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Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“

Den LeserbriefschreiberInnen, die den Bericht des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs zum Gastspiel des Zirkus Charles Knie am 18. und 19. August in Tübingen als „PR-Beitrag für den Zirkus Knie“ beschrieben, dem TAGBLATT vorgeworfen haben, den Zirkus „in propagandistischer Manier“ beworben und „begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren“ unterstützt zu haben, „die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt“, ist zuzustimmen.1
Tatsächlich liest sich der Artikel vom 18. August über „Seelöwen, Tiger, Kamele und weiße Araberpferde“ wie eine gewerbliche Anzeige zur Bewerbung des Zirkus. Das TAGBLATT findet einmal mehr kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle. Dabei sind auch bei diesem Zirkus Missstände dokumentiert (etwa hier oder durch Videos bei Youtube, in welchen Tiere mit Stereotypien – Verhaltensstörungen, bei welchen immer wieder die gleichen Bewegungen ausgeführt werden und die auf die Haltungsbedingungen zurückzuführen sind –, zu sehen sind).
Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen. Im Pressekodex des Deutschen Presserates heißt es z.B.: „Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht […] Die Glaubwürdigkeit der Presse als Informationsquelle gebietet besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material.“2
Bereits im September 2009 demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus, damals war der Anlass ein Gastspiel des Zirkus Universal Renz. Da das TAGBLATT „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das TAGBLATT veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“, und wies darauf hin, „dass der Zirkus die Vorgaben in Bezug auf artgerechte Haltung, Versorgung und Nutzung der Tiere sogar überfülle [sic]“. Ähnlich wie im Juli dieses Jahres, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren (hier findet sich der Artikel, hier, hier und hier kritische Leserbriefe), so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf von Universal Renz zu retten – dabei sind die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen (hier haben wir die dokumentierten Missstände dargestellt).
Schon zuvor hatten wir in einem Leserbrief auf zahlreiche Vorkommnisse bei Universal Renz, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors hingewiesen. Leider wurde den LeserInnen die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem fast der gesamte Brief, nämlich jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten z.B. über die Verurteilungen von Daniel Renz enthielt, vom TAGBLATT einfach weggelassen wurde.

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Der gesamte Text, den wir an die Leserbriefredaktion übersandten, und von dem lediglich der letzte Absatz gedruckt wurde, lautete:


Von 3.-6. Sept. gastiert in Tübingen der Zirkus Universal Renz. Dieser ist nicht nur für den katastrophalen Umgang mit den Tieren, die dort ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbringen – einzig zu dem Zweck, Menschen für kurze Zeit zu unterhalten –, bekannt, sondern auch für besondere Härte im Vorgehen gegen Menschen, die diese Zustände anprangern. In diesem Zusammenhang wurde Zirkusdirektor Daniel Renz 1995 und 2000 wegen Körperverletzung, 2007 wegen Beleidigung und im April 2009 wegen versuchter Nötigung zu Geldstrafen verurteilt. Beim Gastspiel in Hannover im Mai 2009 versuchte ein Zirkus-Mitarbeiter, Tierschützer mit einem LKW anzufahren; während dieser Tat applaudierten die versammelten ZirkusmitarbeiterInnen und würdigten somit diese Tat. Ein Strafverfahren wegen versuchter Körperverletzung wurde eingeleitet.
Die Beanstandungen der Veterinärämter und die gegen Renz erlassenen Ordnungsverfügungen sind derart zahlreich, dass sie hier nicht angeführt werden können (gesammelt unter http://www.peta.de/web/home. cfm?p=2467). Auch bereits beim letzten Gastspiel in Tübingen im Jahr 2000 stellte das hiesige Veterinäramt Mängel bei Tierhaltung und Dokumentationspflicht fest.
Die Tierbefreiungsbewegung fordert Freiheit und Lebensrecht für alle fühlenden Lebewesen. Gerade die traditionellen Tierschauen werden auch von einer breiteren kritischen Öffentlichkeit zunehmend als das entlarvt, was sie sind: Lebensverachtende Spiele. Die Zeit ist reif, dass Unterhaltung, die auf der Misshandlung von Tieren basiert, nicht mehr toleriert wird! Ermöglicht wird sie durch zahlende Besucher. Deshalb rufen wir zum Boykott auf und laden für Samstag, 14 bis 16 und 18 bis 20 Uhr, für Sonntag, 10 bis 11.30 und 18 bis 20 Uhr zu Demonstrationen am Veranstaltungsort ein.

In einem erneuten Leserbrief, den wir am 20. August dieses Jahres der TAGBLATT-Redaktion zukommen ließen, bezogen wir zunächst Position zur aktuellen Berichterstattung über das Gastspiel des Zirkus Charles Knie und beschrieben dann – wie eingangs geschildert – das Vorgehen des TAGBLATTs in der Vergangenheit. Erneut griff das TAGBLATT nun zum Mittel der Zensur. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Dieses Mal aber wurde der Leserbrief sogar nicht mehr nur bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, die Redaktion weigerte sich schlicht, ihn abzudrucken – mit fadenscheinigen Argumenten: „Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir eine abgeschlossene Diskussion, die an einem zeitlich ziemlich weit zurückliegenden Beispiel geführt wurde, nicht noch einmal aufrollen. Zum einen, weil für die meisten Leser nicht mehr nachvollziehbar ist, worum es überhaupt geht. Zum anderen, weil wir schon damals Ihre angeblich ‚harten, nachprüfbaren Fakten‘ eben nicht nachprüfen konnten und sie deshalb auch nicht veröffentlicht haben“, teilte uns die Redaktion mit.
Diese Argumentation der Zeitung ist eine Farce: Zum einen handelt es sich offensichtlich nicht um eine „abgeschlossene Diskussion“ – vielmehr gibt es ja eine aktuelle Leserbrief-Debatte zur Berichterstattung der Zeitung über Tierhaltung im Zirkus, und da ist es nicht unangebracht, auch auf den Stil der bisherigen Berichterstattung des Blattes zum Thema zu verweisen –, zum anderen hatten wir in unserem Leserbrief vom September 2009 tatsächlich nur harte, nachprüfbare Fakten angegeben; wir hatten ja sogar einen Link genannt, unter dem sowohl die behördlichen Ordnungverfügungen in Bezug auf Mängel in der Tierhaltung, als auch die Verurteilungen mit Aktenzeichen genannt und damit leicht nachprüfbar waren. Dass dies alles irgendeinem Mitarbeiter des Veterinäramts Tübingen einmal gerade nicht präsent ist (obwohl dieses, wie im Leserbrief erwähnt, ja bereits bei einem Gastspiel des Zirkus im September 2000 Beanstandungen hatte), ist nicht weiter verwunderlich. Die genannten Sachverhalte bleiben aber nachprüfbare Fakten und sind keinesfalls leere Beschuldigungen oder gar „üble Nachrede“, wie die Leserbriefredaktion nun, in ihrem auf den 20. August 2010 datierten Brief an uns, behauptet. Wir sehen deshalb keinen Grund, sie einfach wegzulassen, nur noch das vom Leserbrief übrig zu lassen, was eben nicht durch Fakten untermauert ist, und unser Anliegen auf diese Weise zu diskreditieren.
Bei unseren Aktionen gegen Universal Renz im September 2009 haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, konfrontiert mit den dokumentierten Missständen beim Zirkus, umkehrten und die Vorstellung nicht besuchten. Durch die Verstümmelung des Leserbriefs im TAGBLATT wurde den LeserInnen die Mündigkeit genommen, sich selbst ein Bild zu machen; so konnten sie die Fakten nicht nachprüfen, sondern mussten sich auf das Urteil der Redaktion verlassen. Dieses aber war nachweislich falsch! Die Zeitung wäre verpflichtet gewesen, eine Richtigstellung zu drucken. Im Pressekodex heißt es: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.“
Das TAGBLATT findet, sei es bei Universal Renz oder beim Zirkus Charles Knie, kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle.3 Gleichzeitig unterdrückt die Redaktion offensichtlich absichtlich nachprüfbare Fakten durch die massive Kürzung oder das Nicht-Abdrucken von Leserbriefen4 und manipuliert die Meinung der LeserInnen, indem sie etwa statt einer normalen, neutralen Veranstaltungsankündigung – wie es üblich wäre – eine wertende, und vor allem: unser Anliegen abwertende und diskreditierende, Ankündigung unter der Unterschrift „Tierhaltung in Ordnung“ bringt.
Prinzipiell finden wir die im Grunde sehr demokratische Leserbrief-Kultur beim TAGBLATT überaus begrüßenswert; wenn es allerdings zu solchen Manipulationen kommt, hat das mit demokratischer Kultur nicht mehr viel zu tun.

Ergänzung, 24. September 2010:
Der Brief der TAGBLATT-Redaktion vom 20. August an uns endete mit dem Satz: „Selbstverständlich können [Sie] [sic] sich gern kritisch über unsere Berichterstattung über den aktuellen Auftritt des Zirkus Charles Knie in einem Leserbrief äußern, wie das auch andere Leserbriefschreiber getan haben.“ – Wir schrieben also erneut einen Leserbrief. Diesmal wurde der Brief abgedruckt, auch online ist er auf der Seite des TAGBLATTs – hier – einsehbar; wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass, wie das „(. . .)“ hinter dem Satz Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf die Tierhaltung in Zirkussen mehr als einseitig ist zeigt, auch dieser Brief wieder gekürzt wurde, und zwar um den Satz Da die Redaktion sich weigerte, einen Leserbrief von uns, in dem wir das bisherige Vorgehen der Zeitung diesbezüglich öffentlich machen wollten, zu drucken, haben wir die entsprechenden Vorkommnisse nun auf unserer Internetpräsenz beschrieben; sie sind nachzulesen unter asatue.blogsport.de.
Auf Nachfrage teilte uns die Redaktion heute mit, der Absatz mit dem Hinweis auf unsere Homepage sei weggekürzt worden, „weil es sich dabei nicht um eine Meinung, sondern eben um den Hinweis auf eine Homepage“ handle – obwohl der Link zu unserer Internetpräsenz bereits in mehreren unserer Leserbriefe genannt und auch veröffentlicht wurde, sowohl in der Druckausgabe als auch im Online-Angebot des TAGBLATTs.

  1. Der im Artikel hochgelobte Zirkus „Charles Knie“ ist keinesfalls, wie suggeriert, lustige Unterhaltungsmöglichkeit für Jung und Alt, sondern, im Gegenteil, perfide Machtdemonstration des Menschen. Im „artenreichsten Zirkus Deutschlands“ werden zahllose Tiere in vollkommen inadäquater Art und Weise gefangen gehalten und gequält.
    Zirkustiere leiden erwiesenermaßen unter zu engen Käfigen und der konstanten Belastung durch stetes Reisen. Dies zeigt sich an prägnanten krankhaften Verhaltensweisen wie stetigem Im-Kreis-Gehen bei Raubtieren, Hin-und Herschwingen des Kopfes bei Elefanten und so weiter.
    Schon im vergangenen Sommer bot die Stadt Tübingen dem Zirkus „Universal Renz“ ein herzliches Willkommen, bei dessen Tieren die aufgezählten Verhaltensweisen durchweg beobachtbar waren. Will eine Stadt und ihr renommiertes TAGBLATT Tierquälerei und Ausbeutung derart weiter stützen?! Nicht genug der Tatsache, dass derartigen Zirkussen ein Forum geboten wird, sie werden auch noch in propagandistischer Manier von der Tageszeitung beworben.
    Für tierfreie Zirkusse! Jongleure und Artist(inn)en sollten sich auf eigene Kunstfertigkeit berufen und nicht auf durch Zwang abgerichtete Tiere!

    19. August 2010, Manuel Angermann, Tübingen.

    Sehr geehrte Frau Kurz, (. . .) Leider ist es wohl noch nicht bis zu Ihnen vorgedrungen, dass Tiere (insbesondere Exoten) in Zirkussen nicht ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen können. Frau Kurz, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, bei Ihrem Artikel handelt sich um einen PR-Beitrag für den Zirkus Knie.
    Zirkus ist kein Spaß für Tiere! Das haben die Regierungen von vielen zivilisierten Ländern (Österreich, England, Dänemark, Finnland und andere) längst erkannt und die Wildtierhaltung in Zirkussen verboten beziehungsweise stark eingeschränkt.

    25. August 2010, Tina Schrade, Oberndorf.

    (. . .) Auch der begeisterte Bericht von Frau Kurz (. . .) ist grauenhaft! Als ehemaliger Biologielehrer bin ich bestürzt über die Unwissenheit und fehlende Empathie von Frau Kurz. Im Vorwort des Lehrplans Biologie steht sinngemäß: „Ein wichtiges Ziel ist, Schüler und Schülerinnen zur Achtung vor der Natur und deren Lebewesen zu erziehen.“ Dieser Auftrag an Lehrer und Eltern wird durch den Artikel ins Gegenteil verkehrt!
    Wer auch nur die geringste Ahnung vom Verhalten und den Bedürfnissen von Tieren hat, kann nur entsetzt sein! Ich will nicht näher eingehen auf den Dauerstress bei „geschmetterten Hits von Lady Gaga“, auf die unerträgliche Haltung und den Transport der bedauernswerten Geschöpfe. Frau Kurz unterstützt begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren, die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt.
    Weit schlimmer ist jedoch, dass das Bemühen von Lehrern und Eltern, ihre Kinder zu ermutigen, dabei mitzuhelfen, endlich solchem tierquälerischem Treiben ein Ende zu machen, durch Glorifizieren einer „perfekten Show“ zerstört wird. Ein Lob den Eltern, die mit ihren Kindern an einer solchen „Reise um den Globus“ nicht teilnehmen (bei der ja leider Elefanten fehlen und das Känguru nur über eine niedrige Hürde hüpfen muss)!
    Wann endlich begreifen Frau Kurz und alle Besucher, dass der Missbrauch von Tieren zur Belustigung von Menschen ein Verbrechen ist? Ich habe in Tübingen auch Zirkusse besucht, die ohne Tiere die Zuschauer begeisterten. (. . .)

    25. August 2010, Roland Sinn, Bodelshausen. [zurück]

  2. http://www.presserat.info/uploads/media/Pressekodex_01.pdf [zurück]
  3. Auszüge aus der Berichterstattung: „In der Pause bereits dürfen die Besucher die 78 Tiere des Zirkus unter freiem Himmel ansehen, sie zum Teil sogar streicheln und füttern – die tonnenschweren Elefantendamen Maya, Baby und Mausi beispielsweise. Unterdessen machen die frechen Lamas lange Hälse und schnappen nach allem, was in ihre Nähe kommt. Besonders stolz ist Zirkusdirektor Renz auf den zweieinhalb Monate alten Nachwuchs seiner sibirischen Tiger, die im Käfig mit ihrer Mutter tollen.“ – „Den wasserliebenden Tieren soll es an nichts mangeln.“ – „Tatsächlich: Wer etwas von Pferden versteht, sieht, dass es den Friesen gut geht, die auf einem umzäunten Stück Wiese grasen.“ [zurück]
  4. Hierzu heißt es im Pressekodex: „Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt“, und: „Änderungen oder Kürzungen von Zuschriften ohne Einverständnis des Verfassers sind grundsätzlich unzulässig. Kürzungen sind jedoch möglich, wenn die Rubrik Leserzuschriften einen regelmäßigen Hinweis enthält, dass sich die Redaktion bei Zuschriften, die für diese Rubrik bestimmt sind, das Recht der sinnwahrenden [!] Kürzung vorbehält. Verbietet der Einsender ausdrücklich Änderungen oder Kürzungen, so hat sich die Redaktion, auch wenn sie sich das Recht der Kürzung vorbehalten hat, daran zu halten oder auf den Abdruck zu verzichten.“ [zurück]

Aufruf zu Demonstrationen gegen den Zirkus Universal Renz

Von 3.-6. September gastiert der Zirkus Universal Renz in Tübingen. Dabei handelt es sich um einen besonders berüchtigten „Skandalzirkus“.
Universal Renz ist nicht nur bekannt für den katastrophalen Umgang mit den Tieren, sondern auch für besondere Härte im Vorgehen gegen Menschen, die diese Zustände anprangern. In diesem Zusammenhang wurde Zirkusdirektor Daniel Renz 1995 und 2000 wegen Körperverletzung, 2007 wegen Beleidigung und im April 2009 wegen versuchter Nötigung zu Geldstrafen verurteilt. Im Mai 2009 versuchte in Hannover ein Zirkus-Mitarbeiter, Tierschützer mit einem LKW anzufahren; während dieser Tat applaudierten die versammelten ZirkusmitarbeiterInnen. Ein Strafverfahren wegen versuchter Körperverletzung wurde eingeleitet. Bereits beim letzten Gastspiel in Tübingen im Jahr 2000 stellte das hiesige Veterinäramt Mängel bei Tierhaltung und Dokumentationspflicht fest.
Die Beanstandungen der Veterinärämter und die gegen Renz erlassenen Ordnungsverfügungen sind überaus zahlreich. Die Organisation PeTA – von der wir uns als Gruppe ansonsten aufgrund sexistischer und holocaustrelativierender kulturindustrieller Kampagnen distanzieren – hat alle bekannten Vorkommnisse gesammelt.
Beim Zirkus Universal Renz ist vor allem viel Fantasie – etwa der Mythos von „artgerechter Tierhaltung“: Universal Renz wirbt mit „hohe[n] qualitative[n] Standards […], die die artgerechte Haltung aller Tiere im Universal Renz gewährleisten.“ Weiter will der Zirkus sein Publikum mit folgender Aussage beruhigen: „In allen Bereichen der Versorgung, Pflege und Unterkunft unserer Tiere überschreiten wir die Anforderungen der vom Verbraucherministerium herausgegebenen Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Circusbetrieben.“
Doch nicht einmal diese dürftigen Leitlinien, die nur ein Mindestmaß an Tierschutz in Zirkusbetrieben gewährleisten sollen, werden erfüllt. Die Tierfreunde e.V. berichten von Recherchen im Zirkus Universal Renz, die die Haltung als „katastrophal“ bezeichnen und beobachteten Tiere, u.a. die Elefanten und Tiger, mit erheblichen Stereotypien und Verhaltensstörungen (stundenlang anhaltende Bewegungsabläufe wie z.B. Kopfdrehen, hin und herlaufen in festen Bahnen). Zuletzt im Januar 2009 fand eine Tierärztin des Veterinäramtes des Kreises Borken bei einer Kontrolle massive Tierschutz- und Sicherheitsmängel vor. Daniel Renz, Direktor des Zirkusses, drohte der zuständigen Veterinärin. Bei einer Nachkontrolle durch das Veterinäramt wurde dann tatsächlich Gewalt gegen die zuständige Veterinärin angewandt, indem ihr ihre Kamera gewaltsam entwendet wurde, als sie Mängel fotografieren wollte. Daniel Renz wurde wegen Nötigung verurteilt, da er durch Androhung zukünftiger Gewaltanwendung weitere Kontrollen durch die dafür zuständige Veterinärin verhindern wollte.
Die Haltung von Tieren in Zirkussen kann niemals „artgerecht“ sein. Extremer Raum- und Bewegungsmangel, unnatürliche und gelenkschädigende Kunststücke, ständiger Ortswechsel, häufige Transporte und ungeeignete klimatische Verhältnisse belasten die Tiere stark. In fast allen Zirkussen und Zoos sind bei Tieren Stereotypien und Selbstverstümmelungen zu beobachten. Dies sind Symptome für Stress und Langeweile.
Recherchen der Tierfreunde e.V., PeTA, und selbst BesucherInnen des Zirkusses deuten auf Anwendung von Gewalt gegen die Tiere des Zirkusses Universal Renz. So Tanja Günther, Vorstandsmitglied der Tierfreunde e.V.: „Die Elefantenkühe „Maya“, „Mausi“ und „Baby“ zeigten bei Proben extremes Droh- und Fluchtverhalten, waren nervös und verstört […].“ Weiter berichtet sie von Trainingsmethoden während der Proben, die von Gewalt beherrscht gewesen seien: der ständige Einsatz von Elefantenhaken und Peitschen spreche nicht für Vertrauen zwischen Zirkustieren und Dompteuren, sondern zeuge davon, dass hier mittels Gewalt die Tiere gefügig gemacht werden sollen, um zweifelhafte „Kunststücke“ in der Manege aufzuführen.
Tiere sind keine Objekte. Sie sind schon gar nicht zum Zweck unserer Belustigung da. Nichtmenschliche Tiere, genauso wie der Mensch, haben ein Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung. Ein Leben in Gefangenschaft und unter ständiger Beherrschung durch Dompteure kann ihnen dies niemals gewährleisten.

In einer Zeit, in welcher der Mensch mehr Vergnügungsmöglichkeiten hat denn je, sollte die Unterhaltung auf Kosten unfreiwilliger Tierakteure längst abgelehnt und abgeschafft werden. Erfolgreiche tierfreie Zirkusse wie der „Cirque du Soleil“ oder der Zirkus „Flic Flac“ sind ein vorbildliches und lobenswertes Beispiel dafür. Es liegt an uns allen als potentielle BesucherInnen von Zirkussen, den Missbrauch von Tieren für unsere Belustigung abzulehnen und abzuschaffen.
Wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, rufen daher dazu auf, Zirkusse mit Tierhaltung zu boykottieren, denn ohne Publikum keine Vorstellung! Artgerecht ist nur die Freiheit! Die Tierbefreiungsbewegung fordert Freiheit und Lebensrecht für alle fühlenden Lebewesen. Gerade die traditionellen Tierschauen werden auch von einer breiteren kritischen Öffentlichkeit zunehmend als das entlarvt, was sie sind: Lebensverachtende Spiele. Die Zeit ist reif, dass Unterhaltung, die auf der Misshandlung von Tieren basiert, nicht mehr toleriert wird!
Wir begrüßen ausdrücklich die bisher von unabhängigen AktivistInnen der Tierbefreiungsbewegung durchgeführten Aktionen im Vorfeld der Zirkus-Aufführungen (z.B. wurden bereits massiv Werbeplakate für die Aufführungen entfernt oder überklebt mit großen gelben Aufklebern, auf denen „Abgesagt wegen Tierquälerei“ zu lesen ist).
Außerdem laden AntiSpe Tübingen und unabhängige AktivistInnen für Samstag von 14 bis 16 und 18 bis 20 Uhr, für Sonntag von 10 bis 11.30 und 18 bis 20 Uhr zu Demonstrationen am Veranstaltungsort ein.


Aktuelle Aufnahmen von den Haltungsbedingungen der Tiger in Tübingen (31.8.09). Sie leben in viel zu kleinen Käfigen und legen offenkundige psychische Störungen wie stetiges unruhiges Gehen auf ewig gleichen Kreisen an den Tag.




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