Archiv der Kategorie 'Tierversuche'

Prozess gegen Tübinger Tierexperimentatoren

Wie das Schwäbische Tagblatt Tübingen berichtet, kommt es im Verfahren wegen „mutmaßlicher Tiermisshandlung“ bei Versuchen mit Affen am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik zu einem Prozess gegen die drei Angeklagten.

Im Artikel heißt es: „Demnach ist der Auftakt zur Hauptverhandlung für den 7. Januar vorgesehen. (Aktenzeichen 15 Cs 15 Js 18215/14 (2)). Das Gericht hatte den Angeklagten zu Jahresbeginn Geldstrafen auferlegt. Sie hatten die Zahlung jedoch abgelehnt und Einspruch erhoben. Die drei Beschuldigten waren zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt Mitarbeiter des Instituts. Laut Anklage sollen sie Affen unnötigen Qualen ausgesetzt haben, weil sie Versuche an ihnen weiterführten, statt die Tiere einzuschläfern. Bei einem der Angeklagten handelt es sich laut Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft um den Forscher Nikos Logothetis. Die Gesellschaft hat dem Abteilungsdirektor des Instituts wegen des laufenden Strafverfahrens seine Leitungsfunktionen teilweise entzogen. Logothetis darf derzeit keine Tierversuche durchführen und anleiten, wie eine Sprecherin am Mittwoch mitteilte. Er habe bereits 2015 nach Bekanntwerden der Vorwürfe erklärt, Versuche an Affen einzustellen.“

Nikos Logothetis rechtfertigte schon in einem ZDF-Beitrag von 2009, der unsere Demonstration am 18. April und die Primatenversuche in Tübingen zum Thema hatte, die Gewalt, mit der die Affen, welche in den Experimenten „verbraucht“ werden, zur Teilnahme an den Versuchen gezwungen werden, mit der Aussage, „wir“ würden auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben und leugnete dann schlicht, dass die Affen leiden. Frontal21​ kam damals zum Schluss: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Den Verlauf der Tübinger Kampagne gegen die Affenversuche seit 2009 lässt sich in unserer Kategorie „Tierversuche“ nachverfolgen.

Mahnwache gegen Tierversuche

Am 2. Dezember fand in Tübingen erneut eine Mahnwache gegen Tierversuche auf dem Holzmarkt statt. „‚Wir leben im 21. Jahrhundert, aber betreiben immer noch Forschung wie im Mittelalter‘, tönte es bei Temperaturen um die 0 Grad aus dem Megafon“, berichtet das Schwäbische Tagblatt Tübingen heute, und weiter: „25 Tierschützer hielten am Samstagabend der Kälte zum Trotz eine Mahnwache auf den Stufen der Stiftskirche ab. Mit Kerzen und Plakaten erinnerten sie an die in Tübinger Laboren verstorbenen Tiere. ‚Die Affenversuche am Max-Planck-Institut wurden zwar eingestellt, aber es gibt trotzdem noch drei weitere Institute in Tübingen, in denen Affen gehalten werden‘, sagte Jaqueline Kraft von ‚Animal Paws‘. Die Grundlagenforschung sei nutzlos und diene nur der Profilierung der Forscher, so Matthias Ebner der Partei ‚Mensch Umwelt Tierschutz‘. Dabei gebe es vielversprechende technologische Alternativen zu den Tierversuchen, sagten die Aktivisten. Doch noch immer entreiße man Affenbabys ihren Familien in Mauritius und setze sie grausamen Experimenten aus, so Kraft. Sie betonte: ‚Vor Weihnachten wollen wir zeigen, dass es so nicht weitergehen kann.‘“

Ankündigung: Demonstration gegen Tierversuche

Unter dem Motto „Tierversuche abschaffen. Jetzt erst recht!“ findet am 27. Mai ab 13 Uhr in Tübingen eine Demonstration statt.

Die Primatenversuche am Max-Planck-Institut sind zwar beendet, wie das Schwäbische Tagblatt am 18. April berichtete, doch das bedeutet nicht das Ende der Affenversuche; diese finden nach wie vor an drei Tübinger Instituten statt: Am Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften, am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und am Institut für Neurobiologie.

Gegen die Primatenexperimente und gegen die zahllosen anderen Tierversuche, die in Tübingen betrieben werden, richtet sich die Demonstration am 27. Mai, die von verschiedenen Gruppen und Initiativen ausgerichtet und unterstützt wird. Wir werden im Rahmen der Demonstration einen Redebeitrag halten.

13:00 h: Treffpunkt an der Neckarinsel

13:30 h: Auftaktkundgebung

14:00 h: Start des Demonstrationszugs

17:30 h: Kreideaktion (vom Holzmarkt zum Marktplatz)

Mehr Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.

Demonstration gegen Affenversuche in Stuttgart


Am 20. September 2014 gingen über 1200 Menschen gegen die Affenversuche am Max Planck Institut Tübingen (MPI) auf die Straße (unser Demobericht). Damit wurde diese Demonstration zu einer der größten Tierrechtsdemos der letzten Jahre in ganz Deutschland. Die Aufdeckungen der Tierrechtsvereinigung SOKO Tierschutz via Stern TV konnten zahlreiche Menschen mobilisieren, die zuvor noch nicht gegen die Versuche auf die Straße gegangen waren.

Nach diesem Erfolg wird es nun in der Landeshauptstadt Stuttgart eine weitere Demonstration gegen die Affenversuche geben. Inhaltlich ergibt diese Ortswahl durchaus Sinn, schließlich hat die hier ansässige grün-rote-Landesregierung (welche wohl nicht zuletzt durch das von der Masse der Stuttgarter abgelehnte Großprojekt Stuttgart 21 an die Regierungsmacht gekommen ist) erheblichen Einfluss auf die Fortführung der Affenversuche. Da die Grünen in ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 eine Reduzierung von Tierversuchen allgemein und die Abschaffung der Affenversuche im Besonderen versprachen, gilt es, sie an ihr gebrochenes Wahlversprechen zu erinnern!

Kommt zahlreich zur Demonstration! Samstag, 25. Oktober, 14 Uhr, Schlossplatz (Fahnenrondell)!
Zur gemeinsamen Anfahrt treffen wir uns um 12.20 Uhr am Tübinger Hauptbahnhof!

Flyer download hier!

Unser Redebeitrag zum globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen

Unser Redebeitrag bei der Kundgebung vor dem Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik (MPI) am globalen Aktionstag gegen Kampf- und Überwachungsdrohnen:

Tübingen ist die einzige Stadt in Baden Württemberg, in der Hirnforschung an Primaten betrieben wird, und das an gleich drei Instituten. Den Rhesusaffen wird dazu ein Implantant in den Schädel operiert; tagelang bekommen sie vor den Versuchen kein Wasser, damit der quälende Durst sie zur „Mitarbeit“ zwingt. Mit einer Stange mit Halsschlinge werden aus dem Käfig gezerrt und in einen sogenannten Primatenstuhl gezwängt. In der Versuchsanordnung wird ihr Schädel durch das Implantat fixiert, stundenlang können sie sich nicht bewegen. Sie müssen in dieser Lage Aufgaben auf einem Bildschirm lösen und werden mit kleinen Schlücken Wasser „belohnt“.

Neben dem MPI betreibt das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung sowie das biologische Institut der Eberhard Karls Universität solche Versuche. Das MPI geriet international in die Schlagzeilen, nachdem Stern TV blutige Undercover-Aufnahmen aus dem dortigen Labor zeigte.

Wozu diese Versuche? Nach der ersten Demonstration gegen die Affenversuche mit 400 Teilnehmern im Jahr 2009 versuchte das MPI die Versuche als Notwendigkeit in der Forschung zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson darzustellen. Rechtlich werden die Versuche aber als „Grundlagenforschung“ eingestuft, womit kein Bezug zu einer praktischen Anwendung nachgewiesen werden muss.

Tatsächlich lassen Erfolge, die zur Heilung von Krankheiten beitragen könnten, auf sich warten. Andere Anwendungsbereiche sind wahrscheinlicher: Die Ergebnisse solcher „Grundlagenforschung“ fließen oft in militärische Anwendungen ein. „Die Ausrichtung dieser angewandten Grundlagenforschung scheint primär kommerziell und sicherheitspolitisch, ihre Umsetzung durch Industrie und Rüstung ist institutionalisiert und prägt sie, potentielle diagnostische oder therapeutische Erkenntnisse erscheinen allenfalls als Zufallsprodukte – und als wohlfeile Argumente für ethische Rechtfertigungen“, stellt die Tübinger Informationsstelle Militarisierung fest. Das MPI hat, im Gegnsatz zur Universität, so weit bekannt, keine Aufträge des Verteidigungsministeriums, arbeitet jedoch mit in der Rüstung tätigen Unternehmen zusammen, mit dem Ziel, Flugsimulatoren zu optimieren.

Versuchsanordnungen, die sich in der Datenbank Tierversuche nachlesen lassen, legen nahe, dass nicht Forschung über Krankheiten im Zentrum steht, sondern eher Forschung für spätere militärische Anwendungen, etwa wenn die Rezeption visueller Reizen bei hoher Lautstärke untersucht wird (Versuch MPI Göttingen im Jahr 2001). Dies ist für die Steuerung von Kriegsgerät äußerst interessant. Andere Versuche deuten auf den Ausbau von Überwachungstechnik hin. So geht es etwa um die Frage, wie Gesichter und Gesichtsaudrücke vom Gehirn verarbeitet werden. Moderne Überwachungskamerasysteme sollen in Zukunft ohne menschliche Hilfe „abweichendes Verhalten“ oder registrierte Verdächtige erkennen. Die technische Möglichkeit einer totalen Überwachung ist allerdings nur im Zusammenspiel mit anti-demokratischen Entwicklungen notwendig, wo Entscheidungen gegen einen großen Teil der Bevölkerung durchgesetzt werden müssen, oder um starke Arm-Reich-Gefälle gegen die stets damit verbundene ausgleichende Rückaneignung der Ärmeren zu verteidigen.

Wir fordern eine transparente und humane Forschung! Das heißt 1., dass Forschungsziele und -inhalte einer wirklich demokratischen Kontrolle unterliegen, 2., dass Forschungsziele nicht mehr den Profiten von Wenigen dienen sollen, sondern den Bedürfnissen aller zugute kommen, 3. fordern wir die Beendung von Rüstungsforschung und Tierversuchen!

Demonstration gegen Affenversuche

Am Samstag sind in Tübingen 1200 Menschen dem Aufruf der Organisation SOKO Tierschutz gefolgt und haben gegen Experimente an Rhesus- und Javaneraffen protestiert. Zuvor hatte Stern TV blutige Undercover-Aufnahmen aus einem der dortigen Labore im Max-Planck-Institut gezeigt. Im Zentrum der Kritik standen die in Baden-Württemberg regierenden Grünen, die ihr Wahlversprechen, die Versuche zu beenden, gebrochen haben, und der grüne Oberbürgermeister der Stadt, Boris Palmer, der sich für diese Forschung stark macht.

Den Tieren werden Kammern implantiert, die ins Hirn führen, um Elektroden einzuführen. Am Schluss werden sie getötet, damit das Hirn seziert werden kann. Begründet wird die Grundlagenforschung mit möglichem medizinischen Nutzen. „Tatsächlich aber liegt die Annahme nahe, dass für industrielle und militärische Anwendungen geforscht wird“, so Christoph Marischka von der Informationsstelle Militarisierung. Das Forschungszentrum, zu dem die Institute gehören, welche die Versuche betreiben, ist der Grund dafür, dass die Tübinger Universität sich „Elite-Uni“ nennen darf. Die Experimente werden am biologischen Seminar der Universität, am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung sowie am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik betrieben.

Mehr Fotos von der Demonstration sind auf unserer Facebookseite (auch ohne Anmeldung) einsehbar. Mehr über die Affenversuche, über den Verlauf der Kampagne seit 2009 und über die politischen Zusammenhänge kann man in einem Hintergrund-Artikel zum Thema erfahren.

Tübinger Affenversuche: Undercover-Aufnahmen und Demonstration

Ein Aktivist der SOKO Tierschutz hat heimliche Aufnahmen im Affenlabor des Max-Planck-Institut aus Tübingen gemacht! Gegen die Versuche gibt es schon lange Proteste (mehr dazu in unserer Kategorie Tierversuche). Heute Abend werden die Aufnahmen bei stern TV veröffentlicht (22 Uhr 15, RTL). Mehr Infos gibt es hier.

Am Samstag, 20. September, findet eine Demonstration gegen die Affenversuche in Tübingen statt.

Termine: One Billion Rising und Mahnwache gegen Affenversuche


Am Freitag den 14. Februar 2014 findet in Tübingen die zweite Tanzdemo gegen Gewalt gegen Frauen One Billion Rising statt. Da jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens statistisch gesehen mindestens einmal Opfer von Gewalt wird, wollen sich eine Milliarde Menschen (engl. one billion) dagegen erheben. Ab 17 Uhr am Europaplatz (vor dem Hauptbahnhof) kann jede aktiv teilnehmen und jeder solidarisch mitmachen!


Am Samstag den 15. Februar 2014 findet auf dem Holzmarkt um 11-13 Uhr eine Mahnwache gegen Affenversuche statt. Die Mahnwache will an das 5-jährige bestehen der Kampagne gegen Affenversuche in Tübingen erinnern. Teilnahme in dunkler Kleidung ist erwünscht.

Grüne und SPD: Doppelter Betrug am Wähler

Unter dem po­li­ti­schen Druck, der durch die Kam­pa­gne Stoppt Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen! auf­ge­baut wurde, nahmen die Grünen in Baden-Württemberg die For­de­rung nach einem Ende der Af­fen­ver­su­che in Tü­bin­gen in ihr Wahl­pro­gramm zur Land­tags­wahl 2011 auf. Grund­sätz­lich wurde ein re­spekt­vol­ler und ethisch ver­ant­wort­ba­rer Um­gang mit Tie­ren ge­for­dert. In Bezug auf Tier­ver­su­che for­der­te die Par­tei: Wo immer mög­lich eine Ab­schaf­fung und den Ein­satz al­ter­na­ti­ver Me­tho­den; die Ver­su­che an Pri­ma­ten, die an drei In­sti­tu­ten in Tü­bin­gen durch­ge­führt wer­den, soll­ten „in­ner­halb eines fest­ge­leg­ten Zeit­rah­mens ganz be­en­det wer­den.“ Auch die SPD hatte wich­ti­ge Ziele zur Stär­kung der tier­ver­suchs­frei­en For­schung in ihrem Wahl­pro­gramm fest­ge­schrie­ben. Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag der bei­den Par­tei­en heißt es: „Wir wol­len die Zahl der Tier­ver­su­che im Land wei­ter ver­rin­gern und die Ent­wick­lung von Al­ter­na­tiv­me­tho­den bes­ser för­dern.“
Als sie dann erst einmal Regierungspartei waren, wollten die Grünen von ihrer einstigen Forderung aber schnell nichts mehr wissen. Am 16. No­vem­ber 2012, bei der An­hö­rung der Grü­nen mit dem Titel „Zwi­schen Tier­schutz und For­schungs­frei­heit: Pri­ma­ten­ver­su­che und Al­ter­na­ti­ven“ im Stutt­gar­ter Land­tag gab Reinhold Pix, der tier­schutz­po­li­ti­sche Spre­cher der Par­tei, sich dann die Blöße, zu­zu­ge­ben, dass die Grü­nen bei der Ver­an­ker­ung der For­de­rung nach einem Ver­bot der Af­fen­ver­su­che im Wahl­pro­gramm ja nicht damit ge­rech­net hät­ten, in Ba­den-​Würt­tem­berg tat­säch­lich in die Si­tua­ti­on der Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu ge­lan­gen!
Der Koalitionspartner SPD hat Ende 2012 einen Kniefall vor der Experimentatoren-Lobby gemacht und befürwortet seither die Affenversuche (vgl. unseren Artikel SPD knickt vor Tierexperimentatoren-Lobby ein).
Dass die Landesregierung, wie man heute in einem Artikel im „Schwäbischen Tagblatt“ erfahren kann, Forschungsprojekte, deren Ziel die Entwicklung von Alternativen zu Tierversuchen darstellt, in den kommenden zwei Jahren mit 400.000 Euro fördern will, ist eine Farce: Nicht nur ist diese Summe angesichts der milliardenschweren Tierversuchsindustrie ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein, die Fördermittel des Landes, die vorgeblich Verwendung finden sollen, um Alternativen zu Tierversuchen zu finden, werden zudem dazu eingesetzt, Forschungen im Bereich der Affenexperimente zu finanzieren, welche, wie es in dem Artikel heißt, zum Ziel haben, „die Haltungsbedingungen dieser Tiere zu verbessern“!
Im Artikel heißt es: „60 bis 80 Primaten werden in Tübingen für Tierversuche gehalten. Ihnen wurden Sonden implantiert – für Experimente der Wahrnehmungsforschung. Neben dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung wird auch am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik mit Affen experimentiert. Dort ist das Forschungsprojekt von Dr. Matthias Jung angesiedelt. Er will ein 3D-Videosystem zur Überwachung von Primaten in Tierversuchseinrichtungen entwickeln. Die Aufzeichnungen sollen automatisiert und computergestützt ausgewertet werden mit dem Ziel, die Haltungsbedingungen dieser Tiere zu verbessern.“
Ein doppelter Betrug am Wähler.

Totale Transparenz

Wir leben in einer Gesellschaft, deren Entwicklung zur Totalökonomisierung aller Lebensbereiche tendiert; der angestrebten Totalität entsprechen die Methoden, welcher sich die Herrschenden und die Eliten zunehmend bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Abgeschirmt von der Öffentlichkeit zwingen inmitten unserer sich kultiviert nennenden Gesellschaft, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sich ausgedrückt haben, Experimentatoren „verstümmelten Tierleibern“ den „blutigen Schluß“ ab, ohne dass dies ein Großteil der Bevölkerung überhaupt mitbekommt. So sind sich viele Menschen, die in Tübingen leben, überhaupt nicht darüber bewusst, dass die Laboratorien sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden.
Seitdem wir in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. im Rahmen der Kampagne Stoppt Affenversuche in Tübingen! im Jahr 2009 angefangen haben, Tierversuche ins öffentliche Bewusstsein bringen, versuchen die Institute, an denen die Experimente durchgeführt werden, diese nach Möglichkeit weiterhin im Verborgenen zu halten. So belügt etwa das Max-Planck-Institut seine eigenen Angestellten bezüglich der dort stattfindenen Versuche – eine ehemalige Mitarbeiterin spricht von „Informationsverschleierung“. Die Affen werden zu geheimen Zeiten unbemerkt an die Institute geliefert. Medien bekommen keinen Zugang zu den Versuchen, Informationen bleiben rar. Über das Hertie Institut schreibt eine Lokalzeitung: „Fotografieren ist dort nicht erlaubt. Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.“
Unter dem mit der Kampagne aufgebauten politischen Druck – unter anderem wurden über 60.000 Unterschriften gegen die Versuche gesammelt, die Grünen nahmen die Forderung nach einem Verbot von Primatenexperimenten in ihr Programm zur Landtagswahl 2011 auf –, sahen die Institute sich jetzt jedoch unter Zugzwang. So lud das Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN), welches jene Institute, an denen die Affenversuche betrieben werden, vereint, am 24. Juni zur öffentlichen Veranstaltung „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ in der Universitäts-Kinderklinik. Das Ergebnis des „Gesprächs“ stand bereits fest: Die angebliche Notwendigkeit von Tierversuchen wurde vorausgesetzt, es sollte lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten – „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Die „Sicht der Patienten“ vetrat dabei der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ sprach der Tübinger Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, „ethische Erwägungen“ sollte Dr. Dr. Karin Blumer anstellen, Lobbyistin der Novartis AG, Pharmakonzern und einer der größten Tierversuchs-Betreiber – eine einzige Farce. Es handelte sich um eine PR-Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Nachdem die Universität Tübingen aufgrund des „Exzellenzclusters“ CIN und der dort betriebenen Tierversuche zur „Eliteuniversität“ geworden ist, geht es nun darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von dieser Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit überaus banalen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. Die Experimentatoren spielen dafür mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod. CIN-Leiter Thier war sich nicht zu schade, eine schwerkranke Patientin regelrecht vorzuführen – als angebliche „lebende Begründung“ für Tierversuche, wie die Zeitung Schwäbisches Tagblatt schrieb (ein kritischer Leserbrief zu diesem „Affentheater“ findet sich hier).
Nach der von unserem Protest begleiteten Veranstaltung ist alles, was die Universität in ihrem „Newsletter“, der an alle Studierenden verschickt wird, von der Veranstaltung berichtet, dass die Diskussion „stellenweise emotional“ geführt worden sei und „Tierschützer“ im Publikum gefordert hätten, „verstärkt auf alternative Forschungsverfahren auszuweichen.“ Nach einer Auflistung der Argumente der Experementatoren und Lobbyisten heißt es dann: „Man habe nichts zu verbergen und sei auch zu diesem Thema dialogbereit. Das erste CIN Gespräch ist aus Sicht der mit Tierversuchen arbeitenden Wissenschaftler ein Schritt hin zu mehr Transparenz.“
Hier wurde sich Herrschaftsintrumenten bedient, die Herbert Marcuse bereits im Jahr 1965 beschrieb. In seinem Text über „Repressive Toleranz“ – in dem es übrigens am Anfang heißt: „Daß die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft“ – beschreibt Marcuse die Form des Umgangs mit politischer Opposition, die für die bürgerlichen, formal demokratischen Staaten typisch ist: Ignorieren, so weit sie sich an die Regeln hält, und die Polizei schicken, wenn sie es nicht tut. Vorgeblich soll in der „demokratischen“ politischen Ordnung ein „Dialog“ ermöglicht werden, um durch Meinungswettstreit zu den, wie man unterstellt, bestmöglichen Entscheidungen zu kommen. So jedenfalls die Theorie. Unter den Bedingungen einer ökonomisch prosperierenden Gesellschaft mit einer kulturindustriell vereinheitlichten Öffentlichkeit und einer randständigen Opposition hat die Debatte zwischen radikal oppositionellen und etablierten Positionen allerdings diese Bedeutung verloren, auch wenn formale Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet sind: Der Diskurs ist nur deshalb formal herrschaftsfrei, weil er dem Gang der Dinge gegenüber wirkungslos bleibt – aus seinen Ergebnissen folgt nichts. Unter solchen Bedingungen des Verzichtes auf Konsequenzen aus einer vernuftgeleiteten Debatte setzt sich natürlich immer der Status quo durch. Der bestehende Dissens wird dann, ungeachtet seines Inhalts, sogar noch zum formalen Beweis der Liberalität eines Systems, das seine Grundlagen, wie das Privateigentum an Produktionsmitteln oder das Führen eines mörderischen Krieges in anderen Teilen der Welt, nicht dem Ergebnis einer Diskussion unterwirft und hinter dem Schleier des Sachzwanges oder der Alternativlosigkeit versteckt, aber gerne darüber diskutieren lässt, solange dies folgenlos bleibt. Marcuse meint, dass das, was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, „in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung“ diene. In einer Gesellschaft totaler Verwaltung wird die Freiheit – etwa der Meinungsäußerung, Versammlung und Rede – als ein Instrument missbraucht, um die Knechtschaft freizusprechen.1
Wir leben in einer Gesellschaft, deren Entwicklung zur Totalökonomisierung aller Lebensbereiche tendiert; der angestrebten Totalität entsprechen die Methoden, welcher sich die Herrschenden und die Eliten zunehmend bedienen, um ihre Interessen durchzusetzen. Deren Gipfel wurde am treffensten von George Orwell in „1984″ beschrieben. Die im Roman herrschende Diktatur setzt Begriffe mit ihrem gegenteiligen Inhalt gleich. So lässt die Regierung etwa verkünden: „Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“ Um Forschung zu legitimieren, welche auch militärischen Interessen und Zwecken dient, wird diese vom CIN einfach zu ihrem eigenen Gegenteil erklärt – oder, wie es bei Orwell heißt: „Krieg ist Frieden“. In ihrem „Newsletter“ hat die Universität die Tübinger Parolen Orwellscher Art um eine neue bereichert, sie lautet: „Propaganda ist Transparenz!“

Mehr zum Thema: Universität Tübingen: Forschung für die Elite.

  1. Herbert Marcuse: Repressive Toleranz, in: Schriften, Band 8, Springe 2004, 136-166, 136, 138; Michael Schwandt: Kritische Theorie. Eine Einführung, Stuttgart 2010, 168f. [zurück]



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