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Interview mit dem Maler Hartmut Kiewert

Vom 22. August bis zum 3. September war der Künstler Hartmut Kiewert auf Einladung der Antispeziesistischen Aktion Tübingen zu Gast beim Sommeratelier von plattform [no budget] in der Shedhalle auf dem alten Tübinger Schlachthofgelände.
Hartmut Kiewert sagt über sich und seine Arbeit: „Mir geht es darum den grausamen Umgang des Menschen mit nicht-menschlichen Individuen anzuprangern und darüber hinaus die Wechselwirkungen zwischen Tier- und Naturbeherrschung und der Herrschaft des Menschen über den Menschen aufzuzeigen.“
Während des Sommerateliers malte Hartmut Kiewert ein 4×12 Meter großes Bild, das den Titel meat the past [the absent present] trägt.

Wir führten mit Hartmut Kiewert ein ausführliches Gespräch über seine Kunst und deren theoretischen Hintergrund.

Wie lange machst du schon „vegane“ Kunst, wie bist du dazu gekommen und was hast du vorher gemacht?

„Ich würde eher von der bildnerischen Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis aus herrschaftskritischer Perspektive sprechen. Die ersten Bilder zu der Thematik habe ich schon am Anfang meines Kunststudiums 2004 gemalt. Dann habe ich mich vor allem an der menschlichen Figur auf großem Format versucht – der menschliche Körper im Kontrast zu der von ihm geschaffenen Gebrauchsarchitektur war das Grundthema. Als dann 2008 das Diplom näher rückte, wollte ich mein direktes politisches Engagement mit meiner Malerei verbinden. Zum einen hat die künstlerische Reflexion des Mensch-Tier-Verhältnisses eine jahrtausende alte Tradition, so dass ich hier mit malerischen Mitteln gut ansetzen konnte. Zum anderen bewegte mich die Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses schon seit meiner Kindheit. So bin ich wieder zu dem Thema zurückgekehrt und habe mich dann auch intensiv theoretisch damit auseinandergesetzt.“

Schlachtplatte XIV, 2011, Öl/Lwd., 16 × 24 cm

Was passiert mit deinen Bildern; kannst du von der Kunst leben?

„Meine Bilder werden hoffentlich an noch vielen Orten ausgestellt. Leider bin ich noch ein wenig davon entfernt von meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu bestreiten (was mir hoffentlich bald gelingen wird – oder besser der Kapitalismus bricht zusammen und ich bin nicht mehr auf monetäre Einkünfte angewiesen) und freue mich daher über die finanzielle Unterstützung meines Vaters.“

Was für Reaktionen bekommst du? Und haben sich die Leute, die sich für deine Kunst interessieren, schon vorher mit dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandergesetzt, oder sprichst du auch Neulinge auf dem Gebiet an? Hast du über die letzten Jahre Veränderungen in der Perzeption deiner Kunst bemerkt?

„Meistens – vor allem auch kürzlich in der Shedhalle in Tübingen – habe ich durchweg sehr positive Resonanz auf meine Arbeit bekommen. Natürlich gibt es auch ablehnende Reaktionen – die beziehen sich dann oft darauf, dass meine Bilder zu programmatisch seien. Aber bei einer Herangehensweise, welche Grundsätzliches in Frage stellt, ist das wohl auch nicht anders zu erwarten. Mein Ziel ist natürlich gerade Menschen zu erreichen, die sich noch nicht bewusst mit der Thematik auseinander gesetzt haben – das gelingt auch immer wieder.
Was eine Veränderung der Perzeption meiner Arbeit angeht – das kann ich nicht wirklich beurteilen, dafür habe ich noch zu wenig ausgestellt.“

Pfähle 2010, Öl/Lwd., 250 × 450 cm

Du sprichst davon, dass du mit den für viele Menschen unbehaglichen Motiven und Fleischfarben deiner Bilder die Verdrängung des Ursprungs von Tierprodukten unterwandern willst. Bei deinem Bild „meat the past [the absent present]“, an dem du während des Sommerateliers hier im ehemaligen Tübinger Schlachthof arbeitest, scheint das zu funktionieren. Die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ schrieb am 1. September: „Die Ware Schwein wird wahrgenommen“. Die Zeitung sprach aber auch von „Hartmut Kiewerts verstörendem Schweine-Monumentalismus“. Auch wir haben in dieser Woche die Beobachtung gemacht, dass dein Werk, welches die Bilder der Opfer in der ehemaligen Stätte ihres massenhaften gewaltsamen Todes wieder aufscheinen lässt, auf Menschen mitunter anklagend und beunruhigend wirkte und Anlass für viele Gespräche und Diskussionen bildete. – Welche Beobachtungen diesbezüglich hast du in dieser Woche gemacht? Hattest du interessante Begegnungen und Gespräche und das Gefühl, mit deiner Kunst bei Menschen etwas verändert zu haben?

„Es war für mich sehr gewinnbringend schon während des Malprozesses Reaktionen zu bekommen und zu sehen, dass mein Bild viele Menschen berührt und zum Nachdenken anregt. Dabei gab es auch ein paar sehr interessante Gespräche, sowohl über formale als auch inhaltliche Aspekte meiner Arbeit – wobei ich mich zunächst, was inhaltliche Auslegungen angeht, zurückhalte und beobachte, wie meine Bildsprache bei den Leuten ankommt. Auf die Wirkung bezogen, hoffe ich, dass meine Bilder etwas in den Betrachtenden anstoßen, was im Idealfall etwas in ihrer ganz persönlichen Sichtweise auf Tiere verändert.“

Sofa, 2011, Öl/Lwd. 100 × 120 cm

Du plädierst für eine vegane Lebensweise. Damit allein ist es aber nicht getan: Boykotte sind im kapitalistischen System fast wirkungslos, die Befreiung der Tiere muss im politischen Kampf gegen mächtige ökonomische Interessen herbeigeführt werden.

„Eine vegane Lebensweise allein wird sicher nicht automatisch zur Aufhebung der Tierausbeutung führen – es sei denn alle Menschen würden auf Produkte, welche durch Ausbeutung von Tieren hergestellt wurden, verzichten – ganz nach dem geflügelten Wort: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
Da das nicht wirklich abzusehen ist, bleibt ein Boykott leider marginal. Eine vegane, und/oder freegane Lebensweise ist somit nur eine Grundhaltung, bzw. ein Minimum im Kampf gegen das bestehende Tiere und Menschen ausbeutende kapitalistische System.
Was über den passiven Boykott hinausgeht – wo und wie interveniert wird, muss jedeR selbst herausfinden. Da habe ich keine Blaupause. Ich persönlich versuche es eben mit meinen Mitteln der Malerei. Andere werden andere, vielleicht radikalere Wege gehen.
Ich denke aber, dass der Versuch, so viel wie möglich von einer Utopie vorzugreifen und unmittelbar umzusetzen wichtig ist. Also in den angewendeten Mitteln das Ziel zu inkludieren. Da ist eine vegane/freegane Lebensweise eben passend und auch notwendig, um im Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren glaubwürdig zu sein.“

Stiefel, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

An der Tierrechtsbewegung, die sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, formulierst du eine dezidierte Kritik: Wie alle subkulturellen Bewegungen sei sie sehr heterogen, so dass verschiedene Ideen, von esoterisch über linksradikal, wertkonservativ bis hin zu faschistoiden Vorstellungen in ihr versammelt seien. – Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung?

„Zunächst einmal geht es mir darum, mich von anti-emanzipatorischen Tendenzen und Gruppierungen im Bereich der Tierrechts- bzw. Antispeziesismusbewegung zu distanzieren.
Intellektuell habe ich über allgemeine Gesellschaftskritik und Anarchismus meinen Zugang zu der Thematik. Ich fühle mich also den linksradikalen, anarchistischen Strömungen innerhalb der Bewegung verbunden. Was aktionistische Felder angeht, so habe ich bisher vor allem gegen Umweltzerstörung, Atomkraft, Gentechnik und Militarismus agiert. Ich kenne mich also mit der Tierrechts- und Antispe-Szene noch nicht wirklich gut aus, habe aber hier und da direkte Eindrücke gesammelt und Texte aus und über die Bewegung gelesen und viele sympathische Menschen kennen gelernt.“

Selbst am Meer, 2010, ÖL/Lwd., 250 × 300 cm

Kann man vielleicht als ihr größtes Problem gerade diesen subkulturellen Charakter herausstellen, den Umstand, dass es sich mehr um eine subkulturelle „Szene“ handelt als um eine einheitliche politische Bewegung, oder worin siehst du ihre Mängel? Was müsste sich an ihr ändern, damit du deine Kritik revidieren würdest?

„Es wäre sicher – das gilt auch für andere soziale Bewegungen – wünschenswert, wenn sie wachsen würden und mehr direkten Einfluss ausüben könnten.
Letztlich ist es natürlich auch hier wieder ein systemimmanentes Problem. Gegen den Medien-Mainstream ohne monetäre Mittel anzukommen ist immer schwer. Aber es gibt ja hier und da immer wieder Ansätze, durch die das Verhältnis des Menschen zu Tieren auch im Mainstream ankommt. Das prominenteste und vielleicht auch wirkmächtigste Beispiel ist Foer mit seinem Buch Tiere essen. Die Frage ist, wie in solche bestehende breite Diskurse eingegriffen werden kann und auch radikalere Positionen formuliert und vermittelt werden können.
Meine Kritik an esoterischen, nationalistischen, oder utilitaristischen Ansätzen, bzw. Vereinnahmungen bleibt aber in jedem Fall bestehen und kann nicht revidiert werden ohne hinter emanzipatorische Ansprüche zurückzufallen.

Lamm, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Was ein Fehlen einer Einheitlichkeit angeht: Ich finde Einheitlichkeit und Uniformität nicht erstrebenswert. Eine vielfältige Bewegung, die auf unterschiedlichste Weisen agiert und deren Schnittmenge in einem grundsätzlichen emanzipatorischen Anspruch liegt, fände ich gut.“

In deinem Katalog heißt es an einer Stelle, dass die Abschaffung der negativen Tiermetaphorik der Ausbeutung der Tiere die Grundlage entziehen würde. An anderer Stelle schreibst du, um den jetzigen Umgang mit Tieren zu Gunsten eines herrschaftsfreien Umgangs zu überwinden, bedürfe es einer grundsätzlichen Revidierung des Geist-Materie-Dualismus. – Wir denken nicht, dass die Ausbeutung der Tiere aufgrund von speziesistischen Ideologien erfolgte, sondern dass es sich bei letzteren um im Nachhinein formulierte Rechtfertigungen für das bereits bestehende Ausbeutungsverhältnis handelt. Allein durch Versuche also, herrschaftsförmige Ideologien im gesellschaftlichen Denken zu dekonstruieren, ohne gleichzeitig darauf hinzuwirken, dass die sie beständig hervorbringende Basis – nämlich die ökonomischen Gesellschaftsverhältnisse – verändert wird, wird keine befreite Gesellschaft zu erreichen sein. So greifst auch du an anderer Stelle scharf die kapitalistischen Produktionsbedingungen an. Wie gestaltet sich deiner Meinung nach der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Tierausbeutung?

Markt, 2010, Öl/Lwd., 80 × 100 cm

„Sein und Bewusstsein sind reziprok und bedingen einander. Ich fordere die Dekonstruktion der binären Denklogik ein, weil ich der Meinung bin, dass sich Handeln reflektieren, in Frage stellen und daraufhin verändern lässt. Es ist also nicht die Frage, ob die legitimatorische Ideologie erst im Nachhinein entstand. Entscheidend ist, dass sie eine Wirkmächtigkeit besitzt, die sich permanent auf die gesellschaftlichen Verhältnisse auswirkt. Allein durch Dekonstruktion der bestehenden Ideologie wird sich natürlich noch nichts ändern. Es müssen auch die Konsequenzen aus der Ideologiekritik gezogen werden und die ökonomischen Verhältnisse geändert werden. Die Kritik ist aber die Grundlage für weiteres Handeln.
Die Ideologie des Warenfetischs, der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums haben neben der Perfektionierung von Unterdrückungsmechanismen in allen anderen Bereichen, auch die perfideste Form der Tierausbeutung hervorgebracht. Das heißt aber nicht, dass nicht auch schon vor dem Kapitalismus Tierausbeutung stattgefunden hat und es heißt ebenso wenig, dass es nach dem Kapitalismus keine Tierausbeutung mehr geben wird. Für eine wirklich befreite, herrschaftsfreie Gesellschaft ist es aber unumgänglich, auch die Tier- und Naturausbeutung zu überwinden.“

Gelbe Schürze, 2008, Öl/Lwd., 150 × 200 cm

Der interessanteste Ansatz in der linken Theorietradition, was die Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses angeht, ist für dich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Was zeichnet die Reflexionen über Tiere und Natur jener marxistischen Denkrichtung um Horkheimer, Adorno und Marcuse für dich gegenüber anderen Ansätzen aus?

„Die Einbindung in eine materialistische Gesellschaftskritik. Bezogen auf eine linke Theorietradition, finden sich bei der Kritischen Theorie im Vergleich zu Ansätzen von Regan oder Singer Ansätze, die mit linken, emanzipatorischen Ansprüchen kongruent sind. Mit der These der doppelten Naturbeherrschung, der Reziprozität zwischen Naturbeherrschung und Herrschaftsverhältnissen innerhalb der menschlichen Gesellschaft hat die Frankfurter Schule für eine herrschaftskritische Analyse des Mensch-Tier-Verhältnisses Grundlegendes geleistet. Außerdem ist die Grundhaltung der Solidarität mit allen Lebewesen, die Verteidigung des einzelnen Individuums gegenüber einer es unterdrückenden Kollektivität, wie es beispeielsweise der Utilitarismus vorsehen würde, als wichtiger Punkt hervorzuheben.“

Bunker, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Wenn du schreibst, eine Überwindung der jetzigen Verhältnisse sei „nur durch eine unmittelbar andere Praxis der gesellschaftlichen Beziehungen, Warenproduktion und Verteilung möglich“, was ist dann deiner Meinung nach der Weg, der zu einer solchen Praxis führen kann? Wie könnte sich der Transformationsprozess zu der „herrschaftsfreien, kommunistischen Gesellschaft“, welche du anstrebst, im Einzelnen gestalten?

„Trial and Error. Es sind Versuche gefragt, die die bestehende Form der Warenproduktion umgehen und etwas Neues schaffen, anstatt das Bestehende zu reproduzieren. Gegenseitige Hilfe und Schenkwirtschaft, statt Konkurrenz und Warenwert. Kooperativen und Vernetzungen sind gefragt. Wenn sich die Krise der kapitalistischen Vergesellschaftung weiter auswächst – und das ist wohl unabdingbar –, ist es wichtig, dass unter dem destruktiven, menschen- und tierfeindlichen System schon etwas positives Neues anfängt zu wachsen.“

Grobe Ungehörigkeit, 2008, Öl/Lwd., 230 × 340 cm

Du meinst, der Übergang zur befreiten Gesellschaft könne nicht über politische Kader und Eliten geschehen; es sei nicht eine Frage der „großen Politik“, die Verhältnisse zu ändern – das Politische sei privat. Als Instrumente, um die Herrschaftsmechanismen aus den Angeln zu heben, schlägst du z.B. Formen des wilden Streiks, Sabotage, Besetzungen sowie jegliche andere Formen des zivilen Ungehorsams vor. Denkst du, dass diese Instrumente angesichts der enormen Übermacht jener, die vom jetzigen System und von der Ausbeutung profitieren, ausreichen?

„Der Kapitalismus ist eines der perfidesten und leider auch perfektesten Herrschaftssysteme. Da kann mensch angesichts der Übermacht des schlechten Bestehenden schnell resignieren. Ich sehe leider auch noch nicht die herrschaftsfreie Gesellschaft am Horizont der Geschichte aufscheinen. Trotzdem plädiere ich für eine Art Graswurzelrevolution, in der die gewählten Mittel dem angestrebten Ziel der Herrschaftsfreiheit entsprechen. Zum einen ist es wie gesagt wichtig andere, auf Kooperation basierte Formen der gesellschaftlichen Reproduktion auszuprobieren. Zum anderen, aber im Grunde damit einhergehend, könnte und müsste eben durch Streiks und (Wieder-)Aneignung der Produktionsmittel die materielle Grundlage für eine Produktion in Selbstorganisation geschaffen werden. Hier müssen dann Wege gefunden werden mit der Repression dagegen umzugehen.“

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Weißer Stuhl, 2011, Öl/Lwd. 80 × 100 cm

Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche

Bild: Hartmut Kiewert

Wie die taz heute unter dem Titel Wirtschaft trifft Forschung: Frieden schaffen mit Chemiewaffen berichtet, forscht die Universität Tübingen weiterhin im Auftrag der Bundeswehr, obwohl eine Zivilklausel in der Grundordnung der Universität Tübingen das seit Januar 2010 verbietet. Die Klausel lautet: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“ Trotzdem fließen zur Finanzierung wehrmedizinischer Forschung eine halbe Million Euro vom Verteidigungsministerium an die Universität.
Die Zivilklausel wurde im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft und ist seither in der Grundordnung der Universität festgeschrieben – dennoch haben seither zahlreiche Veranstaltungen rund um den Campus stattgefunden, die ihr widersprechen. Die Universität hat bisher überhaupt nicht auf die Klausel reagiert. „Die Zivilklausel interessiert die Uni überhaupt nicht“, so Christoph Marischka von der Informationsstelle Militarisierung.
Seit April ist nun sogar der „Militärstratege“1 und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft.
Der Arbeitskreis Universität in ziviler Verantwortung fordert die Universität Tübingen dazu auf, die in der Grundordnung verankerte Selbstverpflichtung zu respektieren, Mechanismen zu etablieren, die eine transparente Überprüfung der Vereinbarkeit von Forschung und Lehre mit den in der Grundordnung festgelegten Zielen erlauben und die Verleihung der Honorarprofessur an Wolfgang Ischinger rückgängig zu machen.
Doch die Universität zeigt sich ignorant. Auch zu den neuen Vorwürfen, die heute in der taz gegen die Universität erhoben werden, schweigt sich Rektor Bernd Engler bislang aus.
Der Bereich der Wehrforschung steht im Allgemeinen unter Geheimhaltung. Folgendes aber ist bekannt: „Wehrmedizinische Forschung findet, finanziert durch das Verteidigungsministerium, an den Bundeswehrkrankenhäusern, den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und München sowie an zahlreichen deutschen Hochschulen statt, darunter auch in Tübingen. Hier wird im Auftrag des Verteidigungsministeriums zu Lärmtraumata, zu Organophosphaten und zur Wirkung nuklearer Strahlung auf Körperzellen geforscht. Mittels Internetrecherche konnte bislang nur das Projekt zur Erforschung von Lärmtraumata identifiziert werden, das auch die offensichtlichsten Bezüge zur Einsatzrealität der Bundeswehr aufweist. So sind Lärm- und Knalltraumata unter den häufigsten Formen von Verletzungen von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und auch jenseits des konkreten Kriegseinsatzes leiden viele Soldaten wegen ihres unmittelbaren Umgangs mit Gewehren, Explosionswaffen, Flugzeugen und Hubschraubern unter chronischen Hörschäden. Am zur Universität gehörenden Tübingen Hearing Research Centre auf dem Gelände der Universitätsklinik wird bzw. wurden im Auftrag des Verteidigungsministerium der Haarzellverlust infolge von Schalldruck und mögliche Behandlungsmöglichkeiten untersucht. Als Grundlage der Forschung diente die experimentelle Beschallung und anschließende Untersuchung von Meerschweinchen. Ob diese Tierversuche selbst in Tübingen stattfanden und weiter stattfinden, ist jedoch bislang nicht eindeutig geklärt.“3
Sicher ist, dass die Uni Tübingen Komponenten für „µDrones“ (www.ist-microdrones.org), Überwachungsdrohnen für Militär und Polizei, liefert – trotz Zivilklausel. Dazu wurde die Orientierung von Ratten erforscht.4 Diese Forschung fand und findet am Institut für Neurowissenschaft im Labor für Kognitive Neurowissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Hanspeter A. Mallot statt. Daneben ist Mallot – man höre und staune – am von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkolleg „Bioethik“ beteiligt. Dieses ist beim Tübinger Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) angesiedelt, welches u.a. in die Kritik geriet, da es im Auftrag der Bundesregierung „ethische Begleitforschung“ zur Einführung sog. „Nackscanner“ an deutschen Flughäfen betreibt – und letztlich Optimierungsvorschläge unterbreitet, die diese Einführung erleichtern. Das IZEW hat sich im Übrigen in die Diskussion um die Zivilklausel an der Universität Tübingen eingeschaltet und organisiert im kommenden Wintersemester eine Ringvorlesung hierzu mit, bei der Bundeswehrangehörige sprechen sollen, Militärkritiker jedoch ausgeladen wurden.
Mit der wehrmedizinischen Forschung an der Universität Tübingen würden, so ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums gegenüber der taz, „wichtige Grundlagen zur Prüfung neuer Medikamente geschaffen, um Menschen zu behandeln, die nach Aufnahme von sogenannten Organophosphaten erkrankt seien“. Organophospate sind chemische Botenstoffe, die in Nervenkampfstoffen und Pestiziden vorkommen. Ihre lebensbedrohliche Wirkung beruht dosisabhängig auf einer Lähmung der Atemmuskulatur. Vor ihrer Zulassung werden sie normalerweise Hühnern als einmalige Dosis oder wiederholt verabreicht – diese Tierart sei am ehesten empfänglich für die giftige Wirkung dieser Chemikalien. Die Tiere werden auf Verhaltensabweichungen untersucht und anschließend getötet; Nerven, Gehirn und Rückenmark werden auf Anzeichen von Nervenschäden untersucht. In Tübingen scheint es sich allerdings um eine In-vitro-Studie zu handeln.5
Man weiß aber nicht, was sonst noch alles unter dem Deckmantel der Geheimhaltung im Auftrag der Bundeswehr passiert. Im Dezember 2008 war bekannt geworden, dass die Bundeswehr bereits seit 2004 Tausende Tierversuche durchführen lässt, um Auswirkungen von biologischen und chemischen Waffen zu erforschen. Dabei starben mindestens 3300 Tiere, darunter auch 18 Affen. Insgesamt wurden bei den Tierversuchen der Wehrforscher zwischen 2004 und 2008 mindestens 2.220 Mäuse, 706 Meerschweinchen, 276 Ratten, 84 Kaninchen, 76 Schweine und 18 Makaken-Affen getötet.6
Abgeschirmt von der Öffentlichkeit geht inmitten unserer sich kultiviert nennenden Gesellschaft, wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der Dialektik der Aufklärung ausgedrückt haben, „verkannt als bloßes Exemplar“ tagtäglich Versuchstier nach Versuchstier „durch die Passion des Laboratoriums“, ziehen die Experimentatoren „verstümmelten Tierleibern“ den „blutigen Schluß“ ab, ohne dass dies der Großteil der Menschen überhaupt mitbekommt. So sind sich auch viele Menschen, die in Tübingen leben, überhaupt nicht darüber bewusst, dass solche „scheußlichen physiologischen Laboratorien“ sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden. In Tübingen werden aber – nach zahlreichen bereits beendeten Versuchen mit Affen – momentan nicht nur gleich an drei Instituten ähnliche Versuche mit Makaken durchgeführt, wie sie bereits in München, Berlin und Bremen in den letzten Jahren aus ethischen Gründen von den Behörden nicht mehr erlaubt wurden – die „Datenbank Tierversuche“ findet unter der Stichwortsuche „Tübingen“ aktuell 189 wissenschaftliche Publikationen über Studien, zu deren Durchführung an Tieren experimentiert wurde.
Was hinter den verschlossenen Türen Tübinger Institute geschieht, würde, geschähe es beim Menschen, Folter und Mord genannt werden; und ganz offen werden Personen, die für Folter und Mord in weltweitem Maßstab verantwortlich sind, von der Universität Tübingen hofiert. Wir fordern:

Kriegstreiber und Tierquäler raus aus den Unis!

Hier gibt es diesen Artikel als PDF.

Mehr Informationen zu Tübinger Tierversuchen in der Kategorie Tierversuche.

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. IMI: Zivilklausel an der Universität Tübingen. Dokumentation Juli 2011. [zurück]
  4. Hölscher et al.: Rats are able to navigate in virtual environments, The Journal of Experimental Biology 208, 561-569. [zurück]
  5. vgl. das Abstract Long-term evaluation of organophosphate toxicity and antidotal therapy in co-cultures of spinal cord and muscle tissue. [zurück]
  6. So die Angaben des Nachrichtenmagazins Focus am 11.12.2008. [zurück]

Zur Würdigung Peter Singers durch die Giordano-Bruno-Stiftung

Die Giordano-Bruno-Stiftung verlieh in einem Festakt am 3. Juni in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main der italienischen Philosophin Paola Cavalieri und dem australischen Philosophen Peter Singer den mit 10.000 Euro dotierten „Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung“ (einen ausführlichen Bericht von der Preisverleihung gibt es hier). Cavalieri und Singer wurden, so die Stiftung, „für ihr engagiertes Eintreten für Tierrechte ausgezeichnet, insbesondere für die Initiierung des Great Ape Project (GAP). Unterstützt von renommierten Primatologen wie Jane Goodall fordert das Great Ape Project für Orang-Utans, Gorillas, Bonobos und Schimpansen einige jener Privilegien ein, die bisher nur für Menschen gelten: Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und ein Verbot der Folter. In Neuseeland und Spanien wurden dazu bereits Gesetzesentwürfe erarbeitet.“ Die Giordano-Bruno-Stiftung unterstütze derartige Bestrebungen, da sie sich folgerichtig aus den Prämissen des von der Stiftung vertretenen „evolutionären Humanismus“ ergeben, wie Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon betont: „Wir Menschen sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern evolutionär entstandene Organismen wie andere auch. Das sollte sich in einem verantwortungsvolleren Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt niederschlagen, speziell in unserem Verhältnis zu jenen Lebewesen, mit denen wir unsere Evolutionsgeschichte seit Jahrmillionen teilen.“1 Es gehe darum „positive säkulare Alternativen zu entwickeln, die uns Menschen zu einem glücklicheren und verantwortungsvollerem Leben befähigen. Dies setzt unter anderem voraus, dass wir uns von der größenwahnsinnigen Vorstellung befreien, wir stünden über der Natur. In Wahrheit sind wir ein Teil von ihr und mit den Schimpansen enger verwandt als diese mit den Gorillas. Eine zeitgemäße Ethik muss daraus Konsequenzen ziehen. Paola Cavalieri und Peter Singer haben das in vorbildlicher Weise getan.“
Die von der Giordano-Bruno-Stiftung vertretene Position des „evolutionären Humanismus“ geht auf den Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Julian Huxley, zurück. Im Auftrag der Stiftung wurden Huxleys Ideen u.a. im Manifest des evolutionären Humanismus wieder aufgegriffen. Im Kapitel „Macht euch die Erde untertan“? Warum wir uns vom Speziesismus verabschieden sollten bezieht die Stiftung sich auf Jeremy Bentham, „dem Vater des modernen Utilitarismus“,2 und auf Peter Singer. Als „tierethische Maxime des evolutionären Humanismus“ wird formuliert: „Füge nichtmenschlichen Lebewesen nur so viel Leid zu, wie dies für den Erhalt deiner Existenz unbedingt erforderlich ist!“3
Die Giordano-Bruno-Stiftung folgt der Philosophie Singers, die „Personen“, also Lebewesen, die sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind, ethische Privilegien zuspricht, darin, dass „nicht alle menschlichen Lebensformen die Eigenschaften von Personen besitzen“,4 und schlägt als sinnvolle Grenze, ab der dem Individuum das unhinterfragbare „Menschenrecht auf Leben“ zugesprochen werden sollte, die Geburt vor.
Michael Schmidt-Salomon schreibt: „Als Peter Singer in den 80er und 90er Jahren mit ähnlichen Thesen an die Öffentlichkeit trat, war die Aufregung groß. Vor allem in Deutschland wurde eine Hetzjagd sondergleichen auf den australischen Philosophen veranstaltet. Verantwortlich dafür war in erster Linie eine gut geschmierte religiöse Propagandamaschine, nachteilig wirkte sich aber auch der Umstand aus, dass Singer insgesamt doch recht idealistisch die ökonomischen Verwertungszusammenhänge ausblendete, in die er mit seiner Theorie vorstieß. Unter den gegebenen sozioökonimischen Bedigungen mussten viele Vertreter von Behindertenverbänden befürchten, dass Singers Argumentation nicht – wie intendiert – dazu genutzt würde, um die Rechte der Tiere aufzuwerten, sondern um die Rechte von Menschen (insbesondere behinderter Menschen) abzuwerten.“5
Genau aus den von der Stiftung selbst angeführten Kritikpunkten aber ist die Philosophie Singers als aussichtsreicher Ansatz, der dazu beitragen kann, den speziesistischen Normalzustand zu überwinden, abzulehnen. Bereits in unserem Text Ein Gespenst geht um: Das Gespenst des Antispeziesismus haben wir uns klar von Positionen, die sich aus der Philosophie des Utilitarismus ergeben, distanziert. Wir schrieben hierzu:


Der romantische Tierschutz stammt ursprünglich aus bürgerlichen, konservativen Teilen der Bevölkerung. Marx und Engels führen im Kommunistischen Manifest die „Abschaffer der Tierquälerei“ neben Humanitären, Verbesserern der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierern und Winkelreformern „der buntscheckigsten Art“ als Vertreter jenes Teils der Bourgeoisie an, der wünschte, den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Unser Ansatz aber folgt einer linken, historisch-materialistischen Theorietradition; er ist deshalb unvereinbar nicht nur mit dem Tierschutz, sondern auch mit gewissen moralphilosophischen Tierrechts-Ansätzen, die in der Tradition bürgerlichen Denkens stehen und davon ausgehen, es handle sich beim Speziesismus um ein moralisches Vorurteil, welches bestimmte Handlungen hervorbringe. Mit dem marxistischen Philosophen Marco Maurizi kritisieren wir solche Ansätze als metaphysische Konzepte, welche sich zudem als Erben des bürgerlichen Liberalismus entpuppen, wenn sie etwa die unterschiedliche Wertigkeit von Leben proklamieren wie der „Präferenzutilitarismus“ des bürgerlichen Philosophen Peter Singer. Leider ist der Begriff des Speziesismus in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit Singer verbunden (Singer war an der Verbreitung des Begriffes „Speziesismus“, nicht „Antispeziesismus“ beteiligt, dieser tauchte erst Anfang der 90er durch die Vegane Offensive Ruhrgebiet auf). Das Wort „Speziesismus“ wurde zwar erstmals 1970 vom Psychologen Richard D. Ryder benutzt, um einen Art- oder Speziesegoismus oder -zentrismus auszudrücken, eine „Artenarroganz“ des Menschen gegenüber anderen Spezies, popularisiert wurde das Konzept aber in erster Linie durch Singers erstmals 1975 erschienenes Buch Animal Liberation, in welchem er das Konzept einer utilitaristischen Tierethik entwarf. Der Utilitarismus kehrt mit seiner Auffassung, dass der Einzelne über das Gemeinwohl sein eigenes Wohl fördert, zwar die Moral des bürgerlichen Liberalismus, welche davon ausgeht, dass das Handeln im eigenen Interesse letztlich auch für das Gemeinwohl am ergiebigsten ist, formal um, bleibt aber dessen Logik durchweg verhaftet. Der eigentliche Sinn des Liberalismus zeigt sich in seiner Wirtschaftslehre, die freien, möglichst weltweiten Waren- und Kapitalverkehr und die Nichteinmischung des Staates in die Unternehmensführung proklamiert. Der Liberalismus ist somit ein Programm des Bürgertums aus der Zeit, als es viele miteinander konkurrierende, von Kapitaleignern patriarchalisch geführte Unternehmen gab, die gegen ältere Wirtschaftsformen, wie Handwerk bzw. Zünfte und Leibeigenschaft, das kapitalistische Wirtschaftssystem durchsetzten.
Die Tierbefreiungsbewegung als Teil der antikapitalistischen Linken muss sich von dem, was durch die Rezeption bürgerlicher tierethischen Überlegungen an falschem Bewusstsein in die Bewegung geflossen ist, trennen.

Die Giordano-Bruno-Stiftung aber sieht im Marktprinzip „kaum etwas anderes als eine Übertragung evolutionärer Regeln auf das Wirtschaftsverhalten des Menschen“.6 Mit dieser „unbestreitbaren Stärke“ des Marktmodells, das Adam Smith insofern zu Recht als eine Art des „natürlichen Wirtschaftens“ begriffen habe, seien zwar Gefahren verbunden, doch daraus folgt für die Stiftung lediglich: „Unsere Aufgabe besteht darin, endlich jene strukturellen Bedingungen zu schaffen, die gewährleisten, dass der Eigennutz der Individuen sowie der von ihnen geschaffenen Institutionen in humanere Bahnen gelenkt wird.“7
Angeblich anthropologisch konstante Verhaltensweisen führen liberale Ökonomen seit je an, um das martkwirtschaftliche System zu rechtfertigen. Es ist wissenschaftlich aber unzulässig, von den Verhaltensweisen mancher Menschen, die allesamt unter denselben Bedingungen beobachtet wurden, nämlich denen des Kapitalismus, auf eine allgemeine Menschennatur zu schließen. Genau das tut aber die psychologisierende Methode der liberalen Wirtschaftstheorie: Das „Streben nach Nutzenmaximierung“, das jedem Individuum zu eigen sei, komme am besten im Kapitalismus zum Tragen und ermögliche dort Wohlstand für alle durch den konkurrenzförmigen Anreiz zur Anstrengung. Die Erkenntnis des Historischen Materialismus bestand darin, dass Menschen nicht gleich bleiben, sondern sich über die verschiedenen Stufen der Entwicklung von Gesellschaften hin verändern. Einen individualistischen Drang zur Maximierung des eigenen Nutzens kann man erst im Kapitalismus, das heißt etwa in den letzten 300 oder 400 Jahren der Menschheitsgeschichte, beobachten. Der Kapitalismus produziert also erst das Bewusstsein, das die Verfechter des Systems nachher als angebliche „Natur“ des Menschen deuten.8
Insofern kann nicht davon ausgegangen werden, dass das Marktprinzip die „Übertragung evolutionärer Regeln auf das Wirtschaftsverhalten des Menschen“ sei; vielmehr muss ideologiekritisch geprüft werden, inwieweit die moderne Evolutionsbiologie Gesetze, die unter den Bedingungen des liberalen Marktes gelten, zu einer allgemeinen Natur des Menschen erklärt hat. Tatsächlich hat nämlich etwa die Bevölkerungstheorie des englischen Nationalökonomen Thomas Malthus die Evolutionstheorien von Charles Darwin oder Alfred Russel Wallace maßgeblich beeinflusst. Schon Bertrand Russel hat darauf hingewiesen, dass Darwins Theorie auch „die Ausdehnung der Volkswirtschaft des Laissez-faire auf die Tier- und Pflanzenwelt“ war. In seinem Werk Philosophie des Abendlandes schrieb er über die kapitalistische Logik im utilitaristischen System Benthams: „Der Darwinismus war die Anwendung der Malthusschen Bevölkerungstheorie auf das gesamte Tier- und Pflanzenleben; diese Theorie war ein integrierender Bestandteil der benthamitischen Politik und Ökonomie – ein weltumfassender freier Wettbewerb, aus dem diejenigen Lebewesen als Sieger hervorgingen, die am meisten Ähnlichkeit mit erfolgreichen Kapitalisten hatten.“9

„Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch die selben Gemütsbewegungen betroffen wie wir“ – Darwin.

1835 las Darwin An Essay on the principle of population as it affects the future improvement of society von Malthus. Dem darin beschriebenen Bevölkerungsgesetz liegt die Annahme zugrunde, die Zunahme der Nahrung könne nicht mit der Vermehrungsrate einer Bevölkerung Schritt halten, werde die Bevölkerungsrate nicht gehemmt. Für letzteres sorgen Kriege, Epidemien und Ähnliches. Malthus betrachtete dies als ein von Gott eingeführtes Naturgesetz; wer sich gegen die Naturgesetze auflehne, lehne sich gegen Gott auf. Die Einführung von Sozialgesetzen sei daher widernatürlich und widergöttlich. Darwin übertrug Malthus‘ Ideen auf das Zusammenleben der Spezies in der Natur und übernahm sowohl den Mechanismus in Malthus‘ Bevölkerungsgesetz – er wird bei ihm zur natürlichen Auslese –, als auch die Begrifflichkeit vom „struggle of existence“, die ins Deutsche so unglücklich mit „Kampf ums Dasein“ übertragen wurde. „Sozialdarwinistisch“ interpretiert wurde Darwin von anderen, von Eugenikern wie seinem Vetter Francis Galton oder vom Deutschen Alfred Ploetz, der den Begriff der „Rassenhygiene“ prägte. Darwin bedauerte später auch, anstatt dem Begriff „natural selection“ nicht besser den Begriff „natural preservation“, also Erhaltung statt Auslese, gewählt zu haben. Auch der Begriff „struggle“ sei unglücklich gewählt – vor allem die Übersetzung ins Deutsche als „Kampf“ kritisierte Darwin ausdrücklich. Es bleibt allerdings bei Darwin das Problem bestehen, dass er eine Bevölkerungstheorie, welche geprägt war durch die Umstände (und Abwehrung der aufkommenden sozialen Kämpfe) in der industrialisierten Gesellschaft Englands innerhalb eines, wenn man so will, „noch ungebändigten Raubtier-Kapitalismus“, einfach auf die Natur übertrug – Darwin schrieb ausdrücklich über seine Theorie: „Es ist die Lehre von Malthus in vielfacher Kraft auf das gesamte Tier- und Pflanzenreich angewandt.“ Damit hat er nachhaltig ein Bild der Natur und von Tieren geprägt, das von der Vorstellung eines ewigen gegenseitigen Kampfes geprägt ist. Tatsächlich aber gab und gibt es nach Darwin Evolutionsforscher, die dieses Bild relativieren. So betonte schon der russische Anarchist und Wissenschaftler Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vielmehr das soziale Element statt dem Kampf als Treibkraft der Evolution: Nicht der Stärkste siegt, sondern die kooperative Gesellschaft. Sein wichtigstes wissenschaftliches Werk heißt Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt; Kropotkin stellt darin eine fundierte Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit auf. Anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte weist er nach, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf Kampf und dem Überleben des Stärksten beruht.

„Gegenseitige Hilfe ist das Gesetz des Fortschritts.“ – Kropotkin.

Was die Ethik Peter Singers betrifft, so ist dem Psychologen und Aktivisten in der Behindertenbewegung Michael Zander zuzustimmen, wenn er diese als „Ethik als Nutzenkalkül“ bezeichnet und urteilt: „Diese Variante der utilitaristischen Ethik ist ein einziger inhumaner Irrtum. Wer ethisches Handeln an einen ‚Nutzen‘ und an ‚Glück‘ bindet, muß notwendigerweise jene mißachten, die er nicht für ‚nützlich‘ und ‚glücklich‘ hält.“10
Obwohl Michael Schmidt-Salomon erkannte, dass Peter Singer „doch recht idealistisch die ökonomischen Verwertungszusammenhänge ausblendete, in die er mit seiner Theorie vorstieß“, verkennen auch er und die Giordano-Bruno-Stiftung ökonomische Zusammenhänge, weil sie ideologisch im Liberalismus der bürgerlichen Aufklärung verhaftet bleiben, dessen korrelierendes Substrat die bürgerliche Herrschaft ist. Mit der Abschaffung des feudalabsolutistischen Ständestaats und der Einrichtung der bürgerlichen Demokratie hat das Bürgertum sich vom Adel emanzipiert. Zwar schrieb Jeremy Bentham bereits im Jahr der Französischen Revolution 1789: „Der Tag wird kommen, an dem die Tiere ebenfalls diese Rechte bekommen werden, die ihnen nur durch tyrannische Unterdrückung vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits erkannt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen“, die bürgerliche Revolution aber brachte noch lange nicht die Freiheit für alle, am wenigsten für die Tiere. Wir begrüßen sehr, dass die Giordano-Bruno-Stiftung die Unhaltbarkeit des Speziesismus erkannt hat und wissenschaftlich begründet dessen Überwindung fordert, denken aber nicht, dass dieses Ziel allein durch ethische Appelle und die Proklamierung eines aufklärerischen Humanismus unter Beibehaltung der Rahmenbedingungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Merkmal gerade die systematische Durchorganisierung der Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur auf noch nie dagewesene Art und Weise ist, erreicht werden kann.

  1. http://www.presseportal.de/print.htx?nr=2045040. [zurück]
  2. Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Aschaffenburg 2005, S. 120. [zurück]
  3. Ebd., S. 124. [zurück]
  4. Ebd., S. 125. [zurück]
  5. Ebd., S. 126f. [zurück]
  6. Ebd., S. 109. [zurück]
  7. Ebd., S. 114. [zurück]
  8. http://www.marxistische-aktion.de/?page_id=117 („2. Kritik der Politischen Ökonomie“). [zurück]
  9. Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Übertragen aus dem Englischen von Elisabeth Fischer-Wernecke und Ruth Gillischewski, Wien 1975, S. 788.] [zurück]
  10. http://www.jungewelt.de/2011/06-01/001.php. – Gänzlich daneben sind allerdings die Angriffe von „antideutscher“ Seite wie beispielsweise der polemische Artikel Wahlverwandte unter sich in der „Jungle World“. In intellektuell unredlicher Vorgehensweise werden Aussagen von Colin Goldner durch selektives Zitieren in ihr komplettes Gegenteil gekehrt, um ihm holocaustrelativierende Tendenzen zu unterstellen und ihn in eine rechte Ecke zu drängen. Dabei ist gerade Goldner derjenige, der sich vehement gegen rechte Tendenzen in der Tierrechtsbewegung einsetzt (vgl. seinen Text Der braune Rand der Tierrechtsbewegung.) Auch Susann Witt-Stahl von der Tierrechtsak­tion Nord (TAN) wird, indem der Autor Peter Bierl Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in ideologische Nähe zu holocaustrelativierenden Positionen gerückt, obwohl auch sie sich ausdrücklich gegen den sog. „KZ-Vergleich“ ausspricht (vgl. ihren Text Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern). Wenn man gewisse Auslassungen von „Jungle World“-Redakteuren liest, kann man mitunter daran zweifeln, dass die Urheber dieser Texte überhaupt noch zu ernsthaften politischen Einschätzungen fähig sind (vgl. auch die auf wissenrockt.de veröffentlichte Kritik Mit Dreck werfen). – Auf unsere Nachfrage, weshalb Colin Goldner bei der Preisverleihung als Festredner aufgetreten ist, teilte dieser uns mit: „Innerhalb der gbs bestehen die unterschiedlichsten Positionen – auch zur Preisverleihung an Singer/Cavalieri gab und gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen –, was mithin dem Selbstverständnis der Stiftung als pluralistische Denkfabrik (und nicht Glaubensgemeinschaft) des evolutionären Humanismus entspricht. Insofern fällt Euere Kritik nicht aus dem Rahmen, sie ist vielmehr als Diskussionsbeitrag ausdrücklich willkommen. Ich habe die Preisverleihung an Singer/Cavalieri als große Chance begriffen, das Thema ‚Tierrechte‘ – es ging ausdrücklich um das Great Ape Project, das ich in seiner antispeziesistischen ‚Türöffnerfunktion‘ für das zentrale TR-Projekt halte, ganz abgesehen davon, dass es, global angelegt, die vermutlich letzte Chance ist, die Großen Menschenaffen vor dem Aussterben zu bewahren (wenn es dafür nicht schon zu spät ist) und für ihre bedrohten bzw. gefangengehaltenen Individuen einklagbare Grundrechte zu erkämpfen – einem Publikum vorzustellen, das bislang mit diesem Thema kaum in Berührung gekommen war, das seiner Wirkmacht in viele gesellschaftliche Bereiche hinein aber von großem multiplizierenden Potential im Interesse der Durchsetzung tierrechtlicher Forderungen sein kann. Wer, wenn nicht eine breit aufgestellte Organisation wie die gbs, soll tierrechtliche Forderungen wie sie im Great Ape Project formuliert sind, umsetzen helfen? Das Projekt dümpelt bekanntlich seit 18 Jahren weitgehend ergebnislos vor sich hin. Deshalb – und nur deshalb – habe ich mich für die Preisverleihung an Singer/Cavalieri eingesetzt und auch die Laudatio auf die beiden gehalten. Die gbs hat sich verpflichtet, alles in ihrer Macht stehende zu tun, das Great Ape Project zu reanimieren; auch ich selbst werde meinen bescheidenen Beitrag dazu leisten.“ [zurück]

Armutszeugnis: Tierexperimentator Dr. Sultan will Öffentlichkeit für dumm verkaufen

Zur öffentlichen Auseinandersetzung über Tierversuche mit dem Tierexperimentator Dr. Fahad Sultan haben wir bereits zweimal berichtet (Dr. Sultans Geheimnis und Peinlich: Tierexperimentatoren nennen falsche Fakten).
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“), oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrem Forschungsgegenstand aber rein gar nichts zu tun haben (vgl. auch Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen an gleich drei Instituten1 anderen hochentwickelten Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde: Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Versuchsaufnahmen, die das ZDF gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“ Nach ihrer Kopfoperation sind die Affen in den Tübinger Instituten aber 14 Tage lang Tag und Nacht derart im „Primatenstuhl“ fixiert!
Dazu könnten sich die Herren Experimentatoren einmal äußern – doch hier fehlen ihnen die Argumente. Stattdessen schreiben sie lieber öffentliche Briefe, in denen sie sich über den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten im Allgemeinen auslassen; peinlich nur, dass sie auch hier nicht in der Lage dazu sind, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern sogar nachweislich mit falschen Tatsachenbehauptungen aufwarten. Nachdem wir hier auf unserer Internetpräsenz sowie in verkürzter Darstellung in einem Leserbrief nachgewiesen haben, dass die Behauptung Dr. Sultans, die er zuvor in einem Leserbrief gemacht hat, die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, die zur Verstümmelung einer Million psychiatrischer Patienten geführt habe, sei „vorher leider nicht an Tieren getestet“ worden, falsch ist – das Gegenteil ist der Fall: Entsprechende Experimente, die an Tieren durchgeführt worden waren, brachten ihn überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden –, versucht Sultan seinen Kopf in seiner öffentlichen Antwort an uns ernsthaft aus der Schlinge zu ziehen, indem er behauptet, es sei „nicht belegt“, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen sei.
Sein öffentlicher Brief ist in der heutigen Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ veröffentlicht. Er lautet:

Die Aussage von Tierschützern, dass man alle Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzen könnte, ist schlicht falsch. Die meisten Nobelpreise in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Eine Ausnahme stellt die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie dar (1949). Es ist nicht belegt, wie er auf die Idee der Psychochirurgie kam. Schädel aus der Bronzezeit deuten schon auf chirurgische Eingriffe hin.
Wichtiger ist aber, dass Moniz selber keine Tierversuche gemacht hat, um den Erfolg seiner Therapie zu belegen. Er berichtet von seiner Idee, dass es bei vielen psychiatrischen Erkrankung gilt, dauerhaft krankhafte Gedankenkreise zu durchbrechen. Weiter räsonierte er in seinem Gedankenexperiment (ohne Tierversuche hätte er heute eine Computersimulation benutzt), dass dies durch die Unterbrechung bestimmter Gehirnverbindungen erreicht werden kann.
Danach schritt er zur Tat und begann gleich mit Menschenexperimenten. Zuerst injizierte er 100-prozentiges Ethanol ins Gehirn von Patienten. Später entschloss er sich zu mechanischen Läsionen. Das Ausmaß der Zerstörungen konnte leider erst Jahre später erfasst werden. Man stellte fest, dass weit mehr als nur die anvisierten Gehirnverbindungen zerstört wurden.
Heute, nach der Einführung von Tierversuchen als gesetzliche Pflicht zur Dokumentation von Therapieerfolgen wären diese Schäden viel früher festgestellt und die Methode wäre gleich verboten worden. Tierversuche sind leider weiter notwendig. Dass sie uns keine 100-prozentige Sicherheit garantieren, ist für jeden vernünftigen Menschen ersichtlich. Dass Demagogen solch eine Sicherheit vorgaukeln, ist eigentlich ihr Kennzeichen.

Dr. med Fahad Sultan, Tübingen, Mörikestraße 37

Der Brief ist ein Armutszeugnis ohnegleichen! Erneut führt Sultan falsche Tatsachenbehauptungen an. Es ist sehr gut belegt, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie gekommen ist. In zahlreichen Publikationen legte er retrospektiv dar, was ihn dazu geführt hatte, operative Eingriffe aus psychiatrischer Indikation am Frontalhirn durchzuführen. Als Mediziner muss Sultan das wissen – es bleibt also nur die Schlussfolgerung, dass er die Öffentlichkeit absichtlich für dumm verkaufen will.

António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz

Wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, führt ausführlich beispielsweise Rainer Fortner in seiner 2003 an der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingereichten Dissertation Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen aus. Das Kapitel über die Anfänge der Psychochirurgie darin beginnt mit den Worten: „Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs in der Medizin die allgemeine Bereitschaft, experimentell gewonnene Erkenntnisse vom Tier auf den Menschen zu übertragen. Auch für die Hirnforschung und später für die Psychiatrie bedeutete dies einen entscheidenden Umbruch: Der englische Neurologe Ferrier führte 1880 am Affen elektrische Reizungen des Frontalhirns durch […]. Einige Jahre später berichtete der deutsche Physiologe Goltz über seine Beobachtungen an Hunden, denen er zuvor Teile des Großhirns herausgeschnitten hatte“.2 Egas Moniz bezog sich auch auf die Experimente des russischen Physiologen Pawlow, dessen Forschungen maßgeblich zum Popularitätsgewinn von Tierexperimenten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beigetragen hatten – die Versuche Pawlows an Hunden und seine daraus entwickelte Theorie von den „bedingten Reflexen“ (klassische Konditionierung) wurden weltberühmt. Er erwähnte ebenso die Experimente von Bechterew und Luzaro, die nach Exzision der Präfrontallappen von Hunden zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie der bereits erwähnte Physiologe Goltz. Die von Fulton und Jacobsen durchgeführten Versuche an Schimpansen beschrieb Moniz retrospektiv als „extremly valuable“; 1935 hatten die beiden englischen Physiologen Ergebnisse ihrer Forschungen, bei denen sie die Bedeutung des Frontalhirns in Bezug auf Problemlösungsfähigkeit und Lernprozesse untersucht hatten, auf dem Neurologiekongress in London vorgestellt. Nach einer doppelseitigen Entfernung von Teilen des Frontalhirns waren verschiedene Aufgaben für die Affen unlösbar und nicht wieder erlernbar geworden. Bei der Schimpansin Betty wurden als Nebenbefund Charakterveränderungen festgestellt: Musste sie vor der Operation noch in den Versuchskäfig gezerrt werden, weil sie sich weigerte, diesen zu betreten und daraufhin defäkierte und urinierte, betrat sie ihn nun – nach der Operation am Frontalhirn – alleine und auf bereitwillige Weise.3 In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema, in dem die große Bedeutung dieser Experimente an Schimpansen für die Entwicklung der Psychochirurgie betont wird, heißt es zu dem Londoner Neurologiekongress: „In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Es kann also nicht die Rede davon sein, dass „nicht belegt“ sei, wie Egas Moniz auf die Idee der Psychochirurgie kam, wie Sultan behauptet. Fakt ist: Die Psychochirurgie wurde vor ihrer Anwendung am Menschen von verschiedenen Wissenschaftlern an verschiedenen Tierarten getestet, und die Ergebnisse dieser Tierexperimente bewogen Egas Moniz überhaupt erst dazu, solche Eingriffe auch beim Menschen vorzunehmen. Die Geschichte der Psychochirurgie, die, wie Dr. Sultan selbst schreibt, „zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten“ führte, spricht also in Wahrheit gegen die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen. Sie als Argument für Tierversuche anzuführen, kann nur gelingen, wenn man wie Dr. Sultan Geschichte grob verfälscht und dergestalt eine breite Öffentlichkeit, die sich in speziellen Fragen der Medizingeschichte nicht auskennt, täuscht. Natürlich ist diese Öffentlichkeit gewogen, sich in medizinischen Fragen auf die Informationen eines „Dr. med.“ zu verlassen. Schamlos nutzt Sultan also seine berufliche Stellung aus, um die Tübinger Öffentlichkeit, die seine Experimente an Affen mit ihren Steuergeldern finanziert, zu täuschen.
Auch für seine weiteren Behauptungen, dass Tierversuche „leider weiter notwendig“ seien, bleibt er jeden Beweis schuldig. Er räumt stattdessen ein, dass sie „keine 100-prozentige Sicherheit garantieren“ – damit spielt er den wahren Schaden, den Tierversuche anrichten, maßlos herunter: Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.4

  1. Abteilung Kognitive Neurologie, Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung, Ottfried-Müller-Str. 27, 72076 Tübingen; Labor für Primaten-Neurokognition, Abteilung für Tierphysiologie, Institut für Zoologie, Universität Tübingen, Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen; Max-Planck-Institut (MPI) für Biologische Kybernetik, Spemannstraße 38, 72076 Tübingen. [zurück]
  2. Rainer Fortner: Egas Moniz (1874-1955) – Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Leukotomie und ihrer ethischen Implikationen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg Würzburg 2003, S. 48f., hier online einsehbar. [zurück]
  3. Ebd., S. 53f. [zurück]
  4. Vgl. den Bericht „Tübinger Affenqual?“ im „Schwäbischen Tagblatt“ vom 9. Mai 2011 über unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ mit der Veterinärmedizinerin Dr. Hiltrud Straßer am 5. Mai. [zurück]

Peinlich: Tierexperimentatoren führen nachweislich falsche Behauptungen an

Tübinger Tierexperimentatoren und deren Freunde melden sich wieder zu Wort: Nachdem Dr. med. Fahad Sultan sich als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) schon einmal per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zum Thema geäußert hat (zum Kommentar Dr. Sultans Geheimnis), legt er nun mit einem erneuten Leserbrief nach; Matthias Wiesner vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik will seinem Arbeitskollegen mit seinem heute vom „Schwäbischen Tagblatt“ veröffentlichten Brief1 wohl helfen, was aber gründlich schief geht.
In unserer ebenfalls als Leserbrief veröffentlichten Antwort auf Sultans ersten Brief hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass, seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft – seit zweieinhalb Jahren also –, die Experimentatoren nicht in der Lage sind, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. In intellektuell unredlicher Weise wurde in Sultans Brief stattdessen durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert. Dieses Vorgehen Sultans schloss an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview. Er selbst forsche über Alzheimer anhand von Tierversuchen – allerdings an Fliegen und Würmern. Jucker gab damit die kostspielige Anzeige der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft komplett der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig).
Auch die erneuten Versuche, öffentlich für Tierexperimente zu argumentieren, scheitern kläglich. Es ist verständlich, dass Matthias Wiesner als Beschäftigter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik seinem Kollegen, dem Tierexperimentator Dr. Sultan, zur Seite stehen will. Verständlich ist auch, dass beide in ihren Briefen verschweigen, in welchem Verhältnis sie zum MPI stehen. Zum Zweck der Verteidigung von Tierversuchen allerdings mit nachweislich falschen Behauptungen aufzuwarten, ist schlicht peinlich.
In Dr. Sultans Leserbrief heißt es etwa: „Viele mit dem Nobelpreis gewürdigten Ergebnisse in der medizinischen Forschung beruhen auf Tierversuchen. Die wenigen, die es nicht taten, führten meist zu verheerenden Ergebnissen. Die von Egas Moniz entwickelte Psychochirurgie, bekannt durch den Film ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, führte zur Verstümmelung von einer Million psychiatrischer Patienten. Diese ‚Therapie‘ wurde vorher leider nicht an Tieren getestet.“

Das Gegenteil aber ist der Fall – entsprechende Versuche, die an Schimpansen durchgeführt worden waren, brachten Egas Moniz überhaupt erst auf die Idee, diese Methode auch beim Menschen anzuwenden! In einem in der NZZ veröffentlichten Artikel zum Thema heißt es hierzu: „Von grosser Bedeutung waren die Experimente, die Charles Jacobson und John Fulton in den 1930er Jahren an der Yale University an Schimpansen vornahmen. Die Forscher hatten den Tieren Teile des Stirnhirns entfernt, worauf diese ‚frei von emotionalen und frustrierten Verhaltensweisen‘ schienen. 1935 stellte Fulton an einem Kongress in London die Experimente vor. In der anschliessenden Diskussion fragte jemand, ob mit der Entfernung des Stirnhirns nicht auch beim Menschen Angstzustände zu lindern wären. Der Teilnehmer, der mit seiner Frage bei der Mehrheit der Zuhörer Kopfschütteln oder Entsetzen hervorrief, war der 61 Jahre alte Antonio Egas Moniz, Professor für Neurologie und Psychiatrie in Lissabon.“
Auch die Ausführungen von Matthias Wiesner sind nicht überzeugender und teilweise schlicht falsch. So schreibt er etwa: „Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben.“ Penicillin wurde aber nicht 1893, sondern erst 1928 entdeckt,2 und zwar keineswegs durch Tierexperimente, sondern durch Zufall: Alexander Fleming hatte vor den Sommerferien am St. Mary’s Hospital in London eine Agarplatte mit Staphylokokken beimpft und beiseite gestellt; bei seiner Rückkehr am 28. September entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen Nachbarschaft die Bakterien sich nicht mehr vermehrten.

Fleming nannte den bakterientötenden Stoff, der aus dem Nährmedium gewonnen werden konnte, Penicillin und beschrieb ihn für die Öffentlichkeit erstmals 1929 im British Journal of Experimental Pathology. Später wurden auch Tierversuche mit Penicillin durchgeführt. Nach heutigen Standard-Tierversuchen aber wäre der Stoff überhaupt nicht zugelassen worden, weil er tödlich für Meerschweinchen und andere Nager ist.
Ähnlich wie Penicillin haben viele weitere Wirkstoffe, die für andere Tiere schädlich oder tödlich sind, positive Wirkungen auf Menschen: Digitalis, Herzmedikament für den Menschen, erzeugt bei Hunden Bluthochdruck; Chloroform, Narkosemittel für Menschen, ist für Hunde giftig; Morphium hat eine beruhigende Wirkung auf Menschen und Ratten, erzeugt bei Katzen und Mäusen aber manische Erregungszustände; Aspirin verursacht Geburtsschäden bei Ratten, Mäusen, Affen, Meerschweinchen, Katzen und Hunden, jedoch nicht beim Menschen. – Folgende Wirkstoffe wurden im Tierversuch als sicher befunden, was tragische Konsequenzen nach sich zog: Eraldin verursacht Blindheit, Magenbeschwerden, Gelenkschmerzen und Wucherungen; Opren: 3.500 Menschen litten unter ernsthaften Nebenwirkungen wie Schäden an Haut und Augen, Kreislaufbeschwerden, Leber- und Nierenschäden, 70 Menschen starben; Flosint verursachte den Tod von 7 Menschen; Osmosin: Nebenwirkungen bei 650 Menschen, 20 Menschen starben; Chloramphenicol verursachte tödliche Blutkrankheiten; Clioquinol verursachte 30.000 Fälle von Blindheit und/oder Lähmungen, Tausende starben; Thalidomid verursachte als Wirktstoff in den Medikamenten Contergan und Softenon weltweit ca. 10.000 Geburtsschäden.

Das Amerikanische Institut für Medikamentenzulassung hat ermittelt, dass nur vier Prozent der erfolgreich an Tieren getesteten Medikamente letztendlich auf dem Markt bleiben, während der Rest beim Menschen keine Wirkung zeigt oder zu heftigen Nebenwirkungen führt. Mit anderen Worten: 96 Prozent aller Tierversuche sind sinnlos.
Um es mit Matthias Wiesner zu sagen: „Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann.“ Der polemische Satz, mit dem er seinen Brief dann schließt, wird durch die genannten Fakten allein bereits relativiert: „Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis“, so Wiesner. Durch fehlerhafte Argumentation – nämlich durch den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten,3 hatte auch Dr. Sultan in seinem ersten Brief Bedenken, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen, schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ verworfen. Fakt ist aber doch, dass, insofern sich die Ideologie der gewaltdurchwirkten Ausbeutung von Tieren bis in die späte Moderne hinein aus der unabweisbaren Realität einer unter Versorgungsmangel leidenden Gesellschaft erklärte, dieses ökonomische Strukturmoment heute in den Industriegesellschaften überwunden ist: Der Tierausbeutung ist „die reale Grundlage ihrer historisch gewachsenen Notwendigkeitsideologie objektiv abhanden“ gekommen, so der israelische Soziologe Moshe Zuckermann.

Durch falsches ideologisches Bewusstsein ohne reale Basis zeichnet sich also vielmehr aus, wer am durch die moderne Wissenschaft widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält. Progressive WissenschaftlerInnen erkennen heutzutage an, dass der Speziesismus, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in seinem Vortrag Vorbei mit den Grenzen. Warum sich der Mensch nur graduell vom Tier unterscheidet.

  1. Anmerkung, 29. Mai 2011: An dieser Stelle war im Text ursprünglich ein Link zum Leserbrief von Matthias Wiesner auf tagblatt.de. Wiesner scheint dafür gesorgt zu haben, dass dieser auf tagblatt.de entfernt wurde, jedenfalls ist er nicht mehr online zugänglich. Der in der Printausgabe des „Schwäbischen Tagblatts“ am 19. Mai abgedruckte Brief lautet: „Als langjähriger Patient mit einer Vielzahl an Eingriffen erstaunen mich Herrn Rudes gebetsmühlenartig vorgetragenen Versuche, den Nutzen von Tierversuchen für den Menschen zu leugnen. Fragen Sie doch mal die Menschen, welche zum Beispiel eine Herz-OP überlebt haben. Heutzutage ein Standardeingriff, aber wie wurden die Methoden entwickelt? Die Herz-Lungen-Maschine wurde seit 1935 permanent optimiert mithilfe von Tierversuchen. Eine Endokarditis (Herzmuskelentzündung) ist mit Tofu und Globuli behandelbar, allerdings mit einer hohen Mortalitätsrate behaftet. Die Entwicklung des Penicillins geht auf das Jahr 1893 zurück und rettet millionfach Leben. Die Entwicklung von Sehchips und Hirnschrittmachern sind ohne Tierversuche nicht möglich und befinden sich in klinischen Anwendungen, auch in Tübingen. Zum Nutzen des Patienten. Das sind Fakten, über die niemand hinwegsehen kann. Wie aber die antispeziesistische Realitätsverleugnung außer durch kognitive Dissonanz oder ideologische Verblendung möglich ist, bleibt wohl deren Geheimnis. – Matthias Wiesner, Tübingen, Untere Straße 9.“ [zurück]
  2. Von italienischen Autoren wird neuerdings behauptet, Bartolomeo Gosio habe das erste Penicillin entdeckt, was aber eindeutig falsch ist (ab 1893 untersuchte Gosio die Vitaminmangelkrankheit Pellagra, deren Ursache er in einem Pilzbefall von Mais vermutete. Hier isolierte und kristallisierte er die Mycophenolsäure, die heute als das erste, gut charakterisierte Beispiel für ein Antibiotikum gilt. Gosio machte die Beobachtung, dass sie das Wachstum des Milzbranderregers behinderte. Obwohl Gosio seine Erkenntnisse 1896 noch einmal zusammenfasste, untersuchte er den Stoff nicht weiter, wohl weil er eigentlich an Pellagra interessiert war). [zurück]
  3. Naturalistischer Fehlschluss bzw. Sein-Sollen-Fehlschluss/Humes Gesetz. [zurück]

Dr. Sultans Geheimnis

Als Reaktion auf unsere Veranstaltung „Brauchen wir Tierversuche?“ (zum Pressebericht) hat sich nun Dr. med. Fahad Sultan per Leserbrief im „Schwäbischen Tagblatt“ zu Wort gemeldet.
Dr. Sultan wirft in seinem Brief zunächst die Frage auf, ob „wir Tiere überhaupt nutzen, oder gar töten“ dürfen. Eine „ernsthafte Diskussion“ über diese Frage will er schlicht mit dem Hinweis auf „die Werbeblätter der Discounter […] mit den Fleischangeboten auf den ersten Seiten“ unterbinden. Als Wissenschaftler und Teilnehmer einer Tagung am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften mit dem Thema „Tierethik – Tierversuche“ muss er um die Fehlerhaftigkeit einer solchen Argumentation wissen. Es handelt sich hier eindeutig um einen naturalistischen Fehlschluss oder um einen „Sein-Sollen-Fehlschluss“ (Humes Gesetz), also um den unzulässigen Versuch, aus einer rein deskriptiven Aussage (dem, was ist) eine normative Aussage (das, was sein soll) abzuleiten. Die Argumentation Sultans entbehrt jeglicher Objektivität und Wissenschaftlichkeit und resultiert rein aus dem Verlangen, seine eigenen Experimente an Primaten zu rechtfertigen. Es gibt heutzutage aber schlicht keine wissenschaftlichen Argumente mehr dafür, dass wir an anderen hochentwickelten Tieren Dinge vornehmen können, die beim Menschen als Folter und Mord gelten würden. Seit Darwin ist es unmöglich, die ideologische Kluft zwischen Mensch und Tier, mit welcher die Gefangenschaft und Tötung letzterer gerechtfertigt wird, aufrechtzuerhalten, und die moderne Wissenschaft sagt ausdrücklich, dass der Speziesismus – das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jede Ideologie, mit der dieses legitimiert wird – „unhaltbar“ ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College, in einem Vortrag.
Um Dr. Sultans „Einschätzung“ über Nutzen oder Schaden von Tierversuchen bewerten zu können, ist die Tatsache, dass er als Experimentator selbst direkt von den Primatenversuchen in Tübingen profitiert, entlarvend. Dass jemand, dessen Karriere davon abhängt, meint: „Wir brauchen weiter Tierversuche“, verwundert nicht. Seit die Kampagne gegen die Versuche läuft, seit zweieinhalb Jahren, sind die Experimentatoren aber nicht in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen der Experimente anzuführen. Die Gewalt, mit denen die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, gezwungen werden, an den Versuchen teilzunehmen, rechtfertigte Prof. Nikos Logothetis, Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, schlicht mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben (vgl. „Frontal 21″ über Tübinger „Opfer der Forschung“). Sein Kollege Dr. Sultan dagegen meint nun: „Wir brauchen weiter Tierversuche wegen der Schwierigkeit der Sachverhalte, nicht weil Wissenschaftler blutrünstige Monster sind.“ In intellektuell unredlicher Weise wird in seinem Brief durch die Nennung von „Krebs oder Parkinson“ ein Nutzen der reinen Neugierforschung für kranke Menschen bloß suggeriert.
Dieses Vorgehen Sultans schließt an jenes der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ an, die am Tag unserer Demonstration gegen Tierversuche im April 2009 eine große Anzeige im TAGBLATT schaltete, in der mit banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert wurde, die Alzheimer-Forschung sei auf Affenversuche angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte daraufhin Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im TAGBLATT-Interview und gab damit die kostspielige Anzeige der Lächerlichkeit preis (zum Bericht Tierexperimentatoren widersprechen sich gegenseitig). Ähnlich hilflos ist der Versuch von Sultan, die Experimente zu rechtfertigen. Letztlich bleibt ihm nur, auf „Forschungsfreiheit“ zu insistieren. Warum er sich als Verteidiger freier Wissenschaft geriert, in diesem Zusammenhang aber ausgerechnet den barocken Prediger Abraham a Santa Clara zitiert, der sich u.a. durch Feindschaft gegenüber Juden und Frauen auszeichnet und z.B. davon gesprochen hat, „diesen Weibern auf die entblößten Brüste [zu] scheißen“, bleibt Dr. Sultans Geheimnis.

Foto oben: „Primatenstuhl“ bei einem der Experimente am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, an denen Dr. Sultan u.a. beteiligt ist.

Die Tiere Rosa Luxemburgs

Eine Zusammenfassung dieses Textes erschien als Artikel in der sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Wer das Leben verteidigt, ist FreiheitskämpferIn, keinE TerroristIn! Unbedingte Solidarität mit von Repression betroffenen AktivistInnen! – Dieser Text ist im Rahmen des Projekts totalliberation allen Tierrechtsgefangenen gewidmet. Bleibt fest und klar und heiter; ja heiter, trotz alledem!

„COAGULA / Auch deine / Wunde, Rosa. / Und das Hörnerlicht deiner / rumänischen Büffel / an Sternes Statt überm Sandbett, im / redenden, rot- / aschengewaltigen / Kolben.“ – Paul Celan, 1965.

Solidarität mit den quälbaren Körpern
Rosa Luxemburg: Marxistische Theoretikerin, bedeutende Vertreterin des proletarischen Internationalismus, Antimilitaristin, Gründungsmitglied der KPD, Revolutionärin – am 15. Januar 1919 von der Reaktion ermordet. Zuvor, während des ersten Weltkriegs, hatte sie insgesamt drei Jahre und vier Monate in verschiedenen Gefängnissen verbracht, bis sie im November 1918 im Zuge der Novemberrevolution befreit wurde und nach Berlin zurückkehren konnte. Als Mitherausgeberin der Zeitung Die Rote Fahne nahm sie täglich Einfluss auf die Entwicklung der Revolution. In einem ihrer ersten Artikel forderte sie die Amnestie aller politischen Gefangenen und die Abschaffung der Todesstrafe. Denn eine ihrer Grundüberzeugungen war, wie sie einmal in einem Brief schrieb: „Ich weiß, für jeden Menschen, jede Kreatur, ist eigenes Leben das einzige, einmalige Gut, das man hat, und mit jedem kleinen Flieglein, das man achtlos zerdrückt, geht die ganze Welt jedesmal unter; für das brechende Auge dieses Fliegleins ist alles so gut aus, als wenn der Weltuntergang alles Leben vernichtete.“1
Der Historiker, Philosoph und Kulturwissenschaftler Moshe Zuckermann interpretiert das Denken und Handeln Rosa Luxemburgs als visionären Kampf um Versöhnung von Mensch und Natur. Ihr Leben und ihr Tod stehen für ihn „im Zeichen einer gedachten wie gelebten Aufbäumung gegen erlittenes Leid von Mensch und Tier, der existenziellen Weigerung, sich mit den Repressionsstrukturen fehlgelaufener zivilisatorischer Entwicklung abzufinden und zu versöhnen.“ Ihren Kampf um Befreiung und Freiheit der Leidenden in Gesellschaft und Natur, den Kampf gegen menschgemachte Repression, habe Rosa Luxemburg mit selbsterfahrener Repression, die in der Auslöschung ihres Lebens gemündet sei, bezahlt. „Dieser Preis steht für etwas, das über das grauenvolle Ende der Revolutionärin hinausgeht: das unweigerlich mitzubedenkende Opfer, welches man der Emanzipation darzubieten hat, wenn es darum geht, ein menschliches Dasein zu schaffen, in dem Leid von Mensch und Tier historisch überwunden wären“ – so der Ankündigungstext des Vortrags von Moshe Zuckermann über Rosa Luxemburg – erlebtes Leid, Mitgefühl und gesellschaftliche Revolution, den er auf dem im Oktober 2010 in Hamburg abgehaltenen internationalen Antirepressionskongress New Roads of Solidarity hielt.
Ein Ausspruch Rosa Luxemburgs lautet: „Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit, dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muß umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“ – Ihr zu entgegnen, die Revolution habe eben ihren Preis und der Mensch müsse schließlich essen, hieße nach Zuckermann nichts weniger, als die fundamentale Weigerung, Leiden in welcher Form auch immer zu akzeptieren, preiszugeben. Empathie und Leiderfahrung seien bei Rosa Luxemburg ein zentrales Moment, sie sei sogar der Überzeugung gewesen, dass es keine Emanzipation des Menschen ohne Emanzipation der Natur geben könne. Zuckermann plädiert deshalb dafür, die theoretische Forderung nach internationaler Solidarität um den Komplex umfassender Leiderfahrung zu erweitern. Bei der Entwicklung neuer sozialistischer Perspektiven muss ein Umstand Beachtung finden: Dass unsere Zivilisation „die industrielle Menschen- und Tiervernichtung zur kultur-barbarischen Perfektion getrieben hat“, wie es Zuckermann in seinem Aphorismus Zertretener Wurm, den er als Solidaritätsbekundung für die in Österreich vor Gericht stehenden TierbefreiungsaktivistInnen Kevin, Sabine, Christof, Jan, Leo und für „all die anderen, die für eine wahrhaft menschliche Welt kämpfen“, verfasst hat, ausdrückt. Auf den Einwand, man solle da tunlichst Mensch und Tier auseinanderhalten, antwortet er: „Wann hätte das selbstherrlich argumentierte Auseinanderhalten die Menschen je davon abgehalten, sich gegenseitig so abzuschlachten, ‚als wären sie Tiere‘?“
Unsere Bewegung beruht, wie die feministische Sozialistin Donna Haraway – die ihr selbst übrigens nicht angehört – einmal schreibt, nicht auf der irrationalen Verleugnung der Einzigartigkeit des Menschen, sondern „auf der klarsichtigen Erkenntnis einer sehr realen Verbundenheit, die quer zu dem diskreditierten Bruch zwischen Natur und Kultur verläuft.“ Die Aufgabe der politischen Tierbefreiungsbewegung als Teil der emanzipatorischen Linken muss sein, darauf aufmerksam zu machen, dass die Forderung nach Emanzipation im Zuge einer sozialen Umwälzung diejenigen nicht ausschließen darf, die in unserem Gesellschaftsbau ganz unten angesiedelt sind – in der „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“, wie es Max Horkheimer in seinem berühmten Text Der Wolkenkratzer von 1934 ausdrückt, in dem er als „Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart“ die Metapher eines Hauses benutzt, dessen Keller ein Schlachthof und dessen Dach eine Kathedrale sei. Dieses Haus „gewährt in der Tat aus den Fenstern der oberen Stockwerke eine schöne Aussicht“ – wir sollten unsere Augen aber vor dem Blick nach unten nicht verschließen. Dabei kann sich unsere Solidarität nicht nur auf andere Menschen beschränken, genauso wenig, wie unser Bestreben sich nicht nur auf das Wohl nichtmenschlicher Tiere richten sollte – denn damit hätten wir jeweils lediglich Teilaspekte des Ausbeutungsapparates im Auge. Unsere Bewegung kämpft gegen Tierausbeutung, ohne dabei die Befreiung der Menschen aus dem Auge zu verlieren; sie übt damit eine umfassende „Solidarität mit den quälbaren Körpern“ (Theodor W. Adorno).
Wenn es darum geht, die Solidarität mit den Unterdrückten auf die quälbaren Körper – egal, welcher Spezies sie angehören –, auszuweiten und die Befreiung der Tiere in die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse mit aufzunehmen, so kann das Denken Rosa Luxemburgs in dieser Hinsicht tatsächlich einige visionäre Impulse geben. Es gibt auch eine gewisse linke Tradition, die diese Forderung bereits explizit formulierte – hier sind etwa Leonard Nelson und der Internationale Sozialistische Kampfbund sowie die Frankfurter Schule zu nennen –, eine breitere soziale Bewegung aber, um sie durchzusetzen, bildet sich erst in den letzten Jahrzehnten. Diese ist allerdings vorwiegend aktionsorientiert; das theoretische Fundament der Tierbefreiungsbewegung befindet sich im Moment noch im Aufbau, es gibt noch keinen gefestigten politischen Rahmen, was z.B. in Bezug auf mögliche BündnispartnerInnen mitunter bis hin zur Tolerierung von Positionen führen kann, die dem emanzipatorischen Anspruch der Bewegung zuwiderlaufen. Rosa Luxemburgs Leben, Wirken und Tod können der jungen Bewegung in dieser Hinsicht Orientierung geben, denn sie symbolisieren, wie Moshe Zuckermann es in einem zuerst im März 2010 in der Tageszeitung junge welt erschienenen Artikel ausdrückte, „unbeirrbaren Humanismus, rigorosen Widerstand gegen Bejubelung von Krieg und Aggression, uneingeschränkte Insistenz auf Wahrung der Marxschen Emanzipationspostulate, konsequenten Kampf gegen Knechtung von Geist und Gewissen und eine endlose Mitleidsfähigkeit, natürliche Bereitschaft zur Wahrnehmung von Leiderfahrung und Geschundenheit menschlicher wie tierischer Kreaturen.“

Rosa Luxemburgs Tiere
Eine Betrachtung, die sich der Frage widmet, welche Rolle Tiere in der Erfahrungswelt der Rosa Luxemburg gespielt haben, wäre nicht vollständig, fände die Katze Mimi keine Erwähnung. Aus der Zeit zwischen 1907 und 1915, als Rosa Luxemburg eine Liebesbeziehung zu Kostja Zetkin pflegte, gibt es kaum einen Brief an den Geliebten, in dem nicht auch über sie berichtet wird; die meisten Briefe enden außerdem mit Wendungen wie „Wir grüßen Dich“ , „Wir küssen Dich beide“ oder „Liebling, sei heiter, ich küsse dich auf den süßen Schnabel, Mimi auch“. Im Rahmen eines solchen Briefes vom 5. Juli 1910 übt Rosa Luxemburg übrigens auch Kritik an der Jagd, indem sie sich über den Berliner Arzt Arthur Süßmann mokiert: „Denk Dir, der dumme Süßmann, der ein großer Jäger vor Jehova ist, sagte mir, als er Mimi sah, er hätte erst neulich etwa ein Dutzend Katzen erschossen […]. Die Bauern beklagten sich über dieses Niederknallen der Katzen, aber die Herren Jäger aus Berlin glauben sich im Recht, ‚dem Wildschaden‘ zu wehren.“
Als sie 1917 in der Festung Wronke (Posen) inhaftiert ist, schreibt sie ihrer Freundin Sophie Lieknecht, der Frau von Karl Liebknecht, der im Zuchthaus Luckau als „Landesverräter“ einsaß, sie habe den „heroischen Entschluß“ gefasst, Mimi nicht zu sich ins Gefängnis kommen zu lassen, denn sie sei „gewöhnt an Munterkeit und Leben, sie hat es gern, wenn ich singe, lache und mit ihr durch alle Zimmer Haschen spiele, sie würde mir hier ja trübsinnig werden.“ Das mag wohl eine schwere, aber sicher richtige Entscheidung gewesen sein, vergegenwärtigt man sich die Lebensbedingungen in Haft. Rosa Luxemburg vergleicht ihre eigene Situation als Inhaftierte mit jener eines Tiers im Käfig oder „eines wilden Tieres im Zoo“, ihr Herz sei „schon gewöhnt, zu parieren wie ein gut dressierter Hund“. Dennoch betont sie ihrer Freundin gegenüber, die sie mit den Kosenamen „Sonitschka“ und „Sonjuscha“ anschreibt, stets, sie sei ruhig und heiter, und ermahnt auch sie: „Bleiben Sie ruhig und heiter, trotz alledem!“

Sophie und Karl Liebknecht mit Karls Kindern.

Rosa Luxemburg war vom 10. Juli bis zum 26. Oktober 1916 in Berlin inhaftiert, im Polizeigefängnis am Alexanderplatz und im Frauengefängnis in der Barnimstraße. Im Herbst wurde sie nach Wronke verlegt. Der Ort, zu deutsch „Krähenwinkel“, lag in dem von Preußen annektierten und dem Deutschen Reich eingegliederten polnischen Gebiet. Im Juli 1917 schließlich wurde sie in die Breslauer Gefängnisanstalt überführt. Die Briefe, die sie im Gefängnis geschrieben hat, legen Zeugnis ab von ihrer Zuversicht und Stärke, die sie sich auch in misslichen Lagen immer bewahrt hat. Darüber hinaus zeigt sich in ihnen ihre fast grenzenlose Empathie gegenüber Tieren, die sich in einer Sprache ausdrückt, die frei von speziesistischen Wendungen ist: Betrachtet man Formulierungen wie beispielsweise „Gestern, am 1. Mai, begegnete mir – raten Sie wer? – ein strahlender frischer Zitronenfalter!“ wird deutlich, dass Rosa Luxemburg Tieren keineswegs als bloßes Exemplar oder als Objekt von Studien begegnet; im Gegenteil nimmt sie sie stets als Individuen wahr. Dies kommt bereits in früheren Briefen deutlich zum Ausdruck. So schrieb sie etwa im Dezember 1914 an Kostja Zetkin: „Wir haben viele Freunde in diesem Jahr verloren: Jaurès, Faisstling und das kleine Kätzlein. Das war ein böses Jahr.“ Der französische Sozialist Jean Jaurès war am 31. Juli in Paris ermordet worden, der Heilbronner Rechtsanwalt Hugo Faisst war am 30. Juli gestorben, bei der Katze handelte es sich um eine der Katzen der Familie Zetkin – im November hatte Rosa Luxemburg durch einen Brief von Kostja Zetkin zuerst erfahren, dass sie krank geworden, und in einem zweiten Brief, dass sie gestorben war. Wie man aus einem Brief Rosa Luxemburgs vom 12. Juni 1916 an Clara Zetkin entnehmen kann, gab es unter den Tieren, die bei den Zetkins lebten, in der Folgezeit noch weitere Todesfälle; sie schreibt: „Wir haben in diesen zwei Jahren so viele Freunde verloren: Faisst, die Mimige, den kleinen Peterling, jetzt Wölfer; auch den lieben dummen Troll. Sie werden alle nicht vergessen.“

Aus dem Brief vom 17. Juli 1917.

In der Haft beschäftigt sich Rosa Luxemburg, wie sie schreibt, viel mit Pflanzen- und Tiergeografie. Auch ihren Freundinnen Sophie Liebknecht und Mathilde Jacob rät sie, viel im Freien zu sein, zu „botanisieren“. Sie selbst kann das nur begrenzt. In ihrer Haftzeit in Wronke besteht immerhin die Möglichkeit, Zuflucht in einen kleinen Garten zu nehmen; diese nutzt sie intensiv: „Ich bin jetzt fast den ganzen Tag draußen, schlendre in den Sträuchern herum, suche alle Winkel meines Gärtleins ab und finde allerlei Schätze“, schreibt sie am 2. Mai 1917.
Im Garten begegnen ihr die verschiedensten Tiere. Am 5. April schreibt sie über Wespen: „Sie tun mir nie was, setzen sich mir im Freien sogar auf die Lippen, was sehr kitzelt“; am 13. April weiß sie zu berichten: „Zu uns sind jetzt viele Zwergmäuse vom Feld ins Gefängnis hineingekommen, weil es draußen naß ist“; am 15. April erzählt sie, sie besuche im Garten jeden Tag einen Marienkäfer, beobachte die Wolken und „fühle mich im ganzen nicht wichtiger als dieses Marienkäferlein und in diesem Gefühl meiner Winzigkeit unaussprechlich glücklich.“
Besonders angetan aber haben es ihr Vögel; das merkt man schon daran, dass sie ihre Freundin Sophie Liebknecht in den Briefen stets als ein „Vögelein“ bezeichnet. Mitte November 1917 beispielsweise schreibt sie: „Sonitschka, mein liebes Vöglein, wie oft denke ich an Sie; vielmehr sind Sie mir ständig gegenwärtig, und stets habe ich das Gefühl, Sie seien einsam und verweht wie ein frierender Sperling, und ich müßte um Sie sein, um sie aufzuheitern und zu beleben“, und weiter: „Es ist zum Lachen und zum Weinen, daß ein so zartes Vöglein, das zum Sonnenschein und unbekümmerten Gesang geboren war, wie Sie, in eine der düstersten und grausamsten Perioden der Weltgeschichte vom Schicksal verschlagen ward. Aber wir werden jedenfalls Seite an Seite die Zeiten durchschwimmen, und es wird schon gehen.“ Nachdem sie über den Vogelzug geschrieben hat, dass dort verschiede Arten, die sich sonst als Todfeinde befehden, friedlich nebeneinander die große Reise südwärts übers Meer machen, ja, man sogar beobachtet habe, dass auf dieser Reise große Vögel viele kleine auf ihrem Rücken transportieren – an den Arzt Hans Diefenbach, mit dem sie befreundet ist, schreibt sie in diesem Zusammenhang: „Wenn ich so etwas lese, bin ich erschüttert und lebensfreudig gestimmt, daß ich sogar Breslau für einen Ort halte, in dem Menschen leben können“ –, meint sie: „Wenn es also mal auch für uns heißt, in Sturm und Drang ‚über das große Meer‘ zu fliegen, dann nehmen wir die Sonitschka auf den Buckel, und sie wird uns dort unterwegs sorglos zwitschern“.
Bereits im Dezember 1916 wusste sie Luise Kautsky in der ihr eigenen tragischen Komik zu berichten, Elstern seien ihr „einziges Auditorium hier“ – sie bringe ihnen „die weltstürzendsten Ideen und Losungen bei und lasse sie dann wieder losflattern“.

Rosa Luxemburg, Luise Kautsky, Sommer 1909.

Zu einigen Vögeln, denen sie in ihrer Haftzeit in Wronke begegnet, entwickelt Rosa Luxemburg eine besondere Beziehung – sie bezeichnet sie schnell als ihre Freunde. Am 23. Mai 1917 schreibt sie an Sophie Liebknecht, sollte sie im Herbst noch in Wronke sein, „dann werden alle meine Freunde wieder zurückkehren und an meinem Fenster Futter suchen; ich freue mich schon jetzt auf die eine Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin.“ Im selben Brief berichtet sie von einer Blaumeise. Seit Anfang Mai sei die Meise verschwunden gewesen, um zu brüten. Aber:


Gestern höre ich plötzlich von drüben über die Mauer, die unseren Hof von einem anderen Gefängnisterrain trennt, den bekannten Gruß, aber so ganz verändert, nur ganz kurz und eilig dreimal hintereinander: ‚Zizi bä – Zizi bä – Zizi bä!‘, dann wurde es still. Mir zuckte das Herz bei zusammen, so viel lag in diesem eiligen, fernen Ruf: eine ganze Vogelgeschichte […]. Meine Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell hielt, glaubte steif und fest, daß König Salomo die Sprache der Vögel verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner fünfzehn Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese mütterliche Naivität. Jetzt bin ich selbst wie König Salomo: Ich verstehe auch die Sprache der Vögel und aller Tiere. Natürlich nicht, als ob sie menschliche Worte gebrauchten, sondern ich verstehe die verschiedensten Nuancen und Empfindungen, die sie in ihre Laute legen. Nur dem rohen Ohr eines gleichgültigen Menschen ist ein Vogelgesang immer ein und dasselbe. Wenn man die Tiere liebt und für sie Verständnis hat, findet man große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, eine ganze ‚Sprache‘.

Doch im Herbst ist Rosa Luxemburg nicht mehr in Wronke. Am 22. Juli 1917 wird sie ins Gefängnis in Breslau überführt. Dort sind die Haftbedingungen schlechter. Am 2. August schreibt sie an Sophie Liebknecht: „Was mir hier fehlt, ist natürlich die relative Bewegungsfreiheit, die ich dort hatte, wo die Festung den ganzen Tag offenstand, während ich hier einfach eingesperrt bin, dann die herrliche Luft, der Garten und vor allem die Vögel! Sie haben keine Ahnung, wie ich an dieser kleinen Gesellschaft hing.“ Bedrückt berichtet sie Hans Diefenbach am 13. August, in Breslau führe sie das regelrechte Dasein einer Strafgefangenen. Auf dem gepflasterten Gefängnishof gebe es nichts zu entdecken. „Der Abrutsch nach Wronke ist in jeder Hinsicht ein schroffer, aber dies nicht als Klage, sondern nur zur Erklärung, weshalb ich Ihnen vorläuftig keinen aus Rosenduft, Himmelblau und Wolkenschleiern gewobenen Brief schreiben kann, wie Sie’s aus Wronke gewöhnt sind“, meint sie, und weiter: „Die Heiterkeit wird mir schon noch zurückkommen – trage ich sie doch in mir selbst in unerschöpflichen Mengen“. Im Hof gebe es nur zwei schmale Rasenstreifen. Immerhin habe sie bereits die vorkommenden Spezies festgestellt: Schafgarben und Habichtkräuter, um die Kohlweißlinge flatterten. Außerdem gebe es Tauben.
Zu einer der Tauben entwickelt sie eine „schweigsame Freundschaft“, wie sie gegenüber Mathilde Jacob am 3. Juni 1918 berichtet: „Die braune Taube, die ich hier im Winter in meiner Zelle pflegte, als sie krank war, erinnert sich wohl meiner ‚Wohltaten‘: Sie hat mich einmal in dem Hof, wo ich nachmittags spazierengehe, entdeckt, und wartet nun jeden Tag pünktlich auf mich, sitzt neben mir aufgeplustert auf dem Kies oder läuft mir nach, wenn ich eine Runde mache.“ Die Tauben spazieren alsbald sogar in der Zelle herum, und am 12. September schreibt Rosa Luxemburg: „Ich war jetzt ein paar Tage bettlägerig, da kamen die Tauben – zu mir aufs Bett!“
Immer wieder bricht unter den erschwerten Haftbedingungen nun das Gefühl der Verzweiflung durch. Am 30. März 1917 schreibt Rosa Luxemburg an Hans Diefenbach:


Ich fühle mich wie eine erfrorene Hummel; haben Sie schon mal im Garten an den ersten frostigen Herbstmorgen eine solche Hummel gefunden, wie sie ganz klamm, wie tot, auf dem Rücken liegt im Gras, die Beinchen eingezogen und das Pelzlein mit Reif bedeckt? Erst wenn die Sonne sie ordentlich durchwärmt, fangen die Beinchen sich langsam zu regen und zu strecken an, dann wälzt sich das Körperchen um und erhebt sich endlich mit Gebrumm schwerfällig in die Luft. Es war immer mein Geschäft, an solchen erfrorenen Hummeln niederzuknien und sie mit dem warmen Atem meines Mundes zum Leben zu wecken. Wenn mich Arme doch die Sonne auch schon aus meiner Todeskälte erwecken wollte!

Auch am 5. Juni geht es Rosa Luxemburg wieder sehr schlecht. An Sophie Liebknecht schreibt sie: „Seit ich Ihnen meinen letzten Jubelbrief über die Frühlingsherrlichkeit schrieb, ist es hier plötzlich kalt und grau geworden, und ich leide Qualen. […] ich weiß gar nichts mehr, ich verstehe nichts, nichts, als daß ich leide.“ Der Anblick eines sterbenden Schmetterlings wird nun zum Symbol für ihre eigene Lage: „Das halbtote Pfauenauge, das ich gerettet habe, ist in mein Zimmer zurückgekehrt, hat sich in einen dunklen Winkel mit zusammengeklappten Flügeln hingehockt und bleibt regungslos. Ich werde ebenso tun.“ – Am 8. Juni schließlich berichtet sie über den Tod des Pfauenauges, der sie sehr mitnimmt: „Mein kleiner Freund, den ich so hütete, ist mir doch heute nacht gestorben, und ich schicke Ihnen seine Leiche. Ich sah gerade noch nach ihm, wie es ihm gehe, als er die letzte Zuckung machte und mit ausgebreiteten Flügelchen flach auf das Fenster fiel. Sehen Sie, wie seine Beinchen krampfhaft gekrümmt und an den Körper gepreßt sind: Das ist die typische Haltung des Todeskampfes bei allen Tieren. Ich konnte heute die ganze Nacht kein Auge schließen“.
In ihrer Haftzeit in Breslau hält Rosa Luxemburg im Dezember 1917 auch eine Erfahrung fest, die für Ingolf Bossenz, Redakteur bei der Tageszeitung Neues Deutschland, der in seinem Artikel Die Linke und der „Marxismus ohne Fleisch“ fordert, dass die Solidarität mit den Tieren endlich integrales Element sozialistischer Programmatik und Praxis werden sollte, „zum Eindrucksvollsten, was sich in sozialistischer Literatur zum Thema ‚Solidarität mit den Tieren‘ findet“, gehört: Büffel, als Zugtiere vor einen Karren gesperrt, werden von Soldaten auf dem Gefängnishof geprügelt, bis sie bluten. Dies mit anzusehen, bedeutet für Rosa Luxemburg, „einen scharfen Schmerz“ zu erleben. Sie schreibt:


Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen … Die Soldaten, die den Wagen fuhren, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis sie begreifen lernten, daß sie den Krieg verloren hatten und daß für sie das Wort gilt: ‚vae victis‘ [wehe den Besiegten] … An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewohnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren. Die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstiels loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! ‚Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid‘, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein … Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete … Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll … Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die schönen freien, saftiggrünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel, die man dort hörte, oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde, schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt … Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumm und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.

Der Tübinger Literaturhistoriker Walter Jens sprach einmal von „einem Höchstmaß an verläßlicher Erkundung jener äußeren Welt, deren soziale, durch die Herrschaft einer winzigen Minorität bedingte Misere die Gefangene […] auf den Begriff gebracht“ habe, als sie das Leiden des Büffels beschrieb. In ihrem Artikel über den Hamburger Antirepressionskongress in der tierbefreiung 69 interpretiert Clarissa Scherzer das Luxemburg-Zitat, mit welchem ja das Programmheft des Kongresses beginnt, folgendermaßen: „Luxemburg fühlt sich eins mit den Büffeln; sieht sich in den Büffeln, nennt sie Brüder, gefangen, ohnmächtig, voll Schmerz und Sehnsucht wie sie, als politische Gefangene in Breslau […]. Eingesperrt wegen Aufhetzung zum Ungehorsam und Landes- und Hochverrat. Sie fühlt sich solidarisch mit dem Tier, das sie Bruder nennt; beide sind Opfer von Gewaltherrschaft.“
Tatsächlich ist das Denken Rosa Luxemburgs bestimmt von einer natürlich empfundenen, grundsätzlichen Verbundenheit mit allen fühlenden Wesen; man kann von einem Solidaritätskonzept sprechen, für das Speziesgrenzen überhaupt nicht zu existieren scheinen oder jedenfalls keinerlei Rolle spielen. Am 2. Mai 1917 etwa schreibt sie, sie habe am Tag vorher über die Ursache des Schwindens von Singvögeln – die zunehmende rationelle Forst- und Gartenkultur sowie der Ackerbau, die den Vögeln die natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen entziehen – gelesen und meint: „Mir war es so weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, daß ich weinen mußte.“ Sogleich stellt sie eine Verbindung her mit dem Schicksal der Indigenen Nordamerikas, die genauso „von ihrem Boden verdrängt und einem stillen, grausamen Untergang preisgegeben“ würden. Sie schreibt weiter:


Aber ich bin ja natürlich krank, daß mich jetzt alles so tief erschüttert. Oder wissen Sie? Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in mißlungener Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles ruhig sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‚Genossen‘. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele innerlich bankrotte Politiker, ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel Grausames, daß ich sehr leide.

Tatsächlich stirbt Rosa Luxemburg nicht einmal zwei Jahre später im revolutionären Kampf – nachdem sie im Hotel Eden verhört und schwer misshandelt worden ist, gibt Waldemar Pabst den Befehl, sie zu ermorden – mit Wissen und Duldung der SPD-Regierung. Erpicht auf eine finanzielle Belohnung, schlägt der am Seitenausgang bereitstehende Jäger Otto Wilhelm Runge sie mit einem Gewehrkolben nieder. Der Freikorps-Leutnant Hermann Souchon springt bei ihrem Abtransport auf den Wagen auf und erschießt die Schwerverletzte mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre letzten Worte sind: „Nicht schießen!“ Ihre Leiche wird im Berliner Landwehrkanal entsorgt.2 Ihr letzter Artikel in der Roten Fahne mit dem Titel Die Ordnung herrscht in Berlin endet mit den Worten: „Ihr stumpfen Schergen! Eure ‚Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‚rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“

Gedenkstele am Landwehrkanal.

Der heutigen Tierbefreiungsbewegung kann die speziesübergreifende Solidarität, die Verbundenheit, die Rosa Luxemburg mit allen leidenden Wesen fühlte – an Hans Diefenbach schrieb sie am 7. Januar 1917: „Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur“ –, Inspiration sein. Aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar ist, dass Rosa Luxemburg keine Verbindung herstellte zwischen dieser Empfindung und eigenem Konsum von Tierprodukten. Von Boykotten hielt sie im Allgemeinen nichts: Als während der Proteste gegen die Lebensmittelteuerung in Württemberg – am 15. September 1912 versammelten sich in Stuttgart insgesamt annähernd 10.000 Menschen, um gegen die Erhöhung der Fleischpreise zu protestieren – ein Fleisch- und Wurstboykott beschlossen wurde, kommentierte sie das in einem Brief an Clara Zetkin als „Hornidee“. „Rein kleinbürgerliches Kampfmittel, individuelle Aktion statt Massenaktion“ sei ein solcher Boykott.
Mit Letzterem hat sie allerdings Recht: Boykotte sind in der kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich begrenzt wirksam. Aus dieser Perspektive nimmt der Veganismus in der Tierbefreiungsbewegung einen überproportional großen Stellenwert ein. Marco Maurizi von liberazioni sagt dazu in einem Interview aus dem Jahr 2010: „Es ist eine Illusion, dass keine Tiere mehr für einen getötet werden, solange man Teil dieser Gesellschaft ist. Die kapitalistische Gesellschaft funktioniert zwar durch die Individuen, aber sie funktioniert auch auf einer höheren Ebene durch Strukturen, welche die Individuen nicht kontrollieren können, sondern diese durch die Strukturen kontrolliert werden.“ Allerdings glaubt Maurizi auch, dass es nicht sinnlos ist, individuell so zu handeln, wie man sich eine freie Gesellschaft vorstellt: „Eine Gesellschaft, in der es keine Herrschaft über Menschen und Tiere gibt, ist eine Gesellschaft ohne Fleischindustrie, ohne Tierversuche, usw. Der Veganismus ist, meiner Meinung nach, die einzige Möglichkeit eine solche Gesellschaft vorzusehen und praktisch zu beweisen, dass sie möglich ist.“
Es kommt aber darauf an, nach diesem individuellen Schritt nicht stehenzubleiben. Wenn sich jemals etwas an den herrschenden Verhältnissen ändern soll, müssen wir ein politisches Programm verfolgen, das deren Umsturz zum Inhalt hat. Wir Heutigen, die wir inzwischen nur allzu gut auch um die humanen und ökologischen Katastrophen wissen, welche die Ausbeutung der Tiere mit sich gebracht hat oder mit denen sie verschränkt ist, sollten darauf hinwirken, dass sie, wie auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, beendet wird. Dazu ist zunächst notwendig, dass diese Forderung integraler Bestandteil linker emanzipatorischer Programmatik und Praxis wird. Dabei kann uns Solidarität, die über Speziesgrenzen hinausweist, wie sie von Rosa Luxemburg geübt wurde, Vorbild sein.

Antwort einer Unsentimentalen
Jenen, die gewöhnlich den Kampf um Tierbefreiung als „unpolitisch“ abtun und in diesem Fall vielleicht die Solidarität, welche die Revolutionärin gegenüber Tieren empfand, als „sentimental“ von sich weisen, sei noch mit Karl Kraus geantwortet. Kraus hatte den Brief Rosa Luxemburgs über die misshandelten Büffel im Juli 1920 in der Zeitschrift Die Fackel veröffentlicht, in seinem Geleitwort hatte er geschrieben: „Schmach und Schande jeder Republik, die dieses im deutschen Sprachbereich einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht allem Fibel- und Gelbkreuzchristentum zum Trotz zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, daß der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde. Die ganze lebende Literatur Deutschlands bringt keine Träne wie die dieser jüdischen Revolutionärin hervor und keine Atempause wie die nach der Beschreibung der Büffelhaut: ‚und die ward zerrissen‘.“3 – Daraufhin ging eine anonyme „Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen“ ein – inzwischen ist bekannt, dass sie von einer Adligen aus Innsbruck namens Ida von Lill-Rastern von Lilienbach stammte. Diese stellte in ihrem Brief Spekulationen darüber an, um „wie viel ersprießlicher und erfreulicher das Leben der Luxemburg verlaufen wäre, wenn sie sich statt als Volksaufwieglerin etwa als Wärterin in einem Zoologischen Garten od. dgl. betätigt hätte“ und schrieb:


Was die etwas larmoyante Beschreibung des Büffels anbelangt, so will ich es gern glauben, dass dieselbe ihren Eindruck auf die Tränendrüsen der Kommerzienrätinnen u. der ästhetischen Jünglinge in Berlin, Dresden u. Prag nicht verfehlt hat. Wer jedoch, wie ich, auf einem großen Gute Südungarns aufgewachsen ist, u. diese Tiere, ihr meist schäbiges, oft rissiges Fell u. ihren stets stumpfsinnigen ‚Gesichtsausdruck‘ von Jugend auf kennt, betrachtet die Sache ruhiger.

Der Gebrauch der Peitsche dürfte, so die Polemik weiter,


bei Zugtieren ab u. zu unerläßlich sein, da sie bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich sind, — ebenso wie ich Ihnen als Mutter versichern kann, dass eine Ohrfeige bei kräftigen Buben oft sehr wohltätig wirkt! […] Die Luxemburg hätte gewiß gerne, wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt u. ihnen eine Büffel-Republik gegründet […] Es gibt eben viele hysterische Frauen, die sich gern in Alles hineinmischen u. immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten; sie werden, wenn sie Geist und einen guten Stil haben, von der Menge willig gehört u. stiften viel Unheil in der Welt, so dass man nicht zu sehr erstaunt sein darf, wenn eine solche, die so oft Gewalt gepredigt hat, auch ein gewaltsames Ende nimmt.

Karl Kraus antwortete ausführlich auf diesen Brief und schrieb unter anderem:


Was ich meine, ist, dass neben dem Brief der Rosa Luxemburg, wenn sich die sogenannten Republiken dazu aufraffen könnten, ihn durch ihre Lesebücher den aufwachsenden Generationen zu überliefern, gleich der Brief dieser Megäre abgedruckt werden müßte, um der Jugend nicht allein Ehrfurcht vor der Erhabenheit der menschlichen Natur beizubringen, sondern auch Abscheu vor ihrer Niedrigkeit […] Was ich aber außerdem noch meine — da ja nun einmal meine Meinung und nicht bloß mein Wort gehört werden will — ist: […] dass die Menschlichkeit, die das Tier als den geliebten Bruder anschaut, doch wertvoller ist als die Bestialität, die solches belustigend findet und mit der Vorstellung scherzt, dass ein Büffel ‚nicht besonders erstaunt‘ ist, in Breslau einen Lastwagenziehen zu müssen und mit dem Ende eines Peitschenstieles ‚Eines übers Fell zu bekommen‘. Denn es ist jene ekelhafte Gewitztheit, die die Herren der Schöpfung und deren Damen ‚von Jugend auf‘ Bescheid wissen läßt, dass im Tier nichts los ist, dass es in demselben Maße gefühllos ist wie sein Besitzer, einfach aus dem Grund, weil es nicht mit der gleichen Portion Hochmut begabt wurde und zudem nicht fähig ist, in dem Kauderwelsch, über welches jener verfügt, seine Leiden preiszugeben. Weil es vor dieser Sorte aber den Vorzug hat, ‚bloßen Vernunftgründen gegenüber nicht immer zugänglich‘ zu sein, erscheint ihr der Peitschenstiel ‚wohl ab und zu unerläßlich‘. Wahrlich, sie verwendet ihn bloß aus dumpfer Wut gegen ein unsicheres Schicksal, das ihr selbst ihn irgendwie vorzubehalten scheint! Sie ohrfeigen auch ihre Kinder nur, deren Kraft sie an der eigenen Kraft messen, oder lassen sie von sexuell disponierten Kandidaten der Theologie nur darum mit Vorliebe martern, weil sie vom Leben oder vom Himmel irgendwas zu befürchten haben. Dabei haben die Kinder doch den Vorteil, dass sie die Schmach, von solchen Eltern geboren zu sein, durch den Entschluß, bessere zu werden, tilgen oder andernfalls sich dafür an den eigenen Kindern rächen können. Den Tieren jedoch, die nur durch Gewalt oder Betrug in die Leibeigenschaft des Menschen gelangen, ist es in dessen Rat bestimmt, sich von ihm entehren zu lassen, bevor sie von ihm gefressen werden. Er beschimpft das Tier, indem er seinesgleichen mit dem Namen des Tiers beschimpft, ja die Kreatur selbst ist ihm nur ein Schimpfwort. Über nichts mehr ist er erstaunt, und dem Tier, das es noch nicht verlernt hat, erlaubt ers nicht. Das Tier darf so wenig erstaunt sein über die Schmach, die er ihm antut, wie er selbst; und wie nur ein Büffel nicht über Breslau staunen soll, so wenig staunt der Gutsbesitzer, wenn der Mensch ein gewaltsames Ende nimmt. Denn wo die Welt für ihre Ordnung in Trümmer geht, da finden sie alles in Ordnung. Was will die gute Luxemburg? Natürlich, sie, die kein Gut besaß außer ihrem Herzen, die einen Büffel als Bruder betrachten wollte, hätte gewiß gern, wenn es ihr möglich gewesen wäre, den Büffeln Revolution gepredigt, ihnen eine Büffel-Republik gegründet […]. Leider wäre es ihr absolut nicht gelungen, weil es eben auf Erden ja doch weit mehr Büffel gibt als Büffel! Dass sie es am liebsten versucht hätte, beweist eben nur, dass sie zu den vielen hysterischen Frauen gehört hat, die sich gern in Alles hineinmischen und immer Einen gegen den Anderen hetzen möchten. Was ich nun meine, ist, dass in den Kreisen der Gutsbesitzerinnen dieses klinische Bild sich oft so deutlich vom Hintergrund aller Haus- und Feldtätigkeit abhebt, dass man versucht wäre zu glauben, es seien die geborenen Revolutionärinnen. Bei näherem Zusehn würde man jedoch erkennen, dass es nur dumme Gänse sind. Womit man aber wieder in den verbrecherischen Hochmut der Menschenrasse verfiele, die alle ihre Mängel und üblen Eigenschaften mit Vorliebe den wehrlosen Tieren zuschiebt, während es zum Beispiel noch nie einem Ochsen, der in Innsbruck lebt, oder einer Gans, die auf einem großen südungarischen Gut aufgewachsen ist, eingefallen ist, einander einen Innsbrucker oder eine südungarische Gutsbesitzerin zu schelten. Auch würden sie nie, wenn sie sich schon vermäßen, über Geistiges zu urteilen, es beim ‚guten Stil‘ anpacken und gönnerisch eine Eigenschaft anerkennen, die ihnen selbst in so auffallendem Maße abgeht. Sie hätten — wiewohl sie bloßen Vernunftgründen ‚gegenüber‘ nicht immer zugänglich sind — zu viel Takt, einen schlecht geschriebenen Brief abzuschicken, und zu viel Scham, ihn zu schreiben. Keine Gans hat eine so schlechte Feder, dass sie’s vermöchte!

Karl Kraus 1933.

Rosa Luxemburgs Empathie und ihre Solidarität mit Tieren war nicht „sentimental“, sondern resultierte aus einer „realen Verbundenheit“, wie Donna Haraway sagen würde. Auch ihr Leiden und Sterben soll nicht umsonst, soll nicht sinnlos gewesen sein. Wir sind dazu aufgerufen, ihr Andenken zu ehren, indem wir ihrer unablässigen Forderung nach sozialer Revolution und der Errichtung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung folgen. Wir finden, dass ein solcher Prozess auch die Entwicklung eines anderen Verhältnisses zur Natur und die Beendigung des Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses gegenüber Tieren erfordert.

Im Lebensrausch, trotz alledem
Auf dem SPD-Parteitag 1899 in Hannover sagte Rosa Luxemburg am 11. Oktober: „Die Genossen, die glauben, in Ruhe, ohne Kataklysmus, die Gesellschaft in den Sozialismus hinüberleiten zu können, stehen durchaus nicht auf historischem Boden. Wir brauchen durchaus nicht in der Revolution Heugabeln und Blutvergießen zu verstehen. Eine Revolution kann auch in kulturellen Formen verlaufen, und wenn je eine dazu Aussicht hatte, so ist es gerade die proletarische; denn wir sind die letzten, die zu Gewaltmitteln greifen, die eine brutale Revolution herbeiwünschen könnten. Aber solche Dinge hängen nicht von uns ab, sondern von unseren Gegnern“.
Dass der Vollzug der sozialen Umwälzung, der notwendig ist, um wahre Emanzipation zu erreichen, sehr wahrscheinlich weitere leidvolle Erfahrungen produziert, dessen war Rosa Luxemburg sich vollkommen bewusst. In der ihr eigenen Art und Weise aber verstand sie es, das Leiden nicht zu dem ihr Denken bestimmenden Faktor werden zu lassen. Sie blieb ruhig und heiter, sie lebte, wie sie schreibt, „ständig in einem freudigen Rausch“, ihre grundsätzlich lebensfreudige und lebensbejahende Einstellung wurde durch missliche äußere Umstände kaum berührt. Die aus ihrem Marxismus resultierende materialistische Geschichtsauffassung, zu der das Bewusstsein gehört, als Mensch aus der Natur zu stammen, selbst Natur zu sein, und die daraus abgeleitete tief empfundene Verbundenheit mit den zahlreichen anderen Wesen, welche die Natur neben dem Menschen hervorgebracht hat, half ihr, davon abzusehen, Fragen nach dem Sinn des Leidens zu stellen und vermochte ihr Trost und Zuversicht zu spenden:


Sonjuscha, Sie sind erbittert über meine lange Haft und fragen: ‚Wie kommt das, daß Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen. Wozu ist das alles?‘ […] Mein Vöglein, die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, die nach bescheidenen Schätzungen einige zwanzig Jahrtausende zählt, basiert auf der ‚Entscheidung von Menschen über andere Menschen‘, was in den materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. Erst eine weitere qualvolle Entwicklung vermag dies zu ändern, wir sind ja gerade jetzt Zeugen eines dieser qualvollen Kapitel, und sie fragen: ‚Wozu das alles?‘ ‚Wozu‘ ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich freue mich, daß es welche gibt, und empfinde als süßen Trost, wenn mir plötzlich über die Mauer ein eiliges ‚Zizi bä‘ aus der Ferne herübertönt.

Dennoch war sie sich der ganzen Ungerechtigkeit und des Wahnsinns des „großen Irrenhauses“, das unsere momentane Gesellschaft ist, stets bewusst und verdrängte dieses Wissen und auch die Wut darüber nicht:


Ich habe das Gefühl, daß dieser ganze moralische Schlamm, durch den wir waten, dieses große Irrenhaus, in dem wir leben, auf einmal, so von heute auf morgen wie durch einen Zauberstab ins Gegenteil umschlagen, in ungeheuer Großes und Heldenhaftes umschlagen kann […]. Dann werden genau dieselben Leute, die jetzt den Namen Mensch in unseren Augen schänden, im Heroismus mitrasen und alles Heutige wird weggewischt und vertilgt und vergessen sein, wie wenn es nie gewesen wäre. Ich muß bei diesem Gedanken lachen, und zugleich im Innern regt sich bei mir der Schrei nach Vergeltung, nach Strafe: Wie, diese, alle Schurkereien sollen vergessen und unbestraft bleiben, und der heutige Auswurf der Menschheit soll morgen mit gehobenem Haupt, womöglich mit frischen Lorbeeren gekrönt, auf den Höhen der Menschheit wandeln und die höchsten Ideale verwirklichen helfen? Aber so ist Geschichte. Ich weiß ganz genau, daß die Abrechnung nach ‚Gerechtigkeit‘ niemals stattfindet und daß man schon so alles hinnehmen muß. Ich weiß noch, wie ich mit heißen Tränen in Zürich als Studentin einmal Professor Sibers ‚Otscherki perwobytnoi ekonomitscheskoi kultury‘ las, wo die systematische Verdrängung und Austilgung der Rothäute Amerikas durch die Europäer beschrieben ist, und ich ballte die Fäuste vor Verzweiflung, nicht nur, daß solches möglich war, sondern daß das alles nicht gerächt, bestraft, vergolten worden ist. Ich zitterte vor Schmerz, daß jene Spanier, jene Angloamerikaner längst gestorben und vermodert sind und nicht wiedererweckt werden können, damit an ihnen all die Martern, die sie den Indianern zugefügt, vorgenommen werden.

Doch dies seien „kindische Auffassungen“, weist sie sich selbst zurecht – Luxemburg weiß genau, dass auch alle heutigen Ungerechtigkeiten, dass „all die Niedertracht sich in dem Wust historischer unbeglichener Rechnungen“ verlieren werden.
Auch wir müssen mit den uns zugefügten Ungerechtigkeiten zurechtkommen, so wie wir damit zurechtkommen müssen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht solidarisch ist, sondern sich nach dem Prinzip von Konkurrenz und Ausbeutung gestaltet, und die noch immer großenteils von dem „Stumpfsinn […] Tieren gegenüber“, den bereits Rosa Luxemburg beklagte, beherrscht ist. Der Ungerechtigkeit gegenüber gleichgültig zu werden, ist ihr nie gelungen. – Auch wir werden nicht abstumpfen, werden die Ungerechtigkeit niemals akzeptieren. Dabei können uns Kämpfe wie jener, den Rosa Luxemburg führte, inspirieren und Mut machen. Rosa Luxemburg sagte über sich: „Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.“ Inhaftiert, von der ganzen Welt isoliert, fühlte sie sich umso stärker verbunden mit allen Wesen, die des Leidens fähig sind – mit menschlichen und nichtmenschlichen Tieren:


Ich sage mir vergeblich, daß es lächerlich ist, daß ich ja nicht für alle hungrigen Haubenlerchen der Welt verantwortlich bin und nicht um alle geschlagenen Büffel – wie die, die hier täglich mit Säcken auf den Hof kommen – weinen kann. Das hilft mir nichts, und ich bin förmlich krank, wenn ich solches höre und sehe. Und wenn der Star, der bis zum Überdruß den ganzen lieben Tag irgendwo in der Nähe sein aufgeregtes Geschwätz wiederholt, wenn er für einige Tage verstummt, habe ich wieder keine Ruhe, daß ihm was Böses zugestoßen sein mag, und warte gequält, daß er seinen Unsinn nur weiter pfeift, damit ich weiß, daß es ihm wohlergeht. So bin ich aus meiner Zelle nach allen Seiten durch unsichtbare, feine Fäden an tausend kleine und große Kreaturen geknüpft und reagiere auf alles mit Unruhe, Schmerz, Selbstvorwürfen … Sie [Sophie Liebknecht] gehören auch zu all diesen Vögeln und Kreaturen, um die ich von weitem innerlich vibriere. Ich fühle, wie Sie darunter leiden, daß Jahre unwiederbringlich vergehen, ohne daß man ‚lebt‘. Aber Geduld und Mut! Wir werden noch leben und Großes erleben. Jetzt sehen wir vorerst, wie eine ganze alte Welt versinkt – jeden Tag ein Stück, ein neuer Abrutsch, ein neuer Riesensturz … Und das Komischste ist, daß die meisten es gar nicht merken und glauben, noch auf festem Boden zu wandeln.

  1. Brief an Sophie Liebknecht vom 24. November 1917. Alle Briefe sind nach folgender Ausgabe zitiert: Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe. 5 Bände, Dietz Verlag, Berlin 1982-1984 (die Briefe aus dem Gefängnis an Sophie Liebknecht gibt es auch als gesonderte Ausgabe von verschiedenen Verlagen). Die Aussage von Walter Jens über Rosa Luxemburg sowie das Stück aus der Rede Rosa Luxemburgs vom 11. Oktober 1899 sind zitiert nach: Annelies Laschitza: Im Lebensrausch, trotz alledem. Rosa Luxemburg. Eine Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin, 2. Auflage 2002. Die digitalisierte Ausgabe der Roten Fahne vom 14. Januar 1919, in der Rosa Luxemburgs letzter Artikel Die Ordnung herrscht in Berlin publiziert wurde, lässt sich hier einsehen. [zurück]
  2. Zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts vgl. den Text über Rosa Luxemburg vom Januar: Rosa Luxemburg – Gedenken heißt: Den Kampf weiterführen! [zurück]
  3. Den Brief Rosa Luxemburgs zum Hören gibt es hier; die „Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen“ und die Stellungnahme von Kraus dazu lassen sich beispielsweise hier nachlesen. [zurück]

Erklärung: Unbedingte Solidarität mit von Repression betroffenen AktivistInnen

Nachdem am 17. November 2010 im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens des Amtsgerichts Stade eine Hausdurchsuchung bei Bonn durchgeführt wurde – gegen mindestens drei weitere AktivistInnen, die verdächtigt werden, das Abbrennen einer noch nicht in Betrieb genommenen Hühnermastanlage in Sprötze verursacht zu haben, wird ermittelt –, weitet sich im neuen Jahr die von den staatlichen Organen ausgehende Repression gegen die deutsche Tierbefreiungsbewegung weiter aus: Heute fanden gegen 6.30 Uhr drei Durchsuchungen von Privatwohnungen in München statt. Als Begründung gilt eine Sachbeschädigung im Oktober letzten Jahres vor dem ESCADA-Firmenhauptsitz in Aschheim – Kunstblut und etwas Kreide reichen offensichtlich aus, um das elementare Recht auf Privatsphäre zu verlieren und Opfer staatlicher Behördenwillkür zu werden (Presseerklärung, Video der Aktion). Escada war Ziel einer Kampagne gegen Echtpelzverkauf, welche im Oktober letzten Jahres erfolgreich beendet wurde (s. Artikel ESCADA beendet Pelzhandel). Neben Computern, Laptops und externen Datenträgern wurden einzelne Aktionsmaterialien beschlagnahmt. Es wird davon ausgegangen, dass der eigentliche Grund vermutete Daten auf den Rechnern sind und dass der Vorwurf der Sachbeschädigung an die Betroffenen lediglich als Legitimation für die Durchsuchungen benutzt wurde.
In anderen Ländern ist die Tierbefreiungsbewegung bereits seit geraumer Zeit ein Hauptbetätigungsfeld des politischen Repressionsapparates. Die Kriminalisierung der Bewegung hat Ausmaße angenommen, die jeglichen Protest gegen die wirtschaftliche Vernutzung von Tieren mehr und mehr als terroristischen Akt bestimmt. Was in den 1920er Jahren als „Red Scare“ gegen KommunistInnen und AnarchistInnen begann, erfährt mit „Green Scare“ historische und politische Kontinuität: In ihrem Bericht von 2008 hat EUROPOL die Ökologiebewegungen in mehreren europäischen Ländern als „terroristische Gefahr“ eingestuft.
Die US-amerikanische ALF befindet sich bereits seit 1992 auf der FBI-Liste der zehn gefährlichsten inländischen terroristischen Gruppen. Erstmals war sie bereits 1987 auf diese Liste gesetzt worden. 2006 wurde der Animal Enterprise Terrorism Act verfasst, der Gewalt und Gewaltandrohungen gegenüber Tiernutzbetrieben als terroristischen Akt begreift. Unter dem Mantel der Operation Backfire wurden bereits etliche Verfahren gegen AktivistInnen angestrengt, die bis zu 19jährige Gefängnisstrafen mit sich brachten. Ein Aktivist, Willliam Rodgers, beging im Angesicht der ihm drohenden Strafe Selbstmord.
In Großbritannien wurde ab Mitte der 1990er neben Scotland Yard auch der Inlandsgeheimdienst MI5 gegen die Tierbefreiungsbewegung eingesetzt. „The biggest single terrorist threat now comes from animal rights fanatics“, so der MI5 im Jahr 1995.

Einfallstor für diese Entwicklung in Europa war Österreich. Im Mai 2008 wurden dort Wohnungen von BeamtInnen des Sonderkommandos WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) gestürmt und durchsucht; zehn Personen wurden festgenommen. Anfang März 2010 begann in Wien der Strafprozess gegen die AktivistInnen, denen die Bildung einer kriminellen Organisation gemäß dem Paragraphen 278a öStG (dem Pendant des bundesrepublikanischen Paragraphen 129 StGB) vorgeworfen wird. Ihnen drohen nun Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.
Wovor bereits seit langem gewarnt wird, hat sich bestätigt: Genau wie der §129 in der BRD wird §278 in Österreich dazu verwendet, politisch aktive Menschen zu überwachen und zu kriminalisieren. Sollte hier die Anwendung des §278 als Präzedenzfall vor Gericht durchgehen, sind wir nicht nur einem repressiven Überwachungsstaat einen gewaltigen Schritt näher, sondern es wird auch nur noch eine Frage der Zeit sein, welche Bewegungen es als nächstes treffen wird.
Nach der Einschätzung von Valerie Smith, welche sie in ihrem Text Die Kriminalisierung der Tierrechtsbewegung als Testfeld für Repression vornimmt, werden an der relativ jungen Bewegung neue Gesetze vor allem im Bereich der so genannten Terrorismusbekämpfung erprobt. Sie gilt damit als Testfeld für die Anwendung neuer verschärfter Maßnahmen, deren „Ergebnisse“ wahrscheinlich auch bald gegenüber anderen linken Strukturen Anwendung finden werden. Dass sich staatliche Repression gegenüber dieser Bewegung so vehement äußert, ist sicherlich nicht ohne Grund so. Obwohl nämlich die Tierbefreiungsbewegung über eigene Solidaritätsstrukturen verfügt, wird sie von der Restlinken häufig marginalisiert. Alleine wird es dieser recht überschaubaren Bewegung jedoch wohl langfristig kaum möglich sein, die Repressionsmaßnahmen zu überleben. Nun mögen nicht alle Teile der Linken dazu bereit sein, Tiere zu den zu berücksichtigenden Gruppen zu zählen. Wenn man sich jedoch die politische Entwicklung in Ländern wie Großbritannien anschaut, wo der Staat mit aller Macht versucht, diese Bewegung zu bekämpfen, lohnt zumindest ein Blick auf das Prozedere, um zu sehen, was demnächst auch auf andere linke Strukturen zukommen wird, sollte den Repressionsorganen nicht Einhalt geboten werden. Aus einem politischen Verständnis heraus, welches politische Repression als an und für sich bekämpfenswert hält, gilt es, sich mit den Kriminalisierten zu solidarisieren, so Smith.

Doch nicht nur aufgrund des drohenden Übergreifens der Repression sollte die Linke sich mit der Tierbefreiungsbewegung grundsätzlich solidarisieren. Vielmehr sollte auch die Solidarität mit Tieren endlich integrales Element linker Programmatik und Praxis werden. In ihrem im Rahmen des im Oktober 2010 in Hamburg abgehaltenen internationalen Antirepressionskongresses New Roads of Solidarity gehaltenen Vortrag über die Repression gegen die Tierbefreiungsbewegung auf neoliberalen Marktplätzen sieht die Sozialwissenschaftlerin Melanie Bujok als Grund für die Repression vor allem die Reformulierung des Freiheitsgedankens durch die Tierbefreiungsbewegung: Die bestehende Definition von Freiheit als bloßer Freiheit des Marktes wird in Frage gestellt. Da das Tier als Ware die Grundlage des Marktes bildet, müssen nach Bujok, um grundlegende Veränderungen erzielen zu können, Wege gefunden werden, sich mit Tieren zu solidarisieren. Dafür sei eine Blickumkehr nötig: Bisher gibt der Warenverkehr die Blickrichtung vor und stellt das herrschende Mensch-Tier-Verhältnis als ein natürliches, nicht als ein sozial konstruiertes, dar. Das Tier aber wird durch entsprechende Zuschreibungen als maximal Fremdes konstruiert. Diese Zuschreibungen manifestieren sich in verschiedenen Praxen nach der Logik des Marktes: Der Körper des Tieres wird angepasst an die Bedürfnisse des Marktes, Körperteile werden marktfähig gemacht. „Nutztier“ zu sein, bedeutet, dass der ganze Zweck des Lebens ist, nützlich zu sein. Dabei wird jede Bewegung, jedes Körperteil kontrolliert. Was bleibt, ist die Unfreiheit. Jene aber ist, was die Menschen in der warenförmigen Gesellschaft mit den Tieren verbindet, hier findet sich die Schnittstelle der Befreiung von Mensch und Tier. Ziel jeder emanzipatorischen Bewegung sollte sein, für die Befreiung beider zu kämpfen.
So oder so ist angesichts der historischen Situation, welche sich durch den Niedergang der Linken bei gleichzeitiger Intensivierung der destruktiven Potentiale des Kapitals auszeichnet, eine breit angelegte Solidarität notwendig – oder, um es mit den Worten des Abschlussplenums des Hamburger Antirepressionskongresses zu sagen: „In dem Bewusstsein, dass unsere Atomisierung in Nationen, politische Kulturen, Lager und Organisationen uns in den vergangen 20 Jahren geschwächt hat und wir aufgrund des Totalitarismus und der wachsenden Aggressivität des Kapitalismus und der herrschenden Politik zu einer historischen Neubestimmung von widerständiger Theorie und Praxis veranlasst sind, werden wir uns in den nächsten Jahren bemühen, gemeinsam neue Wege der Solidarität zu suchen und zu gehen.“
Als Zeichen der Solidarität mit den in der Schweiz seit April inhaftierten TierbefreiungsaktivistInnen Billy, Silvia und Costa gab es bereits am 12. Dezember in Frankreich einen Brandanschlag gegen den Tierversuchskonzern Biomatech, durch welchen zwei Etagen eines Verwaltungsgebäudes zerstört wurden. In BekennerInnenschreiben begründeten die AktivistInnen ihr Vorgehen: „Eines Nachts platzierte unser Team aus 6 Leuten, 2 Wachposten, 4 die agierten, 2 Brandsätze (Benzinkanister) in dem Verwaltungsgebäude von BIOMATECH (Vivisektoren). 5 Observierungen des Ortes waren für diese Aktion nötig, zu Ehren von Costa, Billy und Silvia.“

Wer die Würde des Lebens verteidigt, ist Freiheitskämpfer und kein Terrorist!
Unbedingte Solidarität mit den Opfern staatlicher Repression!
Für die Befreiung von Mensch und Tier!

MC Albino, Direct Raption u.a.:
>Animal Rights Soli<

Zum Weiterlesen:
Abschlussresolution des internationalen Antirepressionskongresses „New Roads of Solidarity“

Weitere externe Links zum Thema:
Will Potter zu „Green Scare“ in den USA
Staatliche Repression gegen sozialökologische Bewegungen

Rosa Luxemburg – Gedenken heißt: Den Kampf weiterführen!

„Lernen, wie wir kämpfen müssen!“
Jährlich bewegt sich am zweiten Januarwochenende in Berlin eine Großdemonstration vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, um den am 15. Januar 1919 ermordeten Revolutionären Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu gedenken. Die Demonstration entwickelte sich bereits in der Weimarer Republik aus Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Spartakusaufstands. 1926 wurde auf dem Friedhof ein Mahnmal für die ermordeten Sozialisten eingeweiht, das die deutschen Faschisten 1933 zerstörten. 1949 wurde die Gedenkstätte nach der Gründung der DDR erneuert; dort waren die Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Feiern ein jährliches Ereignis. Seit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wird die Demonstration von einem Bündnis verschiedener linker Gruppen, Parteien und Einzelpersonen veranstaltet. Sie hat sich zu einem festen Treff- und Sammelpunkt heterogener Kräfte der politischen Linken mit zehntausenden Teilnehmern entwickelt. Über das Gedenken wird in den Medien regelmäßig berichtet.
Noch nie aber war das Interesse auch der bürgerlichen Presse am Luxemburg-Liebknecht-Wochenende so groß wie in diesem Jahr. Der Grund dafür war die Ankündigung der Teilnahme einer der beiden Vorsitzenden der Partei Die Linke, Gesine Lötzsch, an einer Podiumsdiskussion, welche unter dem Motto Wo bitte geht’s zum Kommunismus? Linker Reformismus oder revolutionäre Strategie – Wege aus dem Kapitalismus stand. Die Diskussion fand im Rahmen der am Samstag von der Tageszeitung junge welt ausgerichteten XVI. Internationalen Rosa Luxemburg Konferenz statt, welche in diesem Jahr unter dem Motto Lernen, wie wir kämpfen müssen! stand. Für besondere Empörung in den bürgerlichen Medien sorgte der Umstand, dass unter anderem auch das frühere RAF-Mitglied Inge Viett auf das Podium geladen war. Diese hatte in Vorbereitung auf die Konferenz im junge welt-Artikel Notwendiger Aufbauprozeß am 4. Januar den Aufbau einer neuen revolutionären Organisation gefordert. Sie schrieb unter anderem:


Nicht die Theorie macht eine Organisation zu einer revolutionären, sondern allein ihre kämpferische Praxis, und diese stößt unweigerlich auf Repression. Aus diesem Grund dürfen eine revolutionäre Organisation nicht komplett offen vom Klassengegner einzusehen, die Mitglieder und Strukturen nicht alle bekannt, das inhaltliche, logistische und finanzielle Vermögen nicht jederzeit angreifbar sein usw. Dennoch muß sie in den betrieblichen und politischen Auseinandersetzungen als organisierende kämpferische Kraft sichtbar und ansprechbar sein […]. Die Eigentumsfrage wird nicht innerhalb des bürgerlichen Staates und nicht mit dem bürgerlichen Recht gelöst. Das kapitalistische Gewaltmonopol bricht nicht von allein; der Bruch muß bewußt organisiert und der Kampf dafür erlernt werden. Eine revolutionäre Organisation kann die bürgerliche Rechtsordnung nur als taktischen Bezugspunkt begreifen, aber nicht als naturgegeben verinnerlichen. Konkret heißt das beispielsweise: Wenn Deutschland Krieg führt und als Antikriegsaktion Bundeswehrausrüstung abgefackelt wird, dann ist das eine legitime Aktion wie auch Sabotage im Betrieb an Rüstungsgütern, illegale Streikaktionen, Betriebs- und Hausbesetzungen, militante antifaschistische Aktionen, Gegenwehr bei Polizeiattacken etc. Eine revolutionäre Partei muß sich entschlossen hinter diese Kämpfe stellen, sie politisch einordnen und verteidigen, den Aktivisten ideologischen und rechtlichen Schutz geben und nicht den bürgerlichen Pazifismus, die bürgerlichen Gesetze in Front gegen sie bringen.

Gesine Lötzsch vertrat in ihrem Beitrag, der am Tag zuvor unter dem Titel Wege zum Kommunismus erschienen war, dagegen eine reformistische Position: Sie sprach sich, entsprechend der Linie ihrer Partei, für den „demokratischen Sozialismus“ aus.
Dennoch begann, gestartet von der rechten Zeitung Junge Freiheit, gefolgt von der bürgerlichen Presse, eine öffentliche Hetzkampagne gegen Lötzsch, die schließlich dazu führte, dass sie an der Podiumsdiskussion nicht teilnahm – allerdings hielt sie als Antwort auf die Kritik an ihrem Artikel auf der Konferenz eine Rede. Die Diffamierungskampagne der bürgerlichen Medien führte nicht zum gewünschten Erfolg: Mit rund 2500 Gästen war die Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011 so gut besucht wie keine zuvor. Während der mit enormem Beifall aufgenommenen Rede der Linksparteivorsitzenden und der sich anschließenden Podiumsdiskussion musste der Saal des Veranstaltungsorts, der Berliner Urania, wegen Überfüllung gesperrt werden, so dass viele Besucher das Geschehen dort nur über die zahlreichen Monitore im Gebäude verfolgen konnten.
Am Tag darauf beteiligten sich knapp 10.000 Menschen an der Demonstration vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte. In Gedenken an die unzähligen GenossInnen, die im Kampf um eine Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung ermordet wurden, wurden im vorderen Teil des revolutionären Blocks Bilder von 38 ermordeten RevolutionärInnen getragen, die mit verschiedenen politischen Hintergründen und mit verschiedenen Mitteln auf verschiedenen Kontinenten am weltweiten Befreiungskampf teilgenommen haben. Einzelne Personen und ihre Geschichten wurden in kurzen Redebeiträgen vorgestellt – etwa Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die sich in der US-amerikanischen anarchistischen ArbeiterInnenbewegung engagierten und 1927 hingerichtet wurden, die Mitbegründerin der Roten Armee Fraktion Ulrike Meinhof und der türkische Revolutionär und Gründer der THKP-C Mahir Çayan.
Nach Angaben der Tageszeitung Neues Deutschland nahmen am „stillen Gedenken“ auf dem Friedhof Friedrichsfelde 40.000 Menschen teil.

Kein Vergeben, kein Vergessen!
Die Erschießungen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden vom damaligen Reichskanzler Friedrich Ebert (MSPD) und dessen Reichwehrsminister Gustav Noske gebilligt. In seinen handschriftlichen Memoiren schrieb Waldemar Pabst, jener Offizier, auf dessen Befehl hin die Morde geschahen: „Als Kavalier habe ich das Verhalten der SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.“
Ausgehend vom Kieler Matrosenaufstand hatte 1918 die Novemberrevolution ganz Deutschland erfasst. Um die Revolution zu verhindern, schloss Friedrich Ebert einen Pakt mit der Obersten Heeresleitung der alten kaiserlichen Truppen. Im Zuge dieses Pakts wurden Freikorpstruppen unter das Oberkommando von Gustav Noske gestellt. Mit den Worten „Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden“ übernahm er die Verantwortung für die Niederschlagung des Spartakusaufstands. „Ich habe aufgeräumt in dem Tempo, in dem es damals möglich war“, schrieb er 1934, um sich vor den Nazis zu brüsten. Dieses „Aufräumen“ forderte über 5000 Todesopfer, Luxemburg und Liebknecht eingeschlossen. Die Tübinger Korporationen übrigens vereinigten sich zu diesem Zeitpunkt unter der Führung der Landsmannschaft Ghibellinia zu Studentenbataillonen, welche maßgeblich an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Stuttgart und München beteiligt waren.
In Berlin wurden Liebknecht und Luxemburg am 15. Januar widerrechtlich verhaftet und ins Hotel „Eden“ am Kurfürstendamm gebracht, das dem von Waldemar Pabst geführten Freikorps als Stabsquartier diente. Pabst ließ die Revolutionäre verhören, misshandeln und letztlich erschießen. Das „Feldkriegsgericht“, das die Morde untersuchte, bestand aus Angehörigen der Freikorps. Niemand musste für die Morde büßen.
Skandalös war der Umgang der BRD mit diesem Erbe. In der rechten Abbonnements-Zeitung Das deutsche Wort, die von Pabst mitherausgegeben wurde, gab dieser seine Tat 1961 erstmals öffentlich zu. Dem Verfassungsschutz galt die Zeitung als rechtsradikal, vom Innen- und Verteidigungsministerium aber wurde sie mit finanziert. Felix von Eckard, im „Dritten Reich“ Drehbuchautor von NS-Propagandafilmen, später Pressesprecher der Adenauer-Regierung, verklärte Pabsts Tat im Februar 1962 im bundesamtlichen Bulletin: Es habe sich um eine „standrechtliche Erschießung“ in der Verantwortung Pabsts gehandelt, der „es getan“ habe, um Deutschland vor dem Kommunismus zu bewahren.
Pabst, der nach seiner Beteiligung am Kapp-Putsch 1920 in Österreich die austrofaschistische Heimwehr aufgebaut, sich 1923 mit Hermann Göring befreundet und unter Hitler Dienst im Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt getan hatte, konnte es in Westdeutschland als Waffenhändler zu Wohlstand bringen. Unbehelligt starb er 1970 in Düsseldorf, zuletzt Mitglied der NPD.
Dass kein westdeutscher Staatsanwalt jemals auf die Idee gekommen sei, ihn und die anderen Mörder anzuklagen, sagt, wie Klaus Gietinger, Autor des Buchs Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung der Rosa L. anlässlich einer Tübinger Veranstaltung im Januar 2009 meinte, „einiges aus über den Staat, in dem wir leben“.
In der BRD haben diejenigen, die über das Privateigentum an Produktionsmitteln verfügen, es längst geschafft, ihre Meinung zur „herrschenden Meinung“ zu machen, wie die jüngste mediale Schmutzkampagne gegen linke Politik einmal mehr eindrücklich gezeigt hat. Bewegungen, die eine Bedrohung des Kapitals darstellten, wurden und werden im Keim erstickt. Neben dieser Repression im Inneren drängt das deutsche Kapital im globalen Maßstab auf die Ausdehnung seiner Verwertungsmöglichkeiten. Im LL-Aufruf 2011 von ALB, ARAB, RSH und SOL, der auch auf die Rolle der Sozialdemokratie als Scharnier und ausführende Kraft bei der Durchsetzung reaktionärer Politik von 1914 bis heute eingeht, heißt es, die Antwort auf die aggressive Politik der BRD zur Zementierung des Kapitalismus, welcher „auf der Ausbeutung von Mensch und Natur auf der Grundlage von Privateigentum“ basiere, könne nur die organisierte internationale Solidarität sein:


Zum einen ist es notwendig, eine klare antimilitaristische Politik zu vertreten, die nicht an den nationalen Grenzen halt macht. Organisiert bedeutet, dass nur in einem gemeinsamen Kampf die Befreiung der Menschen aus dem Joch des Kapitals errungen werden kann. Dabei ist die Frage der Organisierung ein zentrales Moment in den Darlegungen von Rosa Luxemburg. Organisierung darf nicht nur Selbstzweck sein, sondern muss als Moment der praktischen politischen Aktion begriffen werden. Nur so kann es dem Individuum gelingen, seine randständige Position zu den Herrschenden in eine Offensive gegen die Zulänglichkeiten dieser Herrschaft zu wenden. Dass dieser Kampf nicht vor Rückschlägen gefeit ist, liegt in den Verhältnissen beschrieben. Doch gerade durch eine klassenkämpferische und antikapitalistische Organisierung, die sich nicht zu Kompromissen mit den Herrschenden hinreißen lässt, liegt die Möglichkeit, den Prozess als einen „lernenden“ zu begreifen. Denn auch erkämpfte Erfolge sind nicht auf Dauer, sondern müssen immer wieder aufs Neue erkämpft werden.
Der Kapitalismus ist kein natürlicher Zustand, der unabänderlich festgeschrieben steht. Die Verhältnisse, in denen Menschen leben, sind gesellschaftlich gemacht und somit veränderbar. Doch diese Veränderungen benötigen eine organisierte Basis, die die Geschichte nach vorne drängt und schließlich revolutionär umwälzt. Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform voller Unvernunft, die es den Menschen verwehrt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, da das einzige Ziel in der Vermehrung des Kapitals besteht.
Bereits Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht riefen zu ihrer Zeit die Arbeiter_innen und Unterdrückten dazu auf, die Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen und den Kapitalismus in seiner ganzen Verfasstheit durch eine Revolution zu überwinden. Rosa Luxemburg zeigte auf, dass der Zusammenhang zwischen Krieg, Imperialismus und Ausbeutung dem Kapitalismus inhärent ist und nur im internationalen Kampf der Unterdrückten deren Befreiung liegen kann.
In den Gedanken von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ist die Idee einer sozialistischen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Krieg enthalten. Durch den feigen Mord an ihnen verloren die revolutionären Kräfte zwei Genoss_innen. Die Ideen sind aber noch heute präsent und aktuell.

Perspektiven zur Befreiung von Mensch und Tier
Moshe Zuckermann, der auf der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz zum Nahost-Konflikt sprach – er meinte, dessen Grundstruktur ließe sich nur begreifen, wenn Rosa Luxemburgs Einsicht, dass „der Kapitalismus als Imperialismus der Kriege bedarf“, Berücksichtigung finde –, interpretiert das Denken und Handeln Rosa Luxemburgs als visionären Kampf um Versöhnung von Mensch und Natur. Ihr Leben und ihr Tod stehen für Zuckermann im Zeichen einer gedachten wie gelebten Aufbäumung gegen erlittenes Leid von Mensch und Tier, der existenziellen Weigerung, sich mit den Repressionsstrukturen fehlgelaufener zivilisatorischer Entwicklung abzufinden und zu versöhnen. Ihren Kampf um Befreiung und Freiheit der Leidenden in Gesellschaft und Natur, den Kampf gegen menschgemachte Repression, bezahlte sie mit selbsterfahrener Repression, die in der Auslöschung ihres Lebens mündete.
Auf dem im Oktober 2010 in Hamburg abgehaltenen internationalen Antirepressionskongress New Roads of Solidarity hielt Zuckermann einen Vortrag über Rosa Luxemburg – erlebtes Leid, Mitgefühl und gesellschaftliche Revolution. Auch in seinem Hamburger Referat betonte Zuckermann bereits, dass die notwendige sozialökonomische Erweiterung des nationalstaatlich organisierten Kapitalismus den Imperialismus erzwinge, weshalb es für Rosa Luxemburg klar gewesen sei, dass die Herrschaft der Zivilgesellschaft nicht von Dauer sein könne – sie erklärte, die innere Logik des Kapitalismus sei darauf angewiesen, den Kriegszustand zu erhalten. „Eine Kette unaufhörlicher, unerhörter Rüstungen zu Lande und zu Wasser in allen kapitalistischen Staaten um die Wette, eine Kette blutiger Kriege, die von Afrika auf Europa übergegriffen haben und jeden Augenblick den zündenden Funken zu einem Weltbrand abgeben können“, so beschrieb sie den Imperialismus. Mit ihrem Eintreten gegen die Beteiligung Deutschlands am Weltkrieg verspielte sie in den Augen der damaligen deutschen Linken ihr politisches Kapital. Die historische Absage der deutschen ArbeiterInnenbewegung an die internationale Solidarität trug maßgeblich zum Ersten Weltkrieg bei, wie sie auch unter Führung der Sozialdemokratie die Abkehr vom Antikapitalismus einläutete.
„Sozialismus oder Barbarei“: Bleibt der revolutionäre Prozess aus, droht der Rückfall in die Barbarei – davon war Rosa Luxemburg, für die internationale Solidarität als unabdingbares Gebot galt, überzeugt. Erst wenn die Strukturverhältnisse durch eine revolutionäre Masse veränderbar geworden sind, kann die Umwälzung greifen. Für Marx war dies nur dann denkbar, wenn die Masse nichts mehr zu verlieren hat als ihre Fesseln. Zwangsläufig ist es außerordentlich schwer zu entscheiden, was unter spezifischen historischen Bedingungen durchsetzbar ist – Zuckermann erinnert in diesem Zusammenhang an Adornos Weigerung, mit den StudentInnen auf die Barrikaden zu gehen, und schließt sich dessen Einschätzung an, es habe Ende der 1960er Jahre keine revolutionäre Situation in Deutschland geherrscht.
Seiner Meinung nach trug Rosa Luxemburg am radikalsten vor, dass man zu keiner Zeit aus dem Blick verlieren dürfe, an welchem historischen Punkt man sich gerade befindet. Daher sei es eine Illusion zu meinen, man müsse Marx aufgeben, da die Revolution schon viel zu lange ausgeblieben sei, und mit der Sozialdemokratie marschieren. Luxemburg habe genau gewusst, was sie von den Sozialdemokraten und deren verschiedenen Flügeln zu halten hatte. Den Spätkapitalismus in seinen spezifischen Verlaufsformen vorhersehen konnte sie natürlich nicht: New Labour in Britannien, die Arbeitspartei in Israel oder Rot-Grün in Deutschland legten die verbliebenen Reste der ArbeiterInnenbewegung auf eine Weise lahm, die selbst heute nur eine Minderheit in ihrer vollen Tragweite begriffen hat.


Moshe Zuckermann. Der Historiker, Philosoph und Kulturwissenschaftler lehrt an der Universität Tel Aviv.

Im Zusammenhang mit der Frage, ob Marx, Lenin, Trotzki und natürlich Rosa Luxemburg ihrem Wesen nach Menschenfreunde waren, kam Zuckermann in seinem Hamburger Vortrag auf die Leiderfahrung zu sprechen: Wird diese als Faktor ausgeblendet, der die Entwicklung weiterträgt, wie es Walter Benjamin formuliert, droht die ewige Wiederkehr ungezügelter Drangsalierung. Empathie und Leiderfahrung seien bei Rosa Luxemburg ein zentrales Moment, da sie der Überzeugung gewesen sei, dass es keine Emanzipation des Menschen ohne Emanzipation der Natur geben könne. Für sie sei dieses Eingedenken mit der leidenden Natur im umfassendsten Sinn eine grundsätzliche Unfähigkeit, das Leid der Welt zu ertragen, mithin ein Moment objektiver Notwendigkeit, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern, gewesen.
Zuckermann plädiert deshalb dafür, die theoretische Forderung nach internationaler Solidarität um den Komplex umfassender Leiderfahrung zu erweitern. Bei der Entwicklung neuer sozialistischer Perspektiven muss ein Umstand Beachtung finden: Dass unsere Zivilisation „die industrielle Menschen- und Tiervernichtung zur kultur-barbarischen Perfektion getrieben hat“, wie es Zuckermann in seinem Aphorismus Zertretener Wurm, den er als Solidaritätsbekundung für die in Österreich vor Gericht stehenden TierbefreiungsaktivistInnen Kevin, Sabine, Christof, Jan, Leo und für „all die anderen, die für eine wahrhaft menschliche Welt kämpfen“, verfasst hat, ausdrückt. Auf den Einwand, man solle da tunlichst Mensch und Tier auseinanderhalten, antwortet er:


Wann hätte das selbstherrlich argumentierte Auseinanderhalten die Menschen je davon abgehalten, sich gegenseitig so abzuschlachten, „als wären sie Tiere“? Noch im blutigen Schlachtgetümmel der Revolution wußte Rosa Luxemburg, wahrhafte Versöhnung von Mensch und Natur, von Mensch und Tier visionierend, zu sagen: „Rücksichtsloseste revolutionäre Tatkraft und weitherzigste Menschlichkeit, dies allein ist der wahre Odem des Sozialismus. Eine Welt muß umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen.“

In ihrer Haftzeit in Breslau hielt Rosa Luxemburg im Dezember 1917 in einem Brief an Sonja Liebknecht eine Erfahrung fest, die sie bei einer Beobachtung auf dem Gefängnishof machte: Büffel, als Zugtiere vor einen Karren gesperrt, wurden von Soldaten geprügelt, bis sie bluteten. Für Ingolf Bossenz, Redakteur bei der Tageszeitung Neues Deutschland, der in seinem Artikel Die Linke und der „Marxismus ohne Fleisch“ fordert, dass die Solidarität mit den Tieren endlich integrales Element sozialistischer Programmatik und Praxis werden sollte, gehört dieser Brief Luxemburgs „zum Eindrucksvollsten, was sich in sozialistischer Literatur zum Thema ‚Solidarität mit den Tieren‘ findet“:


Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen. Die Soldaten, die den Wagen fuhren, erzählen, dass es sehr mühsam war, diese Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden fürchterlich geprügelt, bis sie begreifen lernten, dass sie den Krieg verloren hatten und dass für sie das Wort gilt: „Wehe den Besiegten.“ An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde.
Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren. Die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstiels loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein. Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete. Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen.
Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft, und eins, das welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften Augen wie ein verweintes Kind, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür. Ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte.
Wie weit, wie unerreichbar, verloren die schönen freien, saftiggrünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel, die man dort hörte, oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde, schaurige Stadt, die fremden, furchtbaren Menschen und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt. Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumm und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht.

In ihrem Artikel über den Hamburger Antirepressionskongress in der aktuellen tierbefreiung interpretiert Clarissa Scherzer dieses Luxemburg-Zitat, mit welchem das Programmheft des Kongresses beginnt, folgendermaßen: „Luxemburg fühlt sich eins mit den Büffeln; sieht sich in den Büffeln, nennt sie Brüder, gefangen, ohnmächtig, voll Schmerz und Sehnsucht wie sie, als politische Gefangene in Breslau (und vorher in Berlin). Eingesperrt wegen Aufhetzung zum Ungehorsam und Landes- und Hochverrat. Sie fühlt sich solidarisch mit dem Tier, das sie Bruder nennt; beide sind Opfer von Gewaltherrschaft.“
Wenn es darum geht, die Solidarität mit den Unterdrückten auf die quälbaren Körper – egal, welcher Spezies sie angehören –, auszuweiten und die Befreiung der Tiere in die Forderung nach einem Ende der Ausbeutungsverhältnisse mit aufzunehmen, ist das Denken und die Erfahrung von Rosa Luxemburg in dieser Hinsicht tatsächlich visionär. Es gibt zwar eine gewisse linke Tradition, die diese Forderung bereits explizit formulierte – hier sind etwa Leonard Nelson und der Internationale Sozialistische Kampfbund sowie die Frankfurter Schule zu nennen –, doch erst in letzter Zeit bildet sich eine breitere soziale Bewegung, um sie durchzusetzen. Diese ist allerdings vorwiegend aktionsorientiert; das theoretische Fundament der Tierbefreiungsbewegung befindet sich im Moment noch im Aufbau, es gibt noch keine einheitliche politische Linie, was, vor allem in Bezug auf mögliche BündnispartnerInnen der Bewegung, mitunter bis hin zur Tolerierung antiemanzipatorischer Positionen führen kann.
Wir kämpfen dafür, dass sich innerhalb der Tierbefreiungsbewegung eine klar emanzipatorische, sozialrevolutionäre Perspektive durchsetzt, welche die befreite Gesellschaft zum Ziel hat, die Tierbefreiung beinhalten soll.

Rosa Luxemburgs Leben, Wirken und Tod können der jungen Bewegung in dieser Hinsicht Orientierung geben, denn sie symbolisieren, so Moshe Zuckermann im März 2010 in einem Artikel in der jungen welt, „unbeirrbaren Humanismus, rigorosen Widerstand gegen Bejubelung von Krieg und Aggression, uneingeschränkte Insistenz auf Wahrung der Marxschen Emanzipationspostulate, konsequenten Kampf gegen Knechtung von Geist und Gewissen und eine endlose Mitleidsfähigkeit, natürliche Bereitschaft zur Wahrnehmung von Leiderfahrung und Geschundenheit menschlicher wie tierischer Kreaturen.“
Am 2. Mai 1917 schrieb Rosa Luxemburg an Sonja Liebknecht, sie habe am Tag vorher über die Ursache des Schwindens von Singvögeln – die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die den Vögeln die natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen entziehen – gelesen. Sie meint:


Mir war es so weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, daß ich weinen mußte.

Luxemburg fühlt sich erinnert an das Schicksal der Indigenen Amerikas, die genauso „von ihrem Boden verdrängt und einem stillen, grausamen Untergang preisgegeben“ würden. Sie schreibt weiter:


Aber ich bin ja natürlich krank, daß mich jetzt alles so tief erschüttert. Oder wissen Sie? ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in mißlungener Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles ruhig sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den „Genossen“.

Tatsächlich ist sie zwei Jahre später im revolutionären Kampf gestorben – nachdem sie im Hotel Eden verhört und schwer misshandelt worden war, gab Waldemar Pabst den Befehl, sie zu ermorden. Erpicht auf eine finanzielle Belohnung, schlug der am Seitenausgang bereitstehende Jäger Otto Wilhelm Runge sie mit einem Gewehrkolben nieder. Der Freikorps-Leutnant Hermann Souchon sprang bei ihrem Abtransport kurz auf den Wagen auf und erschoss die Schwerverletzte mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre letzten Worte waren: „Nicht schießen!“ Ihre Leiche wurde im Berliner Landwehrkanal entsorgt.
Die Marter und der Mord an Rosa Luxemburg sind nicht vergessen. Am vergangenen Wochenende gedachten ihr wieder Zehntausende – viele davon bereit, ihrer unablässigen Forderung nach sozialer Revolution und der Errichtung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung zu folgen. Wenn wir in unserem Denken und Handeln nur annähernd so konsequent sind wie sie, sollten wir Heutigen, die wir inzwischen nur allzu gut auch um die humanen und ökologischen Katastrophen wissen, welche die Ausbeutung der Tiere mit sich gebracht hat oder mit denen sie verschränkt ist, darauf hinwirken, dass sie, wie auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, beendet wird.

In Gedenken an die Revolutionärin Rosa Luxemburg.

„Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser

„Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“ – Kurt Tucholsky.

Das „linksliberale“ TAGBLATT ist weithin bekannt für seine angeblich demokratische Leserbriefkultur; die Leserbriefseite wird stolz „Das Sprachrohr des Bürgers“ genannt. Wenn man täglich die eng bedruckte Seite überfliegt und auf allerlei Anmerkungen nicht nur zur Berichterstattung der Zeitung, sondern zu allen möglichen aktuellen Ereignissen stößt – und sei es in Gedichtform in schwäbischer Mundart –, macht es den Anschein, dass alles veröffentlicht wird. Dafür ist das TAGBLATT überregional bekannt. Doch dieser Schein trügt.
Nachdem das TAGBLATT bereits in der Vergangenheit sowohl zum allgemeinen Thema Tierhaltung als auch über unsere spezielle Arbeit falsche Berichterstattung leistete und Leserbriefe, die darauf aufmerksam machten, ignorierte oder sinnentstellend kürzte (hier ist der entsprechende Beitrag, „Zum Zensur-Zirkus mit dem Schwäbischen Tagblatt“, einsehbar), scheint sich dieser ganze „Zirkus“ nun zu wiederholen.
Am 5. November erschien im TAGBLATT der Artikel „Fell ist Fell“ (einsehbar hier (bei den Kommentaren)). Danach gingen ein Leserbrief von uns und zahlreiche weitere von Einzelpersonen an die Zeitung, in denen auf verschiedene Umstände aufmerksam gemacht wurde: Fakt ist zunächst, dass das TAGBLATT im Artikel falsche Informationen verbreitet hat – hier ist hauptsächlich der Umstand zu nennen, dass wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, zwar einen Offenen Brief an Mode Zinser u.a. verfasst und diesen – einmalig – an Zinser und die anderen Geschäfte geschickt haben, die Online-Petition, aufgrund derer die Geschäfte nun offensichtlich eine Vielzahl von Mails erreichen, wurde aber unabhängig von uns eingerichtet. Im Artikel des TAGBLATTs aber heißt es über „Ladeninhaberinnen“: „Sie bekommen Mails von der „Antispeziesistischen Aktion Tübingen (AAT)“. In denen werden sie aufgefordert, keine Pelze zu verkaufen.“ – Gravierender finden wir allerdings den Umstand, der sich in der Wortwahl „Ladeninhaberinnen“ bereits andeutet – denn der Inhaber von Mode Zinser ist ja keine Frau: Im Artikel wird das Modehaus Zinser mit keinem Wort erwähnt – dabei handelt es sich bei Zinser um den Hauptadressaten unseres Offenen Briefes!
Wer den Artikel liest, bekommt den Eindruck, wir würden massenhaft Mails an einige kleine Tübinger Boutiquen schicken, welche lediglich, wie es im TAGBLATT heißt, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen. Dabei beschränkte sich unser Protest bislang, wie bereits erwähnt, auf die einmalige Sendung unseres Offenen Briefes an die betreffenden Unternehmen – in dem Brief, der hier auf unserer Internetpräsenz veröffentlicht wurde, sind natürlich auch die Mailadressen der Geschäfte genannt, was offensichtlich viele Menschen dazu bewegt hat, sich in eigener Initiative an diese zu wenden. Dies begrüßen wir natürlich – zu schreiben, alle diese Mails würden von uns stammen, ist aber schlicht unwahr. Unser Protest richtete sich außerdem von Anfang an nicht in erster Linie gegen kleine Einzelhandelsgeschäfte, sondern vor allem gegen das größte Modehaus Tübingens, Mode Zinser, wo, wie im Offenen Brief im Einzelnen dargestellt, eine Vielzahl von Kleidungsstücken mit „Pelz“ verkauft werden, u.a. Mäntel, die komplett aus „Pelz“ bestehen. Einen ersten Leserbrief zum Thema, den wir bereits im Oktober ans TAGBLATT schickten und der sich gegen den Pelzverkauf bei Zinser aussprach, wollte die Zeitung nicht veröffentlichen – als Begründung nannte die Redaktion in einer Mail an uns:


Ihren Leserbrief können wir so nicht veröffentlichen. Sie stellen Mode Zinser hier in einer Art an den Pranger, dass es aussieht, als wäre es das einzige Haus, das Echtpelze verkauft. Es gibt jedoch mit Sicherheit noch viele andere Geschäfte in Tübingen, die echtes Fell anbieten. Wenden Sie sich doch bitte direkt an den Geschäftsführer Herr Graul oder recherchieren Sie die Angebotslage genauer.

Daraufhin schickten wir erneut einen Leserbrief ans TAGBLATT; dieses Mal wurden weitere Geschäfte, die in Tübingen „Pelz“ verkaufen, genannt:


Dieser offene Brief richtet sich an Tübingens größtes Modehaus, Mode Zinser, sowie an Tübinger Boutiquen wie Pur Pur, St. Tropez, Bellababs, Marbello und Gossip, Erika Frommelt GmbH, Le Amiche und Hot Couture. Sie alle verkaufen Kleidung mit „Pelz“. Wir möchten Sie bitten, sich über dessen Produktionsbedingungen zu informieren – z.B. unter http://offensive-gegen-die-pelzindustrie.net/wordpress/pelzindustrie/. Zur Herstellung von „Pelz“ müssen Gewalthandlungen begangen werden; diese sind systematische Praxis der Pelzindustrie. Gewalt gegen Tiere aber ist nicht ästhetisch. „Pelz“ ist die abgezogene Haut eines geschundenen Tieres – diese Tatsache wird von einem bestimmten KonsumentInnenkreis, innerhalb dessen Pelz als „Luxus“ gilt, noch immer in Kauf genommen. Dabei ist die Ablehnung von Echtpelz längst gesellschaftlicher Konsens; Unternehmen, die an dessen Verkauf festhalten, müssen mit Protesten einer aufgeklärten Zivilgesellschaft rechnen. Der Verkauf von Echtpelzen kann weder mit unternehmerischer Freiheit noch mit jener der KonsumentInnen begründet werden – dies bedeutete Willkür statt Freiheit und Ignoranz gegenüber dem Leben betroffener Individuen. Als Teil der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) wenden wir uns an Sie. Seit die OGPI im Jahr 2000 mit dem strategischen Campaigning gegen den Pelzverkauf begonnen hat, haben zahlreiche Modehäuser den Verkauf von Echthaarfellen beendet – zuletzt, vor ein paar Tagen erst, Escada. Wir möchten Sie bitten, es ihnen gleichzutun; die Beendigung des Pelzverkaufs stellt für uns eine notwendige Mindestanforderung an Unternehmen dar! – Vollständiger Brief: asatue.blogsport.de.

Doch auch diesen Leserbrief druckte das TAGBLATT nicht ab, stattdessen wurde uns nun mitgeteilt, die Zeitung wolle lieber „etwas Redaktionelles“ zum Thema machen – was mit dem Artikel „Fell ist Fell“ ja auch geschah. Auffällig dabei ist, neben der unvorteilhaften Darstellung unserer Gruppe, die wir inzwischen vom TAGBLATT ja leider gewohnt sind, dass unser Anliegen in der Darstellung des TAGBLATTs in unzulässiger Art und Weise verkehrt wird: Der Hauptadressat unseres Offenen Briefes, Mode Zinser, wird von der Zeitung einfach verschwiegen! Es liegt auf der Hand, dass für den freien Mitarbeiter, der den Artikel geschrieben hat, die Vorgabe gegolten hat, das Modehaus, welches ein großer Anzeigenkunde des TAGBLATTs ist, im Artikel nicht zu nennen.


„Text gelöscht“: Auch im „Tagblatt-Forum“ auf www.tagblatt.de wird zensiert.

Eine Richtigstellung, die wir, erneut als Leserbrief, ans TAGBLATT sandten, wurde nicht abgedruckt, sondern schlicht ignoriert – wir erhielten nicht einmal mehr eine Nachricht darüber, aus welchen Gründen die Zeitung den Brief nicht veröffentlichte.
Wie wir nun erfahren haben, sind in den letzten Wochen neben unserem Brief noch weitere Leserbriefe, welche von Einzelpersonen als Reaktion auf den Artikel „Fell ist Fell“ ans TAGBLATT geschickt worden sind, einfach igenoriert worden – auch diesen Personen wurden bislang keinerlei Gründe genannt, weshalb ihre Briefe nicht abgedruckt wurden! Wie wir aber inzwischen wissen, haben mehrere dieser Personen in ihren Briefen die Vermutung geäußert, die Zeitung wolle Mode Zinser als großen Anzeigenkunden schützen!
Der einzige Leserbrief, den das TAGBLATT zum Thema abgedruckt hat, ist jener von Tina Schrade aus Rottenburg (hier online einsehbar), die uns nun informierte:


Das Tagblatt ignoriert beharrlich Leserbriefe zum Thema Tierschutz. Meiner ist nur erschienen, weil ich dreimal angerufen und zweimal geschrieben habe. Außerdem ist er so gekürzt worden, dass vom eigentlichen Inhalt nicht mehr viel übrig war. Daraufhin habe ich das Tagblatt gekündigt.

Mehrere Briefe zur Thematik, welche sie ans TAGBLATT gesandt habe, seien in den letzten beiden Jahren nicht gedruckt worden, so Frau Schrade weiter.
Der Journalist Ernst Probst sagte einmal: „Die Verfasser von Leserbriefen in Zeitungen und Zeitschriften sind oft mutiger in ihren Aussagen als die Journalisten. Kein Wunder: Sie müssen keinen Verleger, keinen Chefredakteur, keine Lobby und keine Anzeigenkunden fürchten.“
Wir halten das Vorgehen des TAGBLATTs dennoch für äußerst fragwürdig und unprofessionell. Wir erwarten eine Stellungnahme und den Abdruck der Leserbriefe. Ansonsten werden wir versuchen, über den Presserat eine Richtigstellung zu erwirken. Alle, die ähnliche Probleme mit der Zeitung haben – denn ein solches Vorgehen scheint System zu haben –, bitten wir, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Eine Beschwerde beim Presserat ist auf einfachem Wege über ein Online-Formular möglich.




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