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Boris Palmer: „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“

Anmerkung zu diesem Artikel:

Das „Schwäbische Tagblatt“ berichtete am 10. November:

Palmer war am Rande des Neubürgerempfangs von der Antispeziesistischen Gruppe aufgefordert worden, Position zum Thema Tierschutz zu beziehen. Dabei wies er die Ansicht der Tierschützer zurück, die Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar. „Tiere haben nicht dieselben Rechte wie Menschen“, sagte Palmer.

Palmer gibt unsere Position gegenüber der Zeitung falsch wieder. Als Teil der politischen Tierbefreiungsbewegung grenzen wir uns scharf vom Tierschutz ab; wir sind zudem keineswegs der Ansicht, „Menschenrechte seien auf Tiere übertragbar“. Manche meinen, der antispeziesistische Ansatz fordere eine „Gleichstellung“ der Tiere – dabei versteht es sich von selbst, dass dies eine absurde Forderung wäre: Die sozial konstruierte Kategorie „Tier“ fasst ja Arten mit ganz unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten etc. in Eins – wir wollen aber gerade den Mensch-Tier-Dualismus, der alle anderen Tiere dem Menschen als dessen Gegenteil gegenüberstellt, so die Artenvielfalt verschleiert und die Ausbeutung bestimmter Spezies legitimiert, als Ideologie entlarven, die es erlaubt, z.B. komplexe Säugetiere als prinzipiell „gleich“ anzusehen wie Fruchtfliegen. Dadurch kann eine Situation der Gefangenschaft und Ausbeutung, die offensichtlich im „Nutz“-Tier Leid erzeugt, legitimiert werden: „Es ist ja nur ein Tier“… Dass einige davon – wie Affen – uns sehr ähneln und somit ählich Leiden empfinden wie wir, wird so ausgeblendet.

In zahlreichen Mails hat Palmer in den letzten Tagen von uns gefordert, den nachfolgenden Text „aus dem Netz zu nehmen“. Wir haben ihn mehrmals gebeten, uns die Stellen zu nennen, an welchen er sich falsch wiedergegeben fühlt – dazu war er aber nicht in der Lage, er meinte lediglich, die Darstellung des Gesprächs sei „unsachlich“, sein Verlauf und seine Inhalte „einseitig“ dargestellt. Obwohl Palmer uns mit „rechtlichen Schritten“ droht, haben wir uns deshalb dazu entschlossen, seiner Forderung nicht nachzukommen.

Am 27. März 2011 wurde in Baden-Württemberg der neue Landtag gewählt. Bündnis 90/Die Grünen, die seither Regierungspartei sind, hatten in ihrem Wahlprogramm auch Tierrechte als Leitidee verankert. Grundsätzlich wird ein respektvoller und ethisch verantwortbarer Umgang mit Tieren gefordert. Unter anderem sollen die Haltung, das Mitführen und die Verwendung von Wildtieren in mobilen Zirkusbetrieben sowie ihre Dressur beendet, vegetarische und vegane Ernährung sollen als vollwertige Ernährungsformen anerkannt und in allen öffentlichen Kantinen und Mensen sollen alternativ vegetarische und vegane Gerichte angeboten werden.
In Bezug auf Tierversuche fordern die Grünen: Wo immer möglich eine Abschaffung und den Einsatz alternativer Methoden; die Versuche an Primaten sollen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.
Boris Palmer als grüner Oberbürgermeister der einzigen Stadt in Baden-Württemberg, in der noch Experimente an Affen durchgeführt werden, hat sich seit 2009, als die Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche begann, noch kein einziges Mal bewogen gefühlt, zu den Versuchen überhaupt Stellung zu nehmen.
Am 29. Oktober hatten Aktivisten der Kampagne bei einer öffentlichen Veranstaltung, bei der Boris Palmer anwesend war, Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen.
Das Ergebnis des Gesprächs: Seine Partei hat zwar im Wahlprogramm explizit das Ziel der Abschaffung der Affenversuche stehen, aber Palmer denkt nicht daran: Er habe mit den Experimentatoren über die Versuche gesprochen und ist der Meinung, der Nutzen für den Menschen sei größer zu bewerten als das Leid der Affen.
Dass er in Wirklichkeit über den „Nutzen“ und die Ziele der Experimente in Tübingen nicht gut informiert ist, zeigte sich u.a. daran, dass er „Alzheimer-Patienten“ als Argument anführte, mit denen wir „mal sprechen“ sollten – bereits am Tag unserer ersten Demonstration für die Abschaffung von Tierversuchen, am 18. April 2009, hatte die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine über halbseitige Anzeige im „Schwäbischen Tagblatt“ geschaltet, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut – das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung ist eines der drei Tübinger Institute,1 an denen Primatenversuche durchgeführt werden – im Interview mit dem TAGBLATT. Er forsche zwar auch an Tieren über Alzheimer – allerdings an Fliegen und Würmern!2
Palmer hat nach eigenen Angaben mit den Wissenschaftlern gesprochen – die, indem sie „so auf mich zugekommen sind wie Sie jetzt“, wohl bereits früher einiges an Lobby-Arbeit geleistet haben –, aber nicht daran gedacht, sich auch mit ExpertInnen der Gegenseite zu unterhalten, etwa mit jemandem von Ärzte gegen Tierversuche.
In unserem Gespräch zog er eine ganz klare und eindeutige Demarkationslinie zwischen „Menschen und Tieren“ und sagte: „Tiere dürfen ausgebeutet und unterdrückt werden, weil sie keine Menschen sind, Ausbeutung von Tieren ist legitim, Legebatterien sind legitim.“
In der Schweiz wurde die konventionelle Käfighaltung von Hühnern 1992, in Österreich 2005 und in Deutschland 2008 verboten. Ab 1. Januar 2012 ist sie zudem in der Europäischen Union verboten. Ab 2012 sind in der EU nur noch ausgestaltete Käfige erlaubt, die ein höheres Platzangebot (750 cm² pro Tier) sowie Scharrbereich, Sitzstangen und Nester bieten. Boris Palmer fällt hier als grüner Politiker also nicht nur hinter alle Standards seiner eigenen Partei, sondern sogar hinter EU-Recht zurück!
Der „grüne“ Oberbürgermeister Tübingens berief sich bei seiner Aussage, wissenschaftliche Erkenntnisse und wissenschaftlicher Fortschritt legitimierten die Inkaufnahme von Tierleid, auf eine „Axiomatik“ – man sollte wohl besser sagen: Dogmatik –, welche u.a. aus dem Grundsatz besteht: Menschen dürfen Tiere ohne jegliche Rücksichtnahme ausbeuten, unterdrücken und auch für niedere und leicht ersetzbare Zwecke töten. Dabei ging er in der Tat so weit, sich auf die angebliche „Legitimität“ von Legebatterien zu berufen, um im Umkehrschluss darauf hinzuweisen, dass dann auch die Versuche mit Primaten an den Tübinger Instituten legitim seien. Er sprach – entgegen den Leitlinien seiner eigenen Partei – auch davon, dass Tiere nach geltendem Recht Sachen seien, so dass sie vom Menschen willkürlich ausgebeutet werden dürften.
Insgesamt zog Palmer sich auf angeblich „geltendes Recht“, Axiomatik und bürokratiebedingte (Un-)Zuständigkeitsbereiche zurück und verwies dabei explizit auf die „Logik“ seiner Argumentation – dabei hat er aber in Wirklichkeit elementarste logische Grundsätze verletzt und fehlerhaft argumentiert; schon der Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten, ist logisch nicht zulässig (Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz). Fakt ist ja, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, stellt beispielsweise der israelische Soziologe Moshe Zuckermann fest.
Palmers Aussage, die Wissenschaft untermauere die taxonomische Demarkation zwischen Mensch und Tier – die er zu einer moralischen Demarkation ausweitete –, ist schlicht falsch. Dass er in diesem Bereich komplett uninformiert ist, zeigte sich daran, dass er tatsächlich mit längst widerlegten „Argumenten“ wie „Kulturfähigkeit“ und „Werkzeuggebrauch“ ankam, um am wesentlichen Unterschied von Menschen und anderen Tieren festzuhalten. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen, einem gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.
Den mehrmals ausgesprochenen Hinweis auf die Qualen, welche die Affen an den Tübinger Instituten durchleben müssen, ja jegliche Fragen nach dem Mitleid mit „Versuchstieren“, ignorierte Palmer konsequent.
Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war zugegen, als die 60.000 Unterschriften gegen die Affenversuche in Tübingen übergeben worden sind und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. – Man darf gespannt sein, ob – und wenn ja, wie schnell – die politisch Verantwortlichen ihre Versprechen verwirklichen werden oder ob sie genauso vor der Lobby, die jene vertritt, welche von der tagtäglichen Ausbeutung in diesem System profitieren, einknicken – wie es seit jeher die Art von Boris Palmer ist.

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. vgl. unseren Artikel Tierexperimenatoren widersprechen sich gegenseitig. [zurück]

Zum „offenen Brief“ Peter Bierls an uns

In seinem „offenen Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde“ wirft Peter Bierl uns vor, seine Person in unserem Artikel Zu Peter Bierl „auf der Grundlage trüber Quellen“ als Verleumder diffamiert zu haben. Wenn wir der Meinung seien, er würde sinnentstellend zitieren, sei es „angemessen, selber die Quellen [zu] prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.“
Selbstverständlich sind uns die Quellen, aus denen Peter Bierl nachweislich sinnentstellend zitiert hat, gut bekannt – handelt es sich doch um zwei Beiträge zu einem der wichtigsten theoretischen Werke der Tierbefreiungsbewegung; sie stammen aus der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Ausatzssammlung Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere.
Wir waren allerdings der Meinung, dass die verleumderischen Methoden Peter Bierls im auf wissenrockt.de veröffentlichten Artikel Mit Dreck werfen, den wir zitiert haben, ausreichend beleuchtet werden.

In seinem Brief an uns erdreistet sich Bierl, die von uns kritisierte unredliche Vorgehensweise, die er bereits in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen anwandte, schlicht noch einmal zu tätigen: Er diffamiert Susann Witt-Stahl und Colin Goldner, indem er sie mit rechten antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung bringt.

Die Vorgehensweise von Peter Bierl ist folgende:

Zunächst unterschlägt er, damit seine Argumentation überhaupt funktionieren kann, wichtige Fakten.
So ist etwa gerade Colin Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt – in seinem Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung, der in Der Rechte Rand 108 (Sept./Okt. 2007, S. 21f.) erschienen ist, schreibt er:

Ernstzunehmender Einsatz für die Befreiung der Tiere ist immer auch Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Psychokulte, Sekten, Religionsgemeinschaften jedweder Art, einschließlich der etablierten Kirchen, haben mit der Utopie der Befreiung von Mensch und Tier nichts zu schaffen; so wenig wie Nazis und Neo-Nazis.
Es kann insofern keinen Schulterschluss geben mit Personen, Gruppierungen oder Institutionen, deren Tierschutz- oder Tierrechtsengagement einer tatsächlich tier-, menschen- und lebensfeindlichen Ideologie vorangestellt ist. Egal ob unter dem Kreuz, dem Hakenkreuz oder unter sonst einem der zahllosen Embleme von Unterdrückung, Ausbeutung oder Herrschaft.

Die linke Journalistin Susann Witt-Stahl, die von Bierl in die Nähe von holocaustrelativierenden Positionen gerückt wird, ist ausdrückliche und scharfe Kritikerin des sog. „KZ-Vergleichs“, im Zuge dessen manche Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen bestimmte Formen der Massentierhaltung, der industriellen Tötung und Verarbeitung von Tieren zu Fleisch sowie Tierversuche mit dem Holocaust verglichen haben. Die bürgerliche Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (PeTA) hatte 2002 eine Ausstellung und internationale Plakatkampagne unter dem Motto „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ gestartet, die etwa Fotografien von Tiertransporten und Vernichtungstransporten der deutschen Faschisten nebeneinander stellte. 2004 hatte die deutsche Sektion von PeTA die US-Plakatkampagne übernommen. Im selben Jahr verbot das Landgericht Berlin, im Jahr darauf das Kammergericht Berlin die Plakate, weil ihre Aussage gegen die Menschenwürde von Holocaustüberlebenden verstoße.
Bereits in ihrem Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern kritisierte Susann Witt-Stahl damals die PeTA-Kampagne; unter anderem schrieb sie:

Die Singularität von Auschwitz besteht in dem unfassbaren Ausmaß einer bürokratisch geplanten und durchorganisierten Massenvernichtung von Menschen; darin, dass Menschen erstmals durch Menschenhand zu administrativ verwalteten Exemplaren gemacht wurden. […] Die Unterdrückung, die Ausbeutung und massenhafte Tötung von Tieren ist kein Holocaust […]. Die Kampagne ist insofern dazu geeignet, die größte Menschheitskatastrophe ihrer Singularität zu berauben, dass sie eine Trivialisierung des Holocaust darstellt, die vor allem Resultat der reklamehaften und lässigen Präsentation des „KZ-Vergleichs“ ist.

Mit einer unreflektierten, in das Täterland Deutschland hineingetragenen Universalisierung und Inflationierung der Shoah trage PeTA dazu bei, Holocaust-Relativierern den Weg zu ebnen, so Witt-Stahl, und weiter: Man möge selbst entscheiden, ob es sich bei derartigen Aussagen der Tierrechtsorganisation, die oberflächlich, unwissenschaftlich und unseriös vorgehe, um vorsätzliche Geschichtsfälschung handele oder um eine gehörige Portion Unbedarftheit oder Ignoranz.

Gleich argumentiert Susann Witt-Stahl auch in dem im Rahmen des von ihr herausgegebenen Sammelbandes erschienenen Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie, aus dem Peter Bierl sinnentstellend zitiert.
In seinem Artikel Wahlverwandte unter sich schrieb er:

Die Herausgeberin des Bandes, die Antizionistin Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN), schreibt, das Gedenken an den Holocaust habe sich inzwischen „zur westlichen Weltreligion“, zu „einem negativen Identifikationsmodell“, entwickelt, und es finde eine „Fetischisierung des Holocaust“ statt, während die Tierrechtsorganisation PeTA den KZ-Vergleich in ihrer Werbung „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ habe. Die Kritiker solcher Holocaust-Vergleiche seien ohnehin allesamt Fleischfresser: „Sie moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei.“

In Bezug auf diesen Text von Susann Witt-Stahl findet Bierl, wie er in seinem offenen Brief an uns schreibt, „nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.“ Diese Aussge Bierls kann wirklich nur als schlechter Witz gewertet werden – mit dem er sich allerdings selbst lächerlich macht.
Durch selektives Zitieren will Bierl den Eindruck erwecken, Susann Witt-Stahl verteidige den „KZ-Vergleich“, den die bürgerliche Tierrechtsorganisation PeTA vorgenommen hat, greife jene, die ihn kritisieren, an und bewege sich damit selbst mindestens an der Grenze der Holocaustrelativierung. Dass Susann Witt-Stahl selbst eine der schärfsten KritikerInnen dieses Vergleichs ist, unterschlägt er; er verkauft damit seine LeserInnen für dumm und scheint darauf zu vertrauen, dass sie sich nicht die Mühe machen, nachzusehen, um wen es sich bei der Autorin handelt und welchem Kontext die Zitate entnommen worden sind.

Im Mittelpunkt des Textes Das Tier als „der ewige Jude“? Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie steht das Problem der Vereinnahmung der jüdischen Opfer des größten Verbrechens, das Menschen je gegen Menschen verübt haben, seine Instrumentalisierung und die durch gnadenlos „enttabuisierte Alltagsrhetorik forcierte Zerschwätzung“ und „kulturindustrielle Banalisierung des Besonderen und Einzigartigen“ (Moshe Zuckermann). Es geht Witt-Stahl um Ideologiekritik, darum, die Ideologieschichten abzutragen, die sowohl über dem Vergleich als auch über bestimmten Formen seiner Kritik wuchern, sie zu analysieren und als falsches Bewusstsein von den herrschenden Verhältnissen zu erkennen. Witt-Stahl fragt also sowohl nach den Beweggründen, Methoden und Strategien, warum und wie der „KZ-Vergleich“ von seinen Befürwortern so eifrig und beharrlich bemüht wird, als auch danach, weshalb er von vielen seiner Gegner gar nicht konsequent kritisiert wird, sondern vielmehr „hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft und andere antiemanzipatorische Zwecke instrumentalisiert zu werden“ (S. 279).

In seinem offenen Brief an uns gibt Peter Bierl die Position Witt-Stahls mit den Worten wieder: „Das eigentliche Problem bestünde in einem ‚längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus‘.“
Dass Susann Witt-Stahl vom Philosemitismus als „eigentlichem Problem“ spricht, davon kann keine Rede sein. In Wirklichkeit heißt es in ihrem Aufsatz hierzu:

Der eliminatorische Antisemitismus und die exzessive Perhorreszierung der Juden und des Judentums gelten heute in Deutschland und Resteuropa als historisch überwunden. Aber während des noch andauernden und sich stetig wandelnden und zumindest streckenweise katastrophal verlaufenden Prozesses dessen, was als „Vergangenheitsbewältigung“ oder „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnet wird, sind wesentliche Elemente des Antisemitismus bis heute nicht dialektisch aufgehoben und in eine wahrhaft emanzipatorische Praxis überführt worden. Sie sind lediglich in einen längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus umgeschlagen, der jederzeit droht, wieder in einen offenen, sich aggresiv entladenden Judenhass zurückzufallen. Denn diese erklärte „Liebe“ zu den Juden ist insofern eine falsche Liebe, als sie Juden entindividualisiert, kategorisiert, fetischisiert und zu Identifikationsobjekten degradiert. […] Spätestens seit Ende der 1980er Jahre wurde der Holocaust zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell, mit dem vor allem Linke im Täterland den mit dem Ausschalten des großen Gegenentwurfs zum Kapitalismus entstandenen horror vacui kompensieren. Welche Ausmaße falsche Liebe und mimentische Distanzlosigkeit annehmen können, demonstrieren beispielsweise so genannte Antideutsche – pseudomarxistische Ex-Linke, antilinke Deutsche, die im Windschatten der neoliberalen Großoffensive für eine radikale Entfesselung der Marktkräfte eine affirmative Wende vollzogen haben. Das, was als „Solidarität“ mit den Juden und dem Staat Israel verkauft wird, offenbart sich bei näherer Betrachtung meist als narzisstisches Suhlen in deutschen Befindlichkeiten. Die falsche Projektion des „deutschen Wesens“ auf das arabisch-palästinensische Kollektiv indiziert ein tiefes Bedürfnis nach Entsorgung der Schande (S. 283).

Witt-Stahl bezieht sich hier auch auf die Analysen von Moshe Zuckermann, der in den letzten Jahren vermehrt auf die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses der Antisemitismuskritik und die damit unweigerlich verbundene „Veralltäglichung der Shoah“ hingewiesen und im Jahr 2010 dann auch ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: „Antisemit!“ – Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Über den Rechtsruck in gewissen Bereichen der Antisemitismuskritik – was bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung geht – hat Susann Witt-Stahl ebenfalls im Jahr 2010 auch ein Interview mit Moshe Zuckermann geführt, in dem er diese Problematik ausführlich darstellt. Darin sagt er u.a.:

Als Historiker geht es mir um den Entstehungszusammenhang des geschichtlichen Antisemitismus; als Marxist um die gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen des Antisemitismus und als jemand, der mit der Shoah befasst ist, um die generellen Schlussfolgerungen von dem, was mich lebensgeschichtlich immer schon umgetrieben hat und bis ans Ende meiner Tage umtreiben wird. Die sogenannte Antisemitismuskritik, von der ich in meinem Buch rede, hat mit alledem nichts zu tun. Sie gilt nicht der Bekämpfung des realen Antisemitismus, sondern suhlt sich einzig in der Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs für fremdbestimmte Zwecke unter Verwendung perfidester denunziatorischer und polemisch verlogener Mittel. […] In Deutschland sehe ich in erster Linie den Zusammenhang von tabuisiertem Antisemitismus und legitimierter Islamophobie, welche nach dem 11. September 2001 einen großen weltpolitischen Aufschwung erhalten hat, als Nährboden für besagte Formation. Die Islamophobie ersetzt den Antisemitismus, der nun seinerseits in einen unsäglichen Philosemitismus umschlagen darf. Die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik, die aus geschichtlich erklärbaren Gründen diese Linie schon immer verfolgt hat, erhält nun von der bürgerlichen Presse einerseits und den sogenannten Antideutschen andererseits eine bemerkenswerte ideologische Affirmation. Das gab es so vorher nicht. Auch die deutsche Linke scheint mir, ähnlich wie die israelische, weitgehend zusammengebrochen zu sein. Das muss man, meine ich, in indirektem Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Blocksystems, dem Siegeszug des globalisierten Kapitalismus und der Heraufkunft des amerikanischen Neokonservatismus sehen. […] Der Antisemitismusbegriff, dessen sich diese Ideologie bedient, hat […] fast nichts mehr mit Antisemitismus, geschweige denn mit seiner Bekämpfung zu tun, sondern dient, wie ich eingangs sagte, als Instrument zur Verfolgung gänzlich fremdbestimmter Zwecke. Dass er sich dabei des Shoah-Gedenkens in so perfider Weise bedient, wie er es immer wieder tut, ist für mich mit die schändlichste Form der Verwertung der Erinnerung an die historischen Opfer, ja grenzt meines Erachtens an Shoah-Verleugnung. Der philosemitische Impuls, der dabei oft zutage tritt, ist gerade darin durchaus dem genuinen antisemitischen Ressentiment verschwistert. […] Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment. […] Nicht minder schlimm ist dabei, dass die diesen Wunsch hegenden Deutschen sowohl sich selbst als „Deutsche“ als auch die Juden als „Juden“ abstrahieren – letztlich auf die leere Formel des „Deutschen“ und des „Juden“ reduzieren. Wie schnell sind da die Inhalte austauschbar, wie schnell kann das Ressentiment der fremdbestimmten Zuneigung ins Gegenteil, in die Aversion, umschlagen.

Genau „diese perfide Spielart des dem Antisemitismus verschwisterten Philosemitismus“ (S. 284) wird von Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz kritisiert. Doch das veschweigt Bierl, der ja selbst dem „antideutschen“ Spektrum zuzurechnen ist und den Antisemitismus-Vorwurf als bloßes politisches Instrument zur Diffamierung vermeintlicher „Gegner“ missbraucht, lieber. Statt sich auf einer sachlichen Ebene mit ihrer Kritik auseinanderzusetzen – wofür ihm offensichtlich die Argumente fehlen –, versucht er Witt-Stahl in Misskredit zu bringen, indem er Satzteile aus ihrem Aufsatz derart aus dem Zusammenhang reißt, dass sie ins Gegenteil dessen, was eigentlich damit ausgedrückt wurde, verkehrt werden können; so verfährt Bierl etwa mit der Aussage Witt-Stahls, PeTA habe den „KZ-Vergleich“ „lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt“ – so, wie Bierl das Zitat einsetzt, suggeriert er damit eine apologetische Haltung Witt-Stahls gegenüber dem „KZ-Vergleich“ PeTAs. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Natürlich verteidigt Witt-Stahl PeTA hier nicht, sondern macht der Tierrechtsorganisation die kulturindustrielle Banalisierung der Shoa zum Vorwurf! Der Kontext, aus dem Bierl selektiv zitiert, lautet:

Die Fetischisierung des Holocaust und seine kulturindustrielle Ausschlachtung stellen wohl das hässlichste Phänomen dar, das die „Holocaust auf Ihrem Teller“-Kampagne begleitet hat. PeTA hat die größte Menschheitskatastrophe einfach aus ihrem historischen Kontext und den Gedenkräumen entrissen, profaniert, schließlich als eye catcher nahtlos in die Produktpalette eingereiht und das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht: In den Städten waren überdimensionale Fotos von Leichenbergen in der Nähe von Reklametafeln für Carefree-Tampons und Diet-Coke zu sehen. Letztlich erwies sich der Werbefeldzug als ein trauriges Fallbeispiel für die integrative Kraft des fortgeschrittenen Kapitalismus: Wer das Grauen des Holocaust „bestellt“, bekommt garantiert PeTA geliefert. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation nicht nur lobende Worte für „KZ-Betreiber“ wie Burger King findet, sondern auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi - die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PeTA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt (S. 287).

In seinem offenen Brief tut Bierl so, als ob Susann Witt-Stahl in ihrem Aufsatz gewissermaßen PeTA und Konsorten nicht etwa deshalb kritisiere, weil sie von der Falschheit des „KZ-Vergleichs“ überzeugt wäre, sondern eher, um eine Legitimation dafür zu haben, sich „linke Kritiker“ dieses Vergleichs „vorzunehmen“: „Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl […] zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt.“ – In Wirklichkeit widmen sich die ersten 14 Seiten ihres Aufsatzes hauptsächlich der ausführlichen Kritik des „KZ-Vergleichs“; die Kritik an denjenigen, die den Vergleich aus der Sicht Witt-Stahls aus einem falschem Bewusstsein heraus kritisieren, beläuft sich nur auf die Hälfte dieser Anzahl von Seiten. Von einer „Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs“ – so Bierl in seinem Brief – kann dabei nicht die Rede sein; und dass Witt-Stahl sich „linke Kritiker vornimmt“, kann man so auch nicht behaupten. So geht es zunächst um die Äußerungen einer Vorsitzenden eines Tierschutzvereins und um eine Kolumnistin der konservativen Tageszeitung „Die Welt“ des Axel-Springer-Konzerns. Und die Zeitschrift „Bahamas“, für die Uli Krug schreibt, hat schon lange grundsätzlich mit der Linken gebrochen und positioniert sich inzwischen selbst rechtsoffen.

Was Bierl wohl in Wahrheit nicht passt, dürfte der Umstand sein, dass Witt-Stahl in ihrem Aufsatz nachweist, dass gewisse „antideutsche“ Autoren, die der Tierrechtsbewegung die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyps vorwerfen, dieses selbst verwenden – in einem philosemitischen Duktus, welcher sich aber aus antisemitischen Ressentiments speist. Denn sie benutzen

nicht nur die jüdischen Opfer des NS-Terrors für die Affirmation einer Ideologie grenzenloser Unterjochung und Ausbeutung der Tiere – sie reproduzieren alte Judäophobien, wie sie beispielsweise in Richard Wagners Schriften zu finden sind (S. 296).

Wohl um diese Hintergründe zu vertuschen und weil er genau weiß, dass er sich u.a. in Bezug auf die vehemente Kritikerin „antideutscher“ Ideologie Susann Witt-Stahl unlauteren Methoden bedient, die den Zweck verfolgen, politische Gegner mundtot zu machen, schiebt Bierl in seinem offenen Brief an uns nach erneut vorgenommener sinnentstellender Zitation Witt-Stahls schnell ein „Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese“ nach.
Vielmehr gehe es um etwas ganz anderes: Der Verleumder Bierl, der sich nun selbst als Opfer von „Angriffen“ auf seine Person stilisiert, schreibt:

Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.

Wer also die verleumderischen Methoden, die Peter Bierl, wie wir nun hoffentlich ausführlich genug gezeigt haben, nachweislich angewandt hat, klar benennt und die Rufmord-Kampagne, die er gegen Aktive der Tierbefreiungsbewegung betreibt, kritisiert, trägt – obwohl er sich in krassem Widerspruch mit den Ansichten Peter Singers sieht und selbst eine ausführliche Kritik an der Würdigung Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung geübt hat – also letztlich zur Wiedereinführung der Euthanasie in Deutschland bei, so Bierls Vorwurf. Mit solchen abenteuerlichen Gedankenkonstruktionen, in denen, nebenbei bemerkt, eine unüberhörbare Portion Selbstüberschätzung mitschwingt, diskreditiert Peter Bierl sich lediglich – aufs Neue – selbst.

Es bleibt abzuwarten, ob die Methoden, welche er in seinem Vortrag zur Kritik an der Anthroposophie am Mittwoch anwenden wird, mit jenen unlauteren vergleichbar sind, die er benutzt hat, um Personen aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und aus dem säkularen Spektrum zu diffamieren, oder ob sein Vortrag Substanz haben und Anlass für eine fruchtbringende Diskussion bieten wird.

Zu Peter Bierl

Am 2. November 2011 lädt der Tübinger Infoladen zu einem Vortrag mit Peter Bierl. Bierl ist Journalist und Autor des Buches Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, sein Vortrag wird eine Kritik an der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner zum Inhalt haben.
Wir halten eine Kritik an der modernen Esoterik im Allgemeinen sowie an ihren rassistischen Elementen im Speziellen für notwendig – doch was Peter Bierl betreibt, ist Verleumdung als Methode:

Seine Arbeitsweise kann als Musterbeispiel für unseriöse Argumentation und bewusste Verleumdung gelten; sie trägt einen Diskurs in die Linke, der ansonsten unter Verschwörungstheoretikern und in rechten Portalen wie Politically Incorrect vorherrscht.

So jedenfalls urteilte der Humanistische Pressedienst, nachdem Peter Bier in seinem „Jungle World“-Artikel Wahlverwandte unter sich und in seinem in der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Reihe Standpunkte erschienenen Aufsatz Tierrechts-Bewegung auf Abwegen sowohl Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung als auch Colin Goldner und Susann Witt-Stahl, die beide in der Tierbefreiungsbewegung aktiv sind, diffamiert hatte, indem er sie mit antisemitischen und holocaustrelativierenden Tendenzen in Verbindung brachte.
In unserem Text Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung kritisierten wir die Vergabe des „Ethik-Preises“ der Stiftung an den australischen Moralphilosophen Peter Singer und gaben, was dessen Ethik betrifft, dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander Recht, der diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnete und urteilte: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“ Wir merkten aber an:

Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN)1 wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen).

In letztgenanntem Artikel wird die Methode, nach der Bierl vorgeht, einer genaueren Analyse unterzogen. In Bezug auf Colin Goldner und Susann Witt-Stahl heißt es:

Der Zusammenhang, in dem die Zitate standen, interessiert Bierl […] meist wenig. Der Tierrechtler Colin Goldner wird damit zitiert, dass „wer eine Aussage wie ‚Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren‘ kritisiere, […] eine ‚Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfs‘ [betreibe]“. Während Goldner hier relativierende Tendenzen unterstellt werden sollen, geht es in seinem Artikel jedoch um die Abgrenzung gegenüber der Person, die diesen relativierenden KZ-Vergleich gezogen hat. So heißt es an der betreffenden Stelle weiter: „Zur Unterfütterung der Abgrenzungserfordernis ist im Übrigen der wenig substantiierte Antisemitismusvorwurf auch gar nicht nötig“. „Wenig substantiiert“, weil er sich nicht nachweisen lässt, und „nicht nötig“, weil genug andere, substanziellere Gründe zur Abgrenzung vorhanden sind. Auf solch manipulistische Weise Zitatbestandteile zusammenzustellen (und Wesentliches wegzulassen) hat Bierl nötig. Denn gerade Goldner in die rechte Ecke zu stellen wäre sonst ein schwieriges Unterfangen. Erst vor wenigen Monaten versuchte u.a. die NPD eine Lesung von ihm zu sprengen und er ist mehrmals als Kritiker gegen die Versuche von Nazis aufgetreten, die Tierrechtsszene zu unterwandern.
Daher verlagert sich die Kritik bereits nach einem Satz auf Susann Witt-Stahl – ungeachtet dessen, dass sie mit der Preisverleihung oder der gbs überhaupt nichts zu tun hat. Doch ist sie zusammen mit Goldner Herausgeberin eines Sammelbandes. Diese gedanklichen Umwege sind scheinbar ausreichend, um hier Assoziationen herzustellen. Man liest deutlich heraus, dass der „Antideutsche“ Bierl offene Rechnungen mit der Antideutschen-Kritikerin Witt-Stahl hat. So wird jede Möglichkeit genutzt, Seitenhiebe zu verteilen, egal wie wenig es zum Thema passt.
Auch bei Witt-Stahl werden Zitate von ihrem Kontext isoliert und Aussagen ins Gegenteil verkehrt. Es wird suggeriert, sie habe den KZ-Vergleich durch die Tierschutzorganisation PETA (die in der Tierrechtsszene stark umstritten ist) gerechtfertigt, da PETA ihn „in ihrer Werbung ‚lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt‘ habe“. Tatsächlich lautet die ganze Stelle in Witt-Stahls Aufsatz: „Und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Tierschutzorganisation [PETA, Anm.] nicht nur lobende Worte für ‚KZ-Betreiber‘ wie
Burger King findet, sondern sich auch – das behauptet und dokumentiert das Tierrechtsnetzwerk Maqi – die Fleisch in rauen Mengen verarbeitende Restaurant-Kette Benihana als Sponsor ausgesucht hat, lässt vermuten: PETA hat den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt.“ Im nächsten Satz spricht sie von „nicht unerheblich[en] [..] werbestrategische[n] Erwägungen“ der Organisation. Die Rede vom „effektiven Marketing“ ist also unübersehbar Kritik an PETA, keine Zustimmung wie Bierls verfälschender Zitatschnipsel andeuten soll.

Der von Bierl angegriffene Michael Schmidt-Salomon erwähnte in einer Stellungnahme, vor einigen Jahren habe das iranische Staatsfernsehen aufgrund seines jüdisch klingenden Namens und seiner Unterstützung der Bewegung der Ex-Muslime behauptet, er sei ein Agent des Mossad. Dieser Versuch des iranischen Regimes, ihn mundtot zu machen, sei schon reichlich absurd gewesen. Peter Bierls Anschuldigungen seien aber noch ein gutes Stück absurder. Dank Bierl sei er nun „ein antisemitischer jüdischer Mossad-Agent.“ – „Großartig!“, so Schmidt-Salomon weiter: „Wenn das die Art ist, wie in Deutschland Aufklärung betrieben wird, dann gute Nacht…“
Durch die Anwendung der aufgezeigten Methoden hat Peter Bierl sich selbst diskreditiert und ist für uns als Referent – auch wenn es in seinem Tübinger Vortrag um ein anderes Thema geht – nicht mehr ernst zu nehmen. Dass die Infoladen-Gruppe eine Person, die mit solch unredlichen Mitteln gegen vermeintliche „Gegner“ vorgeht, einlädt, können wir nicht nachvollziehen.

  1. Die TAN hat sich inzwischen umbenannt – vgl. unseren Bericht Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf.[zurück]

Assoziation Dämmerung: Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf

Die Tierrechts Aktion Nord (TAN) war eine der ältesten und wichtigsten Protagonistinnen der Tierbefreiungsbewegung in Deutschland. Die TAN gründete sich 1987, um auf die katastrophale Situation der Tiere in der Warengesellschaft aufmerksam zu machen; seitdem war die Gruppe mit spektakulären Aktionen – wie der Besetzung der Rinderspaltanlage im Hamburger Schlachthof 1988 –, Go-ins, Jagdsabotagen und als Unterstützergruppe der Animal Liberation Front (ALF) aktiv gegen die Ausbeutung und Ermordung von Tieren für u.a. die Lebensmittel-, Bekleidungs- und Kulturindustrie.
Seit Einsetzen des durch den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und die Gründung der Berliner Republik ausgelösten Degenerationsprozesses weiter Teile der deutschen Linken sah die TAN zudem die Notwendigkeit einer fundamentalen Ideologiekritik an deren kläglichen Restbeständen, vor allem an opportunistisch zu AntikommunistInnen gewendeten Ex-Linken, die sich zentralen Ideologemen des Neokonservatismus verschrieben haben.1 Die Theoriearmut der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung als Schwachstelle erkennend fokussierte TAN ihr Engagement auf die Erarbeitung von Grundlagen für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere auf Basis der Werke von Marx und Engels und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ein wichtiges Dokument dieser Entwicklung ist der im Jahr 2007 von Susann Witt-Stahl herausgegebenen Sammelband Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere mit einem Vorwort von Moshe Zuckermann.
Dass sich im Nachvollzug dieser Theorien das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, zur inneren und äußeren Natur als ein arbeitsvermitteltes und in der warenproduzierenden Klassengesellschaft historisch zu erkennendes offenbart, lieferte den Grundstock dafür, gesellschaftliche Kämpfe um Mensch, Arbeit und Natur nicht länger als nur irgendwie und teilweise ineinander übergehende zu denken, sondern sie auf ihren gemeinsamen Nenner zu bringen und auch als entsprechend vermittelte zu benennen. Für die Gruppe liegt politisch und theoretisch genau darin die Chance, vom bloß subversiven Lebensentwurf zu einer praktischen Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge zu kommen und von einer „Szene“ zur politischen Bewegung zu werden.
Als Konsequenz aus ihren theoretischen Reflexionen der letzten Jahre hat die Gruppe nun beschlossen, eine Umbenennung, verbunden mit einer neuen politischen Agenda, vorzunehmen. Am 27. August lud die TAN zu einer Diskussionsveranstaltung nach Hamburg, um bekannt zu geben, dass es die Gruppe in ihrer bisherigen Form bald nicht mehr geben wird. Die Begründung lautete: „Als Konsequenz unserer Theoriearbeit, den politischen Erfahrungen mit der deutschen Tierrechtsbewegung, wie sie derzeit besteht, und den verheerenden Entwicklungen der gesellschaftlichen Verhältnisse werden wir unsere Politik verändern und uns auch umbenennen. Wir treten auch weiterhin für die Befreiung von Mensch und Tier ein. Unser Verständnis der Bedingungen des Streitens für dieses Ziel hat sich jedoch erweitert. Die Veränderung unserer Gruppe bedeutet daher auch einen Schritt heraus aus der heutigen Tierbefreiungsbewegung, den wir mit einer expliziten Kritik an ihr verbinden. Die neuen Wege, die wir gehen wollen, befinden sich jenseits einer ruinierten deutschen Linken, die nichts von Tierbefreiung wissen will, sowie den Antispe-Autonomen und anderen bürgerlichen TierrechtlerInnen, für die die Befreiung der Gesellschaft oftmals nur ein Lippenbekenntnis ist. Damit wird TAN nach knapp 25 Jahren nicht aufgelöst, sondern in neuer, angemessener Form fortgesetzt.“

Die Themenblöcke bei der Diskussionsveranstaltung, an der auch VertreterInnen der Antispeziesistischen Aktion Tübingen teilnahmen, lauteten:

1. Ideologiekritiker oder „autonome Antispes“? Fallstricke in der
 Theorie des vulgären Antispeziesismus

2. Die Tiere befreien – aber nicht vom Kapitalismus?

3. Revolutionäre Realpolitik – Verhältnis zur deutschen Linken und zu bürgerlichen Organisationen

4. Solidarität und Aufklärung statt Denunziantentum und Anti- Intellektualismus – Die politische Kultur der Tierbefreiungsbewegung

Zu 1.: „Autonomer Antispeziesismus“ wurde als idealistisch, antihistorisch, als individualistisch und konsumistisch und letztlich als Ideologie kritisiert. Die Hauptfokussierung auf Themen wie die vegane Lebensweise oder die Sprachdekonstruktion zeuge von einer Entpolitisierung der Szene.
In diesem Zusammenhang wurde auch herausgestellt, dass nach marxistischem Verständnis der Unterschied zwischen Mensch und Tier ein gradueller, historischer ist, der auf die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zurückzuführen ist und so weder schon immer existent war, noch überall gleich ist. Nicht dieser graduelle Unterschied zwischen Mensch und Tier bilde den Speziesismus, sondern dessen Verabsolutierung – d.h., dass nicht jede Unterscheidung zwischen Mensch und Tier speziesistisch ist, sondern die absolute Abgrenzung des Menschen vom Tier bezüglich fast aller Eigenschaften. Als historisch real gewordene, durch die gesellschaftliche Organisation der Arbeit gemachte Differenz sei der Unterschied zwischen Mensch und Tier auch nicht einfach in poststrukturalistischer Manier, etwa durch den Hinweis, man müsse dualistische Ideologien überwinden oder einen nicht-speziesistischen Sprachgebrauch erfinden, zu „dekonstruieren“. Der Mensch-Tier-Dualismus sei nicht die Grundlage der Ausbeutung – das wäre idealistisch gedacht –, sondern ein nachträgliches Konstrukt zur Legitimierung der Ausbeutung. Speziesismus bezeichne eine Ideologie, die eine bestimmte Phase der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnet und sollte nicht auf frühere Zeiten zurückprojiziert werden. Speziesismus, wie wir ihn heute verstehen, sei erst mit der bürgerlichen Aufklärung entstanden und setze bestimmte mit ihr verbundene Ideen wie etwa die der Freiheit des Individuums voraus.
Beim Speziesismus handelt es sich um eine klassische Ideologie: Speziesimus ist notwendig falsches Bewusstsein, dessen Ursache in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen liegt und das den Blick auf die kapitalistische Gesellschaft verschleiert und verstellt.

Zu 2.: Wesentliche Grundlage der Tierausbeutung in der momentanen gesellschaftlichen Formation sei nicht der Speziesismus, sondern die kapitalistische Produktionsweise. Tiere sind im Kapitalismus Teil der Waren. Tiere werden wie der Rest der Natur als Produktionsmittel, als Arbeitsgegenstand oder als Arbeitsmittel, behandelt. Sie werden dem Produktionsprozess als Material einverleibt. Die Natur wird auf den Prozess der Akkumulation von Kapital zugerichtet. Dies spiegelt sich in den modernen Ideologien über Tiere wider: Die hypostasierte, verabsolutierte Differenz zum Tier ist die Legitimationsideologie der kapitalistischen Ausbeutung der Tiere. Will die Tierbefreiungsbewegung letztere beenden, muss sie, so die Gruppe, darauf hinwirken, dass die Produktionsverhältnisse geändert werden. Antispeziesismus auf der Höhe der Zeit müsse deshalb notwendig antikapitalistisch sein bzw. Teil des Klassenkampfs.
Es sei zudem notwendig, eine Verschiebung vom Fokus auf die Konsumierenden hin zu den Produzierenden vorzunehmen: Die Konsumierenden würden hinsichtlich der Frage, was in dieser Gesellschaft produziert wird, eine nachgeordnete Rolle spielen. Es sei die herrschende Klasse, die den Mord und die Ausbeutung tagtäglich organisiere, die Konsumierenden seien nur die EndabnehmerInnen der Produkte aus Ausbeutung und Mord. Dass die Nachfrage das Angebot bestimme, sei ein Mythos, einer der gravierendsten Irrtümer und perfidesten Strategien des Kapitalismus, „Freiheit“ vorzutäuschen. Adorno weise in seiner Kritik der Kulturindustrie bereits darauf hin, dass es gerade das Heimtückische sei, dass die Kulturindustrie ihre Produkte so vermarktet, dass die Konsumierenden tatsächlich das Gefühl haben, sie würden sich frei entscheiden. Das Kapital verwende massive Mittel darauf, die Verhältnisse, welche in der Produktion von Lebensmitteln herrschen, zu verschleiern. Schon allein deshalb könne von „Freiheit“ hier nicht die Rede sein.
Als positiv wurde in diesem Zusammenhang die Methode der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung herausgestellt, Produzenten direkt anzugreifen – etwa im Zuge der gezielten Kampagnen gegen pelzverkaufende Unternehmen in den letzten Jahren. So könnte die Tierbefreiungsbewegung, weil sie die materielle Basis direkt angeht, für so manche linke Bewegung doch auch inspirierend sein.

Zu 3.: Nachdem die TAN Kritik an ihrer eigenen Geschichte als Organisation, die zu lange ohne ein eigenes Profil zu entwickeln in der „autonomen Szene“ aufgegangen sei, geübt hatte, wurde die Perspektive aufgemacht, in Zukunft schlagkräftige Bündnisse zu bilden, die nicht in irgendeiner Weise lifestyle-orientiert sind, also sich nicht primär etwa am Mode- oder Musikgeschmackt der (pop-)linken Szene ausrichten, sondern nach dem politischen Gehalt von möglichen Bündnispartnern. Dies sollen objektiv und in erster Linie Organisationen aus der antikapitalistischen Linken sein, Zweckbündnisse mit bürgerlichen Organisationen aber sind keineswegs von vornherein ausgeschlossen.
In ihrem Positionspapier betont die Gruppe: Ein-Punkt-Politik („single issue“), wie sie viele klassische autonome und andere außerparlamentarische Gruppen betrieben haben und immer noch betreiben, habe sich trotz einiger beachtlicher Resultate von sozialen Kämpfen sowohl theoretisch als auch praktisch als unzureichend herausgestellt. Theoretisch, weil ein gesellschaftliches Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis wie das zwischen Menschen und Tieren nicht aus sich heraus, sondern nur im Rahmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft zu analysieren und zu erklären sei. Praktisch, weil die unterschiedlichen Standpunkte, wie sie in der Gesellschaft existieren, in nahezu allen politischen Bewegungen wieder auftauchen und zu denselben Fraktionierungen führen würden. Die Grenzen verlaufen für die Gruppe zwischen den Klassen sowie den Marginalisierten und ihren UnterdrückerInnen in der kapitalistischen Gesellschaft und nicht zwischen den individuellen Arbeitsschwerpunkten oder Vorlieben einzelner Akteure in der Politik. Entscheidend sei nicht, an welcher Stelle, sondern dass man hier und heute Widerstand gegen die Herrschaft des Kapitals aufbaue und leiste. Potentielle Bündnispartner werden in emanzipatorischen Bürgerinitiativen, marxistischen Organisationen, Stadtteilgruppen, der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, in Gewerkschaften, der Anti-AKW-Bewegung, antiimperialistischen Organisationen, linken Parteien oder der Friedensbewegung gesehen – solange dort die Spannung zwischen dem Ziel einer Transformation der Gesellschaft und konkreter Politik aufrechterhalten werde.

Zu 4.: Die Tierbefreiungsbewegung sei zu einem großen Teil im autonomen Dschungel auf-/untergegegangen und habe es nicht geschafft, ein eigenes Profil zu entwickeln. Es herrsche in ihr ein eklatantes Bildungsdefizit, bürgerliche Ideologie und damit einhergehend mangelnde Solidarität etwa bei Diffamierungskampagnen gegen die TAN von „antideutscher“ Seite.
Im Positionspapier heißt es, die vorgeblich „linke Szene“, Tierbefreiungs-, Antifa- und Antira- oder Antisexismus-Gruppen stünden nicht automatisch für den Kampf um die Einrichtung einer befreiten Gesellschaft – teilweise im Gegenteil. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung verorte sich seit ihrem Bestehen in der undogmatischen Linken. In den seltenen Fällen, in denen sie sich überhaupt einmal politisch über das Mensch-Tier-Verhältnis hinaus positioniert habe, sei dies in Form einer Abgrenzung von der Traditionslinken geschehen2 – als gäbe es kein wesentlich gravierenderes, als gäbe es nicht das zentrale Problem: Kapitalismus. Die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung dürfe dieses fundamentale Problem nicht länger bagatellisieren. Sollte sie weiterhin nicht aus dem Bann bürgerlicher Ethik und nicht weniger bürgerlicher idealistisch-poplinker Diskurse heraustreten, so stelle dieses ein historisches Versagen dar, für das die Gruppe nicht (mehr) mitverantwortlich zeichnen will. Es reiche nicht, den Speziesismus (moralisch) als das falsche Denken zu verurteilen. Die Ursachen dieser mörderischen Ideologie müssten bekämpft – ihr müsse die ökonomische Basis entzogen werden.

Die bisherige TAN nennt sich ab sofort Assoziation Dämmerung.
Der Name bezieht sich auf einen Aphorismus von Max Horkheimer aus dem Jahr 1934. Dieser lautet:

DÄMMERUNG. — Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist, mit desto grausameren Mitteln muß man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist. Der Verstand der Massen hat in Europa mit der großen Industrie so zugenommen, daß die heiligsten Güter vor ihm behütet werden müssen. Wer sie gut verteidigt, hat seine Karriere schon gemacht; wehe dem, der mit einfachen Worten die Wahrheit sagt: neben der allgemeinen, systematisch betriebenen Verdummung verhindert die Drohung mit wirtschaftlichem Ruin, gesellschaftlicher Ächtung, Zuchthaus und Tod, daß der Verstand sich an den höchsten begrifflichen Herrschaftsmitteln vergreife. Der Imperialismus der großen europäischen Staaten hat das Mittelalter nicht um seine Holzstöße zu beneiden; seine Symbole sind durch feinere Apparate und furchtbarer gerüstete Garden beschützt als die Heiligen der mittelalterlichen Kirche. Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.

Es handelt sich um den ersten Aphorismus in dem unter dem Pseudonym Heinrich Regius herausgegebenen Werk Dämmerung. Notizen in Deutschland (Zürich 1934). Hierin findet sich auch der Aphorismus „Der Wolkenkratzer“, in dem Horkheimer für die kapitalistische Gesellschaft die Metapher eines Hauses gebraucht, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei.3 Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen.

In ihrem Positionspapier mit dem Titel Gesellschaftstheorie, Ideologiekritik und Klassenkampf stellt die Gruppe ihre neue politische Agenda öffentlich vor.

Zum Manifest der Assoziation Dämmerung.

Zur Website der Assoziation Dämmerung.

  1. Mehr zu diesem Phänomen: Zur Kritik „antideutscher“ Ideologie und Praxis. [zurück]
  2. Dabei gibt es in dieser zahlreiche Anknüpfungspunkte für die antikapitalistische Tierbefreiungsbewegung – vgl. beispielsweise unseren Text Die Tiere Rosa Luxemburgs. [zurück]
  3. In unserem Selbstverständnis findet sich eine ausführlichere Schilderung dieser „Wolkenkratzer“-Metapher. [zurück]

Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche

Bild: Hartmut Kiewert

Wie die taz heute unter dem Titel Wirtschaft trifft Forschung: Frieden schaffen mit Chemiewaffen berichtet, forscht die Universität Tübingen weiterhin im Auftrag der Bundeswehr, obwohl eine Zivilklausel in der Grundordnung der Universität Tübingen das seit Januar 2010 verbietet. Die Klausel lautet: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“ Trotzdem fließen zur Finanzierung wehrmedizinischer Forschung eine halbe Million Euro vom Verteidigungsministerium an die Universität.
Die Zivilklausel wurde im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft und ist seither in der Grundordnung der Universität festgeschrieben – dennoch haben seither zahlreiche Veranstaltungen rund um den Campus stattgefunden, die ihr widersprechen. Die Universität hat bisher überhaupt nicht auf die Klausel reagiert. „Die Zivilklausel interessiert die Uni überhaupt nicht“, so Christoph Marischka von der Informationsstelle Militarisierung.
Seit April ist nun sogar der „Militärstratege“1 und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft.
Der Arbeitskreis Universität in ziviler Verantwortung fordert die Universität Tübingen dazu auf, die in der Grundordnung verankerte Selbstverpflichtung zu respektieren, Mechanismen zu etablieren, die eine transparente Überprüfung der Vereinbarkeit von Forschung und Lehre mit den in der Grundordnung festgelegten Zielen erlauben und die Verleihung der Honorarprofessur an Wolfgang Ischinger rückgängig zu machen.
Doch die Universität zeigt sich ignorant. Auch zu den neuen Vorwürfen, die heute in der taz gegen die Universität erhoben werden, schweigt sich Rektor Bernd Engler bislang aus.
Der Bereich der Wehrforschung steht im Allgemeinen unter Geheimhaltung. Folgendes aber ist bekannt: „Wehrmedizinische Forschung findet, finanziert durch das Verteidigungsministerium, an den Bundeswehrkrankenhäusern, den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München sowie an zahlreichen deutschen Hochschulen statt, darunter auch in Tübingen. Hier wird im Auftrag des Verteidigungsministeriums zu Lärmtraumata, zu Organophosphaten und zur Wirkung nuklearer Strahlung auf Körperzellen geforscht. Mittels Internetrecherche konnte bislang nur das Projekt zur Erforschung von Lärmtraumata identifiziert werden, das auch die offensichtlichsten Bezüge zur Einsatzrealität der Bundeswehr aufweist. So sind Lärm- und Knalltraumata unter den häufigsten Formen von Verletzungen von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und auch jenseits des konkreten Kriegseinsatzes leiden viele Soldaten wegen ihres unmittelbaren Umgangs mit Gewehren, Explosionswaffen, Flugzeugen und Hubschraubern unter chronischen Hörschäden. Am zur Universität gehörenden Tübingen Hearing Research Centre auf dem Gelände der Universitätsklinik wird bzw. wurden im Auftrag des Verteidigungsministerium der Haarzellverlust infolge von Schalldruck und mögliche Behandlungsmöglichkeiten untersucht. Als Grundlage der Forschung diente die experimentelle Beschallung und anschließende Untersuchung von Meerschweinchen. Ob diese Tierversuche selbst in Tübingen stattfanden und weiter stattfinden, ist jedoch bislang nicht eindeutig geklärt.“3
Sicher ist, dass die Uni Tübingen Komponenten für „µDrones“ (www.ist-microdrones.org), Überwachungsdrohnen für Militär und Polizei, liefert – trotz Zivilklausel. Dazu wurde die Orientierung von Ratten erforscht.4 Diese Forschung fand und findet am Institut für Neurowissenschaft im Labor für Kognitive Neurowissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Hanspeter A. Mallot statt. Daneben ist Mallot – man höre und staune – am von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Bioethik“ beteiligt. Dieses ist beim Tübinger Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) angesiedelt, welches u.a. in die Kritik geriet, da es im Auftrag der Bundesregierung „ethische Begleitforschung“ zur Einführung sog. „Nackscanner“ an deutschen Flughäfen betreibt – und letztlich Optimierungsvorschläge unterbreitet, die diese Einführung erleichtern. Das IZEW hat sich im Übrigen in die Diskussion um die Zivilklausel an der Universität Tübingen eingeschaltet und organisiert im kommenden Wintersemester eine Ringvorlesung hierzu mit, bei der Bundeswehrangehörige sprechen sollen, Militärkritiker jedoch ausgeladen wurden.
Mit der wehrmedizinischen Forschung an der Universität Tübingen würden, so ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber der taz, „wichtige Grundlagen zur Prüfung neuer Medikamente geschaffen, um Menschen zu behandeln, die nach Aufnahme von sogenannten Organophosphaten erkrankt seien“. Organophospate sind chemische Botenstoffe, die in Nervenkampfstoffen und Pestiziden vorkommen. Ihre lebensbedrohliche Wirkung beruht dosisabhängig auf einer Lähmung der Atemmuskulatur. Vor ihrer Zulassung werden sie normalerweise Hühnern als einmalige Dosis oder wiederholt verabreicht – diese Tierart sei am ehesten empfänglich für die giftige Wirkung dieser Chemikalien. Die Tiere werden auf Verhaltensabweichungen untersucht und anschließend getötet; Nerven, Gehirn und Rückenmark werden auf Anzeichen von Nervenschäden untersucht. In Tübingen scheint es sich allerdings um eine In-vitro-Studie zu handeln.5
Man weiß aber nicht, was sonst noch alles unter dem Deckmantel der Geheimhaltung im Auftrag der Bundeswehr passiert. Im Dezember 2008 war bekannt geworden, dass die Bundeswehr bereits seit 2004 Tausende Tierversuche durchführen lässt, um Auswirkungen von biologischen und chemischen Waffen zu erforschen. Dabei starben mindestens 3300 Tiere, darunter auch 18 Affen. Insgesamt wurden bei den Tierversuchen der Wehrforscher zwischen 2004 und 2008 mindestens 2.220 Mäuse, 706 Meerschweinchen, 276 Ratten, 84 Kaninchen, 76 Schweine und 18 Makaken-Affen getötet.6
Abgeschirmt von der Öffentlichkeit geht inmitten unserer sich kultiviert nennenden Gesellschaft, wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung ausgedrückt haben, „verkannt als bloßes Exemplar“ tagtäglich Versuchstier nach Versuchstier „durch die Passion des Laboratoriums“, ziehen die Experimentatoren „verstümmelten Tierleibern“ den „blutigen Schluß“ ab, ohne dass dies der Großteil der Menschen überhaupt mitbekommt. So sind sich auch viele Menschen, die in Tübingen leben, überhaupt nicht darüber bewusst, dass solche „scheußlichen physiologischen Laboratorien“ sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden. In Tübingen werden aber – nach zahlreichen bereits beendeten Versuchen mit Affen – momentan nicht nur gleich an drei Instituten ähnliche Versuche mit Makaken durchgeführt, wie sie bereits in München, Berlin und Bremen in den letzten Jahren aus ethischen Gründen von den Behörden nicht mehr erlaubt wurden – die „Datenbank Tierversuche“ findet unter der Stichwortsuche „Tübingen“ aktuell 189 wissenschaftliche Publikationen über Studien, zu deren Durchführung an Tieren experimentiert wurde.
Was hinter den verschlossenen Türen Tübinger Institute geschieht, würde, geschähe es beim Menschen, Folter und Mord genannt werden; und ganz offen werden Personen, die für Folter und Mord in weltweitem Maßstab verantwortlich sind, von der Universität Tübingen hofiert. Wir fordern:

Kriegstreiber und Tierquäler raus aus den Unis!

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Mehr Informationen zu Tübinger Tierversuchen in der Kategorie Tierversuche.

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. IMI: Zivilklausel an der Universität Tübingen. Dokumentation Juli 2011. [zurück]
  4. Hölscher et al.: Rats are able to navigate in virtual environments, The Journal of Experimental Biology 208, 561-569. [zurück]
  5. vgl. das Abstract Long-term evaluation of organophosphate toxicity and antidotal therapy in co-cultures of spinal cord and muscle tissue. [zurück]
  6. So die Angaben des Nachrichtenmagazins Focus am 11.12.2008. [zurück]

Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung

Die Giordano-Bruno-Stiftung verlieh in einem Festakt am 3. Juni in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main der italienischen Philosophin Paola Cavalieri und dem australischen Philosophen Peter Singer den mit 10.000 Euro dotierten „Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung“ (einen ausführlichen Bericht von der Preisverleihung gibt es hier). Cavalieri und Singer wurden, so die Stiftung, „für ihr engagiertes Eintreten für Tierrechte ausgezeichnet, insbesondere für die Initiierung des Great Ape Project (GAP). Unterstützt von renommierten Primatologen wie Jane Goodall fordert das Great Ape Project für Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen einige jener Privilegien ein, die bisher nur für Menschen gelten: Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und ein Verbot der Folter. In Neuseeland und Spanien wurden dazu bereits Gesetzesentwürfe erarbeitet.“ Die Giordano-Bruno-Stiftung unterstütze derartige Bestrebungen, da sie sich folgerichtig aus den Prämissen des von der Stiftung vertretenen „evolutionären Humanismus“ ergeben, wie Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon betont: „Wir Menschen sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern evolutionär entstandene Organismen wie andere auch. Das sollte sich in einem verantwortungsvolleren Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt niederschlagen, speziell in unserem Verhältnis zu jenen Lebewesen, mit denen wir unsere Evolutionsgeschichte seit Jahrmillionen teilen.“1 Es gehe darum „positive säkulare Alternativen zu entwickeln, die uns Menschen zu einem glücklicheren und verantwortungsvollerem Leben befähigen. Dies setzt unter anderem voraus, dass wir uns von der größenwahnsinnigen Vorstellung befreien, wir stünden über der Natur. In Wahrheit sind wir ein Teil von ihr und mit den Schimpansen enger verwandt als diese mit den Gorillas. Eine zeitgemäße Ethik muss daraus Konsequenzen ziehen. Paola Cavalieri und Peter Singer haben das in vorbildlicher Weise getan.“
Die von der Giordano-Bruno-Stiftung vertretene Position des „evolutionären Humanismus“ geht auf den Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, zurück. Im Auftrag der Stiftung wurden Huxleys Ideen u.a. im Manifest des evolutionären Humanismus wieder aufgegriffen. Im Kapitel „Macht euch die Erde untertan“? Warum wir uns vom Speziesismus verabschieden sollten bezieht die Stiftung sich auf Jeremy Bentham, „dem Vater des modernen Utilitarismus“,2 und auf Peter Singer. Als „tierethische Maxime des evolutionären Humanismus“ wird formuliert: „Füge nichtmenschlichen Lebewesen nur so viel Leid zu, wie dies für den Erhalt deiner Existenz unbedingt erforderlich ist!“3
Die Giordano-Bruno-Stiftung folgt der Philosophie Singers, die „Personen“, also Lebewesen, die sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind, ethische Privilegien zuspricht, darin, dass „nicht alle menschlichen Lebensformen die Eigenschaften von Personen besitzen“,4 und schlägt als sinnvolle Grenze, ab der dem Individuum das unhinterfragbare „Menschenrecht auf Leben“ zugesprochen werden sollte, die Geburt vor.
Michael Schmidt-Salomon schreibt: „Als Peter Singer in den 80er und 90er Jahren mit ähnlichen Thesen an die Öffentlichkeit trat, war die Aufregung groß. Vor allem in Deutschland wurde eine Hetzjagd sondergleichen auf den australischen Philosophen veranstaltet. Verantwortlich dafür war in erster Linie eine gut geschmierte religiöse Propagandamaschine, nachteilig wirkte sich aber auch der Umstand aus, dass Singer insgesamt doch recht idealistisch die ökonomischen Verwertungszusammenhänge ausblendete, in die er mit seiner Theorie vorstieß. Unter den gegebenen sozioökonimischen Bedigungen mussten viele Vertreter von Behindertenverbänden befürchten, dass Singers Argumentation nicht – wie intendiert – dazu genutzt würde, um die Rechte der Tiere aufzuwerten, sondern um die Rechte von Menschen (insbesondere behinderter Menschen) abzuwerten.“5
Genau aus den von der Stiftung selbst angeführten Kritikpunkten aber ist die Philosophie Singers als aussichtsreicher Ansatz, der dazu beitragen kann, den speziesistischen Normalzustand zu überwinden, abzulehnen. Bereits in unserem Text Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus haben wir uns klar von Positionen, die sich aus der Philosophie des Utilitarismus ergeben, distanziert. Wir schrieben hierzu:


Der romantische Tierschutz stammt ursprünglich aus bürgerlichen, konservativen Teilen der Bevölkerung. Marx und Engels führen im Kommunistischen Manifest die „Abschaffer der Tierquälerei“ neben Humanitären, Verbesserern der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierern und Winkelreformern „der buntscheckigsten Art“ als Vertreter jenes Teils der Bourgeoisie an, der wünschte, den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Unser Ansatz aber folgt einer linken, historisch-materialistischen Theorietradition; er ist deshalb unvereinbar nicht nur mit dem Tierschutz, sondern auch mit gewissen moralphilosophischen Tierrechts-Ansätzen, die in der Tradition bürgerlichen Denkens stehen und davon ausgehen, es handle sich beim Speziesismus um ein moralisches Vorurteil, welches bestimmte Handlungen hervorbringe. Mit dem marxistischen Philosophen Marco Maurizi kritisieren wir solche Ansätze als metaphysische Konzepte, welche sich zudem als Erben des bürgerlichen Liberalismus entpuppen, wenn sie etwa die unterschiedliche Wertigkeit von Leben proklamieren wie der „Präferenzutilitarismus“ des bürgerlichen Philosophen Peter Singer. Leider ist der Begriff des Speziesismus in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit Singer verbunden (Singer war an der Verbreitung des Begriffes „Speziesismus“, nicht „Antispeziesismus“ beteiligt, dieser tauchte erst Anfang der 90er durch die Vegane Offensive Ruhrgebiet auf). Das Wort „Speziesismus“ wurde zwar erstmals 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder benutzt, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus auszudrücken, eine „Artenarroganz“ des Menschen gegenüber anderen Spezies, popularisiert wurde das Konzept aber in erster Linie durch Singers erstmals 1975 erschienenes Buch Animal Liberation, in welchem er das Konzept einer utilitaristischen Tierethik entwarf. Der Utilitarismus kehrt mit seiner Auffassung, dass der Einzelne über das Gemeinwohl sein eigenes Wohl fördert, zwar die Moral des bürgerlichen Liberalismus, welche davon ausgeht, dass das Handeln im eigenen Interesse letztlich auch für das Gemeinwohl am ergiebigsten ist, formal um, bleibt aber dessen Logik durchweg verhaftet. Der eigentliche Sinn des Liberalismus zeigt sich in seiner Wirtschaftslehre, die freien, möglichst weltweiten Waren- und Kapitalverkehr und die Nichteinmischung des Staates in die Unternehmensführung proklamiert. Der Liberalismus ist somit ein Programm des Bürgertums aus der Zeit, als es viele miteinander konkurrierende, von Kapitaleignern patriarchalisch geführte Unternehmen gab, die gegen ältere Wirtschaftsformen, wie Handwerk bzw. Zünfte und Leibeigenschaft, das kapitalistische Wirtschaftssystem durchsetzten.
Die Tierbefreiungsbewegung als Teil der antikapitalistischen Linken muss sich von dem, was durch die Rezeption bürgerlicher tierethischen Überlegungen an falschem Bewusstsein in die Bewegung geflossen ist, trennen.

Die Giordano-Bruno-Stiftung aber sieht im Marktprinzip „kaum etwas anderes als eine Übertragung evolutionärer Regeln auf das Wirtschaftsverhalten des Menschen“.6 Mit dieser „unbestreitbaren Stärke“ des Marktmodells, das Adam Smith insofern zu Recht als eine Art des „natürlichen Wirtschaftens“ begriffen habe, seien zwar Gefahren verbunden, doch daraus folgt für die Stiftung lediglich: „Unsere Aufgabe besteht darin, endlich jene strukturellen Bedingungen zu schaffen, die gewährleisten, dass der Eigennutz der Individuen sowie der von ihnen geschaffenen Institutionen in humanere Bahnen gelenkt wird.“7
Angeblich anthropologisch konstante Verhaltensweisen führen liberale Ökonomen seit je an, um das martkwirtschaftliche System zu rechtfertigen. Es ist wissenschaftlich aber unzulässig, von den Verhaltensweisen mancher Menschen, die allesamt unter denselben Bedingungen beobachtet wurden, nämlich denen des Kapitalismus, auf eine allgemeine Menschennatur zu schließen. Genau das tut aber die psychologisierende Methode der liberalen Wirtschaftstheorie: Das „Streben nach Nutzenmaximierung“, das jedem Individuum zu eigen sei, komme am besten im Kapitalismus zum Tragen und ermögliche dort Wohlstand für alle durch den konkurrenzförmigen Anreiz zur Anstrengung. Die Erkenntnis des Historischen Materialismus bestand darin, dass Menschen nicht gleich bleiben, sondern sich über die verschiedenen Stufen der Entwicklung von Gesellschaften hin verändern. Einen individualistischen Drang zur Maximierung des eigenen Nutzens kann man erst im Kapitalismus, das heißt etwa in den letzten 300 oder 400 Jahren der Menschheitsgeschichte, beobachten. Der Kapitalismus produziert also erst das Bewusstsein, das die Verfechter des Systems nachher als angebliche „Natur“ des Menschen deuten.8
Insofern kann nicht davon ausgegangen werden, dass das Marktprinzip die „Übertragung evolutionärer Regeln auf das Wirtschaftsverhalten des Menschen“ sei; vielmehr muss ideologiekritisch geprüft werden, inwieweit die moderne Evolutionsbiologie Gesetze, die unter den Bedingungen des liberalen Marktes gelten, zu einer allgemeinen Natur des Menschen erklärt hat. Tatsächlich hat nämlich etwa die Bevölkerungstheorie des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus die Evolutionstheorien von Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace maßgeblich beeinflusst. Schon Bertrand Russel hat darauf hingewiesen, dass Darwins Theorie auch „die Ausdehnung der Volkswirtschaft des Laissez-faire auf die Tier- und Pflanzenwelt“ war. In seinem Werk Philosophie des Abendlandes schrieb er über die kapitalistische Logik im utilitaristischen System Benthams: „Der Darwinismus war die Anwendung der Malthusschen Bevölkerungstheorie auf das gesamte Tier- und Pflanzenleben; diese Theorie war ein integrierender Bestandteil der benthamitischen Politik und Ökonomie – ein weltumfassender freier Wettbewerb, aus dem diejenigen Lebewesen als Sieger hervorgingen, die am meisten Ähnlichkeit mit erfolgreichen Kapitalisten hatten.“9

„Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch die selben Gemütsbewegungen betroffen wie wir“ – Darwin.

1835 las Darwin An Essay on the principle of population as it affects the future improvement of society von Malthus. Dem darin beschriebenen Bevölkerungsgesetz liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, als auch die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später auch, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural preservation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, wenn man so will, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug – Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt.“ Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft. Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.

„Gegenseitige Hilfe ist das Gesetz des Fortschritts.“ – Kropotkin.

Was die Ethik Peter Singers betrifft, so ist dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander zuzustimmen, wenn er diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnet und urteilt: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“10
Obwohl Michael Schmidt-Salomon erkannte, dass Peter Singer „doch recht idealistisch die ökonomischen Verwertungszusammenhänge ausblendete, in die er mit seiner Theorie vorstieß“, verkennen auch er und die Giordano-Bruno-Stiftung ökonomische Zusammenhänge, weil sie ideologisch im Liberalismus der bürgerlichen Aufklärung verhaftet bleiben, dessen korrelierendes Substrat die bürgerliche Herrschaft ist. Mit der Abschaffung des feudalabsolutistischen Ständestaats und der Einrichtung der bürgerlichen Demokratie hat das Bürgertum sich vom Adel emanzipiert. Zwar schrieb Jeremy Bentham bereits im Jahr der Französischen Revolution 1789: „Der Tag wird kommen, an dem die Tiere ebenfalls diese Rechte bekommen werden, die ihnen nur durch tyrannische Unterdrückung vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits erkannt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen“, die bürgerliche Revolution aber brachte noch lange nicht die Freiheit für alle, am wenigsten für die Tiere. Wir begrüßen sehr, dass die Giordano-Bruno-Stiftung die Unhaltbarkeit des Speziesismus erkannt hat und wissenschaftlich begründet dessen Überwindung fordert, denken aber nicht, dass dieses Ziel allein durch ethische Appelle und die Proklamierung eines aufklärerischen Humanismus unter Beibehaltung der Rahmenbedingungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Merkmal gerade die systematische Durchorganisierung der Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur auf noch nie dagewesene Art und Weise ist, erreicht werden kann.

  1. http://www.presseportal.de/print.htx?nr=2045040. [zurück]
  2. Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Aschaffenburg 2005, S. 120. [zurück]
  3. Ebd., S. 124. [zurück]
  4. Ebd., S. 125. [zurück]
  5. Ebd., S. 126f. [zurück]
  6. Ebd., S. 109. [zurück]
  7. Ebd., S. 114. [zurück]
  8. http://www.marxistische-aktion.de/?page_id=117 („2. Kritik der Politischen Ökonomie“). [zurück]
  9. Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Übertragen aus dem Englischen von Elisabeth Fischer-Wernecke und Ruth Gillischewski, Wien 1975, S. 788.] [zurück]
  10. http://www.jungewelt.de/2011/06-01/001.php. – Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN) wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen). – Auf unsere Nachfrage, weshalb Colin Goldner bei der Preisverleihung als Festredner aufgetreten ist, teilte dieser uns mit: „Innerhalb der gbs bestehen die unterschiedlichsten Positionen – auch zur Preisverleihung an Singer/Cavalieri gab und gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen –, was mithin dem Selbstverständnis der Stiftung als pluralistische Denkfabrik (und nicht Glaubensgemeinschaft) des evolutionären Humanismus entspricht. Insofern fällt Euere Kritik nicht aus dem Rahmen, sie ist vielmehr als Diskussionsbeitrag ausdrücklich willkommen. Ich habe die Preisverleihung an Singer/Cavalieri als große Chance begriffen, das Thema ‚Tierrechte‘ – es ging ausdrücklich um das Great Ape Project, das ich in seiner antispeziesistischen ‚Türöffnerfunktion‘ für das zentrale TR-Projekt halte, ganz abgesehen davon, dass es, global angelegt, die vermutlich letzte Chance ist, die Großen Menschenaffen vor dem Aussterben zu bewahren (wenn es dafür nicht schon zu spät ist) und für ihre bedrohten bzw. gefangengehaltenen Individuen einklagbare Grundrechte zu erkämpfen – einem Publikum vorzustellen, das bislang mit diesem Thema kaum in Berührung gekommen war, das seiner Wirkmacht in viele gesellschaftliche Bereiche hinein aber von großem multiplizierenden Potential im Interesse der Durchsetzung tierrechtlicher Forderungen sein kann. Wer, wenn nicht eine breit aufgestellte Organisation wie die gbs, soll tierrechtliche Forderungen wie sie im Great Ape Project formuliert sind, umsetzen helfen? Das Projekt dümpelt bekanntlich seit 18 Jahren weitgehend ergebnislos vor sich hin. Deshalb – und nur deshalb – habe ich mich für die Preisverleihung an Singer/Cavalieri eingesetzt und auch die Laudatio auf die beiden gehalten. Die gbs hat sich verpflichtet, alles in ihrer Macht stehende zu tun, das Great Ape Project zu reanimieren; auch ich selbst werde meinen bescheidenen Beitrag dazu leisten.“ [zurück]

Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen

Zur öffentlichen Auseinandersetzung über Tierversuche mit dem Tierexperimentator Dr. Fahad Sultan haben wir bereits zweimal berichtet (Dr. Sultans Geheimnis und Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“), oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrem Forschungsgegenstand aber rein gar nichts zu tun haben (vgl. auch Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen an gleich drei Instituten1 anderen hochentwickelten Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde: Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“ Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart im „Primatenstuhl“ fixiert!
Dazu könnten sich die Herren Experimentatoren einmal äußern – doch hier fehlen ihnen die Argumente. Stattdessen schreiben sie lieber öffentliche Briefe, in denen sie sich über den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen auslassen; peinlich nur, dass sie auch hier nicht in der Lage dazu sind, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern sogar nachweislich mit falschen Tatsachenbehauptungen aufwarten. Nachdem wir hier auf unserer Internetpräsenz sowie in verkürzter Darstellung in einem Leserbrief nachgewiesen haben, dass die Behauptung Dr. Sultans, die er zuvor in einem Leserbrief gemacht hat, die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, die zur Verstümmelung einer Million psychiatrischer Patienten geführt habe, sei „vorher leider nicht an Tieren getestet“ worden, falsch ist – das Gegenteil ist der Fall: Entsprechende Experimente, die an Tieren durchgeführt worden waren, brachten ihn überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden –, versucht Sultan seinen Kopf in seiner öffentlichen Antwort an uns ernsthaft aus der Schlinge zu ziehen, indem er behauptet, es sei „nicht belegt“, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen sei.
Sein öffentlicher Brief ist in der heutigen Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ veröffentlicht. Er lautet:

Die Aussage von Tierschützern, dass man alle Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzen könnte, ist schlicht falsch. Die meisten Nobelpreise in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Eine Ausnahme stellt die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie dar (1949). Es ist nicht belegt, wie er auf die Idee der Psychochirurgie kam. Schädel aus der Bronzezeit deuten schon auf chirurgische Eingriffe hin.
Wichtiger ist aber, dass Moniz selber keine Tierversuche gemacht hat, um den Erfolg seiner Therapie zu belegen. Er berichtet von seiner Idee, dass es bei vielen psychiatrischen Erkrankung gilt, dauerhaft krankhafte Gedankenkreise zu durchbrechen. Weiter räsonierte er in seinem Gedankenexperiment (ohne Tierversuche hätte er heute eine Computersimulation benutzt), dass dies durch die Unterbrechung bestimmter Gehirnverbindungen erreicht werden kann.
Danach schritt er zur Tat und begann gleich mit Menschenexperimenten. Zuerst injizierte er 100-prozentiges Ethanol ins Gehirn von Patienten. Später entschloss er sich zu mechanischen Läsionen. Das Ausmaß der Zerstörungen konnte leider erst Jahre später erfasst werden. Man stellte fest, dass weit mehr als nur die anvisierten Gehirnverbindungen zerstört wurden.
Heute, nach der Einführung von Tierversuchen als gesetzliche Pflicht zur Dokumentation von Therapieerfolgen wären diese Schäden viel früher festgestellt und die Methode wäre gleich verboten worden. Tierversuche sind leider weiter notwendig. Dass sie uns keine 100-prozentige Sicherheit garantieren, ist für jeden vernünftigen Menschen ersichtlich. Dass Demagogen solch eine Sicherheit vorgaukeln, ist eigentlich ihr Kennzeichen.

Dr. med Fahad Sultan, Tübingen, Mörikestraße 37

Der Brief ist ein Armutszeugnis ohnegleichen! Erneut führt Sultan falsche Tatsachenbehauptungen an. Es ist sehr gut belegt, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen ist. In zahlreichen Publikationen legte er retrospektiv dar, was ihn dazu geführt hatte, operative Eingriffe aus psychiatrischer Indikation am Frontalhirn durchzuführen. Als Mediziner muss Sultan das wissen – es bleibt also nur die Schlussfolgerung, dass er die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen will.

António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz

Wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, führt ausführlich beispielsweise Rainer Fortner in seiner 2003 an der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereichten Dissertation Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen aus. Das Kapitel über die Anfänge der Psychochirurgie darin beginnt mit den Worten: „Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in der Medizin die allgemeine Bereitschaft, experimentell gewonnene Erkenntnisse vom Tier auf den Menschen zu übertragen. Auch für die Hirnforschung und später für die Psychiatrie bedeutete dies einen entscheidenden Umbruch: Der englische Neurologe Ferrier führte 1880 am Affen elektrische Reizungen des Frontalhirns durch […]. Einige Jahre später berichtete der deutsche Physiologe Goltz über seine Beobachtungen an Hunden, denen er zuvor Teile des Großhirns herausgeschnitten hatte“.2 Egas Moniz bezog sich auch auf die Experimente des russischen Physiologen Pawlow, dessen Forschungen maßgeblich zum Popularitätsgewinn von Tierexperimenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatten – die Versuche Pawlows an Hunden und seine daraus entwickelte Theorie von den „bedingten Reflexen“ (klassische Konditionierung) wurden weltberühmt. Er erwähnte ebenso die Experimente von Bechterew und Luzaro, die nach Exzision der Präfrontallappen von Hunden zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie der bereits erwähnte Physiologe Goltz. Die von Fulton und Jacobsen durchgeführten Versuche an Schimpansen beschrieb Moniz retrospektiv als „extremly valuable“; 1935 hatten die beiden englischen Physiologen Ergebnisse ihrer Forschungen, bei denen sie die Bedeutung des Frontalhirns in Bezug auf Problemlösungsfähigkeit und Lernprozesse untersucht hatten, auf dem Neurologiekongress in London vorgestellt. Nach einer doppelseitigen Entfernung von Teilen des Frontalhirns waren verschiedene Aufgaben für die Affen unlösbar und nicht wieder erlernbar geworden. Bei der Schimpansin Betty wurden als Nebenbefund Charakterveränderungen festgestellt: Musste sie vor der Operation noch in den Versuchskäfig gezerrt werden, weil sie sich weigerte, diesen zu betreten und daraufhin defäkierte und urinierte, betrat sie ihn nun – nach der Operation am Frontalhirn – alleine und auf bereitwillige Weise.3 In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema, in dem die große Bedeutung dieser Experimente an Schimpansen für die Entwicklung der Psychochirurgie betont wird, heißt es zu dem Londoner Neurologiekongress: „In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Es kann also nicht die Rede davon sein, dass „nicht belegt“ sei, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, wie Sultan behauptet. Fakt ist: Die Psychochirurgie wurde vor ihrer Anwendung am Menschen von verschiedenen Wissenschaftlern an verschiedenen Tierarten getestet, und die Ergebnisse dieser Tierexperimente bewogen Egas Moniz überhaupt erst dazu, solche Eingriffe auch beim Menschen vorzunehmen. Die Geschichte der Psychochirurgie, die, wie Dr. Sultan selbst schreibt, „zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten“ führte, spricht also in Wahrheit gegen die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen. Sie als Argument für Tierversuche anzuführen, kann nur gelingen, wenn man wie Dr. Sultan Geschichte grob verfälscht und dergestalt eine breite Öffentlichkeit, die sich in speziellen Fragen der Medizingeschichte nicht auskennt, täuscht. Natürlich ist diese Öffentlichkeit gewogen, sich in medizinischen Fragen auf die Informationen eines „Dr. med.“ zu verlassen. Schamlos nutzt Sultan also seine berufliche Stellung aus, um die Tübinger Öffentlichkeit, die seine Experimente an Affen mit ihren Steuergeldern finanziert, zu täuschen.
Auch für seine weiteren Behauptungen, dass Tierversuche „leider weiter notwendig“ seien, bleibt er jeden Beweis schuldig. Er räumt stattdessen ein, dass sie „keine 100-prozentige Sicherheit garantieren“ – damit spielt er den wahren Schaden, den Tierversuche anrichten, maßlos herunter: Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.4

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Rainer Fortner: Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg Würzburg 2003, S. 48f., hier online einsehbar. [zurück]
  3. Ebd., S. 53f. [zurück]
  4. Vgl. den Bericht „Tübinger Affenqual?“ im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 9. Mai 2011 über unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ mit der Veterinärmedizinerin Dr. Hiltrud Straßer am 5. Mai. [zurück]

Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an

Tübinger Tierexperimentatoren und deren Freunde melden sich wieder zu Wort: Nachdem Dr. med. Fahad Sultan sich als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) schon einmal per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zum Thema geäußert hat (zum Kommentar Dr. Sultans Geheimnis), legt er nun mit einem erneuten Leserbrief nach; Matthias Wiesner vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik will seinem Arbeitskollegen mit seinem heute vom „Schwäbischen Tagblatt“ veröffentlichten Brief1 wohl helfen, was aber gründlich schief geht.
In unserer ebenfalls als Leserbrief veröffentlichten Antwort auf Sultans ersten Brief hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass, seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft – seit zweieinhalb Jahren also –, die Experimentatoren nicht in der Lage sind, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. In intellektuell unredlicher Weise wurde in Sultans Brief stattdessen durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Dieses Vorgehen Sultans schloss an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview. Er selbst forsche über Alzheimer anhand von Tierversuchen – allerdings an Fliegen und Würmern. Jucker gab damit die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft komplett der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig).
Auch die erneuten Versuche, öffentlich für Tierexperimente zu argumentieren, scheitern kläglich. Es ist verständlich, dass Matthias Wiesner als Beschäftigter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik seinem Kollegen, dem Tierexperimentator Dr. Sultan, zur Seite stehen will. Verständlich ist auch, dass beide in ihren Briefen verschweigen, in welchem Verhältnis sie zum MPI stehen. Zum Zweck der Verteidigung von Tierversuchen allerdings mit nachweislich falschen Behauptungen aufzuwarten, ist schlicht peinlich.
In Dr. Sultans Leserbrief heißt es etwa: „Viele mit dem Nobelpreis gewürdigten Ergebnisse in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Die wenigen, die es nicht taten, führten meist zu verheerenden Ergebnissen. Die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, bekannt durch den Film ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, führte zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten. Diese ‚Therapie‘ wurde vorher leider nicht an Tieren getestet.“

Das Gegenteil aber ist der Fall – entsprechende Versuche, die an Schimpansen durchgeführt worden waren, brachten Egas Moniz überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden! In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema heißt es hierzu: „Von grosser Bedeutung waren die Experimente, die Charles Jacobson und John Fulton in den 1930er Jahren an der Yale University an Schimpansen vornahmen. Die Forscher hatten den Tieren Teile des Stirnhirns entfernt, worauf diese ‚frei von emotionalen und frustrierten Verhaltensweisen‘ schienen. 1935 stellte Fulton an einem Kongress in London die Experimente vor. In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Auch die Ausführungen von Matthias Wiesner sind nicht überzeugender und teilweise schlicht falsch. So schreibt er etwa: „Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben.“ Penicillin wurde aber nicht 1893, sondern erst 1928 entdeckt,2 und zwar keineswegs durch Tierexperimente, sondern durch Zufall: Alexander Fleming hatte vor den Sommerferien am St. Mary’s Hospital in London eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft und beiseite gestellt; bei seiner Rückkehr am 28. September entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen Nachbarschaft die Bakterien sich nicht mehr vermehrten.

Fleming nannte den bakterientötenden Stoff, der aus dem Nährmedium gewonnen werden konnte, Penicillin und beschrieb ihn für die Öffentlichkeit erstmals 1929 im British Journal of Experimental Pathology. Später wurden auch Tierversuche mit Penicillin durchgeführt. Nach heutigen Standard-Tierversuchen aber wäre der Stoff überhaupt nicht zugelassen worden, weil er tödlich für Meerschweinchen und andere Nager ist.
Ähnlich wie Penicillin haben viele weitere Wirkstoffe, die für andere Tiere schädlich oder tödlich sind, positive Wirkungen auf Menschen: Digitalis, Herzmedikament für den Menschen, erzeugt bei Hunden Bluthochdruck; Chloroform, Narkosemittel für Menschen, ist für Hunde giftig; Morphium hat eine beruhigende Wirkung auf Menschen und Ratten, erzeugt bei Katzen und Mäusen aber manische Erregungszustände; Aspirin verursacht Geburtsschäden bei Ratten, Mäusen, Affen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, jedoch nicht beim Menschen. – Folgende Wirkstoffe wurden im Tierversuch als sicher befunden, was tragische Konsequenzen nach sich zog: Eraldin verursacht Blindheit, Magenbeschwerden, Gelenkschmerzen und Wucherungen; Opren: 3.500 Menschen litten unter ernsthaften Nebenwirkungen wie Schäden an Haut und Augen, Kreislaufbeschwerden, Leber- und Nierenschäden, 70 Menschen starben; Flosint verursachte den Tod von 7 Menschen; Osmosin: Nebenwirkungen bei 650 Menschen, 20 Menschen starben; Chloramphenicol verursachte tödliche Blutkrankheiten; Clioquinol verursachte 30.000 Fälle von Blindheit und/oder Lähmungen, Tausende starben; Thalidomid verursachte als Wirktstoff in den Medikamenten Contergan und Softenon weltweit ca. 10.000 Geburtsschäden.

Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.
Um es mit Matthias Wiesner zu sagen: „Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann.“ Der polemische Satz, mit dem er seinen Brief dann schließt, wird durch die genannten Fakten allein bereits relativiert: „Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis“, so Wiesner. Durch fehlerhafte Argumentation – nämlich durch den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten,3 hatte auch Dr. Sultan in seinem ersten Brief Bedenken, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen, schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ verworfen. Fakt ist aber doch, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, so der israelische Soziologe Moshe Zuckermann.

Durch falsches ideologisches Bewusstsein ohne reale Basis zeichnet sich also vielmehr aus, wer am durch die moderne Wissenschaft widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen heutzutage an, dass der Speziesismus, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.

  1. Anmerkung, 29. Mai 2011: An dieser Stelle war im Text ursprünglich ein Link zum Leserbrief von Matthias Wiesner auf tagblatt.de. Wiesner scheint dafür gesorgt zu haben, dass dieser auf tagblatt.de entfernt wurde, jedenfalls ist er nicht mehr online zugänglich. Der in der Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ am 19. Mai abgedruckte Brief lautet: „Als langjähriger Patient mit einer Vielzahl an Eingriffen erstaunen mich Herrn Rudes gebetsmühlenartig vorgetragenen Versuche, den Nutzen von Tierversuchen für den Menschen zu leugnen. Fragen Sie doch mal die Menschen, welche zum Beispiel eine Herz-OP überlebt haben. Heutzutage ein Standardeingriff, aber wie wurden die Methoden entwickelt? Die Herz-Lungen-Maschine wurde seit 1935 permanent optimiert mithilfe von Tierversuchen. Eine Endokarditis (Herzmuskelentzündung) ist mit Tofu und Globuli behandelbar, allerdings mit einer hohen Mortalitätsrate behaftet. Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben. Die Entwicklung von Sehchips und Hirnschrittmachern sind ohne Tierversuche nicht möglich und befinden sich in klinischen Anwendungen, auch in Tübingen. Zum Nutzen des Patienten. Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann. Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis. – Matthias Wiesner, Tübingen, Untere Straße 9.“ [zurück]
  2. Von italienischen Autoren wird neuerdings behauptet, Bartolomeo Gosio habe das erste Penicillin entdeckt, was aber eindeutig falsch ist (ab 1893 untersuchte Gosio die Vitaminmangelkrankheit Pellagra, deren Ursache er in einem Pilzbefall von Mais vermutete. Hier isolierte und kristallisierte er die Mycophenolsäure, die heute als das erste, gut charakterisierte Beispiel für ein Antibiotikum gilt. Gosio machte die Beobachtung, dass sie das Wachstum des Milzbranderregers behinderte. Obwohl Gosio seine Erkenntnisse 1896 noch einmal zusammenfasste, untersuchte er den Stoff nicht weiter, wohl weil er eigentlich an Pellagra interessiert war). [zurück]
  3. Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz. [zurück]

Dr. Sultans Geheimnis

Als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) hat sich nun Dr. med. Fahad Sultan per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zu Wort gemeldet.
Dr. Sultan wirft in seinem Brief zunächst die Frage auf, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen. Eine „ernsthafte Diskussion“ über diese Frage will er schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ unterbinden. Als Wissenschaftler und Teilnehmer einer Tagung am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften mit dem Thema „Tierethik – Tierversuche“ muss er um die Fehlerhaftigkeit einer solchen Argumentation wissen. Es handelt sich hier eindeutig um einen naturalistischen Fehlschluss oder um einen „Sein-Sollen-Fehlschluss“ (Humes Gesetz), also um den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten. Die Argumentation Sultans entbehrt jeglicher Objektivität und Wissenschaftlichkeit und resultiert rein aus dem Verlangen, seine eigenen Experimente an Primaten zu rechtfertigen. Es gibt heutzutage aber schlicht keine wissenschaftlichen Argumente mehr dafür, dass wir an anderen hochentwickelten Tieren Dinge vornehmen können, die beim Menschen als Folter und Mord gelten würden. Seit Darwin ist es unmöglich, die ideologische Kluft zwischen Mensch und Tier, mit welcher die Gefangenschaft und Tötung letzterer gerechtfertigt wird, aufrechtzuerhalten, und die moderne Wissenschaft sagt ausdrücklich, dass der Speziesismus – das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jede Ideologie, mit der dieses legitimiert wird – „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in einem Vortrag.
Um Dr. Sultans „Einschätzung“ über Nutzen oder Schaden von Tierversuchen bewerten zu können, ist die Tatsache, dass er als Experimentator selbst direkt von den Primatenversuchen in Tübingen profitiert, entlarvend. Dass jemand, dessen Karriere davon abhängt, meint: „Wir brauchen weiter Tierversuche“, verwundert nicht. Seit die Kampagne gegen die Versuche läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Die Gewalt, mit denen die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, gezwungen werden, an den Versuchen teilzunehmen, rechtfertigte Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, schlicht mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). Sein Kollege Dr. Sultan dagegen meint nun: „Wir brauchen weiter Tierversuche wegen der Schwierigkeit der Sachverhalte, nicht weil Wissenschaftler blutrünstige Monster sind.“ In intellektuell unredlicher Weise wird in seinem Brief durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert.
Dieses Vorgehen Sultans schließt an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview und gab damit die kostspielige Anzeige der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Ähnlich hilflos ist der Versuch von Sultan, die Experimente zu rechtfertigen. Letztlich bleibt ihm nur, auf „Forschungsfreiheit“ zu insistieren. Warum er sich als Verteidiger freier Wissenschaft geriert, in diesem Zusammenhang aber ausgerechnet den barocken Prediger Abraham a Santa Clara zitiert, der sich u.a. durch Feindschaft gegenüber Juden und Frauen auszeichnet und z.B. davon gesprochen hat, „diesen Weibern auf die entblößten Brüste [zu] scheißen“, bleibt Dr. Sultans Geheimnis.

Foto oben: „Primatenstuhl“ bei einem der Experimente am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, an denen Dr. Sultan u.a. beteiligt ist.




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