Archiv der Kategorie 'Theorie: Antispeziesismus'

Vortrag: „Die Tierfrage in linker Tradition und Gegenwart“

Im Rahmen der Linken Hochschultage an der Universität Zürich hält Matthias Rude, Autor des Ende September erscheinenden Buches über Antispeziesismus in der theorie.org-Reihe, am 12. Oktober einen Vortrag zum Thema „Die Tierfrage in linker Tradition und Gegenwart“.

Buch „Antispeziesismus“ erscheint im September

In der theorie.org-Reihe des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erscheint im September 2013 der Band zum Thema Antispeziesismus unseres Aktivisten Matthias Rude. Mitunter ging es noch einmal bunt zu beim zweiten Korrektur-Durchgang der Druckfahnen; doch nun kann das Buch endlich in den Druck gehen!
Auf der Website der theorie.org-Reihe findet sich seit seit Kurzem eine aktualisierte Beschreibung des Bandes, welche auch den Rücken des Buches zieren wird.
Alles rund um den Band „Antispeziesismus“ in der theorie.org-Reihe wird unter https://www.facebook.com/Antispeziesismusbuch gesammelt und veröffentlicht werden.

Buch „Antispeziesismus“ bei „theorie.org“

Im Moment korrigiert der Autor noch die Druckfahnen, doch das Buch „Antispeziesismus“ in der theorie.org-Reihe wird in wenigen Wochen erscheinen!
Es gibt bereits die ersten Erwähnungen in der Presse – in einem Artikel mit dem Titel „Tiere sind keine Ware“ in der linken Tageszeitung Neues Deutschland schreibt die Journalistin Susann Witt-Stahl:

Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht zuletzt die Geschichte der lückenlosen Ausbeutung der Natur – und des Widerstands dagegen. Die moderne Tierschutzbewegung entstand nicht zufällig im Mutterland der Industrialisierung. 1824 wurde sie in Großbritannien mit der Gründung der weltweit ersten Tierschutzorganisation »Society for the Prevention of Cruelty to Animals« aus der Taufe gehoben. Ihre vorwiegend aus dem Bürgertum stammenden Initiatoren hatten sich aber nur auf die Fahnen geschrieben, die zu Ware und Produktionsmitteln verdinglichten Tiere vor »unnötiger« Quälerei und allzu roher Behandlung zu bewahren. Sie richteten Tierheime für »herrenlose« Haustiere ein, wie sie bis heute von Tierschutzvereinen betrieben werden.
Diese Institutionen gelten als Vorläufer der Tierasyle und Lebenshöfe. Deren Träger sind allerdings weniger von bürgerlichen als von sozialistischen Weltanschauungen beeinflusst. Es gibt noch eine »›geheime‹ – vergessene, verdrängte – Geschichte«, schreibt der Philosoph Matthias Rude in seinem Buch »Antispeziesismus«. Der Begriff bezeichnet die Ablehnung jeglicher mit der Gattungszugehörigkeit begründeten Unterdrückung von Lebewesen.
Angehörige der ausgebeuteten Klassen, die im 19. Jahrhundert in den Bergwerken und Manufakturen schufteten, hätten, so Rude, Gemeinsamkeiten in den Kämpfen für die Befreiung des Menschen und der Tiere entdeckt und einen Blick auf die geschundene Kreatur entwickelt, »der von Identifikation und Solidarität geprägt war«.
Der Marxist und Mitbegründer der Kritischen Theorie Max Horkheimer knüpfte Anfang der 1930er Jahre an diese, fast verloren gegangene revolutionäre Perspektive an. In seinem Aphorismus »Der Wolkenkratzer« werden Tiere als Geknechtete und Ausgebeutete reflektiert: »Unterhalb der Räume, in denen millionenweise die Kulis der Erde krepieren«, so der Sozialphilosoph Horkheimer, befinde sich die »Tierhölle« – ein gigantischer Schlachthof, der das Fundament der Bausünde bildet, die bis heute Denkmal des vorerst gescheiterten Zivilisationsprozesses ist.

Vortrag zum Geist-Natur-Dualismus

Kritik des Geist-Natur-Dualismus from Errico Malatesta on Vimeo.

Den Vortrag zum Geist-Natur-Dualismus und seinen Erscheinungsformen von Susann Witt-Stahl von der Assoziation Dämmerung (ehemals Tierrechts Aktion Nord) gibt es nun als Video – das Richtige für alle, die sich einführend mit antispeziesistischer Theorie, der Grundlage einer kritischen Theorie der Tierbefreiung, Adorno und Horkheimer beschäftigen wollen. Nebenbei streift Susann als Beispiel für Ideologie auch die Aktion Kirche für Tiere (AKUT) und die sogenannten „Antideutschen“. Der Vortrag wurde 2007 auf den Tierrechtstagen Recklinghausen aufgenommen.
Vielleicht ist für den einen oder die andere dieser Vortrag auch eine gute Einstimmung zur Herbstakademie der Assoziation Dämmerung „Tierbefreiung und revolutionäre Realpolitik“.

Weshalb wir gegen Tierversuche sind

Unser Redebeitrag bei der gestrigen Demonstration gegen Affenversuche:

Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, sind eine Gruppe von Menschen aus der Tübinger Linken. Als Schwerpunkt unserer politischen Arbeit haben wir die Kritik am Speziesismus gewählt – dem Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jeder Ideologie, die dieses legitimiert und verschleiert. Weshalb? Wir finden, es ist an der Zeit, die Forderung nach gesellschaftlicher Befreiung und nach einem Ende von Ausbeutung nicht länger auf die Menschen zu beschränken, denn damit trifft man eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen, der weit über die menschliche Spezies hinausreicht. Wir sind damit keineswegs die ersten; wir sehen uns in einer langen linken Tradition von Ansätzen für die Befreiung von Mensch und Tier. Die Bewegung zur Befreiung der Tiere sieht ihre Forderungen traditionell als logische Fortsetzung und Konsequenz der großen emanzipatorischen Imperative. Die Geschichte zeigt, dass diejenigen Menschen, die sich organisierten, um eine Verbesserung der elenden Situation der Tiere in der menschlichen Gesellschaft zu bewirken, durchweg auch Teil anderer Befreiungskämpfe waren: Sie stritten etwa gegen monarchistische Willkürherrschaft, für Menschenrechte, gegen die Sklaverei, für die Emanzipation der Frauen, für die Belange der lohnabhängigen Massen oder waren im antifaschistischen Widerstand aktiv. Aber sie gingen weiter, für sie war klar: Befreiung hört nicht beim Menschen auf. Im Gegensatz zu vielen visionären Kämpferinnen und Kämpfern früherer Generationen wären wir heute in der Lage, den Gedanken der Tierbefreiung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu machen, denn die Ausbeutung von Tieren ist auf dem technischen Stand unserer Gesellschaft objektiv unnötig geworden. Dennoch wird sie fortgesetzt und sogar zum industriell rationalisierten, durchorganisierten System gesteigert.

Die kapitalistische Gesellschaft gleicht einer riesigen Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur; diese findet ihren sinnfälligsten Ausdruck im Herrschaftsverhältnis gegenüber den Tieren. Das Mensch-Natur- und das Mensch-Tier-Verhältnis der westlichen Kultur, das im Zuge der Europäisierung der Erde dominant geworden ist, ist ein in seinem Ursprung patriarchales, und ist durch und durch von Herrschaft geprägt. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno drücken dies in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung folgendermaßen aus: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt.“ Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung: Sie wird von der menschlichen Vernunft, die zum bloßen Instrument der Herrschaft degradiert worden ist, geordnet, kategorisiert, eingeteilt, um sie besser beherrschen und ausbeuten zu können. Andere Tiere treten der menschlichen Wahrnehmung zunehmend weniger als Individuen, als vielmehr nur noch als bloße Vertreter ihrer Gattung gegenüber. So geht etwa das Versuchstier „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“, wie Adorno und Horkheimer schreiben.

Die Autoren der Dialektik der Aufklärung, die viel Einfluss etwa auf die Studentenbewegung und damit auf die Neuen Sozialen Bewegungen hatten, analysieren, dass der Mensch im Prozess seiner Befreiung das Schicksal mit der übrigen Welt teilt. So ist die Geschichte der Anstrengungen des Menschen, die Natur zu beherrschen, auch die Geschichte der Herrschaft des Menschen über den Menschen. In die Sphäre des Natürlichen, die es zu beherrschen gilt, fallen nicht nur die Tiere, sondern traditionell auch die zu beherrschende Frau und der zu unterjochende Fremde: Sexismus, Rassismus und Speziesismus hängen untrennbar miteinander zusammen und bedürfen einer gemeinsamen Lösung. Eine befreite Gesellschaft zu erreichen, ohne auch die Tiere zu befreien, ist deshalb ein Widerspruch in sich. Tatsächlich ist Tierbefreiung Voraussetzung und Resultat menschlicher Befreiung. Aus diesem Grund kämpfen wir gegen jegliche Tierausbeutung, die im Tierexperiment mit ihren grausamsten Ausdruck findet.
Die Abgrenzung zu anderen Tieren war besonders wichtig für das Heraustreten des Menschen aus der Natur: „Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus“, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit sei dieser Gegensatz „von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens“ immer wieder bestätigt worden, dass dieser Gegensatz wie nur wenige weitere Ideen bis heute zum Grundbestand der westlichen Anthropologie geworden sei. Diejenigen, die die Ablösung der Beobachtung freilebender Tiere durch das Laborexperiment vorgenommen haben, haben diesen Gegensatz „bloß scheinbar vergessen“. In Wahrheit aber bestärken sie ihn – denn das Tierexperiment vermag weder etwas über das Tier in Freiheit, noch etwas über den Menschen an sich auszusagen; tatsächlich offenbart diese Praxis vor allem, wie sehr der Mensch im Kapitalismus sich selbst und der Natur entfremdet wurde.

Horkheimer und Adorno schreiben über Tierexperimentatoren: „Daß sie auf die Menschen dieselben Formen und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art. Der Schluß, den sie aus verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. […] Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. […] Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. […] Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, daß sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß.“
Wir danken euch, dass wir heute mit euch und eurem Protest „rechnen“ konnten. Wir hoffen, dass wir euch mit diesem Einblick in unsere Theorie zeigen konnten, weshalb es für uns unabdingbar ist, die Befreiung der Tiere nicht unabhängig von jener des Menschen zu betrachten und andersherum. Tierexperimente sind ein Ausdruck einer Form von Herrschaft, die uns alle verletzt – diese Praxis ist Teil unserer Unfreiheit, da sie dazu beiträgt, unser Verhältnis zu den Tieren und jenes zu anderen Menschen zu verstümmeln. Sie gehört deshalb, ohne Wenn und Aber, abgeschafft.

Mehr Fotos von der Demonstration auf unserer Facebook-Seite.

Ein Video von der Demonstration gibt es hier.

Wir haben die Antispeziesistische Aktion Tübingen im Jahr 2007 gegründet, um unserem Anliegen, die Befreiung von Mensch und Tier voranzutreiben, effektiveren Ausdruck zu geben. Wir beteiligen uns nicht nur seit 2009 an der Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche, sondern arbeiten auch an der linken Theorie der Tierbefreiung und auf eine größere Organisierung der Tierbefreiungsbewegung hin. Ein Buch zum Thema, geschrieben von einem unserer Aktivisten, erscheint in Kürze.

Wenn ihr Interesse daran habt, bei unserer Gruppe mitzumachen, kommt zum offenen Treffen am Donnerstag, 16. Mai 2013, um 19 Uhr im Infoladen im Keller der Schellingstraße 6.

Zur Psychologie einer Ideologie: „Fleisch“

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Bild: Hartmut Kiewert. Zu unserem Interview mit dem Maler.

Im Zuge ihrer Doktorarbeit hat die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Schlachter, Fleischhauer und auch Menschen, die ihre eigenen Tiere aufziehen und schlachten, interviewt. Ihre Erkenntnis war, dass wir es mit viel mehr zu tun haben als nur mit individuellen Meinungen, wenn es um das Thema Fleischindustrie geht: Wir folgen einem unsichtbaren Glaubenssystem. Diese Ideologie, welche mit dem Essen von Fleisch verbunden ist, nennt Joy „Karnismus“ – und bezeichnet damit letztlich einen Teil des Speziesismus.
In einem heute veröffentlichten Interview mit der österreichischen Tageszeitung Der Standard finden sich einige bemerkenswerte Sätze, mit denen die Psychologin die speziesistische Ideologie der herrschenden Kultur demaskiert. So sagt sie etwa: „Wir neigen dazu, nur Ideologien zu benennen, die abseits des Mainstreams liegen. Doch auch hinter dominanten Kulturen liegt eine Ideologie verborgen. Es ist diese Mentalität von Dominanz und Unterwerfung, die es ermöglicht, ‚jemanden‘ in ‚etwas‘ zu verwandeln. Oder ein Leben in eine Produktionseinheit zu verwandeln.“ Sie betont, dass die Nutztiere dabei nur die offensichtlichsten Opfer darstellen – doch auch die menschlichen Opfer werden außerhalb des öffentlichen Bewusstseins gehalten: Auch die Arbeiter in Schlachtbetrieben seien teilweise Opfer, in den USA seien es zum Beispiel sehr oft Immigranten. Diese Arbeit ist sehr riskant und so gefährlich, dass Human Rights Watch im Jahr 2005 in einem Bericht einen einzigen Industriezweig kritisiert hat, dessen Arbeitsbedingungen so entsetzlich sind, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden – es handelte sich um die Fleischindustrie.
Joy macht auch auf die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Unterdrückungsformen aufmerksam – sie ist der Meinung: „Wenn wir es nicht schaffen, die Mechanismen zu erkennen, die allen gewalttätigen Ideologien zugrunde liegen, sind wir dazu verdammt, die Gräuel in anderen Erscheinungsformen immer wieder zu reproduzieren.“ – Über die beiden folgenden Sätze Joys dürfen ruhig auch Menschen nachdenken, die sich oftmals für ganz besonders emanzipatorisch und progressiv halten, die Ausweitung des Solidaritätsgedankens auf die Tiere und die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie zu leben gezwungen sind, aber ablehnen und die Tierbefreiungsbewegung deshalb angreifen: „Veganismus und Vegetarismus sind eine Bewegung, die zwar gerade erblüht, aber dennoch von einer Minderheit gelebt wird. Leute können abfällige Bemerkungen über Vegetarier und Veganer machen, die völlig inakzeptabel wären, wenn es um das Thema Religion oder Geschlecht gehen würde.“

Die Psychologin Melanie Joy ist Autorin des Buches „Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows“. Sie studierte in Harvard und ist derzeit Psychologin, Lebenstrainerin und Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston.

Zum Interview mit Melanie Joy: derstandart.at

Carnism Awareness & Action Network: Was ist Karnismus?

Revolutionärer Antispeziesismus

Unser Flugblatt Revolutionärer Antispeziesismus: Die Befreiung von Mensch und Tier ist jetzt online.

Revolutionärer Antispeziesismus ist ein Prozess der Befreiung des Menschen und des Tiers aus Unterdrückung und Ausbeutung. Er setzt sich deshalb gegen die Ausbeutungsmaschinerie Kapitalismus und dessen Verwertungslogik ein. Diese versucht aus allen natürlichen Rohstof­fen und aus der menschlichen Arbeitskraft das Maximale herauszuholen. Sie achtet dabei nicht auf die entstehenden Schäden, wie Leid und Umweltzerstörung; sie zwingt Menschen, sich selbst und ihre Arbeitskraft unter Wert zu verkaufen.
Das Ziel von antispeziesistischer Arbeit, wie wir sie verstehen, besteht in der Überwindung ka­pitalistischer Verwertungszwänge und jedem anderen Ausbeutungsverhältnis. (…)
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Ankündigung: Vortrag „Unity of Oppression und Intersektionalität“

Dienstag, 25.10., 19 Uhr, Tübingen, Volkshochschule:

In den frühen 1990ern hielten in der radikalen Linken durch den Feminismus angestoßene Überlegungen über die Mehrfachunterdrückung (durch Sexismus, Rassismus und Kapitalismus) Einzug, die Mitte der 1990er durch die Tierrechtsbewegung um die Kategorie „Spezies“ bzw. „Nicht-Mensch“ im Unity-of-Oppression-Konzept erweitert wurden. Während dieser Ansatz in den letzten zehn Jahren an Gewicht verloren hat, boomt inzwischen eine ähnlich gelagerte Diskussion in wissenschaftlichen Kreisen, die Parallelen zur Unity-of-Oppression-These der Tierrechtsbewegung aufweist: Die Intersektionalität. Dabei geht es um die Analyse von Verbindungen zwischen verschiedenen Formen der Ungleichheit, Benachteiligung etc. und deren Einbettung im Kapitalismus. In dieser Veranstaltung soll der Werdegang von Triple Oppression zur Unity of Oppression nachgezeichnet und das Modell der Intersektionalität dargestellt und in Hinblick auf seine Relevanz für die Analyse von gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen ausgeleuchtet werden.

Andre Gamerschlag ist der Überzeugung:

Der Kapitalismus hat mit seiner Marktlogik Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens – im Neoliberalismus wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Auch Speziesismus ist in ihm so eingeschrieben, dass die moderne Tierausbeutung nicht ohne die Analyse marktwirtschaftlicher Mechanismen begriffen werden kann.
Speziesismus ist auf vielfältige Weise mit anderen Herrschaftsformen verbunden sowie im Kapitalismus eingebettet. Zwar gab es schon immer Tierausbeutung, aber die heutige Form, in ihrer qualitativ und quantitativ entsetzlichen Ausprägung, ist ein Produkt des Kapitalismus. Er hat ganze Industrien mit modernen „Errungenschaften“ wie Massentierhaltung und Fließbandtötung hervorgebracht.
Wer Tierausbeutung alleine abschaffen will, stößt spätestens bei den kapitalistischen Zwängen an Grenzen.

Text zum Thema:
Unity-Of-Oppression, Intersektionalität und die Verwobenheit von Speziesismus mit menschenbezogenen Herrschaftsformen

Über den Referenten:
Andre Gamerschlag ist Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Methoden der Sozialforschung, Gender Studies, Intersektionalität und Human-Animal Studies. Seit 2004 ist er aktiv in der Tierrechtsbewegung und seit 2007 bei die tierbefreier e.V., free animal e.V. und in der Redaktion der „Tierbefreiung“ – gamerschlag.info.

Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf

Die Tierrechts Aktion Nord (TAN) war eine der ältesten und wichtigsten Protagonistinnen der Tierbefreiungsbewegung in Deutschland. Die TAN gründete sich 1987, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen; seitdem war die Gruppe mit spektakulären Aktionen – wie der Besetzung der Rinderspaltanlage im Hamburger Schlachthof 1988 –, Go-ins, Jagdsabotagen und als Unterstützergruppe der Animal Liberation Front (ALF) aktiv gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren für u.a. die Lebensmittel-, Bekleidungs- und Kulturindustrie.
Seit Einsetzen des durch den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und die Gründung der Berliner Republik ausgelösten Degenerationsprozesses weiter Teile der deutschen Linken sah die TAN zudem die Notwendigkeit einer fundamentalen Ideologiekritik an deren kläglichen Restbeständen, vor allem an opportunistisch zu AntikommunistInnen gewendeten Ex-Linken, die sich zentralen Ideologemen des Neokonservatismus verschrieben haben.1 Die Theoriearmut der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung als Schwachstelle erkennend fokussierte TAN ihr Engagement auf die Erarbeitung von Grundlagen für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere auf Basis der Werke von Marx und Engels und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ein wichtiges Dokument dieser Entwicklung ist der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Sammelband Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere mit einem Vorwort von Moshe Zuckermann.
Dass sich im Nachvollzug dieser Theorien das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, zur inneren und äußeren Natur als ein arbeitsvermitteltes und in der warenproduzierenden Klassengesellschaft historisch zu erkennendes offenbart, lieferte den Grundstock dafür, gesellschaftliche Kämpfe um Mensch, Arbeit und Natur nicht länger als nur irgendwie und teilweise ineinander übergehende zu denken, sondern sie auf ihren gemeinsamen Nenner zu bringen und auch als entsprechend vermittelte zu benennen. Für die Gruppe liegt politisch und theoretisch genau darin die Chance, vom bloß subversiven Lebensentwurf zu einer praktischen Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge zu kommen und von einer „Szene“ zur politischen Bewegung zu werden.
Als Konsequenz aus ihren theoretischen Reflexionen der letzten Jahre hat die Gruppe nun beschlossen, eine Umbenennung, verbunden mit einer neuen politischen Agenda, vorzunehmen. Am 27. August lud die TAN zu einer Diskussionsveranstaltung nach Hamburg, um bekannt zu geben, dass es die Gruppe in ihrer bisherigen Form bald nicht mehr geben wird. Die Begründung lautete: „Als Konsequenz unserer Theoriearbeit, den politischen Erfahrungen mit der deutschen Tierrechtsbewegung, wie sie derzeit besteht, und den verheerenden Entwicklungen der gesellschaftlichen Verhältnisse werden wir unsere Politik verändern und uns auch umbenennen. Wir treten auch weiterhin für die Befreiung von Mensch und Tier ein. Unser Verständnis der Bedingungen des Streitens für dieses Ziel hat sich jedoch erweitert. Die Veränderung unserer Gruppe bedeutet daher auch einen Schritt heraus aus der heutigen Tierbefreiungsbewegung, den wir mit einer expliziten Kritik an ihr verbinden. Die neuen Wege, die wir gehen wollen, befinden sich jenseits einer ruinierten deutschen Linken, die nichts von Tierbefreiung wissen will, sowie den Antispe-Autonomen und anderen bürgerlichen TierrechtlerInnen, für die die Befreiung der Gesellschaft oftmals nur ein Lippenbekenntnis ist. Damit wird TAN nach knapp 25 Jahren nicht aufgelöst, sondern in neuer, angemessener Form fortgesetzt.“

Die Themenblöcke bei der Diskussionsveranstaltung, an der auch VertreterInnen der Antispeziesistischen Aktion Tübingen teilnahmen, lauteten:

1. Ideologiekritiker oder „autonome Antispes“? Fallstricke in der
 Theorie des vulgären Antispeziesismus

2. Die Tiere befreien – aber nicht vom Kapitalismus?

3. Revolutionäre Realpolitik – Verhältnis zur deutschen Linken und zu bürgerlichen Organisationen

4. Solidarität und Aufklärung statt Denunziantentum und Anti- Intellektualismus – Die politische Kultur der Tierbefreiungsbewegung

Zu 1.: „Autonomer Antispeziesismus“ wurde als idealistisch, antihistorisch, als individualistisch und konsumistisch und letztlich als Ideologie kritisiert. Die Hauptfokussierung auf Themen wie die vegane Lebensweise oder die Sprachdekonstruktion zeuge von einer Entpolitisierung der Szene.
In diesem Zusammenhang wurde auch herausgestellt, dass nach marxistischem Verständnis der Unterschied zwischen Mensch und Tier ein gradueller, historischer ist, der auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zurückzuführen ist und so weder schon immer existent war, noch überall gleich ist. Nicht dieser graduelle Unterschied zwischen Mensch und Tier bilde den Speziesismus, sondern dessen Verabsolutierung – d.h., dass nicht jede Unterscheidung zwischen Mensch und Tier speziesistisch ist, sondern die absolute Abgrenzung des Menschen vom Tier bezüglich fast aller Eigenschaften. Als historisch real gewordene, durch die gesellschaftliche Organisation der Arbeit gemachte Differenz sei der Unterschied zwischen Mensch und Tier auch nicht einfach in poststrukturalistischer Manier, etwa durch den Hinweis, man müsse dualistische Ideologien überwinden oder einen nicht-speziesistischen Sprachgebrauch erfinden, zu „dekonstruieren“. Der Mensch-Tier-Dualismus sei nicht die Grundlage der Ausbeutung – das wäre idealistisch gedacht –, sondern ein nachträgliches Konstrukt zur Legitimierung der Ausbeutung. Speziesismus bezeichne eine Ideologie, die eine bestimmte Phase der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet und sollte nicht auf frühere Zeiten zurückprojiziert werden. Speziesismus, wie wir ihn heute verstehen, sei erst mit der bürgerlichen Aufklärung entstanden und setze bestimmte mit ihr verbundene Ideen wie etwa die der Freiheit des Individuums voraus.
Beim Speziesismus handelt es sich um eine klassische Ideologie: Speziesimus ist notwendig falsches Bewusstsein, dessen Ursache in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen liegt und das den Blick auf die kapitalistische Gesellschaft verschleiert und verstellt.

Zu 2.: Wesentliche Grundlage der Tierausbeutung in der momentanen gesellschaftlichen Formation sei nicht der Speziesismus, sondern die kapitalistische Produktionsweise. Tiere sind im Kapitalismus Teil der Waren. Tiere werden wie der Rest der Natur als Produktionsmittel, als Arbeitsgegenstand oder als Arbeitsmittel, behandelt. Sie werden dem Produktionsprozess als Material einverleibt. Die Natur wird auf den Prozess der Akkumulation von Kapital zugerichtet. Dies spiegelt sich in den modernen Ideologien über Tiere wider: Die hypostasierte, verabsolutierte Differenz zum Tier ist die Legitimationsideologie der kapitalistischen Ausbeutung der Tiere. Will die Tierbefreiungsbewegung letztere beenden, muss sie, so die Gruppe, darauf hinwirken, dass die Produktionsverhältnisse geändert werden. Antispeziesismus auf der Höhe der Zeit müsse deshalb notwendig antikapitalistisch sein bzw. Teil des Klassenkampfs.
Es sei zudem notwendig, eine Verschiebung vom Fokus auf die Konsumierenden hin zu den Produzierenden vorzunehmen: Die Konsumierenden würden hinsichtlich der Frage, was in dieser Gesellschaft produziert wird, eine nachgeordnete Rolle spielen. Es sei die herrschende Klasse, die den Mord und die Ausbeutung tagtäglich organisiere, die Konsumierenden seien nur die EndabnehmerInnen der Produkte aus Ausbeutung und Mord. Dass die Nachfrage das Angebot bestimme, sei ein Mythos, einer der gravierendsten Irrtümer und perfidesten Strategien des Kapitalismus, „Freiheit“ vorzutäuschen. Adorno weise in seiner Kritik der Kulturindustrie bereits darauf hin, dass es gerade das Heimtückische sei, dass die Kulturindustrie ihre Produkte so vermarktet, dass die Konsumierenden tatsächlich das Gefühl haben, sie würden sich frei entscheiden. Das Kapital verwende massive Mittel darauf, die Verhältnisse, welche in der Produktion von Lebensmitteln herrschen, zu verschleiern. Schon allein deshalb könne von „Freiheit“ hier nicht die Rede sein.
Als positiv wurde in diesem Zusammenhang die Methode der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung herausgestellt, Produzenten direkt anzugreifen – etwa im Zuge der gezielten Kampagnen gegen pelzverkaufende Unternehmen in den letzten Jahren. So könnte die Tierbefreiungsbewegung, weil sie die materielle Basis direkt angeht, für so manche linke Bewegung doch auch inspirierend sein.

Zu 3.: Nachdem die TAN Kritik an ihrer eigenen Geschichte als Organisation, die zu lange ohne ein eigenes Profil zu entwickeln in der „autonomen Szene“ aufgegangen sei, geübt hatte, wurde die Perspektive aufgemacht, in Zukunft schlagkräftige Bündnisse zu bilden, die nicht in irgendeiner Weise lifestyle-orientiert sind, also sich nicht primär etwa am Mode- oder Musikgeschmackt der (pop-)linken Szene ausrichten, sondern nach dem politischen Gehalt von möglichen Bündnispartnern. Dies sollen objektiv und in erster Linie Organisationen aus der antikapitalistischen Linken sein, Zweckbündnisse mit bürgerlichen Organisationen aber sind keineswegs von vornherein ausgeschlossen.
In ihrem Positionspapier betont die Gruppe: Ein-Punkt-Politik („single issue“), wie sie viele klassische autonome und andere außerparlamentarische Gruppen betrieben haben und immer noch betreiben, habe sich trotz einiger beachtlicher Resultate von sozialen Kämpfen sowohl theoretisch als auch praktisch als unzureichend herausgestellt. Theoretisch, weil ein gesellschaftliches Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis wie das zwischen Menschen und Tieren nicht aus sich heraus, sondern nur im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft zu analysieren und zu erklären sei. Praktisch, weil die unterschiedlichen Standpunkte, wie sie in der Gesellschaft existieren, in nahezu allen politischen Bewegungen wieder auftauchen und zu denselben Fraktionierungen führen würden. Die Grenzen verlaufen für die Gruppe zwischen den Klassen sowie den Marginalisierten und ihren UnterdrückerInnen in der kapitalistischen Gesellschaft und nicht zwischen den individuellen Arbeitsschwerpunkten oder Vorlieben einzelner Akteure in der Politik. Entscheidend sei nicht, an welcher Stelle, sondern dass man hier und heute Widerstand gegen die Herrschaft des Kapitals aufbaue und leiste. Potentielle Bündnispartner werden in emanzipatorischen Bürgerinitiativen, marxistischen Organisationen, Stadtteilgruppen, der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, in Gewerkschaften, der Anti-AKW-Bewegung, antiimperialistischen Organisationen, linken Parteien oder der Friedensbewegung gesehen – solange dort die Spannung zwischen dem Ziel einer Transformation der Gesellschaft und konkreter Politik aufrechterhalten werde.

Zu 4.: Die Tierbefreiungsbewegung sei zu einem großen Teil im autonomen Dschungel auf-/untergegegangen und habe es nicht geschafft, ein eigenes Profil zu entwickeln. Es herrsche in ihr ein eklatantes Bildungsdefizit, bürgerliche Ideologie und damit einhergehend mangelnde Solidarität etwa bei Diffamierungskampagnen gegen die TAN von „antideutscher“ Seite.
Im Positionspapier heißt es, die vorgeblich „linke Szene“, Tierbefreiungs-, Antifa- und Antira- oder Antisexismus-Gruppen stünden nicht automatisch für den Kampf um die Einrichtung einer befreiten Gesellschaft – teilweise im Gegenteil. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung verorte sich seit ihrem Bestehen in der undogmatischen Linken. In den seltenen Fällen, in denen sie sich überhaupt einmal politisch über das Mensch-Tier-Verhältnis hinaus positioniert habe, sei dies in Form einer Abgrenzung von der Traditionslinken geschehen2 – als gäbe es kein wesentlich gravierenderes, als gäbe es nicht das zentrale Problem: Kapitalismus. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung dürfe dieses fundamentale Problem nicht länger bagatellisieren. Sollte sie weiterhin nicht aus dem Bann bürgerlicher Ethik und nicht weniger bürgerlicher idealistisch-poplinker Diskurse heraustreten, so stelle dieses ein historisches Versagen dar, für das die Gruppe nicht (mehr) mitverantwortlich zeichnen will. Es reiche nicht, den Speziesismus (moralisch) als das falsche Denken zu verurteilen. Die Ursachen dieser mörderischen Ideologie müssten bekämpft – ihr müsse die ökonomische Basis entzogen werden.

Die bisherige TAN nennt sich ab sofort Assoziation Dämmerung.
Der Name bezieht sich auf einen Aphorismus von Max Horkheimer aus dem Jahr 1934. Dieser lautet:

DÄMMERUNG. — Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist, mit desto grausameren Mitteln muß man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist. Der Verstand der Massen hat in Europa mit der großen Industrie so zugenommen, daß die heiligsten Güter vor ihm behütet werden müssen. Wer sie gut verteidigt, hat seine Karriere schon gemacht; wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt: neben der allgemeinen, systematisch betriebenen Verdummung verhindert die Drohung mit wirtschaftlichem Ruin, gesellschaftlicher Ächtung, Zuchthaus und Tod, daß der Verstand sich an den höchsten begrifflichen Herrschaftsmitteln vergreife. Der Imperialismus der großen europäischen Staaten hat das Mittelalter nicht um seine Holzstöße zu beneiden; seine Symbole sind durch feinere Apparate und furchtbarer gerüstete Garden beschützt als die Heiligen der mittelalterlichen Kirche. Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.

Es handelt sich um den ersten Aphorismus in dem unter dem Pseudonym Heinrich Regius herausgegebenen Werk Dämmerung. Notizen in Deutschland (Zürich 1934). Hierin findet sich auch der Aphorismus „Der Wolkenkratzer“, in dem Horkheimer für die kapitalistische Gesellschaft die Metapher eines Hauses gebraucht, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei.3 Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen.

In ihrem Positionspapier mit dem Titel Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf stellt die Gruppe ihre neue politische Agenda öffentlich vor.

Zum Manifest der Assoziation Dämmerung.

Zur Website der Assoziation Dämmerung.

  1. Mehr zu diesem Phänomen: Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis. [zurück]
  2. Dabei gibt es in dieser zahlreiche Anknüpfungspunkte für die antikapitalistische Tierbefreiungsbewegung – vgl. beispielsweise unseren Text Die Tiere Rosa Luxemburgs. [zurück]
  3. In unserem Selbstverständnis findet sich eine ausführlichere Schilderung dieser „Wolkenkratzer“-Metapher. [zurück]

Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm




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