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Das große Schlachten: Upton Sinclairs „The Jungle“

Als im Jahr 1905 Upton Sinclairs Enthüllungsroman „The Jungle“ erschien, lösten die darin geschilderten Produktionsbedingungen im damals größten Schlachthof der Welt, den Union Stock Yards in Chicago, einen Skandal aus. Die Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist heute nötiger denn je.

Herbst 1902, New York: Der 24-jährige Upton Sinclair erhält vom Sozialisten Leonard Abbott einige Broschüren überreicht, die er mit wachsender Begeisterung liest. Es sei gewesen „wie der Zusammenbruch von Gefängnismauern, die meinen Geist umschlossen gehalten hatten“, wird er später rückblickend schreiben, denn: „Es waren tatsächlich noch andere da, die dachten wie ich, die das sahen, was auch mir nach und nach klar geworden war: des Übels Kern lag darin, daß die gesamtgesellschaftlichen Schätze, die von der Natur geschaffen sind und die jeder zum Leben braucht, den Balgereien des Marktes und dem Delirium der Spekulation unterlagen.“

Zwei Jahre später charakterisiert der junge Schriftsteller sich selbst als „red-hot radical“, und diese politische Überzeugung wird fortan zu einer der Haupttriebfedern seines literarischen Schaffens. Er schließt sich der Sozialistischen Partei Amerikas an, die um die Jahrhundertwende im Aufschwung begriffen ist: Eine der wichtigsten Zeitungen der Sozialisten, Appeal to Reason, hat Auflagen von über einer halben Million. „Die erste Berührung in seinem neuen Leben mit den Phänomenen der Ausbeutung der Massen durch eine monopalartige Schlüsselindustrie ergab sich durch einen brutal niedergeschlagenen Streik der Schlachthofarbeiter in Chicago im Sommer 1904. Sinclair schrieb einen flammenden Aufruf, der im Appeal to Reason erschien und in 30 000 Sonderdrucken in den Schlachthöfen verteilt wurde“, berichtet Dieter Herms in seiner Einführung ins Leben und Werk Sinclairs. Der Herausgeber des Appeal liest Sinclairs kurz vorher veröffentlichten Roman Manassas, den er wegen der gelungenen Darstellung der Sklaverei lobt, und bietet Sinclair ein bescheidenes Stipendium an, um nunmehr den Roman über die moderne Lohnsklaverei zu schreiben, der dann in Fortsetzungen im Appeal erscheinen soll. „Sinclair nahm an, und es begann die Entstehung des Buches, das Jack London, der einzige andere Sozialist unter den prominenten zeitgenössischen Schriftstellern, später als ,Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei‘ apostrophieren sollte“, so Herms.

„Der ,Appeal‘ war ein ,Propaganda‘-Blatt mit ganz eigener Note – schmissig und spritzig, voll Pfeffer und auch voll Slang. Er sammelte Nachrichten über das Treiben der ,Plutos‘ und setzte sie dem ,amerikanischen Arbeitsgaul‘ als Futter vor“, heißt es dann auch in besagtem Roman, der „den amerikanischen Arbeitern“ gewidmet ist. Die Rede ist von Sinclairs mit Abstand berühmtestem Werk: The Jungle. Zu Recherchezwecken begibt er sich nach Chicago unter die rund 20 000 Arbeiter des Fleisch-Trusts im damals Packingtown genannten Areal. Zu diesem Zeitpunkt kontrollieren sechs große Gesellschaften praktisch die gesamte Fleischverarbeitung in den USA, mit Chicago als Zentrum. Sinclair berichtet: „Mir schien, als stünde ich vor einer wahren Festung der Unterdrückung. Wie diese Mauern durchbrechen oder abtragen? Es war ein militärisches Problem. Ich saß abends in den Wohnungen der Arbeiter, der ausländischen wie der einheimischen; sie berichteten und ich notierte alles. Tagsüber durchforschte ich die Schlachthöfe und meine Freunde riskierten den Arbeitsplatz, um mir zu zeigen, was ich sehen wollte.“

Der Gott der Schweine

Union Stock Yard & Transit Co., Chicago: Die größte Fleischfabrik der Welt. Beginnend mit dem Sezessionskrieg bis in die 1920er-Jahre hinein werden hier mehr Tiere getötet als an jedem anderen Ort der Welt. „Die industrielle Revolution mag in England begonnen haben, aber in Chicago fand die zweite grundlegende Umwälzung der Moderne statt. Eine Umwälzung, die die Essensgewohnheiten genauso wie die Geruchs- und Geschmacksempfindungen der Menschen ein für alle Mal verändern sollte: die Industrialisierung der Viehzucht und der Viehverarbeitung, an deren Ende Fleisch in Paketen steht, das durch nichts an das ursprüngliche Tier erinnert“, so ein Artikel zum Thema in einem Wirtschaftsmagazin. Das Fließband – assembly line –, Sinnbild für die moderne Warenproduktion, ist zunächst eine disassembly line: Tierkörper hängen an einer rund laufenden Kette, so dass die Schlachtarbeiter sich nicht bewegen müssen. Das auf diese Weise erfolgte Zerlegen geschlachteter Tiere im Akkord dient als Vorbild des späteren fordistischen Fabrikmodells.

In The Jungle wird das, mit Blick auf die Tiere, folgendermaßen beschrieben: „Alles erfolgte derart methodisch, daß man gebannt zuschaute. Es war Schlachten per Fließband, Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik. Dennoch konnte selbst der unsentimentalste Mensch nicht umhin, an die Tiere zu denken. Sie waren so arglos, trotteten so vertrauensselig herbei, wirkten in ihrem Protest so menschlich – und waren mit ihm so im Recht! Sie hatten nichts verbrochen, womit sie das verdient hätten, und zu dem Unrecht kam noch die Demütigung, die kaltblütige, unpersönliche Weise, wie man sie hier ins Jenseits beförderte, ohne auch nur die Vorspiegelung einer Abbitte, ohne Opferung einer einzigen Träne. Gewiß, die Zuschauer weinten schon manchmal, aber diese Schlachtmaschine lief ja auch, wenn gar keine da waren. Was hier vor sich ging, war wie ein Verbrechen, das in einem Verlies begangen wird, unbemerkt und unbeachtet, vor aller Augen verborgen und sogleich aus dem Bewußtsein verdrängt. Man konnte nicht lange zusehen, ohne ins Philosophieren zu kommen, ohne auf Gleichnisse zu verfallen, Sinnbilder zu sehen und das Schweinequieken des ganzen Alls zu hören. Sollte es wirklich nirgendwo auf der Erde oder über der Erde einen Himmel für Schweine geben, wo sie für all ihre Leiden entschädigt werden? Jedes dieser Schweine stellte doch ein Geschöpf für sich dar; manche waren rosa, andere schwarz oder braun, wieder andere gefleckt; manche waren alt, manche jung, manche waren rank und schlank, manche dick und fett. Und jedes hatte seine Individualität, seinen eigenen Willen, seine Wünsche und Hoffnungen; jedes besaß Selbstgefühl und Würde. Vertrauensvoll und stark im Glauben war es seinen Geschäften nachgegangen, während die ganze Zeit ein schwarzer Schatten über ihm schwebte und ein schreckliches Verhängnis seiner harrte. Und jetzt schlug dieses Schicksal plötzlich zu, kam wie ein Raubvogel herabgestürzt und packte es am Bein. Brutal vollzog es seinen Willen an ihm, gefühllos gegen alles Protestieren und Schreien des Tieres, so als hätte dieses überhaupt keine Empfindungen – es schnitt ihm die Kehle durch und schaute zu, wie es sein Leben aushauchte. Sollte man da nun glauben, daß es nirgendwo einen Gott der Schweine gebe, dem diese Schweinepersönlichkeit teuer ist, dem diese Schreie und Todesqualen etwas bedeuten? Der das Schwein dann in die Arme nimmt und es tröstet, der es für sein wohlgetanes Werk belohnt und ihm den Sinn seines Opfers klarmacht? Ein Schimmer von all dem war wohl auch in den schlichten Gedanken unseres Jurgis, als er sich zum Weitergehen mit den anderen wandte und murmelte: ,Dieve – was bin ich froh, kein Schwein zu sein!‘“

Der inkarnierte Geist des Kapitalismus

Das Schicksal des jungen litauischen Einwanderers Jurgis Rudkus steht im Zentrum des Romans, der mit einer Szene beginnt, in welcher er und die 15-jährige Ona im Kreis der Familie heiraten. Zunächst noch geblendet vom „amerikanischen Traum“, wird Jurgis mehr und mehr desillusioniert werden. Anfangs kommt er aus dem Staunen über die beeindruckende, von Menschenhand erbaute Tötungsmaschinerie gar nicht mehr heraus: In den Yards gibt es 250 Meilen Eisenbahnschienen, auf denen jeden Tag rund zehntausend Rinder angeliefert werden, die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe – was bedeutet, dass hier im Jahr acht bis zehn Millionen Tiere zu Fleisch verarbeitet werden. Die Ankunft von Rindern wird folgendermaßen beschrieben: „Gruppenweise wurden die Rinder auf die Rampen getrieben, etwa fünf Meter breiten massiven Stegen, die über den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog ein nicht abreißender Strom von Tieren dahin; es war geradezu unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendrängten, ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt, und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos; sie dachten nur daran, wie großartig das alles organisiert sei.“ Mit der Zeit aber durchschaut Jurgis das kapitalistische survival of the fittest, das in den Yards in geradezu idealtypischer Weise zu beobachten ist: „Er hatte jetzt erkannt, wie es um ihn her zuging: Krieg aller gegen alle, und den letzten beißen die Hunde“, heißt es im Roman; der Fleisch-Trust sei „die Verkörperung blinder, gefühlloser Habgier“ und „ein mit tausend Rachen schlingendes, mit tausend Hufen stampfendes Ungeheuer – der inkarnierte Geist des Kapitalismus.“ Der Umgang der Menschen miteinander ist an diesem Ort besonders roh: „Um hier im Schlachthofviertel eingeschlagene Schädel wird wenig Aufhebens gemacht, denn Männern, die tagaus, tagein Tieren den Schädel einschlagen, scheint das zu einer Gewohnheit zu werden, die sie zwischendurch auch an ihren Freunden und manchmal sogar an ihren Familien praktizieren.“

Buchstäblich der gesamte Körper des Tieres fällt hier der kapitalistischen Verwertungslogik anheim: „Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet – bloß für das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden“, bekommt Jurgis gleich zu Beginn erklärt. Was das wirklich bedeutet, findet er – oder vielmehr Sinclair – schnell heraus: „Zu Zeiten des alten Durham habe jeder, der eine neue Fälschung ausknobelte, von ihm ein Vermögen bekommen können, sagte Jurigs‘ Gewährsmann, jetzt aber sei es schwer, sich noch etwas Neues auszudenken, hier, wo schon so viele schlaue Köpfe so lange am Werk sind, wo die Leute sich freuen, wenn ihre Mastrinder Tuberkulose bekommen, weil sie dann schneller fett werden, und wo man in den Lebensmittelgeschäften des ganzen Landes alle liegengebliebene und ranzig gewordene Butter aufkauft, sie mittels eines Druckluftverfahrens ,oxydiert‘, um ihr den Geruch zu nehmen, sie dann mit abgerahmter Milch neu buttert und schließlich abgepackt in den Großstädten verkauft!“ Die Fabrik habe im ganzen Land Agenten, die alte und kranke Tiere für die Verarbeitung zu Büchsenfleisch auftriebe. Da würden Rinder angeliefert, die über und über mit Geschwüren bedeckt seien, und diese Tiere zu schlachten, sei eine eklige Arbeit, denn stoße man das Messer in sie hinein, platzten die Euterbeulen auf und spritze einem ihr stinkender Inhalt ins Gesicht. Man munkelt, dass allein für die tuberkulösen Rinder und für die in den Güterzügen an Cholera krepierten Schweine wöchentlich zweitausend Dollar Schweigegelder gezahlt werden. Trächtige Kühe werden geschlachtet, die ungeborenen Kälber herausgenommen und wie normales Fleisch verarbeitet. Die Schinkenpastete besteht aus Abfällen von geräuchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu können, aus Gekröse, das chemisch gefärbt ist, damit es nicht weiß durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned Beef, aus Kartoffeln und knorpeligen Rindergurgeln. Verdorbenes Fleisch wird von mit zweitausend Umdrehungen in der Minute laufenden Messern zerhackt und einer halben Tonne anderem Fleisch untergemengt, so dass sich von seinem fauligen Geruch nichts mehr merken lässt. In die Wurstmasse wandert alles Mögliche: „Aus Europa kamen alte Würste zurück, die man nicht losgeworden war und die einen weißen Schimmelbelag hatten – sie wurden mit Borax und Glyzerin behandelt und dann noch mal durchgedreht, um schließlich im Inland verkauft zu werden. Fleisch, das auf den Fußboden gefallen war, in den Schmutz und das Sägemehl, auf dem die Arbeiter herumgetrampelt waren und in das sie Milliarden Tuberkulosebazillen gespuckt hatten, wanderte ebenso in die Fülltrichter; desgleichen das Fleisch, das gestapelt in den Hallen lagerte, wo von lecken Dächern Wasser drauf tropfte und Tausende von Ratten auf ihm herumhuschten. Um etwas zu erkennen, war es dort zu dunkel, aber wenn man mit der Hand über diese Fleischstapel fuhr, konnte man wahre Mengen von getrocknetem Rattenkot hinunterfegen. Die Ratten waren eine Plage, und man legte vergiftetes Brot aus, woran sie krepierten, und dann kamen Ratten, Brot und Fleisch zusammen in die Trichter. Das ist kein Märchen und auch kein Witz.“

Wie ein empfindungsloses Lasttier

Die Arbeiter werden so gnadenlos ausgebeutet, dass der Begriff der Lohnsklaverei angemessen ist. „An die Stelle der Peitsche des Sklaventreibers tritt das Strafbuch des Aufsehers“, schreibt Karl Marx im Kapital über das moderne Fabriksystem, und entsprechend heißt es in The Jungle: „Die Bevölkerung hier, ganz aus Proletariat und zumeist aus Ausländern bestehend, stand immer am Rande des Verhungerns und hing in bezug auf ihre Überlebensmöglichkeiten von den Launen von Männern ab, die keinen Deut weniger brutal und skrupellos waren als seinerzeit die Sklavenschinder; unter solchen Umständen war die Unmoral so unvermeidlich und genauso weitverbreitet wie unter dem System der Sklaverei. Was sich in den Fabriken da tagtäglich tat, läßt sich gar nicht wiedergeben; es fiel nur nicht so auf wie einst, weil Herren und Sklaven sich nicht in der Hautfarbe unterschieden.“ Im Winter bitterkalt, werden die schmutzigen Schlachthallen im Sommer zu reinsten Fegefeuern; einmal fallen an einem einzigen Tag drei Männer tot um, getroffen vom Hitzschlag. 15 oder 16 Stunden Arbeit pro Tag sind nicht ungewöhnlich, und diese Arbeit ist so gefährlich, dass sich ständig Unfälle ereignen. Die Rede ist etwa von Schnittwunden, die sich infizieren, verlorenen Fingernägeln, von Säure zerfressenen Händen, abgetrennten Körperteilen. Der ungeschützte Umgang mit Chemikalien macht die Arbeiter krank – doch wer ausfällt, kann umgehend ersetzt werden, denn vor den Fabriken wartet eine ganze Armee von Arbeitssuchenden. In den Kochereien befinden Brühkessel sich auf gleicher Höhe mit dem Fußboden – das „Berufsleiden“ der Menschen, die dort arbeiten, besteht laut Sinclair darin, „in diese Kessel zu fallen, und wenn man sie herausfischte, war nicht mehr genug von ihnen übrigen, das vorzeigenswert gewesen wäre. Manchmal blieb so ein Unfall tagelang unbemerkt, und inzwischen waren sie dann, mit Ausnahme der Knochen, schon als ,Durhams Feinschmalz‘ in die Welt hinausgegangen!“

Durch die Umstände sieht Jurgis sich schließlich gezwungen, die schlimmste Arbeit anzunehmen, die es hier gibt, und zwar in der Düngerfabrik, deren dunkle Hallen „gespenstischen Beinhäusern“ gleichen. Sinclair schreibt: „In diesen Teil der Yards kamen die Rückstände aus den Brühkesseln und alle möglichen Abfälle; hier wurden die Knochen getrocknet – und in stickigen Kellern, in die nie das Tageslicht drang, konnte man Männer, Frauen und Kinder sehen, die sich über rotierende Maschinen beugten und Knochenstücke in verschiedene Formen zersägten; sie atmeten dabei den feinen Staub in ihre Lungen, und einer wie der andere wurden sie in absehbarer Zeit zu Todeskandidaten.“ Als Jurgis neben weiteren Familienmitgliedern Frau und Kinder verliert, als er ins Gefängnis kommt, wo er Steine klopfen muss, sieht er die „zivilisierte Welt“ klarer als je zuvor: Es handle sich um eine Welt, „in der nur die brutale Macht zählte, eine Ordnung, die sich die Besitzenden zur Unterdrückung der Besitzlosen erdacht hatten. Er gehörte zu den letzteren, und alles ringsum, das ganze Leben war für ihn ein einziger Käfig, in dem er auf und ab lief wie ein gefangener Tiger, der es an einem Gitterstab nach dem anderen versucht, sie aber sämtlich für seine Kräfte zu stark findet.“ Schon zuvor vegetierte er aufgrund der stumpfsinnigen Arbeit „dahin wie ein empfindungsloses Lasttier, war sich immer nur des Augenblicks bewußt“; „sie hatten ihn auf den Müll geworfen wie Unrat, wie ein krepiertes Tier“, wird nun seine Empfindung im Gefängnis beschrieben, und: „Hinter Gitter steckten sie ihn, als wäre er ein wildes Tier, ein Wesen ohne Vernunft, ohne Rechte, ohne Herz und Gefühl. Nein, nicht einmal ein Tier hätten sie so behandelt!“

In der ersten Phase des industriellen Kapitalismus hat sich ein neuer Typus von Gefängnis entwickelt, „als die arbeitenden Klassen zu ,gefährlichen Klassen‘ wurden und die Gefängnisanstalten sich mit einer heterogenen Bevölkerung zu füllen begannen, die aus sozialen Gestalten bestand, die den neuen Modellen der Disziplin zuwiderhandelten“, so der Historiker Enzo Traverso; es sind Gefängnisse, „in denen die Arbeit, die häufig keinerlei produktiven Zweck besaß, ausschließlich mit dem Ziel konzipiert wurde, zu quälen und zu erniedrigen“. Fabrik und Gefängnis: Beide seien, meint Traverso, gekennzeichnet vom gleichen Prinzip des Einschlusses, von der Disziplin der Zeit und des Körpers, der rationalen Teilung und Mechanisierung der Arbeit, der Unterordnung der Körper unter die Maschinerie. „Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln“, schreibt Marx im Kapital. „Elzbieta war ein Teil der Maschine, die sie bediente, und jede Fähigkeit, die nicht für die Maschine gebraucht wurde, war zum Verkümmern verurteilt“ heißt es entsprechend in The Jungle. Wir haben es hier zu tun mit dem Übergang von der alten Arbeiterklasse der verschiedenen Berufe zum „Massenarbeiter“, der ungelernt und jederzeit ersetzbar ist.

Ein Schwein im Besitz der Fabrikanten

Hier zeichnet sich eine Entwicklung ab, die der US-amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor, der als Begründer der Arbeitswissenschaft gilt, später mit seinem „Scientific Management“ theoretisiert hat. Wenn, so Traverso, eine der historischen Bedingungen des modernen Kapitalismus in der Trennung der Arbeiter von ihren Arbeitsgeräten bestehe, so habe der Taylorismus eine neue Etappe eingeführt, die sich dadurch auszeichne, dass dem Arbeiter die Kontrolle des Arbeitsprozesses weggenommen werde, wodurch der Weg für die Serienproduktion des fordistischen Systems geebnet worden sei. Das angestrebte Ideal: Ein hirnloser Arbeiter, bar jeder geistigen Autonomie, allein dazu befähigt, mechanisch standardisierte Handlungen zu verrichten – in Taylors eigenen Worten ein „Ochsenmensch“ oder ein „dressierter Gorilla“. „Kurzum, es handelte sich um ein entmenschlichtes und entfremdetes Wesen, um einen Automaten“, fasst Traverso zusammen.

Die Entmenschlichung des Proletariats im Zuge dessen, was Traverso als Klassenrassismus bezeichnet, hat eine lange Tradition. Er verweist etwa auf die Interpretation der Pariser Kommune in Begriffen der Zoologie in einem Artikel des Schriftstellers Théophile Gautier vom Oktober 1871, in dem es heißt: „In allen großen Städten gibt es Löwengruben, mit dicken Absperrungen geschlossene Höhlen, in die man die wilden Tiere, die stinkenden Tiere, die giftigen Tiere, alle jene widerspenstigen Perversitäten sperrt, die die Zivilisation nicht zu zähmen vermochte, jene, die das Blut lieben, jene, die das Feuer wie ein Feuerwerk amüsiert, jene, die sich am Diebstahl erfreuen, jene, für die der Angriff auf die Scham Liebe ist, alle Monster des Herzens, alle Missgestalten der Seele; die schmutzige Bevölkerung, die am Tag unbekannt ist und die in den Tiefen der unterirdischen Dunkelheit unheimlich krabbelt. Eines Tages vergisst ein vergesslicher Tierbändiger seine Schlüssel zu den Toren dieser Menagerie, und die wilden Tiere stürzen sich mit wildem Geschrei in die vom Schreck heimgesuchte Stadt. Aus den offenen Käfigen springen die Hyänen von 1793 und die Gorillas der Kommune.“

In The Jungle tritt zu einem Zeitpunkt, als der Streik der Schlachtarbeiter dafür gesorgt hat, dass der Preis für Fleisch um 30 Prozent gestiegen ist, der Fabrikdirektor vor die Tür, droht den Arbeitern mit der Faust und brüllt: „Ihr seid weggelaufen wie die Ochsen, und wie die Ochsen kommt ihr auch zurück!“ Um die Streikenden zu ersetzen, werden schnell neue Belegschaften aufgebaut, etwa durch Schwarze aus den Baumwollgebieten des tiefen Südens, „die man wie Schafe in die Fabriken trieb“. Weiter heißt es: „In diesen tierischen Kampf aller gegen alle, in diesen Dschungel waren die Männer hier hineingeboren worden, ohne daß man sie gefragt hatte; sie nahmen daran teil, weil ihnen keine andere Wahl blieb“, und: „Jeden Tag fischte das Schleppnetz der Polizei Hunderte von ihnen von den Straßen, und in der Verwahrungsanstalt konnte man sie sehen, zusammengepfercht in einem Inferno en miniature, mit häßlichen, tierischen Gesichtern, aufgedunsen und von venerischen Krankheiten gezeichnet, lachend, schreiend, kreischend in allen Stadien der Trunkenheit, wie Hunde kläffend, schnatternd wie Affen, im Delirium tobend und sich selbst zerfleischend.“

Als der Hauptprotagonist sich gegen Ende des Romans den organisierten Sozialisten anschließt, lesen wir: „Jurgis erinnerte sich, wie er kurz nach seiner Ankunft in Chicago beim Schweineschlachten zugeschaut, es grausam und brutal gefunden und sich dann beglückwünscht hatte, kein Schwein zu sein. Jetzt machte ihm sein neuer Bekannter klar, daß er damals doch eines gewesen sei – ein Schwein im Besitz der Fabrikanten: Aus dem Schwein wollen die den höchstmöglichen Profit herausholen, und genauso wollen sie das auch aus dem Arbeiter und aus der Gesellschaft. Was das Schwein davon hält und was es leidet, bleibe außer Betracht, und dieselbe Einstellung hätten sie auch gegenüber dem Arbeiter und dem Käufer von Fleisch. Das sei überall auf der Welt so, aber in Packingtown zeige es sich in konzentrierter Form; Schlachten scheine ganz besonders roh und grausam zu machen. Jedenfalls würden für die Fabrikanten hundert Menschenleben leichter wiegen als ein Cent Profit.“

Der Mensch braucht kein Fleisch

„Arbeiter, ihr seid von Jugend an dazu erzogen, ihr schleppt euch weiter ab wie die Lastesel und denkt nur ans Heute und an dessen Plagen. Ist aber einer unter euch, der glauben kann, dieses System werde ewig weiterbestehen?“, fragt ein Redner in einer Versammlung von Sozialisten, die Jurgis besucht. Das Leben sei ein „Kampf ums Dasein“, der Starke bezwinge den Schwachen und werde seinerseits von dem noch Stärkeren bezwungen. Die Verlierer in diesem Kampf gingen im Allgemeinen zugrunde, doch hin und wieder hätten sie bekanntlich überlebt, und zwar dann, wenn sie sich zusammengeschlossen hatten – und dadurch eine neue und höhere Art von Stärke erreichten. Auf diese Weise hätten sich in der Natur die Herdentiere gegen die Raubtiere gehalten und in der Geschichte der Menschheit die Untertanen gegen die Könige durchgesetzt. Der Arbeiter sei der Untertan der Industrie, die sozialistische Bewegung der Ausdruck seines Überlebenswillens; es sei Aufgabe der Sozialisten, das Volk aufzuklären und zu organisieren, es auf jene Zeit vorzubereiten, „da es die Fleisch-Trust genannte riesige Maschine in Besitz nehmen und dazu benutzen wird, Menschen Nahrung zu verschaffen, statt einer Bande von Piraten Reichtümer anzuhäufen“. Die Produktionsmittel zur Herstellung lebenswichtiger Güter müssten Gemeineigentum sein und demokratisch verwaltet werden, und dies sei nur mittels der klassenbewussten politischen Organisation der Lohnarbeiter zu erreichen. Seien die Schlüsselindustrien einmal vergesellschaftet, müsse es darum gehen, die Versorgung der Bevölkerung systematisch und rationell zu organisieren.

Heißt das, dass in den Fabriken, wären sie in Arbeiterhand, weiter geschlachtet werden würde wie bisher und die Erzeugnisse nur gerechter verteilt würden? Nicht, wenn es nach der sozialistischen Utopie geht, die Sinclair in The Jungle entwirft. Denn die Tierindustrie ist eben nicht rational, im Gegenteil findet hier eine riesige Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft statt. Schon August Bebel wusste: „Die Vielseitigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche durch Viehzucht Fleisch erzeugt werden kann“, und George Bernard Shaw, ein Freund und Förderer Sinclairs und sicher einer der bekanntesten vegetarischen Sozialisten, sagte über das Essen von Fleisch, dass es auch eine „Versklavung der Menschen“ mit sich bringe: „Kühe und Schafe mit ihrer Dienerschaft von Geburtshelfern, Viehzüchtern, Schafhirten, Fleischern, Milchmädchen und so weiter beanspruchen eine Menge menschlicher Arbeitskraft, die man der Aufzucht und Betreuung von Menschen widmen sollte.“

Entsprechend lässt Sinclair am Schluss des Buches einen Sozialisten namens Schliemann sagen, es sei „erwiesen, daß der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. Doch was macht’s – Hauptsache, es kitzelt den Gaumen!“ Wie der Sozialismus das denn ändern könne, fragt jemand. Solange es Lohnsklaverei gibt, erwidert Schliemann, „spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder abstoßend eine Arbeit ist – es läßt sich ja leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen. Man wird die schmutzigen und ungesunden Fabriken eine nach der anderen abreißen – neue zu bauen wird billiger sein; man wird die Dampfschiffe mit automatischer Feuerung ausrüsten und überhaupt alle gefährlichen Berufe ungefährlich machen oder aber für ihre Erzeugnisse Ersatz finden. Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will, selber schlachten muß – und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?“

Nachwirkungen

The Jungle ist ein Tatsachen- und Enthüllungsroman. Während er ab Februar 1905 in Fortsetzungen im Appeal to Reason erschien, bemühte Sinclair sich zugleich um eine Vertragsvereinbarung für die Veröffentlichung als Buch. Diverse Verlage lehnten das Buch ab oder verlangten von ihm, „Blut und Eingeweide“ herauszulassen, sprich, das Werk um brisante Stellen zu kürzen, was der Autor ablehnte. Der Verlag Doubleday, Page & Company, der einen Bestseller witterte, beauftrage einen Reporter des Chicago Tribune damit, den Wahrheitsgehalt des Romans zu begutachten. In einem 32-seitigen Papier wurden Sinclairs Schilderungen der Schlachthöfe zurückgewiesen. Als der Verlag daraufhin einen eigenen Reporter nach Chicago entsandte, stellte sich heraus: Das Papier war vom Publicity-Agenten des Fleisch-Trusts persönlich angefertigt worden! So erschien der Roman Ende Februar 1906, wurde tatsächlich ein sofortiger Bestseller und machte Sinclair mit einem Schlag im ganzen Land bekannt – die realistisch geschilderten Einzelheiten der Zustände in den Schlachthöfen gingen durch die Presse, Übersetzungen des Buches in 17 Sprachen erschienen innerhalb weniger Monate. Eins der ersten Exemplare schickte Sinclair an Präsident Roosevelt, woraufhin dieser ihn nach Washington einlud; das Ergebnis des Treffens: Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um erneut zu recherchieren, diesmal im Auftrag des Weißen Hauses. Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Schilderung bestätigte – mit einer Ausnahme, wie Dieter Herms schreibt: „Es gab keine Evidenz für die Behauptung, daß Arbeiter, die in die Brühkessel gefallen waren, als ,Armours Feinschmalz‘ in die Welt hinausgingen.“

Für Herms legitimiert der tatsächliche Aufschwung der Socialist Party zwischen 1904 und 1912 den geradezu hymnischen Schluss des Romans, wo es heißt: „Wir werden die Feinde unserer Klasse überrennen und sie vor uns herjagen – und Chicago wird unser sein!“ Die Gewerkschaftsbewegung auf dem Sektor der Fleischverarbeitung war in dieser Zeit noch zu schwach, und, so Herms, „zu sehr unterminiert von Spitzeln und Agenten, um erfolgreich sein zu können. Erst um 1918/1919 sollte es gelingen, dem mächtigen Rindfleisch-Imperium Armour and Company, das im Roman als ,Durham’s‘ abgebildet ist, die Anerkennung der Gewerkschaft abzutrotzen.“ Die Wahlerfolge der Sozialistischen Partei dagegen, deren linkem Flügel Sinclair zu dieser Zeit angehörte, waren zwischen 1902 und 1912 so beeindruckend, dass eine Regierungsverantwortung durchaus im Bereich des Möglichen lag. Allerdings: Was als Agitationsmittel für den Sozialismus gedacht war, kam bei den Massen in erster Linie als Anklage gegen die katastrophalen Zustände in der Fleischindustrie an. „Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen“, kommentierte Sinclair daher wiederholt die Wirkung seines Buches.

Die unmittelbare Wirkung des Romans war also keineswegs revolutionär – vielmehr zog sie Reformen nach sich, konkret eine Bundesgesetzgebung über hygienische Fleischverarbeitung. Die Bekanntgabe der Ergebnisse der von Präsident Roosevelt in Auftrag gegebenen Untersuchung der Zustände in der Fleischverarbeitung hatte zunächst den Effekt, dass im Juni 1906 der amerikanische Fleischabsatz in Europa schlagartig zurückging, was den Zusammenbruch der Lobby des Fleisch-Trusts im US-Kongress einleitete. Bereits am 26. Mai hatte der Bundessenat das Gesetz gebilligt; in der New York Times erschien daraufhin die Schlagzeile: „Direkte Folge der Enthüllungen in Upton Sinclairs Roman“. Einen Monat später verabschiedete der Kongress die – allerdings durch zahlreiche Kompromisse verwässerte – Vorlage des Senats. „Die Wirkung des Jungle reduzierte sich letzten Endes auf jenen Ausschnitt von Lebensqualität, der durch das Essen einiger konservierter Fleischsorten bestimmt ist“, resümiert Dieter Herms.

Das war ganz gewiss nicht das, was Sinclair im Sinn hatte, als er The Jungle schrieb. Allerdings machte der Schriftsteller in späteren Jahren eine Entwicklung durch, die ihn letztlich von seinen einst sehr radikalen Positionen stark abrücken ließ; dem alten Sinclair der späten 1960er-Jahre schließlich bescheinigt Herms, nach 50 Jahren erbarmungslosem Bloßlegen der inneren Bewegungsmechanismen des Großkapitals, nach 50 Jahren des Kampfs für die Sache der Unterdrückten und Ausgebeuteten des „anderen Amerika“, am Ende doch „Frieden gemacht zu haben mit dem amerikanischen Imperialismus“. Obschon selbst zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 30 Jahren Vegetarier – Sinclair lehnte „jede fleischliche Kost ab“ und sei „immerhin mit seiner Reis- und Früchte-Diät neunzig Jahre alt“ geworden, wie Herms berichtet –, habe er am Ende seiner Autobiografie, die 1962 erschien, unter den zehn wichtigsten Leistungen seines Lebens auch aufgelistet, dass The Jungle dabei geholfen habe, „daß gutes Fleisch auf die Tische der Amerikaner gekommen sei und die Schlachthofarbeiter starke Gewerkschaften erhielten“. 1967, ein Jahr vor seinem Tod, war Sinclair bei der Unterzeichnung des „Wholesome Meat Act“ durch Präsident Lyndon B. Johnson anwesend, einem Gesetz, das sich direkt auf die durch seinen Roman erzwungenen Reformen sechzig Jahre zuvor bezog, und ließ sich wegen dessen bahnbrechenden Wirkung im Weißen Haus ehren. Der greise Autor betonte stets, dass die von ihm 1905 beschriebenen Zustände längst überwunden seien: „Seitdem haben wir den ,New Deal‘ und den ,Fair Deal‘ gehabt; die Arbeiter in den Schlachthöfen haben starke Gewerkschaften und soviele soziale Vergünstigungen, daß man darüber ein neues Buch schreiben könnte“, meinte er.

Und heute?

Heute leben wir in einer Zeit, in welcher der Kapitalismus seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten hat, was nicht nur mit zahlreichen sozialen Verwerfungen, sondern auch mit einer über alle Maße gesteigerten Ausbeutung der Natur und der Tiere einhergeht. Die massive Verschwendung und die verheerenden Umweltzerstörungen, welche die Tierindustrie zu verantworten hat, sind längst allgemein bekannt. Doch weiterhin wird „im Sekundentakt geschlachtet, immer schneller, immer billiger, immer schmutziger“; hierzulande wird das Gemetzel „von einer Geisterarmee aus Osteuropa“ erledigt, wie es Die Zeit ausdrückt. „Sie schlafen in Mulden unter Bäumen, ohne Dächer und ohne Schutz, sie decken sich mit Blättern zu. Sie liegen da zusammengekauert wie wilde Tiere“, schreibt die Wochenzeitung über die „Schattenwelt“ der osteuropäischen Schlachtarbeiter in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Morgens ziehen sie dann in einen der Schlachtbetriebe, „die wie Gefängnisse gesichert sind, mit Kameras, Wächtern und Zäunen aus Stahl“. Unter der Überschrift „Lohnsklaven in Deutschland“ berichtet die Süddeutsche Zeitung: „Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.“ Sinclairs „Dschungel“ ist längst schon wieder Realität.

Eine Rückbesinnung auf die in Sinclairs Roman geschilderte Utopie einer Gesellschaft, die ohne das große Schlachten auskommt, ist nötiger denn je. Politik, die heute fortschrittlich sein will, muss mehr wollen als nur die schlimmsten Auswüchse der Tierindustrie zu beschneiden. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel – dringend. Die Vereinten Nationen stellten angesichts des massiven Raubbaus an der Erde, den die Tierindustrie betreibt, und des Klimawandels, den sie zu einem großen Teil mit zu verantworten hat, schon im Jahr 2010 fest, dass eine wirkliche Verringerung der Auswirkungen nur noch mit einer grundsätzlichen, weltweiten Ernährungsumstellung weg von Tierprodukten möglich wäre. Wir brauchen eine neue Bewegung, welche die Konversion der Tierindustrie zum Ziel hat, denn, wie es im kürzlich veröffentlichten Thesenpapier Marxismus und Tierbefreiung heißt: „Objektiv ist die Ausbeutung der Tiere heute nicht nur unnötig, sondern irrational und antifortschrittlich. Sie sorgt für einen massenhaften und steigenden Verbrauch von etwa Wasser oder Soja, die nicht für sinnvolle Zwecke, sondern zur Produktion von Fleisch, Milch und Eiern eingesetzt, und erst recht nicht rational verteilt werden. Die ökologischen Schäden durch Rodungen von Regenwäldern, monokulturellem Anbau oder Wasserverschmutzung sind bereits heute zum Teil irreparabel. Wer also meint, die Fleischproduktion ignorieren oder sie sogar in einen sozialistischen Betrieb überführen zu können, sitzt jenem naiven und romantisierten Bild industrieller Lebensmittelproduktion auf, das die Lobbygruppen des Kapitals von ihr zeichnen. Der Umbau der Lebensmittel- und Fleischindustrie zu einer ökologisch nachhaltigen, veganen und gesellschaftlich geplanten Produktion wäre demgegenüber eine zeitgemäße sozialistische Forderung.“

In The Jungle hält ein Sozialist eine flammende Rede, in der es heißt: „Denn ich spreche für die Millionen, die ohne Stimme sind! Für die Unterdrückten, die niemand tröstet! Für die vom Leben Enterbten, für die es keine Ruhe und keine Erlösung gibt, für die die Welt ein Kerker ist, eine Folterkammer, eine Gruft!“ Eine fortschrittliche sozialistische Bewegung darf damit heute nicht mehr nur die Menschen meinen, die unter dem Kapitalismus leiden – sie muss auch für die Tiere sprechen, die in diesem System ausgebeutet werden. Sie muss den Weg weisen in eine wahrhaft menschliche Gesellschaft, in der endlich Schluss gemacht wird mit dem großen Schlachten.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf der Antispeziesismus-Facebook-Seite erschienen.

Zitierte Literatur:

Upton Sinclair: Der Dschungel. Roman. Aus dem Amerikanischen von Otto Wilck, Reinbek bei Hamburg 1985

Dieter Herms: Upton Sinclair – amerikanischer Radikaler. Eine Einführung in Leben und Werk, Jossa 1978

Enzo Traverso: Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors. Aus dem Französischen von Paul B. Kleiser, Stuttgart 2003

Matthias Rude: Antispeziesismus: Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013

Tauwetter in Europa: Rückblick 18. März Frankfurt

Am Mittwoch den 18. März blockierten in Frankfurt über 5000 Menschen die Eröffnungsfeier des neuen, 1,34 Mia Euro schweren Gebäudes der Europäischen Zentralbank. Diese ist ein zentraler Akteuer Südeuropäischen Ländern eine unmenschliche Krisenpolitik aufzuzwingen, welche schon vielen Tausend Menschen in Spanien und Griechenland durch das Vorenthalten lebenswichtiger Medikamente, Wohung und Nahrung das Leben gekostet hat. Am Rande der Blockaden ist es nach Tränengasangriffen der Polizei zu Ausschreitungen gekommen; Barrikaden und leere Polizeiautos wurden angezündet. Diese Ausschreitungen gehören nicht zum vereinbarten Aktionskonsens und wurden von einer kleinen Minderheit der aktiven ausgeübt, sind jedoch hinsichtlich der mörderischen Krisenpolitik verständlich. Auf einer Demonstration am Abend nahmen ca. 25 000 Menschen, die teilweise aus ganz Europa angereist waren, teil.

Im Rahmen einer Aktionsphase zwischen Blockade und Demonstration fand auch ein Go-In in die Büros der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) durch Tierbefreiungsaktive statt. Die DLG ist eine der zentralen Interessenvertreterinnen der Tierausbeutungsindustrie. In den Büros wurden Flyer verteilt, Aufkleber verklebt, Bilder von den in der Tierproduktion ausgebeuteten Tieren und Menschen in den Gängen aufgehangen und mittels Banner, aufgehängten Plakaten, Megafon-Durchsagen und Skandierungen Kritik und Ziele geäußert.

Insgesamt ist der gesamte Aktionstag als Erfolg und ein Anzeichen des Bröckelns des europäischen Krisenregimes zu bewerten. Die Mehrheit der Blockaden und die Demonstration am Abend lief ohne jede Aggression seitens der Protestierenden ab. Allerdings versuchten die Massenmedien großteils durch Überhöhung und unverhältnismäßige Darstellung der Ausschreitungen die Proteste zu delegitimieren. Konservative und Grünen-Politiker*innen nutzten dies bereits für die Ankündigung neuer und besser ausgerüsteter Polizeieinheiten.

Pressemitteilung der Blockupy-Orga
Rückblick auf den Go-In von Tierbefreiung goes Blockupy
Erste Bilanz der Repression durch Notroika

Einladung zum Blockupy-Festival | 20.-23. November | Frankfurt am Main

blockupy11.2014banner

Das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”, an dem die Antispeziesistische Aktion teilnimmt, läd alle Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen zur Beteiligung an dem Blockupy-Festival vom 20.-23.11.2014 in Frankfurt ein und bittet um Mithilfe in der einen oder anderen Schicht.

Unter dem Label „Blockupy” sammelt sich seit 2012 in Frankfurt ein breites Bündnis von linken Gruppen, Gewerkschaften und Netzwerken, um gegen die grausame europäische Krisenpolitik zu protestieren. Tierbefreier*innen und Tierrechtler*innen waren von Anfang an mit dabei, weil die Krisenpolitik eine Schwachstelle im kapitalistischen System – der Ursache der Ausbeutung von Mensch und Tier – darstellt. Nach den Massenblockaden der Europäischen Zentralbank 2012 und 2013 und den dezentralen Aktionen im Mai 2014 laden wir mit Blockupy im November zu einem Festival ein (siehe http://blockupy.org/festival2014).

Unter den Hashtags #talk #dance #act wird Blockupy Ende November in Frankfurt mit einem Festival von Diskussionen, einem Party- und Kulturprogramm und einem Aktionstag seine Proteste gegen das kapitalistische Krisenregime fortsetzen. Während sich die Krisenverwalter zur Euro Finance Week in Frankfurt für Gespräche treffen und die Europäische Zentralbank ihren Umzug in ihren neuen Palast gestaltet, werden wir uns mit anderen linken Gruppen dort treffen, um ihnen in die Suppe zu spucken. Seid dabei und kämpft mit!

Vom 20.-23. November 2014 werden an verschiedenen Orten in Frankfurt zahlreiche Workshops und auch Stadtführungen zur Ausbeutungs-, Austeritäts- und Ausgrenzungspolitik der kapitalistischen Krisenprofiteure angeboten. Daneben werden fünf mehrtägige Arbeitsgruppen wichtiger Bestandteil des Festival-Programms sein, in denen inhaltlich über zentrale Fragen diskutiert und Positionen erarbeitet werden sollen (siehe blockupy.org…/arbeitsgruppen). An den Abenden wird es Parties, Kino und Konzerte geben, u.a. mit den HipHop-Allstars von ticktickBoom.

Auch wir, das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”, werden uns und das Thema Tierbefreiung einbringen und veranstalten am Freitag, 21.November von 14-16 Uhr einen Workshop auf dem Blockupy-Festival, zu dem ihr herzlich eingeladen seid:
Natur und Tiere in der gesellschaftlichen Krise
Im Keller des Gesellschaftsbaus: Krisengespräche für eine grenzübergreifende Befreiung
(voraussichtlicher Ort: Café ExZess, Leipziger Straße 91. Bitte schaut vorher nochmals auf das Programm des Blockupy-Festivals, online unter: blockupy.org…/programm )
Eine Beschreibung des Workshops findet Ihr unter:
tierbefreiung2blockupy.blogsport.de…blockupy-festival

Am Aktionstag, Samstag den 22. November 2014, wollen wir symbolisch beim Umzug der Europäischen Zentralbank (EZB) mit anpacken. Wir bringen ihr all das in Umzugskartons zurück, was auf den Müllhaufen der Geschichte gehört: Neben der Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen, neben Kriegen, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und vielem mehr gehört zu diesem Müll natürlich auch die systematische Gewalt gegen Tiere in der menschlichen Gesellschaft!

Zur Zeit ist Blockupy der größte Versuch, über Bewegungsgrenzen hinweg das kapitalistische System an empfindlichen Stellen zu treffen. Unser Engagement dabei hat deutlich dazu beigetragen, die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen voranzubringen und Tierbefreiung auch dort zu einem Thema zu machen.
Deshalb unterstützt bitte die Aktionen, nehmt an den Veranstaltungen teil und bringt eigene Ideen ein!
Es ist Zeit, grenzübergreifende Solidarität Praxis werden zu lassen und bewegungsübergreifend zur Tat zu schreiten, um die Befreiung aller Ausgebeuteten zu verwirklichen. Nur gemeinsam sind der Angriff auf die Herrschaftsverhältnisse und eine solidarische Produktionsweise möglich!

    Aufruf aus dem Blockupy-Newsletter: „Helfer*innen fürs Festival gesucht!

Blockupy ist immer das, was wir gemeinsam daraus machen. Auch fürs Blockupy-Festival gibt es kein Büro, keine Jobs – dafür jede Menge Handarbeit. Nur damit wird’s gelingen. Gesucht werden jetzt viele Menschen mit Begeisterung für das was nötig ist – Technik und Anmeldung, Info und Wegweiser, Auf- und Abbauen, Stände, Plakate, Flipcharts und vieles mehr. Wir freuen uns über alle, die anpacken!“

Falls ihr genügend Kapazitäten habt, teilt uns bitte mit, ob ihr euch als Helfer_innen für Aufgaben, die im Rahmen der Durchführung des Festivals entstehen, anbieten könnt (Gebt hierbei bitte auch die Tage an und von Euch gewählte Zeiträume.)
Wir suchen hierfür Leute in der Tierbefreiungsbewegung!

Wenn Ihr Schlafplätze braucht, wendet Euch frühzeitig an uns:
tierbefreiung2blockupy@riseup.net

Wenn Ihr auf dem neuesten Stand der Dinge rund um Tierbefreiung goes Blockupy sein
wollt, dann schreibt uns eine Email und wir tragen euch auf dem Newsletter ein.

Euer Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”

Email: tierbefreiung2blockupy@riseup.net
Internet: http://tierbefreiung2blockupy.blogsport.de

Einladung zum Blockupy-Festival | 20.-23. November | Frankfurt am Main

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Das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”, an dem die Antispeziesistische Aktion teilnimmt, läd alle Tierrechtler*innen und Tierbefreier*innen zur Beteiligung an dem Blockupy-Festival vom 20.-23.11.2014 in Frankfurt ein und bittet um Mithilfe in der einen oder anderen Schicht.

Unter dem Label „Blockupy” sammelt sich seit 2012 in Frankfurt ein breites Bündnis von linken Gruppen, Gewerkschaften und Netzwerken, um gegen die grausame europäische Krisenpolitik zu protestieren. Tierbefreier*innen und Tierrechtler*innen waren von Anfang an mit dabei, weil die Krisenpolitik eine Schwachstelle im kapitalistischen System – der Ursache der Ausbeutung von Mensch und Tier – darstellt. Nach den Massenblockaden der Europäischen Zentralbank 2012 und 2013 und den dezentralen Aktionen im Mai 2014 laden wir mit Blockupy im November zu einem Festival ein (siehe http://blockupy.org/festival2014).

Unter den Hashtags #talk #dance #act wird Blockupy Ende November in Frankfurt mit einem Festival von Diskussionen, einem Party- und Kulturprogramm und einem Aktionstag seine Proteste gegen das kapitalistische Krisenregime fortsetzen. Während sich die Krisenverwalter zur Euro Finance Week in Frankfurt für Gespräche treffen und die Europäische Zentralbank ihren Umzug in ihren neuen Palast gestaltet, werden wir uns mit anderen linken Gruppen dort treffen, um ihnen in die Suppe zu spucken. Seid dabei und kämpft mit!

Vom 20.-23. November 2014 werden an verschiedenen Orten in Frankfurt zahlreiche Workshops und auch Stadtführungen zur Ausbeutungs-, Austeritäts- und Ausgrenzungspolitik der kapitalistischen Krisenprofiteure angeboten. Daneben werden fünf mehrtägige Arbeitsgruppen wichtiger Bestandteil des Festival-Programms sein, in denen inhaltlich über zentrale Fragen diskutiert und Positionen erarbeitet werden sollen (siehe blockupy.org…/arbeitsgruppen). An den Abenden wird es Parties, Kino und Konzerte geben, u.a. mit den HipHop-Allstars von ticktickBoom.

Auch wir, das Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”, werden uns und das Thema Tierbefreiung einbringen und veranstalten am Freitag, 21.November von 14-16 Uhr einen Workshop auf dem Blockupy-Festival, zu dem ihr herzlich eingeladen seid:
Natur und Tiere in der gesellschaftlichen Krise
Im Keller des Gesellschaftsbaus: Krisengespräche für eine grenzübergreifende Befreiung
(voraussichtlicher Ort: Café ExZess, Leipziger Straße 91. Bitte schaut vorher nochmals auf das Programm des Blockupy-Festivals, online unter: blockupy.org…/programm )
Eine Beschreibung des Workshops findet Ihr unter:
tierbefreiung2blockupy.blogsport.de…blockupy-festival

Am Aktionstag, Samstag den 22. November 2014, wollen wir symbolisch beim Umzug der Europäischen Zentralbank (EZB) mit anpacken. Wir bringen ihr all das in Umzugskartons zurück, was auf den Müllhaufen der Geschichte gehört: Neben der Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen, neben Kriegen, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und vielem mehr gehört zu diesem Müll natürlich auch die systematische Gewalt gegen Tiere in der menschlichen Gesellschaft!

Zur Zeit ist Blockupy der größte Versuch, über Bewegungsgrenzen hinweg das kapitalistische System an empfindlichen Stellen zu treffen. Unser Engagement dabei hat deutlich dazu beigetragen, die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen voranzubringen und Tierbefreiung auch dort zu einem Thema zu machen.
Deshalb unterstützt bitte die Aktionen, nehmt an den Veranstaltungen teil und bringt eigene Ideen ein!
Es ist Zeit, grenzübergreifende Solidarität Praxis werden zu lassen und bewegungsübergreifend zur Tat zu schreiten, um die Befreiung aller Ausgebeuteten zu verwirklichen. Nur gemeinsam sind der Angriff auf die Herrschaftsverhältnisse und eine solidarische Produktionsweise möglich!

    Aufruf aus dem Blockupy-Newsletter: „Helfer*innen fürs Festival gesucht!

Blockupy ist immer das, was wir gemeinsam daraus machen. Auch fürs Blockupy-Festival gibt es kein Büro, keine Jobs – dafür jede Menge Handarbeit. Nur damit wird’s gelingen. Gesucht werden jetzt viele Menschen mit Begeisterung für das was nötig ist – Technik und Anmeldung, Info und Wegweiser, Auf- und Abbauen, Stände, Plakate, Flipcharts und vieles mehr. Wir freuen uns über alle, die anpacken!“

Falls ihr genügend Kapazitäten habt, teilt uns bitte mit, ob ihr euch als Helfer_innen für Aufgaben, die im Rahmen der Durchführung des Festivals entstehen, anbieten könnt (Gebt hierbei bitte auch die Tage an und von Euch gewählte Zeiträume.)
Wir suchen hierfür Leute in der Tierbefreiungsbewegung!

Wenn Ihr Schlafplätze braucht, wendet Euch frühzeitig an uns:
tierbefreiung2blockupy@riseup.net

Wenn Ihr auf dem neuesten Stand der Dinge rund um Tierbefreiung goes Blockupy sein
wollt, dann schreibt uns eine Email und wir tragen euch auf dem Newsletter ein.

Euer Bündnis „Tierbefreiung goes Blockupy”

Email: tierbefreiung2blockupy@riseup.net
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Gegen Drohnen und Tierversuche

Weil im Tübinger Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik an Tieren und für Drohnen geforscht wird, gab es am Samstag um 12 Uhr eine Protestkundgebung vor dem Institut mit 30 Teilnehmenden.

In unserem Redebeitrag legten wir die Praxis der Tierversuche dar; dabei wurde auch darauf hingewiesen, dass viele der Versuchsanordnungen am MPI weniger auf medizinische, als eher auf militärische Forschungsziele hindeuten. In einem zweiten Redebeitrag von Christoph Marischka (Informationsstelle Militarisierung) wurde auf die Zusammenarbeit des MPI mit in der Rüstungsindustrie aktiven Unternehmen eingegangen.

Die Aktion kann als teilweiser erfolgreicher Versuch der Verbindung der antimilitaristischen und tierbefreierischen Bewegung gesehen werden. Aufgrund der unglücklichen Lage und der spontanen Mobilisierung war die begrenzte Teilnahme abzusehen. Leider beteiligten sich wenige Tierrechtsbewegte.

Bericht des Schwäbischen Tagblatts.

Redebeitrag der Antispeziesistischen Aktion Tübingen.

Weitere Fotos.


Kundgebung in Stuttgart.

Um 14 Uhr fand eine Kundgebung vor dem AFRICOM (United States Africa Command) in Stuttgart-Möhringen mit 300 Teilnehmenden statt. Im AFRICOM werden die Todeslisten erstellt, in denen jene Personen, die – ohne Urteil, ohne Prozess, nach Gutdünken des US-amerikanischen Präsidenten – in Afrika durch Drohnen gezielt getötet werden sollen… Kein afrikanischer Staat wollte das Hautpquartier des AFRICOM haben, deshalb kam es eben nach Stuttgart. „Drohnentod aus Deutschland“, lautete ein Artikel in der Süddeutschen letztes Jahr, darin heißt es: „Angriffe amerikanischer Drohnen in Afrika werden von Ramstein aus dirigiert und in Stuttgart verantwortet. Doch angeblich weiß Berlin davon nichts. Unschuldige Menschen sterben“. Die BRD unterstützt also die völkerrechtswidrigen außergerichtlichen Hinrichtungen, die durch Drohnen ausgeführt werden und viele zivile Opfer fordern. Die Süddeutsche weiter: „Man kann sich darüber wundern, dass von deutschem Boden aus ein Krieg gesteuert wird, der völkerrechtlich mindestens höchst problematisch ist. Oder dass von deutschem Boden Exekutionen geplant werden, die nach deutschem Recht schlicht verboten sind.“

Blockupy Proteste: Großdemos und Schlachthofblockaden

An den Blockupy-Krisendemonstrationen am 17.Mai in Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg und Berlin haben je 1.500-3.000 Menschen teilgenommen. Es gab eine Mobilisierung von Tierbefreier-/Tierrechtlerinnen, die in Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg mit je 20-40 Aktiven vertreten waren. In den Aktionen in den Innenstädten nach den Demonstrationen wurden Care-Arbeit, Produktionsbedingungen in der Textilindustrie, Zeitarbeit aber auch Ausbeutungssituationen wo Menschen und Tiere betroffen sind thematisiert, v.a. in der Fleischindustrie. Ein ausführlicheren Bericht zu den Demos und Aktionen findet ihr auf der Homepage des Bündnisses Tierbefreiung goes Blockupy.

Im Rahmen der europaweiten Mai-Aktionstage von 15.-25.Mai fanden aber noch viele weitere Aktionen statt. Eine große Gruppe geflüchteter Menschen begann in dieser Zeit ihren Marsch von Straßburg bis Brüssel, um für Bewegungsfreiheit zu demonstrieren. Mehr Infos auf ihrer Seite FreedomNotFrontex.

Auch im Kontext der Blockupy-Aktionstage wurden am 19.Mai zwei Geflügelschlachthöfe von Tierbefreiungsaktivistinnen mehrere Stunden lang blockiert. Einmal der Wiesenhof-Schlachthof bei Möckern und einmal der berüchtigte Schlachthof Rothkötters bei Wieze, welcher den größten Schlachthof Europas darstellt. Aktivistinnen hatten sich an Betonfässen gefesselt und den Schlachthofbetrieb um einige Stunden aufhalten können. Ein ausführlichen Aktionsbericht mit Infos über die Hintergründe findet ihr
hier
.


Die Schlachthofblockade bei Möckern.


Die Antspeziesistische Aktion Tübingen war an der Organisation beteiligt und natürlich in Stuttgart vor Ort.

Vegan-Hype: Ursachen und Vereinnahmung aus kämpferischer Perspektive

Was heute alltäglich ist, hätte noch vor fünf Jahren kaum jemand aus der Tierrechtsszene für möglich gehalten: Geschäfte werben damit, dass sie vegane Artikel führen, große, bürgerliche Zeitungen wie die „Süddeutsche“ oder „Die Zeit“ behandeln den Veganismus in ganzseitigen Artikeln, im Privatfernsehen wird über Veganismus gesprochen, große Fleischkonzerne bringen vegane Produktlinien heraus.1 Sind wir dabei zu gewinnen? Nein und ja…

Der Hype in Zahlen

Es herrscht ein Vegan-Hype, das ist nicht zu leugnen. Und an seinem Aufkommen sind „wir“ Tierbefreierinnen maßgeblich beteiligt.2 Seit Jahrzehnten stehen sich Generationen von Tierrechtlerinnen und Tierbefreierinnen3 auf den Straßen dieser Welt die Beine in den Bauch, um Veganismus-Flyer zu verteilen, streiten sich mit Laden- und Restaurantbesitzerinnen, um etwas ohne Milch, Ei und Fleisch zu bekommen und sorgen mit nächtlich sabotierten Tierbetrieben ab und zu für Schlagzeilen. Den Vegetarismus und den Veganismus in der Welt bekannt zu machen, hat „uns“ Jahrzehnte der Mühe, Arbeit, des Aktivismus, der gemeinsamen Kämpfe, der Kreativität und so weiter gekostet. Das war nicht umsonst, denn ohne „uns“ gäbe es diesen Vegan-Hype heute sicher nicht. Da können wir uns getrost gegenseitig auf die Schultern klopfen und feiern!
Dennoch sollten wir uns auch von diesem ersten großen Erfolg nicht blenden lassen. Schließlich bedeutet der Vegan-Hype keineswegs, dass dadurch weniger Tiere4 gefangen gehalten, gequält und ermordet werden. Obwohl sich die Zahl der Vegetarierinnen in Deutschland laut einer Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim seit 2006 verdoppelt5 hat (laut diesen Zahlen auf 3,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, andere Zahlen geben schön länger weit höhere Prozentsätze an) und dem Meinungsforschungsinstitut forsa nach rund 52 Prozent der Bundesbürgerinnen angeben, weniger Fleisch essen zu wollen, kann der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie gelassen berichten, dass der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch in Deutschland von 2001-2012 stabil war und erst 2013 um 2,1 Kilo auf 59,2 Kilo sank.6 Dies bestätigt die Prognose des marxistischen Antispeziesisten Marco Maurizi, dass der Veganismus nicht die Ausbeutung der Tiere* beenden kann.7 Die individuelle Konsumhaltung ist im Kapitalismus nicht direkt mit der Produktion verknüpft, da dort nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern für Profite produziert wird. So kann beispielsweise eine starke vegane Bewegung dazu führen, dass das Fleisch billiger wird und die fleischkonsumierende Bevölkerung umso mehr Fleisch isst. Genau das könnte auch die momentane Situation erklären, ist aber nur eine der vielen komplexen Wechselwirkungen der Ökonomie. Hinzu kommt, dass die Fleischindustrie durch die EU und die Bundesländer auch noch millionenschwer subventioniert wird; die PHW-Gruppe („Wiesenhof“) erhielt beispielsweise alleine vom Land Niedersachsen im Jahr 2007 4,2 Millionen Euro.8

Reaktionen der Fleischindustrie

Doch die Fleischindustrie reagiert schon früh auf den Trend des reduzierten Fleischkonsums. Einerseits wird verstärkt auf den Export gesetzt; so erhöhte sich der Anteil des jährlich exportierten Fleisches von 2001 bis 2010 um 250 Prozent auf 3,7 Millionen Tonnen.9 Zwar scheinen Fleischexporte im Wert von 8,17 Milliarden Euro10 bei einem insgesamten Exportvolumen von 951 Milliarden Euro11 nur wenig Bedeutung zu haben, jedoch ist das im Autoland und Exportvizeweltmeister Deutschland bereits schon sehr viel (Zahlen für 2010). So werden in Deutschland die dritt-meisten Schweine weltweit geschlachtet: 59 Millionen Tiere im Jahr, während es bei den beiden Spitzenreitern China 661 Millionen und in den USA 110 Millionen sind.12 Diese Masse an Produktion erreicht Deutschland, wie andere Produktionsstandorte, auch durch intensive Massentierhaltung, extremes Lohndumping und Ausbeutung oft migrantischer Arbeiterinnen, Billigfuttermittelimporte usw. Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte zu einem Stundenlohn von 3-5 Euro erfolgt unter schlimmsten Bedingungen und strengen Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse erkämpfen können (Kasernierung, Redeverbote). Diese Umstände haben sogar den niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies dazu bewegt, die Verhältnisse in den Schlachtfabriken mit „moderner Sklaverei“ zu vergleichen.13

Die zweite Reaktion der Fleischindustrie ist die Entdeckung des Wachstumsmarkts „vegane Produkte“. Da dieser Markt noch sehr wenig bedient wird, sehen auch große Fleischkonzerne hier enorme Wachstumsmöglichkeiten. Der Fleischkonzern Vion, größter Schweinefleischverarbeiter Europas und weltweit unter den Top 10, betreibt neben den Marken „Lutz“ (Kochschinken) und „Weimarer“ („Echte Thüringer“ Wurst) auch die Marke „Vegetaria“, die seit 2013 auf Anstoß der Albert-Schweitzer-Stiftung von vegetarischen auf vegane Produkte umstellte.14 Gut für arme oder geizige Veganerinnen, schlecht für die Seitan- und Tofu-Pioniere wie Topas in Mössingen oder Taifun in Freiburg. Solange die Lebensmittel industriell hergestellt werden, ist jedoch eine großindustrielle Produktion von speziell veganen Fleischersatzprodukten wohl ein notwendiger Schritt, damit Veganismus zum Massenphänomen werden kann. Vegane Landwirtschaft mit lokalen Produktions- und Verteilungsstrukturen in Gesellschaftseigentum und unter basisdemokratischer Kontrolle dagegen wäre das, was wir anstreben würden. In diesem Spannungsfeld kann diese Entwicklung gesehen werden.

Krisen und neue Märkte

Letztlich sind solche „neue“ Märkte, die durch Labels wie „Bio“, „Vegan“ oder „Fairtrade“ entstehen, notwendig für das Kapital. Schließlich durchleben wir seit 2007 eine der heftigsten weltweiten Wirtschaftskrisen überhaupt, auch wenn deren Folgen durch die Transformation Deutschlands zum Niedriglohnland und der hiesigen Euro-Politik noch großteils kaschiert werden können. Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass das Kapital sich nicht mehr verwerten kann, d.h. „zu wenig“ Profit bei Investitionen herausspringt oder „zu wenig“ Zinsen bei Kapitaleinlagen entstehen. Stagnierendes Wachstum, also z.B. gleichbleibende statt wachsende Nachfrage nach Produkten, ist, auch wenn das an sich für eine nachhaltige Gesellschaft notwendig wäre, für die kapitalistische Wirtschaft eine Katastrophe und kann zum Auslöser einer Krise werden. Insgeamt sind Krisen jedoch ein Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, und solange der Kapitalismus herrscht, kommt es regelmäßig zu Krisen. Daher kann das Aufkommen von Krisen in Zyklen beschrieben werden, auch wenn die klassische und neoklassische Wirtschaftstheorie dies bestreitet und stets menschliches „Versagen“ für Krisen verantwortlich macht. Damit das kapitalistische Wirtschaften fortgesetzt werden und die Krise als überwunden gelten kann, müssen neue Wachstumsmöglichkeiten gefunden werden.15
Ein „neuer“ Markt, also zuvor nicht dagewesene Nachfrage nach neuen Produkten, sorgt für Wachstum und das Kapital strömt in die Produktion, in die Werbung und den Vertrieb dieses Marktes, was heißt, dass Kapital dort investiert wird. Ein Siegel oder Label, welches diesen neuen Markt umreißt, ist dazu ideal. „Bio“ machte eine ähnliche Bewegung durch wie Veganismus heute: Jahrzehnte lang organisierte und ackerte (oft auch im wörtlichen Sinne) die Umweltbewegung, um Bewusstsein und Verfügbarkeit von Produkten ohne Kunstdünger und Gifte zu erreichen. Verbunden war dies oft mit einer (wenn auch mitunter diffusen) Kritik am Kapitalismus und mit der damit verbundenen Entfremdung der wichtigsten aller Produkte: der Nahrung. Entfremdung heißt auch, dass niemand mehr weiß, wer die Nahrungsmittel angebaut hat und wo genau, wie und wann sie angebaut wurden. Die Beziehung zur Ökobäuerin um die Ecke, zum Hofladen und zum kleinen noch halbwegs transparenten Bioladen sollte dagegenwirken: Sowohl Intransparenz als auch Konkurrenz sollten durch lokale und regionale Versorgungswege verhindert oder zumindest abgemildert werden.
Jedoch nahm das Kapital die Wachstumschancen des Bio-Sektors dankend an und bediente diesen Markt vor allem mithilfe des EG-Bio-Siegels: Klare, aber minimale Regeln, die ein Produkt zum Bio-Produkt machen, ermöglichten es, innerhalb des Bio-Minimal-Konsens (insofern die Regeln überhaupt eingehalten werden) denselben Wahnsinn von Konkurrenz (Lohndruck) und Werbung (Intransparenz) weiterzutreiben. Landgrabbing und Vertreibungen, Monokultur und Mega-Plantagen, Regenwaldabholzung und Vernichtung von Ökosystemen, Lohndumping, Sklaverei, Massentierhaltung, irreführende Verpackungen, verblendende Werbekampagnen – all das ist seither auch bei den meisten Bio-Produkten Standard. Nur noch strengere Labels, die dafür nur teurere Produkte schmücken und deshalb auf dem Markt schlechtere Zukunftsaussichten haben, wie Bioland, Naturland oder Demeter, schränken genannte Phänomene ein. Denn schließlich müssen diese Labels, die „echte“ Biowaren kennzeichnen, im (Bio-)Supermarkt mit EG-Bio-Plantagenprodukten konkurrieren.

Ähnliches geschieht mit der Fairtrade-Bewegung: Auch hier baute eine Bewegung in Abgrenzung zum herkömmlichen Kapitalismus und zu den Supermärkten eigene Läden, eigene Vertriebstrukturen und unzählige Kooperativen auf. Auch hier wurde versucht, über Aufklärung in den Weltläden und über solidarische Ökonomie der Intransparenz und der Konkurrenz entgegenzutreten. Aber auch hier entstand ein Label, das Max-Havelaar-Fairtradelabel, welches kreiert wurde, um den fairen Handel in die Supermärkte zu bringen, so die ungehemmte Kommerzialisierung vereinfachte und dessen Mindestanforderungen an soziale Arbeitsbedigung in der Herstellung der Produkte weit unter denen der traditionellen Fairhandelshäuser liegen. Seit 1997, nach der Fusion mit zwei anderen Siegeln, heißt das Label nun nur noch „Fairtrade-Siegel“.
Da im Fairtrade-Bereich das ehrenamtliche Engagement und das solidarische Wirtschaften eine größere Bedeutung hat als im Bio-Sektor,16 wich diese Entwicklung etwas von der der Bio-Bewegung ab: Die Weltläden verstanden sich großteils noch bis in die 1990er und 2000er Jahre sowohl als Aufklärungskollektive als auch als Verkaufsorte, waren also besser über die Umstände und Arbeitsbedingungen informiert und begannen daher früh, das „Fairtrade-Siegel“ abzulehnen. Dagegen wurde sich eher auf die traditionellen Fairtrade-Häuser El Puente, DWP und Gepa verlassen, die durch konsequenten fairen Handel ein gewisses Vertrauen errungen hatten. Auch das größe Fairtrade-Haus Gepa, welches als einziges auch auf Supermärkte setzt, nahm das „Fairtrade-Siegel“ von seinen Verpackungen und steht lieber mit eigenem Namen für die Arbeitsbedigungen.17
Das liegt daran, dass das „Fairtrade-Siegel“ in Kritik geriet. Denn „Fairtrade“ boomt wie „Bio“ und „Vegan“: In Frankreich stieg der Umsatz im Fairtrade-Bereich von 94 Mio. Euro im Jahr 2004 auf 408 Mio. Euro, also um 334 Prozent, im Jahr 2012. Die arte-Dokumentation „Fairer Handel auf dem Prüfstand“ zeigt aber auf, dass die Anforderungen des „Fairtrade-Siegels“ (Mindestlohn, ein freier Tag in der Woche, Organisationsfreiheit, Diskriminierungsverbot) kaum kontrolliert werden und so unterbezahlte Knochenarbeit und elende Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten, die auch noch Übergriffen ausgesetzt sind, vorkommen. Und dabei liegen diese ohnehin weit unter den Selbstverpflichtungen der traditionellen Fairtradehäusern. Zwar sind die Waren in den Weltläden vor solchen Katastrophen bisher sicher, doch die enormen Wachstumsraten spiegeln sich nur zu einem kleinen Teil in den Weltläden wieder. Auch hier kann davon gesprochen werden, dass das Kapital18 die Bewegung zu einem großen Teil vereinnahmt und dadurch sinnentleert hat, und dennoch kleine Erfolge erzielt wurden.

Vereinnahmung in der Herrschaft

Im Kapitalismus, wie auch in der Entwicklung von Herrschaft allgemein, lassen sich immer wiederkehrende Bewegungen ausmachen. Eine Bewegung gegen Herrschaft wird unter der Bedingung von Kompromissen selbst an der Herrschaft beteiligt, wodurch die Herrschaft erneuert und stabilisiert wird. Diese Herrschaftstechnik wurde schon immer verwendet und ist schon in der römischen Parole „teile und herrsche“ („divide et impera“) ausgedrückt. Ein sehr gutes Beispiel zeigt sich unter Otto von Bismarck in den 1880er Jahren; Bismarck ließ zwar Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen verfolgen, führte aber Sozialgesetze ein, um nicht durch die Forderungen der damals sehr starken Arbeiterinnenbewegung gefährdet zu werden. Er gestand offen, dass er dies tat, um den Sozialistinnen „die Wurzel abzugraben“, also keineswegs aus eigenem Interesse an der Situation der Arbeiterinnen, auch wenn er ironischerweise trotz seiner sonstigen Verbrechen dafür bis heute geehrt wird. Die Vereinnahmung geschah durch die teilweise Erfüllung der Forderungen bei gleichzeitiger Verfolgung und Unterdrückung der Bewegung. Ähnlich verlief die Vereinnahmung bei der SPD 1914, welche durch den Wechsel zu einem Pro-Kriegs-Kurs unter ihrem rechten Flügel mit Noske und Ebert, welche selbst linke Sozialdemokratinnen verfolgen ließen, zur Regierungsmacht werden konnte.
Ähnliches geschah auch mit der grünen Partei 1998, die ohne Zusagen an die neoliberalen Reformen Gerhard Schröders wohl nie eine Regierungsbeteiligung erreicht hätte. Diese Erkenntnis erhärtet sich in Anbetracht des Falls der Ernennung Gerhard Schröders zum Kanzlerkanditaden der SPD 1998. Es wurde nachgewiesen, wie die Leitmedien die SPD dazu drängten, Schröder, nachdem er 1996 vor dem Wirtschaftsrat der CDU vorsprach, zum Kanzlerkandidaten zu machen. Sowohl „Bild“ als auch „Der Spiegel“ und andere bürgerliche Medien machten klar, dass sie nur im Falle von Schröders Kandidatur, welcher in einer Urabstimmung der SPD zuvor abgewählt worden war, die SPD als wählbar darstellen würden.19

Um kämpferische Perspektiven zu analysieren, können solche gesellschaftlichen Entwicklungen als Klassenkämpfe zwischen der Kapital-Seite und der Seite der Ausgebeuteten angesehen werden. Es entsteht also immer von Seiten der Unterdrückten eine linke Strömung, Initiative, Partei, oder ähnliches, die, wenn sie stark genug wird, vonseiten des Kapitals vereinnahmt wird, um die Ausbeutungssituation zu erneuern und zu stabilisieren. Dabei erringen je nach Kräfteverhältnis natürlich auch die Unterdrückten größere oder kleinere Erfolge, welche auch als Zugeständnisse der Kapital-Seite gesehen werden können: Sozialgesetzgebung, demokratische Wahlen, Frauenrechte, Atomausstieg und aktuell die Wiedereinführung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Baden-Württemberg. All diese erkämpften Zugeständnisse sind zugleich einerseits kleine Siege im Klassenkampf wie andererseits Teil der, wenn man es mit Mercuse so nennen mag, Konterrevolution. Solche Erfolge können als Ausdruck einer relativen Schwäche des politischen Gegners gewertet werden: Der militaristische Adelige Bismarck wird während der Einführung der Sozialgesetze mit den Zähnen geknirscht haben; die konservativen Machteliten werden Bauchschmerzen gehabt haben, als sie freie Wahlen zulassen mussten und als sie hundert Jahre später die Beteiligung der Grünen an der Regierung erlauben mussten. Solche Vereinnahmungen sind daher auch Zeichen unserer relativen Stärke: Die Herrschenden können nicht ihre Ziele kompromisslos durchsetzen, sondern sind gezwungen, zumindest kleine Schritte auf unsere Forderungen zuzugehen. Ohne diese Form von Teilerfolgen, auch wenn sie immer gleichzeitig Gegenstrategien der Herrschenden waren, um unseren Widerstand zu brechen, lebten wir heute auch hier noch in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hunger, je nachdem, von wo wir in der Betrachtung ausgehen. Wir müssen also weiterkämpfen, um Sklaverei, Leibeigenschaft und Hunger weltweit und für alle, auch für Tiere, abzuschaffen!20

Vereinnahmung durch das Kapital

Ähnliche Bewegungen lassen sich auch im wirtschaftlichen Bereich finden. Die sexuelle Befreiung der 68er, die vor allem Frauen aus biederen und patriarchalen Normvorstellungen und Herrschaftsverhältnissen befreite, wurde von der Porno- und Prostitutionsindustrie vereinnahmt, welche durch die vermehrte Ausbeutung ärmerer Frauen Milliardengewinne einstreicht. Die Anti-AKW-Bewegung hat durch Jahrzehnte der Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und direkten Aktionen einen (langsamen) Atomausstieg in der Politik erreicht; worauf die Industrie mit einem Ausbau von Kohlekraftwerken reagiert, die Treibhausgase in Massen ausstoßen. Der Natur und somit nicht zuletzt uns werden Tonnen von Pestiziden und Kunstdüngern erspart, jedoch wird dafür heute hektarweise Land z.B. in Osteuropa angeeignet (Landgrabbing) und Regenwald in Südamerika abgeholzt, um quadratkilometergroße Monokulturplantagen anzulegen.
Aber die Bewegung hört an diesen Punkten nicht auf: Die ausgebeutete Seite, die nicht auf der Seite des Kapitals die Ausbeutung vorantreibt, muss ihre Lage erkennen und darauf reagieren. So kämpft seit Jahren die Frauenbewegung gegen Ausbeutung durch Prostitution, eine Anti-Kohlekraft-Bewegung mobilisiert seit 2005 mithilfe von Klimacamps und großangelegten Besetzungsaktionen gegen den Klimawandel und die jährlichen Demonstrationen gegen die industrielle Landwirtschaft unter dem Motto „Wir haben es satt!“ werden trotz (oder wegen?) der Kommerzialisierung des Bio-Booms immer größer (dieses Jahr über 30.000 Teilnehmerinnen).
Horkheimer und Adorno beschreiben im „Kulturindustrie“-Kapitel der Dialektik der Aufklärung, wie das Kapital kulturelle Gegenbewegungen als Wachstumsmöglichkeiten vereinnahmt und so rebellische Ideen zu handelbaren Waren macht. Doch auch die kommerzielle Vereinnahmung von Gegenkultur kann, wenn richtig mit ihr umgegangen wird, gegen dessen sinnentleerende Wirkung, politisieren.21 Die Dinge realistisch zu sehen heißt also zu erkennen, dass sowohl unsere Seite als auch die Seite des Kapitals immer weiter kämpft, gewinnt und verliert, und dadurch sozialer Wandel in Gang gesetzt wird.

Vereinnahmung von Veganismus

Was also mit dem Veganismus passiert, ist die ganz normale Vereinnahmung durch das Kapital. Ein Merkmal, welches für die kapitalistische Vereinnahmung optimal ist, ist die Konsum-Orientierung. Kein Wunder also, dass von allen Elementen der Tierbefreiung vor allem der Veganismus zur Zeit boomt. Einige Bedingungen, die die Vereinnahmung ermöglichen oder optimieren, lassen sich an einem zentralen scheinbaren Protagonisten des Vegan-Hype ablesen: dem veganen „Starkoch“ Attila Hildmann. Der eigentliche Akteur hinter ihm ist das Kapital, also die Profitlogik im Kopf der Kapitalbesitzerinnen und Managerinnen, die sich der Maximierung des Kapitals widmen. Diese tritt dann in der Politik, z.B. des Medienkonzerns ProSiebenSat.1 Media AG zu Tage. Denn noch einige Jahre vor dem Vegan-Hype fiel ProSieben in seiner Pseudo-Wissenschaftssendung „Galileo“ dadurch auf, dass es unterschwellig Fleischkonsum massiv bewarb: In jeder Folge von Galileo war Fleisch ein Hauptthema; mal ging es dabei um Zusammensetzung des Fleisches selbst, mal um die Funktionsweise von Wok-Pfannen, die natürlich anhand des Bratens von Schweinefleisch getestet wurden. Über Jahre hinweg war die Fleisch-Werbung bei Galileo so ausnahmslos anzutreffen, dass wirtschaftliche Verbindungen zur Fleischindustrie mehr als wahrscheinlich sind. Und gerade diese Sendung verschaffte Attila Hildmann im Juli 2010 seinen ersten großen Fernsehauftritt. Es sind Medienkonzerne wie ProSiebenSat.1, die sich unter allen Veganköchinnen und sonstigen möglichen Protagonistinnen der Bewegung für den Veganismus ausgerechnet Hildmann aussuchen.
Aber warum Attila Hildmann? Einerseits, weil seine Schwerpunkte, wie die Titel seiner bekanntesten Kochbücher „Vegan for Fit“ und „Vegan for Fun“ zeigen, auf egoistisch orientierten Themen liegen. (Die eigene) Fitness und (die eigene) Gesundheit sind zentrale Themen derjenigen Menschen, die von Marktforscherinnen zum Konsummilieu der LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) gerechnet werden. Da es dabei um die eigenen Vorteile wie die individuelle Gesundheit geht – alles andere ist in der kapitalistisch-individualistischen Grundstimmung ohnehin schon verdächtig –, profitiert der „Bio“-Boom davon ebenso wie der „Vegan“-Boom. „Fairtrade“, mit seinem ethischen Schwerpunkt, trifft dieses Bedürfnis nicht, versucht aber über das Bewerben der besonders hohen Qualität seiner Produkte, auch auf diesen Zug aufzuspringen.
Zum anderen ist Hildmann der Mann für den Boom, weil er sich im Gegensatz zu den meisten Vegan-Köchinnen in seinen Statements fast völlig vom politischem Anspruch der Tierbefreiung lossagt und ihre Aktivistinnen sogar noch als Dogmatiker und Hippies beschimpft.22 Genau diese Eigenschaft ist wichtig für das Kapital, um Veganismus hypen zu können, hat es doch in der Angst um seine Profite durch die Fleischindustrie dafür gesorgt, dass in den großen Medien das Bild von Veganismus und Veganerinnen durch Angst und Lächerlichkeit bestimmt ist. Um trotzdem plötzlich Veganismus verkaufen zu können und ohne Tierbefreiungsaktivismus dadurch aufzuwerten, war ein Vegan-Koch, dem es um „Fitness, Lifestyle, Spaß“ geht (so ist Hildmanns Homepage überschrieben) und der von Gesellschaftskritik und Politaktivismus nichts wissen will, genau der richtige; genau das ist es, was für die Vereinnahmung des Veganismus gebraucht wird. Hat deshalb ProSieben im Jahre 2010 Hildmann so gepuscht, der erst danach bei den kleineren Sendern MDR und WDR auftauchte?
„Die Zeit“ schreibt zum neuen, hippen Vegan-Image: „Die neuen Veganer pflegen keinen Überlegenheitsmythos. Sie gehen nicht mit ihren politisch-moralischen Ansprüchen hausieren und sie begreifen Veganismus nicht als Ideologie“.23 Dass Veganismus nicht eine Erfindung der Hildmanns und Co. ist, sondern wir „Radikalen“ die Basisarbeit leisteten, gibt diese bürgerlich-liberale Wochenzeitung wie auch die Ernährungstrendforscherin Karin Frick in einem Interview mit dem Bio-Werbemagazin „Schrot&Korn“ zu: „Es braucht immer die Radikalen, die die Ideen hervorbringen. Die Extremen sind die Impulsgeber, diejenigen, die die neuen Themen in die Welt bringen.“24 Auf die Vereinnahmung anderer Bewegungen geht auch „Die Zeit“ im bereits zitierten Artikel ein: „Die Ideen der Grünen oder der Frauenrechtsbewegung gehören heute nur deswegen zum bildungsbürgerlichen Standardrepertoire, weil sie in ihrer Frühzeit nicht ungehört verhallten“.

Für die wirtschaftliche Vereinnahmung ist es also am besten, wenn die politische Dimension einer Strömung entsorgt wird. Des Weiteren ist die Konsumierbarkeit wichtig, denn nur dadurch lassen sich neue Produkte erzeugen und neue Märkte erschließen. Für diese ist der egoistische Gewinn ein bedeutender Teil – und diesen nicht als primäre Motivation zu haben gilt im patriachalen Kapitalismus nicht nur als sentimental, sondern, wie Horkheimer und Adorno schon festgestellt haben, gar als Abfall von der Kultur. Ideal ist, wenn das dann auch noch mit dem laufenden Fitness-Boom und der verstärkten Privatisierung der Gesundheit (in der jede selbst für ihre Gesundheit verantwortlich ist und diese Frage keine gesellschaftliche oder politische mehr sein kann) verknüpfbar ist. Dies bietet der Veganismus ebenso wie „Bio“ und „Fairtrade“ immerhin zu Teilen, oder, ein Jahrhundert vorher, die Lebensreformbewegung, deren bekanntestes Überbleibsel die „Reformhaus“ genannten Geschäfte sind. Aus linker Sicht ist die Lebensreformbewegung ambivalent zu beurteilen, als positive Folge ist sicherlich zu verzeichnen, dass die relativ starke Verbreitung von Vegetarismus, ökologischem Bewusstsein, Naturheilkunde und FKK in der BRD heute zu Teilen auf sie zurückgeführt werden kann; es muss aber auch beachtet werden, dass Teile der insgesamt eher bürgerlichen Lebensreformbewegung sich reaktionär, antisemitisch und völkisch orientierten, wie etwa die noch existierende Kommune „Eden“ in Oranienburg. Wie unser Aktivist Matthias Rude im Kapitel über die Lebensreformbewegung im theorie.org-Buch Antispeziesismus herausgearbeitet hat, zeichnete sie sich durch die Privatisierung der sozialen Frage, durch die Beschränkung auf den Appell ans individuelle Konsumverhalten aus. Hierbei handelt es sich, so Rude, „um eine Einstellung, die auch heute wieder in weiten Teilen der veganen Bewegung anzutreffen ist und die entsprechend kritisiert werden muss.“25

Veganismus als Weg?

Wie Marco Maurizi darlegt, kann Veganismus alleine keine Tierbefreiung erreichen. In Anbetracht der mäßig erfolgreichen Kampagne gegen Coca-Cola prognostiziert er einem Boykott einer so breiten, unspezifischen Produktpalette wie tierlichen26 Produkten wenig Erfolg bei der Abschaffung der Tierausbeutung. Selbst wenn sich direkte Tierprodukte nicht vermarkten ließen, würde das Kapital Tierausbeutung trotzdem weiter überall betreiben, wo es am Ende nicht im Produkt erkennbar ist. Aber Maurizi macht sich trotzdem für den Veganismus stark, auch abseits seiner Funktion des ökonomischen Boykotts. Schließlich zeigen Veganerinnen auf, dass es von der Konsumentinnenseite her schon mal möglich ist, ohne Tierausbeutung zu leben. Die Vermassung des Veganismus, deren ersten großen Schritt wir jetzt geschafft haben, ist eine ausgezeichnete Basis für weitere Tierbefreiungsarbeit, auch wenn jetzt die Taktik geändert werden muss. Wenn tierliche Produkte nicht mehr Teil der Nahrung, also der unmittelbarsten Basis des menschliches Lebens der meisten Menschen sind, können diese Menschen wahrscheinlich leichter ihr „ja“ zur Tierbefreiung geben. Je mehr Menschen also vegan leben, desto einfacher ist die politische Forderung von Tierbefreiung, auch in einem revolutionären Prozess, durchsetzbar.
Gleichzeitig sollte hier aber auch betont werden, dass diese Forderung auch von nicht-vegan lebenden Menschen mitgetragen werden kann. Veganismus ist sicher ein wichtiges Element, um sich dem Ziel der Befreiung von Mensch und Tier* zu nähern, aber er muss nicht unbedingt die Grundlage politischen Kampfes, nicht der einzige Weg und nicht einmal der unproblematischste sein. So liegt Veganismus heute z.B. vielen Unterschichtsjugendlichen ferner denn vielen anderen, weil sie im Gegensatz zu Mittelschichtsjugendlichen weniger Zeit und Energie haben, sich um Probleme zu kümmern, die nicht direkt die ihrigen sind. Dazu kommt, dass vegane Produkte mit vergleichbarem Geschmack einfach noch um ein Vielfaches teurer sind als Tierprodukte. Wem es also nicht passiert, sich der Tierausbeutung derart bewusst zu werden, dass sie die Kraft schöpft, die Konditionierung auf Fleisch abzulegen, ist draußen aus dem (durch die Struktur unserer Gesellschaft noch elitären) Kreis der Veganerinnen. Vegan zu leben ist entgegen dem bürgerlichen Schein nur zum Teil der eigene Verdienst und zu einem beachtlichen Teil eben eine von außen herangetragene Möglichkeit, die, mit einigen Zufällen durchmischt, strukturell ungleich auf die Gesellschaft verteilt ist.
Eine politische Vereinnahmung des Veganismus und/oder der Tierbefreiungsbewegung könnte, wenn wir nicht aufpassen, in einigen Jahren dazu führen, dass die Ausbeutung der Unterschichten mit dem Argument ihres mangelnden ethischen Verhaltens gegenüber Tieren* legitimiert wird oder dass Kriegsakte gegen ein Land außerhalb des NATO-Bündnisses mit dessen grausamen Verhalten gegenüber Tieren* gerechtfertigt werden.27 Allerdings können wir, was das angeht, stolz auf uns als Tierbefreiungsbewegung sein, denn im Gegensatz zur Tierschutzbewegung ist bei uns bisher konsequent jeder Vereinnahmungsversuch von rechts abgewehrt worden, durch ausreichend politisches Bewusstsein und wachsame, aktive Gruppen und Einzelpersonen innerhalb der Bewegung. Dennoch gilt es, weiterhin wachsam zu bleiben und besonders dem Elitarismus gegenüber kritischer zu werden.

Fazit für die Bewegung

Das Fazit aus diesen Überlegungen und Analysen müssen die Akteurinnen der Tierrechtsbewegung selbst ziehen. Da es psychologisch gesehen wichtig ist, Siege zu feiern, läge das Fazit nahe, den Vegan-Hype trotz aller Kritik erstmal als Teilerfolg zu feiern. Aus der Reflektion des laufenden Vereinnahmungsversuchs könnte diese Feier dann zum Anlass genommen werden, ein geändertes Verhältnis zum Veganismus einzuläuten: War früher die Bewerbung des Veganismus an sich schon ein politischer Akt, so wird diese mühsame Arbeit heute für die sicherliche begrenzte Zeit des Booms von Attila Hildmann mit einer Auflage von 100.000 Stück seines Kochbuchs „Vegan for Fit“, durch die Sonderausgaben „Schrot&Korn: Vegan&Bio“ und anderen Mainstream-Medien übernommen.28
Wir könnten nun einerseits versuchen, klar zu machen, dass der Veganismus mit politischen Schlussfolgerungen fest verknüpft war, ist und bleiben sollte, um somit auch die Neu-Veganerinnen zu politisieren und zu radikalisieren. Denn auch wenn Menschen aus Gesundheitsgründen ihre Ernährungsweise umgestellt haben, können sie sich dann vielleicht trotzdem eher eine Welt ohne Tierausbeutung vorstellen. So könnte an der neuen Massen-Identität angeknüpft werden, egal aus welcher Motivation heraus sie entstand, wobei dabei mit dem elitären Potential der Identität vorsichtig umgegangen werden muss.
Oder wir könnten uns dafür entscheiden, dafür einzutreten, dass emanzipatorische Politik nicht mit einem Konsumstil verknüpft sein muss oder darf und uns auf den Aufbau einer politischen Bewegung abseits des Veganismus konzentrieren. Schließlich könnten viel mehr Menschen, vielleicht auch größere Teile der Unterschicht, die doch ein wichtiger Teil der ausgebeuteten Klasse ist, sich für Tierbefreiung als eine von vielen wichtigen Forderungen begeistern, wenn bei dieser nicht der Verzicht im Hier und Jetzt im Vordergrund stände, sondern das zu erkämpfende gute Leben für alle! Das würde jedoch eine Menge Überzeugungsarbeit innerhalb der bisherigen Tierbefreiungsbewegung bedeuten, die teilweise noch wenig zwischen Veganismus und Tierbefreiung zu unterscheiden scheint.
Welche Konsequenzen auch gezogen werden, für uns ist klar, dass eine befreite Gesellschaft für Mensch und Tier* nur erreicht werden kann, wenn der Kapitalismus besiegt wird. Die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, worunter auch die Lebensmittelindustrie fällt, und eine Konversion der tierverarbeitenden Fabriken in Werke für vegane Lebensmittel, die als Commons29 unter basisdemokratische Kontrolle gestellt würden, wäre eine mögliche Richtungsforderung,30 die einen wichtigen Schritt hin zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung bedeuten würde.

  1. https://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=556929351067831&id=134443886649715 [zurück]
  2. Wir machen hier die Kollektivindentität Tierrechtlerinnen und Tierrechtler/Tierbefreierinnen und Tierbefreier auf, in dem Bewusstsein, dass das keine Vereinheitlichung sein soll und wir sehr unterschiedlich sein können, aber auch, dass Kollektividentitäten sehr viel Stärke verleihen können, die für emanzipatorische Kämpfe unabdingbar ist. [zurück]
  3. In diesem Text verwenden wir das generische Femininum, wenn allgemeine Begriffe zur Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet werden. [zurück]
  4. Korrekt müsste es statt „Mensch und Tier“ „Mensch und andere Tiere“ heißen. Da wir jedoch an das Alltagsbewusstsein andocken wollen und unsere Sprache nicht zu sehr fremd machen wollen, sprechen wir trotzdem von „Mensch und Tier“ und erinnern mit einem Sternchen „*“ daran, dass dies ein sehr unkorrekter und speziesistisch-ideologischer Begriff ist. [zurück]
  5. http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Verbraucher/Verbraucher-in-Deutschland-kaufen-immer-weniger-Fleisch-und-Alkohol_article1331799063.html [zurück]
  6. http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/“>http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/ [zurück]
  7. http://www.tierrechtsgruppe-zh.ch/?p=1344 [zurück]
  8. http://www.welt.de/wirtschaft/article118425725/Deutschland-ist-Europas-Schlachthaus.html [zurück]
  9. http://www.taz.de/!86176/ [zurück]
  10. http://www.v-d-f.de/zoom/deutschland_aussenhandel_2010 [zurück]
  11. http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-02/export-deutschland [zurück]
  12. Heinrich-Böll-Stiftung: Fleischatlas 2014, S. 19 [zurück]
  13. http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/fleischindustrie115.html [zurück]
  14. http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/vegetaria-produkte-jetzt-vegan [zurück]
  15. Neues Wachstum zu erwirken kann häufig als Zerstörung charakterisiert werden: Entweder Zerstörung im Krieg, der entweder die gegnerische oder die eigene Wirtschaft zerstört und wo der Wiederaufbau zeitweise unbegrenzt wirkendes Wachstum ermöglicht, oder durch Abbau von Industrie, was zwar eine sanfte „Zerstörung“ bedeutet, aber trotzdem Massenarbeitslosigkeit und Elend zur Folge hat. Eine Mischform ist die Durchsetzung ultra-neoliberaler Politik. Durch massiven Sozialabbau, Lohndumping, Verelendung der Ärmsten kann ein Land so billig produzieren, dass die Arbeitslosigkeit und das dadurch entstehende Elend nicht im eigenen Land erscheint, sondern in den Ländern, die den Konkurrenzkampf verlieren. Das passiert gerade in Europa: Während Deutschland durch ultra-neoliberale Politik die Krise im eigenen Land leugnet (trotz um 15 Prozent gesunkener Reallöhne in den letzten Jahren), wird nur in den anderen Ländern Europas die Krise wirklich deutlich: Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Irland aber auch Frankreich und England. Wenn diese neoliberale Attacken und Ausbeutungsformen sich wegen zu großem Widerstand der Arbeiterinnenbewegung nicht durchsetzen lassen, tendiert das Kapital dazu, Faschismus als autoritäre Form kapitalistischer Ausbeutung zu installieren. [zurück]
  16. In Deutschland gibt es inzwischen 700 „Weltläden“. Das mangelnde Bewusstsein über die unfairen und neokolonialen Welthandelsverhältnisse war neben den fehlenden Alternativen ein zentrales Problem für die sog. „Dritte-Welt-Bewegung“ in den 1970er Jahren. Die „Dritte-Welt-Läden“, später in „Eine-Welt-Länden“ und schließlich nur noch „Weltläden“ umbenannt, verkauften daher nicht nur faire gehandelte Produkte, sondern führten zahlreiche Zeitschriften und Bücher, die sich mit dem Welthandel beschäftigten – natürlich aus linker Perspektive und der Perspektive der Ausgebeuteten im globalen Süden selbst. Informationsveranstaltungen und Demonstrationen waren ebenso wichtig wie fairer Kakao, Rohrzucker, Tee und Kaffee. Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre jedoch wandelten sich Weltläden immer mehr zu nur noch „schönen“ Geschäftchen, die sich auf Kunsthandwerk und Schokolade spezialisierten und die Bücher und Zeitschriften verbannten. In Tübingen vollzog sich dieser Wandel erst 2006; anstatt der lern- und wissensorientierten Studierenden übernahmen vermehrt wohltätig gesonnene Menschen oft im Rentenalter die ehrenamtlichen Verkaufsschichten. In Baden-Württemberg ist vor allem der Weltladen Konstanz zu nennen, der dem „alten“ Prinzip treu geblieben ist und neben der üblichen breiten, fairen Produktpalette noch ein breites Sortiment an Fachbüchern zu diesem Thema führt. [zurück]
  17. http://www.gepa.de/service/faq/frage//show/3-warum-tragen-jetzt-viele-gepa-produkte-kein-fairtrade-siegel-mehr.html [zurück]
  18. Wir sprechen von „dem Kapital“, weil dies im Kapitalismus den eigentlichen Akteur darstellt. Zwar sind es Managerinnen und Kapitaleignerinnen, die stellvertretend für das Kapital die rücksichtslose Profitlogik umsetzen und ihr oder das von ihnen verwaltete Vermögen in die Ausbeutung von Mensch, Tier* und Natur investieren, um es zu vermehren. Aber diese Personen sind austauschbar, und was mit dem Vermögen getan wird, ist relativ unabhängig davon, wer konkret damit hantiert. [zurück]
  19. isw-Report Nr. 80: Kapitalmacht oder Pressefreiheit: Medien und Demokratie in Deutschland [zurück]
  20. Diese klassenkämpferische Geschichtsperspektive wird u.a. im (Post-)Operaismus vertreten, welcher im deutschsprachigen Raum am häufigsten in der linken Zeitschrift „Grundrisse“ diskutiert wird. Das Kapital ist dabei nicht eine Ansammlung moralisch „böser“ Menschen, sondern die Ausbeutungs- und Profitmaximierungslogik des Reichtums, welches sich selbst zu vergrößern trachtet und sich in den Handlungen von Großgrundbesitzern, Kapitaleignern, Managern aber manchmal auch kleineren Kapitalisten oder ihren Handlangern äußert. Die Arbeiter- und Arbeiterinnenklasse ist in uns allen vertreten und tritt für das gute Leben je von sich selbst wie von allen gemeinsam ein. Verkörpert wird diese Klasse oder Multitude durch alle, Arbeitende, Hausarbeitende, Arbeitslose, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete, auch außerhalb des Arbeitsverhältnis marginalisierter wie Schwule und Lesben, Bi- und Transexuelle, aber ein Stück weit auch durch die Seite im Manager oder dem Kapitalisten, welche gegen die Profitlogik handelt, alles hinwerfen und aussteigen will. Kämpfende Äußerungen der Arbeiter(innen)klasse oder Multitude sind die Arbeiterinnenbewegung und die sozialen und ökologischen Bewegungen aber auch unorganisierte Streiks und Sabotageakte, Aufruhr und Aufstände, mit all ihren Widersprüchen. [zurück]
  21. Wie z.B. die Band „Rage against the Machine“ trotz ihrer MTV-Laufbahn weltweit Jugendliche antikapitalistische Motivationen näher brachte. [zurück]
  22. https://www.facebook.com/AttilaHildmannOfficial [zurück]
  23. http://www.zeit.de/community/2013-11/veganismus-social-media-blogs/seite-2 [zurück]
  24. http://www.schrotundkorn.de/2014/201403b01.php [zurück]
  25. Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 84. [zurück]
  26. Da die Endung mit „-isch“ im Gegensatz zu der auf „-lich“ meist negativ konnotiert ist (z.B. „kindisch“ gegenüber „kindlich“, „weiblich“ gegenüber „weibisch“), verwenden wir ier das Wort „tierlich“ statt „tierisch“. [zurück]
  27. Vergleiche: Kriegerische Stimmung wird gegen geopolitisch interessante Länder wie den Iran unter der Fokussierung auf die Verletzung der Menschenrechte vor allem gegenüber Frauen dort geschaffen, während Saudi-Arabien, welches frauenrechtlich noch einiges schlimmer ist als der Iran, weiterhin Bündnispartner des Westens bleibt. [zurück]
  28. http://www.buchmarkt.de/content/57190-media-control-jahrescharts-der-hundertjaehrige-siegt-erneut.htm; http://www.schafschoki.de/shop/Sehen-Hoeren-Mehr/Buecher/Schrot-Korn-Vegan-Bio-Der-neue-Genuss-1-Stueck.html [zurück]
  29. http://arranca.org/ausgabe/41/die-commons-in-zeiten-der-cholera [zurück]
  30. http://arranca.org/ausgabe/41/transformationen-des-kapitalismus-und-revolutionaere-realpolitik; http://arranca.org/ausgabe/47/eine-konstituierende-perspektive-radikaler-politik [zurück]

Größte Mastanlage Süddeutschlands blockiert – und geräumt

Sieben AktivistInnen und zwei Dutzend UnterstützerInnen des Aktionsbündnisses Mastanlagen Widerstand blockierten am Samstag von 8:30 Uhr bis 14:30 Uhr die Zu- und Ausfahrten der Schlachtfabrik in Bogen (50 Kilometer südöstlich von Regensburg, Bayern), um ein Zeichen gegen das tägliche Leiden der Tiere für den Fleischkonsum zu setzen. Um 14:30 Uhr desselben Tags räumte die Polizei unter Amtshilfe der Feuerwehr. Verletzt oder festgenommen wurde niemand; es wird jedoch Anzeige wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz und wegen Hausfriedensbruch erstattet.

Das Aktionsbündnis will den Bau weiterer Mastanlagen und damit weiterer Zulieferbetrieben für die Schlachtfabrik direkt verhindern. Die Schlachtfabrik mit dem Namen Donauthal Geflügelspezialitäten gehört zu Wiesenhof, dem größten Geflügelkonzern Deutschlands. Wiesenhof war letztes Jahr aufgrund mehrfacher Skandale um Haltungsbedingungen bekannt geworden.

Die AktivistInnen bitten nun um Unterstützung, um mit der Repression umgehen zu können. Praktische Solidarität und Spenden sind für diese Arbeit hilfreich und wichtig.

Spendenkonto:

Name: „Spenden & Aktionen“
Konto Nr.: 92881806,
Bank: Volksbank Mittelhessen
Bankleitzahl: 513 900 00
Betreff: ,,MASTANLAGEN WIDERSTAND“ (bitte unbedingt mit angeben!)

Links:

Original Unterstützungsaufruf von „Mastanlagen Widerstand“.

Ausführlicher Artikel mit Bildern auf dem unabhängigen Regionalnachrichtenblog „Regensburg Digital“.

Soziale Kämpfe gegen Fleischkonzern in Chile

Laut eines Artikels auf linksunten.indymedia.org vom 1. Februar haben Tierbefreiungsaktivist*innen die Konzernzentrale von Agrosuper in Santiago (Chile) zerstört.1 Dem Artikel nach war die Aktion der zweite Bombenanschlag auf diesen Konzern. Bereits im September 2011 sei die Zentrale durch einen Anschlag zerstört worden. Als typische Aktion von Tierbefreier*innen gab es keine Verletzte bei den Anschlägen. Die Aktivist*innen stellen ihre Aktion in den Kontext sozialer Kämpfe, schließlich gab es eine breitere soziale Bewegung in der Auseinandersetzung um die Schweinefabrik von Freirina in Atacama, welche dem Konzern Agrosuper gehört und weltweit die größte Anlage ihrer Art darstellt.
Dem Internetlexikon Wikipedia zufolge gab es dort von der Inbetriebnahme der Anlage 2011 bis zum 17. Mai 2012 immer wieder kürzere Blockaden durch Anwohner*innen und andere Gegner*innen der Anlage. Gespräche mit der lokalen Regierung scheiterten. Am 17. Mai wurde die Blockade dauerhaft errichtet und mit improvisierten Camps befestigt; am 20. Mai griffen Einheiten der Carabineros die Camps an und verhafteten neun schlafende Personen. Bei spontanen Demonstrationen gab es laut einer peruanischen Tageszeitung 32 Verletzte. Ein Blog berichtet unter Berufung auf Aussagen aus der Bevölkerung vom Abwurf einer nicht identifizierten schwarzen Chemikalie auf die Blockaden durch Polizeihubschrauber und massenhaften Erbrechen der Menschen in der Folge. Ein Communiqué der Bürgerschaft spricht vom Einsatz militärischer Gewalt, insbesondere Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen. Zwei Polizeipanzer brannten nach Angriffen der Dorfbewohner aus.
Das Geschehen zeigt, wie auch außerhalb Europas soziale Kämpfe und Tierbefreiungskämpfe ineinandergreifen – zum aktuellen Anschlag hieß es in einem Bekenner*innenschreiben der Gruppe, die sich Mauricio Morales Incendiary Brigade nennt:

Wir übernehmen die Verantwortung für den Bombenanschlag auf die Bürogebäude von Agrosuper am 02. Januar 2013 um 11,30 Uhr, in der Julio Straße 18 und 10 im Zentrum von Santiago. Dies war eine direkte Attacke gegen die Bourgoisie und alle, die sie unterstützen. Wir entschieden uns diesen Konzern als Ziel zu wählen, weil sie den Agromarkt kontrollieren und Gonzalo Vial gehören, einem Geschäftsmann der den größten Teil seines Vermögens während der Pinochetdiktatur einstrich. Wir gedenken der beharrlichen Haltung der Menschen von Freirinadie die ihren Widerstand in diesem verrückten Spiel von Vial fortsetzen.

  1. Original auf liberaciontotal.lahaine.org. [zurück]

Von Skandal zu Skandal; von Pferd zu Mensch


Pferde auf Island: So würden wir Pferde am liebsten sehen…

Fleischskandale sind nichts Besonderes mehr. In den 90ern war es BSE, das Todesfälle zur Folge hatte, 2005, 2006, 2007 und 2009 waren Gammelfleisch und Gifte die häufigsten Probleme in der Fleischproduktion. Es könnte fast schon gesagt werden, dass Fleischskandale Tradition bei der Ausbeutung der einfachen Menschen durch das Kapital haben.


…und die traurige, deutsche Realität: Ein Pferd kurz vor seiner „Hinrichtung“.

1919 wurde durch Zufall in Hamburg bekannt, dass der Industrielle Jacob Heil aus verdorbenen Fleischabfällen Sülze hergestellt und diese an die hungernde Bevölkerung verkauft hatte. Dies führte dann zu den so genannten Sülzeunruhen, die durch die vom antikommunistischen SPD-Kanzler Gustav Noske angeforderte Reichswehr und durch sogenannte Freikorps blutig niedergeschlagen wurden. 80 Menschen wurden erschossen. Der Fleischfabrikant Heil wurde vom Gericht für schuldig befunden und zu ganzen drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark verurteilt. Am Protest der Konsument*innen hat sich seitdem viel geändert, an der Fleischqualität und der Klassenjustiz jedoch leider wenig.

Aus den in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Fleischskandalen, mal mit mehr, mal mit weniger tödlichen Folgen für die Verbraucher*innen, lässt sich einiges über unsere kapitalistische Produktionsweise sagen.

Es ist offensichtlich, wie bei aufwändigen Produkten wie Fleisch – immerhin muss ein Vielfaches an Kraftfutter produziert werden, um damit ein Säugetier oder einen Vogel aufzuziehen, um diesen dann abzuschlachten und seinen Körper zerlegt zu verkaufen, als dieser Körper am Ende wiegt – an allen Ecken und Enden gespart wird. Die Konkurrenz ist hart und international, für den internationalen Fleischmarkt kommt sie aus Deutschland. Hier stehen die Mast- und Schlachtanlagen, die zu den größten und grausamsten der Welt zählen. Mit dem Geflügelhof Wietze wurde in Niedersachsen 2011 der größte Schlachthof Europas fertiggestellt – und vom Land Niedersachsen mit 6,5 Millionen Euro subventioniert. So manche Hähnchenzüchter in Afrika können da einpacken, diese Industrie kann z.B. in Ghana mit den Importen aus der EU nicht mithalten.
Auch hier in Deutschland ist Fleisch zum Spottpreis zu haben – Gifte, Dioxine, Seuchen inklusive; gammlige Fleischreste werden mit verarbeitet. Die ordentliche Dosis Antibiotika, die bei den Konsument*innen zu Immunität gegen dieses Medikament führt, ist schon gar kein Skandal mehr, sondern der Normalzustand.

Pferde warten auf

Wie die Broschüre „Warum antikapitalistisch vegan?“ darlegt, gibt es im Kapitalismus eine Tendenz zum Verkauf von Produkten, die besonders stark verarbeitet sind. Da jede Weiterverarbeitung eines Produkts eine Investition ist, die jeweils ihren Profit mit sich bringt, erzeugen Produkte mehr Profit, je stärker sie verarbeitet sind. Kein Wunder also, dass für Fertigprodukte, Müsliriegel und Fastfood mehr Werbung gemacht wird und diese Produkte mehr verkauft werden. Sie machen den Produzenten reicher – wobei natürlich nicht der Mensch reich wird, der unmittelbar durch seine Arbeit produziert, sondern der, der durch den Besitz oder Teilbesitz (Shareholder) der jeweiligen Firma den Profit einkassiert. Fleisch gehört durch den angesprochenen Aufwand auch zu den Produkten, die stark verarbeitet sind und so mehr Profit für die Chefetagen abwerfen.


Multimilliardär und Besitzer von Lidl und Kaufland Dieter Schwarz.

Kein Wunder also, dass der Besitzer von Kaufland und Lidl, der Heilbronner Dieter Schwarz, der drittreichste Deutsche ist. Sein Privatvermögen wird auf 12 Millarden Euro geschätzt (also 12.000.000.000 €). Die Marke Kaufland ist 2012 in Deutschland zehntgrößter Fleischhersteller und machte 650 Mio. Euro Umsatz mit Fleisch. Die deutsche Nummer Eins der Fleischproduzenten, die Tönnies-Gruppe, setzte sogar 4.3 Millarden Euro um. Deren Besitzer, Clemens Tönnies, gehört mit einem geschätzten Vermögen von rund 600 Millionen Euro zu den 200 reichsten Deutschen. Nummer Drei auf der Liste der aktivsten Fleischproduzenten ist die Gruppe PHW, zu der auch der skandalträchtige Wiesenhof-Konzern gehört, der allein jede Woche 4,5 Millionen Hähnchen schlachten lässt und im Geschäftsjahr 2011/2012 einen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro erzielte. Die Top-Fleischproduzenten machen ihren Milliardengewinn auf dem Rücken von Billiglohnarbeiter*innen; betreiben also üble Ausbeutung, häufig von Osteuropäer*innen. PHW ist zusätzlich noch für Raubbau an Grundwasservorräten bekannt.
Die Fleischindustrie ist also ein Geschäft, in dem jede Menge Geld steckt, und das weiterhin für Skandale und sicher auch für massive Opfer (Herzkrankheiten, Vergiftungen etc.) auf der Seite der Konsument*innen sorgen wird – von den 4 Millionen Rindern, 60 Millionen Schweinen und 134 Millionen Hühnern ganz zu schweigen. Diese Umstände tragen mit dazu bei, dass es immer mehr Vegetarier*innen und Veganer*innen gibt. In Deutschland sind es der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge wohl 1% der Männer, 2,2% der Frauen (laut Angaben des Focus 9% der Gesamtbevölkerung, nach dem Stern sogar 11%); in den USA immerhin 4% der Männer und 7% der Frauen, in Indien sind es gar 40% der gesamten Bevölkerung.

Der Pferdefleischskandal hat im Gegensatz zu den bisherigen Fleischskandalen einen besonderen Aspekt: Bei 45% der Deutschen kommt Pferdefleisch nicht auf den Tisch. Ein moralischer Zweifel kommt bei diesem Tier auf, welches noch nicht durch völliges Wegsperren bei den Menschen zu einem seelenlosen Ding geworden ist, wie es z.B. bei Schweinen der Fall ist. Pferde kennen noch viele als treues Reittier; durch den engen Kontakt wird die Intelligenz und das Bewusstsein des Tieres vermittelt. Noch um einiges höher wäre die Zahl der Menschen, die in Europa keine Hunde oder Katzen essen würden. Aber tatsächlich sind Schweine ebenso intelligent wie Hunde und Katzen – und das entscheidende Merkmal, nämlich die Fähigkeit, Leiden bewusst wahrzunehmen, vereint Pferde mit Rindern, Schweinen, Hunden, Katzen, Rhesusaffen und eben Menschen!

Ein nachhaltig gutes Leben für alle erfordert Tierbefreiung, verbunden mit einer post-kapitalistischen, demokratischen Produktionsweise mit geschlossenen Kreisläufen. Dass dies keineswegs eine Utopie ist und Tierbefreiung gut zu geschlossenen Kreisläufen einer ökologischen und solidarischen Ernährungsproduktion passt, wird bei Betrachtung von Solidarischer Landwirtschaft, Commons und Vergesellschaftung gut sichtbar.




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