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Vegan-Hype: Ursachen und Vereinnahmung aus kämpferischer Perspektive

Was heute alltäglich ist, hätte noch vor fünf Jahren kaum jemand aus der Tierrechtsszene für möglich gehalten: Geschäfte werben damit, dass sie vegane Artikel führen, große, bürgerliche Zeitungen wie die „Süddeutsche“ oder „Die Zeit“ behandeln den Veganismus in ganzseitigen Artikeln, im Privatfernsehen wird über Veganismus gesprochen, große Fleischkonzerne bringen vegane Produktlinien heraus.1 Sind wir dabei zu gewinnen? Nein und ja…

Der Hype in Zahlen

Es herrscht ein Vegan-Hype, das ist nicht zu leugnen. Und an seinem Aufkommen sind „wir“ Tierbefreierinnen maßgeblich beteiligt.2 Seit Jahrzehnten stehen sich Generationen von Tierrechtlerinnen und Tierbefreierinnen3 auf den Straßen dieser Welt die Beine in den Bauch, um Veganismus-Flyer zu verteilen, streiten sich mit Laden- und Restaurantbesitzerinnen, um etwas ohne Milch, Ei und Fleisch zu bekommen und sorgen mit nächtlich sabotierten Tierbetrieben ab und zu für Schlagzeilen. Den Vegetarismus und den Veganismus in der Welt bekannt zu machen, hat „uns“ Jahrzehnte der Mühe, Arbeit, des Aktivismus, der gemeinsamen Kämpfe, der Kreativität und so weiter gekostet. Das war nicht umsonst, denn ohne „uns“ gäbe es diesen Vegan-Hype heute sicher nicht. Da können wir uns getrost gegenseitig auf die Schultern klopfen und feiern!
Dennoch sollten wir uns auch von diesem ersten großen Erfolg nicht blenden lassen. Schließlich bedeutet der Vegan-Hype keineswegs, dass dadurch weniger Tiere4 gefangen gehalten, gequält und ermordet werden. Obwohl sich die Zahl der Vegetarierinnen in Deutschland laut einer Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim seit 2006 verdoppelt5 hat (laut diesen Zahlen auf 3,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, andere Zahlen geben schön länger weit höhere Prozentsätze an) und dem Meinungsforschungsinstitut forsa nach rund 52 Prozent der Bundesbürgerinnen angeben, weniger Fleisch essen zu wollen, kann der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie gelassen berichten, dass der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch in Deutschland von 2001-2012 stabil war und erst 2013 um 2,1 Kilo auf 59,2 Kilo sank.6 Dies bestätigt die Prognose des marxistischen Antispeziesisten Marco Maurizi, dass der Veganismus nicht die Ausbeutung der Tiere* beenden kann.7 Die individuelle Konsumhaltung ist im Kapitalismus nicht direkt mit der Produktion verknüpft, da dort nicht zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern für Profite produziert wird. So kann beispielsweise eine starke vegane Bewegung dazu führen, dass das Fleisch billiger wird und die fleischkonsumierende Bevölkerung umso mehr Fleisch isst. Genau das könnte auch die momentane Situation erklären, ist aber nur eine der vielen komplexen Wechselwirkungen der Ökonomie. Hinzu kommt, dass die Fleischindustrie durch die EU und die Bundesländer auch noch millionenschwer subventioniert wird; die PHW-Gruppe („Wiesenhof“) erhielt beispielsweise alleine vom Land Niedersachsen im Jahr 2007 4,2 Millionen Euro.8

Reaktionen der Fleischindustrie

Doch die Fleischindustrie reagiert schon früh auf den Trend des reduzierten Fleischkonsums. Einerseits wird verstärkt auf den Export gesetzt; so erhöhte sich der Anteil des jährlich exportierten Fleisches von 2001 bis 2010 um 250 Prozent auf 3,7 Millionen Tonnen.9 Zwar scheinen Fleischexporte im Wert von 8,17 Milliarden Euro10 bei einem insgesamten Exportvolumen von 951 Milliarden Euro11 nur wenig Bedeutung zu haben, jedoch ist das im Autoland und Exportvizeweltmeister Deutschland bereits schon sehr viel (Zahlen für 2010). So werden in Deutschland die dritt-meisten Schweine weltweit geschlachtet: 59 Millionen Tiere im Jahr, während es bei den beiden Spitzenreitern China 661 Millionen und in den USA 110 Millionen sind.12 Diese Masse an Produktion erreicht Deutschland, wie andere Produktionsstandorte, auch durch intensive Massentierhaltung, extremes Lohndumping und Ausbeutung oft migrantischer Arbeiterinnen, Billigfuttermittelimporte usw. Die Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte zu einem Stundenlohn von 3-5 Euro erfolgt unter schlimmsten Bedingungen und strengen Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse erkämpfen können (Kasernierung, Redeverbote). Diese Umstände haben sogar den niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies dazu bewegt, die Verhältnisse in den Schlachtfabriken mit „moderner Sklaverei“ zu vergleichen.13

Die zweite Reaktion der Fleischindustrie ist die Entdeckung des Wachstumsmarkts „vegane Produkte“. Da dieser Markt noch sehr wenig bedient wird, sehen auch große Fleischkonzerne hier enorme Wachstumsmöglichkeiten. Der Fleischkonzern Vion, größter Schweinefleischverarbeiter Europas und weltweit unter den Top 10, betreibt neben den Marken „Lutz“ (Kochschinken) und „Weimarer“ („Echte Thüringer“ Wurst) auch die Marke „Vegetaria“, die seit 2013 auf Anstoß der Albert-Schweitzer-Stiftung von vegetarischen auf vegane Produkte umstellte.14 Gut für arme oder geizige Veganerinnen, schlecht für die Seitan- und Tofu-Pioniere wie Topas in Mössingen oder Taifun in Freiburg. Solange die Lebensmittel industriell hergestellt werden, ist jedoch eine großindustrielle Produktion von speziell veganen Fleischersatzprodukten wohl ein notwendiger Schritt, damit Veganismus zum Massenphänomen werden kann. Vegane Landwirtschaft mit lokalen Produktions- und Verteilungsstrukturen in Gesellschaftseigentum und unter basisdemokratischer Kontrolle dagegen wäre das, was wir anstreben würden. In diesem Spannungsfeld kann diese Entwicklung gesehen werden.

Krisen und neue Märkte

Letztlich sind solche „neue“ Märkte, die durch Labels wie „Bio“, „Vegan“ oder „Fairtrade“ entstehen, notwendig für das Kapital. Schließlich durchleben wir seit 2007 eine der heftigsten weltweiten Wirtschaftskrisen überhaupt, auch wenn deren Folgen durch die Transformation Deutschlands zum Niedriglohnland und der hiesigen Euro-Politik noch großteils kaschiert werden können. Krisen zeichnen sich dadurch aus, dass das Kapital sich nicht mehr verwerten kann, d.h. „zu wenig“ Profit bei Investitionen herausspringt oder „zu wenig“ Zinsen bei Kapitaleinlagen entstehen. Stagnierendes Wachstum, also z.B. gleichbleibende statt wachsende Nachfrage nach Produkten, ist, auch wenn das an sich für eine nachhaltige Gesellschaft notwendig wäre, für die kapitalistische Wirtschaft eine Katastrophe und kann zum Auslöser einer Krise werden. Insgeamt sind Krisen jedoch ein Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, und solange der Kapitalismus herrscht, kommt es regelmäßig zu Krisen. Daher kann das Aufkommen von Krisen in Zyklen beschrieben werden, auch wenn die klassische und neoklassische Wirtschaftstheorie dies bestreitet und stets menschliches „Versagen“ für Krisen verantwortlich macht. Damit das kapitalistische Wirtschaften fortgesetzt werden und die Krise als überwunden gelten kann, müssen neue Wachstumsmöglichkeiten gefunden werden.15
Ein „neuer“ Markt, also zuvor nicht dagewesene Nachfrage nach neuen Produkten, sorgt für Wachstum und das Kapital strömt in die Produktion, in die Werbung und den Vertrieb dieses Marktes, was heißt, dass Kapital dort investiert wird. Ein Siegel oder Label, welches diesen neuen Markt umreißt, ist dazu ideal. „Bio“ machte eine ähnliche Bewegung durch wie Veganismus heute: Jahrzehnte lang organisierte und ackerte (oft auch im wörtlichen Sinne) die Umweltbewegung, um Bewusstsein und Verfügbarkeit von Produkten ohne Kunstdünger und Gifte zu erreichen. Verbunden war dies oft mit einer (wenn auch mitunter diffusen) Kritik am Kapitalismus und mit der damit verbundenen Entfremdung der wichtigsten aller Produkte: der Nahrung. Entfremdung heißt auch, dass niemand mehr weiß, wer die Nahrungsmittel angebaut hat und wo genau, wie und wann sie angebaut wurden. Die Beziehung zur Ökobäuerin um die Ecke, zum Hofladen und zum kleinen noch halbwegs transparenten Bioladen sollte dagegenwirken: Sowohl Intransparenz als auch Konkurrenz sollten durch lokale und regionale Versorgungswege verhindert oder zumindest abgemildert werden.
Jedoch nahm das Kapital die Wachstumschancen des Bio-Sektors dankend an und bediente diesen Markt vor allem mithilfe des EG-Bio-Siegels: Klare, aber minimale Regeln, die ein Produkt zum Bio-Produkt machen, ermöglichten es, innerhalb des Bio-Minimal-Konsens (insofern die Regeln überhaupt eingehalten werden) denselben Wahnsinn von Konkurrenz (Lohndruck) und Werbung (Intransparenz) weiterzutreiben. Landgrabbing und Vertreibungen, Monokultur und Mega-Plantagen, Regenwaldabholzung und Vernichtung von Ökosystemen, Lohndumping, Sklaverei, Massentierhaltung, irreführende Verpackungen, verblendende Werbekampagnen – all das ist seither auch bei den meisten Bio-Produkten Standard. Nur noch strengere Labels, die dafür nur teurere Produkte schmücken und deshalb auf dem Markt schlechtere Zukunftsaussichten haben, wie Bioland, Naturland oder Demeter, schränken genannte Phänomene ein. Denn schließlich müssen diese Labels, die „echte“ Biowaren kennzeichnen, im (Bio-)Supermarkt mit EG-Bio-Plantagenprodukten konkurrieren.

Ähnliches geschieht mit der Fairtrade-Bewegung: Auch hier baute eine Bewegung in Abgrenzung zum herkömmlichen Kapitalismus und zu den Supermärkten eigene Läden, eigene Vertriebstrukturen und unzählige Kooperativen auf. Auch hier wurde versucht, über Aufklärung in den Weltläden und über solidarische Ökonomie der Intransparenz und der Konkurrenz entgegenzutreten. Aber auch hier entstand ein Label, das Max-Havelaar-Fairtradelabel, welches kreiert wurde, um den fairen Handel in die Supermärkte zu bringen, so die ungehemmte Kommerzialisierung vereinfachte und dessen Mindestanforderungen an soziale Arbeitsbedigung in der Herstellung der Produkte weit unter denen der traditionellen Fairhandelshäuser liegen. Seit 1997, nach der Fusion mit zwei anderen Siegeln, heißt das Label nun nur noch „Fairtrade-Siegel“.
Da im Fairtrade-Bereich das ehrenamtliche Engagement und das solidarische Wirtschaften eine größere Bedeutung hat als im Bio-Sektor,16 wich diese Entwicklung etwas von der der Bio-Bewegung ab: Die Weltläden verstanden sich großteils noch bis in die 1990er und 2000er Jahre sowohl als Aufklärungskollektive als auch als Verkaufsorte, waren also besser über die Umstände und Arbeitsbedingungen informiert und begannen daher früh, das „Fairtrade-Siegel“ abzulehnen. Dagegen wurde sich eher auf die traditionellen Fairtrade-Häuser El Puente, DWP und Gepa verlassen, die durch konsequenten fairen Handel ein gewisses Vertrauen errungen hatten. Auch das größe Fairtrade-Haus Gepa, welches als einziges auch auf Supermärkte setzt, nahm das „Fairtrade-Siegel“ von seinen Verpackungen und steht lieber mit eigenem Namen für die Arbeitsbedigungen.17
Das liegt daran, dass das „Fairtrade-Siegel“ in Kritik geriet. Denn „Fairtrade“ boomt wie „Bio“ und „Vegan“: In Frankreich stieg der Umsatz im Fairtrade-Bereich von 94 Mio. Euro im Jahr 2004 auf 408 Mio. Euro, also um 334 Prozent, im Jahr 2012. Die arte-Dokumentation „Fairer Handel auf dem Prüfstand“ zeigt aber auf, dass die Anforderungen des „Fairtrade-Siegels“ (Mindestlohn, ein freier Tag in der Woche, Organisationsfreiheit, Diskriminierungsverbot) kaum kontrolliert werden und so unterbezahlte Knochenarbeit und elende Lebensbedingungen der abhängig Beschäftigten, die auch noch Übergriffen ausgesetzt sind, vorkommen. Und dabei liegen diese ohnehin weit unter den Selbstverpflichtungen der traditionellen Fairtradehäusern. Zwar sind die Waren in den Weltläden vor solchen Katastrophen bisher sicher, doch die enormen Wachstumsraten spiegeln sich nur zu einem kleinen Teil in den Weltläden wieder. Auch hier kann davon gesprochen werden, dass das Kapital18 die Bewegung zu einem großen Teil vereinnahmt und dadurch sinnentleert hat, und dennoch kleine Erfolge erzielt wurden.

Vereinnahmung in der Herrschaft

Im Kapitalismus, wie auch in der Entwicklung von Herrschaft allgemein, lassen sich immer wiederkehrende Bewegungen ausmachen. Eine Bewegung gegen Herrschaft wird unter der Bedingung von Kompromissen selbst an der Herrschaft beteiligt, wodurch die Herrschaft erneuert und stabilisiert wird. Diese Herrschaftstechnik wurde schon immer verwendet und ist schon in der römischen Parole „teile und herrsche“ („divide et impera“) ausgedrückt. Ein sehr gutes Beispiel zeigt sich unter Otto von Bismarck in den 1880er Jahren; Bismarck ließ zwar Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen verfolgen, führte aber Sozialgesetze ein, um nicht durch die Forderungen der damals sehr starken Arbeiterinnenbewegung gefährdet zu werden. Er gestand offen, dass er dies tat, um den Sozialistinnen „die Wurzel abzugraben“, also keineswegs aus eigenem Interesse an der Situation der Arbeiterinnen, auch wenn er ironischerweise trotz seiner sonstigen Verbrechen dafür bis heute geehrt wird. Die Vereinnahmung geschah durch die teilweise Erfüllung der Forderungen bei gleichzeitiger Verfolgung und Unterdrückung der Bewegung. Ähnlich verlief die Vereinnahmung bei der SPD 1914, welche durch den Wechsel zu einem Pro-Kriegs-Kurs unter ihrem rechten Flügel mit Noske und Ebert, welche selbst linke Sozialdemokratinnen verfolgen ließen, zur Regierungsmacht werden konnte.
Ähnliches geschah auch mit der grünen Partei 1998, die ohne Zusagen an die neoliberalen Reformen Gerhard Schröders wohl nie eine Regierungsbeteiligung erreicht hätte. Diese Erkenntnis erhärtet sich in Anbetracht des Falls der Ernennung Gerhard Schröders zum Kanzlerkanditaden der SPD 1998. Es wurde nachgewiesen, wie die Leitmedien die SPD dazu drängten, Schröder, nachdem er 1996 vor dem Wirtschaftsrat der CDU vorsprach, zum Kanzlerkandidaten zu machen. Sowohl „Bild“ als auch „Der Spiegel“ und andere bürgerliche Medien machten klar, dass sie nur im Falle von Schröders Kandidatur, welcher in einer Urabstimmung der SPD zuvor abgewählt worden war, die SPD als wählbar darstellen würden.19

Um kämpferische Perspektiven zu analysieren, können solche gesellschaftlichen Entwicklungen als Klassenkämpfe zwischen der Kapital-Seite und der Seite der Ausgebeuteten angesehen werden. Es entsteht also immer von Seiten der Unterdrückten eine linke Strömung, Initiative, Partei, oder ähnliches, die, wenn sie stark genug wird, vonseiten des Kapitals vereinnahmt wird, um die Ausbeutungssituation zu erneuern und zu stabilisieren. Dabei erringen je nach Kräfteverhältnis natürlich auch die Unterdrückten größere oder kleinere Erfolge, welche auch als Zugeständnisse der Kapital-Seite gesehen werden können: Sozialgesetzgebung, demokratische Wahlen, Frauenrechte, Atomausstieg und aktuell die Wiedereinführung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Baden-Württemberg. All diese erkämpften Zugeständnisse sind zugleich einerseits kleine Siege im Klassenkampf wie andererseits Teil der, wenn man es mit Mercuse so nennen mag, Konterrevolution. Solche Erfolge können als Ausdruck einer relativen Schwäche des politischen Gegners gewertet werden: Der militaristische Adelige Bismarck wird während der Einführung der Sozialgesetze mit den Zähnen geknirscht haben; die konservativen Machteliten werden Bauchschmerzen gehabt haben, als sie freie Wahlen zulassen mussten und als sie hundert Jahre später die Beteiligung der Grünen an der Regierung erlauben mussten. Solche Vereinnahmungen sind daher auch Zeichen unserer relativen Stärke: Die Herrschenden können nicht ihre Ziele kompromisslos durchsetzen, sondern sind gezwungen, zumindest kleine Schritte auf unsere Forderungen zuzugehen. Ohne diese Form von Teilerfolgen, auch wenn sie immer gleichzeitig Gegenstrategien der Herrschenden waren, um unseren Widerstand zu brechen, lebten wir heute auch hier noch in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hunger, je nachdem, von wo wir in der Betrachtung ausgehen. Wir müssen also weiterkämpfen, um Sklaverei, Leibeigenschaft und Hunger weltweit und für alle, auch für Tiere, abzuschaffen!20

Vereinnahmung durch das Kapital

Ähnliche Bewegungen lassen sich auch im wirtschaftlichen Bereich finden. Die sexuelle Befreiung der 68er, die vor allem Frauen aus biederen und patriarchalen Normvorstellungen und Herrschaftsverhältnissen befreite, wurde von der Porno- und Prostitutionsindustrie vereinnahmt, welche durch die vermehrte Ausbeutung ärmerer Frauen Milliardengewinne einstreicht. Die Anti-AKW-Bewegung hat durch Jahrzehnte der Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und direkten Aktionen einen (langsamen) Atomausstieg in der Politik erreicht; worauf die Industrie mit einem Ausbau von Kohlekraftwerken reagiert, die Treibhausgase in Massen ausstoßen. Der Natur und somit nicht zuletzt uns werden Tonnen von Pestiziden und Kunstdüngern erspart, jedoch wird dafür heute hektarweise Land z.B. in Osteuropa angeeignet (Landgrabbing) und Regenwald in Südamerika abgeholzt, um quadratkilometergroße Monokulturplantagen anzulegen.
Aber die Bewegung hört an diesen Punkten nicht auf: Die ausgebeutete Seite, die nicht auf der Seite des Kapitals die Ausbeutung vorantreibt, muss ihre Lage erkennen und darauf reagieren. So kämpft seit Jahren die Frauenbewegung gegen Ausbeutung durch Prostitution, eine Anti-Kohlekraft-Bewegung mobilisiert seit 2005 mithilfe von Klimacamps und großangelegten Besetzungsaktionen gegen den Klimawandel und die jährlichen Demonstrationen gegen die industrielle Landwirtschaft unter dem Motto „Wir haben es satt!“ werden trotz (oder wegen?) der Kommerzialisierung des Bio-Booms immer größer (dieses Jahr über 30.000 Teilnehmerinnen).
Horkheimer und Adorno beschreiben im „Kulturindustrie“-Kapitel der Dialektik der Aufklärung, wie das Kapital kulturelle Gegenbewegungen als Wachstumsmöglichkeiten vereinnahmt und so rebellische Ideen zu handelbaren Waren macht. Doch auch die kommerzielle Vereinnahmung von Gegenkultur kann, wenn richtig mit ihr umgegangen wird, gegen dessen sinnentleerende Wirkung, politisieren.21 Die Dinge realistisch zu sehen heißt also zu erkennen, dass sowohl unsere Seite als auch die Seite des Kapitals immer weiter kämpft, gewinnt und verliert, und dadurch sozialer Wandel in Gang gesetzt wird.

Vereinnahmung von Veganismus

Was also mit dem Veganismus passiert, ist die ganz normale Vereinnahmung durch das Kapital. Ein Merkmal, welches für die kapitalistische Vereinnahmung optimal ist, ist die Konsum-Orientierung. Kein Wunder also, dass von allen Elementen der Tierbefreiung vor allem der Veganismus zur Zeit boomt. Einige Bedingungen, die die Vereinnahmung ermöglichen oder optimieren, lassen sich an einem zentralen scheinbaren Protagonisten des Vegan-Hype ablesen: dem veganen „Starkoch“ Attila Hildmann. Der eigentliche Akteur hinter ihm ist das Kapital, also die Profitlogik im Kopf der Kapitalbesitzerinnen und Managerinnen, die sich der Maximierung des Kapitals widmen. Diese tritt dann in der Politik, z.B. des Medienkonzerns ProSiebenSat.1 Media AG zu Tage. Denn noch einige Jahre vor dem Vegan-Hype fiel ProSieben in seiner Pseudo-Wissenschaftssendung „Galileo“ dadurch auf, dass es unterschwellig Fleischkonsum massiv bewarb: In jeder Folge von Galileo war Fleisch ein Hauptthema; mal ging es dabei um Zusammensetzung des Fleisches selbst, mal um die Funktionsweise von Wok-Pfannen, die natürlich anhand des Bratens von Schweinefleisch getestet wurden. Über Jahre hinweg war die Fleisch-Werbung bei Galileo so ausnahmslos anzutreffen, dass wirtschaftliche Verbindungen zur Fleischindustrie mehr als wahrscheinlich sind. Und gerade diese Sendung verschaffte Attila Hildmann im Juli 2010 seinen ersten großen Fernsehauftritt. Es sind Medienkonzerne wie ProSiebenSat.1, die sich unter allen Veganköchinnen und sonstigen möglichen Protagonistinnen der Bewegung für den Veganismus ausgerechnet Hildmann aussuchen.
Aber warum Attila Hildmann? Einerseits, weil seine Schwerpunkte, wie die Titel seiner bekanntesten Kochbücher „Vegan for Fit“ und „Vegan for Fun“ zeigen, auf egoistisch orientierten Themen liegen. (Die eigene) Fitness und (die eigene) Gesundheit sind zentrale Themen derjenigen Menschen, die von Marktforscherinnen zum Konsummilieu der LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) gerechnet werden. Da es dabei um die eigenen Vorteile wie die individuelle Gesundheit geht – alles andere ist in der kapitalistisch-individualistischen Grundstimmung ohnehin schon verdächtig –, profitiert der „Bio“-Boom davon ebenso wie der „Vegan“-Boom. „Fairtrade“, mit seinem ethischen Schwerpunkt, trifft dieses Bedürfnis nicht, versucht aber über das Bewerben der besonders hohen Qualität seiner Produkte, auch auf diesen Zug aufzuspringen.
Zum anderen ist Hildmann der Mann für den Boom, weil er sich im Gegensatz zu den meisten Vegan-Köchinnen in seinen Statements fast völlig vom politischem Anspruch der Tierbefreiung lossagt und ihre Aktivistinnen sogar noch als Dogmatiker und Hippies beschimpft.22 Genau diese Eigenschaft ist wichtig für das Kapital, um Veganismus hypen zu können, hat es doch in der Angst um seine Profite durch die Fleischindustrie dafür gesorgt, dass in den großen Medien das Bild von Veganismus und Veganerinnen durch Angst und Lächerlichkeit bestimmt ist. Um trotzdem plötzlich Veganismus verkaufen zu können und ohne Tierbefreiungsaktivismus dadurch aufzuwerten, war ein Vegan-Koch, dem es um „Fitness, Lifestyle, Spaß“ geht (so ist Hildmanns Homepage überschrieben) und der von Gesellschaftskritik und Politaktivismus nichts wissen will, genau der richtige; genau das ist es, was für die Vereinnahmung des Veganismus gebraucht wird. Hat deshalb ProSieben im Jahre 2010 Hildmann so gepuscht, der erst danach bei den kleineren Sendern MDR und WDR auftauchte?
„Die Zeit“ schreibt zum neuen, hippen Vegan-Image: „Die neuen Veganer pflegen keinen Überlegenheitsmythos. Sie gehen nicht mit ihren politisch-moralischen Ansprüchen hausieren und sie begreifen Veganismus nicht als Ideologie“.23 Dass Veganismus nicht eine Erfindung der Hildmanns und Co. ist, sondern wir „Radikalen“ die Basisarbeit leisteten, gibt diese bürgerlich-liberale Wochenzeitung wie auch die Ernährungstrendforscherin Karin Frick in einem Interview mit dem Bio-Werbemagazin „Schrot&Korn“ zu: „Es braucht immer die Radikalen, die die Ideen hervorbringen. Die Extremen sind die Impulsgeber, diejenigen, die die neuen Themen in die Welt bringen.“24 Auf die Vereinnahmung anderer Bewegungen geht auch „Die Zeit“ im bereits zitierten Artikel ein: „Die Ideen der Grünen oder der Frauenrechtsbewegung gehören heute nur deswegen zum bildungsbürgerlichen Standardrepertoire, weil sie in ihrer Frühzeit nicht ungehört verhallten“.

Für die wirtschaftliche Vereinnahmung ist es also am besten, wenn die politische Dimension einer Strömung entsorgt wird. Des Weiteren ist die Konsumierbarkeit wichtig, denn nur dadurch lassen sich neue Produkte erzeugen und neue Märkte erschließen. Für diese ist der egoistische Gewinn ein bedeutender Teil – und diesen nicht als primäre Motivation zu haben gilt im patriachalen Kapitalismus nicht nur als sentimental, sondern, wie Horkheimer und Adorno schon festgestellt haben, gar als Abfall von der Kultur. Ideal ist, wenn das dann auch noch mit dem laufenden Fitness-Boom und der verstärkten Privatisierung der Gesundheit (in der jede selbst für ihre Gesundheit verantwortlich ist und diese Frage keine gesellschaftliche oder politische mehr sein kann) verknüpfbar ist. Dies bietet der Veganismus ebenso wie „Bio“ und „Fairtrade“ immerhin zu Teilen, oder, ein Jahrhundert vorher, die Lebensreformbewegung, deren bekanntestes Überbleibsel die „Reformhaus“ genannten Geschäfte sind. Aus linker Sicht ist die Lebensreformbewegung ambivalent zu beurteilen, als positive Folge ist sicherlich zu verzeichnen, dass die relativ starke Verbreitung von Vegetarismus, ökologischem Bewusstsein, Naturheilkunde und FKK in der BRD heute zu Teilen auf sie zurückgeführt werden kann; es muss aber auch beachtet werden, dass Teile der insgesamt eher bürgerlichen Lebensreformbewegung sich reaktionär, antisemitisch und völkisch orientierten, wie etwa die noch existierende Kommune „Eden“ in Oranienburg. Wie unser Aktivist Matthias Rude im Kapitel über die Lebensreformbewegung im theorie.org-Buch Antispeziesismus herausgearbeitet hat, zeichnete sie sich durch die Privatisierung der sozialen Frage, durch die Beschränkung auf den Appell ans individuelle Konsumverhalten aus. Hierbei handelt es sich, so Rude, „um eine Einstellung, die auch heute wieder in weiten Teilen der veganen Bewegung anzutreffen ist und die entsprechend kritisiert werden muss.“25

Veganismus als Weg?

Wie Marco Maurizi darlegt, kann Veganismus alleine keine Tierbefreiung erreichen. In Anbetracht der mäßig erfolgreichen Kampagne gegen Coca-Cola prognostiziert er einem Boykott einer so breiten, unspezifischen Produktpalette wie tierlichen26 Produkten wenig Erfolg bei der Abschaffung der Tierausbeutung. Selbst wenn sich direkte Tierprodukte nicht vermarkten ließen, würde das Kapital Tierausbeutung trotzdem weiter überall betreiben, wo es am Ende nicht im Produkt erkennbar ist. Aber Maurizi macht sich trotzdem für den Veganismus stark, auch abseits seiner Funktion des ökonomischen Boykotts. Schließlich zeigen Veganerinnen auf, dass es von der Konsumentinnenseite her schon mal möglich ist, ohne Tierausbeutung zu leben. Die Vermassung des Veganismus, deren ersten großen Schritt wir jetzt geschafft haben, ist eine ausgezeichnete Basis für weitere Tierbefreiungsarbeit, auch wenn jetzt die Taktik geändert werden muss. Wenn tierliche Produkte nicht mehr Teil der Nahrung, also der unmittelbarsten Basis des menschliches Lebens der meisten Menschen sind, können diese Menschen wahrscheinlich leichter ihr „ja“ zur Tierbefreiung geben. Je mehr Menschen also vegan leben, desto einfacher ist die politische Forderung von Tierbefreiung, auch in einem revolutionären Prozess, durchsetzbar.
Gleichzeitig sollte hier aber auch betont werden, dass diese Forderung auch von nicht-vegan lebenden Menschen mitgetragen werden kann. Veganismus ist sicher ein wichtiges Element, um sich dem Ziel der Befreiung von Mensch und Tier* zu nähern, aber er muss nicht unbedingt die Grundlage politischen Kampfes, nicht der einzige Weg und nicht einmal der unproblematischste sein. So liegt Veganismus heute z.B. vielen Unterschichtsjugendlichen ferner denn vielen anderen, weil sie im Gegensatz zu Mittelschichtsjugendlichen weniger Zeit und Energie haben, sich um Probleme zu kümmern, die nicht direkt die ihrigen sind. Dazu kommt, dass vegane Produkte mit vergleichbarem Geschmack einfach noch um ein Vielfaches teurer sind als Tierprodukte. Wem es also nicht passiert, sich der Tierausbeutung derart bewusst zu werden, dass sie die Kraft schöpft, die Konditionierung auf Fleisch abzulegen, ist draußen aus dem (durch die Struktur unserer Gesellschaft noch elitären) Kreis der Veganerinnen. Vegan zu leben ist entgegen dem bürgerlichen Schein nur zum Teil der eigene Verdienst und zu einem beachtlichen Teil eben eine von außen herangetragene Möglichkeit, die, mit einigen Zufällen durchmischt, strukturell ungleich auf die Gesellschaft verteilt ist.
Eine politische Vereinnahmung des Veganismus und/oder der Tierbefreiungsbewegung könnte, wenn wir nicht aufpassen, in einigen Jahren dazu führen, dass die Ausbeutung der Unterschichten mit dem Argument ihres mangelnden ethischen Verhaltens gegenüber Tieren* legitimiert wird oder dass Kriegsakte gegen ein Land außerhalb des NATO-Bündnisses mit dessen grausamen Verhalten gegenüber Tieren* gerechtfertigt werden.27 Allerdings können wir, was das angeht, stolz auf uns als Tierbefreiungsbewegung sein, denn im Gegensatz zur Tierschutzbewegung ist bei uns bisher konsequent jeder Vereinnahmungsversuch von rechts abgewehrt worden, durch ausreichend politisches Bewusstsein und wachsame, aktive Gruppen und Einzelpersonen innerhalb der Bewegung. Dennoch gilt es, weiterhin wachsam zu bleiben und besonders dem Elitarismus gegenüber kritischer zu werden.

Fazit für die Bewegung

Das Fazit aus diesen Überlegungen und Analysen müssen die Akteurinnen der Tierrechtsbewegung selbst ziehen. Da es psychologisch gesehen wichtig ist, Siege zu feiern, läge das Fazit nahe, den Vegan-Hype trotz aller Kritik erstmal als Teilerfolg zu feiern. Aus der Reflektion des laufenden Vereinnahmungsversuchs könnte diese Feier dann zum Anlass genommen werden, ein geändertes Verhältnis zum Veganismus einzuläuten: War früher die Bewerbung des Veganismus an sich schon ein politischer Akt, so wird diese mühsame Arbeit heute für die sicherliche begrenzte Zeit des Booms von Attila Hildmann mit einer Auflage von 100.000 Stück seines Kochbuchs „Vegan for Fit“, durch die Sonderausgaben „Schrot&Korn: Vegan&Bio“ und anderen Mainstream-Medien übernommen.28
Wir könnten nun einerseits versuchen, klar zu machen, dass der Veganismus mit politischen Schlussfolgerungen fest verknüpft war, ist und bleiben sollte, um somit auch die Neu-Veganerinnen zu politisieren und zu radikalisieren. Denn auch wenn Menschen aus Gesundheitsgründen ihre Ernährungsweise umgestellt haben, können sie sich dann vielleicht trotzdem eher eine Welt ohne Tierausbeutung vorstellen. So könnte an der neuen Massen-Identität angeknüpft werden, egal aus welcher Motivation heraus sie entstand, wobei dabei mit dem elitären Potential der Identität vorsichtig umgegangen werden muss.
Oder wir könnten uns dafür entscheiden, dafür einzutreten, dass emanzipatorische Politik nicht mit einem Konsumstil verknüpft sein muss oder darf und uns auf den Aufbau einer politischen Bewegung abseits des Veganismus konzentrieren. Schließlich könnten viel mehr Menschen, vielleicht auch größere Teile der Unterschicht, die doch ein wichtiger Teil der ausgebeuteten Klasse ist, sich für Tierbefreiung als eine von vielen wichtigen Forderungen begeistern, wenn bei dieser nicht der Verzicht im Hier und Jetzt im Vordergrund stände, sondern das zu erkämpfende gute Leben für alle! Das würde jedoch eine Menge Überzeugungsarbeit innerhalb der bisherigen Tierbefreiungsbewegung bedeuten, die teilweise noch wenig zwischen Veganismus und Tierbefreiung zu unterscheiden scheint.
Welche Konsequenzen auch gezogen werden, für uns ist klar, dass eine befreite Gesellschaft für Mensch und Tier* nur erreicht werden kann, wenn der Kapitalismus besiegt wird. Die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien, worunter auch die Lebensmittelindustrie fällt, und eine Konversion der tierverarbeitenden Fabriken in Werke für vegane Lebensmittel, die als Commons29 unter basisdemokratische Kontrolle gestellt würden, wäre eine mögliche Richtungsforderung,30 die einen wichtigen Schritt hin zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung bedeuten würde.

  1. https://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=556929351067831&id=134443886649715 [zurück]
  2. Wir machen hier die Kollektivindentität Tierrechtlerinnen und Tierrechtler/Tierbefreierinnen und Tierbefreier auf, in dem Bewusstsein, dass das keine Vereinheitlichung sein soll und wir sehr unterschiedlich sein können, aber auch, dass Kollektividentitäten sehr viel Stärke verleihen können, die für emanzipatorische Kämpfe unabdingbar ist. [zurück]
  3. In diesem Text verwenden wir das generische Femininum, wenn allgemeine Begriffe zur Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet werden. [zurück]
  4. Korrekt müsste es statt „Mensch und Tier“ „Mensch und andere Tiere“ heißen. Da wir jedoch an das Alltagsbewusstsein andocken wollen und unsere Sprache nicht zu sehr fremd machen wollen, sprechen wir trotzdem von „Mensch und Tier“ und erinnern mit einem Sternchen „*“ daran, dass dies ein sehr unkorrekter und speziesistisch-ideologischer Begriff ist. [zurück]
  5. http://www.proplanta.de/Agrar-Nachrichten/Verbraucher/Verbraucher-in-Deutschland-kaufen-immer-weniger-Fleisch-und-Alkohol_article1331799063.html [zurück]
  6. http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/“>http://www.bvdf.de/presse/mgv2013_pressemeldung/ [zurück]
  7. http://www.tierrechtsgruppe-zh.ch/?p=1344 [zurück]
  8. http://www.welt.de/wirtschaft/article118425725/Deutschland-ist-Europas-Schlachthaus.html [zurück]
  9. http://www.taz.de/!86176/ [zurück]
  10. http://www.v-d-f.de/zoom/deutschland_aussenhandel_2010 [zurück]
  11. http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-02/export-deutschland [zurück]
  12. Heinrich-Böll-Stiftung: Fleischatlas 2014, S. 19 [zurück]
  13. http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/fleischindustrie115.html [zurück]
  14. http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/vegetaria-produkte-jetzt-vegan [zurück]
  15. Neues Wachstum zu erwirken kann häufig als Zerstörung charakterisiert werden: Entweder Zerstörung im Krieg, der entweder die gegnerische oder die eigene Wirtschaft zerstört und wo der Wiederaufbau zeitweise unbegrenzt wirkendes Wachstum ermöglicht, oder durch Abbau von Industrie, was zwar eine sanfte „Zerstörung“ bedeutet, aber trotzdem Massenarbeitslosigkeit und Elend zur Folge hat. Eine Mischform ist die Durchsetzung ultra-neoliberaler Politik. Durch massiven Sozialabbau, Lohndumping, Verelendung der Ärmsten kann ein Land so billig produzieren, dass die Arbeitslosigkeit und das dadurch entstehende Elend nicht im eigenen Land erscheint, sondern in den Ländern, die den Konkurrenzkampf verlieren. Das passiert gerade in Europa: Während Deutschland durch ultra-neoliberale Politik die Krise im eigenen Land leugnet (trotz um 15 Prozent gesunkener Reallöhne in den letzten Jahren), wird nur in den anderen Ländern Europas die Krise wirklich deutlich: Spanien, Italien, Griechenland, Portugal, Irland aber auch Frankreich und England. Wenn diese neoliberale Attacken und Ausbeutungsformen sich wegen zu großem Widerstand der Arbeiterinnenbewegung nicht durchsetzen lassen, tendiert das Kapital dazu, Faschismus als autoritäre Form kapitalistischer Ausbeutung zu installieren. [zurück]
  16. In Deutschland gibt es inzwischen 700 „Weltläden“. Das mangelnde Bewusstsein über die unfairen und neokolonialen Welthandelsverhältnisse war neben den fehlenden Alternativen ein zentrales Problem für die sog. „Dritte-Welt-Bewegung“ in den 1970er Jahren. Die „Dritte-Welt-Läden“, später in „Eine-Welt-Länden“ und schließlich nur noch „Weltläden“ umbenannt, verkauften daher nicht nur faire gehandelte Produkte, sondern führten zahlreiche Zeitschriften und Bücher, die sich mit dem Welthandel beschäftigten – natürlich aus linker Perspektive und der Perspektive der Ausgebeuteten im globalen Süden selbst. Informationsveranstaltungen und Demonstrationen waren ebenso wichtig wie fairer Kakao, Rohrzucker, Tee und Kaffee. Im Laufe der 1990er und 2000er Jahre jedoch wandelten sich Weltläden immer mehr zu nur noch „schönen“ Geschäftchen, die sich auf Kunsthandwerk und Schokolade spezialisierten und die Bücher und Zeitschriften verbannten. In Tübingen vollzog sich dieser Wandel erst 2006; anstatt der lern- und wissensorientierten Studierenden übernahmen vermehrt wohltätig gesonnene Menschen oft im Rentenalter die ehrenamtlichen Verkaufsschichten. In Baden-Württemberg ist vor allem der Weltladen Konstanz zu nennen, der dem „alten“ Prinzip treu geblieben ist und neben der üblichen breiten, fairen Produktpalette noch ein breites Sortiment an Fachbüchern zu diesem Thema führt. [zurück]
  17. http://www.gepa.de/service/faq/frage//show/3-warum-tragen-jetzt-viele-gepa-produkte-kein-fairtrade-siegel-mehr.html [zurück]
  18. Wir sprechen von „dem Kapital“, weil dies im Kapitalismus den eigentlichen Akteur darstellt. Zwar sind es Managerinnen und Kapitaleignerinnen, die stellvertretend für das Kapital die rücksichtslose Profitlogik umsetzen und ihr oder das von ihnen verwaltete Vermögen in die Ausbeutung von Mensch, Tier* und Natur investieren, um es zu vermehren. Aber diese Personen sind austauschbar, und was mit dem Vermögen getan wird, ist relativ unabhängig davon, wer konkret damit hantiert. [zurück]
  19. isw-Report Nr. 80: Kapitalmacht oder Pressefreiheit: Medien und Demokratie in Deutschland [zurück]
  20. Diese klassenkämpferische Geschichtsperspektive wird u.a. im (Post-)Operaismus vertreten, welcher im deutschsprachigen Raum am häufigsten in der linken Zeitschrift „Grundrisse“ diskutiert wird. Das Kapital ist dabei nicht eine Ansammlung moralisch „böser“ Menschen, sondern die Ausbeutungs- und Profitmaximierungslogik des Reichtums, welches sich selbst zu vergrößern trachtet und sich in den Handlungen von Großgrundbesitzern, Kapitaleignern, Managern aber manchmal auch kleineren Kapitalisten oder ihren Handlangern äußert. Die Arbeiter- und Arbeiterinnenklasse ist in uns allen vertreten und tritt für das gute Leben je von sich selbst wie von allen gemeinsam ein. Verkörpert wird diese Klasse oder Multitude durch alle, Arbeitende, Hausarbeitende, Arbeitslose, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete, auch außerhalb des Arbeitsverhältnis marginalisierter wie Schwule und Lesben, Bi- und Transexuelle, aber ein Stück weit auch durch die Seite im Manager oder dem Kapitalisten, welche gegen die Profitlogik handelt, alles hinwerfen und aussteigen will. Kämpfende Äußerungen der Arbeiter(innen)klasse oder Multitude sind die Arbeiterinnenbewegung und die sozialen und ökologischen Bewegungen aber auch unorganisierte Streiks und Sabotageakte, Aufruhr und Aufstände, mit all ihren Widersprüchen. [zurück]
  21. Wie z.B. die Band „Rage against the Machine“ trotz ihrer MTV-Laufbahn weltweit Jugendliche antikapitalistische Motivationen näher brachte. [zurück]
  22. https://www.facebook.com/AttilaHildmannOfficial [zurück]
  23. http://www.zeit.de/community/2013-11/veganismus-social-media-blogs/seite-2 [zurück]
  24. http://www.schrotundkorn.de/2014/201403b01.php [zurück]
  25. Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013, S. 84. [zurück]
  26. Da die Endung mit „-isch“ im Gegensatz zu der auf „-lich“ meist negativ konnotiert ist (z.B. „kindisch“ gegenüber „kindlich“, „weiblich“ gegenüber „weibisch“), verwenden wir ier das Wort „tierlich“ statt „tierisch“. [zurück]
  27. Vergleiche: Kriegerische Stimmung wird gegen geopolitisch interessante Länder wie den Iran unter der Fokussierung auf die Verletzung der Menschenrechte vor allem gegenüber Frauen dort geschaffen, während Saudi-Arabien, welches frauenrechtlich noch einiges schlimmer ist als der Iran, weiterhin Bündnispartner des Westens bleibt. [zurück]
  28. http://www.buchmarkt.de/content/57190-media-control-jahrescharts-der-hundertjaehrige-siegt-erneut.htm; http://www.schafschoki.de/shop/Sehen-Hoeren-Mehr/Buecher/Schrot-Korn-Vegan-Bio-Der-neue-Genuss-1-Stueck.html [zurück]
  29. http://arranca.org/ausgabe/41/die-commons-in-zeiten-der-cholera [zurück]
  30. http://arranca.org/ausgabe/41/transformationen-des-kapitalismus-und-revolutionaere-realpolitik; http://arranca.org/ausgabe/47/eine-konstituierende-perspektive-radikaler-politik [zurück]

Größte Mastanlage Süddeutschlands blockiert – und geräumt

Sieben AktivistInnen und zwei Dutzend UnterstützerInnen des Aktionsbündnisses Mastanlagen Widerstand blockierten am Samstag von 8:30 Uhr bis 14:30 Uhr die Zu- und Ausfahrten der Schlachtfabrik in Bogen (50 Kilometer südöstlich von Regensburg, Bayern), um ein Zeichen gegen das tägliche Leiden der Tiere für den Fleischkonsum zu setzen. Um 14:30 Uhr desselben Tags räumte die Polizei unter Amtshilfe der Feuerwehr. Verletzt oder festgenommen wurde niemand; es wird jedoch Anzeige wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz und wegen Hausfriedensbruch erstattet.

Das Aktionsbündnis will den Bau weiterer Mastanlagen und damit weiterer Zulieferbetrieben für die Schlachtfabrik direkt verhindern. Die Schlachtfabrik mit dem Namen Donauthal Geflügelspezialitäten gehört zu Wiesenhof, dem größten Geflügelkonzern Deutschlands. Wiesenhof war letztes Jahr aufgrund mehrfacher Skandale um Haltungsbedingungen bekannt geworden.

Die AktivistInnen bitten nun um Unterstützung, um mit der Repression umgehen zu können. Praktische Solidarität und Spenden sind für diese Arbeit hilfreich und wichtig.

Spendenkonto:

Name: „Spenden & Aktionen“
Konto Nr.: 92881806,
Bank: Volksbank Mittelhessen
Bankleitzahl: 513 900 00
Betreff: ,,MASTANLAGEN WIDERSTAND“ (bitte unbedingt mit angeben!)

Links:

Original Unterstützungsaufruf von „Mastanlagen Widerstand“.

Ausführlicher Artikel mit Bildern auf dem unabhängigen Regionalnachrichtenblog „Regensburg Digital“.

Soziale Kämpfe gegen Fleischkonzern in Chile

Laut eines Artikels auf linksunten.indymedia.org vom 1. Februar haben Tierbefreiungsaktivist*innen die Konzernzentrale von Agrosuper in Santiago (Chile) zerstört.1 Dem Artikel nach war die Aktion der zweite Bombenanschlag auf diesen Konzern. Bereits im September 2011 sei die Zentrale durch einen Anschlag zerstört worden. Als typische Aktion von Tierbefreier*innen gab es keine Verletzte bei den Anschlägen. Die Aktivist*innen stellen ihre Aktion in den Kontext sozialer Kämpfe, schließlich gab es eine breitere soziale Bewegung in der Auseinandersetzung um die Schweinefabrik von Freirina in Atacama, welche dem Konzern Agrosuper gehört und weltweit die größte Anlage ihrer Art darstellt.
Dem Internetlexikon Wikipedia zufolge gab es dort von der Inbetriebnahme der Anlage 2011 bis zum 17. Mai 2012 immer wieder kürzere Blockaden durch Anwohner*innen und andere Gegner*innen der Anlage. Gespräche mit der lokalen Regierung scheiterten. Am 17. Mai wurde die Blockade dauerhaft errichtet und mit improvisierten Camps befestigt; am 20. Mai griffen Einheiten der Carabineros die Camps an und verhafteten neun schlafende Personen. Bei spontanen Demonstrationen gab es laut einer peruanischen Tageszeitung 32 Verletzte. Ein Blog berichtet unter Berufung auf Aussagen aus der Bevölkerung vom Abwurf einer nicht identifizierten schwarzen Chemikalie auf die Blockaden durch Polizeihubschrauber und massenhaften Erbrechen der Menschen in der Folge. Ein Communiqué der Bürgerschaft spricht vom Einsatz militärischer Gewalt, insbesondere Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen. Zwei Polizeipanzer brannten nach Angriffen der Dorfbewohner aus.
Das Geschehen zeigt, wie auch außerhalb Europas soziale Kämpfe und Tierbefreiungskämpfe ineinandergreifen – zum aktuellen Anschlag hieß es in einem Bekenner*innenschreiben der Gruppe, die sich Mauricio Morales Incendiary Brigade nennt:

Wir übernehmen die Verantwortung für den Bombenanschlag auf die Bürogebäude von Agrosuper am 02. Januar 2013 um 11,30 Uhr, in der Julio Straße 18 und 10 im Zentrum von Santiago. Dies war eine direkte Attacke gegen die Bourgoisie und alle, die sie unterstützen. Wir entschieden uns diesen Konzern als Ziel zu wählen, weil sie den Agromarkt kontrollieren und Gonzalo Vial gehören, einem Geschäftsmann der den größten Teil seines Vermögens während der Pinochetdiktatur einstrich. Wir gedenken der beharrlichen Haltung der Menschen von Freirinadie die ihren Widerstand in diesem verrückten Spiel von Vial fortsetzen.

  1. Original auf liberaciontotal.lahaine.org. [zurück]

Von Skandal zu Skandal; von Pferd zu Mensch


Pferde auf Island: So würden wir Pferde am liebsten sehen…

Fleischskandale sind nichts Besonderes mehr. In den 90ern war es BSE, das Todesfälle zur Folge hatte, 2005, 2006, 2007 und 2009 waren Gammelfleisch und Gifte die häufigsten Probleme in der Fleischproduktion. Es könnte fast schon gesagt werden, dass Fleischskandale Tradition bei der Ausbeutung der einfachen Menschen durch das Kapital haben.


…und die traurige, deutsche Realität: Ein Pferd kurz vor seiner „Hinrichtung“.

1919 wurde durch Zufall in Hamburg bekannt, dass der Industrielle Jacob Heil aus verdorbenen Fleischabfällen Sülze hergestellt und diese an die hungernde Bevölkerung verkauft hatte. Dies führte dann zu den so genannten Sülzeunruhen, die durch die vom antikommunistischen SPD-Kanzler Gustav Noske angeforderte Reichswehr und durch sogenannte Freikorps blutig niedergeschlagen wurden. 80 Menschen wurden erschossen. Der Fleischfabrikant Heil wurde vom Gericht für schuldig befunden und zu ganzen drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 1000 Reichsmark verurteilt. Am Protest der Konsument*innen hat sich seitdem viel geändert, an der Fleischqualität und der Klassenjustiz jedoch leider wenig.

Aus den in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Fleischskandalen, mal mit mehr, mal mit weniger tödlichen Folgen für die Verbraucher*innen, lässt sich einiges über unsere kapitalistische Produktionsweise sagen.

Es ist offensichtlich, wie bei aufwändigen Produkten wie Fleisch – immerhin muss ein Vielfaches an Kraftfutter produziert werden, um damit ein Säugetier oder einen Vogel aufzuziehen, um diesen dann abzuschlachten und seinen Körper zerlegt zu verkaufen, als dieser Körper am Ende wiegt – an allen Ecken und Enden gespart wird. Die Konkurrenz ist hart und international, für den internationalen Fleischmarkt kommt sie aus Deutschland. Hier stehen die Mast- und Schlachtanlagen, die zu den größten und grausamsten der Welt zählen. Mit dem Geflügelhof Wietze wurde in Niedersachsen 2011 der größte Schlachthof Europas fertiggestellt – und vom Land Niedersachsen mit 6,5 Millionen Euro subventioniert. So manche Hähnchenzüchter in Afrika können da einpacken, diese Industrie kann z.B. in Ghana mit den Importen aus der EU nicht mithalten.
Auch hier in Deutschland ist Fleisch zum Spottpreis zu haben – Gifte, Dioxine, Seuchen inklusive; gammlige Fleischreste werden mit verarbeitet. Die ordentliche Dosis Antibiotika, die bei den Konsument*innen zu Immunität gegen dieses Medikament führt, ist schon gar kein Skandal mehr, sondern der Normalzustand.

Pferde warten auf

Wie die Broschüre „Warum antikapitalistisch vegan?“ darlegt, gibt es im Kapitalismus eine Tendenz zum Verkauf von Produkten, die besonders stark verarbeitet sind. Da jede Weiterverarbeitung eines Produkts eine Investition ist, die jeweils ihren Profit mit sich bringt, erzeugen Produkte mehr Profit, je stärker sie verarbeitet sind. Kein Wunder also, dass für Fertigprodukte, Müsliriegel und Fastfood mehr Werbung gemacht wird und diese Produkte mehr verkauft werden. Sie machen den Produzenten reicher – wobei natürlich nicht der Mensch reich wird, der unmittelbar durch seine Arbeit produziert, sondern der, der durch den Besitz oder Teilbesitz (Shareholder) der jeweiligen Firma den Profit einkassiert. Fleisch gehört durch den angesprochenen Aufwand auch zu den Produkten, die stark verarbeitet sind und so mehr Profit für die Chefetagen abwerfen.


Multimilliardär und Besitzer von Lidl und Kaufland Dieter Schwarz.

Kein Wunder also, dass der Besitzer von Kaufland und Lidl, der Heilbronner Dieter Schwarz, der drittreichste Deutsche ist. Sein Privatvermögen wird auf 12 Millarden Euro geschätzt (also 12.000.000.000 €). Die Marke Kaufland ist 2012 in Deutschland zehntgrößter Fleischhersteller und machte 650 Mio. Euro Umsatz mit Fleisch. Die deutsche Nummer Eins der Fleischproduzenten, die Tönnies-Gruppe, setzte sogar 4.3 Millarden Euro um. Deren Besitzer, Clemens Tönnies, gehört mit einem geschätzten Vermögen von rund 600 Millionen Euro zu den 200 reichsten Deutschen. Nummer Drei auf der Liste der aktivsten Fleischproduzenten ist die Gruppe PHW, zu der auch der skandalträchtige Wiesenhof-Konzern gehört, der allein jede Woche 4,5 Millionen Hähnchen schlachten lässt und im Geschäftsjahr 2011/2012 einen Gewinn von 2,3 Milliarden Euro erzielte. Die Top-Fleischproduzenten machen ihren Milliardengewinn auf dem Rücken von Billiglohnarbeiter*innen; betreiben also üble Ausbeutung, häufig von Osteuropäer*innen. PHW ist zusätzlich noch für Raubbau an Grundwasservorräten bekannt.
Die Fleischindustrie ist also ein Geschäft, in dem jede Menge Geld steckt, und das weiterhin für Skandale und sicher auch für massive Opfer (Herzkrankheiten, Vergiftungen etc.) auf der Seite der Konsument*innen sorgen wird – von den 4 Millionen Rindern, 60 Millionen Schweinen und 134 Millionen Hühnern ganz zu schweigen. Diese Umstände tragen mit dazu bei, dass es immer mehr Vegetarier*innen und Veganer*innen gibt. In Deutschland sind es der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge wohl 1% der Männer, 2,2% der Frauen (laut Angaben des Focus 9% der Gesamtbevölkerung, nach dem Stern sogar 11%); in den USA immerhin 4% der Männer und 7% der Frauen, in Indien sind es gar 40% der gesamten Bevölkerung.

Der Pferdefleischskandal hat im Gegensatz zu den bisherigen Fleischskandalen einen besonderen Aspekt: Bei 45% der Deutschen kommt Pferdefleisch nicht auf den Tisch. Ein moralischer Zweifel kommt bei diesem Tier auf, welches noch nicht durch völliges Wegsperren bei den Menschen zu einem seelenlosen Ding geworden ist, wie es z.B. bei Schweinen der Fall ist. Pferde kennen noch viele als treues Reittier; durch den engen Kontakt wird die Intelligenz und das Bewusstsein des Tieres vermittelt. Noch um einiges höher wäre die Zahl der Menschen, die in Europa keine Hunde oder Katzen essen würden. Aber tatsächlich sind Schweine ebenso intelligent wie Hunde und Katzen – und das entscheidende Merkmal, nämlich die Fähigkeit, Leiden bewusst wahrzunehmen, vereint Pferde mit Rindern, Schweinen, Hunden, Katzen, Rhesusaffen und eben Menschen!

Ein nachhaltig gutes Leben für alle erfordert Tierbefreiung, verbunden mit einer post-kapitalistischen, demokratischen Produktionsweise mit geschlossenen Kreisläufen. Dass dies keineswegs eine Utopie ist und Tierbefreiung gut zu geschlossenen Kreisläufen einer ökologischen und solidarischen Ernährungsproduktion passt, wird bei Betrachtung von Solidarischer Landwirtschaft, Commons und Vergesellschaftung gut sichtbar.

Haft für Boehringer-Gegnerin

Nachdem Boehringer Ingelheim die zunächst favorisierten Standorte Tübingen und Reutlingen aufgegeben hatte – „Aus der Traum“ schrieb damals die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“1 –, errichtete der Pharmakonzern sein europäisches Forschungslabor für Tier-Impfstoffe in Hannover.
Sobald der genaue Standort bekannt geworden war, kam es zu massiven Protesten von Seiten der Tierbefreiungsbewegung, u.a. zu einer Besetzung des Baugeländes. Nun wurde eine Aktivistin, der vorgeworfen worden war, das Baugelände zusammen mit anderen Menschen besetzt zu haben, wegen „Hausfriedensbruch“ verurteilt; sie muss ab dem 4. Januar 2013 eine 20tägige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hildesheim antreten.
20 Tage Haft für eine Aktivistin, weil sie Widerstand geleistet hat gegen einen Konzern, der mit seinem seit Ende September 2012 offiziell eröffneten Versuchslabor nun auf grausame Weise auf die Optimierung der Massentierhaltung hinarbeitet.
Wo sich kilometerlange Straßen quer durch den Amazonasregenwald ziehen, um etwa das Soja, das als Futtermittel in der Tierhaltung verwendet wird, zu transportieren, wo Lebensräume vernichtet, die Umwelt vergiftet und Lebewesen nur als verbrauchbare Ressource angesehen werden, dort muss es Widerstand geben! Und wo ein Mensch die verheerenden Folgen von Tierausbeutung und Umweltzerstörung aufzeigt und deswegen ins Gefängnis gesperrt wird, muss es Solidarität geben!

Vor dem Haftantritt am 4. Januar 2013 wird es in Hannover ab 12 Uhr eine Aktion geben.
Mehr Informationen: boehringerbesetzung.blogsport.de.

Schreibt der Gefangenen:

Isabell Jahnke
JVA Vechta für Frauen
Abteilung Hildesheim
Godehardsplatz 7
31134 Hildesheim

  1. Boehringer kommt nicht nach Reutlingen, „Schwäbisches Tagblatt“, 12.10.2007. Als Gründe gab das Unternehmen u.a. „das politische Umfeld, die öffentliche Akzeptanz“ an.[zurück]

Erneuter Mastanlagenbrand

Heute morgen sind im niedersächsischen Meppen drei von zehn Ställen auf dem Gelände einer Hühnermast-Anlage niedergebrannt. Die Feuerwehr konnte die Ställe nicht retten. Morgen sollten rund 63.000 Küken auf einer Fläche von insgesamt 3.000 Quadratmetern eingesetzt werden. Die Polizei hat die Gebäude beschlagnahmt. Sie geht von Brandstiftung aus. Sie schätzt den Schaden auf mehr als eine Million Euro.

„Tief betroffen“ reagiert die deutsche Geflügelwirtschaft: „Ich bin zutiefst erschüttert und entsetzt“, sagt Wilhelm Hoffrogge, Vorsitzender der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW) und Vizepräsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Er verurteilt den vermuteten Anschlag aufs Schärfste: „Dies ist ein krimineller und feiger Akt, der mit einer legitimen gesellschaftlichen Auseinandersetzung überhaupt nichts mehr zu tun hat.“ Acht Wochen vor der niedersächsischen Landtagswahl sieht Hoffrogge jetzt auch die Politik in der Pflicht. Gerade weil die Nutztierhaltung ein zentrales Thema im niedersächsischen Wahlkampf darstelle, sei ein klares Bekenntnis aller politischen Strömungen vonnöten: „Alle politischen Parteien müssen sich von kriminellen Anschlägen deutlich distanzieren!“, stellt Hoffrogge die Erwartungshaltung der Geflügelwirtschaft dar. Dies gelte auch und besonders für erklärte Gegner der intensiven Tierhaltung aus der politischen Fraktion der Grünen auf Landes- und Bundesebene. Hoffrogge betont: „Wir als Geflügelhalter wollen einen vernünftigen Dialog und suchen ihn sogar, wir haben überhaupt nichts gegen eine in der Sache harte Auseinandersetzung!“ Bei Brandstiftung seien die Grenzen eines legitimen Diskurses jedoch deutlich überschritten worden: „So darf es nicht weitergehen, alle gesellschaftlichen Kräfte müssen jetzt mehr denn je den sachlichen Dialog suchen und der Polemik und der Gewalt entgegenwirken.“

Bereits im letzten Jahr gab es in Niedersachsen eine Serie von Brandanschlägen auf sich im Bau befindliche Hühnermastanlagen. Es brannte in Sprötze, bei Vechelde, in Mehrum und in Schnega. Am 12. Dezember 2011 gab es dazu einen Zeitungsartikel in der Tageszeitung junge Welt.

Lohndumping im „Schlachthof Europas“

Wie ein Artikel in der Tageszeitung junge Welt heute berichtet, erzielt die Fleischindustrie ihre billigen Preise offensichtlich nicht nur mit Hilfe von staatlichen Subventionen, sondern auch durch massives Lohndumping. Kaum zu glauben: Mitten in Deutschland, das inzwischen zum „Schlachthof Europas“ geworden ist, gibt es Arbeitsverträge, in denen Monatslöhne von 176 Euro festgeschrieben sind.

Zum jW-Artikel.

Wieder Brandanschlag auf Hähnchenmastanlage

Erneut ist in Niedersachsen ein Brandanschlag auf eine im Bau befindliche Hähnchenmastanlage verübt worden. Ziel war diesmal ein Gebäude in Schnega im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Wie gestern Abend NDR 1 Niedersachsen berichtete, geht die Polizei davon aus, dass das Feuer aus politischen Motiven gelegt wurde und prüft mögliche Zusammenhänge mit ähnlichen Bränden in Niedersachsen. Bislang brannte es in Sprötze, bei Vechelde und in Mehrum. – Die TäterInnen benutzten offenbar Brandbeschleuniger. Der Schaden an dem Gebäude beträgt mehrere zehntausend Euro. 40.000 Tiere sollten demnächst in der Anlage untergebracht werden.
Ein weiterer Bericht findet sich auf agrarheute.com.

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Ergänzung, 12. Dezember: Artikel in der Tageszeitung „junge Welt“: Mastanlagen abgefackelt

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BekennerInnenschreiben zum Mastanlagenbrand in Mehrum

Vechelde
Bild: Brennende Anlage in Alvesse bei Vechelde (16. Juli). Inzwischen ist der zweite Stall in Betrieb gegangen; es werden dort nun 42.000 Tiere gemästet.

In der Nacht zum 8. Oktober ist erneut ein noch im Bau befindliches Stallgebäude angezündet worden, dieses Mal in Hohenhameln-Mehrum im Landkreis Peine (Niedersachsen). Erst in der Nacht zum 16. Juli war bei Vechelde, ebenfalls im im Landkreis Peine und nur 30 Kilomenter von Mehrum entfernt, eine andere kurz vor der Inbetriebnahme stehende Geflügelmastanlage fast vollständig niedergebrannt worden (vgl. Brand in Hähnchenmastanlage; zum BekennerInnenschreiben). Diese geplante Mastanlage sollte ein Zulieferbetrieb für den Schlachthof Wietze werden. In Wietze bei Celle soll Europas größte Geflügel-Schlachtfabrik errichtet und täglich eine halbe Million „Hähnchen“ geschlachtet werden. Die Schlachtfabrik kann nur dann vollkommen in Betrieb genommen werden, wenn es genügend Zulieferbetriebe gibt. Zur Belieferung müssen in der Region ca. 420 Mastfabriken mit jeweils ca. 40.000 Tieren errichtet werden. Bisher konnten nur einige wenige der geplanten Mastanlagen realisiert werden, auch aufgrund von massiven Protesten. Auch in Sprötze ist ein Maststall vor seiner Inbetriebnahme im Juli 2010 abgebrannt worden (vgl. Solidaritätskampagne für die Beschuldigten des Mastanlagenbrands in Sprötze). Im Sommer 2010 wurde das Baugelände in Wietze während knapp drei Monaten besetzt gehalten (vgl. Erklärung des Tierbefreiungskongresses 2010). Am 27. Juni dieses Jahres wurde ein von TierbefreiungsaktivistInnen besetzt gehaltenes Gelände in Teplingen (Wendland), auf dem ebenfalls ein Zulieferbetrieb für Wietze errichtet werden soll, von den Eigentümern der entstehenden Mastanlage auf brutale Art angegriffen (vgl. Besetzte Mastanlagen-Baustelle brutal angegriffen).
Am 28. September berichtete die Peiner Allgemeine Zeitung, dass die Ermittlungen zum Brand bei Vechelde auf der Stelle treten. Inzwischen unterstützte Interpol die Ermittlungen der örtlichen Polizei. Auf Anfrage der FDP legte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) im September Zahlen vor, die einen deutlichen Anstieg solcher Taten in den vergangenen Jahren belegen. Niedersachsens Landesregierung sieht zudem „enge Verbindungen zum Linksextremismus“. Wie die Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA) berichtete, teilen die Ermittler „die Szene in drei Gruppen ein: Tierschützern gehe es um artgerechtes Leben ohne unnötiges Leiden, Tierrechtler und Tierbefreier räumten den Tieren dagegen unveräußerliche Rechte und Anerkennung als gleichberechtigte Wesen ein. Dabei gebe es vor allem bei den Tierrechtlern Bezüge zur linksextremistischen Szene. Durch diese Überschneidungen werden diese auch für den Verfassungsschutz interessant. Nach Einschätzung der Behörde bewegt sich die Zahl solcher Aktivisten ‚im unteren zweistelligen Bereich‘.“
Heute nun wurde auf linksunten.indymedia ein BekennerInnenschreiben zum Brand in Mehrum veröffentlicht. Es lautet:

wir sind wütend! tiere werden ausgebeutet, eingesperrt, gequält und ermordet. deshalb haben wir in der nacht auf den 8. oktober feuer an dem im bau befindlichen hühnermaststall bei mehrum gelegt. dass massentierhaltung mit tierquälerei verbunden ist, wissen die meisten menschen. uns ist wichtig, dass die verwerflichkeit von nutztierhaltung an sich erkannt und gegen diese direkt vorgegangen wird. wir müssen uns aus der ohnmacht befreien, die uns durch legalitätsdenken auferlegt wird. aktiver widerstand ist wichtig, möglich und nötig. allen landwirt_innen raten wir: finger weg von mastanlagen! sie brennen leicht ab… für die befreiung aller tiere. alf (animal liberation front)

Größte Geflügel-Schlachtfabrik Europas nimmt Betrieb auf

In Wietze bei Celle entsteht Europas größte Geflügel-Schlachtfabrik, wo täglich eine halbe Million „Hähnchen“ geschlachtet werden sollen. Seit das Bauvorhaben bekannt ist, gibt es massiven Widerstand. Im Sommer 2010 wurde das Baugelände in Wietze während knapp drei Monaten besetzt gehalten (vgl. Erklärung des Tierbefreiungskongresses 2010). In Sprötze ist der Maststall einer geplanten Zulieferfabrik für Wietze vor seiner Inbetriebnahme im Juli 2010 abgebrannt worden (vgl. Solidaritätskampagne für die Beschuldigten des Mastanlagenbrands in Sprötze). Am 27. Juni wurde ein von TierbefreiungsaktivistInnen besetzt gehaltenes Gelände in Teplingen (Wendland), auf dem ebenfalls ein Zulieferbetrieb für Wietze errichtet werden soll, von den Eigentümern der entstehenden Mastanlage brutal angegriffen (vgl. Besetzte Mastanlagen-Baustelle brutal angegriffen). Bei Vechelde im Landkreis Peine (Niedersachsen) ist in der Nacht auf den 16. Juli eine kurz vor der Inbetriebnahme stehende Hähnchenmastanlage in Brand geraten (vgl. Brand in Hähnchenmastanlage und BekennerInnenschreiben zum Mastanlagenbrand bei Vechelde). In Großmunzel bei Wunstorf (Region Hannover) wurde im August abermals ein Bauplatz für eine geplante Mastanlage besetzt (vgl. Erneute Besetzung eines Mastanlagen-Bauplatzes).
Die Schlachtfabrik in Wietze kann nur dann vollkommen in Betrieb genommen werden, wenn es genügend Zulieferbetriebe gibt. Zur Belieferung müssen in der Region ca. 420 Mastfabriken mit jeweils 40.000 Tieren errichtet werden. Bisher konnten nur einige wenige der geplanten Mastanlagen realisiert werden, auch aufgrund von massiven Protesten.
Bereits letzten Freitag soll es nun in Wiezte aber bereits Probeschlachtungen gegeben haben. Seit heute ist der Schlachthof in Betrieb. Der Widerstand und die Proteste der letzten Jahre aber haben Spuren hinterlassen: Geschlachtet wird vorerst in nur einer Schicht pro Tag auf einer Schlachtlinie – die Anlage musste in Betrieb gehen, obwohl noch immer die Zulieferer fehlen. Es musste heimlich, quasi ohne Ankündigung, eine kümmerliche halbe Bauruine eröffnet werden, die auf Dauer in dieser Form alles andere als wirtschaftlich ist. Zumindest solange die Hühner fehlen. Die Suche nach Agroindustriellen, die bereit sind, Mastbetriebe für Wietze zu übernehmen, geht also umso krampfhafter weiter.
Im Klartext heißt das: Werden auch in Zukunft weiter genug Mastanlagen verhindert, wird auch der Schlachthof in Wietze ein Verlustgeschäft bleiben. Lasst uns diesen Pyrrussieg der Agrarindustrie zum dankbaren Anlass nehmen, dem taumelndem Riesen endgültig die Luft abzuschneiden!

Schlachtfabriken verhindern!

NDR-Bericht zur Eröffnung mit Video des Fernsehbeitrages




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