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Peinlich, peinlicher – Palmer

31. Oktober 2018 in Tübingen: Eine Halloween-Maske mit dem Gesicht Boris Palmers.

Mit von der Linie seiner Partei abweichenden oder ihr widersprechenden Positionen hat Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer sich in den letzten Jahren zunehmend wichtig gemacht und sich als „schwarzes Schaf“ der Grünen inszeniert, vergleichbar etwa mit der Rolle Thilo Sarrazins in der SPD: Überregional machte er „Schlagzeilen mit rechten Positionen“, vor allem in Bezug auf Flüchtlinge. Bereits 2014 fiel ihm, nachdem sich in Tübingen ein Flüchtling aus dem Iran selbst verbrannt hatte, nichts Besseres ein als angebliche „unangenehme Wahrheiten“ über Asylsuchende zu verkünden. Und erst Ende Oktober 2018 sprach er sich dafür aus, „auffällige Flüchtlinge“ zu kasernieren – so könne man „die Gefahr weitgehend neutralisieren, die von dieser Gruppe ausgeht“, meinte er.

„Boris Palmer, wenn ich lese, was Sie den straffällig gewordenen Geflüchteten ‚anbieten‘, dann bleibt mir nur: Fremdschämen“, war die Reaktion einer Leserin; jemand anders machte in einem Leserbrief, den die Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt mit der Überschrift „Erbärmlich“ versah, Palmer darauf aufmerksam, dass er „erstmal seine verwaltungs-, verfassungs- und strafrechtlichen Hausaufgaben machen“ sollte: Würden seine Forderungen umgesetzt werden, wäre das unter anderem ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention.

Karikatur des schwäbischen Spießers

Über eine Karikatur, die im Schwäbischen Tagblatt erschien und die Palmer am Hebel einer Weiche zwischen zwei Gleisen zeigte – das eine Gleis führte zu „sicheren Landeseinrichtungen für auffällige und polizeibekannte Flüchtlinge“, das andere zum „Bleiberecht für anständige Asylanten“ – echauffierte der Oberbürgermeister sich: Die Szene knüpfe, meinte er, an Auschwitz-Bilder an; er sah sich als „Selektierer an der Rampe dargestellt“, in die Nähe der Nazis gerückt und verlangte eine Klarstellung von der Zeitung. Das wiederum ließ das Tagblatt nicht auf sich sitzen; es machte deutlich: „Nicht alle Gleise führen nach Auschwitz“ und sprach bezüglich Palmers Vorschlag und seiner Reaktion auf die Karikatur von einem „Vorstoß nach Gutsherren-Art“ und von „Egomanie“.

Kürzlich kam es nun in Tübingen zu einem Vorfall, der Spiegel Online dazu veranlasste, Palmer in einem Kommentar mit dem Titel Ordnungshüter Boris Palmer: Das grüne Männchen als „Karikatur des schwäbischen Spießers“ zu bezeichnen. – Was war geschehen? Ein Student war mit einer Freundin gegen 22 Uhr in der Innenstadt unterwegs, als Boris Palmer ihnen begegnete. Zu seiner Begleiterin, einer Psychologin, sagte der Student lediglich: „Ach nee, auch der noch.“ Eine etwas abfällige Äußerung, sicher – aber Palmers darauf folgende Reaktion steht in keinem Verhältnis dazu. Zudem mussten sich andere Leute von Palmer selbst schon viel derbere Sprüche anhören: „Hab dich nicht so, wenn dich ein Araber fickt“, sagte er Ende 2017 in aller Öffentlichkeit zu einer Frau; eine andere musste sich folgenden sexistischen Spruch Palmers anhören: „Sie sind ein Mensch zweiter Klasse, wie eigentlich alle Frauen. Ja, ja, Hauptsache Titten.“

Er forderte den Studenten auf, sich „zu stellen“; dieser hatte aber keine Lust zu diskutieren und ging weiter. Das wollte Palmer nicht akzeptieren, er bedrängte die beiden, versperrte ihnen den Weg. „Irgendwann habe ich dann sehr laut zu ihm gesagt: Lassen Sie uns in Ruhe, wir fühlen uns bedrängt.“ Daraufhin zog Palmer seinen Dienstausweis und forderte, wegen „nächtlicher Ruhestörung“, den Personalausweis des Studenten ein – als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ dürfe er das. Als der Student und seine Begleiterin sich weigerten, zückte Palmer sein Handy und fotografierte die beiden, obwohl sie ihr Recht aufs eigene Bild reklamierten. Eine Medizinstudentin, die zufällig dazukam, berichtet, dass es Palmer war, der sich vor dem Studenten aggressiv aufgebaut und ihn angebrüllt hatte: „Das wurde immer lauter und aggressiver.“ Dies bestätigte gegenüber der Presse auch eine weitere Zeugin; diese fand Palmer „extrem befremdlich“ und sagte gegenüber dem Tagblatt: „Der stand vollkommen neben sich.“ Die beiden Frauen „bemühten sich mit der Psychologin, den Oberbürgermeister zu beruhigen und den Studenten zu schützen“, so die Zeitung. Ohne Erfolg: Palmer sei ihnen nachgegangen, es sei zu einer „slapstickreifen Verfolgungsjagd“ gekommen. Inzwischen hat die Psychologin Boris Palmer wegen Nötigung angezeigt, Palmer seinerseits hat den Fall ans Ordnungsamt übergeben: Wegen Ruhestörung und der Weigerung, sich auszuweisen, solle der Student ein Bußgeld bezahlen – in Höhe von bis zu 6000 Euro!

Peinlich

Palmer führe, so kommentierte das Tagblatt, einen „persönlichen Feldzug für Law and Order“ und verliere dabei „zunehmend jedes Maß“: „Er geht aggressiv auf vermeintliche Gegner los, nutzt seinen Facebook-Account für Steckbriefe und gebraucht sein Handy wie ein Wildwest-Sheriff seinen Colt.“ Jemand sollte, so die Zeitung weiter, ihm sagen, „dass es keine gute Idee ist, einem Studenten, der, so beschreibt es der Oberbürgermeister wörtlich, nicht ‚die Eier hat‘, mit ihm zu diskutieren, mit 6000 Euro Bußgeld zu drohen“. Im Netz und in den Medien sorgte der Vorfall für Spott über Palmer; von Satiremagazinen wie Titanic, Extra 3 oder Neo Magazin Royale wurde er aufgezogen. Und als ob das Ganze noch nicht peinlich genug gewesen wäre, erstellte Palmer auf seiner eigenen Facebook-Seite eine Umfrage, bei der er fragte: „Ist es vertretbar, als OB Respektlosigkeit mit den rechtmäßigen Kompetenzen des Polizeirechts zu begegnen?“ Die beiden Antwortmöglichkeiten: „Ja, das ist couragiert“ und „Nein, das ist peinlich“. Die Umfrage läuft derzeit noch, doch es zeigt sich ein klares Bild: Eine absolute Mehrheit von 70 Prozent findet Palmers Aktion „peinlich“.

Es ist gut, dass der Student und seine Begleiterin mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit gegangen sind, nicht zuletzt, weil in dem Artikel schwarz auf weiß gezeigt wurde, wie dreist Palmer sich der Lüge bedient. Es gibt mehrere Augenzeugen, die gegenüber der Presse übereinstimmende Aussagen gemacht haben. Palmer dagegen hat, wie das Tagblatt festgestellt hat, nachweislich gelogen: Die Zeugen sagen übereinstimmend, dass sich der Vorfall am 13. November ereignet hat, Palmer dagegen behauptet, es sei am 15. November gewesen. Dass das aber überhaupt nicht sein kann, ergibt sich, wie das Tagblatt feststellte, schon daraus, dass am 15. November der Marktstand, um den herum Palmer seine „slapstickreife Verfolgungsjagd“ aufs Parkett gelegt hat, gar nicht mehr auf dem Tübinger Holzmarkt stand: Der Martinimarkt hatte nur bis zum 14. November gedauert.

Demonstration gegen Affenversuche in Tübingen: Palmer hat die Experimentatoren stets verteidigt.

Provokateur und Lügner

In seiner Überheblichkeit – er denkt wohl, dem Bürgermeister glaube man eher – lügt Palmer wie gedruckt, auch wenn es genügend Augenzeugen gibt. Dies haben wir selbst schon erfahren müssen, und zwar im Zusammenhang mit unserem Engagement gegen die Tübinger Primatenexperimente. Palmer positionierte sich bereits 2011 mit den Worten „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“ klar aufseiten der Experimentatoren und der Tierausbeutungs-Industrie – wieder einmal gegen die Linie seiner Partei: Während Palmer – selbst Mitglied im Kuratorium des Max-Planck-Campus Tübingen, wo die Versuche unter anderem stattfanden – sich von Anfang an auf die Seite der Experimentatoren stellte, hatte seine Partei auf Landesebene unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch unsere Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut worden war, die For­de­rung nach einem Ende der Experimente in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 aufgenommen. Als sie Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung allerdings schnell nichts mehr wissen, und der damalige Koalitionspartner SPD vollzog Ende 2012 einen regelrechten Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby.

Palmer tauchte im September 2014 beim Sammelpunkt für eine Demonstration gegen die Primatenexperimente auf der Tübinger Neckarinsel auf und verlangte von den Tierversuchsgegnern, sie sollten mit ihm diskutieren. Auch damals benutzte er schon dieselben Worte wie im Streit mit dem Studenten jetzt: Als „Leiter der Ortspolizeibehörde“ könne er die Versammlung auch auflösen lassen, wenn er nicht sprechen dürfe – klarer Amtsmissbrauch. Wie Palmer die Demonstranten provozierte, ist auch auf einem Video festgehalten worden. Die Stimmung war aufgeheizt, irgendwann flog aus der Menge heraus ein kleines Kieselsteinchen in seine Richtung, es streifte ihn am Hemd – und traf ihn nicht, wie er später, obwohl es zahlreiche Zeugen gab, behauptete, „am Kopf“. Zunächst störte er sich auch nicht daran: Er blickte für einen kurzen Moment etwas irritiert nach unten, diskutierte aber sofort weiter. Irgendwann ging er sich ein Eis kaufen. Er kam wieder, als der Demonstrationszug startete. An seinem Eis leckend, ging er neben den Demonstranten her – natürlich immer vor den Kameras der anwesenden Journalisten – und beschimpfte sie, unter anderem als „Gesinnungsterroristen“. Irgendwann hatte er wohl genug und ging. Zuhause muss er sich überlegt haben, wie er die Demonstration am besten diffamieren könnte – und da fiel ihm das Kieselsteinchen wieder ein. Auf seiner Facebook-Seite machte er daraus die reißerische Überschrift „Steinwürfe gegen Andersdenkende“ und behauptete, dass ihn ein „Stein“ getroffen hätte – er habe „rechts am Kopf“ einen „Schlag gespürt“. Palmer log also, um das Anliegen der Demonstranten zu verunglimpfen. Schon damals durchschauten das viele: „So lacht das Netz über Boris Palmer“, titelte etwa der Reutlinger Generalanzeiger.

Zensur-Zirkus

Nicht nur mit Palmer, auch mit der Berichterstattung des Schwäbischen Tagblatts haben wir unsere eigenen, speziellen Erfahrungen gemacht. Im September 2009 etwa demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus. Da das Blatt „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das Tagblatt veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der unsere Kritik diskreditierenden Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“. Ähnlich wie bereits im Juli 2009, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren, so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf des Zirkus-Betriebs, der in der Kritik stand, zu retten – dabei waren die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen. In einem Leserbrief machten wir auf zahlreiche Vorkommnisse in dem Betrieb, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors aufmerksam. Leider wurde den Lesern die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten enthielt, vom Tagblatt einfach weggelassen wurde, ganz offensichtlich in der Absicht, unseren Protest zu delegitimieren.

Seine Leserbrief-Kultur sieht das Blatt eigentlich als Aushängeschild. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Mehrere unserer Leserbriefe wurden aber bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, oder die Redaktion weigerte sich schlicht, sie abzudrucken. Im September 2010 informierten wir hier auf der Seite über diesen „Zensur-Zirkus“ mit der Zeitung: „Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des Tagblatts in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen.“

Mode Zinser ist das größte Tübinger Modegeschäft und ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts; die Zeitung zensierte daher unsere Kritik an Zinser.

Alles für den Anzeigenkunden

Am 14. Oktober 2010 verfassten wir, gemeinsam mit der Offensive gegen die Pelzindustrie, einen „Offenen Brief an Mode Zinser u.a.“, in dem wir das große Tübinger Modehaus Zinser und andere, kleinere Geschäfte, über die Produktionsbedingungen von Pelz informierten und die Verantwortlichen baten, „auf den Verkauf von Echtpelz in Zukunft zu verzichten“. In seiner Berichterstattung übte das Tagblatt damals „Zensur für Zinser“: In einem Artikel über unsere Proteste wurde das Modehaus mit keinem Wort erwähnt – dabei handelte es sich um den Hauptadressaten unseres Briefes! Wer den Tagblatt-Artikel zum Thema las, bekam den Eindruck, wir würden kleine Tübinger Boutiquen, welche lediglich, wie es im Text hieß, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen würden, regelrecht terrorisieren. Mehrmals versuchten wir, per Leserbrief die Fehlinformationen klarzustellen – ohne Erfolg, das Tagblatt weigerte sich schlicht, die Briefe zum Thema abzudrucken, und zwar nicht nur jene von uns, sondern auch die anderer Leser, wie wir später erfahren haben.

Der Grund dafür, dass die Zeitung das Modehaus aus der Berichterstattung heraushalten wollte, ist simpel: Zinser ist ein großer Anzeigenkunde des Tagblatts. Wie diese Art der Zensur funktioniert, das hat bereits Upton Sinclair, Verfasser des Enthüllungsromans The Jungle (1905), in dem es um die Zustände im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, geht, in seinem Buch The Brass Check (1919) analysiert. Dabei handelt es sich um eine Kritik des bürgerlich-kapitalistischen Zeitungswesens. Sinclair berichtet darin auch vom Kampf gegen die Zeitungsmonopole im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Verhältnisse in den Schlachthöfen und seinen Schwierigkeiten, die Ergebnisse seiner Recherchen in Artikeln zu veröffentlichen: Zuerst wurde er ignoriert, dann lächerlich gemacht; so stellte etwa der damals meistgelesene Journalist der USA, Arthur Brisbane – der, wie das Tagblatt, „linksliberal“ war – Sinclair als „empfindsamen jungen Dichter hin, der zum ersten Mal in seinem Leben Schlachthäuser gesehen, und den die Entdeckung, dass Tiere in ihrem Innern Blut hätten, zu stark aufgeregt“ habe.

Als Sinclair dann doch einen Verlag gefunden hatte und The Jungle erschien, wurde das Buch zum sofortigen Bestseller und machte seinen Verfasser mit einem Schlag international bekannt – die Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Jene Medienhäuser, die Sinclairs Artikel zum Thema und The Jungle selbst abgelehnt hatten, hätten nicht, wie es in The Brass Check heißt, aufs „falsche Pferd“ gesetzt, wie sie später behaupteten, sondern aufs „goldene Pferd“, das „ganzseitige Fleischkonservenanzeigen“ in Auftrag gab. Angriffe auf große Anzeigenkunden seien für Zeitungen eine heikle Sache: „Wenn eine Zeitung ihre Großinserenten nicht genügend schützt, sorgen die schon selbst für ihren Schutz“, so Sinclair – nämlich schlicht dadurch, dass sie keine Anzeigen mehr in Auftrag geben.

Palmer-Bashing?

Nachdem das Tagblatt in den letzten Monaten zunehmend auch kritische Worte zu Boris Palmer fand, wurde die Zeitung von Rechten und anderen Palmer-Fans angegriffen. Daraufhin ist der Chefredakteur der Zeitung, Gernot Stegert, kürzlich wieder zurückgerudert und meinte, das Blatt gegen die Vorwürfe des „Palmer-Bashings“ verteidigen zu müssen; er schrieb: „Wir schreiben viel Positives über Boris Palmer, berichten über sein tatkräftiges Handeln als Oberbürgermeister, haben oft seine Position unterstützt.“

So auch Palmers Position zu den Tübinger Affenversuchen: Wie er verteidigte die Zeitung die Experimentatoren und die Versuche stets. Noch Ende 2016, rechtzeitig vor zwei Demonstrationen gegen die Tübinger Primatenversuche, die am 17. und 18. Dezember stattfanden, räumte das Tagblatt Nikos Logothetis, einem der Experimentatoren am MPI, gegen den die Staatsantwaltschaft im Februar 2018 einen Strafbefehl beantragt hat – der Prozess findet im Januar 2019 statt –, eine ganze Seite Platz ein, auf der er sich und seine Versuche ausführlich verteidigen durfte. „Das überrascht nicht, hat es doch schon oft gezeigt, hinter wem es in der Debatte steht. Man fragt sich allerdings, weshalb Logothetis‘ Pamphlet mit ‚Dokumentation‘ überschrieben ist und nicht mit ‚Anzeige‘; zu plump, zu durchschaubar ist die Propaganda, und zudem eine einzige larmoyante Apologie dessen, womit er sein Geld verdient“, schrieb einer unserer Aktivisten damals in einem Leserbrief.

Demonstration gegen die Tübinger Experimente mit Primaten im Dezember 2016; mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Politik für Profite

Als das Tagblatt den Artikel, in dem Gernot Stegert sich gegen den Vorwurf des „Palmer-Bashings“ meinte erwehren zu müssen, auf Facebook teilte, kommentierten glücklicherweise auch viele Menschen, die die kritischer werdende Berichterstattung der Zeitung über Palmer richtig fanden. „Es ist richtig, dass über den Amtsmissbrauch eines Oberbürgermeisters berichtet wird. Dass das Medienbashing von Rechts nun so loslegt, wenn es um Palmer geht, das zeigt vor allem mit wem er sich bettet!“, oder: „Palmer hat seine Fanbase mobilisert. Bin gespannt, ob ihr einknickt. Ich hoffe, ihr bleibt kritisch. Hofberichterstattung seitens der Springer-Presse gibt es schon genug“, lauteten etwa zwei Kommentare.

Dass Palmer dabei ist, sich selbst zu demontieren und es immer weniger Menschen in und außerhalb von Tübingen gibt, die ihn überhaupt noch ernst nehmen, liegt auf der Hand. Interessant zu beobachten ist für uns aber, wie auch das Schwäbische Tagblatt, das Palmer jahrelang protegiert hat, immer kritischere Töne gegen ihn anschlägt. Allerdings geht es dabei meist um sein Verhalten, seinen Narzissmus, seine Auffälligkeiten, nicht um seine Politik. Diese wird von der Zeitung, genauso wie vom Großteil der Wirtschaft und Industrie der Stadt, nach wie vor mitgetragen. Das „linksliberale“ Tagblatt ist eben auch Teil des bürgerlich-kapitalistischen Pressewesens, das Upton Sinclair schon vor 100 Jahren kritisierte – und Boris Palmer steht als Politiker stets für bour­geoise Interessen ein. So macht er sich beispielsweise dafür stark, dass in der Region mit dem „Cyber Valley“ ein elitäres Forschungskonglomerat zur Künstlichen Intelligenz entsteht. Das Projekt, an dem neben der Universität Tübingen und der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem der Konzern Amazon und das Rüstungsunternehmen ZF Friedrichshafen beteiligt sind, steht heftig in der Kritik; erst am 29. November fand unter dem Motto „Wissenschaft für die Menschen, nicht für Industrie, Überwachung und Krieg“ in Tübingen eine Demonstration dagegen statt, die von vielen lokalen Gruppen und Initiativen unterstützt wurde, auch von uns. Das Bündnis gegen das Cyber Valley fordert unter anderem sozialen Wohnungsbau und eine Stadt für alle – statt Standort im „Kampf um die besten Köpfe“ –, eine Zivilklausel für das Projekt, damit dort keine Zusammenarbeit mit Militär und Rüstung stattfindet, und dass die in Tübingen an Universität und MPI betriebene, mit öffentlichen Mitteln bezahlte Wissenschaft der Allgemeinheit dienen soll anstatt den privaten Profitinteressen einiger Konzerne.

Dies aber sind Forderungen, die den Positionen Palmers diametral entgegenstehen: In Tübingen herrscht Wohnungsnot, in nur zwei anderen deutschen Städten sind die Mieten noch höher als hier; Palmer aber will mit dem Cyber Valley ein Prestigeprojekt ans Land ziehen, das zahlreiche hochbezahlte Wissenschaftler und deren Familien anziehen soll – was die Wohnungsnot verschärfen und die Mieten in die Höhe treiben würde. Er warnt vor einem „Tüxit“, davor, dass Tübingen die Chance verspielt, im Konkurrenzkampf mit anderen Städten vorne mit dabei zu sein. Palmer macht keine Politik für den „kleinen Mann“, für die Mehrheit der Menschen in Tübingen; er macht Politik für die Interessen der Eliten, für Konzerne und die Wirtschaft – und von ihnen wird er entsprechend gestützt.

Kundgebung „Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens!“, Tübingen, 6. Juli 2018.

Im bürgerlichen Endlager

Bedient Palmer mit seinen provokativen Aussagen, die dem Parteiprogramm und den mehrheitlichen Ansichten der Grünen widersprechen, vor allem seine eigenen narzisstischen Bedürfnisse – er scheint es zu genießen, sich als „Enfant terrible“ der Grünen zu inszenieren –, so befindet er sich, was seine Politik für Besserverdiener angeht, doch ganz auf Parteilinie. Die Grünen sind fürs bürgerliche Milieu längst „wählbar“ geworden; heute handelt es sich um eine Partei, die, so der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer, „über bestimmte ideologische Grenzen hinaus“ in der Lage sei, primär bürgerliche Gruppen zu erfassen. Natürlich muss man dazu kompromissbereit sein und sich in den Dienst der Erhaltung des Status quo stellen. Dass ein „Weiter so“ zielgenau in die nächste ökonomische Krise führt und ein grundsätzlicher Systemwandel vonnöten wäre, auch, um die drohende ökologische Katastrophe zu verhindern, ist zwar die Wahrheit; allerdings eine Wahrheit, mit der man in diesem Land offenbar keine Mehrheiten hinter sich versammeln – oder auch nur Oberbürgermeister werden – kann.

Bis 2022, wenn die nächste Oberbürgermeisterwahl stattfindet, muss Tübingen Palmer wohl oder übel noch ertragen. Er hat zwar bereits angekündigt, dann wieder für das Amt des Rathauschefs kandidieren zu wollen, allerdings bleibt zu hoffen, dass er sich bis dahin mit seinen zunehmend absurder werdenden Eskapaden derart selbst diskreditiert und unmöglich gemacht hat, dass er eine erneute Wahl nicht mehr gewinnen wird. In seiner Partei ist er, vor allem wegen seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik, isoliert – es ist also nicht davon auszugehen, dass er auf überregionaler Ebene seine politische Karriere noch weiter ausbauen kann, zumindest nicht als Mitglied der Grünen. Das hat er sich verbaut. Eine Einladung zur AfD-Mitgliedschaft hat er schon bekommen; es ist derzeit aber nicht davon auszugehen, dass er diese irgendwann annehmen wird – schon schlicht aus dem Grund, dass er dort im Vergleich zu anderen Mitgliedern eher gemäßigte Positionen vertreten würde, ergo kaum mehr provozieren könnte und die Aufmerksamkeit der Medien schnell verlieren würde. Gerade diese aber scheint er eben mehr als alles andere zu brauchen.

Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung: Übersetzungen

Im Januar 2017 erschien das Thesenpapier des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung. Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier

Der marxistische Philosoph Karl Reitter, bekannt durch seine Arbeit zu Marx und Spinoza, seine Kritik des Zirkulationsmarxismus und als langjähriger Herausgeber der (im Jahr 2014 eingestellten) grundrisse, hat den Text besprochen und kommt zum Ergebnis, „dass dem Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ein sehr interessantes und fein zu diskutierendes Thesenpapier gelungen ist“. Seine Rezension findet sich hier.

Der ökomarxistische Soziologe Athanasios Karathanassis hatte bereits im September 2017 in der sozialistischen Zeitung vorwärts seine Meinung zu Papier gebracht und die Vereinigung von Marxismus und Tierbefreiung als „längst überfälliges Bündnis“ bezeichnet.

Seit August bzw. Oktober gibt es den Text nun auch in englischer und französischer Übersetzung:

18 Theses on Marxism and Animal Liberation

18 thèses sur le marxisme et la libération animale

Demo: Das Schlachten beenden!

Am 13. Oktober 2018 fand in Zürich die Demo „Das Schlachten beenden!“ statt. Vor Ort wurde dieses Flugblatt der Tierrechtsgruppe Zürich und des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung verteilt:

Das Schlachten beenden!

Heute tragen wir den Protest gegen die Fleischindustrie und ihre Schlachthäuser auf die Strassen von Zürich. Diese Industrie ist verantwortlich für den Mord an unzähligen Tieren, welche tagtäglich mit Bolzenschussgeräten, Stromzangen oder durch Vergasung getötet werden. Sie lässt Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu unmenschlichen Bedingungen schuften und gehört zu den zentralen Verursachern der weltweiten Naturzerstörung.

Mörderische Geschäftspraxis

In der Schweiz werden jährlich über 62 Millionen Tiere für die Produktion von Fleisch getötet. Von Anfang an ist das Leben dieser Tiere von unermesslichem Leid gezeichnet. Sie werden für grösstmögliche Erträge zurecht gezüchtet, gemästet und sterben eines viel zu frühen, menschlich herbeigeführten, schrecklichen Todes. Im Schlachthof Zürich, einem der grössten Schlachthöfe der Schweiz, wird alle 15 Sekunden ein Tier ermordet. Allein in einer Schicht von früh morgens bis zum Mittag sind es bis zu 2000 Kälber, Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen, die getötet, ausgeweidet und halbiert werden. Über 270.000 Tiere im Jahr werden in der Schlachtfabrik beim Letzigrund zu Fleisch verarbeitet. Das Geschäft mit dem Fleisch ist auf einem Berg von Leichen erbaut.

Hinter Tierausbeutung steht das Kapital

Verantwortlich für diese mörderische Praxis sind in erster Linie die Eigentümer und Bosse der Schlachthäuser und Fleischfabriken. Sie betreiben die Tötung von Tieren als rentables Geschäft und verdienen sich dabei eine goldene Nase. Die Chefs der Fleischbetriebe organisieren sich beim Schweizer Fleischfachverband (SFF), welcher seinen Sitz am Sihlquai in Zürich hat. Massgebendste Mitglieder im SFF sind die beiden Branchenprimusse Bell (Coop) und Micarna (Migros), welche die Schweizer Fleischwirtschaft mit ihrer Marktstärke weitaus dominieren. Durch ihre monopolartige Stellung setzen sie zusammen fast die Hälfte der insgesamt 10 Milliarden Franken um, welche hierzulande jährlich mit Fleischwaren erzielt werden.

Zum Schutz ihrer Gewinne sind die Profiteure der Fleischwirtschaft laufend darum bemüht, ihr blutiges Geschäft zu verharmlosen und zu verschleiern. So verbreiten sie das Märchen, die Fleischproduktion sei mit dem Tierwohl vereinbar. Diese Augenwischerei erhält noch kräftige finanzielle Unterstützung durch den Staat. Jedes Jahr spendiert der Bund Steuergelder in Höhe von rund 6 Millionen Franken für die Fleischwerbung.

Miese Jobs und schäbige Löhne

Aber nicht nur die Tiere sind in den Schlachthöfen bloss Mittel zur Profitmaximierung der Fleischbosse, sondern auch die Arbeiterinnen und Arbeiter. Wer in der Fleischindustrie arbeitet, weiss, was es heisst, einen miesen Job zu haben. Jeder Arbeitsgang wird auf Tempo getrimmt, Fliessbänder und Arbeitsabläufe werden immer schneller. Wer nicht mithalten kann oder wegen des Stresses und der Belastung erkrankt, fliegt raus. Da in der Fleischindustrie immer mehr temporäre Arbeitskräfte für die anstrengende Arbeit in den Schlachtbetrieben angeheuert werden, feuern die Unternehmer Beschäftigte, die aufsässig sind, oder die geforderte Leistung nicht erbringen. Auch Krankentaggelder und andere Sozialabgaben können sich die Fleischunternehmen mit der Anstellung von Temporärarbeitern sparen und entsprechend ihre Profite vergrössern.

Entgegen der Realität in den Schlachtfabriken romantisieren die Profiteure der Fleischindustrie die Tradition des Metzgerhandwerks. Durch diese Masche versuchen sie zu verbergen, was offensichtlich ist: Die Fleischunternehmer machen fette Gewinne, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Betrieben zu miesen Anstellungsbedingungen und schäbigen Löhnen schuften lassen.

Fleischproduktion heisst Naturzerstörung

Doch damit nicht genug. Die Fleischindustrie macht neben Rekordgewinnen auf Kosten von Menschen und Tieren auch globale Rekordwerte im Ausstoss von CO2. Die fünf grössten Fleischbetriebe der Welt stossen mehr Schadstoffe aus als Ölfirmen wie Shell oder BP. Zudem ist der Wasserverbrauch für die Fleischherstellung immens. Für ein Kilo Rindfleisch werden 16.000 Liter Wasser benötigt – vier Mal mehr als für dieselbe Menge Reis. Gleichzeitig sorgt die Fleischindustrie für übersäuerte Böden und verschmutzt das Grundwasser. Auch die Zerstörung des Regenwaldes ist der Tierindustrie geschuldet. Über 40% des südamerikanischen Urwaldes wurde für die Nutztierhaltung gerodet, 22 Millionen Hektar Land dient dem monokulturellen Sojaanbau, wovon über 80% zu Tierfutter verarbeitet wird.

Der Hitzesommer dieses Jahres hat uns spüren lassen, wohin die Reise geht, wenn sich die Erde in Folge des kapitalismusgemachten Klimawandels stetig erwärmt. Wir steuern auf eine unumkehrbare Vernichtung der natürlichen Grundlagen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens zu. Die Fleischproduktion trägt dazu entschieden bei, wenn wir sie nicht endlich stoppen.

Fleischindustrie enteignen, Kapitalismus abschaffen!

Die Bosse der Fleischindustrie werden nicht freiwillig auf ihre Profite verzichten und somit die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur weiter auf die Spitze treiben. Solange die Produktionsmittel in den Händen der Kapitalisten sind und ihrer privaten Bereicherung dienen, wird das Schlachten kein Ende nehmen. Wir fordern deshalb die Enteignung der Fleischindustrie, ihre Überführung in eine vegane Lebensmittelproduktion unter gesellschaftlicher Kontrolle sowie die Entwicklung und Gewährleistung von Umschulungsprogrammen und alternativen Arbeitsplätzen für die betroffenen Lohnabhängigen. Ausserdem fordern wir einen sofortigen Stopp aller Subventionen, welche die Fleischindustrie vom Schweizer Staat jährlich erhält.

Schliesst euch dem Protest an! Gemeinsam gegen die Fleischindustrie!
Schluss mit dem Profit auf Kosten von Mensch, Tier und Natur!

Zürich, 13.10.2018
Tierrechtsgruppe Zürich, Bündnis Marxismus und Tierbefreiung

Einen Demo-Bericht gibt es auf der Website der Tierrechtsgruppe Zürich.

Der grüne Marx

Christian Stache, Autor des Buches „Kapitalismus und Naturzerstörung“ (2017), über Marx‘ Ökologie; aus der Ausgabe der Schweizer sozialistischen Zeitung Vorwärts zum 1. Mai:

Noch 200 Jahre nach Karl Marx‘ Geburt hält sich hartnäckig das Gerücht über den antiökologischen, sogenannten prometheischen Marx. Sowohl das philosophisch-ideologiekritische Früh- als auch das ökonomietheoretische Spätwerk weisen in die diametral entgegengesetzte Richtung. Marx war der erste Ökosozialist. (…)

Den ganzen Artikel gibt es auf vorwärts.ch.

Gemeinsam gegen die Fleischindustrie

Im Kapitalismus werden LohnarbeiterInnen und Tiere ausgebeutet – höchste Zeit, dass Tierbefreiungsbewegung und revolutionäre Linke ihn auch zusammen bekämpfen. Eine Positionierung vom Bündnis „Marxismus und Tierbefreiung“ im re:volt magazine.

Naturzerstörung, Klimawandel, Tierversuche, Massentierhaltung, „Gammelfleisch“ – es gibt viele gute Gründe, einen radikal anderen gesellschaftlichen Umgang mit Natur und Tieren zu fordern. Wer als Linke oder Linker jedoch die Befreiung der Tiere als Bestandteil einer sozialistischen Bewegung propagiert, erntet schräge Blicke – und zwar von gleich zwei Seiten: Von vielen marxistischen und kommunistischen Linken, weil sie mit Tierbefreiung nichts anfangen können, und von der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, weil sie von Marxismus und sozialistischer Politik nichts wissen will. Trotzdem haben ihre Kämpfe mehr miteinander zu tun, als beide Seiten glauben. Schließlich haben sie den selben Gegner: Das Kapital, das Arbeitskraft, die Natur und Tiere verheizt. MarxistInnen und TierbefreierInnen müssen sich zusammentun, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Profit auf Kosten der ArbeiterInnen, Natur und Tiere

Milliarden Tiere – das heißt leidensfähige Individuen – werden jährlich ausgebeutet und umgebracht. Sie müssen unter Qualen Milch und Eier produzieren, in Zoos und Zirkussen stumpfsinnige Shows vorführen, werden in Laboren gequält und ermordet, oder landen auf dem Teller. Die Fleischindustrie lässt im Akkord töten, verschwendet dafür natürliche Ressourcen wie Wasser und Soja und verpestet die Umwelt und das Klima – Tendenz steigend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2017 in Deutschland ganze 8,11 Mio. Tonnen Fleisch „produziert“ – darunter 57,9 Mio. getötete Schweine, 3,5 Mio. getötete Rinder, rund 1,5 Mio. Tonnen Hühnerfleisch und etwa 20,600 Tonnen getötete Lämmer und Schafe. Der deutsche Markt ist oligopolistisch organisiert: Kleine und bäuerliche Betriebe müssen zusehends schließen, wenige Konzerne – u.a. Tönnies, Vion, Westfleisch – teilen die Mordsprofite unter sich auf. Professionelle Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sorgt für die propagandistische Legitimation des Geschäfts und die Hegemonie der Fleischkultur. Sie soll die Profiteure u.a. als nachhaltig wirtschaftende Unternehmen inszenieren.

Auch die Arbeiterinnen und Arbeiter haben derweil nichts zu lachen: Sie arbeiten zu Hungerlöhnen unter miesen Bedingungen und werden schikaniert. Der aktuelle Tarifvertrag zwischen der Fleischwirtschaft und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sieht Mindestlöhne von mageren neun Euro vor. Es gibt mittlerweile genug Belege dafür, dass sogar dieser Hungerlohn systematisch von den Konzernbossen unterlaufen wird. Leiharbeit, informelle Beschäftigungsverhältnisse und Werkverträge, die die Löhne noch weiter nach unten drücken, sind die Regel. Gewerkschaftliche Organisierung wird massiv bekämpft, um die NiedriglöhnerInnen – meist ArbeitsmigrantInnen aus Osteuropa – ungestört ausbeuten zu können.

Wie keine andere versinnbildlicht die Fleischindustrie den rücksichtslosen Verschleiß von Mensch, Natur und Tieren durch das Kapital. Für ihre Profite nimmt die Bourgeoisie nicht nur das Ende des Planeten, wie wir ihn kennen, und das Elend der arbeitenden Klasse in Kauf. Sie geht auch buchstäblich über Leichen: Die Ursache der milliardenfachen industriellen Tötung von Tieren für die Fleisch-, Leder-, Milch-, Eier-, Pelzproduktion usw. ist das Kapital, das die Klasse der KapitalistInnen daraus schlägt – nicht bloß das falsche Denken „der“ Menschen über „die“ Tiere, wie Teile der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung meinen. Der Kampf gegen die Tierausbeutungsindustrie, wie ihn Initiativen wie Kampagnen gegen Tierfabriken, LPT Schließen, die Offensive gegen die Pelzindustrie und andere betreiben, ist daher begrüßenswert und fortschrittlich.

Klassenfrage Tierausbeutung

Die marxistische Linke hat zwar begriffen, dass es das systematische Streben der KapitalistInnen nach Profit ist, das Ausbeutung, Imperialismus, Naturzerstörung und millionenfaches Leid verursacht. Ihr Antikapitalismus hat jedoch einen blinden Fleck, wenn sie sich weiterhin weigert, die Frage nach der Befreiung der Tiere als Feld linker und sozialistischer Politik zu begreifen und ernsthaft zu diskutieren. Das Beispiel der Fleischindustrie zeigt, wie eng die Ausbeutung der Tiere mit der sozialen Frage und der Zerstörung der Natur verbunden ist. Dass die Linke sich ihrer bislang kaum angenommen hat, ist nicht nur angesichts der objektiven Bedeutung dieser Branche sowie der durch sie verursachten gravierenden Schädigung allein von Mensch und Natur verwunderlich. Für MarxistInnen gibt es darüber hinaus zwingende Gründe, die Tiere in den Kreis derer aufzunehmen, die es von Ausbeutung und Klassenherrschaft zu befreien gilt.

Für das Kapital sind nicht nur LohnarbeiterInnen, sondern auch Tiere bloß Instrumente der Verwertung: Die einen als Arbeitskraft und variables Kapital, die anderen als Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, sprich konstantes Kapital. Und für beide bedeutet das die schmerzvolle Abstraktion von ihren eigentlichen Bedürfnissen: Sie werden ausgebeutet und leidvoll verschlissen, die Tiere sogar systematisch umgebracht und zerstückelt. Die Interessen beider sind dem Kapital letzten Endes gleichgültig. Sie stehen in objektiver Gegnerschaft zur herrschenden Klasse und sitzen letztlich im selben Boot. Warum prangert man das Leid der einen an, lässt die anderen aber unberücksichtigt?

Dass sich die Ausbeutung von Arbeiterklasse und Tieren qualitativ unterscheidet – Tiere sind keine doppelt freien LohnarbeiterInnen, produzieren keinen Mehrwert und gehören nicht zur Arbeiterklasse – tut dem keinen Abbruch. Nur zum Vergleich: Marxistisch gesehen unterscheidet sich auch die Ausbeutung von SklavInnen qualitativ von jener der Lohnarbeit. Taugt das zum Argument gegen ihre Befreiung? Wohl kaum. Wir meinen: Wer als MarxistIn die Menschheit vom Elend des Kapitalismus befreien will, muss auch die Tiere befreien wollen. Die Arbeiterklasse leidet unter der Herrschaft des Kapitals, und die Tiere tun es nicht minder – also muss der Klassenkampf auch im Interesse beider organisiert werden.

Alles nur Moralismus?

Das halten einige GenossInnen nun für bürgerlichen Moralismus und entgegnen, Leiden und Moral könnten nicht die Grundlage kommunistischer Politik sein. Schließlich sei das Leiden der Menschen ja ein ganz anderes als das der Tiere. Und außerdem haben Marx, Engels, Lenin und andere ja nicht bloß die Leiden der Arbeiterklasse beweint, sondern konkrete Analysen der gesellschaftlichen und historisch-spezifischen Bedingungen und Ursachen dieses Leidens vorgenommen, um dann organisiert für die Interessen der Arbeiterklasse kämpfen zu können. Nicht sentimentale Appelle, sondern wissenschaftliche Analyse war und ist daher die Grundlage revolutionärer Strategie und Politik. Und das stimmt zweifelsohne, dennoch werden hier zwei Dinge übersehen: Erstens ist auch der Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse sehr wohl moralisch angetrieben, und zweitens ist Moral nicht mit Moralismus zu verwechseln.

Man will den Kapitalismus ja nicht abschaffen, weil er den Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert hervorbringt, zur Monopolbildung treibt oder weil ihm der tendenzielle Fall der Profitrate innewohnt. So analysiert man ihn, aber diese Analyse liefert keine Begründung für die Notwendigkeit seiner Abschaffung. MarxistInnen wollen den Kapitalismus abschaffen, weil er Ausbeutung, Verelendung, Konkurrenz, Hunger, Krieg und dergleichen bedeutet – kurz: gesellschaftlich produziertes Leid. Ohne den Drang, dieses zu mildern und aus der Welt zu schaffen, wären auch alle objektiven Widersprüche des Kapitalismus letztlich egal und jeder Klassenkampf gegenstandslos. Insofern ist Leid eine zentrale Kategorie des historischen Materialismus. Auch dem Marxschen Imperativ, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, liegt ein moralischer Impuls zugrunde.

MarxistInnen belassen es jedoch nicht bei diesem Impuls und sind sich immer über die gesellschaftlichen und historischen Grenzen der Moral im Klaren. Einen moralischen Antrieb haben und ihn zum Ausgangspunkt für Analyse und Organisation nehmen – das ist daher etwas ganz anderes als Moralismus, der die Verhältnisse moralisieren muss, weil er ihren inneren Zusammenhang nicht begreift.

Insofern verwundert die Ignoranz, mit der einige Genossinnen und Genossen sich einreden, der Kampf für die Befreiung der Tiere sei per se moralistisch und reine „Privatsache“. Natürlich kann man das Leid der Tiere und das der Menschen nicht gleichsetzen. Daraus aber zu schließen, dass man das eine abschaffen muss und das andere ignorieren darf, ist bürgerlicher Idealismus: man unterschlägt nämlich, dass der Mensch selber auch ein Tier ist (woran Marx und Engels als historische Materialisten übrigens keinen Zweifel ließen) und sich auch in der Leidensfähigkeit nur graduell vom Tier unterscheidet. Die Verachtung für das Mitleid mit den Tieren ist also vor allem eins: doppelmoralisch, antimaterialistisch und bürgerlich. Ihr liegt dieselbe Kälte zugrunde, mit der die Bürgerlichen auf den Wunsch der Linken nach Freiheit, Solidarität und Frieden herabsehen.

Tierausbeutung ist heute fortschrittsfeindlich

Darüber hinaus ist der Fortbestand der Fleisch- und Tierindustrie heute objektiv irrational und zivilisationsfeindlich. Die großindustrielle Ausbeutung der Tiere ist nicht nur längst überflüssig, sondern mittlerweile ein Hindernis für die Weiterentwicklung der menschlichen Gattung: Für die „Produktion“ von Fleisch verbraucht sie wichtige Ressourcen wie Getreide und Wasser, die wir anders viel besser einsetzen könnten. Sie holzt den Regenwald ab, um Flächen für den Anbau von Tierfutter für weidendes Schlachtvieh zu schaffen. Gleichzeitig gilt die Fleischindustrie u.a. als ein Hauptverursacher des Klimawandels. Mit dem massenhaft produzierten Billigfleisch der imperialistischen Zentren werden zudem periphere Ökonomien überschwemmt und zerstört. Damit trägt die Fleischindustrie zur Vernichtung von Existenzgrundlagen bei und zwingt Menschen zum Verlassen ihrer Länder.

Ohne Frage waren Fleischkonsum und die Domestikation von Tieren wichtig für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das ist allerdings kein Argument, sie hier und heute noch fortzuführen. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte macht es nötig und problemlos möglich, die Menschheit zu ernähren und zu kleiden, ohne dabei auf die Ausbeutung und Tötung von Tieren zurückzugreifen. Die ökologischen und sozialen Vorteile ihrer Abschaffung liegen auf der Hand. Sowohl moralisch als auch ökonomisch ist es daher geboten, die industrielle Tötung und den Verschleiß der Tiere zu beenden.

Fleischindustrie enteignen – Kapitalismus abschaffen!

Die Tierbefreiungsbewegung und die sozialistische Linke führen den gleichen Kampf: Die einen für die Befreiung der lohnabhängigen Klasse, die anderen für die Befreiung der Tiere – und beide gegen die Bourgeoisie, weil sie ArbeiterInnen und Tiere zu bloßen Mitteln der Kapitalverwertung degradiert. Sie müssen sich zusammentun und eine revolutionäre Politik für die Befreiung von Mensch, Tier und Natur entwickeln. Dazu müssen die einen begreifen, dass die Tiere zwar nicht Subjekt, wohl aber Objekt der Befreiung seien müssen; und die anderen müssen ihre Vorbehalte und mitunter antikommunistischen Vorurteile gegenüber marxistischer Gesellschaftskritik ablegen und ihre Politik auf ein radikales, antikapitalistisches Fundament stellen.

Eine erste gemeinsame Forderung könnte die Enteignung der Fleisch-KapitalistInnen sowie die Vergesellschaftung und Konversion ihrer Industrie sein. Warum nicht zusammen den Umbau der Tier-Industrie im Sinne einer ökologisch nachhaltigen, vernünftigen Produktion unter planmäßiger Kontrolle der Gesellschaft fordern? Angesichts der horrenden Ausbeutungsverhältnisse in den Tierindustrien, ihrer Zerstörung von Umwelt und Klima und des täglichen Massenmords an Tieren wäre es längst an der Zeit.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Aktiven der marxistischen Linken und Tierbefreiungsbewegung, welcher seit 2014 besteht und sich um die Vereinigung von linker und Tierbefreiungspolitik auf einer revolutionären, historisch-materialistischen Grundlage bemüht. Das Bündnis beteiligt sich an Veranstaltungen der Tierbefreiungsbewegung sowie der sozialistischen Linken und publiziert außerdem eigene Flyer und Texte wie das ausführliche Thesenpapier „Marxismus und Tierbefreiung“. Vom 30. März bis 1. April organisiert es in Hamburg eine Osterakademie unter dem Motto „Die Zukunft der Bewegung – Tierbefreiung zwischen Opposition und Affirmation“.

Das große Schlachten: Upton Sinclairs „The Jungle“

Als im Jahr 1905 Upton Sinclairs Enthüllungsroman „The Jungle“ erschien, lösten die darin geschilderten Produktionsbedingungen im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, einen Skandal aus. Die Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist heute nötiger denn je.

Herbst 1902, New York: Der 24-jährige Upton Sinclair erhält vom Sozialisten Leonard Abbott einige Broschüren überreicht, die er mit wachsender Begeisterung liest. Es sei gewesen „wie der Zusammenbruch von Gefängnismauern, die meinen Geist umschlossen gehalten hatten“, wird er später rückblickend schreiben, denn: „Es waren tatsächlich noch andere da, die dachten wie ich, die das sahen, was auch mir nach und nach klar geworden war: des Übels Kern lag darin, daß die gesamtgesellschaftlichen Schätze, die von der Natur geschaffen sind und die jeder zum Leben braucht, den Balgereien des Marktes und dem Delirium der Spekulation unterlagen.“

Zwei Jahre später charakterisiert der junge Schriftsteller sich selbst als „red-hot radical“, und diese politische Überzeugung wird fortan zu einer der Haupttriebfedern seines literarischen Schaffens. Er schließt sich der Sozialistischen Partei Amerikas an, die um die Jahrhundertwende im Aufschwung begriffen ist: Eine der wichtigsten Zeitungen der Sozialisten, Appeal to Reason, hat Auflagen von über einer halben Million. „Die erste Berührung in seinem neuen Leben mit den Phänomenen der Ausbeutung der Massen durch eine monopalartige Schlüsselindustrie ergab sich durch einen brutal niedergeschlagenen Streik der Schlachthofarbeiter in Chicago im Sommer 1904. Sinclair schrieb einen flammenden Aufruf, der im Appeal to Reason erschien und in 30 000 Sonderdrucken in den Schlachthöfen verteilt wurde“, berichtet Dieter Herms in seiner Einführung ins Leben und Werk Sinclairs. Der Herausgeber des Appeal liest Sinclairs kurz vorher veröffentlichten Roman Manassas, den er wegen der gelungenen Darstellung der Sklaverei lobt, und bietet Sinclair ein bescheidenes Stipendium an, um nunmehr den Roman über die moderne Lohnsklaverei zu schreiben, der dann in Fortsetzungen im Appeal erscheinen soll. „Sinclair nahm an, und es begann die Entstehung des Buches, das Jack London, der einzige andere Sozialist unter den prominenten zeitgenössischen Schriftstellern, später als ,Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei‘ apostrophieren sollte“, so Herms.

„Der ,Appeal‘ war ein ,Propaganda‘-Blatt mit ganz eigener Note – schmissig und spritzig, voll Pfeffer und auch voll Slang. Er sammelte Nachrichten über das Treiben der ,Plutos‘ und setzte sie dem ,amerikanischen Arbeitsgaul‘ als Futter vor“, heißt es dann auch in besagtem Roman, der „den amerikanischen Arbeitern“ gewidmet ist. Die Rede ist von Sinclairs mit Abstand berühmtestem Werk: The Jungle. Zu Recherchezwecken begibt er sich nach Chicago unter die rund 20 000 Arbeiter des Fleisch-Trusts im damals Packingtown genannten Areal. Zu diesem Zeitpunkt kontrollieren sechs große Gesellschaften praktisch die gesamte Fleischverarbeitung in den USA, mit Chicago als Zentrum. Sinclair berichtet: „Mir schien, als stünde ich vor einer wahren Festung der Unterdrückung. Wie diese Mauern durchbrechen oder abtragen? Es war ein militärisches Problem. Ich saß abends in den Wohnungen der Arbeiter, der ausländischen wie der einheimischen; sie berichteten und ich notierte alles. Tagsüber durchforschte ich die Schlachthöfe und meine Freunde riskierten den Arbeitsplatz, um mir zu zeigen, was ich sehen wollte.“

Der Gott der Schweine

Union Stock Yard & Transit Co., Chicago: Die größte Fleischfabrik der Welt. Beginnend mit dem Sezessionskrieg bis in die 1920er-Jahre hinein werden hier mehr Tiere getötet als an jedem anderen Ort der Welt. „Die industrielle Revolution mag in England begonnen haben, aber in Chicago fand die zweite grundlegende Umwälzung der Moderne statt. Eine Umwälzung, die die Essensgewohnheiten genauso wie die Geruchs- und Geschmacksempfindungen der Menschen ein für alle Mal verändern sollte: die Industrialisierung der Viehzucht und der Viehverarbeitung, an deren Ende Fleisch in Paketen steht, das durch nichts an das ursprüngliche Tier erinnert“, so ein Artikel zum Thema in einem Wirtschaftsmagazin. Das Fließband – assembly line –, Sinnbild für die moderne Warenproduktion, ist zunächst eine disassembly line: Tierkörper hängen an einer rund laufenden Kette, so dass die Schlachtarbeiter sich nicht bewegen müssen. Das auf diese Weise erfolgte Zerlegen geschlachteter Tiere im Akkord dient als Vorbild des späteren fordistischen Fabrikmodells.

In The Jungle wird das, mit Blick auf die Tiere, folgendermaßen beschrieben: „Alles erfolgte derart methodisch, daß man gebannt zuschaute. Es war Schlachten per Fließband, Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik. Dennoch konnte selbst der unsentimentalste Mensch nicht umhin, an die Tiere zu denken. Sie waren so arglos, trotteten so vertrauensselig herbei, wirkten in ihrem Protest so menschlich – und waren mit ihm so im Recht! Sie hatten nichts verbrochen, womit sie das verdient hätten, und zu dem Unrecht kam noch die Demütigung, die kaltblütige, unpersönliche Weise, wie man sie hier ins Jenseits beförderte, ohne auch nur die Vorspiegelung einer Abbitte, ohne Opferung einer einzigen Träne. Gewiß, die Zuschauer weinten schon manchmal, aber diese Schlachtmaschine lief ja auch, wenn gar keine da waren. Was hier vor sich ging, war wie ein Verbrechen, das in einem Verlies begangen wird, unbemerkt und unbeachtet, vor aller Augen verborgen und sogleich aus dem Bewußtsein verdrängt. Man konnte nicht lange zusehen, ohne ins Philosophieren zu kommen, ohne auf Gleichnisse zu verfallen, Sinnbilder zu sehen und das Schweinequieken des ganzen Alls zu hören. Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihre Leiden entschädigt werden? Jedes dieser Schweine stellte doch ein Geschöpf für sich dar; manche waren rosa, andere schwarz oder braun, wieder andere gefleckt; manche waren alt, manche jung, manche waren rank und schlank, manche dick und fett. Und jedes hatte seine Individualität, seinen eigenen Willen, seine Wünsche und Hoffnungen; jedes besaß Selbstgefühl und Würde. Vertrauensvoll und stark im Glauben war es seinen Geschäften nachgegangen, während die ganze Zeit ein schwarzer Schatten über ihm schwebte und ein schreckliches Verhängnis seiner harrte. Und jetzt schlug dieses Schicksal plötzlich zu, kam wie ein Raubvogel herabgestürzt und packte es am Bein. Brutal vollzog es seinen Willen an ihm, gefühllos gegen alles Protestieren und Schreien des Tieres, so als hätte dieses überhaupt keine Empfindungen – es schnitt ihm die Kehle durch und schaute zu, wie es sein Leben aushauchte. Sollte man da nun glauben, daß es nirgendwo einen Gott der Schweine gebe, dem diese Schweinepersönlichkeit teuer ist, dem diese Schreie und Todesqualen etwas bedeuten? Der das Schwein dann in die Arme nimmt und es tröstet, der es für sein wohlgetanes Werk belohnt und ihm den Sinn seines Opfers klarmacht? Ein Schimmer von all dem war wohl auch in den schlichten Gedanken unseres Jurgis, als er sich zum Weitergehen mit den anderen wandte und murmelte: ,Dieve – was bin ich froh, kein Schwein zu sein!‘“

Der inkarnierte Geist des Kapitalismus

Das Schicksal des jungen litauischen Einwanderers Jurgis Rudkus steht im Zentrum des Romans, der mit einer Szene beginnt, in welcher er und die 15-jährige Ona im Kreis der Familie heiraten. Zunächst noch geblendet vom „amerikanischen Traum“, wird Jurgis mehr und mehr desillusioniert werden. Anfangs kommt er aus dem Staunen über die beeindruckende, von Menschenhand erbaute Tötungsmaschinerie gar nicht mehr heraus: In den Yards gibt es 250 Meilen Eisenbahnschienen, auf denen jeden Tag rund zehntausend Rinder angeliefert werden, die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe – was bedeutet, dass hier im Jahr acht bis zehn Millionen Tiere zu Fleisch verarbeitet werden. Die Ankunft von Rindern wird folgendermaßen beschrieben: „Gruppenweise wurden die Rinder auf die Rampen getrieben, etwa fünf Meter breiten massiven Stegen, die über den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog ein nicht abreißender Strom von Tieren dahin; es war geradezu unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendrängten, ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt, und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos; sie dachten nur daran, wie großartig das alles organisiert sei.“ Mit der Zeit aber durchschaut Jurgis das kapitalistische survival of the fittest, das in den Yards in geradezu idealtypischer Weise zu beobachten ist: „Er hatte jetzt erkannt, wie es um ihn her zuging: Krieg aller gegen alle, und den letzten beißen die Hunde“, heißt es im Roman; der Fleisch-Trust sei „die Verkörperung blinder, gefühlloser Habgier“ und „ein mit tausend Rachen schlingendes, mit tausend Hufen stampfendes Ungeheuer – der inkarnierte Geist des Kapitalismus.“ Der Umgang der Menschen miteinander ist an diesem Ort besonders roh: „Um hier im Schlachthofviertel eingeschlagene Schädel wird wenig Aufhebens gemacht, denn Männern, die tagaus, tagein Tieren den Schädel einschlagen, scheint das zu einer Gewohnheit zu werden, die sie zwischendurch auch an ihren Freunden und manchmal sogar an ihren Familien praktizieren.“

Buchstäblich der gesamte Körper des Tieres fällt hier der kapitalistischen Verwertungslogik anheim: „Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet – bloß für das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden“, bekommt Jurgis gleich zu Beginn erklärt. Was das wirklich bedeutet, findet er – oder vielmehr Sinclair – schnell heraus: „Zu Zeiten des alten Durham habe jeder, der eine neue Fälschung ausknobelte, von ihm ein Vermögen bekommen können, sagte Jurigs‘ Gewährsmann, jetzt aber sei es schwer, sich noch etwas Neues auszudenken, hier, wo schon so viele schlaue Köpfe so lange am Werk sind, wo die Leute sich freuen, wenn ihre Mastrinder Tuberkulose bekommen, weil sie dann schneller fett werden, und wo man in den Lebensmittelgeschäften des ganzen Landes alle liegengebliebene und ranzig gewordene Butter aufkauft, sie mittels eines Druckluftverfahrens ,oxydiert‘, um ihr den Geruch zu nehmen, sie dann mit abgerahmter Milch neu buttert und schließlich abgepackt in den Großstädten verkauft!“ Die Fabrik habe im ganzen Land Agenten, die alte und kranke Tiere für die Verarbeitung zu Büchsenfleisch auftriebe. Da würden Rinder angeliefert, die über und über mit Geschwüren bedeckt seien, und diese Tiere zu schlachten, sei eine eklige Arbeit, denn stoße man das Messer in sie hinein, platzten die Euterbeulen auf und spritze einem ihr stinkender Inhalt ins Gesicht. Man munkelt, dass allein für die tuberkulösen Rinder und für die in den Güterzügen an Cholera krepierten Schweine wöchentlich zweitausend Dollar Schweigegelder gezahlt werden. Trächtige Kühe werden geschlachtet, die ungeborenen Kälber herausgenommen und wie normales Fleisch verarbeitet. Die Schinkenpastete besteht aus Abfällen von geräuchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu können, aus Gekröse, das chemisch gefärbt ist, damit es nicht weiß durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned Beef, aus Kartoffeln und knorpeligen Rindergurgeln. Verdorbenes Fleisch wird von mit zweitausend Umdrehungen in der Minute laufenden Messern zerhackt und einer halben Tonne anderem Fleisch untergemengt, so dass sich von seinem fauligen Geruch nichts mehr merken lässt. In die Wurstmasse wandert alles Mögliche: „Aus Europa kamen alte Würste zurück, die man nicht losgeworden war und die einen weißen Schimmelbelag hatten – sie wurden mit Borax und Glyzerin behandelt und dann noch mal durchgedreht, um schließlich im Inland verkauft zu werden. Fleisch, das auf den Fußboden gefallen war, in den Schmutz und das Sägemehl, auf dem die Arbeiter herumgetrampelt waren und in das sie Milliarden Tuberkulosebazillen gespuckt hatten, wanderte ebenso in die Fülltrichter; desgleichen das Fleisch, das gestapelt in den Hallen lagerte, wo von lecken Dächern Wasser drauf tropfte und Tausende von Ratten auf ihm herumhuschten. Um etwas zu erkennen, war es dort zu dunkel, aber wenn man mit der Hand über diese Fleischstapel fuhr, konnte man wahre Mengen von getrocknetem Rattenkot hinunterfegen. Die Ratten waren eine Plage, und man legte vergiftetes Brot aus, woran sie krepierten, und dann kamen Ratten, Brot und Fleisch zusammen in die Trichter. Das ist kein Märchen und auch kein Witz.“

Wie ein empfindungsloses Lasttier

Die Arbeiter werden so gnadenlos ausgebeutet, dass der Begriff der Lohnsklaverei angemessen ist. „An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Strafbuch des Aufsehers“, schreibt Karl Marx im Kapital über das moderne Fabriksystem, und entsprechend heißt es in The Jungle: „Die Bevölkerung hier, ganz aus Proletariat und zumeist aus Ausländern bestehend, stand immer am Rande des Verhungerns und hing in bezug auf ihre Überlebensmöglichkeiten von den Launen von Männern ab, die keinen Deut weniger brutal und skrupellos waren als seinerzeit die Sklavenschinder; unter solchen Umständen war die Unmoral so unvermeidlich und genauso weitverbreitet wie unter dem System der Sklaverei. Was sich in den Fabriken da tagtäglich tat, läßt sich gar nicht wiedergeben; es fiel nur nicht so auf wie einst, weil Herren und Sklaven sich nicht in der Hautfarbe unterschieden.“ Im Winter bitterkalt, werden die schmutzigen Schlachthallen im Sommer zu reinsten Fegefeuern; einmal fallen an einem einzigen Tag drei Männer tot um, getroffen vom Hitzschlag. 15 oder 16 Stunden Arbeit pro Tag sind nicht ungewöhnlich, und diese Arbeit ist so gefährlich, dass sich ständig Unfälle ereignen. Die Rede ist etwa von Schnittwunden, die sich infizieren, verlorenen Fingernägeln, von Säure zerfressenen Händen, abgetrennten Körperteilen. Der ungeschützte Umgang mit Chemikalien macht die Arbeiter krank – doch wer ausfällt, kann umgehend ersetzt werden, denn vor den Fabriken wartet eine ganze Armee von Arbeitssuchenden. In den Kochereien befinden Brühkessel sich auf gleicher Höhe mit dem Fußboden – das „Berufsleiden“ der Menschen, die dort arbeiten, besteht laut Sinclair darin, „in diese Kessel zu fallen, und wenn man sie herausfischte, war nicht mehr genug von ihnen übrigen, das vorzeigenswert gewesen wäre. Manchmal blieb so ein Unfall tagelang unbemerkt, und inzwischen waren sie dann, mit Ausnahme der Knochen, schon als ,Durhams Feinschmalz‘ in die Welt hinausgegangen!“

Durch die Umstände sieht Jurgis sich schließlich gezwungen, die schlimmste Arbeit anzunehmen, die es hier gibt, und zwar in der Düngerfabrik, deren dunkle Hallen „gespenstischen Beinhäusern“ gleichen. Sinclair schreibt: „In diesen Teil der Yards kamen die Rückstände aus den Brühkesseln und alle möglichen Abfälle; hier wurden die Knochen getrocknet – und in stickigen Kellern, in die nie das Tageslicht drang, konnte man Männer, Frauen und Kinder sehen, die sich über rotierende Maschinen beugten und Knochenstücke in verschiedene Formen zersägten; sie atmeten dabei den feinen Staub in ihre Lungen, und einer wie der andere wurden sie in absehbarer Zeit zu Todeskandidaten.“ Als Jurgis neben weiteren Familienmitgliedern Frau und Kinder verliert, als er ins Gefängnis kommt, wo er Steine klopfen muss, sieht er die „zivilisierte Welt“ klarer als je zuvor: Es handle sich um eine Welt, „in der nur die brutale Macht zählte, eine Ordnung, die sich die Besitzenden zur Unterdrückung der Besitzlosen erdacht hatten. Er gehörte zu den letzteren, und alles ringsum, das ganze Leben war für ihn ein einziger Käfig, in dem er auf und ab lief wie ein gefangener Tiger, der es an einem Gitterstab nach dem anderen versucht, sie aber sämtlich für seine Kräfte zu stark findet.“ Schon zuvor vegetierte er aufgrund der stumpfsinnigen Arbeit „dahin wie ein empfindungsloses Lasttier, war sich immer nur des Augenblicks bewußt“; „sie hatten ihn auf den Müll geworfen wie Unrat, wie ein krepiertes Tier“, wird nun seine Empfindung im Gefängnis beschrieben, und: „Hinter Gitter steckten sie ihn, als wäre er ein wildes Tier, ein Wesen ohne Vernunft, ohne Rechte, ohne Herz und Gefühl. Nein, nicht einmal ein Tier hätten sie so behandelt!“

In der ersten Phase des industriellen Kapitalismus hat sich ein neuer Typus von Gefängnis entwickelt, „als die arbeitenden Klassen zu ,gefährlichen Klassen‘ wurden und die Gefängnisanstalten sich mit einer heterogenen Bevölkerung zu füllen begannen, die aus sozialen Gestalten bestand, die den neuen Modellen der Disziplin zuwiderhandelten“, so der Historiker Enzo Traverso; es sind Gefängnisse, „in denen die Arbeit, die häufig keinerlei produktiven Zweck besaß, ausschließlich mit dem Ziel konzipiert wurde, zu quälen und zu erniedrigen“. Fabrik und Gefängnis: Beide seien, meint Traverso, gekennzeichnet vom gleichen Prinzip des Einschlusses, von der Disziplin der Zeit und des Körpers, der rationalen Teilung und Mechanisierung der Arbeit, der Unterordnung der Körper unter die Maschinerie. „Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln“, schreibt Marx im Kapital. „Elzbieta war ein Teil der Maschine, die sie bediente, und jede Fähigkeit, die nicht für die Maschine gebraucht wurde, war zum Verkümmern verurteilt“ heißt es entsprechend in The Jungle. Wir haben es hier zu tun mit dem Übergang von der alten Arbeiterklasse der verschiedenen Berufe zum „Massenarbeiter“, der ungelernt und jederzeit ersetzbar ist.

Ein Schwein im Besitz der Fabrikanten

Hier zeichnet sich eine Entwicklung ab, die der US-amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor, der als Begründer der Arbeitswissenschaft gilt, später mit seinem „Scientific Management“ theoretisiert hat. Wenn, so Traverso, eine der historischen Bedingungen des modernen Kapitalismus in der Trennung der Arbeiter von ihren Arbeitsgeräten bestehe, so habe der Taylorismus eine neue Etappe eingeführt, die sich dadurch auszeichne, dass dem Arbeiter die Kontrolle des Arbeitsprozesses weggenommen werde, wodurch der Weg für die Serienproduktion des fordistischen Systems geebnet worden sei. Das angestrebte Ideal: Ein hirnloser Arbeiter, bar jeder geistigen Autonomie, allein dazu befähigt, mechanisch standardisierte Handlungen zu verrichten – in Taylors eigenen Worten ein „Ochsenmensch“ oder ein „dressierter Gorilla“. „Kurzum, es handelte sich um ein entmenschlichtes und entfremdetes Wesen, um einen Automaten“, fasst Traverso zusammen.

Die Entmenschlichung des Proletariats im Zuge dessen, was Traverso als Klassenrassismus bezeichnet, hat eine lange Tradition. Er verweist etwa auf die Interpretation der Pariser Kommune in Begriffen der Zoologie in einem Artikel des Schriftstellers Théophile Gautier vom Oktober 1871, in dem es heißt: „In allen großen Städten gibt es Löwengruben, mit dicken Absperrungen geschlossene Höhlen, in die man die wilden Tiere, die stinkenden Tiere, die giftigen Tiere, alle jene widerspenstigen Perversitäten sperrt, die die Zivilisation nicht zu zähmen vermochte, jene, die das Blut lieben, jene, die das Feuer wie ein Feuerwerk amüsiert, jene, die sich am Diebstahl erfreuen, jene, für die der Angriff auf die Scham Liebe ist, alle Monster des Herzens, alle Missgestalten der Seele; die schmutzige Bevölkerung, die am Tag unbekannt ist und die in den Tiefen der unterirdischen Dunkelheit unheimlich krabbelt. Eines Tages vergisst ein vergesslicher Tierbändiger seine Schlüssel zu den Toren dieser Menagerie, und die wilden Tiere stürzen sich mit wildem Geschrei in die vom Schreck heimgesuchte Stadt. Aus den offenen Käfigen springen die Hyänen von 1793 und die Gorillas der Kommune.“

In The Jungle tritt zu einem Zeitpunkt, als der Streik der Schlachtarbeiter dafür gesorgt hat, dass der Preis für Fleisch um 30 Prozent gestiegen ist, der Fabrikdirektor vor die Tür, droht den Arbeitern mit der Faust und brüllt: „Ihr seid weggelaufen wie die Ochsen, und wie die Ochsen kommt ihr auch zurück!“ Um die Streikenden zu ersetzen, werden schnell neue Belegschaften aufgebaut, etwa durch Schwarze aus den Baumwollgebieten des tiefen Südens, „die man wie Schafe in die Fabriken trieb“. Weiter heißt es: „In diesen tierischen Kampf aller gegen alle, in diesen Dschungel waren die Männer hier hineingeboren worden, ohne daß man sie gefragt hatte; sie nahmen daran teil, weil ihnen keine andere Wahl blieb“, und: „Jeden Tag fischte das Schleppnetz der Polizei Hunderte von ihnen von den Straßen, und in der Verwahrungsanstalt konnte man sie sehen, zusammengepfercht in einem Inferno en miniature, mit häßlichen, tierischen Gesichtern, aufgedunsen und von venerischen Krankheiten gezeichnet, lachend, schreiend, kreischend in allen Stadien der Trunkenheit, wie Hunde kläffend, schnatternd wie Affen, im Delirium tobend und sich selbst zerfleischend.“

Als der Hauptprotagonist sich gegen Ende des Romans den organisierten Sozialisten anschließt, lesen wir: „Jurgis erinnerte sich, wie er kurz nach seiner Ankunft in Chicago beim Schweineschlachten zugeschaut, es grausam und brutal gefunden und sich dann beglückwünscht hatte, kein Schwein zu sein. Jetzt machte ihm sein neuer Bekannter klar, daß er damals doch eines gewesen sei – ein Schwein im Besitz der Fabrikanten: Aus dem Schwein wollen die den höchstmöglichen Profit herausholen, und genauso wollen sie das auch aus dem Arbeiter und aus der Gesellschaft. Was das Schwein davon hält und was es leidet, bleibe außer Betracht, und dieselbe Einstellung hätten sie auch gegenüber dem Arbeiter und dem Käufer von Fleisch. Das sei überall auf der Welt so, aber in Packingtown zeige es sich in konzentrierter Form; Schlachten scheine ganz besonders roh und grausam zu machen. Jedenfalls würden für die Fabrikanten hundert Menschenleben leichter wiegen als ein Cent Profit.“

Der Mensch braucht kein Fleisch

„Arbeiter, ihr seid von Jugend an dazu erzogen, ihr schleppt euch weiter ab wie die Lastesel und denkt nur ans Heute und an dessen Plagen. Ist aber einer unter euch, der glauben kann, dieses System werde ewig weiterbestehen?“, fragt ein Redner in einer Versammlung von Sozialisten, die Jurgis besucht. Das Leben sei ein „Kampf ums Dasein“, der Starke bezwinge den Schwachen und werde seinerseits von dem noch Stärkeren bezwungen. Die Verlierer in diesem Kampf gingen im Allgemeinen zugrunde, doch hin und wieder hätten sie bekanntlich überlebt, und zwar dann, wenn sie sich zusammengeschlossen hatten – und dadurch eine neue und höhere Art von Stärke erreichten. Auf diese Weise hätten sich in der Natur die Herdentiere gegen die Raubtiere gehalten und in der Geschichte der Menschheit die Untertanen gegen die Könige durchgesetzt. Der Arbeiter sei der Untertan der Industrie, die sozialistische Bewegung der Ausdruck seines Überlebenswillens; es sei Aufgabe der Sozialisten, das Volk aufzuklären und zu organisieren, es auf jene Zeit vorzubereiten, „da es die Fleisch-Trust genannte riesige Maschine in Besitz nehmen und dazu benutzen wird, Menschen Nahrung zu verschaffen, statt einer Bande von Piraten Reichtümer anzuhäufen“. Die Produktionsmittel zur Herstellung lebenswichtiger Güter müssten Gemeineigentum sein und demokratisch verwaltet werden, und dies sei nur mittels der klassenbewussten politischen Organisation der Lohnarbeiter zu erreichen. Seien die Schlüsselindustrien einmal vergesellschaftet, müsse es darum gehen, die Versorgung der Bevölkerung systematisch und rationell zu organisieren.

Heißt das, dass in den Fabriken, wären sie in Arbeiterhand, weiter geschlachtet werden würde wie bisher und die Erzeugnisse nur gerechter verteilt würden? Nicht, wenn es nach der sozialistischen Utopie geht, die Sinclair in The Jungle entwirft. Denn die Tierindustrie ist eben nicht rational, im Gegenteil findet hier eine riesige Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft statt. Schon August Bebel wusste: „Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche durch Viehzucht Fleisch erzeugt werden kann“, und George Bernard Shaw, ein Freund und Förderer Sinclairs und sicher einer der bekanntesten vegetarischen Sozialisten, sagte über das Essen von Fleisch, dass es auch eine „Versklavung der Menschen“ mit sich bringe: „Kühe und Schafe mit ihrer Dienerschaft von Geburtshelfern, Viehzüchtern, Schafhirten, Fleischern, Milchmädchen und so weiter beanspruchen eine Menge menschlicher Arbeitskraft, die man der Aufzucht und Betreuung von Menschen widmen sollte.“

Entsprechend lässt Sinclair am Schluss des Buches einen Sozialisten namens Schliemann sagen, es sei „erwiesen, daß der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. Doch was macht’s – Hauptsache, es kitzelt den Gaumen!“ Wie der Sozialismus das denn ändern könne, fragt jemand. Solange es Lohnsklaverei gibt, erwidert Schliemann, „spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder abstoßend eine Arbeit ist – es läßt sich ja leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen. Man wird die schmutzigen und ungesunden Fabriken eine nach der anderen abreißen – neue zu bauen wird billiger sein; man wird die Dampfschiffe mit automatischer Feuerung ausrüsten und überhaupt alle gefährlichen Berufe ungefährlich machen oder aber für ihre Erzeugnisse Ersatz finden. Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will, selber schlachten muß – und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?“

Nachwirkungen

The Jungle ist ein Tatsachen- und Enthüllungsroman. Während er ab Februar 1905 in Fortsetzungen im Appeal to Reason erschien, bemühte Sinclair sich zugleich um eine Vertragsvereinbarung für die Veröffentlichung als Buch. Diverse Verlage lehnten das Buch ab oder verlangten von ihm, „Blut und Eingeweide“ herauszulassen, sprich, das Werk um brisante Stellen zu kürzen, was der Autor ablehnte. Der Verlag Doubleday, Page & Company, der einen Bestseller witterte, beauftrage einen Reporter des Chicago Tribune damit, den Wahrheitsgehalt des Romans zu begutachten. In einem 32-seitigen Papier wurden Sinclairs Schilderungen der Schlachthöfe zurückgewiesen. Als der Verlag daraufhin einen eigenen Reporter nach Chicago entsandte, stellte sich heraus: Das Papier war vom Publicity-Agenten des Fleisch-Trusts persönlich angefertigt worden! So erschien der Roman Ende Februar 1906, wurde tatsächlich ein sofortiger Bestseller und machte Sinclair mit einem Schlag im ganzen Land bekannt – die realistisch geschilderten Einzelheiten der Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Eins der ersten Exemplare schickte Sinclair an Präsident Roosevelt, woraufhin dieser ihn nach Washington einlud; das Ergebnis des Treffens: Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um erneut zu recherchieren, diesmal im Auftrag des Weißen Hauses. Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Schilderung bestätigte – mit einer Ausnahme, wie Dieter Herms schreibt: „Es gab keine Evidenz für die Behauptung, daß Arbeiter, die in die Brühkessel gefallen waren, als ,Armours Feinschmalz‘ in die Welt hinausgingen.“

Für Herms legitimiert der tatsächliche Aufschwung der Socialist Party zwischen 1904 und 1912 den geradezu hymnischen Schluss des Romans, wo es heißt: „Wir werden die Feinde unserer Klasse überrennen und sie vor uns herjagen – und Chicago wird unser sein!“ Die Gewerkschaftsbewegung auf dem Sektor der Fleischverarbeitung war in dieser Zeit noch zu schwach, und, so Herms, „zu sehr unterminiert von Spitzeln und Agenten, um erfolgreich sein zu können. Erst um 1918/1919 sollte es gelingen, dem mächtigen Rindfleisch-Imperium Armour and Company, das im Roman als ,Durham’s‘ abgebildet ist, die Anerkennung der Gewerkschaft abzutrotzen.“ Die Wahlerfolge der Sozialistischen Partei dagegen, deren linkem Flügel Sinclair zu dieser Zeit angehörte, waren zwischen 1902 und 1912 so beeindruckend, dass eine Regierungsverantwortung durchaus im Bereich des Möglichen lag. Allerdings: Was als Agitationsmittel für den Sozialismus gedacht war, kam bei den Massen in erster Linie als Anklage gegen die katastrophalen Zustände in der Fleischindustrie an. „Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen“, kommentierte Sinclair daher wiederholt die Wirkung seines Buches.

Die unmittelbare Wirkung des Romans war also keineswegs revolutionär – vielmehr zog sie Reformen nach sich, konkret eine Bundesgesetzgebung über hygienische Fleischverarbeitung. Die Bekanntgabe der Ergebnisse der von Präsident Roosevelt in Auftrag gegebenen Untersuchung der Zustände in der Fleischverarbeitung hatte zunächst den Effekt, dass im Juni 1906 der amerikanische Fleischabsatz in Europa schlagartig zurückging, was den Zusammenbruch der Lobby des Fleisch-Trusts im US-Kongress einleitete. Bereits am 26. Mai hatte der Bundessenat das Gesetz gebilligt; in der New York Times erschien daraufhin die Schlagzeile: „Direkte Folge der Enthüllungen in Upton Sinclairs Roman“. Einen Monat später verabschiedete der Kongress die – allerdings durch zahlreiche Kompromisse verwässerte – Vorlage des Senats. „Die Wirkung des Jungle reduzierte sich letzten Endes auf jenen Ausschnitt von Lebensqualität, der durch das Essen einiger konservierter Fleischsorten bestimmt ist“, resümiert Dieter Herms.

Das war ganz gewiss nicht das, was Sinclair im Sinn hatte, als er The Jungle schrieb. Allerdings machte der Schriftsteller in späteren Jahren eine Entwicklung durch, die ihn letztlich von seinen einst sehr radikalen Positionen stark abrücken ließ; dem alten Sinclair der späten 1960er-Jahre schließlich bescheinigt Herms, nach 50 Jahren erbarmungslosem Bloßlegen der inneren Bewegungsmechanismen des Großkapitals, nach 50 Jahren des Kampfs für die Sache der Unterdrückten und Ausgebeuteten des „anderen Amerika“, am Ende doch „Frieden gemacht zu haben mit dem amerikanischen Imperialismus“. Obschon selbst zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 30 Jahren Vegetarier – Sinclair lehnte „jede fleischliche Kost ab“ und sei „immerhin mit seiner Reis- und Früchte-Diät neunzig Jahre alt“ geworden, wie Herms berichtet –, habe er am Ende seiner Autobiografie, die 1962 erschien, unter den zehn wichtigsten Leistungen seines Lebens auch aufgelistet, dass The Jungle dabei geholfen habe, „daß gutes Fleisch auf die Tische der Amerikaner gekommen sei und die Schlachthofarbeiter starke Gewerkschaften erhielten“. 1967, ein Jahr vor seinem Tod, war Sinclair bei der Unterzeichnung des „Wholesome Meat Act“ durch Präsident Lyndon B. Johnson anwesend, einem Gesetz, das sich direkt auf die durch seinen Roman erzwungenen Reformen sechzig Jahre zuvor bezog, und ließ sich wegen dessen bahnbrechenden Wirkung im Weißen Haus ehren. Der greise Autor betonte stets, dass die von ihm 1905 beschriebenen Zustände längst überwunden seien: „Seitdem haben wir den ,New Deal‘ und den ,Fair Deal‘ gehabt; die Arbeiter in den Schlachthöfen haben starke Gewerkschaften und soviele soziale Vergünstigungen, daß man darüber ein neues Buch schreiben könnte“, meinte er.

Und heute?

Heute leben wir in einer Zeit, in welcher der Kapitalismus seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten hat, was nicht nur mit zahlreichen sozialen Verwerfungen, sondern auch mit einer über alle Maße gesteigerten Ausbeutung der Natur und der Tiere einhergeht. Die massive Verschwendung und die verheerenden Umweltzerstörungen, welche die Tierindustrie zu verantworten hat, sind längst allgemein bekannt. Doch weiterhin wird „im Sekundentakt geschlachtet, immer schneller, immer billiger, immer schmutziger“; hierzulande wird das Gemetzel „von einer Geisterarmee aus Osteuropa“ erledigt, wie es Die Zeit ausdrückt. „Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere“, schreibt die Wochenzeitung über die „Schattenwelt“ der osteuropäischen Schlachtarbeiter in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Morgens ziehen sie dann in einen der Schlachtbetriebe, „die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl“. Unter der Überschrift „Lohnsklaven in Deutschland“ berichtet die Süddeutsche Zeitung: „Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.“ Sinclairs „Dschungel“ ist längst schon wieder Realität.

Eine Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist nötiger denn je. Politik, die heute fortschrittlich sein will, muss mehr wollen als nur die schlimmsten Auswüchse der Tierindustrie zu beschneiden. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel – dringend. Die Vereinten Nationen stellten angesichts des massiven Raubbaus an der Erde, den die Tierindustrie betreibt, und des Klimawandels, den sie zu einem großen Teil mit zu verantworten hat, schon im Jahr 2010 fest, dass eine wirkliche Verringerung der Auswirkungen nur noch mit einer grundsätzlichen, weltweiten Ernährungsumstellung weg von Tierprodukten möglich wäre. Wir brauchen eine neue Bewegung, welche die Konversion der Tierindustrie zum Ziel hat, denn, wie es im kürzlich veröffentlichten Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung heißt: „Objektiv ist die Ausbeutung der Tiere heute nicht nur unnötig, sondern irrational und antifortschrittlich. Sie sorgt für einen massenhaften und steigenden Verbrauch von etwa Wasser oder Soja, die nicht für sinnvolle Zwecke, sondern zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern eingesetzt, und erst recht nicht rational verteilt werden. Die ökologischen Schäden durch Rodungen von Regenwäldern, monokulturellem Anbau oder Wasserverschmutzung sind bereits heute zum Teil irreparabel. Wer also meint, die Fleischproduktion ignorieren oder sie sogar in einen sozialistischen Betrieb überführen zu können, sitzt jenem naiven und romantisierten Bild industrieller Lebensmittelproduktion auf, das die Lobbygruppen des Kapitals von ihr zeichnen. Der Umbau der Lebensmittel- und Fleischindustrie zu einer ökologisch nachhaltigen, veganen und gesellschaftlich geplanten Produktion wäre demgegenüber eine zeitgemäße sozialistische Forderung.“

In The Jungle hält ein Sozialist eine flammende Rede, in der es heißt: „Denn ich spreche für die Millionen, die ohne Stimme sind! Für die Unterdrückten, die niemand tröstet! Für die vom Leben Enterbten, für die es keine Ruhe und keine Erlösung gibt, für die die Welt ein Kerker ist, eine Folterkammer, eine Gruft!“ Eine fortschrittliche sozialistische Bewegung darf damit heute nicht mehr nur die Menschen meinen, die unter dem Kapitalismus leiden – sie muss auch für die Tiere sprechen, die in diesem System ausgebeutet werden. Sie muss den Weg weisen in eine wahrhaft menschliche Gesellschaft, in der endlich Schluss gemacht wird mit dem großen Schlachten.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf der Antispeziesismus-Facebook-Seite erschienen.

Zitierte Literatur:

Upton Sinclair: Der Dschungel. Roman. Aus dem Amerikanischen von Otto Wilck, Reinbek bei Hamburg 1985

Dieter Herms: Upton Sinclair – amerikanischer Radikaler. Eine Einführung in Leben und Werk, Jossa 1978

Enzo Traverso: Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors. Aus dem Französischen von Paul B. Kleiser, Stuttgart 2003

Matthias Rude: Antispeziesismus: Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013

Thesenpapier: Marxismus und Tierbefreiung

Bislang hat sich weder die marxistische Linke für die Befreiung der Tiere stark gemacht, noch hat sich die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung legt in in einem neu veröffentlichten Thesenpapier dar, warum eine theoretische und praktische Vereinigung beider Kämpfe trotzdem nicht nur möglich, sondern politisch notwendig ist. In 18 Thesen wird begründet, weshalb der Antispeziesismus marxistisch sein muss und umgekehrt der Marxismus die Befreiung der Tiere nicht länger von seiner politischen Agenda ausschließen darf. Dabei wird einerseits aufgezeigt, dass die in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung dominierenden politisch-theoretischen Strömungen – bürgerliche Moralphilosophie, liberale Rechtskritik und linksliberale poststrukturalistische Herrschaftskritik – die Ausbeutung der Tiere nicht hinlänglich erklären und deshalb auch praktisch nicht mit ihr fertig werden können. Andererseits wird gezeigt, dass die Marxisten selbst in Ideologie zurückfallen, wenn sie eine Demarkationslinie zwischen der Befreiung des Proletariats und der Befreiung der Tiere ziehen. Beide politischen Bewegungen verkennen bisher, dass sie den selben Gegner haben – die Klasse der Kapitalisten.

Das Bündnis Marxismus und Tierbefreiung ist ein Zusammenschluss von Organisationen und Einzelpersonen aus der Tierbefreiungsbewegung sowie der kommunistischen Linken.

Die Publikation kann hier als pdf-Datei heruntergeladen oder, in der Druckversion, beim Bündnis bestellt werden.

Die Druckversion des Thesenpapiers wird in der Schweiz zum ersten Mal am 14. Januar 2017 an der Veranstaltung Das Andere Davos 2017 an einem Infostand der Tierrechtsgruppe Zürich im Volkshaus erhältlich sein.

In Deutschland bekommt man die Broschüre zeitgleich an einem Infostand des Bündnisses Marxismus und Tierbefreiung auf der XXII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin.


Als Hörbuch gibt es das Thesenpapier hier.

Unser Redebeitrag zum globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen

Unser Redebeitrag bei der Kundgebung vor dem Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik (MPI) am globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen:

Tübingen ist die einzige Stadt in Baden Württemberg, in der Hirnforschung an Primaten betrieben wird, und das an gleich drei Instituten. Den Rhesusaffen wird dazu ein Implantant in den Schädel operiert; tagelang bekommen sie vor den Versuchen kein Wasser, damit der quälende Durst sie zur „Mitarbeit“ zwingt. Mit einer Stange mit Halsschlinge werden aus dem Käfig gezerrt und in einen sogenannten Primatenstuhl gezwängt. In der Versuchsanordnung wird ihr Schädel durch das Implantat fixiert, stundenlang können sie sich nicht bewegen. Sie müssen in dieser Lage Aufgaben auf einem Bildschirm lösen und werden mit kleinen Schlücken Wasser „belohnt“.

Neben dem MPI betreibt das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung sowie das biologische Institut der Eberhard Karls Universität solche Versuche. Das MPI geriet international in die Schlagzeilen, nachdem Stern TV blutige Undercover-Aufnahmen aus dem dortigen Labor zeigte.

Wozu diese Versuche? Nach der ersten Demonstration gegen die Affenversuche mit 400 Teilnehmern im Jahr 2009 versuchte das MPI die Versuche als Notwendigkeit in der Forschung zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson darzustellen. Rechtlich werden die Versuche aber als „Grundlagenforschung“ eingestuft, womit kein Bezug zu einer praktischen Anwendung nachgewiesen werden muss.

Tatsächlich lassen Erfolge, die zur Heilung von Krankheiten beitragen könnten, auf sich warten. Andere Anwendungsbereiche sind wahrscheinlicher: Die Ergebnisse solcher „Grundlagenforschung“ fließen oft in militärische Anwendungen ein. „Die Ausrichtung dieser angewandten Grundlagenforschung scheint primär kommerziell und sicherheitspolitisch, ihre Umsetzung durch Industrie und Rüstung ist institutionalisiert und prägt sie, potentielle diagnostische oder therapeutische Erkenntnisse erscheinen allenfalls als Zufallsprodukte – und als wohlfeile Argumente für ethische Rechtfertigungen“, stellt die Tübinger Informationsstelle Militarisierung fest. Das MPI hat, im Gegnsatz zur Universität, so weit bekannt, keine Aufträge des Verteidigungsministeriums, arbeitet jedoch mit in der Rüstung tätigen Unternehmen zusammen, mit dem Ziel, Flugsimulatoren zu optimieren.

Versuchsanordnungen, die sich in der Datenbank Tierversuche nachlesen lassen, legen nahe, dass nicht Forschung über Krankheiten im Zentrum steht, sondern eher Forschung für spätere militärische Anwendungen, etwa wenn die Rezeption visueller Reizen bei hoher Lautstärke untersucht wird (Versuch MPI Göttingen im Jahr 2001). Dies ist für die Steuerung von Kriegsgerät äußerst interessant. Andere Versuche deuten auf den Ausbau von Überwachungstechnik hin. So geht es etwa um die Frage, wie Gesichter und Gesichtsaudrücke vom Gehirn verarbeitet werden. Moderne Überwachungskamerasysteme sollen in Zukunft ohne menschliche Hilfe „abweichendes Verhalten“ oder registrierte Verdächtige erkennen. Die technische Möglichkeit einer totalen Überwachung ist allerdings nur im Zusammenspiel mit anti-demokratischen Entwicklungen notwendig, wo Entscheidungen gegen einen großen Teil der Bevölkerung durchgesetzt werden müssen, oder um starke Arm-Reich-Gefälle gegen die stets damit verbundene ausgleichende Rückaneignung der Ärmeren zu verteidigen.

Wir fordern eine transparente und humane Forschung! Das heißt 1., dass Forschungsziele und -inhalte einer wirklich demokratischen Kontrolle unterliegen, 2., dass Forschungsziele nicht mehr den Profiten von Wenigen dienen sollen, sondern den Bedürfnissen aller zugute kommen, 3. fordern wir die Beendung von Rüstungsforschung und Tierversuchen!

Universität Tübingen: Forschung für die Elite

Am 24. Juni findet an der Universität Tübingen ein „öffentliches Gespräch“ statt, das die Notwendigkeit von Tierversuchen „aus verschiedenen Perspektiven“ beleuchten soll. Die Liste der Gesprächsteilnehmer zeigt: Es handelt sich um eine reine Propaganda-Veranstaltung, bei der es darum geht, die Öffentlichkeit im Sinne der Interessen jener Eliten, die von dieser Forschung profitieren, zu manipulieren – und die grün-rote Landesregierung wurde längst mit ins Boot geholt. Im Rahmen des Tübinger „Exzellenzclusters“ werden Tierversuche auch im militärischen Interesse durchgeführt – trotz Zivilklausel in der Grundordnung der Universität.

Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud, gilt als Pionier in der Anwendung von Forschungsergebnissen der noch jungen Psychologie in der angewandten Öffentlichkeitsarbeit. Er selbst prägte für seinen Beruf die Bezeichnung PR-Berater. In seinem Buch Propaganda (1928) findet sich erstmals die später gängig gewordene These, dass die bewusste und intelligente Beeinflussung der Gewohnheiten und Meinungen der Konsumenten beziehungsweise Wähler ein normales Element der modernen Massengesellschaft darstelle, mit dem Ziel, einen gesellschaftlichen Konsens zu kreieren – Bernays ließ dabei keinen Zweifel daran aufkommen, dass es darum gehe, die Bedürfnisse der Massen auf diejenigen der Eliten einzustimmen, und nicht etwa umgekehrt.

Bewusste Manipulation

Die Elitentheorie, die Bernays entwickelte, sollte wohl auch das Sozialprestige seines Berufsstands aufbessern: Die Propagandisten mit ihrem Herrschaftswissen fungierten nach Bernays Vorstellungen als eine neue Klasse, die zwischen den chaotischen Bedürfnis-Artikulationen der Masse und den Notwendigkeiten geregelter Machtausübung vermittelt. Sein Buch Propaganda beginnt mit dem Kapitel Organising Chaos und den Worten: „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“

Bernays arbeitete für verschiedene Unternehmen, unter anderem für die American Tobacco Company (ATC). Für ATC versuchte er, das Rauchen auch für Frauen attraktiv zu machen, indem er eine Gruppe von Frauen beschäftigte, die sich als Suffragetten, also als Kämpferinnen fürs Frauenwahlrecht, verkleideten und so durch New Yorks Fifth Avenue marschierten – als Zeitungsreporter sie fotografierten, zündeten sie Zigaretten an und proklamierten diese als „torches of freedom“, als „Fackeln der Freiheit“. Bernays Erkenntnisse und Methoden fanden bald breite Anwendung – nicht nur wandte etwa Joseph Goebbels seine Theorien an, um die antijüdische Propaganda im deutschen Faschismus aufzubauen, sie bilden bis heute die Grundlage vieler PR-Kampagnen in Politik und Wirtschaft.

Marktkonforme Wissensfabriken

Spätestens im Zuge der Umsetzung des Bologna-Abkommens sind Hochschulen zu Wirtschaftsunternehmen geworden, zu marktkonformen Wissensfabriken, die untereinander konkurrieren. Kürzlich wurde die Nachricht veröffentlicht, die Universität Tübingen sei im „Ranking akademischer Leistungen“ leicht abgefallen: Sie stehe nun weltweit auf Platz 131 und bundesweit auf Platz fünf – „Tendenz fallend“. Es geht um Wettbewerb vor allem unter den verwertbaren Naturwissenschaften; Geisteswissenschaft soll lediglich noch die Produktionsmethoden im Wissenschaftsbetrieb verbessern helfen – „die Aufstapelung der Kenntnisse rationalisieren, die Vergeudung intellektueller Energie verhindern“, wie die Philosophen Horkheimer und Adorno bereits in den 1940er Jahren kritisierten, als sie die Totalökonomisierung aller Lebensbereiche prognostizierten.
Heute leben wir in einer Zeit, in welcher die Curricula der Hochschulen längst zur Ware geworden sind: Bildungsgänge werden in mit Krediten und Punkten gewertete Module zerstückelt und wie farbig verpackte Konsumprodukte angeboten; die zum bloßen Konsumieren erzogenen Studierenden sind gar nicht mehr in der Lage, kreativen Protest zu artikulieren, wie er sich noch vor Kurzem im Rahmen der Bildungsstreiks ausdrückte.

Krieg ist Frieden

Auch der Protest im Rahmen der sogenannten „Zivilklauselbewegung“ ist abgeebbt. An der Universität Tübingen wird im Rahmen des „Exzellenz-Clusters“ Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) unter anderem an Drohnen geforscht. „Drohnen, auch bekannt als unbemannte Luftfahrzeuge, haben sich in Militäroperationen als sehr wertvoll erwiesen“, so die EU-Kommission, die das Projekt „μDrones“, an dem nicht nur Rüstungsfirmen beteiligt sind, sondern auch das Labor für Kognitive Neurowissenschaft an der Biologischen Fakultät, finanziell unterstützt – mit 1,9 Millionen Euro. Wen interessiert da noch die Zivilklausel, die Selbstverpflichtung der Universität, dass Forschung und Lehre friedlichen Zwecken verpflichtet sein sollen? In der Präambel der Grundordnung der Hochschule heißt es seit 2010: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“
Seit März 2011 regiert in Baden-Württemberg eine grün-rote Koalition. Die Grünen hatten in ihrem Wahlprogramm „‚Green New Deal‘ für die Zukunft Baden-Württembergs“ verkündet: „Die Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen des Landes sollen ausschließlich friedliche Zwecke verfolgen“, im SPD-„Regierungsprogramm“ hatte es geheißen: „Die Forschung in Baden-Württemberg soll ausschließlich friedlichen Zwecken dienen.“ An die Regierung gewählt, wollen beide Parteien davon nichts mehr wissen. Um Forschung zu legitimieren, welche auch militärischen Interessen und Zwecken dient, wird diese einfach nach der von Bernays begründeten Methodik, die George Orwell in seinem Roman Nineteen Eighty-Four karikierte, zu ihrem eigenen Gegenteil erklärt – oder, wie es bei Orwell heißt: „Krieg ist Frieden“.

Die Verklärung militärischer zu humanitären Einsätzen hat bei SPD und Grünen Tradition. Am 24. März 1999 fielen die ersten Bomben auf Serbien. „Engel der Barmherzigkeit“ lautete der zynische Name der Operation, in deren Verlauf die NATO über einen Zeitraum von 78 Tagen das Land bombardierte. Auch die BRD mischte nun wieder im globalen Kriegsgeschehen mit – unter einer rot-grünen Koalition. Außenminister Joschka Fischer versuchte den Krieg propagandistisch zu legitimieren, indem er das politische System im Kosovo als barbarischen Faschismus brandmarkte: Milosevic sei bereit „zu handeln wie Stalin und Hitler“ und führe einen Krieg gegen die Existenz eines ganzen Volkes. „Die Bomben sind nötig, um die ‚serbische SS‘ zu stoppen“, meinte er. Zusammen mit Verteidigungsminister Rudolf Scharping präsentierte er damals einen angeblich „seit langem feststehenden Operationsplan“ für das „jugoslawische Vorgehen im Kosovo“, der als „Beweis“ dafür herhalten sollte, „daß schon im Dezember 1998 eine systematische Säuberung und die Vertreibung der Kosovo-Albaner geplant worden war“. Dabei handelte es sich um eine Erfindung – reinste Propaganda. Statt durch die Bomben eine „humanitäre Katastrophe“ zu verhindern, wie das vorgebliche Ziel des Angriffs lautete, zogen diese eine Katastrophe von nicht absehbarem Ausmaß nach sich: Die NATO flog in den 78 Kriegstagen 38.000 Lufteinsätze und warf 9.160 Tonnen Bomben ab, viele auf Chemiefabriken, wodurch Phosgen und Dioxine freigesetzt werden; Quecksilber, Zink, Kadmium, Blei verseuchten die Trinkwasserreservoirs. Und: Insgesamt zehn Tonnen abgereichertes Uran fielen auf Jugoslawien. „Eine ‚strahlende‘ humanitäre Intervention, krebserregend und umweltverseuchend. Kein Wort der Kritik von den Grünen“, ging Jutta Ditfurth 2009 mit ihren einstigen Parteigenossen ins Gericht.

Sinnlose Forschung

Am CIN werden auch die umstrittenen Experimente an Primaten durchgeführt, gegen die wir seit über vier Jahren vorgehen. Im Januar 2009 starteten wir in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen die Versuche. Unter dem politischen Druck, der durch sie aufgebaut wurde, nahm die grüne Partei die Forderung nach einem Ende der Affenversuche in Tübingen in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf: Die Experimente sollten „innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.“
Am 27. März 2011 wurde der 15. Landtag von Baden-Württemberg gewählt; in Folge musste die CDU nach 58 Jahren die Regierungsverantwortung an eine Koalition aus Grünen und SPD abgeben. Am 18. Oktober 2011 wurden die über 60.000 Unterschriften, welche inzwischen gegen die Experimente an Primaten gesammelt worden waren, der neuen grün-roten Landesregierung übergeben. Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der Übergabe der Unterschriften am 18. Oktober zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. Die Stuttgarter Ausgabe des Springer-Blattes Bild titelte: „Grüne: ,Sinnlose‘ Hirnforschung an Affen stoppen“.

Elitäre Interessen

Auch die SPD hatte wichtige Ziele zur Stärkung der tierversuchsfreien Forschung in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Im Koalitionsvertrag der beiden Parteien heißt es: „Wir wollen die Zahl der Tierversuche im Land weiter verringern und die Entwicklung von Alternativmethoden besser fördern.“ Von einer „weiteren“ Verringerung konnte allerdings gar nicht die Rede sein. Die Zahl der Tierversuche ist seit dem Jahr 2000 in Deutschland um 56 Prozent gestiegen – und Baden Württemberg ist führend: Dort werden rund 20 Prozent aller deutschen Versuchstiere „verbraucht“. Inzwischen dürfte klar sein: Das Bundesland hält auch an den Tübinger Tierversuchen mit Primaten fest – wie Ärzte gegen Tierversuche vermuten, in erster Linie aus elitären Interessen, denn die Eberhard Karls Universität ist aufgrund der Forschung am CIN zur „Eliteuniversität“ ernannt worden. Die Ärzteorganisation urteilte deshalb im März 2012 in einer Pressemitteilung: „Offensichtlich beugt sich die Landesregierung lieber der mächtigen Experimentatorenlobby, anstatt sich ihren selbst gesetzten Zielen zu widmen. Ein trauriges Bild, das die Politik abgibt, der Wähler nicht zuletzt aufgrund des Vorhabens, Affenversuche auslaufen zu lassen, ihr Vertrauen geschenkt haben.“

Im Mai 2012 war die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bei der Eröffnungsfeier des CIN zugegen und provozierte in ihrer Rede mit dem Vorschlag, einen „dreieckigen Tisch“ von Universität, Tierversuchsgegnern und Öffentlichkeit einzurichten, womit sie offensichtlich versuchte, die Verantwortung, die sie und ihre Partei trägt, abzuschieben.
Am 16. November 2012 fand im Stuttgarter Landtag eine Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ statt – eine Farce. Dem Experimentator Andreas Nieder vom Tübinger CIN, der mit einem ganzen Fanclub von Studierenden angereist war, wurde Raum geboten, die Versuche ausführlich zu verteidigen. Ihm zur Seite stand Karin Blumer, eine extra eingeflogene Tierversuchslobbyistin des Pharmakonzerns Novartis – die allerdings nicht einmal wusste, in welchem Bundesland sie sich gerade befand. Auch bei den Grünen zeigte sich Orientierungslosigkeit: Der Großteil der anwesenden Parlamentarier schien sich zum ersten Mal überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Reinhold Pix gab sich und seiner Partei dann auch die Blöße, zuzugeben, dass die Grünen bei der Verankerung der Forderung nach einem Verbot der Affenversuche im Wahlprogramm ja nicht damit gerechnet hätten, in Baden-Württemberg tatsächlich in die Situation der Regierungsverantwortung zu gelangen. Cornelie Jäger, die erste Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg, die ihr Amt am 1. April angetreten hatte – damit wurde immerhin eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt –, sprach über das Thema „Primatenversuche: Rechtlicher Rahmen und politische Fragestellungen“ – und kam zu dem Schluss, dass es der Landesregierung eigentlich gar nicht möglich sei, die Versuche zu verbieten. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatte die Tierschutzbeauftragte uns und weitere an der Kampagne beteiligte Gruppen kontaktiert und das Gespräch gesucht – wir brachen diesen Kontakt aber nach einem einmaligen Treffen mit Jäger unter dem Eindruck ihrer letztlich reformistischen Positionen sowie der Hilflosigkeit, die sie zur Schau stellte, ab.
Ende 2012 knickte die SPD offiziell vor der Experimentatorenlobby ein, womit das im Wahlprogramm der Grünen versprochene Ende der Affenversuche noch weiter in die Ferne rückte. Wie der Reutlinger Generalanzeiger in einem Artikel mit dem Titel „SPD unterstützt Tierversuche“ berichtete, meinte Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie-Institut: „Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt“ – und wo Versuche mit Primaten „unerlässlich“ seien, müssten sie durchgeführt werden. Ein weiteres interessantes Detail aus dem Artikel: Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Fotografieren sei dort aber nicht erlaubt, so die Zeitung: „Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.“
Der Deutschlandfunk kommentierte die Situation im Februar dieses Jahres in einem Beitrag mit dem Titel „Wissenshunger versus Affendurst“ folgendermaßen: „Welche Schritte die Grünen in der Landesregierung in den nächsten Monaten und Jahren vorschlagen und wie sich der Koalitionspartner SPD dazu stellt, ist bundesweit von Interesse. Denn das Tübinger Forschungszentrum ist die größte von insgesamt sechs universitären Einrichtungen, die an den Gehirnen von Affen forschen – und ein Grund, warum Tübingen Eliteuni geworden ist.“

Stadt der Affen

„Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Am 24. Juni nun geht das Tübinger „Affentheater“ in die nächste Runde: Die Universität lädt zum öffentlichen „Gespräch“ zum Thema „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ Eine Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Es geht darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von der Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit sehr einfachen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN der „Eliteuniversität“ Tübingen durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. So heißt es im offiziellen Ankündigungstext der Universität, es gehe „nicht zuletzt auch um Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten für Krankheiten“.
Es soll bei diesem „Gespräch“ übrigens überhaupt nicht darum gehen, den Einsatz von Tierversuchen grundsätzlich zu diskutieren – deren angebliche Notwendigkeit wird vorausgesetzt, „Tierversuche an unterschiedlichsten Spezies“ seien „unverzichtbar“. Es soll lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten, „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Weiter heißt es: „Durch die Einbeziehung von Patienten mit ihren Nöten und Hoffnungen soll Menschen Gehör verschafft werden, die in eher theoretischen Grundsatzdiskussionen in aller Regel ausgeklammert bleiben.“ In geradezu perfider Art und Weise wird hier mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Und wer vertritt bei der Veranstaltung die „Sicht der Patienten“? Der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ spricht Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, für „ethische Erwägungen“ wird abermals Dr. Dr. Karin Blumer, PR-Fachfrau der Novartis AG, eingeflogen.

Einige Strohmann-Argumente aus „Sicht des Tierschutzes“ schließlich darf die „Landesbeauftragte für Tierschutz“ Dr. Cornelie Jäger anbringen.

Instrumentalisierung von Angst

Bereits am Tag der ersten Großdemonstration gegen die Affenversuche, am 18. April 2009, schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine fast ganzseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt, welche die Überschrift trug: „Tierexperimente sind in der neurowissenschaftlichen Forschung unverzichtbar: sie versprechen die Linderung menschlichen Leidens“. In der Anzeige wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im Interview mit dem Tagblatt, und gab damit die kostspielige Anzeige der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ der Lächerlichkeit preis. Jucker selbst ist Tierexperimentator – er forscht über Alzheimer an Fliegen und Würmern.
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben, oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrer Grundlagenforschung aber rein gar nichts zu tun haben.
Im letzten Jahr etwa sollten es neuronale Erkrankungen wie Schizophrenie sein: Die Universität Tübingen ließ im März 2012 öffentlich mitteilen, die Experimentatoren um Andreas Nieder im „Labor für Primaten-Neurokognition“ hätten durch ihre Forschungen Erkenntnisse erzielt, die „helfen, krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung, zum Beispiel bei einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln“. – Was haben die Forscher gemacht? Sie haben Rhesusaffen am Computer trainiert, Lichtpunkte zu entdecken und dabei Messungen im Bereich des Stirnhirns vorgenommen. Zu Recht kann man sich fragen, was das mit neurologischen Erkrankungen zu tun haben soll. Andreas Nieder wagte den gedanklichen Spagat: „Seit langem ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns mit neuropsychiatrischen Erkrankungen einhergehen. So ist beispielsweise die Schizophrenie durch starke Fehlinterpretationen der normalen Wahrnehmung und der Urteilskraft, bis hin zu schweren Halluzinationen, gekennzeichnet“. Für die Behauptung aber, die Untersuchung der Verarbeitung visueller Reize im Hirn von Rhesusaffen helfe, krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns beim Menschen zu begreifen, gibt es schlicht keine Grundlage: Die US-amerikanische Neurologin Aysha Akhtar hat in ihrer Studie Neurological Experiments: Monkey See… But Not Like Humans neuroanatomische und -physiologische Unterschiede zusammengetragen, die zeigen, dass Gehirne von Rhesusaffen schlicht nicht als Modell fürs menschliche Gehirn herhalten können. So hat beispielsweise ein menschliches Neuron 7.000 bis 10.000 Synapsen – also Verbindungen zu anderen Neuronen –, beim Affen sind es nur 2.000 bis 6.000. Menschen haben außerdem gerade zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen überhaupt gar nicht gibt!
Ärzte gegen Tierversuche sind deshalb der Meinung: „Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht. Will man etwas über das menschliche Gehirn erfahren, muss das ‚Zielhirn‘ untersucht werden und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen – ohne Löcher in den Schädel zu bohren. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn von Freiwilligen untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.“

Blutiger Fehlschluss

Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen anderen Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Tübinger Versuchsaufnahmen, die das ZDF im Jahr 2009 gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im sogenannten „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“

Die Philosophen Max Horkheimer – der die Situation der Tiere als „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“ beschrieb – und Theodor W. Adorno zeigten sich nicht nur bereits in den 1940er Jahren entsetzt über die „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt heute“, sondern verurteilten speziell auch scharf die Vorgehensweise einer modernen Wissenschaft, in welcher die Vernunft zum bloßen Instrument der herrschenden Interessen verkommen ist und die „verstümmelten Tierleibern“ in „scheußlichen Laboratorien“ den „blutigen Schluß“ abzwingen will. Was die Hirnforschung an Primaten betrifft, kommt hinzu, dass deren Ergebnisse überhaupt nicht auf Menschen übertragbar sind: Die Experimentatoren vollziehen hier an den Tieren einen blutigen Fehlschluss.
Selbst wenn aber den gemarterten Körpern von Tieren eine Erkenntnis abgerungen werden kann, die Menschen in irgendeiner Weise als „nützlich“ erscheint, so rechtfertigt das in keinem Fall diese Methode. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive Wissenschaft erkennt längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, unhaltbar ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College und einer der renommiertesten Primatenforscher weltweit: Er fordert Grundrechte für unsere nächsten evolutionären Verwandten und spricht in Interviews davon, dass der historische Moment gekommen sei, um nach Nationalismus, Rassismus und Sexismus auch den Speziesismus zu überwinden.
Was den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten angeht, so konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – sie waren bisher nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mehrmals mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert. In unverantwortlicher Art und Weise versuchen sie außerdem, die Angst der Menschen vor Krankheiten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Worum es ihnen wirklich geht, darauf hat bereits im Jahr 2009 das ZDF-Magazin Frontal 21 aufmerksam gemacht: Nachdem es auf Erhebungen der Akademie für Tierschutz München hingewiesen hatte, die zeigen, dass die absolute Mehrheit von Tierversuchen keinen Nutzen für den Menschen bringt, urteilte es: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Faschismus mit einem Lächeln

Am neuen, neoliberalen Typ Hochschule wird nicht für die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung geforscht, sondern letztlich für die wirtschaftlichen Eliten – und die sind an Profit interessiert, und nicht etwa an den Interessen der Kranken. Der ehemalige Mitarbeiter des US-Senats Bertram Gross erkannte schon 1980 in den zunehmenden Verstrickungen zwischen politischen und Wirtschafts-Eliten das Potential für einen „Friendly Fascism“. Massenaufmärsche und ähnliches suche man darin vergeblich: Er erscheine modern, multiethnisch, ein „Faschismus mit einem Lächeln“. Aber er werde Rezession bringen, Umweltzerstörung, Militärinterventionen, Kriege – und nicht zuletzt die Aushebelung der Grundrechte. Inzwischen haben auch deutsche Innenminister offen ausgesprochen, die Verfassung sei „immer stärker die Kette, die den Bewegungsspielraum der Politik lahmlegt“, und arbeiten mit ihren US-amerikanischen und europäischen Kollegen am Feindstrafrecht – derzeit gegen Menschen aus arabischen Ländern. Jeden Dienstag studiert US-Präsident Obama die ihm vorgelegten Kurzlebensläufe und ordnet den Einsatz zur Tötung per Drohne an. Inzwischen sind das Tausende von Hinrichtungen ohne Prozess, ohne Urteil, ohne Verteidigung. Allein in seinem ersten Jahr als Präsident, 2009, hat Obama 53 Angriffe in Pakistan befohlen, mehr als sein Vorgänger während seiner gesamten Amtszeit; am Ende desselben Jahres wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen – eine Groteske, die ans Orwellsche „Krieg ist Frieden“ gemahnt.
Auch die BRD erwägt derzeit die Anschaffung von Kampfdrohnen für den Kriegseinsatz – und am Tübinger CIN wird derweil, unter anderem in Tierexperimenten, an Drohnen geforscht, trotz Zivilklausel. Letztere interessiert die Universitätsleitung schlicht nicht – genauso wenig wie Tierleid darf sie ökonomischen Interessen im Wege stehen. Diese sollen durchgesetzt werden, komme, was wolle. Sollten sich überhaupt noch einmal ernsthafte Proteste gegen die Ökonomisierung der Hochschulen regen, so wird diesen sicher auch mit stärkeren Mitteln entgegengetreten werden. Noch werden propagandistische Mittel als ausreichend angesehen, noch wird freundlich zum „Gespräch“ geladen – auch wenn dessen Ergebnis von vornherein feststeht. Die Universität und die längst gekauften politischen Parteien machen gute Miene zum bösen Spiel – noch gilt die Maxime: Freundlich bleiben. Die Realsatire, die sie betreiben, kann uns aber schon lange kein Lächeln mehr entlocken.

Frauentag 2013: Gedenken an Louise Michel

„Alles, alles muß befreit werden, die Geschöpfe und die Welt, wer weiß, vielleicht die Welten? Wilde, die wir sind!“ – Louise Michel (1830-1905).

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Seit über 100 Jahren finden im März große Demonstrationen und Veranstaltungen für Frauenrechte statt. Nachdem der Tag in den USA erstmals 1908 ein Erfolg war, wurde er als weltweiter Aktionstag von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen vorgeschlagen. Wir möchten in diesem Jahr den Tag dazu nutzen, der Feministin, Sozialistin, Anarchistin, Lehrerin und antikolonialen und revolutionären Kämpferin Louise Michel zu gedenken. Die Versailler Bevölkerung nannte sie „La Louve Rouge“, die Rote Wölfin. Louise Michel hat sich nicht nur über das Leid der Tiere politisiert, sie kämpfte auch bis an ihr Lebensende für die Befreiung von Mensch und Tier: Als Lehrerin, zur Verteidigung der Pariser Kommune mit dem Gewehr in der Hand hinter den Barrikaden, im Exil auf Neukaledonien für die Indigenen gegen die Kolonialisierung und den Eurozentrismus und schließlich in Frankreich und England als Agitatorin für die Revolution.

Louise Michel wird am 29. Mai 1830 als Tochter einer Dienstmagd und des Hausherren auf dem Schloss Broucourt im Nordosten Frankreichs geboren. Sie politisiert sich über das direkt erlebte Leid der armen Landbevölkerung sowie der Tiere. In ihren Memoiren (1886) schreibt sie: „Von der Zeit, da ich auf dem Land die Grausamkeiten gegen die Tiere erlebte und das entsetzliche Bild ihrer Lebensbedingungen erfaßte, stammt mein Mitleid für sie und dadurch mein Bewußtsein über die Verbrechen der Macht. So handeln die Führenden mit den Völkern!“ Seit sie das Köpfen einer Gans miterlebt, fällt es ihr schwer, Fleisch zu essen, und sie entwickelt Abscheu sowohl gegen das Schlachten, als auch gegen die Todesstrafe: „Einige Jahre später wurde in einem Nachbardorf ein Vatermörder hingerichtet; zu der Stunde, da er sterben wollte, mischte sich in mein Grauen vor der Todesqual des Mannes meine Erinnerung an die Todesqual der Gans.“

Das Leben auf dem Lande verhilft ihr auch zu ihrem Klassenstandpunkt, da sie die Armut der Bauern miterlebt. Später schreibt sie dazu: „Was die Reichen betrifft, so hatte ich für sie wenig Achtung; und da kam mir der Kommunismus in den Sinn. Die harte Feldarbeit sah ich so, wie sie ist: sie beugt den Menschen wie den Ochsen über die Furchen; das Schlachthaus steht für das Tier bereit, wenn es verbraucht ist; der Bettelsack für den Menschen, wenn er nicht mehr arbeiten kann“.

Michel macht eine Ausbildung zur Lehrerin. Als sie diese 1852 mit einem Eid auf den Staat beenden soll, weigert sie sich – denn Frankreich ist wieder eine Monarchie: Vier Jahre nachdem 1848 Frankreich zum zweiten Mal Republik geworden ist, hat sich Napoleon III. zum Kaiser krönen lassen. Michel ist seit 1867 bei den revolutionären Blanquisten aktiv und demonstriert in Paris gegen Napoleons Krieg gegen das Königreich Preußen – und wird von der Polizei niedergeknüppelt. Das Kaiserreich kollabiert 1870; die danach gebildete bürgerliche Regierung führt den Krieg fort und sieht sich gezwungen, die Bevölkerung von Paris gegen die Preußen mit Kanonen zu bewaffnen. Als 1871 Paris von preußischen Truppen belagert wird, schließt die konservative Zentralregierung Frieden mit Preußen, während Paris seine eigene kommunale Verwaltung wählt, die, unter Einfluss der Blanquisten und der teilweise anarchistisch beeinflussten Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation für eine Fortsetzung des Krieges zur Erhaltung ihrer Freiheiten stimmt. Die Tage der Kommune beginnen damit, dass die bürgerliche Regierung mit Sitz in Versailles der Pariser Bevölkerung die Kanonen wieder abnehmen möchte und dazu zwei Bataillone Soldaten schickt. Pariser Frauen stellen sich zwischen die Soldaten und die Kanonen. Als die Soldaten den Befehl zum Schießen bekommen, wenden sie sich gegen ihre Generäle und stellen sich auf die Seite der Bevölkerung von Paris. Die Pariser Kommune ergreift ihre Autonomie errichtet eine Rätedemokratie, die Anarchisten seither als Vorbild für Basisdemokratie gilt und für Marx und Engels ein Beispiel der Diktatur des Proletariats war. In Paris findet in den folgenden zwei Monaten eine unvergleichliche basisdemokratische und proletarische Revolution statt. Erstmals ergreifen die Arbeiterinnen und Arbeiter direkt die Macht und nehmen u.a. Enteignungen von Teilen des Bürgertums vor und führen die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche ein. Es entsteht auch die erste feministische Massenorganisation.


Der Kampf um die Kanonen.

In ihren feministischen Ansichten zieht Michel Verbindungen zur Ausbeutung der Tiere: „Die Engländer züchten Tierrassen für das Schlachthaus; die zivilisierten Menschen bereiten den jungen Mädchen das Schicksal vor, betrogen zu werden, um es ihnen dann als Verbrechen anzurechnen und dem Verführer fast als Ehre. Welch ein Skandal, wenn sich Eigensinnige in der Herde befinden! Wo kämen wir denn da hin, wenn sich die Lämmer nicht mehr schlachten lassen wollten? Es ist wahrscheinlich, daß man sie trotzdem schlachten würde, ob sie den Hals hinhalten oder nicht. Was soll’s! Es ist doch besser, ihn nicht hinzuhalten. Manchmal verwandeln sich die Lämmer in Löwinnen, in Tigerinnen oder Kraken. Recht so! Man hätte die Kaste der Frauen nicht von der Menschheit trennen sollen. Gibt es nicht Märkte, wo die schönen Töchter des Volkes auf der Straße ausgestellt und verkauft werden, und werden nicht die Töchter der Reichen für ihre Mitgift verkauft?“
Nach 71 Tagen wird die Pariser Kommune von der bürgerlichen Regierung, inzwischen im Bunde mit den preußischen Monarchisten, angegriffen und in der „Blutigen Maiwoche“ erstürmt. Louise Michel führt zusammen mit Elisabeth Dimitroff die bewaffneten Frauen von Paris an und verteidigt im 61. Bataillon von Montmartre mit vielen anderen Parisern in Barrikadenkämpfen die Stadt bis zuletzt. Doch die Regierungstruppen siegen; 30.000 Kommunardinnen und Kommunarden werden hingerichtet.


Die Verhaftung der Louise Michel (als Ölgemälde).

Vor Gericht steht Michel zu ihren Taten und verteidigt ihre Vision einer freien Gesellschaft: „Ich habe Paläste angezündet“, gesteht sie. Sie erwartet keine Gnade: „Ich habe getötet, es ist nur gerecht, daß man mich tötet.“ Doch über sie wird kein Todesurteil verhängt – wie 40.000 andere wird sie zu Festungshaft verurteilt, lebenslang. Nach zweieinhalb Jahren im Frauengefängnis wird sie mit vielen anderen nach Neukaledonien, einer zu Frankreich gehörenden Insel östlich von Australien, verbannt. Als im Jahr 1878 die dortige indigene Bevölkerung, die Kanak, unter Häuptling Atai gegen die französischen Kolonialherren revoltieren, stellt sich Michel – im Gegensatz zu vielen anderen verbannten Kommunarden – auf die Seite der Indigenen, mit denen sie bereits Kontakt geknüpft und deren Sprache sie erlernt hat: „Auch sie kämpfen für ihre Unabhängigkeit, für ihr Leben, für die Freiheit. Ich stehe auf ihrer Seite, wie ich auf der Seite des Volkes von Paris stand, das revoltierte, niedergemacht und besiegt wurde“, sagt sie, und, im Rückblick: „Ja, ich liebte sie und liebe sie, und die, die mir zur Zeit der Revolte vorwarfen, ich wünschte, daß sie sich ihre Freiheit erobern mögen, hatten recht. Die Eroberung ihrer Freiheit!“


Aufständische Kanak.

Nach einer Generalamnestie kehrt sie im Jahr 1880 nach Paris zurück, wird drei Jahre später aber schon wieder zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, da sie zur Plünderung von Bäckereien aufgerufen hat. Die Repression macht sie nicht zahmer: „Mein Mitleid für alles, was leidet, für das stumme Tier vielleicht noch mehr als für den Menschen, ging weit; meine Empörung über die sozialen Ungerechtigkeiten ging noch weiter; sie ist gewachsen, immer mehr gewachsen, durch den Kampf hindurch, durch das Gemetzel hindurch; ich habe sie wieder mitgebracht von jenseits des Ozeans, sie beherrscht meinen Schmerz und mein Leben.“ Als sie 1885 erneut begnadigt wird, versucht sie, dies zurückzuweisen. 1888 wird sie von einem Attentäter mit zwei Pistolenschüssen am Kopf verletzt; sie verzichtet auf eine Anzeige.


Das Attentat auf Louise Michel 1888.

Ihr Leben verschreibt sie nach wie vor der Revolution: „Als menschliche Insekten, die wir sind, nagen wir an denselben Abfällen und wälzen uns in demselben Staub, erst in der Revolution werden wir mit unseren Flügeln schlagen. Dann wird die Schmetterlingspuppe ihre Umwandlung hinter sich haben, alles wird für uns vorbei sein, und bessere Zeiten werden Freuden kennen, die wir nicht begreifen.“ – Louise hat keinen Zweifel: „Wenn unsere verfluchte Zeit abgelaufen ist, wird der Tag kommen, da der bewußte und freie Mensch weder Mensch noch Tier quälen wird. Diese Hoffnung ist es wert, durch das Grauen des Lebens hindurchzugehen.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Man hat mir oft vorgeworfen, daß ich mehr Sorge für die Tiere als für die Menschen empfinde: warum sollte man die Bestien bedauern, wenn die vernünftigen Wesen so unglücklich sind? Aber es hängt alles zusammen, von dem Vogel, dessen Nest man zertritt, bis zu den Nestern der Menschen, die der Krieg dezimiert. Das Tier krepiert vor Hunger in seinem Loch, der Mensch stirbt daran in fernen Gegenden. Und das Herz des Tieres ist wie das Menschenherz, sein Gehirn ist wie das des Menschen, nämlich fähig, zu fühlen und zu begreifen. Man mag noch so sehr darauf treten, die Wärme und der Funke darin erwachen immer wieder. Bis zur Blutrinne des Laboratoriums vermag das Tier Liebkosungen oder Grausamkeiten zu empfinden.“ In der befreiten Gesellschaft, wie sie sich sie vorstellt, gehören sowohl Tierversuche als auch die Fleischproduktion der Vergangenheit an. Hierbei hofft sie auf den Fortschritt der Wissenschaft: „Vielleicht wird die neue Menschheit statt des fauligen Fleisches, an das wir gewöhnt sind, chemische Verbindungen besitzen, die mehr Eisen und nahrhafte Grundstoffe enthalten als das Blut und das Fleisch, das wir verzehren. O ja, ich träume schon von der Zeit, da alle Brot haben werden, von der Zeit, da die Wissenschaft die Köchin der Menschheit sein wird.“

Sie hält aufstachelnde Vorträge vor der Kundgebung am 1. Mai 1890. Diesmal erfolgt Repression, indem sie für verrückt erklärt wird und in eine Nervenheilanstalt in Lyon eingeliefert wird. Die nächsten Jahre agitiert sie weiter in Frankreich und England; unter anderem hält sie 1904 einen Vortrag zu Feminismus in der Freimaurerloge La Philosophie Sociale. Als sie 1905 stirbt, kommen 120.000 Menschen zu ihrer Beerdigung.

Louise Michel war nicht nur eine große Feministin, Kämpferin, Revolutionärin, Sozialistin und Anarchistin. Für uns antispeziesistische Linke stellt sie eines der konsequentesten Beispiele des Kampfes gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch und Tier dar.

An diesem 8. März 2013 wollen wir außerdem an eine Sozialistin und Freundin von Rosa Luxemburg erinnern, die an diesem Tag vor 140 Jahren in Berlin zur Welt kam: Mathilde Jacob. Sie schmuggelte für Luxemburg zahlreiche Briefe und politische Schriften aus dem Gefängnis. Ohne ihren Mut wären viele Schriften Luxemburgs heute verschollen. Als Jüdin wurde sie 1942 ins KZ Theresienstadt verschleppt und starb dort ein Jahr später.

Über das Verhältnis Rosa Luxemburgs zu Tieren, das vor allem in ihren Briefen aus dem Gefängnis Thema ist, haben wir im Jahr 2011 einen Text verfasst: Die Tiere Rosa Luxemburgs. Eine gekürzte Version dieses Textes ist auch in der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland unter dem Titel Leiderfahrung und Solidarität: Die Tiere Rosa Luxemburgs erschienen.

Veranstaltungstipp: Freitag, 8. März, 19 Uhr, Kulturscheune Mössingen: Weltfrauentag trifft Generalstreiksfrauen.

Quellen zu Louise Michel:

Louise Michel auf anarchismus.at.

Broschüre zur Pariser Kommune: Auf Krise.Kapitalismus.Kritik.

Michel, Louise: Memoiren. Aus dem Französischen von Claude Acinde. Zweite verbesserte Auflage, Münster 1979.

Kramer, Karin (Hrsg.): Louise Michel: Ihr Leben, ihr Kampf, ihre Ideen (Frauen in der Revolution, Band 1), Berlin 1976.




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