischen Neutralisation verbunden. Ob Fortschritt oder nicht – die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung reagiert darauf bislang überwiegend unkritisch affirmativ. Hauptsache „aktiv für die Tiere“ lautet scheinbar die Devise. Dabei haben etwa die Heinrich-Böll-Stiftung oder die DIE LINKE keineswegs per se die Absicht, etwas für die Tiere oder die Tierbefreiungsbewegung zu tun. Sie verfolgen ihre eigenen Interessen, für deren Durchsetzung politische Bewegungen und AktivistInnen bisweilen eher nützliche IdiotInnen statt BündnispartnerInnen sein sollen. Ganz zu schweigen von den social-media-affinen Ich-AGs und NGOs, für die Tiere und das Mitleid mit ihnen in erster Linie eine lukrative Geschäftsidee sind. Auch die vegane Sub- und Gegenkultur wird durch Unternehmer wie Attila Hildmann, mit jedem entpolitisierten Konsumfest und jeder Konzern-Kooperation Schritt für Schritt dem bürgerlichen Lifestyle preisgegeben.

Schließlich erodiert allmählich das ohnehin sehr brüchige inhaltliche und politisch-strategische Fundament der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Auf Großereignissen der Bewegung wie bei Bündnistreffen klammert man Widersprüche eher aus, als sie auszutragen. Politische Bildung geht nicht über den rudimentären alltagstauglichen Polit-Wortschatz hinaus. Organisationsdebatten münden in die Vermessung bewegungs- und gruppeninterner Wohlfühlzonen. So nimmt es nicht Wunder, dass schwer erkämpfte politische Positionen nach innen und außen unterminiert werden, mühselig erarbeitete linke gesellschaftskritische Theoriebestände versickern und von wissenschaftlich und gesellschaftlich genehmen, liberalen Human-Animal-Phrasen überlagert werden. In logischer Konsequenz wird u.a. die ALF aus der Bewegung heraus als „gewalttätig“ dämonisiert, Tierschutz als Ziel des Kampfes für die Tiere akzeptabler, historischer Materialismus und Marxismus werden plump denunziert und das bürgerliche Recht sogar als Verhandlungsgrundlage zur „Befreiung“ der Tiere akzeptiert.

Auf diese Herausforderungen müssen wir politisch und organisatorisch reagieren, wenn wir wollen, dass die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung nicht den Weg der Affirmation beschreitet, sondern den der Opposition durch revolutionäre Realpolitik. Nur letzterer bietet die Möglichkeit, wieder Erfolge zu erringen und gleichzeitig die Perspektive für die Befreiung von Mensch und Tier zu verbessern.

Mit der Osterakademie 2018 möchten wir, das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung, dazu beitragen, die skizzierten Probleme anzugehen und Argumente für die richtige Richtungsentscheidung zu sammeln. Mit Workshops, einführenden Vorträgen und Podiumsdiskussionen mit Gästen aus der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wollen wir Lösungsvorschläge debattieren und organisatorische Perspektiven entwickeln.

Programm, Gäste, Formalitäten der Teilnahme und Anmeldung unter osterakademie.jimdo.com.

Tierethik-Comic

Kürzlich ist im Wilhelm Fink Verlag das Werk „Tierethik – Der Comic zur Debatte“ erschienen. Die Texterin Julia Kockel und der Zeichner Oliver Hahn zeichnen die Debatten um das Tier von der Antike bis heute nach. Sie stellen tierethische, tierrechtliche und Positionen der Tierbefreiung vor und befassen sich mit der Frage nach den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen für eine angewandte Ethik zwischen Mensch und Tier. Dabei nehmen sie auch aufs Antispeziesismus-Buch Bezug und zitieren etwa Max Horkheimer, Henry Stephens Salt oder Leonard Nelson.

Das Buch hat eine eigene Facebook-Seite. Weitere Informationen zum Buch und verschiedene Leseproben finden sich beim Verlag.

Das große Schlachten: Upton Sinclairs „The Jungle“

Als im Jahr 1905 Upton Sinclairs Enthüllungsroman „The Jungle“ erschien, lösten die darin geschilderten Produktionsbedingungen im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, einen Skandal aus. Die Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist heute nötiger denn je.

Herbst 1902, New York: Der 24-jährige Upton Sinclair erhält vom Sozialisten Leonard Abbott einige Broschüren überreicht, die er mit wachsender Begeisterung liest. Es sei gewesen „wie der Zusammenbruch von Gefängnismauern, die meinen Geist umschlossen gehalten hatten“, wird er später rückblickend schreiben, denn: „Es waren tatsächlich noch andere da, die dachten wie ich, die das sahen, was auch mir nach und nach klar geworden war: des Übels Kern lag darin, daß die gesamtgesellschaftlichen Schätze, die von der Natur geschaffen sind und die jeder zum Leben braucht, den Balgereien des Marktes und dem Delirium der Spekulation unterlagen.“

Zwei Jahre später charakterisiert der junge Schriftsteller sich selbst als „red-hot radical“, und diese politische Überzeugung wird fortan zu einer der Haupttriebfedern seines literarischen Schaffens. Er schließt sich der Sozialistischen Partei Amerikas an, die um die Jahrhundertwende im Aufschwung begriffen ist: Eine der wichtigsten Zeitungen der Sozialisten, Appeal to Reason, hat Auflagen von über einer halben Million. „Die erste Berührung in seinem neuen Leben mit den Phänomenen der Ausbeutung der Massen durch eine monopalartige Schlüsselindustrie ergab sich durch einen brutal niedergeschlagenen Streik der Schlachthofarbeiter in Chicago im Sommer 1904. Sinclair schrieb einen flammenden Aufruf, der im Appeal to Reason erschien und in 30 000 Sonderdrucken in den Schlachthöfen verteilt wurde“, berichtet Dieter Herms in seiner Einführung ins Leben und Werk Sinclairs. Der Herausgeber des Appeal liest Sinclairs kurz vorher veröffentlichten Roman Manassas, den er wegen der gelungenen Darstellung der Sklaverei lobt, und bietet Sinclair ein bescheidenes Stipendium an, um nunmehr den Roman über die moderne Lohnsklaverei zu schreiben, der dann in Fortsetzungen im Appeal erscheinen soll. „Sinclair nahm an, und es begann die Entstehung des Buches, das Jack London, der einzige andere Sozialist unter den prominenten zeitgenössischen Schriftstellern, später als ,Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei‘ apostrophieren sollte“, so Herms.

„Der ,Appeal‘ war ein ,Propaganda‘-Blatt mit ganz eigener Note – schmissig und spritzig, voll Pfeffer und auch voll Slang. Er sammelte Nachrichten über das Treiben der ,Plutos‘ und setzte sie dem ,amerikanischen Arbeitsgaul‘ als Futter vor“, heißt es dann auch in besagtem Roman, der „den amerikanischen Arbeitern“ gewidmet ist. Die Rede ist von Sinclairs mit Abstand berühmtestem Werk: The Jungle. Zu Recherchezwecken begibt er sich nach Chicago unter die rund 20 000 Arbeiter des Fleisch-Trusts im damals Packingtown genannten Areal. Zu diesem Zeitpunkt kontrollieren sechs große Gesellschaften praktisch die gesamte Fleischverarbeitung in den USA, mit Chicago als Zentrum. Sinclair berichtet: „Mir schien, als stünde ich vor einer wahren Festung der Unterdrückung. Wie diese Mauern durchbrechen oder abtragen? Es war ein militärisches Problem. Ich saß abends in den Wohnungen der Arbeiter, der ausländischen wie der einheimischen; sie berichteten und ich notierte alles. Tagsüber durchforschte ich die Schlachthöfe und meine Freunde riskierten den Arbeitsplatz, um mir zu zeigen, was ich sehen wollte.“

Der Gott der Schweine

Union Stock Yard & Transit Co., Chicago: Die größte Fleischfabrik der Welt. Beginnend mit dem Sezessionskrieg bis in die 1920er-Jahre hinein werden hier mehr Tiere getötet als an jedem anderen Ort der Welt. „Die industrielle Revolution mag in England begonnen haben, aber in Chicago fand die zweite grundlegende Umwälzung der Moderne statt. Eine Umwälzung, die die Essensgewohnheiten genauso wie die Geruchs- und Geschmacksempfindungen der Menschen ein für alle Mal verändern sollte: die Industrialisierung der Viehzucht und der Viehverarbeitung, an deren Ende Fleisch in Paketen steht, das durch nichts an das ursprüngliche Tier erinnert“, so ein Artikel zum Thema in einem Wirtschaftsmagazin. Das Fließband – assembly line –, Sinnbild für die moderne Warenproduktion, ist zunächst eine disassembly line: Tierkörper hängen an einer rund laufenden Kette, so dass die Schlachtarbeiter sich nicht bewegen müssen. Das auf diese Weise erfolgte Zerlegen geschlachteter Tiere im Akkord dient als Vorbild des späteren fordistischen Fabrikmodells.

In The Jungle wird das, mit Blick auf die Tiere, folgendermaßen beschrieben: „Alles erfolgte derart methodisch, daß man gebannt zuschaute. Es war Schlachten per Fließband, Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik. Dennoch konnte selbst der unsentimentalste Mensch nicht umhin, an die Tiere zu denken. Sie waren so arglos, trotteten so vertrauensselig herbei, wirkten in ihrem Protest so menschlich – und waren mit ihm so im Recht! Sie hatten nichts verbrochen, womit sie das verdient hätten, und zu dem Unrecht kam noch die Demütigung, die kaltblütige, unpersönliche Weise, wie man sie hier ins Jenseits beförderte, ohne auch nur die Vorspiegelung einer Abbitte, ohne Opferung einer einzigen Träne. Gewiß, die Zuschauer weinten schon manchmal, aber diese Schlachtmaschine lief ja auch, wenn gar keine da waren. Was hier vor sich ging, war wie ein Verbrechen, das in einem Verlies begangen wird, unbemerkt und unbeachtet, vor aller Augen verborgen und sogleich aus dem Bewußtsein verdrängt. Man konnte nicht lange zusehen, ohne ins Philosophieren zu kommen, ohne auf Gleichnisse zu verfallen, Sinnbilder zu sehen und das Schweinequieken des ganzen Alls zu hören. Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihre Leiden entschädigt werden? Jedes dieser Schweine stellte doch ein Geschöpf für sich dar; manche waren rosa, andere schwarz oder braun, wieder andere gefleckt; manche waren alt, manche jung, manche waren rank und schlank, manche dick und fett. Und jedes hatte seine Individualität, seinen eigenen Willen, seine Wünsche und Hoffnungen; jedes besaß Selbstgefühl und Würde. Vertrauensvoll und stark im Glauben war es seinen Geschäften nachgegangen, während die ganze Zeit ein schwarzer Schatten über ihm schwebte und ein schreckliches Verhängnis seiner harrte. Und jetzt schlug dieses Schicksal plötzlich zu, kam wie ein Raubvogel herabgestürzt und packte es am Bein. Brutal vollzog es seinen Willen an ihm, gefühllos gegen alles Protestieren und Schreien des Tieres, so als hätte dieses überhaupt keine Empfindungen – es schnitt ihm die Kehle durch und schaute zu, wie es sein Leben aushauchte. Sollte man da nun glauben, daß es nirgendwo einen Gott der Schweine gebe, dem diese Schweinepersönlichkeit teuer ist, dem diese Schreie und Todesqualen etwas bedeuten? Der das Schwein dann in die Arme nimmt und es tröstet, der es für sein wohlgetanes Werk belohnt und ihm den Sinn seines Opfers klarmacht? Ein Schimmer von all dem war wohl auch in den schlichten Gedanken unseres Jurgis, als er sich zum Weitergehen mit den anderen wandte und murmelte: ,Dieve – was bin ich froh, kein Schwein zu sein!‘“

Der inkarnierte Geist des Kapitalismus

Das Schicksal des jungen litauischen Einwanderers Jurgis Rudkus steht im Zentrum des Romans, der mit einer Szene beginnt, in welcher er und die 15-jährige Ona im Kreis der Familie heiraten. Zunächst noch geblendet vom „amerikanischen Traum“, wird Jurgis mehr und mehr desillusioniert werden. Anfangs kommt er aus dem Staunen über die beeindruckende, von Menschenhand erbaute Tötungsmaschinerie gar nicht mehr heraus: In den Yards gibt es 250 Meilen Eisenbahnschienen, auf denen jeden Tag rund zehntausend Rinder angeliefert werden, die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe – was bedeutet, dass hier im Jahr acht bis zehn Millionen Tiere zu Fleisch verarbeitet werden. Die Ankunft von Rindern wird folgendermaßen beschrieben: „Gruppenweise wurden die Rinder auf die Rampen getrieben, etwa fünf Meter breiten massiven Stegen, die über den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog ein nicht abreißender Strom von Tieren dahin; es war geradezu unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendrängten, ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt, und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos; sie dachten nur daran, wie großartig das alles organisiert sei.“ Mit der Zeit aber durchschaut Jurgis das kapitalistische survival of the fittest, das in den Yards in geradezu idealtypischer Weise zu beobachten ist: „Er hatte jetzt erkannt, wie es um ihn her zuging: Krieg aller gegen alle, und den letzten beißen die Hunde“, heißt es im Roman; der Fleisch-Trust sei „die Verkörperung blinder, gefühlloser Habgier“ und „ein mit tausend Rachen schlingendes, mit tausend Hufen stampfendes Ungeheuer – der inkarnierte Geist des Kapitalismus.“ Der Umgang der Menschen miteinander ist an diesem Ort besonders roh: „Um hier im Schlachthofviertel eingeschlagene Schädel wird wenig Aufhebens gemacht, denn Männern, die tagaus, tagein Tieren den Schädel einschlagen, scheint das zu einer Gewohnheit zu werden, die sie zwischendurch auch an ihren Freunden und manchmal sogar an ihren Familien praktizieren.“

Buchstäblich der gesamte Körper des Tieres fällt hier der kapitalistischen Verwertungslogik anheim: „Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet – bloß für das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden“, bekommt Jurgis gleich zu Beginn erklärt. Was das wirklich bedeutet, findet er – oder vielmehr Sinclair – schnell heraus: „Zu Zeiten des alten Durham habe jeder, der eine neue Fälschung ausknobelte, von ihm ein Vermögen bekommen können, sagte Jurigs‘ Gewährsmann, jetzt aber sei es schwer, sich noch etwas Neues auszudenken, hier, wo schon so viele schlaue Köpfe so lange am Werk sind, wo die Leute sich freuen, wenn ihre Mastrinder Tuberkulose bekommen, weil sie dann schneller fett werden, und wo man in den Lebensmittelgeschäften des ganzen Landes alle liegengebliebene und ranzig gewordene Butter aufkauft, sie mittels eines Druckluftverfahrens ,oxydiert‘, um ihr den Geruch zu nehmen, sie dann mit abgerahmter Milch neu buttert und schließlich abgepackt in den Großstädten verkauft!“ Die Fabrik habe im ganzen Land Agenten, die alte und kranke Tiere für die Verarbeitung zu Büchsenfleisch auftriebe. Da würden Rinder angeliefert, die über und über mit Geschwüren bedeckt seien, und diese Tiere zu schlachten, sei eine eklige Arbeit, denn stoße man das Messer in sie hinein, platzten die Euterbeulen auf und spritze einem ihr stinkender Inhalt ins Gesicht. Man munkelt, dass allein für die tuberkulösen Rinder und für die in den Güterzügen an Cholera krepierten Schweine wöchentlich zweitausend Dollar Schweigegelder gezahlt werden. Trächtige Kühe werden geschlachtet, die ungeborenen Kälber herausgenommen und wie normales Fleisch verarbeitet. Die Schinkenpastete besteht aus Abfällen von geräuchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu können, aus Gekröse, das chemisch gefärbt ist, damit es nicht weiß durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned Beef, aus Kartoffeln und knorpeligen Rindergurgeln. Verdorbenes Fleisch wird von mit zweitausend Umdrehungen in der Minute laufenden Messern zerhackt und einer halben Tonne anderem Fleisch untergemengt, so dass sich von seinem fauligen Geruch nichts mehr merken lässt. In die Wurstmasse wandert alles Mögliche: „Aus Europa kamen alte Würste zurück, die man nicht losgeworden war und die einen weißen Schimmelbelag hatten – sie wurden mit Borax und Glyzerin behandelt und dann noch mal durchgedreht, um schließlich im Inland verkauft zu werden. Fleisch, das auf den Fußboden gefallen war, in den Schmutz und das Sägemehl, auf dem die Arbeiter herumgetrampelt waren und in das sie Milliarden Tuberkulosebazillen gespuckt hatten, wanderte ebenso in die Fülltrichter; desgleichen das Fleisch, das gestapelt in den Hallen lagerte, wo von lecken Dächern Wasser drauf tropfte und Tausende von Ratten auf ihm herumhuschten. Um etwas zu erkennen, war es dort zu dunkel, aber wenn man mit der Hand über diese Fleischstapel fuhr, konnte man wahre Mengen von getrocknetem Rattenkot hinunterfegen. Die Ratten waren eine Plage, und man legte vergiftetes Brot aus, woran sie krepierten, und dann kamen Ratten, Brot und Fleisch zusammen in die Trichter. Das ist kein Märchen und auch kein Witz.“

Wie ein empfindungsloses Lasttier

Die Arbeiter werden so gnadenlos ausgebeutet, dass der Begriff der Lohnsklaverei angemessen ist. „An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Strafbuch des Aufsehers“, schreibt Karl Marx im Kapital über das moderne Fabriksystem, und entsprechend heißt es in The Jungle: „Die Bevölkerung hier, ganz aus Proletariat und zumeist aus Ausländern bestehend, stand immer am Rande des Verhungerns und hing in bezug auf ihre Überlebensmöglichkeiten von den Launen von Männern ab, die keinen Deut weniger brutal und skrupellos waren als seinerzeit die Sklavenschinder; unter solchen Umständen war die Unmoral so unvermeidlich und genauso weitverbreitet wie unter dem System der Sklaverei. Was sich in den Fabriken da tagtäglich tat, läßt sich gar nicht wiedergeben; es fiel nur nicht so auf wie einst, weil Herren und Sklaven sich nicht in der Hautfarbe unterschieden.“ Im Winter bitterkalt, werden die schmutzigen Schlachthallen im Sommer zu reinsten Fegefeuern; einmal fallen an einem einzigen Tag drei Männer tot um, getroffen vom Hitzschlag. 15 oder 16 Stunden Arbeit pro Tag sind nicht ungewöhnlich, und diese Arbeit ist so gefährlich, dass sich ständig Unfälle ereignen. Die Rede ist etwa von Schnittwunden, die sich infizieren, verlorenen Fingernägeln, von Säure zerfressenen Händen, abgetrennten Körperteilen. Der ungeschützte Umgang mit Chemikalien macht die Arbeiter krank – doch wer ausfällt, kann umgehend ersetzt werden, denn vor den Fabriken wartet eine ganze Armee von Arbeitssuchenden. In den Kochereien befinden Brühkessel sich auf gleicher Höhe mit dem Fußboden – das „Berufsleiden“ der Menschen, die dort arbeiten, besteht laut Sinclair darin, „in diese Kessel zu fallen, und wenn man sie herausfischte, war nicht mehr genug von ihnen übrigen, das vorzeigenswert gewesen wäre. Manchmal blieb so ein Unfall tagelang unbemerkt, und inzwischen waren sie dann, mit Ausnahme der Knochen, schon als ,Durhams Feinschmalz‘ in die Welt hinausgegangen!“

Durch die Umstände sieht Jurgis sich schließlich gezwungen, die schlimmste Arbeit anzunehmen, die es hier gibt, und zwar in der Düngerfabrik, deren dunkle Hallen „gespenstischen Beinhäusern“ gleichen. Sinclair schreibt: „In diesen Teil der Yards kamen die Rückstände aus den Brühkesseln und alle möglichen Abfälle; hier wurden die Knochen getrocknet – und in stickigen Kellern, in die nie das Tageslicht drang, konnte man Männer, Frauen und Kinder sehen, die sich über rotierende Maschinen beugten und Knochenstücke in verschiedene Formen zersägten; sie atmeten dabei den feinen Staub in ihre Lungen, und einer wie der andere wurden sie in absehbarer Zeit zu Todeskandidaten.“ Als Jurgis neben weiteren Familienmitgliedern Frau und Kinder verliert, als er ins Gefängnis kommt, wo er Steine klopfen muss, sieht er die „zivilisierte Welt“ klarer als je zuvor: Es handle sich um eine Welt, „in der nur die brutale Macht zählte, eine Ordnung, die sich die Besitzenden zur Unterdrückung der Besitzlosen erdacht hatten. Er gehörte zu den letzteren, und alles ringsum, das ganze Leben war für ihn ein einziger Käfig, in dem er auf und ab lief wie ein gefangener Tiger, der es an einem Gitterstab nach dem anderen versucht, sie aber sämtlich für seine Kräfte zu stark findet.“ Schon zuvor vegetierte er aufgrund der stumpfsinnigen Arbeit „dahin wie ein empfindungsloses Lasttier, war sich immer nur des Augenblicks bewußt“; „sie hatten ihn auf den Müll geworfen wie Unrat, wie ein krepiertes Tier“, wird nun seine Empfindung im Gefängnis beschrieben, und: „Hinter Gitter steckten sie ihn, als wäre er ein wildes Tier, ein Wesen ohne Vernunft, ohne Rechte, ohne Herz und Gefühl. Nein, nicht einmal ein Tier hätten sie so behandelt!“

In der ersten Phase des industriellen Kapitalismus hat sich ein neuer Typus von Gefängnis entwickelt, „als die arbeitenden Klassen zu ,gefährlichen Klassen‘ wurden und die Gefängnisanstalten sich mit einer heterogenen Bevölkerung zu füllen begannen, die aus sozialen Gestalten bestand, die den neuen Modellen der Disziplin zuwiderhandelten“, so der Historiker Enzo Traverso; es sind Gefängnisse, „in denen die Arbeit, die häufig keinerlei produktiven Zweck besaß, ausschließlich mit dem Ziel konzipiert wurde, zu quälen und zu erniedrigen“. Fabrik und Gefängnis: Beide seien, meint Traverso, gekennzeichnet vom gleichen Prinzip des Einschlusses, von der Disziplin der Zeit und des Körpers, der rationalen Teilung und Mechanisierung der Arbeit, der Unterordnung der Körper unter die Maschinerie. „Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln“, schreibt Marx im Kapital. „Elzbieta war ein Teil der Maschine, die sie bediente, und jede Fähigkeit, die nicht für die Maschine gebraucht wurde, war zum Verkümmern verurteilt“ heißt es entsprechend in The Jungle. Wir haben es hier zu tun mit dem Übergang von der alten Arbeiterklasse der verschiedenen Berufe zum „Massenarbeiter“, der ungelernt und jederzeit ersetzbar ist.

Ein Schwein im Besitz der Fabrikanten

Hier zeichnet sich eine Entwicklung ab, die der US-amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor, der als Begründer der Arbeitswissenschaft gilt, später mit seinem „Scientific Management“ theoretisiert hat. Wenn, so Traverso, eine der historischen Bedingungen des modernen Kapitalismus in der Trennung der Arbeiter von ihren Arbeitsgeräten bestehe, so habe der Taylorismus eine neue Etappe eingeführt, die sich dadurch auszeichne, dass dem Arbeiter die Kontrolle des Arbeitsprozesses weggenommen werde, wodurch der Weg für die Serienproduktion des fordistischen Systems geebnet worden sei. Das angestrebte Ideal: Ein hirnloser Arbeiter, bar jeder geistigen Autonomie, allein dazu befähigt, mechanisch standardisierte Handlungen zu verrichten – in Taylors eigenen Worten ein „Ochsenmensch“ oder ein „dressierter Gorilla“. „Kurzum, es handelte sich um ein entmenschlichtes und entfremdetes Wesen, um einen Automaten“, fasst Traverso zusammen.

Die Entmenschlichung des Proletariats im Zuge dessen, was Traverso als Klassenrassismus bezeichnet, hat eine lange Tradition. Er verweist etwa auf die Interpretation der Pariser Kommune in Begriffen der Zoologie in einem Artikel des Schriftstellers Théophile Gautier vom Oktober 1871, in dem es heißt: „In allen großen Städten gibt es Löwengruben, mit dicken Absperrungen geschlossene Höhlen, in die man die wilden Tiere, die stinkenden Tiere, die giftigen Tiere, alle jene widerspenstigen Perversitäten sperrt, die die Zivilisation nicht zu zähmen vermochte, jene, die das Blut lieben, jene, die das Feuer wie ein Feuerwerk amüsiert, jene, die sich am Diebstahl erfreuen, jene, für die der Angriff auf die Scham Liebe ist, alle Monster des Herzens, alle Missgestalten der Seele; die schmutzige Bevölkerung, die am Tag unbekannt ist und die in den Tiefen der unterirdischen Dunkelheit unheimlich krabbelt. Eines Tages vergisst ein vergesslicher Tierbändiger seine Schlüssel zu den Toren dieser Menagerie, und die wilden Tiere stürzen sich mit wildem Geschrei in die vom Schreck heimgesuchte Stadt. Aus den offenen Käfigen springen die Hyänen von 1793 und die Gorillas der Kommune.“

In The Jungle tritt zu einem Zeitpunkt, als der Streik der Schlachtarbeiter dafür gesorgt hat, dass der Preis für Fleisch um 30 Prozent gestiegen ist, der Fabrikdirektor vor die Tür, droht den Arbeitern mit der Faust und brüllt: „Ihr seid weggelaufen wie die Ochsen, und wie die Ochsen kommt ihr auch zurück!“ Um die Streikenden zu ersetzen, werden schnell neue Belegschaften aufgebaut, etwa durch Schwarze aus den Baumwollgebieten des tiefen Südens, „die man wie Schafe in die Fabriken trieb“. Weiter heißt es: „In diesen tierischen Kampf aller gegen alle, in diesen Dschungel waren die Männer hier hineingeboren worden, ohne daß man sie gefragt hatte; sie nahmen daran teil, weil ihnen keine andere Wahl blieb“, und: „Jeden Tag fischte das Schleppnetz der Polizei Hunderte von ihnen von den Straßen, und in der Verwahrungsanstalt konnte man sie sehen, zusammengepfercht in einem Inferno en miniature, mit häßlichen, tierischen Gesichtern, aufgedunsen und von venerischen Krankheiten gezeichnet, lachend, schreiend, kreischend in allen Stadien der Trunkenheit, wie Hunde kläffend, schnatternd wie Affen, im Delirium tobend und sich selbst zerfleischend.“

Als der Hauptprotagonist sich gegen Ende des Romans den organisierten Sozialisten anschließt, lesen wir: „Jurgis erinnerte sich, wie er kurz nach seiner Ankunft in Chicago beim Schweineschlachten zugeschaut, es grausam und brutal gefunden und sich dann beglückwünscht hatte, kein Schwein zu sein. Jetzt machte ihm sein neuer Bekannter klar, daß er damals doch eines gewesen sei – ein Schwein im Besitz der Fabrikanten: Aus dem Schwein wollen die den höchstmöglichen Profit herausholen, und genauso wollen sie das auch aus dem Arbeiter und aus der Gesellschaft. Was das Schwein davon hält und was es leidet, bleibe außer Betracht, und dieselbe Einstellung hätten sie auch gegenüber dem Arbeiter und dem Käufer von Fleisch. Das sei überall auf der Welt so, aber in Packingtown zeige es sich in konzentrierter Form; Schlachten scheine ganz besonders roh und grausam zu machen. Jedenfalls würden für die Fabrikanten hundert Menschenleben leichter wiegen als ein Cent Profit.“

Der Mensch braucht kein Fleisch

„Arbeiter, ihr seid von Jugend an dazu erzogen, ihr schleppt euch weiter ab wie die Lastesel und denkt nur ans Heute und an dessen Plagen. Ist aber einer unter euch, der glauben kann, dieses System werde ewig weiterbestehen?“, fragt ein Redner in einer Versammlung von Sozialisten, die Jurgis besucht. Das Leben sei ein „Kampf ums Dasein“, der Starke bezwinge den Schwachen und werde seinerseits von dem noch Stärkeren bezwungen. Die Verlierer in diesem Kampf gingen im Allgemeinen zugrunde, doch hin und wieder hätten sie bekanntlich überlebt, und zwar dann, wenn sie sich zusammengeschlossen hatten – und dadurch eine neue und höhere Art von Stärke erreichten. Auf diese Weise hätten sich in der Natur die Herdentiere gegen die Raubtiere gehalten und in der Geschichte der Menschheit die Untertanen gegen die Könige durchgesetzt. Der Arbeiter sei der Untertan der Industrie, die sozialistische Bewegung der Ausdruck seines Überlebenswillens; es sei Aufgabe der Sozialisten, das Volk aufzuklären und zu organisieren, es auf jene Zeit vorzubereiten, „da es die Fleisch-Trust genannte riesige Maschine in Besitz nehmen und dazu benutzen wird, Menschen Nahrung zu verschaffen, statt einer Bande von Piraten Reichtümer anzuhäufen“. Die Produktionsmittel zur Herstellung lebenswichtiger Güter müssten Gemeineigentum sein und demokratisch verwaltet werden, und dies sei nur mittels der klassenbewussten politischen Organisation der Lohnarbeiter zu erreichen. Seien die Schlüsselindustrien einmal vergesellschaftet, müsse es darum gehen, die Versorgung der Bevölkerung systematisch und rationell zu organisieren.

Heißt das, dass in den Fabriken, wären sie in Arbeiterhand, weiter geschlachtet werden würde wie bisher und die Erzeugnisse nur gerechter verteilt würden? Nicht, wenn es nach der sozialistischen Utopie geht, die Sinclair in The Jungle entwirft. Denn die Tierindustrie ist eben nicht rational, im Gegenteil findet hier eine riesige Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft statt. Schon August Bebel wusste: „Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche durch Viehzucht Fleisch erzeugt werden kann“, und George Bernard Shaw, ein Freund und Förderer Sinclairs und sicher einer der bekanntesten vegetarischen Sozialisten, sagte über das Essen von Fleisch, dass es auch eine „Versklavung der Menschen“ mit sich bringe: „Kühe und Schafe mit ihrer Dienerschaft von Geburtshelfern, Viehzüchtern, Schafhirten, Fleischern, Milchmädchen und so weiter beanspruchen eine Menge menschlicher Arbeitskraft, die man der Aufzucht und Betreuung von Menschen widmen sollte.“

Entsprechend lässt Sinclair am Schluss des Buches einen Sozialisten namens Schliemann sagen, es sei „erwiesen, daß der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. Doch was macht’s – Hauptsache, es kitzelt den Gaumen!“ Wie der Sozialismus das denn ändern könne, fragt jemand. Solange es Lohnsklaverei gibt, erwidert Schliemann, „spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder abstoßend eine Arbeit ist – es läßt sich ja leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen. Man wird die schmutzigen und ungesunden Fabriken eine nach der anderen abreißen – neue zu bauen wird billiger sein; man wird die Dampfschiffe mit automatischer Feuerung ausrüsten und überhaupt alle gefährlichen Berufe ungefährlich machen oder aber für ihre Erzeugnisse Ersatz finden. Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will, selber schlachten muß – und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?“

Nachwirkungen

The Jungle ist ein Tatsachen- und Enthüllungsroman. Während er ab Februar 1905 in Fortsetzungen im Appeal to Reason erschien, bemühte Sinclair sich zugleich um eine Vertragsvereinbarung für die Veröffentlichung als Buch. Diverse Verlage lehnten das Buch ab oder verlangten von ihm, „Blut und Eingeweide“ herauszulassen, sprich, das Werk um brisante Stellen zu kürzen, was der Autor ablehnte. Der Verlag Doubleday, Page & Company, der einen Bestseller witterte, beauftrage einen Reporter des Chicago Tribune damit, den Wahrheitsgehalt des Romans zu begutachten. In einem 32-seitigen Papier wurden Sinclairs Schilderungen der Schlachthöfe zurückgewiesen. Als der Verlag daraufhin einen eigenen Reporter nach Chicago entsandte, stellte sich heraus: Das Papier war vom Publicity-Agenten des Fleisch-Trusts persönlich angefertigt worden! So erschien der Roman Ende Februar 1906, wurde tatsächlich ein sofortiger Bestseller und machte Sinclair mit einem Schlag im ganzen Land bekannt – die realistisch geschilderten Einzelheiten der Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Eins der ersten Exemplare schickte Sinclair an Präsident Roosevelt, woraufhin dieser ihn nach Washington einlud; das Ergebnis des Treffens: Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um erneut zu recherchieren, diesmal im Auftrag des Weißen Hauses. Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Schilderung bestätigte – mit einer Ausnahme, wie Dieter Herms schreibt: „Es gab keine Evidenz für die Behauptung, daß Arbeiter, die in die Brühkessel gefallen waren, als ,Armours Feinschmalz‘ in die Welt hinausgingen.“

Für Herms legitimiert der tatsächliche Aufschwung der Socialist Party zwischen 1904 und 1912 den geradezu hymnischen Schluss des Romans, wo es heißt: „Wir werden die Feinde unserer Klasse überrennen und sie vor uns herjagen – und Chicago wird unser sein!“ Die Gewerkschaftsbewegung auf dem Sektor der Fleischverarbeitung war in dieser Zeit noch zu schwach, und, so Herms, „zu sehr unterminiert von Spitzeln und Agenten, um erfolgreich sein zu können. Erst um 1918/1919 sollte es gelingen, dem mächtigen Rindfleisch-Imperium Armour and Company, das im Roman als ,Durham’s‘ abgebildet ist, die Anerkennung der Gewerkschaft abzutrotzen.“ Die Wahlerfolge der Sozialistischen Partei dagegen, deren linkem Flügel Sinclair zu dieser Zeit angehörte, waren zwischen 1902 und 1912 so beeindruckend, dass eine Regierungsverantwortung durchaus im Bereich des Möglichen lag. Allerdings: Was als Agitationsmittel für den Sozialismus gedacht war, kam bei den Massen in erster Linie als Anklage gegen die katastrophalen Zustände in der Fleischindustrie an. „Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen“, kommentierte Sinclair daher wiederholt die Wirkung seines Buches.

Die unmittelbare Wirkung des Romans war also keineswegs revolutionär – vielmehr zog sie Reformen nach sich, konkret eine Bundesgesetzgebung über hygienische Fleischverarbeitung. Die Bekanntgabe der Ergebnisse der von Präsident Roosevelt in Auftrag gegebenen Untersuchung der Zustände in der Fleischverarbeitung hatte zunächst den Effekt, dass im Juni 1906 der amerikanische Fleischabsatz in Europa schlagartig zurückging, was den Zusammenbruch der Lobby des Fleisch-Trusts im US-Kongress einleitete. Bereits am 26. Mai hatte der Bundessenat das Gesetz gebilligt; in der New York Times erschien daraufhin die Schlagzeile: „Direkte Folge der Enthüllungen in Upton Sinclairs Roman“. Einen Monat später verabschiedete der Kongress die – allerdings durch zahlreiche Kompromisse verwässerte – Vorlage des Senats. „Die Wirkung des Jungle reduzierte sich letzten Endes auf jenen Ausschnitt von Lebensqualität, der durch das Essen einiger konservierter Fleischsorten bestimmt ist“, resümiert Dieter Herms.

Das war ganz gewiss nicht das, was Sinclair im Sinn hatte, als er The Jungle schrieb. Allerdings machte der Schriftsteller in späteren Jahren eine Entwicklung durch, die ihn letztlich von seinen einst sehr radikalen Positionen stark abrücken ließ; dem alten Sinclair der späten 1960er-Jahre schließlich bescheinigt Herms, nach 50 Jahren erbarmungslosem Bloßlegen der inneren Bewegungsmechanismen des Großkapitals, nach 50 Jahren des Kampfs für die Sache der Unterdrückten und Ausgebeuteten des „anderen Amerika“, am Ende doch „Frieden gemacht zu haben mit dem amerikanischen Imperialismus“. Obschon selbst zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 30 Jahren Vegetarier – Sinclair lehnte „jede fleischliche Kost ab“ und sei „immerhin mit seiner Reis- und Früchte-Diät neunzig Jahre alt“ geworden, wie Herms berichtet –, habe er am Ende seiner Autobiografie, die 1962 erschien, unter den zehn wichtigsten Leistungen seines Lebens auch aufgelistet, dass The Jungle dabei geholfen habe, „daß gutes Fleisch auf die Tische der Amerikaner gekommen sei und die Schlachthofarbeiter starke Gewerkschaften erhielten“. 1967, ein Jahr vor seinem Tod, war Sinclair bei der Unterzeichnung des „Wholesome Meat Act“ durch Präsident Lyndon B. Johnson anwesend, einem Gesetz, das sich direkt auf die durch seinen Roman erzwungenen Reformen sechzig Jahre zuvor bezog, und ließ sich wegen dessen bahnbrechenden Wirkung im Weißen Haus ehren. Der greise Autor betonte stets, dass die von ihm 1905 beschriebenen Zustände längst überwunden seien: „Seitdem haben wir den ,New Deal‘ und den ,Fair Deal‘ gehabt; die Arbeiter in den Schlachthöfen haben starke Gewerkschaften und soviele soziale Vergünstigungen, daß man darüber ein neues Buch schreiben könnte“, meinte er.

Und heute?

Heute leben wir in einer Zeit, in welcher der Kapitalismus seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten hat, was nicht nur mit zahlreichen sozialen Verwerfungen, sondern auch mit einer über alle Maße gesteigerten Ausbeutung der Natur und der Tiere einhergeht. Die massive Verschwendung und die verheerenden Umweltzerstörungen, welche die Tierindustrie zu verantworten hat, sind längst allgemein bekannt. Doch weiterhin wird „im Sekundentakt geschlachtet, immer schneller, immer billiger, immer schmutziger“; hierzulande wird das Gemetzel „von einer Geisterarmee aus Osteuropa“ erledigt, wie es Die Zeit ausdrückt. „Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere“, schreibt die Wochenzeitung über die „Schattenwelt“ der osteuropäischen Schlachtarbeiter in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Morgens ziehen sie dann in einen der Schlachtbetriebe, „die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl“. Unter der Überschrift „Lohnsklaven in Deutschland“ berichtet die Süddeutsche Zeitung: „Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.“ Sinclairs „Dschungel“ ist längst schon wieder Realität.

Eine Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist nötiger denn je. Politik, die heute fortschrittlich sein will, muss mehr wollen als nur die schlimmsten Auswüchse der Tierindustrie zu beschneiden. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel – dringend. Die Vereinten Nationen stellten angesichts des massiven Raubbaus an der Erde, den die Tierindustrie betreibt, und des Klimawandels, den sie zu einem großen Teil mit zu verantworten hat, schon im Jahr 2010 fest, dass eine wirkliche Verringerung der Auswirkungen nur noch mit einer grundsätzlichen, weltweiten Ernährungsumstellung weg von Tierprodukten möglich wäre. Wir brauchen eine neue Bewegung, welche die Konversion der Tierindustrie zum Ziel hat, denn, wie es im kürzlich veröffentlichten Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung heißt: „Objektiv ist die Ausbeutung der Tiere heute nicht nur unnötig, sondern irrational und antifortschrittlich. Sie sorgt für einen massenhaften und steigenden Verbrauch von etwa Wasser oder Soja, die nicht für sinnvolle Zwecke, sondern zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern eingesetzt, und erst recht nicht rational verteilt werden. Die ökologischen Schäden durch Rodungen von Regenwäldern, monokulturellem Anbau oder Wasserverschmutzung sind bereits heute zum Teil irreparabel. Wer also meint, die Fleischproduktion ignorieren oder sie sogar in einen sozialistischen Betrieb überführen zu können, sitzt jenem naiven und romantisierten Bild industrieller Lebensmittelproduktion auf, das die Lobbygruppen des Kapitals von ihr zeichnen. Der Umbau der Lebensmittel- und Fleischindustrie zu einer ökologisch nachhaltigen, veganen und gesellschaftlich geplanten Produktion wäre demgegenüber eine zeitgemäße sozialistische Forderung.“

In The Jungle hält ein Sozialist eine flammende Rede, in der es heißt: „Denn ich spreche für die Millionen, die ohne Stimme sind! Für die Unterdrückten, die niemand tröstet! Für die vom Leben Enterbten, für die es keine Ruhe und keine Erlösung gibt, für die die Welt ein Kerker ist, eine Folterkammer, eine Gruft!“ Eine fortschrittliche sozialistische Bewegung darf damit heute nicht mehr nur die Menschen meinen, die unter dem Kapitalismus leiden – sie muss auch für die Tiere sprechen, die in diesem System ausgebeutet werden. Sie muss den Weg weisen in eine wahrhaft menschliche Gesellschaft, in der endlich Schluss gemacht wird mit dem großen Schlachten.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf der Antispeziesismus-Facebook-Seite erschienen.

Zitierte Literatur:

Upton Sinclair: Der Dschungel. Roman. Aus dem Amerikanischen von Otto Wilck, Reinbek bei Hamburg 1985

Dieter Herms: Upton Sinclair – amerikanischer Radikaler. Eine Einführung in Leben und Werk, Jossa 1978

Enzo Traverso: Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors. Aus dem Französischen von Paul B. Kleiser, Stuttgart 2003

Matthias Rude: Antispeziesismus: Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013

Thesenpapier: Marxismus und Tierbefreiung

Bislang hat sich weder die marxistische Linke für die Befreiung der Tiere stark gemacht, noch hat sich die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung legt in in einem neu veröffentlichten Thesenpapier dar, warum eine theoretische und praktische Vereinigung beider Kämpfe trotzdem nicht nur möglich, sondern politisch notwendig ist. In 18 Thesen wird begründet, weshalb der Antispeziesismus marxistisch sein muss und umgekehrt der Marxismus die Befreiung der Tiere nicht länger von seiner politischen Agenda ausschließen darf. Dabei wird einerseits aufgezeigt, dass die in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung dominierenden politisch-theoretischen Strömungen – bürgerliche Moralphilosophie, liberale Rechtskritik und linksliberale poststrukturalistische Herrschaftskritik – die Ausbeutung der Tiere nicht hinlänglich erklären und deshalb auch praktisch nicht mit ihr fertig werden können. Andererseits wird gezeigt, dass die Marxisten selbst in Ideologie zurückfallen, wenn sie eine Demarkationslinie zwischen der Befreiung des Proletariats und der Befreiung der Tiere ziehen. Beide politischen Bewegungen verkennen bisher, dass sie den selben Gegner haben – die Klasse der Kapitalisten.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Organisationen und Einzelpersonen aus der Tierbefreiungsbewegung sowie der kommunistischen Linken.

Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.

Die Druckversion des Thesenpapiers wird in der Schweiz zum ersten Mal am 14. Januar 2017 an der Veranstaltung Das Andere Davos 2017 an einem Infostand der Tierrechtsgruppe Zürich im Volkshaus erhältlich sein.

In Deutschland bekommt man die Broschüre zeitgleich an einem Infostand des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung auf der XXII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier.




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