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Mary Shelley: Frankensteins „Monster“

Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

Seit dem 27. Dezember läuft auch in den deutschen Kinos der Film A Storm In The Stars – der deutsche Titel lautet schlicht: Mary Shelley. Es handelt sich um eine Filmbiografie von Haifaa Al Mansour über die britische Schriftstellerin, die als Autorin von Frankenstein in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Der Film soll die „wahre Geschichte“ der Entstehung des Romans schildern. Leider findet vor allem ein Aspekt keine Beachtung.

Dieser Text wurde zuerst auf der Facebook-Seite des Antispeziesismus-Buchs veröffentlicht.

Die Bedingungen, die im Jahr 1816 am Genfer See zur Entstehung des Romans Frankenstein führten, sind längst selbst zur Legende geworden. Es handelte sich um das „Jahr ohne Sommer“: Auf der Insel Sumbawa, östlich von Java gelegen, war der Vulkan Tambora ausgebrochen – mit einer unvorstellbaren Sprengkraft von 170.000 Hiroshima-Bomben. Hunderte Kilometer weit verdunkelte sich der Himmel fast vollständig, ein Schleier legte sich um den Erdball; dann kam der vulkanische Winter. Es kam zu schweren Un­wettern, in der Schweiz schneite es plötzlich mitten im Sommer. Missernten und Hungers­nöte waren die Folge, Chronisten erzählen, dass „die Kinder oft im Gras geweidet haben wie die Schafe“. Mary Shelley erinnerte sich später: „Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich mit ein paar deutschen Gespenstergeschichten, die wir zufällig entdeckt hatten, die Zeit. Diese Geschichten weckten einen spielerischen Wunsch zur Nachahmung.“ [1] Im Alter von nur 18 Jahren schuf sie mit ihrem Roman ein literarisches Werk von Weltrang, das heute gleichermaßen als Höhepunkt der Gothic Novel und Geburtsstunde des Science-Fiction-Genres gilt. [2] Es handelt von einem Naturforscher namens Victor Frankenstein, der aus Leichenteilen und Teilen geschlachteter Tiere ein künstliches Wesen schafft, das sich schließlich gegen seinen Schöpfer wendet und dessen Existenz zerstört.

Heute ist der Name „Frankenstein“ so fest im kollektiven Bewusstsein verankert, dass die bloße Erwähnung genügt, um eine Kette von Assoziationen auszulösen: „Unwillkürlich sehen wir sofort Bilder aus dem Filmklassiker von James Whale vor uns: Wir erinnern uns an Boris Karloff, der mit merkwürdig flachem Schädel und schwarzumrandeten Augen unbeholfen durch die Pappkulissen tappt“, merkt Alexander Pechmann im Nachwort der von ihm neu übersetzten und 2013 herausgegebenen Urfassung von Frankenstein an. Die Popkultur habe den Frankenstein-Mythos ganz und gar vereinnahmt und in immer neuen Variationen und Parodien herausgebracht: „Frankenstein wurde zum Inbegriff des verrückten Wissenschaftlers, der gegen die göttliche Ordnung verstößt und dafür konsequent bestraft oder zum Besseren bekehrt wird. Wie wenig dies mit der Radikalität der ursprünglichen Romanvorlage zu tun hat, offenbart sich erst durch einen Vergleich mit der Urfassung von 1818.“ [3] Denn Mary Shelleys Werk ist weit mehr als eine Parabel über die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Als Zeugnis eines radikalen Lebensentwurfes der jungen Autorin hat der Roman eine dezidiert politische Dimension. [4]

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Richard Rothwell: Mary Shelley (1840).

Höchstmaß an politischer Subversion

Als Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin waren Mary Shelley progressive politische Ansichten gewissermaßen in die Wiege gelegt: Mit A Vindication of the Rights of Woman (1792) war Wollstonecraft zur Begründerin der radikalen Frauenrechtsbewegung geworden; Godwin gilt aufgrund seines Werkes Enquiry Concerning Political Justice (1792), in dem er die Abschaffung der Nationen und Regierungen, der Klassenunterschiede, der Ehe und der etablierten Religion forderte, als einer der Begründer des Sozialismus im Allgemeinen sowie des politischen Anarchismus im Besonderen. Sein Name stand, wie es in einer Biografie über Mary Shelley heißt, „für atheistisches Freidenkertum und damit für ein Höchstmaß an politischer Subversion“. [5] Die Wichtigkeit dieser Prägungen wird im Film auch ausreichend thematisiert: Die Beziehung Marys zu ihrem Vater und das Andenken an die Mutter – diese starb elf Tage nach der Geburt ihrer Tochter am Kindbettfieber – spielen darin eine große Rolle.

Ihren späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley lernte die junge Mary Wollstonecraft Godwin kennen, als der Dichter im November 1812 die Verlagsbuchhandlung ihres Vaters in der Skinner Street in London besuchte. Shelley war fasziniert von den politischen Theorien Godwins und versuchte, sie in eine politische Praxis zu übersetzen. So beteiligte er sich etwa an Protestkampagnen für inhaftierte Radikaldemokraten; in Dublin riefen er und seine erste Frau Harriet mit selbst verfassten Flugblättern die Iren zum Aufstand gegen England auf. In seinem ersten großen Gedicht Queen Mab (1813), das Harriet gewidmet ist, versuchte Shelley, wie der Schriftsteller Wolfgang Koeppen einmal schrieb, „das Godwinsche Vernunftevangelium in Poesie zu übersetzen“. [6] Wie Percy und Mary sich kennenlernen, wie sie sich am Grab von Mary Wollstonecraft ihre Liebe gestehen, ihre Beziehungen zu Claire Clairmont und George Gordon Byron – all das wird in der Filmbiografie treffend dargestellt.

Dass sie, was ihre politischen Überzeugungen, ihr Engagement und ihren persönlichen Lebenswandel angeht, recht fortschrittlich waren, vermittelt der Film ebenfalls. Ein Aspekt aber wird leider komplett ausgeblendet: Mary und Percy Shelley zählten nicht nur in Bezug auf die Proklamation der freien Liebe und die Emanzipation der Frauen, nicht nur, was die Solidarität mit der Arbeiter- und mit Revolutionsbewegungen angeht, zu den progressiven Kräften ihrer Epoche – sie vertraten auch, ihrer Zeit weit voraus, einen radikalen Vegetarismus, den sie explizit politisch verstanden wissen wollten. Hier gilt dasselbe, was etwa auch am Film „Suffragette“ (2015) zu bemängeln ist: Zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert bestanden enge Verbindungen, einige der Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften, waren auch radikale Vegetarierinnen – im Drama der Regisseurin Sarah Gavron zum Thema spielt das aber keine Rolle. „Kaum eine andere emanzipatorische Forderung verhallte im Gang der Geschichte immer wieder derart ungehört wie der Ruf nach der Befreiung der Tiere“, heißt es gleich zu Beginn des Antispeziesismus-Buchs: Es handelt sich um ein Stück „geheime“ – vergessene, verdrängte, verschwiegene – Geschichte. Nicht ohne Grund liegt in der von Max Horkheimer mit der Metapher eines Wolkenkratzers aphoristisch beschriebenen kapitalistischen Gesellschaftspyramide die „Tierhölle“ im Keller und befindet sich damit unterhalb des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins. Das 2013 in der theorie.org-Reihe des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erschienene Buch wirft deshalb in einem Streifzug durch die Geschichte modernen emanzipatorischen Denkens einige Schlaglichter auf diese Tradition, um sie aus ihrem Schattendasein zu holen; und in diesem Zusammenhang ist auch der englischen Romantik, im Speziellen – neben William Blake – den Shelleys und Byron, ein Kapitel gewidmet.

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

Alfred Clint: Percy Bysshe Shelley (1919).

„Vegetable system“

Neben William Godwin hat den jungen Percy Shelley in erster Linie John Frank Newton und dessen Werk The Return to Nature, or, a Defence of the Vegetable Regimen (1811) beeinflusst. Newton war ein Patient des Lon­don­er Arztes William Lambe, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre lang ve­gan ernährte und 1809 sein erstes Buch über vegane Ernährung als Therapie für bestimmte Er­krankung­en veröffentlicht hatte (später verfasste er noch ein zweites Buch zum Thema). Zusammen mit seiner Frau schloss Shelley sich im Jahr 1812 der Kommune Newtons in Berkshire an, die eine Kombination aus Nudismus und konsequentem Vegetarismus nach Lambe praktizierte. In seinen Anmerkungen zu Queen Mab, die auch gesondert unter dem Titel A Vindication of Natural Diet (1813) gedruckt wurden, begründete der Dichter, der unter anderem dafür bekannt war, auf Londons Märkten Fluss­krebse zu kaufen, um sie wieder in die Themse zu entlassen, seinen radikalen Vegetarismus, der eng mit seinen politischen Überzeugungen zusammenhing. So führte er beispielsweise die Verschwendung von Ackerflächen, die für die intensive Produktion von tierischem Eiweiß genutzt werden und so für die Ernährung ärmerer Schichten verloren gehen, und den daraus resultierenden Hunger auf das auf Fleisch- und Wollgewinnung ausgerichtete englische Ernährungssystem zurück, sah also klar den Zusammenhang zwischen den Veränderungen im Ernährungsbereich und der Entwicklung der Produktionsverhältnisse von einer agrarischen Subsistenzwirtschaft zu einer industriell orientierten Woll- und Lammfleischproduktion. Die Schafe würden, so Shelley, pro Mahlzeit einen Morgen nutzbares Ackerland auffressen. [7] Unter Bezugnahme auf Newton und den Autor von Paradise Lost (1667), den großen revolutionären Dichter John Milton, der ebenfalls Vegetarier war, empfahl Shelley in A Vindication of Natural Diet ein „vegetable system“ als Grundlage für einen „Zustand der Gesellschaft, in der alle Energien des Menschen in die Schaffung gänzlichen Glücks gelenkt werden sollen“. [8]

Am 26. Juni 1814 erklärten sich Percy und Mary ihre Liebe. Wegen seiner unkonventionellen Lebensweise – Percy war auf dem Papier noch immer mit Harriet verheiratet – sah sich das junge Paar massiven Anfeindungen ausgesetzt. „Mann und Frau sollten so lange verbunden sein, wie sie einander lieben: Jedes Gesetz, das sie auch nur für einen Augenblick zum Zusammenleben zwingt, nachdem ihre Zuneigung erloschen ist, wäre völlig unerträgliche Tyrannei“, lässt Haifaa Al Mansour Percy Shelley im Film sagen – es handelt sich um ein Zitat aus seinen Anmerkungen zu Queen Mab. Gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont beschlossen die beiden, vor allen sozialen Konventionen in die Schweiz zu fliehen. In Luzern zwang Geldmangel sie allerdings zur Aufgabe ihrer Pläne. Die Rückreise über Straßburg, Mannheim, Mainz, Bonn, Köln und Rotterdam sollte von Marys Romanheld Victor Frankenstein wiederholt werden. Frankenstein entstand im Zuge einer zweiten Reise in die Schweiz, wo das Trio den Dichter Lord Byron traf, der ebenfalls, seit seinem 23. Lebensjahr, vegetarisch lebte.

Byron, der bis heute nicht nur für seine literarischen Werke, sondern auch für seine Teilnahme an der Griechischen Revolution in den 1820er-Jahren bekannt ist, musste England im April 1816 aufgrund diverser Skandale um seine Person verlassen. Vier Jahre zuvor hatte ihn die Veröffentlichung der ersten beiden Gesänge von Childe Harold’s Pilgrimage (1812) – das poetische Tagebuch einer zweijährigen Reise, die ihn auf die Iberische Halbinsel, in die Türkei, nach Griechenland und nach Albanien geführt hatte – schlagartig berühmt gemacht. Im selben Jahr hielt er seine Antrittsrede im britischen Oberhaus, in der er die Lage der arbeitenden Klassen thematisierte: In Nottinghamshire, einem Zentrum der Textilindustrie, hatte im Jahr 1811 der Aufstand der Maschinenstürmer begonnen und schnell auch andere Grafschaften erfasst. Um die Aufstände niederzuschlagen, schickte London Soldaten – über 14.000 bis zur Jahresmitte. Byron hielt eine flammende Rede, in der er sich für die entlassenen Weber einsetzte, die Maschinen zerstört und Fabriken in Brand gesetzt hatten – doch der Frame Breaking Act, das Gesetz, das die Zerstörung von Webstühlen unter Todesstrafe stellte, wurde zu seiner großen Enttäuschung sowohl vom Oberhaus als auch vom Unterhaus angenommen.

Auch Byrons Ehe mit Anne Isabella verlief nicht glücklich. Charakterliche Diskrepanzen, ständige Geldschwierigkeiten und Byrons exzessiver Genuss von Laudanum – einer zu dieser Zeit populären Opiumlösung, der auch Percy Shelley sehr zugetan war [9] – führten im Jahr 1816 schließlich zur Trennung. Zu diesem Zeitpunkt soll Byron bereits ein Verhältnis mit Claire Clairmont gehabt haben. Als dann Gerüchte über ein inzestuöses Verhältnis Byrons zu seiner Halbschwester die Runde machten und einen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit auslösten, musste er im April 1816 England in Richtung Schweiz verlassen. Im Juni mietete er die Villa Diodati am Genfer See, da er glaubte, dass John Milton sich 1638 dort aufgehalten hätte, wo ihn Percy, Mary und Claire dann im Sommer besuchten – und wo die Idee zu Frankenstein entstand.

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Lord Byron, a coloured engraving (1873).

Schrecklicher Wachtraum

Neben dem Konsum von Alkohol und Opium – auch dies wird im Film dargestellt – dientem dem Zirkel um Byron in dem verregneten Sommer des Jahres 1816 intellektuelle Diskussionen als Zeitvertreib. Eines der Gespräche zwischen Byron und Percy Shelley drehte sich um die Frage nach der Natur, der Grundlage des Lebens und darum, wie die Elektrizität damit zusammenhängt – eine Diskussion, die von Luigi Galvanis Experimenten angefacht worden war: Die Beine toter Frösche bewegten sich, nachdem der italienische Arzt sie mit einem geladenen Metallgegenstand berührt hatte. Galvanis Neffe, der Physiker Giovanni Aldini, führte solche Versuche an Leichen von Enthaupteten und Erhängten durch. So legte er etwa zwei Köpfe aneinander und setzte sie unter Strom. „Die Grimassen, die beide Gesichter einander machten, waren wunderbar und beängstigend“, sollte er später berichten – und dass bei diesem Anblick die ersten Zuschauer in Ohnmacht gefallen seien. [10]

In der Einleitung zur überarbeiteten Ausgabe von Frankenstein aus dem Jahr 1831 gab Mary Shelley die Überlegungen aus dem Gespräch am Kaminfeuer folgendermaßen wieder: „Vielleicht könnte man eine Leiche wiederbeleben; galvanische Experimente hatten für solche Dinge den Beweis geliefert: Vielleicht könnte man einzelne Teile einer Kreatur herstellen, zusammensetzen und mit Lebenswärme versorgen.“ [11] Die zündende Idee für ihren Roman kam ihr dann durch einen, wie sie sich ausdrückte, „schrecklichen Wachtraum“: „Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigem Blick – ich sah den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten und er sich mit schwerfälligen, halblebendigen Bewegungen rührte.“ [12] Frankensteins Monster war geboren.

Zwei Jahre später erschien der Roman – anonym und, wie damals üblich, in drei Teilen, mit einem Vorwort von Percy Shelley. Er wurde zum Bestseller, auch wenn er bei den meisten Literaturkritikern überhaupt nicht gut ankam. „Gegen die Tagträume des Grauens, die von den unnatürlichen Reizen dieser neueren Schule erzeugt werden, müssen wir protestieren; und wir fühlen uns nach der Lektüre dieser drei geisteszermürbenden Bände genauso mitgenommen wie nach einer Überdosis Laudanum oder einem quälenden Alptraum“, hieß es etwa in The British Critic. „All diese monströsen Einfälle sind die Folgen der wilden und ungebührlichen Theorien unserer Zeit“, meinte der bekannte Verleger John Murray. [13]

Insgesamt gilt die Romantik als die Zeit der Verinnerlichung politischer Konflikte. Teilweise hat das zu Interpretationen geführt, die Mary Shelley unterstellen, sie habe Frankenstein in Auseinandersetzung mit den radikalen Theorien ihrer Eltern geschrieben und diese letztlich abgelehnt. Die Botschaft sei: Alle revolutionären Experimente gebären Monster; Frankensteins Kreatur stünde dann für die Angst der bürgerlichen Philanthropen vor der Hässlichkeit des im Prozess der Industrialisierung „aus Abfällen“ wie aus „gesellschaftlichem Unrat“ gebildeten Proletariats – so der Heidelberger Anglist Horst Meller. [14] Wolfram Sailer, ebenfalls Anglist in Heidelberg, der diesen Aspekt in einer Studie zum Thema ausführlich beleuchtet, widerspricht dieser Vorstellung: Der Versuch, Mary Shelley in eine nervöse Konservative zu verwandeln, werde der Sympathie mit dem Monster, die der Roman auch den Lesern vermittelt, nicht gerecht. [15] Für ihn spiegeln sich in dem Roman vielmehr die ersten Ansätze zu einer Selbstverständigung des englischen Proletariats als Klasse wider, die sich zum Zeitpunkt seiner Entstehung in Form der maschinenstürmenden Ludditen und der Chartisten zeigten.

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

„Victor Frankenstein becoming disgusted at his creation“: Steel engraving to the revised edition of Frankenstein by Mary Shelley (1831).

Opfer der Aufklärung

Der Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel bildet die Grundlage für die kapitalistische Produktionsweise: Indem der Ackerbauer das Eigentum an Grund und Boden verliert, werden ihm seine Mittel zur Selbstversorgung entrissen, was ihn, in Marxscher Terminologie, „doppelt frei“ macht – frei, seine Arbeitskraft zu verkaufen, an wen er will, aber auch „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln. Er wird zum Proletarier. Im Zuge des bereits angesprochenen Aufschwungs der Wollmanufaktur war das „Losungswort“, so heißt es im Kapital von Marx, „Verwandlung von Ackerland in Schafweide“. [16] Zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung aus selbst wirtschaftenden Bauern bestanden, die am Gemeindeeigentum beteiligt waren; nun wurden die Gemeingüter zu Privatbesitz gemacht, das Gemeindeland eingehegt, die Bauern gewaltsam enteignet. In Mary Shelleys Roman wird darauf Bezug genommen. So vergleicht Frankenstein seine Situation mit der eines enteigneten Bauern, als er über das Monster sagt: „Würde er aber besiegt, dann war ich ein freier Mann. Allerdings was für eine Freiheit? Eine Freiheit, deren sich der Landmann erfreut, nachdem er gesehen hat, wie seine Familie hingeschlachtet, seine Hütte verbrannt, seine Felder verwüstet werden, und dann heimatlos, verarmt und allein, aber frei seines Weges zieht.“ [17]

Das Monster wiederum entwickelt eine dezidiert kritische Sicht auf, wie es sagt, „das seltsame System der menschlichen Gesellschaft“, als es „von der Aufteilung der Besitzstände, von ungeheurem Reichtum, erbärmlicher Armut, von Rang, Abstammung und edlem Blut“ hört. Zu Frankenstein sagt es: „Ich erfuhr, daß der Besitz, den deine Artgenossen am meisten schätzen, eine noble und makellose Abstammung in Verbindung mit Reichtum war. Ein Mann könnte vielleicht mit nur einer dieser Eigenschaften respektiert werden, aber ohne eine der beiden würde er, außer in sehr seltenen Ausnahmen, als Herumtreiber und Sklave betrachtet, der dazu verurteilt ist, seine Lebenskraft dem Profit einiger Auserwählter zu opfern.“ [18]

Sailer zieht Parallelen zu den Eigenschaften des Monsters und dem im Zuge der Industrialisierung entstehenden Proletariat: „Das Monster wie das Proletariat sind kollektive und artifizielle Geschöpfe: das Monster, aus Leichenteilen von den Friedhöfen, Totenhäusern und Schlachtfeldern der instrumentalisierten Aufklärung bestehend, das Proletariat aus den im Zusammenbruch des feudalen Systems ,frei‘ gewordenen Landarbeitern und Kleinpächtern, die – in England durch die enclosures von ihrem Land vertrieben – sich in den Slums der neuen Großstädte des heraufdämmernden Industriekapitalismus zu jenem neuen Wesen zusammenfanden.“ Für Karl Marx ist das Kapital „verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit“. Die Angst, die die von citoyens zu bourgeois degenerierten Aufklärer vor dem Kollektivwesen hatten, das sie doch selbst hervorgebracht hatten und nun für ihre Zwecke nutzten, gleiche, so Sailer, der Angst Frankensteins; sie sei die Furcht vor dem eigenen Totengräber: „Marx und Engels nennen in ihrem Kommunistischen Manifest das Proletariat den von der Bourgeoisie selbst produzierten Totengräber; Frankenstein nennt sein Geschöpf ,meinen eigenen Vampir, meinen eigenen Geist losgelassen vom Grabe und gezwungen, alles zu vernichten, was mir lieb war‘.“ [19]

Das Monster droht – wie die Arbeiterbewegung –, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden, unverhohlen mit der Umkehrung des Verhältnisses von Herr und Knecht. Indem Frankenstein den Torso der fast fertigen Partnerin zerstört, welche sich das Monster gewünscht hat, um seiner Isolation zu entkommen, klärt er das Verhältnis zu seiner Kreatur für den Rest des Romans: Das Monster nennt Frankenstein seinen Sklaven; dieser sei zwar sein Schöpfer, es selbst aber sei nun Frankensteins Herr. Sailer merkt dazu an: „Die Entfremdungen, denen Frankenstein sich in seinem Arbeitsprozeß unterwirft, führen letztlich allesamt dazu, daß das Verhältnis des Produzenten zu seinem Produkt sich langsam, aber unausweichlich umkehrt. Die Entfremdung von der Natur reflektiert Frankensteins zerrissenen inneren Zustand, die Entfremdung von Freunden und Familie läßt ihn mit seiner Arbeit und seiner Aufgabe allein, die von seinem Produkt schließlich entfremdet ihn auch von sich selbst als produzierenden Menschen. Mary Shelley nimmt mit dieser Darstellung vorweg, was Karl Marx etwa dreißig Jahre später in seiner Entfremdungstheorie formulierte“. [20] Gerade auch in seinen Äußerungen zur Natur nehme Marx in wissenschaftlicher Form Mary Shelleys Ansätze auf, in welchen sie Frankensteins Versuche kritisiere, der Natur mit Gewaltmitteln der Naturwissenschaft auf die Schliche zu kommen. So zieht Sailer den Schluss: „Das Monster läßt sich als Metapher für die Opfer der Aufklärung (in wissenschaftlicher wie in politischer Hinsicht) lesen.“ [21]

Insofern handelt es sich um eine Fehlinterpretation, wenn Muriel Spark das Monster als „den isolierten Intellekt“ Frankensteins betrachtet. [22] Wie Sailer anhand zahlreicher Textstellen nachweist, ist das Gegenteil der Fall: Das Monster steht nicht nur für alle „Verdammten dieser Erde“, sondern auch allgemein für die innere und äußere Natur, die von Frankenstein als die „Verkörperung eines männlich-zielgerichteten Prinzips“ unterdrückt wird. [23] In der Dialektik der Aufklärung (1944), dem Hauptwerk der Kritischen Theorie, in dem Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine Wissenschaft kritisieren, die in „scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren“ den „blutigen Schluß“ abzwingt, heißt es entsprechend: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war.“ [24]

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein's monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Editorial cartoon by Bob Satterfield, depicting the spirit of war as a Frankenstein’s monster, bringing with it hatred, malice, envy, and ambition (1915).

Utopisches Moment

Denn die Opfer der Aufklärung – oder, um mit den Worten Horkheimers und Adornos zu sprechen, der instrumentellen Vernunft – sind nicht nur Menschen. Das „Monster“, das in vielen Punkten menschlicher dargestellt wird als Frankenstein, zeichnet sich allgemein durch die Fähigkeit zur Empathie aus – so bricht es etwa, als es vom Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern hört, in Tränen aus –, und diese ist die Voraussetzung für Solidarität, die auch mit Tieren geübt werden kann. Horkheimer schrieb dazu einmal: „Eigentlich ist ja die Solidarität, die wir mit den Menschen in Not fühlen dieselbe wie die mit dem Tier, in der Qual erweist sich ihre Identität und das Weh fließt zusammen.“ [25] Tatsächlich erwächst die politische Kritik, die das Monster übt, aus den basalen Wahrnehmungen von Lust und Schmerz; es sagt: „Ich las von Menschen, die im Dienste der Öffentlichkeit ihre Artgenossen regierten oder abschlachteten. Ich spürte, wie sich in mir eine große Begeisterung für die Tugend regte und ein Abscheu vor Lasterhaftigkeit, soweit ich die Bedeutung jener Begriffe verstand, da sie nach meiner Auffassung offenbar nur Lust und Schmerz entsprechen konnten.“ [26]

Das Monster muss bald erkennen, dass es im von ihm entworfenen Klassenraster noch nicht einmal auf der Stufe der Ärmsten der Armen steht, sondern noch unter ihnen: Es sei, so sagt es, „nicht einmal von derselben Art wie der Mensch“. [27] Sein Wunsch, den es gegenüber dem alten, blinden de Lacey äußert, ist, „nicht aus der Gesellschaft und vom Mitgefühl Ihrer Artgenossen“ [28] – im Original: „not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures“, [29] ein Begriff, der Menschen und Tiere umfasst – ausgeschlossen zu werden. Es sagt: „Sollte irgendeine Kreatur mir gegenüber Wohlwollen empfinden, dann würde ich es hundertfach und tausendfach vergelten. Wegen dieses einen Wesens würde ich Frieden mit seiner gesamten Spezies schließen!“ [30] Doch dies wird ihm verwehrt. Die Autorin und Aktivistin Carol J. Adams schreibt dazu in ihrem Buch The Sexual Politics of Meat: A Feminist-Vegetarian Critical Theory (1990): „Frankensteins Geschöpf bezieht Tiere in seinen Moralkodex ein, wird jedoch hintergangen und zutiefst enttäuscht, als es danach strebt, in den Moralkodex der Menschen einbezogen zu werden. Es lernt, dass, ungeachtet seiner eigenen moralischen Maßstäbe, der Kreis der Menschen so gezogen ist, dass sowohl es selbst wie auch die anderen Tiere davon ausgeschlossen bleiben.“ [31] Und allein das ist der Grund, warum es destruktiv wird – es sagt: „Ich trug, wie Satan persönlich, eine Hölle in mir, und da es niemanden gab, der Mitleid mit mir hatte, wollte ich die Bäume ausreißen, Chaos und Vernichtung um mich herum verbreiten.“ [32]

Kurz allerdings blitzt im Roman ein utopisches Moment der Versöhnung mit Mensch und Natur auf, wenn sich das Monster seine Zukunft mit einer zu ihm passenden Gefährtin ausmalt: „Meine Nahrung ist nicht die blutige der Menschen. Ich vernichte nicht Lämmer und Ziegen, um meinen Hunger zu stillen; Nüsse und Beeren genügen mir. Da meine Genossin ebenso beschaffen sein wird wie ich, wird auch sie mit der gleichen Nahrung vorlieb nehmen.“ [33] Zu Frankenstein sagt es: „Das Bild, das ich dir beschreibe, ist friedlich und menschlich, und du mußt spüren, daß du es mir nur aus Willkür und Grausamkeit verweigern kannst.“ [34] Während das „Monster“ Lamm und Zicklein nicht zerstört, um seinen Appetit zu befriedigen, foltert Frankenstein lebende Tiere, um das leblose Material seiner technischen Menschenproduktion zu beseelen; das Leid der gequälten Kreatur hat, so Wolfram Sailer, für ihn nur Bedeutung, insofern sie ihn selbst mit Schrecken füllt. [35] Er verwehrt seinem Geschöpf die Verwirklichung der Utopie, die es ihm geschildert hat. Entsprechend heißt es am Ende des Kapitels über die englischen, revolutionären Romantiker im Antispeziesismus-Buch: „Statt in einen Zustand des Friedens mit Menschen, Tieren und der Natur einzutreten, findet Frankensteins vegetarisches Monster sein Ende im Feuer eines Scheiterhaufens.“ [35]

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889). Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Louis Édouard Fournier: The Cremation of Percy Bysshe Shelley (1889).
Percy starb 1822 nach einem Schiffsunfall. Mary lebte noch bis 1851. In ihrer Schreibtischschublade wurde später eine Kopie des Gedichtes Adonaïs von Percy gefunden; eine Seite war um ein kleines Päckchen gefaltet, das etwas von seiner Asche und Überreste seines Herzens enthielt.

Zum Weiterlesen:

Ein thematisch ähnlicher Text von Matthias Rude ist im Jahr 2016 anlässlich der 200. Jährung der Entstehung des Romans Frankenstein unter dem Titel Höchstmaß an politischer Subversion im Feuilleton des Nachrichtenmagazins Hintergrund erschienen; der Artikel kann auf der Website von Hintergrund bestellt werden.

Im Buch Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken (Stuttgart 2013) findet sich auf den Seiten 64 bis 74 das Kapitel „‚Earth groans beneath religion’s iron age, making the Earth a slaughter-house‘: Revolutions-Romantik – Shelleys brennendes Herz, Frankensteins vegetarisches Monster“. Darin geht es neben dem Dichter William Blake vor allem um die Shelleys und um Byron. Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Leseprobe des Buches finden sich auf der Website des Verlags; das Buch ist über den Buchandel erhältlich (ISBN: 3-89657-670-4).

Vom Autor ist im Magazin Melodie und Rhythmus auch ein Artikel zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und dessen politischer Interpretation erschienen; der Text ist inzwischen vollständig online einsehbar: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochen, Melodie und Rhythmus 4/2016, S. 108f.

Ein frei zugänglicher Text zu den Verbindungen zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert findet sich hier. Vgl. dazu auch das Kapitel „‚The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals‘: Tierbefreiung in Arbeiterbewegung, sozialistischen und feministischen Strömungen“ im Antispeziesismus-Buch (S. 88-100).

Anmerkungen:

Titelbild (oben): Boris Karloff als Frankensteins Monster im Film Frankenstein (1931) von James Whale.

[1] Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung. Aus dem Englischen neu übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, München 2013, S. 8.

[2] So die allgemeine Meinung der Experten. Beispielsweise heißt es dazu in einer 2001 erschienenen Biografie über Mary Shelley: „Sie läßt diese ,gotischen‘ Erzählungen hinter sich, bedient sich nicht mehr ihrer konventionellen Muster und Figuren, sondern schreibt einen futuristischen Roman, der schon auf die Science-fiction-Literatur verweist“ (Karin Priester: Mary Shelley. Die Frau, die Frankenstein erfand. Biographie, München 2001, S. 120).

[3] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 286f.

[4] Zum Frankenstein-Motiv in der Popkultur und seiner politischen Interpretation vgl. auch: Matthias Rude: Schrecklicher Wachtraum: Vor 200 Jahren entstand Mary Shelleys berühmter Roman »Frankenstein« – sein Einfluss auf die Popkultur ist bis heute ungebrochenMelodie und Rhythmus 4/2016 (S. 108f.).

[5] Karin Priester: Mary Shelley (Anm. 2), S. 29. – Später vertrat Godwin allerdings mehr und mehr einen politischen Reformismus und brachte wohl auch Percy Shelley „nach und nach auf einen linksliberalen Kurs, der mit dem Radikalismus der noch jungen englischen Arbeiterbewegung, den Gewerkschaften und der Bewegung des Chartismus, nicht viel zu tun hatte, auch wenn Shelleys Werk ,Queen Mab‘ gerade in diesen Kreisen begeistert aufgenommen und geradezu als eine Art Bibel gelesen wurde“ (ebd., S. 84).

[6] Wolfgang Koeppen (Hg.): Percy Bysshe Shelley: Das brennende Herz, München, Wien, Basel 1958, S. 13.

[7] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein.Studien zur romantischen Mythenumdeutung (Anglistik in der Blauen Eule, Bd. 16, zgl.: Heidelberg, Univ., Diss., 1991), Essen 1994, S. 89.

[8] Percy Bysshe Shelley: The Complete Poetry of Percy Bysshe Shelley. Volume two. Edited by Donald H. Reiman and Neil Fraistat, Baltimore, London 2004, S. 307; Übersetzung zitiert nach: Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 72.

[9] Der Gebrauch von Laudanum und Opium war in der Romantik eher die Regel als die Ausnahme. „Angesichts dessen kann man sich leicht ausmalen, unter welchen Vorzeichen die Texte in der Villa Diodati entstanden sind“, heißt es in einem Artikel zum Thema (Christoph Hombergs: Laudanum, in: Alexander Eilers (Hg.): „The Summer of 1816“ – Von Monstern, Geistern und Vampiren. Dokumentation der gleichnamigen Ausstellung in der Universitätsbibliothek Gießen (15.4.-13.5.2009), Fernwald 2010, S. 43-47, S. 47.). Vgl. auch: Matthias Rude: Laudanum: Glückseligkeit für einen Penny (7.11.2018).

[10] Reto U. Schneider: Der Frankenstein von Bologna, NZZ Folio, August 2003.

[11] Entsprechend lässt Mary Shelley Victor Frankenstein im Roman sagen: „One of the phenomena which had peculiarly attracted my attention was the structure of the human frame, and, indeed, any animal endued with life. Whence, I often asked myself, did the principle of life proceed?” (Mary Shelley: Frankenstein. English | German. Übersetzt von Heinz Widtmann. Berliner bilinguale Ausgabe, 2015, S. 31).

[12] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 269f.

[13] Ebd., S. 277f.

[14] Horst Meller: Prometheus im romantischen Heiligenkalender, in: Hans-Joachim Zimmermann (Hg.): Antike Tradition und Neuere Philologien. Symposium zu Ehren des 75. Geburtstages von Rudolf Sühnel, Heidelberg 1984, S. 151-175, S. 168.

[15] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 168.

[16] Im Kapitel über „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 23, Berlin 1962, S. 746.

[17] „If he were vanquished, I should be a free man. Alas! What freedom? Such as the peasant enjoys when his family have been massacred before his eyes, his cottage burnt, his lands laid waste, and he is turned adrift, homeless, penniless, and alone, but free“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 141).

[18] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 127.

[19] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 174f.

[20] Ebd., S. 210.

[21] Ebd., S. 173.

[22] Muriel Spark: Mary Shelley. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Angelika Beck, Frankfurt am Main und Leipzig 1992, S. 211.

[23] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[24] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1988, S. 262, S. 40.

[25] Max Horkheimer: Briefwechsel 1941-1948 (Gesammelte Schriften, Band 17). Herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1996, S. 797.

[26] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 138. Im Original heißt es: „I read of men concerned in public affairs, governing or massacring their species. I felt the greatest ardour for virtue rise within me, and abhorrence for vice, as far as I understood the signification of those terms, relative as they were, as I applied them, to pleasure and pain alone“ (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 93).

[27] „I was not even of the same nature as man“ (ebd., S. 87).

[28] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 145.

[29] „I trust that, by your aid, I shall not be driven from the society and sympathy of your fellow creatures” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 98).

[30] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 158.

[31] Carol J. Adams: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Übersetzung aus dem Englischen von Susanna Harringer, Wien, Mühlheim a.d. Ruhr 2002, S. 128.

[32] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), S. 147. – Es handelt sich hierbei um eine Anspielung auf das vierte Buch von Paradise Lost, wo es über Satan, der heimlich den Garten besucht, heißt: „horror and doubt distract / His troubled thoughts, and from the bottom stir / The hell within him, for within him hell / He brings, and round about him, nor from hell / One step no more than from himself can fly / By change of place“ (John Milton: Das verlorene Paradies, Werke. Englisch – Deutsch, Frankfurt am Main 2008, S. 168).

[33] „My food is not that of man; I do not destroy the lamb and the kid to glut my appetite; acorns and berries afford me sufficient nourishment. My companion will be of the same nature as myself and will be content with the same fare” (Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 11), S. 108).

[34] Mary Shelley: Frankenstein (Anm. 1), München 2013, S. 159.

[35] Wolfram Sailer: Wissen, Arbeit und Liebe in Mary Shelleys Frankenstein (Anm. 7), S. 272.

[36] Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 74.

Peinlich, peinlicher – Palmer

31. Oktober 2018 in Tübingen: Eine Halloween-Maske mit dem Gesicht Boris Palmers.

Mit von der Linie seiner Partei abweichenden oder ihr widersprechenden Positionen hat Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer sich in den letzten Jahren zunehmend wichtig gemacht und sich als „schwarzes Schaf“ der Grünen inszeniert, vergleichbar etwa mit der Rolle Thilo Sarrazins in der SPD: Überregional machte er „Schlagzeilen mit rechten Positionen“, vor allem in Bezug auf Flüchtlinge. Bereits 2014 fiel ihm, nachdem sich in Tübingen ein Flüchtling aus dem Iran selbst verbrannt hatte, nichts Besseres ein als angebliche „unangenehme Wahrheiten“ über Asylsuchende zu verkünden. Und erst Ende Oktober 2018 sprach er sich dafür aus, „auffällige Flüchtlinge“ zu kasernieren – so könne man „die Gefahr weitgehend neutralisieren, die von dieser Gruppe ausgeht“, meinte er.

„Boris Palmer, wenn ich lese, was Sie den straffällig gewordenen Geflüchteten ‚anbieten‘, dann bleibt mir nur: Fremdschämen“, war die Reaktion einer Leserin; jemand anders machte in einem Leserbrief, den die Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt mit der Überschrift „Erbärmlich“ versah, Palmer darauf aufmerksam, dass er „erstmal seine verwaltungs-, verfassungs- und strafrechtlichen Hausaufgaben machen“ sollte: Würden seine Forderungen umgesetzt werden, wäre das unter anderem ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Karikatur des schwäbischen Spießers

Über eine Karikatur, die im Schwäbischen Tagblatt erschien und die Palmer am Hebel einer Weiche zwischen zwei Gleisen zeigte – das eine Gleis führte zu „sicheren Landeseinrichtungen für auffällige und polizeibekannte Flüchtlinge“, das andere zum „Bleiberecht für anständige Asylanten“ – echauffierte der Oberbürgermeister sich: Die Szene knüpfe, meinte er, an Auschwitz-Bilder an; er sah sich als „Selektierer an der Rampe dargestellt“, in die Nähe der Nazis gerückt und verlangte eine Klarstellung von der Zeitung. Das wiederum ließ das Tagblatt nicht auf sich sitzen; es machte deutlich: „Nicht alle Gleise führen nach Auschwitz“ und sprach bezüglich Palmers Vorschlag und seiner Reaktion auf die Karikatur von einem „Vorstoß nach Gutsherren-Art“ und von „Egomanie“.

Kürzlich kam es nun in Tübingen zu einem Vorfall, der Spiegel Online dazu veranlasste, Palmer in einem Kommentar mit dem Titel Ordnungshüter Boris Palmer: Das grüne Männchen als „Karikatur des schwäbischen Spießers“ zu bezeichnen. – Was war geschehen? Ein Student war mit einer Freundin gegen 22 Uhr in der Innenstadt unterwegs, als Boris Palmer ihnen begegnete. Zu seiner Begleiterin, einer Psychologin, sagte der Student lediglich: „Ach nee, auch der noch.“ Eine etwas abfällige Äußerung, sicher – aber Palmers darauf folgende Reaktion steht in keinem Verhältnis dazu. Zudem mussten sich andere Leute von Palmer selbst schon viel derbere Sprüche anhören: „Hab dich nicht so, wenn dich ein Araber fickt“, sagte er Ende 2017 in aller Öffentlichkeit zu einer Frau; eine andere musste sich folgenden sexistischen Spruch Palmers anhören: „Sie sind ein Mensch zweiter Klasse, wie eigentlich alle Frauen. Ja, ja, Hauptsache Titten.“

Er forderte den Studenten auf, sich „zu stellen“; dieser hatte aber keine Lust zu diskutieren und ging weiter. Das wollte Palmer nicht akzeptieren, er bedrängte die beiden, versperrte ihnen den Weg. „Irgendwann habe ich dann sehr laut zu ihm gesagt: Lassen Sie uns in Ruhe, wir fühlen uns bedrängt.“ Daraufhin zog Palmer seinen Dienstausweis und forderte, wegen „nächtlicher Ruhestörung“, den Personalausweis des Studenten ein – als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ dürfe er das. Als der Student und seine Begleiterin sich weigerten, zückte Palmer sein Handy und fotografierte die beiden, obwohl sie ihr Recht aufs eigene Bild reklamierten. Eine Medizinstudentin, die zufällig dazukam, berichtet, dass es Palmer war, der sich vor dem Studenten aggressiv aufgebaut und ihn angebrüllt hatte: „Das wurde immer lauter und aggressiver.“ Dies bestätigte gegenüber der Presse auch eine weitere Zeugin; diese fand Palmer „extrem befremdlich“ und sagte gegenüber dem Tagblatt: „Der stand vollkommen neben sich.“ Die beiden Frauen „bemühten sich mit der Psychologin, den Oberbürgermeister zu beruhigen und den Studenten zu schützen“, so die Zeitung. Ohne Erfolg: Palmer sei ihnen nachgegangen, es sei zu einer „slapstickreifen Verfolgungsjagd“ gekommen. Inzwischen hat die Psychologin Boris Palmer wegen Nötigung angezeigt, Palmer seinerseits hat den Fall ans Ordnungsamt übergeben: Wegen Ruhestörung und der Weigerung, sich auszuweisen, solle der Student ein Bußgeld bezahlen – in Höhe von bis zu 6000 Euro!

Peinlich

Palmer führe, so kommentierte das Tagblatt, einen „persönlichen Feldzug für Law and Order“ und verliere dabei „zunehmend jedes Maß“: „Er geht aggressiv auf vermeintliche Gegner los, nutzt seinen Facebook-Account für Steckbriefe und gebraucht sein Handy wie ein Wildwest-Sheriff seinen Colt.“ Jemand sollte, so die Zeitung weiter, ihm sagen, „dass es keine gute Idee ist, einem Studenten, der, so beschreibt es der Oberbürgermeister wörtlich, nicht ‚die Eier hat‘, mit ihm zu diskutieren, mit 6000 Euro Bußgeld zu drohen“. Im Netz und in den Medien sorgte der Vorfall für Spott über Palmer; von Satiremagazinen wie Titanic, Extra 3 oder Neo Magazin Royale wurde er aufgezogen. Und als ob das Ganze noch nicht peinlich genug gewesen wäre, erstellte Palmer auf seiner eigenen Facebook-Seite eine Umfrage, bei der er fragte: „Ist es vertretbar, als OB Respektlosigkeit mit den rechtmäßigen Kompetenzen des Polizeirechts zu begegnen?“ Die beiden Antwortmöglichkeiten: „Ja, das ist couragiert“ und „Nein, das ist peinlich“. Die Umfrage läuft derzeit noch, doch es zeigt sich ein klares Bild: Eine absolute Mehrheit von 70 Prozent findet Palmers Aktion „peinlich“.

Es ist gut, dass der Student und seine Begleiterin mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit gegangen sind, nicht zuletzt, weil in dem Artikel schwarz auf weiß gezeigt wurde, wie dreist Palmer sich der Lüge bedient. Es gibt mehrere Augenzeugen, die gegenüber der Presse übereinstimmende Aussagen gemacht haben. Palmer dagegen hat, wie das Tagblatt festgestellt hat, nachweislich gelogen: Die Zeugen sagen übereinstimmend, dass sich der Vorfall am 13. November ereignet hat, Palmer dagegen behauptet, es sei am 15. November gewesen. Dass das aber überhaupt nicht sein kann, ergibt sich, wie das Tagblatt feststellte, schon daraus, dass am 15. November der Marktstand, um den herum Palmer seine „slapstickreife Verfolgungsjagd“ aufs Parkett gelegt hat, gar nicht mehr auf dem Tübinger Holzmarkt stand: Der Martinimarkt hatte nur bis zum 14. November gedauert.

Demonstration gegen Affenversuche in Tübingen: Palmer hat die Experimentatoren stets verteidigt.

Provokateur und Lügner

In seiner Überheblichkeit – er denkt wohl, dem Bürgermeister glaube man eher – lügt Palmer wie gedruckt, auch wenn es genügend Augenzeugen gibt. Dies haben wir selbst schon erfahren müssen, und zwar im Zusammenhang mit unserem Engagement gegen die Tübinger Primatenexperimente. Palmer positionierte sich bereits 2011 mit den Worten „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“ klar aufseiten der Experimentatoren und der Tierausbeutungs-Industrie – wieder einmal gegen die Linie seiner Partei: Während Palmer – selbst Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Campus Tübingen, wo die Versuche unter anderem stattfanden – sich von Anfang an auf die Seite der Experimentatoren stellte, hatte seine Partei auf Landesebene unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch unsere Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut worden war, die For­de­rung nach einem Ende der Experimente in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 aufgenommen. Als sie Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung allerdings schnell nichts mehr wissen, und der damalige Koalitionspartner SPD vollzog Ende 2012 einen regelrechten Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby.

Palmer tauchte im September 2014 beim Sammelpunkt für eine Demonstration gegen die Primatenexperimente auf der Tübinger Neckarinsel auf und verlangte von den Tierversuchsgegnern, sie sollten mit ihm diskutieren. Auch damals benutzte er schon dieselben Worte wie im Streit mit dem Studenten jetzt: Als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ könne er die Versammlung auch auflösen lassen, wenn er nicht sprechen dürfe – klarer Amtsmissbrauch. Wie Palmer die Demonstranten provozierte, ist auch auf einem Video festgehalten worden. Die Stimmung war aufgeheizt, irgendwann flog aus der Menge heraus ein kleines Kieselsteinchen in seine Richtung, es streifte ihn am Hemd – und traf ihn nicht, wie er später, obwohl es zahlreiche Zeugen gab, behauptete, „am Kopf“. Zunächst störte er sich auch nicht daran: Er blickte für einen kurzen Moment etwas irritiert nach unten, diskutierte aber sofort weiter. Irgendwann ging er sich ein Eis kaufen. Er kam wieder, als der Demonstrationszug startete. An seinem Eis leckend, ging er neben den Demonstranten her – natürlich immer vor den Kameras der anwesenden Journalisten – und beschimpfte sie, unter anderem als „Gesinnungsterroristen“. Irgendwann hatte er wohl genug und ging. Zuhause muss er sich überlegt haben, wie er die Demonstration am besten diffamieren könnte – und da fiel ihm das Kieselsteinchen wieder ein. Auf seiner Facebook-Seite machte er daraus die reißerische Überschrift „Steinwürfe gegen Andersdenkende“ und behauptete, dass ihn ein „Stein“ getroffen hätte – er habe „rechts am Kopf“ einen „Schlag gespürt“. Palmer log also, um das Anliegen der Demonstranten zu verunglimpfen. Schon damals durchschauten das viele: „So lacht das Netz über Boris Palmer“, titelte etwa der Reutlinger Generalanzeiger.

Zensur-Zirkus

Nicht nur mit Palmer, auch mit der Berichterstattung des Schwäbischen Tagblatts haben wir unsere eigenen, speziellen Erfahrungen gemacht. Im September 2009 etwa demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus. Da das Blatt „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das Tagblatt veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der unsere Kritik diskreditierenden Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“. Ähnlich wie bereits im Juli 2009, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren, so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf des Zirkus-Betriebs, der in der Kritik stand, zu retten – dabei waren die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen. In einem Leserbrief machten wir auf zahlreiche Vorkommnisse in dem Betrieb, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors aufmerksam. Leider wurde den Lesern die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten enthielt, vom Tagblatt einfach weggelassen wurde, ganz offensichtlich in der Absicht, unseren Protest zu delegitimieren.

Seine Leserbrief-Kultur sieht das Blatt eigentlich als Aushängeschild. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Mehrere unserer Leserbriefe wurden aber bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, oder die Redaktion weigerte sich schlicht, sie abzudrucken. Im September 2010 informierten wir hier auf der Seite über diesen „Zensur-Zirkus“ mit der Zeitung: „Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des Tagblatts in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen.“

Mode Zinser ist das größte Tübinger Modegeschäft und ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts; die Zeitung zensierte daher unsere Kritik an Zinser.

Alles für den Anzeigenkunden

Am 14. Oktober 2010 verfassten wir, gemeinsam mit der Offensive gegen die Pelzindustrie, einen „Offenen Brief an Mode Zinser u.a.“, in dem wir das große Tübinger Modehaus Zinser und andere, kleinere Geschäfte, über die Produktionsbedingungen von Pelz informierten und die Verantwortlichen baten, „auf den Verkauf von Echtpelz in Zukunft zu verzichten“. In seiner Berichterstattung übte das Tagblatt damals „Zensur für Zinser“: In einem Artikel über unsere Proteste wurde das Modehaus mit keinem Wort erwähnt – dabei handelte es sich um den Hauptadressaten unseres Briefes! Wer den Tagblatt-Artikel zum Thema las, bekam den Eindruck, wir würden kleine Tübinger Boutiquen, welche lediglich, wie es im Text hieß, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen würden, regelrecht terrorisieren. Mehrmals versuchten wir, per Leserbrief die Fehlinformationen klarzustellen – ohne Erfolg, das Tagblatt weigerte sich schlicht, die Briefe zum Thema abzudrucken, und zwar nicht nur jene von uns, sondern auch die anderer Leser, wie wir später erfahren haben.

Der Grund dafür, dass die Zeitung das Modehaus aus der Berichterstattung heraushalten wollte, ist simpel: Zinser ist ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts. Wie diese Art der Zensur funktioniert, das hat bereits Upton Sinclair, Verfasser des Enthüllungsromans The Jungle (1905), in dem es um die Zustände im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, geht, in seinem Buch The Brass Check (1919) analysiert. Dabei handelt es sich um eine Kritik des bürgerlich-kapitalistischen Zeitungswesens. Sinclair berichtet darin auch vom Kampf gegen die Zeitungsmonopole im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Verhältnisse in den Schlachthöfen und seinen Schwierigkeiten, die Ergebnisse seiner Recherchen in Artikeln zu veröffentlichen: Zuerst wurde er ignoriert, dann lächerlich gemacht; so stellte etwa der damals meistgelesene Journalist der USA, Arthur Brisbane – der, wie das Tagblatt, „linksliberal“ war – Sinclair als „empfindsamen jungen Dichter hin, der zum ersten Mal in seinem Leben Schlachthäuser gesehen, und den die Entdeckung, dass Tiere in ihrem Innern Blut hätten, zu stark aufgeregt“ habe.

Als Sinclair dann doch einen Verlag gefunden hatte und The Jungle erschien, wurde das Buch zum sofortigen Bestseller und machte seinen Verfasser mit einem Schlag international bekannt – die Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Jene Medienhäuser, die Sinclairs Artikel zum Thema und The Jungle selbst abgelehnt hatten, hätten nicht, wie es in The Brass Check heißt, aufs „falsche Pferd“ gesetzt, wie sie später behaupteten, sondern aufs „goldene Pferd“, das „ganzseitige Fleischkonservenanzeigen“ in Auftrag gab. Angriffe auf große Anzeigenkunden seien für Zeitungen eine heikle Sache: „Wenn eine Zeitung ihre Großinserenten nicht genügend schützt, sorgen die schon selbst für ihren Schutz“, so Sinclair – nämlich schlicht dadurch, dass sie keine Anzeigen mehr in Auftrag geben.

Palmer-Bashing?

Nachdem das Tagblatt in den letzten Monaten zunehmend auch kritische Worte zu Boris Palmer fand, wurde die Zeitung von Rechten und anderen Palmer-Fans angegriffen. Daraufhin ist der Chefredakteur der Zeitung, Gernot Stegert, kürzlich wieder zurückgerudert und meinte, das Blatt gegen die Vorwürfe des „Palmer-Bashings“ verteidigen zu müssen; er schrieb: „Wir schreiben viel Positives über Boris Palmer, berichten über sein tatkräftiges Handeln als Oberbürgermeister, haben oft seine Position unterstützt.“

So auch Palmers Position zu den Tübinger Affenversuchen: Wie er verteidigte die Zeitung die Experimentatoren und die Versuche stets. Noch Ende 2016, rechtzeitig vor zwei Demonstrationen gegen die Tübinger Primatenversuche, die am 17. und 18. Dezember stattfanden, räumte das Tagblatt Nikos Logothetis, einem der Experimentatoren am MPI, gegen den die Staatsantwaltschaft im Februar 2018 einen Strafbefehl beantragt hat – der Prozess findet im Januar 2019 statt –, eine ganze Seite Platz ein, auf der er sich und seine Versuche ausführlich verteidigen durfte. „Das überrascht nicht, hat es doch schon oft gezeigt, hinter wem es in der Debatte steht. Man fragt sich allerdings, weshalb Logothetis‘ Pamphlet mit ‚Dokumentation‘ überschrieben ist und nicht mit ‚Anzeige‘; zu plump, zu durchschaubar ist die Propaganda, und zudem eine einzige larmoyante Apologie dessen, womit er sein Geld verdient“, schrieb einer unserer Aktivisten damals in einem Leserbrief.

Demonstration gegen die Tübinger Experimente mit Primaten im Dezember 2016; mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Politik für Profite

Als das Tagblatt den Artikel, in dem Gernot Stegert sich gegen den Vorwurf des „Palmer-Bashings“ meinte erwehren zu müssen, auf Facebook teilte, kommentierten glücklicherweise auch viele Menschen, die die kritischer werdende Berichterstattung der Zeitung über Palmer richtig fanden. „Es ist richtig, dass über den Amtsmissbrauch eines Oberbürgermeisters berichtet wird. Dass das Medienbashing von Rechts nun so loslegt, wenn es um Palmer geht, das zeigt vor allem mit wem er sich bettet!“, oder: „Palmer hat seine Fanbase mobilisert. Bin gespannt, ob ihr einknickt. Ich hoffe, ihr bleibt kritisch. Hofberichterstattung seitens der Springer-Presse gibt es schon genug“, lauteten etwa zwei Kommentare.

Dass Palmer dabei ist, sich selbst zu demontieren und es immer weniger Menschen in und außerhalb von Tübingen gibt, die ihn überhaupt noch ernst nehmen, liegt auf der Hand. Interessant zu beobachten ist für uns aber, wie auch das Schwäbische Tagblatt, das Palmer jahrelang protegiert hat, immer kritischere Töne gegen ihn anschlägt. Allerdings geht es dabei meist um sein Verhalten, seinen Narzissmus, seine Auffälligkeiten, nicht um seine Politik. Diese wird von der Zeitung, genauso wie vom Großteil der Wirtschaft und Industrie der Stadt, nach wie vor mitgetragen. Das „linksliberale“ Tagblatt ist eben auch Teil des bürgerlich-kapitalistischen Pressewesens, das Upton Sinclair schon vor 100 Jahren kritisierte – und Boris Palmer steht als Politiker stets für bour­geoise Interessen ein. So macht er sich beispielsweise dafür stark, dass in der Region mit dem „Cyber Valley“ ein elitäres Forschungskonglomerat zur Künstlichen Intelligenz entsteht. Das Projekt, an dem neben der Universität Tübingen und der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem der Konzern Amazon und das Rüstungsunternehmen ZF Friedrichshafen beteiligt sind, steht heftig in der Kritik; erst am 29. November fand unter dem Motto „Wissenschaft für die Menschen, nicht für Industrie, Überwachung und Krieg“ in Tübingen eine Demonstration dagegen statt, die von vielen lokalen Gruppen und Initiativen unterstützt wurde, auch von uns. Das Bündnis gegen das Cyber Valley fordert unter anderem sozialen Wohnungsbau und eine Stadt für alle – statt Standort im „Kampf um die besten Köpfe“ –, eine Zivilklausel für das Projekt, damit dort keine Zusammenarbeit mit Militär und Rüstung stattfindet, und dass die in Tübingen an Universität und MPI betriebene, mit öffentlichen Mitteln bezahlte Wissenschaft der Allgemeinheit dienen soll anstatt den privaten Profitinteressen einiger Konzerne.

Dies aber sind Forderungen, die den Positionen Palmers diametral entgegenstehen: In Tübingen herrscht Wohnungsnot, in nur zwei anderen deutschen Städten sind die Mieten noch höher als hier; Palmer aber will mit dem Cyber Valley ein Prestigeprojekt ans Land ziehen, das zahlreiche hochbezahlte Wissenschaftler und deren Familien anziehen soll – was die Wohnungsnot verschärfen und die Mieten in die Höhe treiben würde. Er warnt vor einem „Tüxit“, davor, dass Tübingen die Chance verspielt, im Konkurrenzkampf mit anderen Städten vorne mit dabei zu sein. Palmer macht keine Politik für den „kleinen Mann“, für die Mehrheit der Menschen in Tübingen; er macht Politik für die Interessen der Eliten, für Konzerne und die Wirtschaft – und von ihnen wird er entsprechend gestützt.

Kundgebung „Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens!“, Tübingen, 6. Juli 2018.

Im bürgerlichen Endlager

Bedient Palmer mit seinen provokativen Aussagen, die dem Parteiprogramm und den mehrheitlichen Ansichten der Grünen widersprechen, vor allem seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse – er scheint es zu genießen, sich als „Enfant terrible“ der Grünen zu inszenieren –, so befindet er sich, was seine Politik für Besserverdiener angeht, doch ganz auf Parteilinie. Die Grünen sind fürs bürgerliche Milieu längst „wählbar“ geworden; heute handelt es sich um eine Partei, die, so der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer, „über bestimmte ideologische Grenzen hinaus“ in der Lage sei, primär bürgerliche Gruppen zu erfassen. Natürlich muss man dazu kompromissbereit sein und sich in den Dienst der Erhaltung des Status quo stellen. Dass ein „Weiter so“ zielgenau in die nächste ökonomische Krise führt und ein grundsätzlicher Systemwandel vonnöten wäre, auch, um die drohende ökologische Katastrophe zu verhindern, ist zwar die Wahrheit; allerdings eine Wahrheit, mit der man in diesem Land offenbar keine Mehrheiten hinter sich versammeln – oder auch nur Oberbürgermeister werden – kann.

Bis 2022, wenn die nächste Oberbürgermeisterwahl stattfindet, muss Tübingen Palmer wohl oder übel noch ertragen. Er hat zwar bereits angekündigt, dann wieder für das Amt des Rathauschefs kandidieren zu wollen, allerdings bleibt zu hoffen, dass er sich bis dahin mit seinen zunehmend absurder werdenden Eskapaden derart selbst diskreditiert und unmöglich gemacht hat, dass er eine erneute Wahl nicht mehr gewinnen wird. In seiner Partei ist er, vor allem wegen seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik, isoliert – es ist also nicht davon auszugehen, dass er auf überregionaler Ebene seine politische Karriere noch weiter ausbauen kann, zumindest nicht als Mitglied der Grünen. Das hat er sich verbaut. Eine Einladung zur AfD-Mitgliedschaft hat er schon bekommen; es ist derzeit aber nicht davon auszugehen, dass er diese irgendwann annehmen wird – schon schlicht aus dem Grund, dass er dort im Vergleich zu anderen Mitgliedern eher gemäßigte Positionen vertreten würde, ergo kaum mehr provozieren könnte und die Aufmerksamkeit der Medien schnell verlieren würde. Gerade diese aber scheint er eben mehr als alles andere zu brauchen.

Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung: Übersetzungen

Im Januar 2017 erschien das Thesenpapier des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung. Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier

Der marxistische Philosoph Karl Reitter, bekannt durch seine Arbeit zu Marx und Spinoza, seine Kritik des Zirkulationsmarxismus und als langjähriger Herausgeber der (im Jahr 2014 eingestellten) grundrisse, hat den Text besprochen und kommt zum Ergebnis, „dass dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ein sehr interessantes und fein zu diskutierendes Thesenpapier gelungen ist“. Seine Rezension findet sich hier.

Der ökomarxistische Soziologe Athanasios Karathanassis hatte bereits im September 2017 in der sozialistischen Zeitung vorwärts seine Meinung zu Papier gebracht und die Vereinigung von Marxismus und Tierbefreiung als „längst überfälliges Bündnis“ bezeichnet.

Seit August bzw. Oktober gibt es den Text nun auch in englischer und französischer Übersetzung:

18 Theses on Marxism and Animal Liberation

18 thèses sur le marxisme et la libération animale

Demo: Das Schlachten beenden!

Am 13. Oktober 2018 fand in Zürich die Demo „Das Schlachten beenden!“ statt. Vor Ort wurde dieses Flugblatt der Tierrechtsgruppe Zürich und des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung verteilt:

Das Schlachten beenden!

Heute tragen wir den Protest gegen die Fleischindustrie und ihre Schlachthäuser auf die Strassen von Zürich. Diese Industrie ist verantwortlich für den Mord an unzähligen Tieren, welche tagtäglich mit Bolzenschussgeräten, Stromzangen oder durch Vergasung getötet werden. Sie lässt Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu unmenschlichen Bedingungen schuften und gehört zu den zentralen Verursachern der weltweiten Naturzerstörung.

Mörderische Geschäftspraxis

In der Schweiz werden jährlich über 62 Millionen Tiere für die Produktion von Fleisch getötet. Von Anfang an ist das Leben dieser Tiere von unermesslichem Leid gezeichnet. Sie werden für grösstmögliche Erträge zurecht gezüchtet, gemästet und sterben eines viel zu frühen, menschlich herbeigeführten, schrecklichen Todes. Im Schlachthof Zürich, einem der grössten Schlachthöfe der Schweiz, wird alle 15 Sekunden ein Tier ermordet. Allein in einer Schicht von früh morgens bis zum Mittag sind es bis zu 2000 Kälber, Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen, die getötet, ausgeweidet und halbiert werden. Über 270.000 Tiere im Jahr werden in der Schlachtfabrik beim Letzigrund zu Fleisch verarbeitet. Das Geschäft mit dem Fleisch ist auf einem Berg von Leichen erbaut.

Hinter Tierausbeutung steht das Kapital

Verantwortlich für diese mörderische Praxis sind in erster Linie die Eigentümer und Bosse der Schlachthäuser und Fleischfabriken. Sie betreiben die Tötung von Tieren als rentables Geschäft und verdienen sich dabei eine goldene Nase. Die Chefs der Fleischbetriebe organisieren sich beim Schweizer Fleischfachverband (SFF), welcher seinen Sitz am Sihlquai in Zürich hat. Massgebendste Mitglieder im SFF sind die beiden Branchenprimusse Bell (Coop) und Micarna (Migros), welche die Schweizer Fleischwirtschaft mit ihrer Marktstärke weitaus dominieren. Durch ihre monopolartige Stellung setzen sie zusammen fast die Hälfte der insgesamt 10 Milliarden Franken um, welche hierzulande jährlich mit Fleischwaren erzielt werden.

Zum Schutz ihrer Gewinne sind die Profiteure der Fleischwirtschaft laufend darum bemüht, ihr blutiges Geschäft zu verharmlosen und zu verschleiern. So verbreiten sie das Märchen, die Fleischproduktion sei mit dem Tierwohl vereinbar. Diese Augenwischerei erhält noch kräftige finanzielle Unterstützung durch den Staat. Jedes Jahr spendiert der Bund Steuergelder in Höhe von rund 6 Millionen Franken für die Fleischwerbung.

Miese Jobs und schäbige Löhne

Aber nicht nur die Tiere sind in den Schlachthöfen bloss Mittel zur Profitmaximierung der Fleischbosse, sondern auch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Wer in der Fleischindustrie arbeitet, weiss, was es heisst, einen miesen Job zu haben. Jeder Arbeitsgang wird auf Tempo getrimmt, Fliessbänder und Arbeitsabläufe werden immer schneller. Wer nicht mithalten kann oder wegen des Stresses und der Belastung erkrankt, fliegt raus. Da in der Fleischindustrie immer mehr temporäre Arbeitskräfte für die anstrengende Arbeit in den Schlachtbetrieben angeheuert werden, feuern die Unternehmer Beschäftigte, die aufsässig sind, oder die geforderte Leistung nicht erbringen. Auch Krankentaggelder und andere Sozialabgaben können sich die Fleischunternehmen mit der Anstellung von Temporärarbeitern sparen und entsprechend ihre Profite vergrössern.

Entgegen der Realität in den Schlachtfabriken romantisieren die Profiteure der Fleischindustrie die Tradition des Metzgerhandwerks. Durch diese Masche versuchen sie zu verbergen, was offensichtlich ist: Die Fleischunternehmer machen fette Gewinne, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu miesen Anstellungsbedingungen und schäbigen Löhnen schuften lassen.

Fleischproduktion heisst Naturzerstörung

Doch damit nicht genug. Die Fleischindustrie macht neben Rekordgewinnen auf Kosten von Menschen und Tieren auch globale Rekordwerte im Ausstoss von CO2. Die fünf grössten Fleischbetriebe der Welt stossen mehr Schadstoffe aus als Ölfirmen wie Shell oder BP. Zudem ist der Wasserverbrauch für die Fleischherstellung immens. Für ein Kilo Rindfleisch werden 16.000 Liter Wasser benötigt – vier Mal mehr als für dieselbe Menge Reis. Gleichzeitig sorgt die Fleischindustrie für übersäuerte Böden und verschmutzt das Grundwasser. Auch die Zerstörung des Regenwaldes ist der Tierindustrie geschuldet. Über 40% des südamerikanischen Urwaldes wurde für die Nutztierhaltung gerodet, 22 Millionen Hektar Land dient dem monokulturellen Sojaanbau, wovon über 80% zu Tierfutter verarbeitet wird.

Der Hitzesommer dieses Jahres hat uns spüren lassen, wohin die Reise geht, wenn sich die Erde in Folge des kapitalismusgemachten Klimawandels stetig erwärmt. Wir steuern auf eine unumkehrbare Vernichtung der natürlichen Grundlagen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens zu. Die Fleischproduktion trägt dazu entschieden bei, wenn wir sie nicht endlich stoppen.

Fleischindustrie enteignen, Kapitalismus abschaffen!

Die Bosse der Fleischindustrie werden nicht freiwillig auf ihre Profite verzichten und somit die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur weiter auf die Spitze treiben. Solange die Produktionsmittel in den Händen der Kapitalisten sind und ihrer privaten Bereicherung dienen, wird das Schlachten kein Ende nehmen. Wir fordern deshalb die Enteignung der Fleischindustrie, ihre Überführung in eine vegane Lebensmittelproduktion unter gesellschaftlicher Kontrolle sowie die Entwicklung und Gewährleistung von Umschulungsprogrammen und alternativen Arbeitsplätzen für die betroffenen Lohnabhängigen. Ausserdem fordern wir einen sofortigen Stopp aller Subventionen, welche die Fleischindustrie vom Schweizer Staat jährlich erhält.

Schliesst euch dem Protest an! Gemeinsam gegen die Fleischindustrie!
Schluss mit dem Profit auf Kosten von Mensch, Tier und Natur!

Zürich, 13.10.2018
Tierrechtsgruppe Zürich, Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Einen Demo-Bericht gibt es auf der Website der Tierrechtsgruppe Zürich.

Der grüne Marx

Christian Stache, Autor des Buches „Kapitalismus und Naturzerstörung“ (2017), über Marx‘ Ökologie; aus der Ausgabe der Schweizer sozialistischen Zeitung Vorwärts zum 1. Mai:

Noch 200 Jahre nach Karl Marx‘ Geburt hält sich hartnäckig das Gerücht über den antiökologischen, sogenannten prometheischen Marx. Sowohl das philosophisch-ideologiekritische Früh- als auch das ökonomietheoretische Spätwerk weisen in die diametral entgegengesetzte Richtung. Marx war der erste Ökosozialist. (…)

Den ganzen Artikel gibt es auf vorwärts.ch.

Gemeinsam gegen die Fleischindustrie

Im Kapitalismus werden LohnarbeiterInnen und Tiere ausgebeutet – höchste Zeit, dass Tierbefreiungsbewegung und revolutionäre Linke ihn auch zusammen bekämpfen. Eine Positionierung vom Bündnis „Marxismus und Tierbefreiung“ im re:volt magazine.

Naturzerstörung, Klimawandel, Tierversuche, Massentierhaltung, „Gammelfleisch“ – es gibt viele gute Gründe, einen radikal anderen gesellschaftlichen Umgang mit Natur und Tieren zu fordern. Wer als Linke oder Linker jedoch die Befreiung der Tiere als Bestandteil einer sozialistischen Bewegung propagiert, erntet schräge Blicke – und zwar von gleich zwei Seiten: Von vielen marxistischen und kommunistischen Linken, weil sie mit Tierbefreiung nichts anfangen können, und von der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, weil sie von Marxismus und sozialistischer Politik nichts wissen will. Trotzdem haben ihre Kämpfe mehr miteinander zu tun, als beide Seiten glauben. Schließlich haben sie den selben Gegner: Das Kapital, das Arbeitskraft, die Natur und Tiere verheizt. MarxistInnen und TierbefreierInnen müssen sich zusammentun, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Profit auf Kosten der ArbeiterInnen, Natur und Tiere

Milliarden Tiere – das heißt leidensfähige Individuen – werden jährlich ausgebeutet und umgebracht. Sie müssen unter Qualen Milch und Eier produzieren, in Zoos und Zirkussen stumpfsinnige Shows vorführen, werden in Laboren gequält und ermordet, oder landen auf dem Teller. Die Fleischindustrie lässt im Akkord töten, verschwendet dafür natürliche Ressourcen wie Wasser und Soja und verpestet die Umwelt und das Klima – Tendenz steigend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2017 in Deutschland ganze 8,11 Mio. Tonnen Fleisch „produziert“ – darunter 57,9 Mio. getötete Schweine, 3,5 Mio. getötete Rinder, rund 1,5 Mio. Tonnen Hühnerfleisch und etwa 20,600 Tonnen getötete Lämmer und Schafe. Der deutsche Markt ist oligopolistisch organisiert: Kleine und bäuerliche Betriebe müssen zusehends schließen, wenige Konzerne – u.a. Tönnies, Vion, Westfleisch – teilen die Mordsprofite unter sich auf. Professionelle Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sorgt für die propagandistische Legitimation des Geschäfts und die Hegemonie der Fleischkultur. Sie soll die Profiteure u.a. als nachhaltig wirtschaftende Unternehmen inszenieren.

Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter haben derweil nichts zu lachen: Sie arbeiten zu Hungerlöhnen unter miesen Bedingungen und werden schikaniert. Der aktuelle Tarifvertrag zwischen der Fleischwirtschaft und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sieht Mindestlöhne von mageren neun Euro vor. Es gibt mittlerweile genug Belege dafür, dass sogar dieser Hungerlohn systematisch von den Konzernbossen unterlaufen wird. Leiharbeit, informelle Beschäftigungsverhältnisse und Werkverträge, die die Löhne noch weiter nach unten drücken, sind die Regel. Gewerkschaftliche Organisierung wird massiv bekämpft, um die NiedriglöhnerInnen – meist ArbeitsmigrantInnen aus Osteuropa – ungestört ausbeuten zu können.

Wie keine andere versinnbildlicht die Fleischindustrie den rücksichtslosen Verschleiß von Mensch, Natur und Tieren durch das Kapital. Für ihre Profite nimmt die Bourgeoisie nicht nur das Ende des Planeten, wie wir ihn kennen, und das Elend der arbeitenden Klasse in Kauf. Sie geht auch buchstäblich über Leichen: Die Ursache der milliardenfachen industriellen Tötung von Tieren für die Fleisch-, Leder-, Milch-, Eier-, Pelzproduktion usw. ist das Kapital, das die Klasse der KapitalistInnen daraus schlägt – nicht bloß das falsche Denken „der“ Menschen über „die“ Tiere, wie Teile der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung meinen. Der Kampf gegen die Tierausbeutungsindustrie, wie ihn Initiativen wie Kampagnen gegen Tierfabriken, LPT Schließen, die Offensive gegen die Pelzindustrie und andere betreiben, ist daher begrüßenswert und fortschrittlich.

Klassenfrage Tierausbeutung

Die marxistische Linke hat zwar begriffen, dass es das systematische Streben der KapitalistInnen nach Profit ist, das Ausbeutung, Imperialismus, Naturzerstörung und millionenfaches Leid verursacht. Ihr Antikapitalismus hat jedoch einen blinden Fleck, wenn sie sich weiterhin weigert, die Frage nach der Befreiung der Tiere als Feld linker und sozialistischer Politik zu begreifen und ernsthaft zu diskutieren. Das Beispiel der Fleischindustrie zeigt, wie eng die Ausbeutung der Tiere mit der sozialen Frage und der Zerstörung der Natur verbunden ist. Dass die Linke sich ihrer bislang kaum angenommen hat, ist nicht nur angesichts der objektiven Bedeutung dieser Branche sowie der durch sie verursachten gravierenden Schädigung allein von Mensch und Natur verwunderlich. Für MarxistInnen gibt es darüber hinaus zwingende Gründe, die Tiere in den Kreis derer aufzunehmen, die es von Ausbeutung und Klassenherrschaft zu befreien gilt.

Für das Kapital sind nicht nur LohnarbeiterInnen, sondern auch Tiere bloß Instrumente der Verwertung: Die einen als Arbeitskraft und variables Kapital, die anderen als Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, sprich konstantes Kapital. Und für beide bedeutet das die schmerzvolle Abstraktion von ihren eigentlichen Bedürfnissen: Sie werden ausgebeutet und leidvoll verschlissen, die Tiere sogar systematisch umgebracht und zerstückelt. Die Interessen beider sind dem Kapital letzten Endes gleichgültig. Sie stehen in objektiver Gegnerschaft zur herrschenden Klasse und sitzen letztlich im selben Boot. Warum prangert man das Leid der einen an, lässt die anderen aber unberücksichtigt?

Dass sich die Ausbeutung von Arbeiterklasse und Tieren qualitativ unterscheidet – Tiere sind keine doppelt freien LohnarbeiterInnen, produzieren keinen Mehrwert und gehören nicht zur Arbeiterklasse – tut dem keinen Abbruch. Nur zum Vergleich: Marxistisch gesehen unterscheidet sich auch die Ausbeutung von SklavInnen qualitativ von jener der Lohnarbeit. Taugt das zum Argument gegen ihre Befreiung? Wohl kaum. Wir meinen: Wer als MarxistIn die Menschheit vom Elend des Kapitalismus befreien will, muss auch die Tiere befreien wollen. Die Arbeiterklasse leidet unter der Herrschaft des Kapitals, und die Tiere tun es nicht minder – also muss der Klassenkampf auch im Interesse beider organisiert werden.

Alles nur Moralismus?

Das halten einige GenossInnen nun für bürgerlichen Moralismus und entgegnen, Leiden und Moral könnten nicht die Grundlage kommunistischer Politik sein. Schließlich sei das Leiden der Menschen ja ein ganz anderes als das der Tiere. Und außerdem haben Marx, Engels, Lenin und andere ja nicht bloß die Leiden der Arbeiterklasse beweint, sondern konkrete Analysen der gesellschaftlichen und historisch-spezifischen Bedingungen und Ursachen dieses Leidens vorgenommen, um dann organisiert für die Interessen der Arbeiterklasse kämpfen zu können. Nicht sentimentale Appelle, sondern wissenschaftliche Analyse war und ist daher die Grundlage revolutionärer Strategie und Politik. Und das stimmt zweifelsohne, dennoch werden hier zwei Dinge übersehen: Erstens ist auch der Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse sehr wohl moralisch angetrieben, und zweitens ist Moral nicht mit Moralismus zu verwechseln.

Man will den Kapitalismus ja nicht abschaffen, weil er den Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert hervorbringt, zur Monopolbildung treibt oder weil ihm der tendenzielle Fall der Profitrate innewohnt. So analysiert man ihn, aber diese Analyse liefert keine Begründung für die Notwendigkeit seiner Abschaffung. MarxistInnen wollen den Kapitalismus abschaffen, weil er Ausbeutung, Verelendung, Konkurrenz, Hunger, Krieg und dergleichen bedeutet – kurz: gesellschaftlich produziertes Leid. Ohne den Drang, dieses zu mildern und aus der Welt zu schaffen, wären auch alle objektiven Widersprüche des Kapitalismus letztlich egal und jeder Klassenkampf gegenstandslos. Insofern ist Leid eine zentrale Kategorie des historischen Materialismus. Auch dem Marxschen Imperativ, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, liegt ein moralischer Impuls zugrunde.

MarxistInnen belassen es jedoch nicht bei diesem Impuls und sind sich immer über die gesellschaftlichen und historischen Grenzen der Moral im Klaren. Einen moralischen Antrieb haben und ihn zum Ausgangspunkt für Analyse und Organisation nehmen – das ist daher etwas ganz anderes als Moralismus, der die Verhältnisse moralisieren muss, weil er ihren inneren Zusammenhang nicht begreift.

Insofern verwundert die Ignoranz, mit der einige Genossinnen und Genossen sich einreden, der Kampf für die Befreiung der Tiere sei per se moralistisch und reine „Privatsache“. Natürlich kann man das Leid der Tiere und das der Menschen nicht gleichsetzen. Daraus aber zu schließen, dass man das eine abschaffen muss und das andere ignorieren darf, ist bürgerlicher Idealismus: man unterschlägt nämlich, dass der Mensch selber auch ein Tier ist (woran Marx und Engels als historische Materialisten übrigens keinen Zweifel ließen) und sich auch in der Leidensfähigkeit nur graduell vom Tier unterscheidet. Die Verachtung für das Mitleid mit den Tieren ist also vor allem eins: doppelmoralisch, antimaterialistisch und bürgerlich. Ihr liegt dieselbe Kälte zugrunde, mit der die Bürgerlichen auf den Wunsch der Linken nach Freiheit, Solidarität und Frieden herabsehen.

Tierausbeutung ist heute fortschrittsfeindlich

Darüber hinaus ist der Fortbestand der Fleisch- und Tierindustrie heute objektiv irrational und zivilisationsfeindlich. Die großindustrielle Ausbeutung der Tiere ist nicht nur längst überflüssig, sondern mittlerweile ein Hindernis für die Weiterentwicklung der menschlichen Gattung: Für die „Produktion“ von Fleisch verbraucht sie wichtige Ressourcen wie Getreide und Wasser, die wir anders viel besser einsetzen könnten. Sie holzt den Regenwald ab, um Flächen für den Anbau von Tierfutter für weidendes Schlachtvieh zu schaffen. Gleichzeitig gilt die Fleischindustrie u.a. als ein Hauptverursacher des Klimawandels. Mit dem massenhaft produzierten Billigfleisch der imperialistischen Zentren werden zudem periphere Ökonomien überschwemmt und zerstört. Damit trägt die Fleischindustrie zur Vernichtung von Existenzgrundlagen bei und zwingt Menschen zum Verlassen ihrer Länder.

Ohne Frage waren Fleischkonsum und die Domestikation von Tieren wichtig für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das ist allerdings kein Argument, sie hier und heute noch fortzuführen. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte macht es nötig und problemlos möglich, die Menschheit zu ernähren und zu kleiden, ohne dabei auf die Ausbeutung und Tötung von Tieren zurückzugreifen. Die ökologischen und sozialen Vorteile ihrer Abschaffung liegen auf der Hand. Sowohl moralisch als auch ökonomisch ist es daher geboten, die industrielle Tötung und den Verschleiß der Tiere zu beenden.

Fleischindustrie enteignen – Kapitalismus abschaffen!

Die Tierbefreiungsbewegung und die sozialistische Linke führen den gleichen Kampf: Die einen für die Befreiung der lohnabhängigen Klasse, die anderen für die Befreiung der Tiere – und beide gegen die Bourgeoisie, weil sie ArbeiterInnen und Tiere zu bloßen Mitteln der Kapitalverwertung degradiert. Sie müssen sich zusammentun und eine revolutionäre Politik für die Befreiung von Mensch, Tier und Natur entwickeln. Dazu müssen die einen begreifen, dass die Tiere zwar nicht Subjekt, wohl aber Objekt der Befreiung seien müssen; und die anderen müssen ihre Vorbehalte und mitunter antikommunistischen Vorurteile gegenüber marxistischer Gesellschaftskritik ablegen und ihre Politik auf ein radikales, antikapitalistisches Fundament stellen.

Eine erste gemeinsame Forderung könnte die Enteignung der Fleisch-KapitalistInnen sowie die Vergesellschaftung und Konversion ihrer Industrie sein. Warum nicht zusammen den Umbau der Tier-Industrie im Sinne einer ökologisch nachhaltigen, vernünftigen Produktion unter planmäßiger Kontrolle der Gesellschaft fordern? Angesichts der horrenden Ausbeutungsverhältnisse in den Tierindustrien, ihrer Zerstörung von Umwelt und Klima und des täglichen Massenmords an Tieren wäre es längst an der Zeit.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Aktiven der marxistischen Linken und Tierbefreiungsbewegung, welcher seit 2014 besteht und sich um die Vereinigung von linker und Tierbefreiungspolitik auf einer revolutionären, historisch-materialistischen Grundlage bemüht. Das Bündnis beteiligt sich an Veranstaltungen der Tierbefreiungsbewegung sowie der sozialistischen Linken und publiziert außerdem eigene Flyer und Texte wie das ausführliche Thesenpapier „Marxismus und Tierbefreiung“. Vom 30. März bis 1. April organisiert es in Hamburg eine Osterakademie unter dem Motto „Die Zukunft der Bewegung – Tierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation“.

Thesenpapier: Marxismus und Tierbefreiung

Bislang hat sich weder die marxistische Linke für die Befreiung der Tiere stark gemacht, noch hat sich die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung legt in in einem neu veröffentlichten Thesenpapier dar, warum eine theoretische und praktische Vereinigung beider Kämpfe trotzdem nicht nur möglich, sondern politisch notwendig ist. In 18 Thesen wird begründet, weshalb der Antispeziesismus marxistisch sein muss und umgekehrt der Marxismus die Befreiung der Tiere nicht länger von seiner politischen Agenda ausschließen darf. Dabei wird einerseits aufgezeigt, dass die in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung dominierenden politisch-theoretischen Strömungen – bürgerliche Moralphilosophie, liberale Rechtskritik und linksliberale poststrukturalistische Herrschaftskritik – die Ausbeutung der Tiere nicht hinlänglich erklären und deshalb auch praktisch nicht mit ihr fertig werden können. Andererseits wird gezeigt, dass die Marxisten selbst in Ideologie zurückfallen, wenn sie eine Demarkationslinie zwischen der Befreiung des Proletariats und der Befreiung der Tiere ziehen. Beide politischen Bewegungen verkennen bisher, dass sie den selben Gegner haben – die Klasse der Kapitalisten.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Organisationen und Einzelpersonen aus der Tierbefreiungsbewegung sowie der kommunistischen Linken.

Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.

Die Druckversion des Thesenpapiers wird in der Schweiz zum ersten Mal am 14. Januar 2017 an der Veranstaltung Das Andere Davos 2017 an einem Infostand der Tierrechtsgruppe Zürich im Volkshaus erhältlich sein.

In Deutschland bekommt man die Broschüre zeitgleich an einem Infostand des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung auf der XXII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier.

Unser Redebeitrag zum globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen

Unser Redebeitrag bei der Kundgebung vor dem Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik (MPI) am globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen:

Tübingen ist die einzige Stadt in Baden Württemberg, in der Hirnforschung an Primaten betrieben wird, und das an gleich drei Instituten. Den Rhesusaffen wird dazu ein Implantant in den Schädel operiert; tagelang bekommen sie vor den Versuchen kein Wasser, damit der quälende Durst sie zur „Mitarbeit“ zwingt. Mit einer Stange mit Halsschlinge werden aus dem Käfig gezerrt und in einen sogenannten Primatenstuhl gezwängt. In der Versuchsanordnung wird ihr Schädel durch das Implantat fixiert, stundenlang können sie sich nicht bewegen. Sie müssen in dieser Lage Aufgaben auf einem Bildschirm lösen und werden mit kleinen Schlücken Wasser „belohnt“.

Neben dem MPI betreibt das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung sowie das biologische Institut der Eberhard Karls Universität solche Versuche. Das MPI geriet international in die Schlagzeilen, nachdem Stern TV blutige Undercover-Aufnahmen aus dem dortigen Labor zeigte.

Wozu diese Versuche? Nach der ersten Demonstration gegen die Affenversuche mit 400 Teilnehmern im Jahr 2009 versuchte das MPI die Versuche als Notwendigkeit in der Forschung zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson darzustellen. Rechtlich werden die Versuche aber als „Grundlagenforschung“ eingestuft, womit kein Bezug zu einer praktischen Anwendung nachgewiesen werden muss.

Tatsächlich lassen Erfolge, die zur Heilung von Krankheiten beitragen könnten, auf sich warten. Andere Anwendungsbereiche sind wahrscheinlicher: Die Ergebnisse solcher „Grundlagenforschung“ fließen oft in militärische Anwendungen ein. „Die Ausrichtung dieser angewandten Grundlagenforschung scheint primär kommerziell und sicherheitspolitisch, ihre Umsetzung durch Industrie und Rüstung ist institutionalisiert und prägt sie, potentielle diagnostische oder therapeutische Erkenntnisse erscheinen allenfalls als Zufallsprodukte – und als wohlfeile Argumente für ethische Rechtfertigungen“, stellt die Tübinger Informationsstelle Militarisierung fest. Das MPI hat, im Gegnsatz zur Universität, so weit bekannt, keine Aufträge des Verteidigungsministeriums, arbeitet jedoch mit in der Rüstung tätigen Unternehmen zusammen, mit dem Ziel, Flugsimulatoren zu optimieren.

Versuchsanordnungen, die sich in der Datenbank Tierversuche nachlesen lassen, legen nahe, dass nicht Forschung über Krankheiten im Zentrum steht, sondern eher Forschung für spätere militärische Anwendungen, etwa wenn die Rezeption visueller Reizen bei hoher Lautstärke untersucht wird (Versuch MPI Göttingen im Jahr 2001). Dies ist für die Steuerung von Kriegsgerät äußerst interessant. Andere Versuche deuten auf den Ausbau von Überwachungstechnik hin. So geht es etwa um die Frage, wie Gesichter und Gesichtsaudrücke vom Gehirn verarbeitet werden. Moderne Überwachungskamerasysteme sollen in Zukunft ohne menschliche Hilfe „abweichendes Verhalten“ oder registrierte Verdächtige erkennen. Die technische Möglichkeit einer totalen Überwachung ist allerdings nur im Zusammenspiel mit anti-demokratischen Entwicklungen notwendig, wo Entscheidungen gegen einen großen Teil der Bevölkerung durchgesetzt werden müssen, oder um starke Arm-Reich-Gefälle gegen die stets damit verbundene ausgleichende Rückaneignung der Ärmeren zu verteidigen.

Wir fordern eine transparente und humane Forschung! Das heißt 1., dass Forschungsziele und -inhalte einer wirklich demokratischen Kontrolle unterliegen, 2., dass Forschungsziele nicht mehr den Profiten von Wenigen dienen sollen, sondern den Bedürfnissen aller zugute kommen, 3. fordern wir die Beendung von Rüstungsforschung und Tierversuchen!

Universität Tübingen: Forschung für die Elite

Am 24. Juni findet an der Universität Tübingen ein „öffentliches Gespräch“ statt, das die Notwendigkeit von Tierversuchen „aus verschiedenen Perspektiven“ beleuchten soll. Die Liste der Gesprächsteilnehmer zeigt: Es handelt sich um eine reine Propaganda-Veranstaltung, bei der es darum geht, die Öffentlichkeit im Sinne der Interessen jener Eliten, die von dieser Forschung profitieren, zu manipulieren – und die grün-rote Landesregierung wurde längst mit ins Boot geholt. Im Rahmen des Tübinger „Exzellenzclusters“ werden Tierversuche auch im militärischen Interesse durchgeführt – trotz Zivilklausel in der Grundordnung der Universität.

Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud, gilt als Pionier in der Anwendung von Forschungsergebnissen der noch jungen Psychologie in der angewandten Öffentlichkeitsarbeit. Er selbst prägte für seinen Beruf die Bezeichnung PR-Berater. In seinem Buch Propaganda (1928) findet sich erstmals die später gängig gewordene These, dass die bewusste und intelligente Beeinflussung der Gewohnheiten und Meinungen der Konsumenten beziehungsweise Wähler ein normales Element der modernen Massengesellschaft darstelle, mit dem Ziel, einen gesellschaftlichen Konsens zu kreieren – Bernays ließ dabei keinen Zweifel daran aufkommen, dass es darum gehe, die Bedürfnisse der Massen auf diejenigen der Eliten einzustimmen, und nicht etwa umgekehrt.

Bewusste Manipulation

Die Elitentheorie, die Bernays entwickelte, sollte wohl auch das Sozialprestige seines Berufsstands aufbessern: Die Propagandisten mit ihrem Herrschaftswissen fungierten nach Bernays Vorstellungen als eine neue Klasse, die zwischen den chaotischen Bedürfnis-Artikulationen der Masse und den Notwendigkeiten geregelter Machtausübung vermittelt. Sein Buch Propaganda beginnt mit dem Kapitel Organising Chaos und den Worten: „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“

Bernays arbeitete für verschiedene Unternehmen, unter anderem für die American Tobacco Company (ATC). Für ATC versuchte er, das Rauchen auch für Frauen attraktiv zu machen, indem er eine Gruppe von Frauen beschäftigte, die sich als Suffragetten, also als Kämpferinnen fürs Frauenwahlrecht, verkleideten und so durch New Yorks Fifth Avenue marschierten – als Zeitungsreporter sie fotografierten, zündeten sie Zigaretten an und proklamierten diese als „torches of freedom“, als „Fackeln der Freiheit“. Bernays Erkenntnisse und Methoden fanden bald breite Anwendung – nicht nur wandte etwa Joseph Goebbels seine Theorien an, um die antijüdische Propaganda im deutschen Faschismus aufzubauen, sie bilden bis heute die Grundlage vieler PR-Kampagnen in Politik und Wirtschaft.

Marktkonforme Wissensfabriken

Spätestens im Zuge der Umsetzung des Bologna-Abkommens sind Hochschulen zu Wirtschaftsunternehmen geworden, zu marktkonformen Wissensfabriken, die untereinander konkurrieren. Kürzlich wurde die Nachricht veröffentlicht, die Universität Tübingen sei im „Ranking akademischer Leistungen“ leicht abgefallen: Sie stehe nun weltweit auf Platz 131 und bundesweit auf Platz fünf – „Tendenz fallend“. Es geht um Wettbewerb vor allem unter den verwertbaren Naturwissenschaften; Geisteswissenschaft soll lediglich noch die Produktionsmethoden im Wissenschaftsbetrieb verbessern helfen – „die Aufstapelung der Kenntnisse rationalisieren, die Vergeudung intellektueller Energie verhindern“, wie die Philosophen Horkheimer und Adorno bereits in den 1940er Jahren kritisierten, als sie die Totalökonomisierung aller Lebensbereiche prognostizierten.
Heute leben wir in einer Zeit, in welcher die Curricula der Hochschulen längst zur Ware geworden sind: Bildungsgänge werden in mit Krediten und Punkten gewertete Module zerstückelt und wie farbig verpackte Konsumprodukte angeboten; die zum bloßen Konsumieren erzogenen Studierenden sind gar nicht mehr in der Lage, kreativen Protest zu artikulieren, wie er sich noch vor Kurzem im Rahmen der Bildungsstreiks ausdrückte.

Krieg ist Frieden

Auch der Protest im Rahmen der sogenannten „Zivilklauselbewegung“ ist abgeebbt. An der Universität Tübingen wird im Rahmen des „Exzellenz-Clusters“ Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) unter anderem an Drohnen geforscht. „Drohnen, auch bekannt als unbemannte Luftfahrzeuge, haben sich in Militäroperationen als sehr wertvoll erwiesen“, so die EU-Kommission, die das Projekt „μDrones“, an dem nicht nur Rüstungsfirmen beteiligt sind, sondern auch das Labor für Kognitive Neurowissenschaft an der Biologischen Fakultät, finanziell unterstützt – mit 1,9 Millionen Euro. Wen interessiert da noch die Zivilklausel, die Selbstverpflichtung der Universität, dass Forschung und Lehre friedlichen Zwecken verpflichtet sein sollen? In der Präambel der Grundordnung der Hochschule heißt es seit 2010: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“
Seit März 2011 regiert in Baden-Württemberg eine grün-rote Koalition. Die Grünen hatten in ihrem Wahlprogramm „‚Green New Deal‘ für die Zukunft Baden-Württembergs“ verkündet: „Die Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen des Landes sollen ausschließlich friedliche Zwecke verfolgen“, im SPD-„Regierungsprogramm“ hatte es geheißen: „Die Forschung in Baden-Württemberg soll ausschließlich friedlichen Zwecken dienen.“ An die Regierung gewählt, wollen beide Parteien davon nichts mehr wissen. Um Forschung zu legitimieren, welche auch militärischen Interessen und Zwecken dient, wird diese einfach nach der von Bernays begründeten Methodik, die George Orwell in seinem Roman Nineteen Eighty-Four karikierte, zu ihrem eigenen Gegenteil erklärt – oder, wie es bei Orwell heißt: „Krieg ist Frieden“.

Die Verklärung militärischer zu humanitären Einsätzen hat bei SPD und Grünen Tradition. Am 24. März 1999 fielen die ersten Bomben auf Serbien. „Engel der Barmherzigkeit“ lautete der zynische Name der Operation, in deren Verlauf die NATO über einen Zeitraum von 78 Tagen das Land bombardierte. Auch die BRD mischte nun wieder im globalen Kriegsgeschehen mit – unter einer rot-grünen Koalition. Außenminister Joschka Fischer versuchte den Krieg propagandistisch zu legitimieren, indem er das politische System im Kosovo als barbarischen Faschismus brandmarkte: Milosevic sei bereit „zu handeln wie Stalin und Hitler“ und führe einen Krieg gegen die Existenz eines ganzen Volkes. „Die Bomben sind nötig, um die ‚serbische SS‘ zu stoppen“, meinte er. Zusammen mit Verteidigungsminister Rudolf Scharping präsentierte er damals einen angeblich „seit langem feststehenden Operationsplan“ für das „jugoslawische Vorgehen im Kosovo“, der als „Beweis“ dafür herhalten sollte, „daß schon im Dezember 1998 eine systematische Säuberung und die Vertreibung der Kosovo-Albaner geplant worden war“. Dabei handelte es sich um eine Erfindung – reinste Propaganda. Statt durch die Bomben eine „humanitäre Katastrophe“ zu verhindern, wie das vorgebliche Ziel des Angriffs lautete, zogen diese eine Katastrophe von nicht absehbarem Ausmaß nach sich: Die NATO flog in den 78 Kriegstagen 38.000 Lufteinsätze und warf 9.160 Tonnen Bomben ab, viele auf Chemiefabriken, wodurch Phosgen und Dioxine freigesetzt werden; Quecksilber, Zink, Kadmium, Blei verseuchten die Trinkwasserreservoirs. Und: Insgesamt zehn Tonnen abgereichertes Uran fielen auf Jugoslawien. „Eine ‚strahlende‘ humanitäre Intervention, krebserregend und umweltverseuchend. Kein Wort der Kritik von den Grünen“, ging Jutta Ditfurth 2009 mit ihren einstigen Parteigenossen ins Gericht.

Sinnlose Forschung

Am CIN werden auch die umstrittenen Experimente an Primaten durchgeführt, gegen die wir seit über vier Jahren vorgehen. Im Januar 2009 starteten wir in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen die Versuche. Unter dem politischen Druck, der durch sie aufgebaut wurde, nahm die grüne Partei die Forderung nach einem Ende der Affenversuche in Tübingen in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf: Die Experimente sollten „innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.“
Am 27. März 2011 wurde der 15. Landtag von Baden-Württemberg gewählt; in Folge musste die CDU nach 58 Jahren die Regierungsverantwortung an eine Koalition aus Grünen und SPD abgeben. Am 18. Oktober 2011 wurden die über 60.000 Unterschriften, welche inzwischen gegen die Experimente an Primaten gesammelt worden waren, der neuen grün-roten Landesregierung übergeben. Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der Übergabe der Unterschriften am 18. Oktober zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. Die Stuttgarter Ausgabe des Springer-Blattes Bild titelte: „Grüne: ,Sinnlose‘ Hirnforschung an Affen stoppen“.

Elitäre Interessen

Auch die SPD hatte wichtige Ziele zur Stärkung der tierversuchsfreien Forschung in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Im Koalitionsvertrag der beiden Parteien heißt es: „Wir wollen die Zahl der Tierversuche im Land weiter verringern und die Entwicklung von Alternativmethoden besser fördern.“ Von einer „weiteren“ Verringerung konnte allerdings gar nicht die Rede sein. Die Zahl der Tierversuche ist seit dem Jahr 2000 in Deutschland um 56 Prozent gestiegen – und Baden Württemberg ist führend: Dort werden rund 20 Prozent aller deutschen Versuchstiere „verbraucht“. Inzwischen dürfte klar sein: Das Bundesland hält auch an den Tübinger Tierversuchen mit Primaten fest – wie Ärzte gegen Tierversuche vermuten, in erster Linie aus elitären Interessen, denn die Eberhard Karls Universität ist aufgrund der Forschung am CIN zur „Eliteuniversität“ ernannt worden. Die Ärzteorganisation urteilte deshalb im März 2012 in einer Pressemitteilung: „Offensichtlich beugt sich die Landesregierung lieber der mächtigen Experimentatorenlobby, anstatt sich ihren selbst gesetzten Zielen zu widmen. Ein trauriges Bild, das die Politik abgibt, der Wähler nicht zuletzt aufgrund des Vorhabens, Affenversuche auslaufen zu lassen, ihr Vertrauen geschenkt haben.“

Im Mai 2012 war die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bei der Eröffnungsfeier des CIN zugegen und provozierte in ihrer Rede mit dem Vorschlag, einen „dreieckigen Tisch“ von Universität, Tierversuchsgegnern und Öffentlichkeit einzurichten, womit sie offensichtlich versuchte, die Verantwortung, die sie und ihre Partei trägt, abzuschieben.
Am 16. November 2012 fand im Stuttgarter Landtag eine Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ statt – eine Farce. Dem Experimentator Andreas Nieder vom Tübinger CIN, der mit einem ganzen Fanclub von Studierenden angereist war, wurde Raum geboten, die Versuche ausführlich zu verteidigen. Ihm zur Seite stand Karin Blumer, eine extra eingeflogene Tierversuchslobbyistin des Pharmakonzerns Novartis – die allerdings nicht einmal wusste, in welchem Bundesland sie sich gerade befand. Auch bei den Grünen zeigte sich Orientierungslosigkeit: Der Großteil der anwesenden Parlamentarier schien sich zum ersten Mal überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Reinhold Pix gab sich und seiner Partei dann auch die Blöße, zuzugeben, dass die Grünen bei der Verankerung der Forderung nach einem Verbot der Affenversuche im Wahlprogramm ja nicht damit gerechnet hätten, in Baden-Württemberg tatsächlich in die Situation der Regierungsverantwortung zu gelangen. Cornelie Jäger, die erste Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg, die ihr Amt am 1. April angetreten hatte – damit wurde immerhin eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt –, sprach über das Thema „Primatenversuche: Rechtlicher Rahmen und politische Fragestellungen“ – und kam zu dem Schluss, dass es der Landesregierung eigentlich gar nicht möglich sei, die Versuche zu verbieten. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatte die Tierschutzbeauftragte uns und weitere an der Kampagne beteiligte Gruppen kontaktiert und das Gespräch gesucht – wir brachen diesen Kontakt aber nach einem einmaligen Treffen mit Jäger unter dem Eindruck ihrer letztlich reformistischen Positionen sowie der Hilflosigkeit, die sie zur Schau stellte, ab.
Ende 2012 knickte die SPD offiziell vor der Experimentatorenlobby ein, womit das im Wahlprogramm der Grünen versprochene Ende der Affenversuche noch weiter in die Ferne rückte. Wie der Reutlinger Generalanzeiger in einem Artikel mit dem Titel „SPD unterstützt Tierversuche“ berichtete, meinte Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie-Institut: „Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt“ – und wo Versuche mit Primaten „unerlässlich“ seien, müssten sie durchgeführt werden. Ein weiteres interessantes Detail aus dem Artikel: Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Fotografieren sei dort aber nicht erlaubt, so die Zeitung: „Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.“
Der Deutschlandfunk kommentierte die Situation im Februar dieses Jahres in einem Beitrag mit dem Titel „Wissenshunger versus Affendurst“ folgendermaßen: „Welche Schritte die Grünen in der Landesregierung in den nächsten Monaten und Jahren vorschlagen und wie sich der Koalitionspartner SPD dazu stellt, ist bundesweit von Interesse. Denn das Tübinger Forschungszentrum ist die größte von insgesamt sechs universitären Einrichtungen, die an den Gehirnen von Affen forschen – und ein Grund, warum Tübingen Eliteuni geworden ist.“

Stadt der Affen

„Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Am 24. Juni nun geht das Tübinger „Affentheater“ in die nächste Runde: Die Universität lädt zum öffentlichen „Gespräch“ zum Thema „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ Eine Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Es geht darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von der Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit sehr einfachen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN der „Eliteuniversität“ Tübingen durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. So heißt es im offiziellen Ankündigungstext der Universität, es gehe „nicht zuletzt auch um Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten für Krankheiten“.
Es soll bei diesem „Gespräch“ übrigens überhaupt nicht darum gehen, den Einsatz von Tierversuchen grundsätzlich zu diskutieren – deren angebliche Notwendigkeit wird vorausgesetzt, „Tierversuche an unterschiedlichsten Spezies“ seien „unverzichtbar“. Es soll lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten, „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Weiter heißt es: „Durch die Einbeziehung von Patienten mit ihren Nöten und Hoffnungen soll Menschen Gehör verschafft werden, die in eher theoretischen Grundsatzdiskussionen in aller Regel ausgeklammert bleiben.“ In geradezu perfider Art und Weise wird hier mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Und wer vertritt bei der Veranstaltung die „Sicht der Patienten“? Der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ spricht Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, für „ethische Erwägungen“ wird abermals Dr. Dr. Karin Blumer, PR-Fachfrau der Novartis AG, eingeflogen.

Einige Strohmann-Argumente aus „Sicht des Tierschutzes“ schließlich darf die „Landesbeauftragte für Tierschutz“ Dr. Cornelie Jäger anbringen.

Instrumentalisierung von Angst

Bereits am Tag der ersten Großdemonstration gegen die Affenversuche, am 18. April 2009, schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine fast ganzseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt, welche die Überschrift trug: „Tierexperimente sind in der neurowissenschaftlichen Forschung unverzichtbar: sie versprechen die Linderung menschlichen Leidens“. In der Anzeige wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im Interview mit dem Tagblatt, und gab damit die kostspielige Anzeige der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ der Lächerlichkeit preis. Jucker selbst ist Tierexperimentator – er forscht über Alzheimer an Fliegen und Würmern.
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben, oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrer Grundlagenforschung aber rein gar nichts zu tun haben.
Im letzten Jahr etwa sollten es neuronale Erkrankungen wie Schizophrenie sein: Die Universität Tübingen ließ im März 2012 öffentlich mitteilen, die Experimentatoren um Andreas Nieder im „Labor für Primaten-Neurokognition“ hätten durch ihre Forschungen Erkenntnisse erzielt, die „helfen, krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung, zum Beispiel bei einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln“. – Was haben die Forscher gemacht? Sie haben Rhesusaffen am Computer trainiert, Lichtpunkte zu entdecken und dabei Messungen im Bereich des Stirnhirns vorgenommen. Zu Recht kann man sich fragen, was das mit neurologischen Erkrankungen zu tun haben soll. Andreas Nieder wagte den gedanklichen Spagat: „Seit langem ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns mit neuropsychiatrischen Erkrankungen einhergehen. So ist beispielsweise die Schizophrenie durch starke Fehlinterpretationen der normalen Wahrnehmung und der Urteilskraft, bis hin zu schweren Halluzinationen, gekennzeichnet“. Für die Behauptung aber, die Untersuchung der Verarbeitung visueller Reize im Hirn von Rhesusaffen helfe, krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns beim Menschen zu begreifen, gibt es schlicht keine Grundlage: Die US-amerikanische Neurologin Aysha Akhtar hat in ihrer Studie Neurological Experiments: Monkey See… But Not Like Humans neuroanatomische und -physiologische Unterschiede zusammengetragen, die zeigen, dass Gehirne von Rhesusaffen schlicht nicht als Modell fürs menschliche Gehirn herhalten können. So hat beispielsweise ein menschliches Neuron 7.000 bis 10.000 Synapsen – also Verbindungen zu anderen Neuronen –, beim Affen sind es nur 2.000 bis 6.000. Menschen haben außerdem gerade zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen überhaupt gar nicht gibt!
Ärzte gegen Tierversuche sind deshalb der Meinung: „Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht. Will man etwas über das menschliche Gehirn erfahren, muss das ‚Zielhirn‘ untersucht werden und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen – ohne Löcher in den Schädel zu bohren. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn von Freiwilligen untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.“

Blutiger Fehlschluss

Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen anderen Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Tübinger Versuchsaufnahmen, die das ZDF im Jahr 2009 gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im sogenannten „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“

Die Philosophen Max Horkheimer – der die Situation der Tiere als „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“ beschrieb – und Theodor W. Adorno zeigten sich nicht nur bereits in den 1940er Jahren entsetzt über die „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt heute“, sondern verurteilten speziell auch scharf die Vorgehensweise einer modernen Wissenschaft, in welcher die Vernunft zum bloßen Instrument der herrschenden Interessen verkommen ist und die „verstümmelten Tierleibern“ in „scheußlichen Laboratorien“ den „blutigen Schluß“ abzwingen will. Was die Hirnforschung an Primaten betrifft, kommt hinzu, dass deren Ergebnisse überhaupt nicht auf Menschen übertragbar sind: Die Experimentatoren vollziehen hier an den Tieren einen blutigen Fehlschluss.
Selbst wenn aber den gemarterten Körpern von Tieren eine Erkenntnis abgerungen werden kann, die Menschen in irgendeiner Weise als „nützlich“ erscheint, so rechtfertigt das in keinem Fall diese Methode. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive Wissenschaft erkennt längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, unhaltbar ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College und einer der renommiertesten Primatenforscher weltweit: Er fordert Grundrechte für unsere nächsten evolutionären Verwandten und spricht in Interviews davon, dass der historische Moment gekommen sei, um nach Nationalismus, Rassismus und Sexismus auch den Speziesismus zu überwinden.
Was den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten angeht, so konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – sie waren bisher nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mehrmals mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert. In unverantwortlicher Art und Weise versuchen sie außerdem, die Angst der Menschen vor Krankheiten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Worum es ihnen wirklich geht, darauf hat bereits im Jahr 2009 das ZDF-Magazin Frontal 21 aufmerksam gemacht: Nachdem es auf Erhebungen der Akademie für Tierschutz München hingewiesen hatte, die zeigen, dass die absolute Mehrheit von Tierversuchen keinen Nutzen für den Menschen bringt, urteilte es: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Faschismus mit einem Lächeln

Am neuen, neoliberalen Typ Hochschule wird nicht für die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung geforscht, sondern letztlich für die wirtschaftlichen Eliten – und die sind an Profit interessiert, und nicht etwa an den Interessen der Kranken. Der ehemalige Mitarbeiter des US-Senats Bertram Gross erkannte schon 1980 in den zunehmenden Verstrickungen zwischen politischen und Wirtschafts-Eliten das Potential für einen „Friendly Fascism“. Massenaufmärsche und ähnliches suche man darin vergeblich: Er erscheine modern, multiethnisch, ein „Faschismus mit einem Lächeln“. Aber er werde Rezession bringen, Umweltzerstörung, Militärinterventionen, Kriege – und nicht zuletzt die Aushebelung der Grundrechte. Inzwischen haben auch deutsche Innenminister offen ausgesprochen, die Verfassung sei „immer stärker die Kette, die den Bewegungsspielraum der Politik lahmlegt“, und arbeiten mit ihren US-amerikanischen und europäischen Kollegen am Feindstrafrecht – derzeit gegen Menschen aus arabischen Ländern. Jeden Dienstag studiert US-Präsident Obama die ihm vorgelegten Kurzlebensläufe und ordnet den Einsatz zur Tötung per Drohne an. Inzwischen sind das Tausende von Hinrichtungen ohne Prozess, ohne Urteil, ohne Verteidigung. Allein in seinem ersten Jahr als Präsident, 2009, hat Obama 53 Angriffe in Pakistan befohlen, mehr als sein Vorgänger während seiner gesamten Amtszeit; am Ende desselben Jahres wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen – eine Groteske, die ans Orwellsche „Krieg ist Frieden“ gemahnt.
Auch die BRD erwägt derzeit die Anschaffung von Kampfdrohnen für den Kriegseinsatz – und am Tübinger CIN wird derweil, unter anderem in Tierexperimenten, an Drohnen geforscht, trotz Zivilklausel. Letztere interessiert die Universitätsleitung schlicht nicht – genauso wenig wie Tierleid darf sie ökonomischen Interessen im Wege stehen. Diese sollen durchgesetzt werden, komme, was wolle. Sollten sich überhaupt noch einmal ernsthafte Proteste gegen die Ökonomisierung der Hochschulen regen, so wird diesen sicher auch mit stärkeren Mitteln entgegengetreten werden. Noch werden propagandistische Mittel als ausreichend angesehen, noch wird freundlich zum „Gespräch“ geladen – auch wenn dessen Ergebnis von vornherein feststeht. Die Universität und die längst gekauften politischen Parteien machen gute Miene zum bösen Spiel – noch gilt die Maxime: Freundlich bleiben. Die Realsatire, die sie betreiben, kann uns aber schon lange kein Lächeln mehr entlocken.

Frauentag 2013: Gedenken an Louise Michel

„Alles, alles muß befreit werden, die Geschöpfe und die Welt, wer weiß, vielleicht die Welten? Wilde, die wir sind!“ – Louise Michel (1830-1905).

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Seit über 100 Jahren finden im März große Demonstrationen und Veranstaltungen für Frauenrechte statt. Nachdem der Tag in den USA erstmals 1908 ein Erfolg war, wurde er als weltweiter Aktionstag von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen vorgeschlagen. Wir möchten in diesem Jahr den Tag dazu nutzen, der Feministin, Sozialistin, Anarchistin, Lehrerin und antikolonialen und revolutionären Kämpferin Louise Michel zu gedenken. Die Versailler Bevölkerung nannte sie „La Louve Rouge“, die Rote Wölfin. Louise Michel hat sich nicht nur über das Leid der Tiere politisiert, sie kämpfte auch bis an ihr Lebensende für die Befreiung von Mensch und Tier: Als Lehrerin, zur Verteidigung der Pariser Kommune mit dem Gewehr in der Hand hinter den Barrikaden, im Exil auf Neukaledonien für die Indigenen gegen die Kolonialisierung und den Eurozentrismus und schließlich in Frankreich und England als Agitatorin für die Revolution.

Louise Michel wird am 29. Mai 1830 als Tochter einer Dienstmagd und des Hausherren auf dem Schloss Broucourt im Nordosten Frankreichs geboren. Sie politisiert sich über das direkt erlebte Leid der armen Landbevölkerung sowie der Tiere. In ihren Memoiren (1886) schreibt sie: „Von der Zeit, da ich auf dem Land die Grausamkeiten gegen die Tiere erlebte und das entsetzliche Bild ihrer Lebensbedingungen erfaßte, stammt mein Mitleid für sie und dadurch mein Bewußtsein über die Verbrechen der Macht. So handeln die Führenden mit den Völkern!“ Seit sie das Köpfen einer Gans miterlebt, fällt es ihr schwer, Fleisch zu essen, und sie entwickelt Abscheu sowohl gegen das Schlachten, als auch gegen die Todesstrafe: „Einige Jahre später wurde in einem Nachbardorf ein Vatermörder hingerichtet; zu der Stunde, da er sterben wollte, mischte sich in mein Grauen vor der Todesqual des Mannes meine Erinnerung an die Todesqual der Gans.“

Das Leben auf dem Lande verhilft ihr auch zu ihrem Klassenstandpunkt, da sie die Armut der Bauern miterlebt. Später schreibt sie dazu: „Was die Reichen betrifft, so hatte ich für sie wenig Achtung; und da kam mir der Kommunismus in den Sinn. Die harte Feldarbeit sah ich so, wie sie ist: sie beugt den Menschen wie den Ochsen über die Furchen; das Schlachthaus steht für das Tier bereit, wenn es verbraucht ist; der Bettelsack für den Menschen, wenn er nicht mehr arbeiten kann“.

Michel macht eine Ausbildung zur Lehrerin. Als sie diese 1852 mit einem Eid auf den Staat beenden soll, weigert sie sich – denn Frankreich ist wieder eine Monarchie: Vier Jahre nachdem 1848 Frankreich zum zweiten Mal Republik geworden ist, hat sich Napoleon III. zum Kaiser krönen lassen. Michel ist seit 1867 bei den revolutionären Blanquisten aktiv und demonstriert in Paris gegen Napoleons Krieg gegen das Königreich Preußen – und wird von der Polizei niedergeknüppelt. Das Kaiserreich kollabiert 1870; die danach gebildete bürgerliche Regierung führt den Krieg fort und sieht sich gezwungen, die Bevölkerung von Paris gegen die Preußen mit Kanonen zu bewaffnen. Als 1871 Paris von preußischen Truppen belagert wird, schließt die konservative Zentralregierung Frieden mit Preußen, während Paris seine eigene kommunale Verwaltung wählt, die, unter Einfluss der Blanquisten und der teilweise anarchistisch beeinflussten Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation für eine Fortsetzung des Krieges zur Erhaltung ihrer Freiheiten stimmt. Die Tage der Kommune beginnen damit, dass die bürgerliche Regierung mit Sitz in Versailles der Pariser Bevölkerung die Kanonen wieder abnehmen möchte und dazu zwei Bataillone Soldaten schickt. Pariser Frauen stellen sich zwischen die Soldaten und die Kanonen. Als die Soldaten den Befehl zum Schießen bekommen, wenden sie sich gegen ihre Generäle und stellen sich auf die Seite der Bevölkerung von Paris. Die Pariser Kommune ergreift ihre Autonomie errichtet eine Rätedemokratie, die Anarchisten seither als Vorbild für Basisdemokratie gilt und für Marx und Engels ein Beispiel der Diktatur des Proletariats war. In Paris findet in den folgenden zwei Monaten eine unvergleichliche basisdemokratische und proletarische Revolution statt. Erstmals ergreifen die Arbeiterinnen und Arbeiter direkt die Macht und nehmen u.a. Enteignungen von Teilen des Bürgertums vor und führen die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein. Es entsteht auch die erste feministische Massenorganisation.


Der Kampf um die Kanonen.

In ihren feministischen Ansichten zieht Michel Verbindungen zur Ausbeutung der Tiere: „Die Engländer züchten Tierrassen für das Schlachthaus; die zivilisierten Menschen bereiten den jungen Mädchen das Schicksal vor, betrogen zu werden, um es ihnen dann als Verbrechen anzurechnen und dem Verführer fast als Ehre. Welch ein Skandal, wenn sich Eigensinnige in der Herde befinden! Wo kämen wir denn da hin, wenn sich die Lämmer nicht mehr schlachten lassen wollten? Es ist wahrscheinlich, daß man sie trotzdem schlachten würde, ob sie den Hals hinhalten oder nicht. Was soll’s! Es ist doch besser, ihn nicht hinzuhalten. Manchmal verwandeln sich die Lämmer in Löwinnen, in Tigerinnen oder Kraken. Recht so! Man hätte die Kaste der Frauen nicht von der Menschheit trennen sollen. Gibt es nicht Märkte, wo die schönen Töchter des Volkes auf der Straße ausgestellt und verkauft werden, und werden nicht die Töchter der Reichen für ihre Mitgift verkauft?“
Nach 71 Tagen wird die Pariser Kommune von der bürgerlichen Regierung, inzwischen im Bunde mit den preußischen Monarchisten, angegriffen und in der „Blutigen Maiwoche“ erstürmt. Louise Michel führt zusammen mit Elisabeth Dimitroff die bewaffneten Frauen von Paris an und verteidigt im 61. Bataillon von Montmartre mit vielen anderen Parisern in Barrikadenkämpfen die Stadt bis zuletzt. Doch die Regierungstruppen siegen; 30.000 Kommunardinnen und Kommunarden werden hingerichtet.


Die Verhaftung der Louise Michel (als Ölgemälde).

Vor Gericht steht Michel zu ihren Taten und verteidigt ihre Vision einer freien Gesellschaft: „Ich habe Paläste angezündet“, gesteht sie. Sie erwartet keine Gnade: „Ich habe getötet, es ist nur gerecht, daß man mich tötet.“ Doch über sie wird kein Todesurteil verhängt – wie 40.000 andere wird sie zu Festungshaft verurteilt, lebenslang. Nach zweieinhalb Jahren im Frauengefängnis wird sie mit vielen anderen nach Neukaledonien, einer zu Frankreich gehörenden Insel östlich von Australien, verbannt. Als im Jahr 1878 die dortige indigene Bevölkerung, die Kanak, unter Häuptling Atai gegen die französischen Kolonialherren revoltieren, stellt sich Michel – im Gegensatz zu vielen anderen verbannten Kommunarden – auf die Seite der Indigenen, mit denen sie bereits Kontakt geknüpft und deren Sprache sie erlernt hat: „Auch sie kämpfen für ihre Unabhängigkeit, für ihr Leben, für die Freiheit. Ich stehe auf ihrer Seite, wie ich auf der Seite des Volkes von Paris stand, das revoltierte, niedergemacht und besiegt wurde“, sagt sie, und, im Rückblick: „Ja, ich liebte sie und liebe sie, und die, die mir zur Zeit der Revolte vorwarfen, ich wünschte, daß sie sich ihre Freiheit erobern mögen, hatten recht. Die Eroberung ihrer Freiheit!“


Aufständische Kanak.

Nach einer Generalamnestie kehrt sie im Jahr 1880 nach Paris zurück, wird drei Jahre später aber schon wieder zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, da sie zur Plünderung von Bäckereien aufgerufen hat. Die Repression macht sie nicht zahmer: „Mein Mitleid für alles, was leidet, für das stumme Tier vielleicht noch mehr als für den Menschen, ging weit; meine Empörung über die sozialen Ungerechtigkeiten ging noch weiter; sie ist gewachsen, immer mehr gewachsen, durch den Kampf hindurch, durch das Gemetzel hindurch; ich habe sie wieder mitgebracht von jenseits des Ozeans, sie beherrscht meinen Schmerz und mein Leben.“ Als sie 1885 erneut begnadigt wird, versucht sie, dies zurückzuweisen. 1888 wird sie von einem Attentäter mit zwei Pistolenschüssen am Kopf verletzt; sie verzichtet auf eine Anzeige.


Das Attentat auf Louise Michel 1888.

Ihr Leben verschreibt sie nach wie vor der Revolution: „Als menschliche Insekten, die wir sind, nagen wir an denselben Abfällen und wälzen uns in demselben Staub, erst in der Revolution werden wir mit unseren Flügeln schlagen. Dann wird die Schmetterlingspuppe ihre Umwandlung hinter sich haben, alles wird für uns vorbei sein, und bessere Zeiten werden Freuden kennen, die wir nicht begreifen.“ – Louise hat keinen Zweifel: „Wenn unsere verfluchte Zeit abgelaufen ist, wird der Tag kommen, da der bewußte und freie Mensch weder Mensch noch Tier quälen wird. Diese Hoffnung ist es wert, durch das Grauen des Lebens hindurchzugehen.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Man hat mir oft vorgeworfen, daß ich mehr Sorge für die Tiere als für die Menschen empfinde: warum sollte man die Bestien bedauern, wenn die vernünftigen Wesen so unglücklich sind? Aber es hängt alles zusammen, von dem Vogel, dessen Nest man zertritt, bis zu den Nestern der Menschen, die der Krieg dezimiert. Das Tier krepiert vor Hunger in seinem Loch, der Mensch stirbt daran in fernen Gegenden. Und das Herz des Tieres ist wie das Menschenherz, sein Gehirn ist wie das des Menschen, nämlich fähig, zu fühlen und zu begreifen. Man mag noch so sehr darauf treten, die Wärme und der Funke darin erwachen immer wieder. Bis zur Blutrinne des Laboratoriums vermag das Tier Liebkosungen oder Grausamkeiten zu empfinden.“ In der befreiten Gesellschaft, wie sie sich sie vorstellt, gehören sowohl Tierversuche als auch die Fleischproduktion der Vergangenheit an. Hierbei hofft sie auf den Fortschritt der Wissenschaft: „Vielleicht wird die neue Menschheit statt des fauligen Fleisches, an das wir gewöhnt sind, chemische Verbindungen besitzen, die mehr Eisen und nahrhafte Grundstoffe enthalten als das Blut und das Fleisch, das wir verzehren. O ja, ich träume schon von der Zeit, da alle Brot haben werden, von der Zeit, da die Wissenschaft die Köchin der Menschheit sein wird.“

Sie hält aufstachelnde Vorträge vor der Kundgebung am 1. Mai 1890. Diesmal erfolgt Repression, indem sie für verrückt erklärt wird und in eine Nervenheilanstalt in Lyon eingeliefert wird. Die nächsten Jahre agitiert sie weiter in Frankreich und England; unter anderem hält sie 1904 einen Vortrag zu Feminismus in der Freimaurerloge La Philosophie Sociale. Als sie 1905 stirbt, kommen 120.000 Menschen zu ihrer Beerdigung.

Louise Michel war nicht nur eine große Feministin, Kämpferin, Revolutionärin, Sozialistin und Anarchistin. Für uns antispeziesistische Linke stellt sie eines der konsequentesten Beispiele des Kampfes gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Tier dar.

An diesem 8. März 2013 wollen wir außerdem an eine Sozialistin und Freundin von Rosa Luxemburg erinnern, die an diesem Tag vor 140 Jahren in Berlin zur Welt kam: Mathilde Jacob. Sie schmuggelte für Luxemburg zahlreiche Briefe und politische Schriften aus dem Gefängnis. Ohne ihren Mut wären viele Schriften Luxemburgs heute verschollen. Als Jüdin wurde sie 1942 ins KZ Theresienstadt verschleppt und starb dort ein Jahr später.

Über das Verhältnis Rosa Luxemburgs zu Tieren, das vor allem in ihren Briefen aus dem Gefängnis Thema ist, haben wir im Jahr 2011 einen Text verfasst: Die Tiere Rosa Luxemburgs. Eine gekürzte Version dieses Textes ist auch in der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland unter dem Titel Leiderfahrung und Solidarität: Die Tiere Rosa Luxemburgs erschienen.

Veranstaltungstipp: Freitag, 8. März, 19 Uhr, Kulturscheune Mössingen: Weltfrauentag trifft Generalstreiksfrauen.

Quellen zu Louise Michel:

Louise Michel auf anarchismus.at.

Broschüre zur Pariser Kommune: Auf Krise.Kapitalismus.Kritik.

Michel, Louise: Memoiren. Aus dem Französischen von Claude Acinde. Zweite verbesserte Auflage, Münster 1979.

Kramer, Karin (Hrsg.): Louise Michel: Ihr Leben, ihr Kampf, ihre Ideen (Frauen in der Revolution, Band 1), Berlin 1976.




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