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Kampagnen-Bericht in der „Tierbefreiung“

In der neuen Ausgabe des Magazins „Tierbefreiung“, die gerade erschienen ist, findet sich ein ausführlichen Bericht von uns über den bisherigen Verlauf der Kampagne „Stoppt Affenversuche in Tübingen!“, inklusive unserem Redebeitrag, den wir am 4. Mai bei der dritten Tübinger Großdemonstration gegen die Versuche gehalten haben.

Universität Tübingen: Forschung für die Elite

Am 24. Juni findet an der Universität Tübingen ein „öffentliches Gespräch“ statt, das die Notwendigkeit von Tierversuchen „aus verschiedenen Perspektiven“ beleuchten soll. Die Liste der Gesprächsteilnehmer zeigt: Es handelt sich um eine reine Propaganda-Veranstaltung, bei der es darum geht, die Öffentlichkeit im Sinne der Interessen jener Eliten, die von dieser Forschung profitieren, zu manipulieren – und die grün-rote Landesregierung wurde längst mit ins Boot geholt. Im Rahmen des Tübinger „Exzellenzclusters“ werden Tierversuche auch im militärischen Interesse durchgeführt – trotz Zivilklausel in der Grundordnung der Universität.

Edward Bernays, ein Neffe von Sigmund Freud, gilt als Pionier in der Anwendung von Forschungsergebnissen der noch jungen Psychologie in der angewandten Öffentlichkeitsarbeit. Er selbst prägte für seinen Beruf die Bezeichnung PR-Berater. In seinem Buch Propaganda (1928) findet sich erstmals die später gängig gewordene These, dass die bewusste und intelligente Beeinflussung der Gewohnheiten und Meinungen der Konsumenten beziehungsweise Wähler ein normales Element der modernen Massengesellschaft darstelle, mit dem Ziel, einen gesellschaftlichen Konsens zu kreieren – Bernays ließ dabei keinen Zweifel daran aufkommen, dass es darum gehe, die Bedürfnisse der Massen auf diejenigen der Eliten einzustimmen, und nicht etwa umgekehrt.

Bewusste Manipulation

Die Elitentheorie, die Bernays entwickelte, sollte wohl auch das Sozialprestige seines Berufsstands aufbessern: Die Propagandisten mit ihrem Herrschaftswissen fungierten nach Bernays Vorstellungen als eine neue Klasse, die zwischen den chaotischen Bedürfnis-Artikulationen der Masse und den Notwendigkeiten geregelter Machtausübung vermittelt. Sein Buch Propaganda beginnt mit dem Kapitel Organising Chaos und den Worten: „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“

Bernays arbeitete für verschiedene Unternehmen, unter anderem für die American Tobacco Company (ATC). Für ATC versuchte er, das Rauchen auch für Frauen attraktiv zu machen, indem er eine Gruppe von Frauen beschäftigte, die sich als Suffragetten, also als Kämpferinnen fürs Frauenwahlrecht, verkleideten und so durch New Yorks Fifth Avenue marschierten – als Zeitungsreporter sie fotografierten, zündeten sie Zigaretten an und proklamierten diese als „torches of freedom“, als „Fackeln der Freiheit“. Bernays Erkenntnisse und Methoden fanden bald breite Anwendung – nicht nur wandte etwa Joseph Goebbels seine Theorien an, um die antijüdische Propaganda im deutschen Faschismus aufzubauen, sie bilden bis heute die Grundlage vieler PR-Kampagnen in Politik und Wirtschaft.

Marktkonforme Wissensfabriken

Spätestens im Zuge der Umsetzung des Bologna-Abkommens sind Hochschulen zu Wirtschaftsunternehmen geworden, zu marktkonformen Wissensfabriken, die untereinander konkurrieren. Kürzlich wurde die Nachricht veröffentlicht, die Universität Tübingen sei im „Ranking akademischer Leistungen“ leicht abgefallen: Sie stehe nun weltweit auf Platz 131 und bundesweit auf Platz fünf – „Tendenz fallend“. Es geht um Wettbewerb vor allem unter den verwertbaren Naturwissenschaften; Geisteswissenschaft soll lediglich noch die Produktionsmethoden im Wissenschaftsbetrieb verbessern helfen – „die Aufstapelung der Kenntnisse rationalisieren, die Vergeudung intellektueller Energie verhindern“, wie die Philosophen Horkheimer und Adorno bereits in den 1940er Jahren kritisierten, als sie die Totalökonomisierung aller Lebensbereiche prognostizierten.
Heute leben wir in einer Zeit, in welcher die Curricula der Hochschulen längst zur Ware geworden sind: Bildungsgänge werden in mit Krediten und Punkten gewertete Module zerstückelt und wie farbig verpackte Konsumprodukte angeboten; die zum bloßen Konsumieren erzogenen Studierenden sind gar nicht mehr in der Lage, kreativen Protest zu artikulieren, wie er sich noch vor Kurzem im Rahmen der Bildungsstreiks ausdrückte.

Krieg ist Frieden

Auch der Protest im Rahmen der sogenannten „Zivilklauselbewegung“ ist abgeebbt. An der Universität Tübingen wird im Rahmen des „Exzellenz-Clusters“ Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) unter anderem an Drohnen geforscht. „Drohnen, auch bekannt als unbemannte Luftfahrzeuge, haben sich in Militäroperationen als sehr wertvoll erwiesen“, so die EU-Kommission, die das Projekt „μDrones“, an dem nicht nur Rüstungsfirmen beteiligt sind, sondern auch das Labor für Kognitive Neurowissenschaft an der Biologischen Fakultät, finanziell unterstützt – mit 1,9 Millionen Euro. Wen interessiert da noch die Zivilklausel, die Selbstverpflichtung der Universität, dass Forschung und Lehre friedlichen Zwecken verpflichtet sein sollen? In der Präambel der Grundordnung der Hochschule heißt es seit 2010: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“
Seit März 2011 regiert in Baden-Württemberg eine grün-rote Koalition. Die Grünen hatten in ihrem Wahlprogramm „‚Green New Deal‘ für die Zukunft Baden-Württembergs“ verkündet: „Die Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen des Landes sollen ausschließlich friedliche Zwecke verfolgen“, im SPD-„Regierungsprogramm“ hatte es geheißen: „Die Forschung in Baden-Württemberg soll ausschließlich friedlichen Zwecken dienen.“ An die Regierung gewählt, wollen beide Parteien davon nichts mehr wissen. Um Forschung zu legitimieren, welche auch militärischen Interessen und Zwecken dient, wird diese einfach nach der von Bernays begründeten Methodik, die George Orwell in seinem Roman Nineteen Eighty-Four karikierte, zu ihrem eigenen Gegenteil erklärt – oder, wie es bei Orwell heißt: „Krieg ist Frieden“.

Die Verklärung militärischer zu humanitären Einsätzen hat bei SPD und Grünen Tradition. Am 24. März 1999 fielen die ersten Bomben auf Serbien. „Engel der Barmherzigkeit“ lautete der zynische Name der Operation, in deren Verlauf die NATO über einen Zeitraum von 78 Tagen das Land bombardierte. Auch die BRD mischte nun wieder im globalen Kriegsgeschehen mit – unter einer rot-grünen Koalition. Außenminister Joschka Fischer versuchte den Krieg propagandistisch zu legitimieren, indem er das politische System im Kosovo als barbarischen Faschismus brandmarkte: Milosevic sei bereit „zu handeln wie Stalin und Hitler“ und führe einen Krieg gegen die Existenz eines ganzen Volkes. „Die Bomben sind nötig, um die ‚serbische SS‘ zu stoppen“, meinte er. Zusammen mit Verteidigungsminister Rudolf Scharping präsentierte er damals einen angeblich „seit langem feststehenden Operationsplan“ für das „jugoslawische Vorgehen im Kosovo“, der als „Beweis“ dafür herhalten sollte, „daß schon im Dezember 1998 eine systematische Säuberung und die Vertreibung der Kosovo-Albaner geplant worden war“. Dabei handelte es sich um eine Erfindung – reinste Propaganda. Statt durch die Bomben eine „humanitäre Katastrophe“ zu verhindern, wie das vorgebliche Ziel des Angriffs lautete, zogen diese eine Katastrophe von nicht absehbarem Ausmaß nach sich: Die NATO flog in den 78 Kriegstagen 38.000 Lufteinsätze und warf 9.160 Tonnen Bomben ab, viele auf Chemiefabriken, wodurch Phosgen und Dioxine freigesetzt werden; Quecksilber, Zink, Kadmium, Blei verseuchten die Trinkwasserreservoirs. Und: Insgesamt zehn Tonnen abgereichertes Uran fielen auf Jugoslawien. „Eine ‚strahlende‘ humanitäre Intervention, krebserregend und umweltverseuchend. Kein Wort der Kritik von den Grünen“, ging Jutta Ditfurth 2009 mit ihren einstigen Parteigenossen ins Gericht.

Sinnlose Forschung

Am CIN werden auch die umstrittenen Experimente an Primaten durchgeführt, gegen die wir seit über vier Jahren vorgehen. Im Januar 2009 starteten wir in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche e.V. eine öffentlichkeitswirksame Kampagne gegen die Versuche. Unter dem politischen Druck, der durch sie aufgebaut wurde, nahm die grüne Partei die Forderung nach einem Ende der Affenversuche in Tübingen in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf: Die Experimente sollten „innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ganz beendet werden.“
Am 27. März 2011 wurde der 15. Landtag von Baden-Württemberg gewählt; in Folge musste die CDU nach 58 Jahren die Regierungsverantwortung an eine Koalition aus Grünen und SPD abgeben. Am 18. Oktober 2011 wurden die über 60.000 Unterschriften, welche inzwischen gegen die Experimente an Primaten gesammelt worden waren, der neuen grün-roten Landesregierung übergeben. Reinhold Pix, Landtagsabgeordneter und tierschutzpolitischer Sprecher der grünen Regierungspartei, war bei der Übergabe der Unterschriften am 18. Oktober zugegen und meinte: „In unserem Wahlprogramm hatten wir uns klar zu einem Ende der Affenversuche innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens ausgesprochen sowie möglichst für eine Abschaffung der Tierversuche generell, zumindest aber eine jährliche Reduzierung um zehn Prozent. Unseren Bürgern und Wählern gegenüber sind wir hierzu nun verpflichtet und müssen diesen Regierungsauftrag umgehend erfüllen“. Die Stuttgarter Ausgabe des Springer-Blattes Bild titelte: „Grüne: ,Sinnlose‘ Hirnforschung an Affen stoppen“.

Elitäre Interessen

Auch die SPD hatte wichtige Ziele zur Stärkung der tierversuchsfreien Forschung in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Im Koalitionsvertrag der beiden Parteien heißt es: „Wir wollen die Zahl der Tierversuche im Land weiter verringern und die Entwicklung von Alternativmethoden besser fördern.“ Von einer „weiteren“ Verringerung konnte allerdings gar nicht die Rede sein. Die Zahl der Tierversuche ist seit dem Jahr 2000 in Deutschland um 56 Prozent gestiegen – und Baden Württemberg ist führend: Dort werden rund 20 Prozent aller deutschen Versuchstiere „verbraucht“. Inzwischen dürfte klar sein: Das Bundesland hält auch an den Tübinger Tierversuchen mit Primaten fest – wie Ärzte gegen Tierversuche vermuten, in erster Linie aus elitären Interessen, denn die Eberhard Karls Universität ist aufgrund der Forschung am CIN zur „Eliteuniversität“ ernannt worden. Die Ärzteorganisation urteilte deshalb im März 2012 in einer Pressemitteilung: „Offensichtlich beugt sich die Landesregierung lieber der mächtigen Experimentatorenlobby, anstatt sich ihren selbst gesetzten Zielen zu widmen. Ein trauriges Bild, das die Politik abgibt, der Wähler nicht zuletzt aufgrund des Vorhabens, Affenversuche auslaufen zu lassen, ihr Vertrauen geschenkt haben.“

Im Mai 2012 war die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer bei der Eröffnungsfeier des CIN zugegen und provozierte in ihrer Rede mit dem Vorschlag, einen „dreieckigen Tisch“ von Universität, Tierversuchsgegnern und Öffentlichkeit einzurichten, womit sie offensichtlich versuchte, die Verantwortung, die sie und ihre Partei trägt, abzuschieben.
Am 16. November 2012 fand im Stuttgarter Landtag eine Anhörung der Grünen mit dem Titel „Zwischen Tierschutz und Forschungsfreiheit: Primatenversuche und Alternativen“ statt – eine Farce. Dem Experimentator Andreas Nieder vom Tübinger CIN, der mit einem ganzen Fanclub von Studierenden angereist war, wurde Raum geboten, die Versuche ausführlich zu verteidigen. Ihm zur Seite stand Karin Blumer, eine extra eingeflogene Tierversuchslobbyistin des Pharmakonzerns Novartis – die allerdings nicht einmal wusste, in welchem Bundesland sie sich gerade befand. Auch bei den Grünen zeigte sich Orientierungslosigkeit: Der Großteil der anwesenden Parlamentarier schien sich zum ersten Mal überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Reinhold Pix gab sich und seiner Partei dann auch die Blöße, zuzugeben, dass die Grünen bei der Verankerung der Forderung nach einem Verbot der Affenversuche im Wahlprogramm ja nicht damit gerechnet hätten, in Baden-Württemberg tatsächlich in die Situation der Regierungsverantwortung zu gelangen. Cornelie Jäger, die erste Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg, die ihr Amt am 1. April angetreten hatte – damit wurde immerhin eine Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt –, sprach über das Thema „Primatenversuche: Rechtlicher Rahmen und politische Fragestellungen“ – und kam zu dem Schluss, dass es der Landesregierung eigentlich gar nicht möglich sei, die Versuche zu verbieten. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatte die Tierschutzbeauftragte uns und weitere an der Kampagne beteiligte Gruppen kontaktiert und das Gespräch gesucht – wir brachen diesen Kontakt aber nach einem einmaligen Treffen mit Jäger unter dem Eindruck ihrer letztlich reformistischen Positionen sowie der Hilflosigkeit, die sie zur Schau stellte, ab.
Ende 2012 knickte die SPD offiziell vor der Experimentatorenlobby ein, womit das im Wahlprogramm der Grünen versprochene Ende der Affenversuche noch weiter in die Ferne rückte. Wie der Reutlinger Generalanzeiger in einem Artikel mit dem Titel „SPD unterstützt Tierversuche“ berichtete, meinte Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag, nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie-Institut: „Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt“ – und wo Versuche mit Primaten „unerlässlich“ seien, müssten sie durchgeführt werden. Ein weiteres interessantes Detail aus dem Artikel: Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Fotografieren sei dort aber nicht erlaubt, so die Zeitung: „Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.“
Der Deutschlandfunk kommentierte die Situation im Februar dieses Jahres in einem Beitrag mit dem Titel „Wissenshunger versus Affendurst“ folgendermaßen: „Welche Schritte die Grünen in der Landesregierung in den nächsten Monaten und Jahren vorschlagen und wie sich der Koalitionspartner SPD dazu stellt, ist bundesweit von Interesse. Denn das Tübinger Forschungszentrum ist die größte von insgesamt sechs universitären Einrichtungen, die an den Gehirnen von Affen forschen – und ein Grund, warum Tübingen Eliteuni geworden ist.“

Stadt der Affen

„Eine Facette von Tübingen als Stadt der Affen ist der innere Zwist der grünen Regierungspartei“, hieß es am 23. Mai, nach der dritten Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen, in einem in der Südwest Presse erschienenen Artikel. Am 24. Juni nun geht das Tübinger „Affentheater“ in die nächste Runde: Die Universität lädt zum öffentlichen „Gespräch“ zum Thema „Tiernutzung in der biomedizinischen Forschung: eine verdrängte Notwendigkeit?“ Eine Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch: Es geht darum, die Bedürfnisse der Massen auf die Interessen der Eliten, die von der Forschung profitieren, einzustimmen. Gearbeitet wird dabei mit sehr einfachen Mitteln: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass die Forschung, die am CIN der „Eliteuniversität“ Tübingen durchgeführt wird, in ihrem Interesse stattfinde. So heißt es im offiziellen Ankündigungstext der Universität, es gehe „nicht zuletzt auch um Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten für Krankheiten“.
Es soll bei diesem „Gespräch“ übrigens überhaupt nicht darum gehen, den Einsatz von Tierversuchen grundsätzlich zu diskutieren – deren angebliche Notwendigkeit wird vorausgesetzt, „Tierversuche an unterschiedlichsten Spezies“ seien „unverzichtbar“. Es soll lediglich darum gehen, „diese Notwendigkeit aus verschiedenen Perspektiven“ zu beleuchten, „auch aus der der Hilfe suchenden Patienten“. Weiter heißt es: „Durch die Einbeziehung von Patienten mit ihren Nöten und Hoffnungen soll Menschen Gehör verschafft werden, die in eher theoretischen Grundsatzdiskussionen in aller Regel ausgeklammert bleiben.“ In geradezu perfider Art und Weise wird hier mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod gespielt. Und wer vertritt bei der Veranstaltung die „Sicht der Patienten“? Der Leiter des CIN, Prof. Dr. Hans-Peter Thier, sowie ein Seniorprofessor des CIN, Prof. Dr. Eberhart Zrenner – Personen, die persönlich Tierexperimente betreiben und unmittelbar von ihnen profitieren. Für die angeblichen „Belange der Ausbildung“ spricht Affenexperimentator Prof. Dr. Andreas Nieder, für „ethische Erwägungen“ wird abermals Dr. Dr. Karin Blumer, PR-Fachfrau der Novartis AG, eingeflogen.

Einige Strohmann-Argumente aus „Sicht des Tierschutzes“ schließlich darf die „Landesbeauftragte für Tierschutz“ Dr. Cornelie Jäger anbringen.

Instrumentalisierung von Angst

Bereits am Tag der ersten Großdemonstration gegen die Affenversuche, am 18. April 2009, schaltete die „Neurowissenschaftliche Gesellschaft“, ansässig in Berlin-Buch, eine fast ganzseitige Anzeige in der Tübinger Lokalzeitung Schwäbisches Tagblatt, welche die Überschrift trug: „Tierexperimente sind in der neurowissenschaftlichen Forschung unverzichtbar: sie versprechen die Linderung menschlichen Leidens“. In der Anzeige wurde mit sehr banalen Mitteln – dem Abdruck eines Fotos einer Alzheimer-Patientin – suggeriert, die Alzheimer-Forschung sei auf Versuche mit Affen angewiesen. „Dieser Eindruck ist nicht richtig“, erklärte am 25. April der Alzheimer-Spezialist Prof. Mathias Jucker vom Hertie-Institut im Interview mit dem Tagblatt, und gab damit die kostspielige Anzeige der „Neurowissenschaftlichen Gesellschaft“ der Lächerlichkeit preis. Jucker selbst ist Tierexperimentator – er forscht über Alzheimer an Fliegen und Würmern.
Seit die Kampagne gegen die Affenversuche in Tübingen läuft, sind die Experimentatoren nicht dazu in der Lage, auch nur ein sachliches Argument für den angeblichen Nutzen ihrer Experimente anzuführen. Stattdessen versteigen sie sich in absurde Rechtfertigungsversuche, indem sie beispielsweise ihre Versuche schlicht mit dem Hinweis begründen, „wir“ würden ja auch gegenüber Heimtieren und Kindern Zwang ausüben, oder zur Beruhigung der Öffentlichkeit einfach wild irgendwelche Krankheiten anführen – wahlweise Alzheimer, Parkinson oder Krebs –, die mit ihrer Grundlagenforschung aber rein gar nichts zu tun haben.
Im letzten Jahr etwa sollten es neuronale Erkrankungen wie Schizophrenie sein: Die Universität Tübingen ließ im März 2012 öffentlich mitteilen, die Experimentatoren um Andreas Nieder im „Labor für Primaten-Neurokognition“ hätten durch ihre Forschungen Erkenntnisse erzielt, die „helfen, krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung, zum Beispiel bei einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln“. – Was haben die Forscher gemacht? Sie haben Rhesusaffen am Computer trainiert, Lichtpunkte zu entdecken und dabei Messungen im Bereich des Stirnhirns vorgenommen. Zu Recht kann man sich fragen, was das mit neurologischen Erkrankungen zu tun haben soll. Andreas Nieder wagte den gedanklichen Spagat: „Seit langem ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns mit neuropsychiatrischen Erkrankungen einhergehen. So ist beispielsweise die Schizophrenie durch starke Fehlinterpretationen der normalen Wahrnehmung und der Urteilskraft, bis hin zu schweren Halluzinationen, gekennzeichnet“. Für die Behauptung aber, die Untersuchung der Verarbeitung visueller Reize im Hirn von Rhesusaffen helfe, krankhafte Veränderungen des vorderen Stirnhirns beim Menschen zu begreifen, gibt es schlicht keine Grundlage: Die US-amerikanische Neurologin Aysha Akhtar hat in ihrer Studie Neurological Experiments: Monkey See… But Not Like Humans neuroanatomische und -physiologische Unterschiede zusammengetragen, die zeigen, dass Gehirne von Rhesusaffen schlicht nicht als Modell fürs menschliche Gehirn herhalten können. So hat beispielsweise ein menschliches Neuron 7.000 bis 10.000 Synapsen – also Verbindungen zu anderen Neuronen –, beim Affen sind es nur 2.000 bis 6.000. Menschen haben außerdem gerade zur Verarbeitung von visuellen Reizen Hirnbereiche, die es beim Affen überhaupt gar nicht gibt!
Ärzte gegen Tierversuche sind deshalb der Meinung: „Forschung an Affenhirnen erlaubt Aussagen über die Funktion des Affenhirns – mehr nicht. Will man etwas über das menschliche Gehirn erfahren, muss das ‚Zielhirn‘ untersucht werden und nicht das einer anderen Tierart. Ethisch vertretbare Forschung am Zielorgan, dem menschlichen Gehirn, ist möglich. Die heutigen Technologien erlauben den Forschern das Gehirn bis ins kleinste Detail zu untersuchen – ohne Löcher in den Schädel zu bohren. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanz- oder Positronenemissions-Tomographie kann die Verarbeitung von Nervenreizen im Gehirn von Freiwilligen untersucht werden. Diese Art der Forschung liefert relevante Daten, die menschlichen Patienten, die an Alzheimer, Parkinson oder anderen neurologischen Erkrankungen leiden, tatsächlich helfen können.“

Blutiger Fehlschluss

Sieht man von dem Nutzen für das wissenschaftliche Prestige und die Karrieren der Forscher selbst ab, kann keinerlei Begründung dafür angeführt werden, weshalb in Tübingen anderen Primaten das angetan wird, was, würde es beim Menschen passieren, Folter und Mord genannt werden würde. Der Tierarzt für Versuchstierkunde Dr. Franz Gruber kam beim Betrachten der Tübinger Versuchsaufnahmen, die das ZDF im Jahr 2009 gemacht hatte, zu dem Schluss, dass schon alleine das Fixieren im sogenannten „Primatenstuhl“ für einen Laboraffen erhebliches Leid bedeutet: „Er kann den Kopf nicht bewegen […]. Er sitzt eingepfercht im Stuhl. Das ist natürlich eine Belastung. Ich weiß es von Versuchspersonen, denen man den Kopf festgeschraubt hat, die haben alle nach 20 Minuten gesagt: Ich will hier raus! Das geht nicht!“

Die Philosophen Max Horkheimer – der die Situation der Tiere als „Tierhölle in der menschlichen Gesellschaft“ beschrieb – und Theodor W. Adorno zeigten sich nicht nur bereits in den 1940er Jahren entsetzt über die „lückenlose Ausbeutung der Tierwelt heute“, sondern verurteilten speziell auch scharf die Vorgehensweise einer modernen Wissenschaft, in welcher die Vernunft zum bloßen Instrument der herrschenden Interessen verkommen ist und die „verstümmelten Tierleibern“ in „scheußlichen Laboratorien“ den „blutigen Schluß“ abzwingen will. Was die Hirnforschung an Primaten betrifft, kommt hinzu, dass deren Ergebnisse überhaupt nicht auf Menschen übertragbar sind: Die Experimentatoren vollziehen hier an den Tieren einen blutigen Fehlschluss.
Selbst wenn aber den gemarterten Körpern von Tieren eine Erkenntnis abgerungen werden kann, die Menschen in irgendeiner Weise als „nützlich“ erscheint, so rechtfertigt das in keinem Fall diese Methode. Wer am durch die moderne Wissenschaft seit Darwin widerlegten Mensch-Tier-Dualismus zur Legitimation von Gewalt gegenüber Tieren heute noch festhält, hängt einer Ideologie an – einem falschen gesellschaftlichen Bewusstsein, das sich gegenüber dem gesellschaftlichen Sein verselbständigt hat. Progressive Wissenschaft erkennt längst an, dass der Speziesismus – die Ideologie, welche das Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren legitimiert –, von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, unhaltbar ist – so etwa Volker Sommer, Professor für evolutionäre Anthropologie am Londoner University College und einer der renommiertesten Primatenforscher weltweit: Er fordert Grundrechte für unsere nächsten evolutionären Verwandten und spricht in Interviews davon, dass der historische Moment gekommen sei, um nach Nationalismus, Rassismus und Sexismus auch den Speziesismus zu überwinden.
Was den angeblichen Nutzen von Tierexperimenten angeht, so konnten die Experimentatoren nicht überzeugen, im Gegenteil – sie waren bisher nicht einmal in der Lage, sachlich richtige Argumente anzuführen, sondern haben sich mehrmals mit nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen selbst diskreditiert. In unverantwortlicher Art und Weise versuchen sie außerdem, die Angst der Menschen vor Krankheiten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Worum es ihnen wirklich geht, darauf hat bereits im Jahr 2009 das ZDF-Magazin Frontal 21 aufmerksam gemacht: Nachdem es auf Erhebungen der Akademie für Tierschutz München hingewiesen hatte, die zeigen, dass die absolute Mehrheit von Tierversuchen keinen Nutzen für den Menschen bringt, urteilte es: „Es geht um viel Geld, wissenschaftliches Prestige und Karrieren. Für die Affen und all die anderen Tiere um ein ganzes Leben unter Qualen – für die zweckfreie Forschung!“

Faschismus mit einem Lächeln

Am neuen, neoliberalen Typ Hochschule wird nicht für die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung geforscht, sondern letztlich für die wirtschaftlichen Eliten – und die sind an Profit interessiert, und nicht etwa an den Interessen der Kranken. Der ehemalige Mitarbeiter des US-Senats Bertram Gross erkannte schon 1980 in den zunehmenden Verstrickungen zwischen politischen und Wirtschafts-Eliten das Potential für einen „Friendly Fascism“. Massenaufmärsche und ähnliches suche man darin vergeblich: Er erscheine modern, multiethnisch, ein „Faschismus mit einem Lächeln“. Aber er werde Rezession bringen, Umweltzerstörung, Militärinterventionen, Kriege – und nicht zuletzt die Aushebelung der Grundrechte. Inzwischen haben auch deutsche Innenminister offen ausgesprochen, die Verfassung sei „immer stärker die Kette, die den Bewegungsspielraum der Politik lahmlegt“, und arbeiten mit ihren US-amerikanischen und europäischen Kollegen am Feindstrafrecht – derzeit gegen Menschen aus arabischen Ländern. Jeden Dienstag studiert US-Präsident Obama die ihm vorgelegten Kurzlebensläufe und ordnet den Einsatz zur Tötung per Drohne an. Inzwischen sind das Tausende von Hinrichtungen ohne Prozess, ohne Urteil, ohne Verteidigung. Allein in seinem ersten Jahr als Präsident, 2009, hat Obama 53 Angriffe in Pakistan befohlen, mehr als sein Vorgänger während seiner gesamten Amtszeit; am Ende desselben Jahres wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen – eine Groteske, die ans Orwellsche „Krieg ist Frieden“ gemahnt.
Auch die BRD erwägt derzeit die Anschaffung von Kampfdrohnen für den Kriegseinsatz – und am Tübinger CIN wird derweil, unter anderem in Tierexperimenten, an Drohnen geforscht, trotz Zivilklausel. Letztere interessiert die Universitätsleitung schlicht nicht – genauso wenig wie Tierleid darf sie ökonomischen Interessen im Wege stehen. Diese sollen durchgesetzt werden, komme, was wolle. Sollten sich überhaupt noch einmal ernsthafte Proteste gegen die Ökonomisierung der Hochschulen regen, so wird diesen sicher auch mit stärkeren Mitteln entgegengetreten werden. Noch werden propagandistische Mittel als ausreichend angesehen, noch wird freundlich zum „Gespräch“ geladen – auch wenn dessen Ergebnis von vornherein feststeht. Die Universität und die längst gekauften politischen Parteien machen gute Miene zum bösen Spiel – noch gilt die Maxime: Freundlich bleiben. Die Realsatire, die sie betreiben, kann uns aber schon lange kein Lächeln mehr entlocken.

Brown Dog Riots: Allianzen zwischen Arbeiter-, Antivivisektions- und Frauenbewegung

Im Jahr 1906 wird das erste „Brown Dog“-Denkmal in Battersea enthüllt, jenem Stadtteil Londons, der damals als Hochburg der Gewerkschafts- und anderen sozialen Bewegungen sowie als Wiege für radikale Klassenpolitik gilt. Das Denkmal, das symbolisch für die Opfer der Vivisektion errichtet wird, wird schnell zum Ausgangspunkt für die heftigsten und militantesten Auseinandersetzungen, welche die britische Tierrechtsbewegung bis zu diesem Zeitpunkt geführt hat.

Die englische Antivivisektionsbewegung im 19. Jahrhundert ist mit der feministischen Bewegung der Zeit derart überlagert, dass die Medizinstudenten des University College, die ab 1906 gegen die Aufstellung des Denkmals protestieren, Antivivisektions- und Frauenwahlrechtsbewegung gleichsetzen: Sie stören zahlreiche Veranstaltungen letzterer, um gegen erstere vorzugehen. Medizinstudenten versuchen immer wieder, das Denkmal zu zerstören, stoßen dabei aber auf den vehementen Widerstand der Vivisektionsgegner sowie der Bevölkerung des Arbeiterviertels, die in dem Hund offenbar ein Symbol für ihre eigene Unterdrückung sieht. Über Jahre hinweg, zwischen 1903 und 1910, wird der Konflikt, bekannt als Brown Dog Riots, ausgetragen. Ort der Auseinandersetzungen ist sowohl Battersea als auch das Londoner Zentrum, wo auf dem Trafalgar Square Demonstrationen mit mehreren Tausend Teilnehmenden stattfinden. Unter dem Druck der Kontroverse wurde die Statue 1910 vom Bezirksrat geheim entfernt.
Die neue Statue, die man hier auf den Fotos sieht, wurde erst 1985 im Battersea Park errichtet – gestiftet von der British Union for the Abolition of Vivisection und der National Anti-Vivisection Society. 1992 wurde die Statue innerhalb des Parks an den Rand eines Pfades nahe des Old English Garden versetzt, wo sie kaum auffindbar ist. Auf dem Sockel finden sich unter anderem folgende Inschriften: In Memory of the Brown Terrier Dog Done to Death in the Laboratories of University College in February 1903 after having endured Vivisection extending over more than Two Months and having been handed over from one Vivisector to Another Till Death came to his Release. Also in Memory of the 232 dogs Vivisected at the same place during the year 1902. Men and women of England how long shall these things be?, und: Animal experimentation is one of the greatest moral issues of our time and should have no place in a civilised society.

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert existieren nicht nur bemerkenswerte Allianzen zwischen der Antivivisektions- und der Arbeiterbewegung – prominente Vertreter der Arbeiterbewegung unterzeichnen 1896 ein Manifest gegen die Vivisektion, in dem es heißt: „such experimentaion on living animals is opposed to the right feelings and true interests of the working classes“ –, auch zwischen der Frauen- und der ersten Tierrechtsbewegung bestehen enge Verbindungen. Der Begriff „Suffragetten“ bezeichnet zu Anfang des 20. Jahrhunderts jene Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den USA, die mit verschiedenen Methoden für das Frauenwahlrecht kämpfen. In ihrer militanten Erscheinungsform übernimmt die Frauenwahlrechtsbewegung in diesen Jahren Methoden, die den Protestformen der radikalen Arbeitertradition entliehen sind und auf die sich wiederum die Tierrechtsbewegung bezieht. Die erklärte Absicht der militanten Suffragetten war, niemals Menschen oder Tiere zu gefährden – aber, so Emmeline Pankhurst (1858-1928), Mitglied der Independent Labour Party und Mitbegründerin der Women’s Social and Political Union (WSPU), im Jahr 1913: „Wenn es dafür notwendig ist, um das Wahrecht zu erhalten, werden wir soviel Schaden an Eigentum anrichten, wie wir können.“ Die Maßnahmen reichen von der Durchführung von Demonstrationen und der Störung von Parlamentssitzungen über Streikposten, Ankettungen und Angriffe auf Regierungsmitglieder bis hin zur Zerstörung von Fensterscheiben, Briefkästen und Briefsendungen, dem Einsatz von Brandbomben und der Brandstiftung an Häusern, Bahnhöfen und Schlössern. Des Weiteren verweigern sich einige der Zahlung von Steuern. „Es gibt etwas, um das sich Regierungen viel mehr Sorgen machen, als um menschliches Leben, und das ist die Sicherheit des Eigentums. Und so ist es durch das Eigentum, dass wir den Feind bekämpfen werden. Seid militant, jede auf ihre Art“, lässt Emmeline Pankhurst verlautbaren, und weiter: „Das Argument der zerbrochenen Fensterscheibe ist das wertvollste Argument moderner Politik.“ Ab 1912 ist die WSPU praktisch eine illegale Organisation, ihre Anführerinnen befinden sich entweder im Gefängnis oder im Exil in Paris, von wo aus sie die Leitung aus dem Untergrund weiterführen.
Abgesehen von der Wahl der Mittel, bestehen auch personelle Überschneidungen zwischen der Frauenwahlrechts-, der Tierrechts- und der Arbeiterbewegung. Frances Power Cobbe (1822-1904) etwa ist nicht nur Teil des Exekutivkomittees der 1868 gegründeten National Society for Woman Suffrage, sondern auch Begründerin der Victoria Street Society – der Vorgängerorganisation der noch heute bestehenden National Anti-Vivisection Society – sowie der British Union for the Abolition of Vivisection. Die Sozialistin Isabella Ford (1855-1924) engagiert sich für die Rechte der Frauen aus der Arbeiterklasse und ist gleichzeitig gegen Vivisektion und andere Tierausbeutung in der von Henry Salt (1851-1939) gegründeten Humanitarian League aktiv. Zwischen der League und der sozialistischen Bewegung bestehen wechselseitige Verbindungen, die Arbeit der Gesellschaft und die Themen Vegetarismus und Tierrechte werden auch in sozialistischen Zeitungen wie The Labour Annual, Clarion oder Justice vorgestellt und unterstützt. Kropotkin präsentiert sein Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902), in dem er die Rolle des Konzepts der Solidarität im Gegensatz zum populären des Überlebens des Stärkeren in der Evolution betont, auf einer Veranstaltung der League. Salt ist der Meinung, dass es einer Veränderung hin zu einer Ökonomie bedarf, die nicht auf Profit ausgerichtet ist, damit sich das Verhalten gegenüber den Tieren überhaupt grundlegend ändern kann. In einem Artikel mit der Überschrift The Animal Question and the Social Question (1898) schreibt er: „So long as pecuniary profit and self-interest are accepted as guiding principles of trade, it will remain impossible to secure the right treatment for animals; because it is absurd to suppose that mankind will agree to exempt the lower races from the results of an economic tyranny of which men are also victims.“ Die Forderung nach der Befreiung der Tiere sieht er als Fortsetzung der menschlichen Emanzipationsbestrebungen. In Animals‘ Rights. Considered in Relation to Social Progress (1892) schreibt er hierzu: „The emancipation of men will bring with it another and still wider emancipation – of animals“, und: „It is not human life only that is lovable and sacred, but all innocent and beautiful life: the great republic of the future will not confine its beneficence to man.“ Die Befreiung von Mensch und Tier sind für Salt untrennbar miteinander verbunden, eine ohne die andere gar nicht möglich. In der Autobiografie des Engländers, die den ironischen Titel Seventy Years among Savages (1931) trägt, heißt es: „The emancipation of men from cruelty and injustice will bring with it in due course the emancipation of animals also. The two reforms are inseparably connected, and neither can be fully realized alone.“ Entsprechend gelte es Folgendes zu überwinden: „The exploitation of one race by another race, of one class by another class, of the lower animals by mankind.“
Die Humanitarian League wird auch von Louise Lind-af-Hageby (1878-1963) unterstützt; sie ist Mitglied der Women’s Freedom League (WLF), 1909 gründet sie die Animal Defence and Anti-Vivisection Society, außerdem ist sie, in ihren eigenen Worten, militante Vegetarierin – für ihren strengen Vegetarismus wird sie ab 1944 in der durch Donald Watson (1910-2005) gegründeten Vegan Society Gleichgesinnte finden.
Emily Wilding Davison (1872-1913), eine der militantesten Suffragetten, ist der Meinung, dass Tierrechte die logische Erweiterung feministischer Forderungen sein müssen. Sie initiiert zahlreiche Brandanschläge und bekennt sich außerdem zum Anschlag auf das Privathaus des Premierministers Lloyd George im Jahr 1913. Zur Märtyrerin der Frauenwahlrechtsbewegung wird sie, als sie noch im selben Jahr beim Derby vor das Pferd des Königs läuft und an den Folgen ihrer Verletzungen stirbt. Zu ihrem Freundeskreis zählen andere Suffragetten, die ihr Tierrechtsinteresse teilen, etwa ihre spätere Biografin Gertrude Baillie Weaver (1857-1926). Sie und ihr Ehemann Harold, aktives Mitglied der Men’s League for Women Suffrage, gründen gemeinsam das National Council for Animals‘ Welfare Work. Für Harold Baillie Weaver ist Tierausbeutung die „abscheulichste Form der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken“.
Die Sozialistin und spätere Sinn Féin-Aktivistin Charlotte Despard (1844-1939) fungiert zunächst als führendes Mitglied der WSPU und ist 1907 Mitbegründerin der WLF. Im Alter von 47 Jahren wird sie, inspiriert von Texten von Percy Shelley, Vegetarierin und tritt der London Vegetarian Society bei; 1920 übernimmt sie die Präsidentschaft der Gruppe. Im Jahr 1906 begleitet Despard die Enthüllung des Brown Dog-Denkmals in Battersea. Dort ist noch heute eine Straße nach ihr benannt, die „Charlotte Despard Avenue“.

Für Teile der Frauenbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Feminismus und der Aktivismus gegen Tierausbeutung Teile desselben Kampfes gegen Unterdrückung. „Nichts könnte mich dazu bringen, ein Huhn zu essen oder die grausame Behandlung unschuldiger Tiere um ihres Pelzes willen stillschweigend zu dulden. Es läuft mir entsetzlich kalt über den Rücken, wenn ich auf einer Versammlung zum Wahlrecht für Frauen sehe, wie Frauen grässliche Trophäen von Schlachtopfern mit sich herumtragen“ – so eine Wortmeldung bei der Versammlung der National American Woman Suffrage Association im Jahr 1907. Es handelt sich um eine von vielen Stimmen, welche von jenen, die Geschichte geschrieben haben, zum Schweigen verurteilt worden sind: In der späteren Literatur über die Suffragettenbewegung findet sich das Zitat kaum noch irgendwo. Carol J. Adams, die Autorin des Buches The Sexual Politics of Meat: A Feminist-vegetarian Critical Theory (1990) merkt dazu an: „Die Allianz von Frauen und Vegetarismus in der Geschichte und in der Literatur wurde verzerrt und das aufschlussreiche Netzwerk von Feministinnen und VegetarierInnen daher überhaupt nie dargestellt. Teile der Theorien von vegetarischen Feministinnen wurden verschwiegen. Wir haben es also mit einer doppelt verschwiegenen Geschichte zu tun: der verschwiegenen Geschichte von Frauen und der verfälschten Geschichte des Tierrechtsaktivismus.“

Die hier wiedergegebenen historischen Informationen stammen aus dem in Kürze in der theorie.org-Reihe erscheinenden Buch Antispeziesismus unseres Aktivisten Matthias Rude, der auch die hier gezeigten Fotos der neuen Brown Dog-Statue im Londoner Battersea-Park gemacht hat (ein Foto der Original-Statue von 1906 findet sich z.B. hier). Mehr Fotos, auch von den aufschlussreichen Inschriften am Sockel, finden sich hier.

Weshalb wir gegen Tierversuche sind

Unser Redebeitrag bei der gestrigen Demonstration gegen Affenversuche:

Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, sind eine Gruppe von Menschen aus der Tübinger Linken. Als Schwerpunkt unserer politischen Arbeit haben wir die Kritik am Speziesismus gewählt – dem Ausbeutungsverhältnis gegenüber Tieren und jeder Ideologie, die dieses legitimiert und verschleiert. Weshalb? Wir finden, es ist an der Zeit, die Forderung nach gesellschaftlicher Befreiung und nach einem Ende von Ausbeutung nicht länger auf die Menschen zu beschränken, denn damit trifft man eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen, der weit über die menschliche Spezies hinausreicht. Wir sind damit keineswegs die ersten; wir sehen uns in einer langen linken Tradition von Ansätzen für die Befreiung von Mensch und Tier. Die Bewegung zur Befreiung der Tiere sieht ihre Forderungen traditionell als logische Fortsetzung und Konsequenz der großen emanzipatorischen Imperative. Die Geschichte zeigt, dass diejenigen Menschen, die sich organisierten, um eine Verbesserung der elenden Situation der Tiere in der menschlichen Gesellschaft zu bewirken, durchweg auch Teil anderer Befreiungskämpfe waren: Sie stritten etwa gegen monarchistische Willkürherrschaft, für Menschenrechte, gegen die Sklaverei, für die Emanzipation der Frauen, für die Belange der lohnabhängigen Massen oder waren im antifaschistischen Widerstand aktiv. Aber sie gingen weiter, für sie war klar: Befreiung hört nicht beim Menschen auf. Im Gegensatz zu vielen visionären Kämpferinnen und Kämpfern früherer Generationen wären wir heute in der Lage, den Gedanken der Tierbefreiung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu machen, denn die Ausbeutung von Tieren ist auf dem technischen Stand unserer Gesellschaft objektiv unnötig geworden. Dennoch wird sie fortgesetzt und sogar zum industriell rationalisierten, durchorganisierten System gesteigert.

Die kapitalistische Gesellschaft gleicht einer riesigen Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur; diese findet ihren sinnfälligsten Ausdruck im Herrschaftsverhältnis gegenüber den Tieren. Das Mensch-Natur- und das Mensch-Tier-Verhältnis der westlichen Kultur, das im Zuge der Europäisierung der Erde dominant geworden ist, ist ein in seinem Ursprung patriarchales, und ist durch und durch von Herrschaft geprägt. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno drücken dies in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung folgendermaßen aus: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt.“ Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung: Sie wird von der menschlichen Vernunft, die zum bloßen Instrument der Herrschaft degradiert worden ist, geordnet, kategorisiert, eingeteilt, um sie besser beherrschen und ausbeuten zu können. Andere Tiere treten der menschlichen Wahrnehmung zunehmend weniger als Individuen, als vielmehr nur noch als bloße Vertreter ihrer Gattung gegenüber. So geht etwa das Versuchstier „verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums“, wie Adorno und Horkheimer schreiben.

Die Autoren der Dialektik der Aufklärung, die viel Einfluss etwa auf die Studentenbewegung und damit auf die Neuen Sozialen Bewegungen hatten, analysieren, dass der Mensch im Prozess seiner Befreiung das Schicksal mit der übrigen Welt teilt. So ist die Geschichte der Anstrengungen des Menschen, die Natur zu beherrschen, auch die Geschichte der Herrschaft des Menschen über den Menschen. In die Sphäre des Natürlichen, die es zu beherrschen gilt, fallen nicht nur die Tiere, sondern traditionell auch die zu beherrschende Frau und der zu unterjochende Fremde: Sexismus, Rassismus und Speziesismus hängen untrennbar miteinander zusammen und bedürfen einer gemeinsamen Lösung. Eine befreite Gesellschaft zu erreichen, ohne auch die Tiere zu befreien, ist deshalb ein Widerspruch in sich. Tatsächlich ist Tierbefreiung Voraussetzung und Resultat menschlicher Befreiung. Aus diesem Grund kämpfen wir gegen jegliche Tierausbeutung, die im Tierexperiment mit ihren grausamsten Ausdruck findet.
Die Abgrenzung zu anderen Tieren war besonders wichtig für das Heraustreten des Menschen aus der Natur: „Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus“, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit sei dieser Gegensatz „von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens“ immer wieder bestätigt worden, dass dieser Gegensatz wie nur wenige weitere Ideen bis heute zum Grundbestand der westlichen Anthropologie geworden sei. Diejenigen, die die Ablösung der Beobachtung freilebender Tiere durch das Laborexperiment vorgenommen haben, haben diesen Gegensatz „bloß scheinbar vergessen“. In Wahrheit aber bestärken sie ihn – denn das Tierexperiment vermag weder etwas über das Tier in Freiheit, noch etwas über den Menschen an sich auszusagen; tatsächlich offenbart diese Praxis vor allem, wie sehr der Mensch im Kapitalismus sich selbst und der Natur entfremdet wurde.

Horkheimer und Adorno schreiben über Tierexperimentatoren: „Daß sie auf die Menschen dieselben Formen und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art. Der Schluß, den sie aus verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. […] Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. […] Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. […] Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, daß sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß.“
Wir danken euch, dass wir heute mit euch und eurem Protest „rechnen“ konnten. Wir hoffen, dass wir euch mit diesem Einblick in unsere Theorie zeigen konnten, weshalb es für uns unabdingbar ist, die Befreiung der Tiere nicht unabhängig von jener des Menschen zu betrachten und andersherum. Tierexperimente sind ein Ausdruck einer Form von Herrschaft, die uns alle verletzt – diese Praxis ist Teil unserer Unfreiheit, da sie dazu beiträgt, unser Verhältnis zu den Tieren und jenes zu anderen Menschen zu verstümmeln. Sie gehört deshalb, ohne Wenn und Aber, abgeschafft.

Mehr Fotos von der Demonstration auf unserer Facebook-Seite.

Ein Video von der Demonstration gibt es hier.

Wir haben die Antispeziesistische Aktion Tübingen im Jahr 2007 gegründet, um unserem Anliegen, die Befreiung von Mensch und Tier voranzutreiben, effektiveren Ausdruck zu geben. Wir beteiligen uns nicht nur seit 2009 an der Kampagne gegen die Tübinger Affenversuche, sondern arbeiten auch an der linken Theorie der Tierbefreiung und auf eine größere Organisierung der Tierbefreiungsbewegung hin. Ein Buch zum Thema, geschrieben von einem unserer Aktivisten, erscheint in Kürze.

Wenn ihr Interesse daran habt, bei unserer Gruppe mitzumachen, kommt zum offenen Treffen am Donnerstag, 16. Mai 2013, um 19 Uhr im Infoladen im Keller der Schellingstraße 6.

Ankündigung: Demonstration gegen Affenversuche

„Der Schluß, den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. Der Professor am Seziertisch definiert sie wissenschaftlich als Reflexe, der Mantiker am Altar hatte sie als Zeichen seiner Götter ausposaunt. Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. […] Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. […] Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, daß sie nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß.“
– Max Horkheimer, Theodor W. Adorno.

4. Mai 2013: Demonstration gegen Primatenversuche:

In nur einer Stadt in Baden-Württemberg werden Tierversuche mit Primaten betrieben, aber das gleich an drei Instituten: In Tübingen. Es handelt sich um invasive Hirnforschung; dabei werden Rhesusaffen durch ein Bohrloch im Schädel Elektroden ins Gehirn geführt. Sie werden täglich stundenlang fixiert, ohne den Kopf bewegen zu können. Durch Wasserentzug werden sie gezwungen, Aufgaben an einem Bildschirm zu lösen, wodurch die Forscher sich Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns erhoffen. Seit 2009 ist mit der Kampagne „Stoppt Affenversuche in Tübingen!“ einiges dagegen unternommen worden: Mahnwachen, kreative Aktionen und Großdemonstrationen in Tübingen und Stuttgart, 60.000 Unterschriften gegen die Versuche wurden gesammelt. Schließlich nahm die grüne Partei die Forderung nach dem Ende der Versuche in ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 auf. Jetzt geht es darum, diese Forderungen gegenüber der Tierversuchslobby durchzusetzen, die im Moment mit allen Mitteln versucht, die Landesregierung am Verbot der Versuche zu hindern. Gerade jetzt gilt es, ein deutliches Zeichen zu setzen, um den drohenden Bruch des Wahlversprechens zu verhindern!

Samstag, 4. Mai 2013: Große Demonstration gegen die Affenversuche in Tübingen. Ab 11 Uhr Infostände auf dem Marktplatz, ab 12 Uhr Demonstration durch die Innenstadt!

Deutschlandfunk über Tübinger Primatenexperimente

tierversuchsstadt
Im April 2011 veränderte die Animal Liberation Front die Ortsschilder Tübingens: „Tierversuchsstadt Tübingen“: BekennerInnenschreiben der ALF.

Der Deutschlandfunk berichtet über die Tübinger Primatenexperimente: Das Tübinger Zentrum für integrative Neurowissenschaften, CIN, habe in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit erfahren: Immer wieder hätten Landespolitiker der Forschungseinrichtung einen Besuch abgestattet – in der Hoffnung, danach besser einschätzen zu können, wie sie zu den Tierversuchen stehen, die dort gemacht werden.
In ihrem Wahlprogramm zur Landtagswahl 2011 hatten die Grünen in Baden-Württemberg ein Ende der Primatenversuche gefordert. Reinhold Pix, der tierschutzpolitische Sprecher der grünen Landtagsfraktion, bleibt auch bei dieser Forderung: „Das heißt, dass ich diese Art von Tierversuchen an Primaten in der Neurokognitionsforschung aus ethischen Gründen ablehne und dass mein Ziel es ist, den Ausstieg aus dieser Grundlagenforschung voran zu treiben.“ Boris Palmer, Tübingens grüner Oberbürgermeister, sieht das anders: „Ich habe mich vor Ort davon überzeugt, dass diese Versuche medizinisch sehr wertvoll sind, dass sie Menschen Heilung in Aussicht stellen und auch schon Therapien hervorgebracht haben und dass die Affen nach bestem Wissen und Gewissen dort untergebracht sind. Deswegen kann ich die Kritik an diesen Affenversuchen nicht nachvollziehen.“ – Palmer hat sich längst an die Experimentatorenlobby verkauft – diese sei, nach seinen eigenen Angaben, die er uns gegenüber 2011 gemacht hat, auf ihn „zugekommen“. Daran gedacht, sich auch mit ExpertInnen der Gegenseite zu unterhalten, etwa mit jemandem von Ärzte gegen Tierversuche e.V., hat er nie (vgl. unseren Artikel Boris Palmer: „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!).
Auch das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium und das Wissenschaftsministerium stehen beim Thema Affenversuche auf verschiedenen Seiten: Der grüne Landwirtschaftsminister Alexander Bonde will sie möglichst abschaffen. Die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer schützt eher die Forschungsfreiheit. Beide lehnen ein Interview zu dem Thema ab.
Cornelie Jäger, die Landestierschutzbeauftragte, gibt dem Deutschlandfunk gegenüber an, sie wolle im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums versuchen, eine für alle gangbare Lösung zu finden. Dabei sei ihr eines klar: „Im Augenblick besteht nicht die Möglichkeit, diese Tierversuche einfach zu unterbinden.“ Sie hofft aber, die Affenversuche langfristig beenden zu können. Mit der Tierschutzbeauftragten befinden wir uns deshalb zur Zeit in Gesprächen, nachdem sie von sich aus mit diesem Wunsch auf uns zugekommen ist.
Der Deutschlandfunk kommt zum Schluss: „Welche Schritte die Grünen in der Landesregierung in den nächsten Monaten und Jahren vorschlagen und wie sich der Koalitionspartner SPD dazu stellt, ist bundesweit von Interesse. Denn das Tübinger Forschungszentrum ist die größte von insgesamt sechs universitären Einrichtungen, die an den Gehirnen von Affen forschen – und ein Grund, warum Tübingen Eliteuni geworden ist.“
Seit 2009 ist mit der Kampagne Stoppt Affenversuche in Tübingen!“ einiges gegen die Experimente unternommen worden: Mahnwachen und Großdemonstrationen in Tübingen, kreative Aktionen, 60.000 Unterschriften gegen die Versuche wurden gesammelt. Sicher ist es dem politischen Druck, den wir damit aufgebaut haben, zu verdanken, dass die grüne Partei die Forderung nach dem Ende der Versuche in ihr Wahlprogramm aufgenommen hat. Jetzt geht es darum, diese Forderungen gegenüber der Experimentatorenlobby durchzusetzen, die im Moment mit allen Mitteln versucht, die Landesregierung am Verbot der Versuche zu hindern. Gerade jetzt gilt es, ein deutliches Zeichen zu setzen, um den drohenden Bruch des Wahlversprechens zu verhindern! Am 4. Mai werden wir deshalb zusammen mit anderen Organisationen wieder eine Großdemonstration gegen die Versuche in Tübingen durchführen. Weitere Informationen folgen bald!

Zum Bericht des Deutschlandfunks: Wissenshunger versus Affendurst.

SWR über Tübinger Affenversuche


„Symbolbild“ des SWR. Das Fotografieren der Tübinger Affen ist nicht erlaubt: Die Experimentatoren fürchten, dass die Tiere „in einem unglücklichen Moment abgelichtet“ würden und so „ein falsches Bild“ entstünde…

Das SWR-Radio berichtet über die Tübinger Affenversuche. Im Beitrag heißt es: „Welche Schritte die Grünen in der Landesregierung vorschlagen und wie sich der Koalitionspartner SPD dazu stellt, ist bundesweit von Interesse, denn das Tübinger Forschungszentrum ist das größte von insgesamt sechs universitären Einrichtungen, die an den Gehirnen von Affen forschen und ein Grund, warum Tübingen Elite-Uni geworden ist.“
Die Grünen haben in ihrem Programm zur Landtagswahl, die im März 2011 stattfand, die Abschaffung der Affenversuche gefordert. Sie werden ihr Wahlversprechen wohl brechen. Auch innerhalb der Partei ist die Forderung umstritten – der grüne Oberbürgermeister Tübingens etwa, Boris Palmer, spricht sich für die Versuche aus. Der Koalitionspartner SPD ist kürzlich vor der Experimentatoren-Lobby eingeknickt (vgl. den Artikel vom 21. Dezember).

Zum SWR-Bericht.

Haft für Boehringer-Gegnerin

Nachdem Boehringer Ingelheim die zunächst favorisierten Standorte Tübingen und Reutlingen aufgegeben hatte – „Aus der Traum“ schrieb damals die Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“1 –, errichtete der Pharmakonzern sein europäisches Forschungslabor für Tier-Impfstoffe in Hannover.
Sobald der genaue Standort bekannt geworden war, kam es zu massiven Protesten von Seiten der Tierbefreiungsbewegung, u.a. zu einer Besetzung des Baugeländes. Nun wurde eine Aktivistin, der vorgeworfen worden war, das Baugelände zusammen mit anderen Menschen besetzt zu haben, wegen „Hausfriedensbruch“ verurteilt; sie muss ab dem 4. Januar 2013 eine 20tägige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Hildesheim antreten.
20 Tage Haft für eine Aktivistin, weil sie Widerstand geleistet hat gegen einen Konzern, der mit seinem seit Ende September 2012 offiziell eröffneten Versuchslabor nun auf grausame Weise auf die Optimierung der Massentierhaltung hinarbeitet.
Wo sich kilometerlange Straßen quer durch den Amazonasregenwald ziehen, um etwa das Soja, das als Futtermittel in der Tierhaltung verwendet wird, zu transportieren, wo Lebensräume vernichtet, die Umwelt vergiftet und Lebewesen nur als verbrauchbare Ressource angesehen werden, dort muss es Widerstand geben! Und wo ein Mensch die verheerenden Folgen von Tierausbeutung und Umweltzerstörung aufzeigt und deswegen ins Gefängnis gesperrt wird, muss es Solidarität geben!

Vor dem Haftantritt am 4. Januar 2013 wird es in Hannover ab 12 Uhr eine Aktion geben.
Mehr Informationen: boehringerbesetzung.blogsport.de.

Schreibt der Gefangenen:

Isabell Jahnke
JVA Vechta für Frauen
Abteilung Hildesheim
Godehardsplatz 7
31134 Hildesheim

  1. Boehringer kommt nicht nach Reutlingen, „Schwäbisches Tagblatt“, 12.10.2007. Als Gründe gab das Unternehmen u.a. „das politische Umfeld, die öffentliche Akzeptanz“ an.[zurück]

SPD knickt vor Tierexperimentatoren-Lobby ein


Im Gespräch: (von links) Hans-Peter Thier vom Hertie Institut, Uni-Rektor Bernd Engler, SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender Claus Schmiedel und die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid. Foto: Martin Schreier, GEA. Das Fotografieren der Affen ist nicht erlaubt: Professor Thier befürchtet, dass die Tiere „in einem unglücklichen Moment abgelichtet“ würden und so „ein falsches Bild“ entstünde.

Wie der Reutlinger Generalanzeiger heute berichtet, knickt die baden-württembergische SPD vor der Tierexperimentatoren-Lobby ein und bricht den Koalitionsvertrag mit den Grünen. Damit rückt ein im Wahlprogramm der Grünen versprochenes Ende der Affenversuche noch weiter in die Ferne.
Nach einem Gespräch mit Forschern vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, einem der drei Institute, an denen Versuche mit Primaten durchgeführt werden, sagte Claus Schmiedel, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag: „Die SPD-Fraktion im Landtag ist überzeugt, dass die Forschung und Wissenschaft nicht ohne Tierversuche auskommt“. Wo Versuche mit Primaten „unerlässlich“ seien, müssten sie durchgeführt werden.
Weiter heißt es im Artikel:

Zuvor hatten die Wissenschaftler dem SPD-Politiker und seiner Kollegin Rita Haller-Haid einen Einblick in einzelne Labor- und Käfigräume mit Primaten gewährt. Wie sensibel und kontrovers das Thema Tierversuche ist, zeigt sich auch im Kleinen. Fotografieren ist dort nicht erlaubt. Der Neurowissenschaftler Professor Hans-Peter Thier befürchtet, dass die Tiere in einem unglücklichen Moment abgelichtet würden und so ein falsches Bild entstünde.
Allerdings bekamen die Politiker ohnehin kaum Tiere zu sehen – und wenn, nur aus größerer Entfernung durch ein kleines Fenster in einer Tür.
Angesprochen auf den Koalitionsvertrag zitiert SPD-Mann Schmiedel lediglich, dass darin vereinbart wurde, die Zahl der Tierversuche zu verringern. Doch das ist nicht alles. Die Vereinbarung, sich »für ein Verbandsklagerecht für staatlich anerkannte Tierschutzverbände« einzusetzen, lässt er unerwähnt, obwohl gerade das Verbandsklagerecht der zentrale Anlass für das Gespräch mit den Wissenschaftlern war. […] Die Tübinger Universität sei nicht zuletzt wegen der auf Tierversuchen basierenden Forschung zur Excellenz-Uni aufgestiegen. In der Universitätsstadt arbeiten etwa 200 bis 300 Forscher in vier Institutionen (am Max Planck Institut für biologische Kybernetik, im Fachbereich Biologie der Universität, am Hertie Institut sowie im Zentrum für Integrative Neurowissenschaften) mit 60 bis 80 Primaten. Für Wissenschaftler, deren Arbeit von Tierversuchen abhängt, ist die mögliche Einführung des Verbandsklagerechts also ein bedrohliches Szenario.
Thier hält ein Verbandsklagerecht für unnötig. Sonst entstünde ein zu hoher bürokratischer Aufwand. Tierversuche durchliefen jetzt schon ein langes Genehmigungsverfahren, in das auch eine Ethikkommission einbezogen sei.
Der Ansicht ist auch SPD-Mann Schmiedel. Seine Sorge ist, dass die Grünen als Koalitionspartner dem Thema zu einseitig und dogmatisch gegenüberstünden. Deshalb will er mit ihnen erneut das Gespräch suchen.

Zum Artikel: Reutlinger Generalanzeiger: SPD unterstützt Tierversuche

Boris Palmer: Tiere sind für den Menschen da

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer macht sich einmal mehr im Sinne der Experimentatoren-Lobby für die Tübinger Affenversuche stark. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er gestern u.a.: „Es geht um Forschung, die Menschen mit schweren Krankheiten helfen kann. Das rechtfertigt auch Tierversuche. So wie die Ernährung von Menschen nach Auffassung der großen Mehrheit der Menschheit auf das Schlachten von Tieren rechtfertigt.“
Auch uns gegenüber hat er bereits vor einem Jahr die Versuche an Primaten, die in Tübingen an drei Instituten durchgeführt werden, mit derselben Argumentation verteidigt: Boris Palmer: „Affenversuche und Legebatterien sind legitim!“




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