Archiv der Kategorie 'Zu Pressezensur'

Jede Wahrheit braucht…



Es ist auffällig, dass Image-Werbekampagnen häufig mit dem genauen Gegenteil der offensichtlichen Tatsache werben. So auch die „Bild“, welche mit dem Spruch „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“ warb, obwohl oder gerade weil sie kaum für wahrheitsgetreue Artikel bekannt ist. Als nur ein Beispiel sei die nachgewiesene, verdeckte Wahlwerbung für die CDU/CSU im Allgemeinen und 2002 für Edmund Stoiber und 2005 für Angela Merkel im Speziellen genannt, obwohl das Blatt, mit „überparteilich“ überschrieben, sich davon distanzieren müsste.1

Wenn es aber um Mutige geht, die es braucht um Wahrheiten auszusprechen, drängen sich in den letzten Jahren vor allem drei Personen auf: Chelsea Manning, Julian Assange und Edward Snowden. Alle drei haben der Öffentlichkeit wichtige Informationen über die Kriegsverbrechen und die Überwachungspraktiken westlicher Mächte, allen voran USA aber auch Großbritannien, weitergegeben. Dafür werden sie von der us-amerikanischen Regierung mit aller Gewalt verfolgt. Chelsea Manning (sie hieß derzeit noch Bradley Manning) veröffentlichte Aufzeichnungen von Kriegsverbrechen der US-Armee in Afghanistan im Internet und wurde dafür erst von der US-Armee gefoltert, dann von den Massenmedien gedemütigt und schließlich von der us-amerikanischen Justiz zu 35 Jahren Haft verurteilt. An einer Kampagne zur Freilassung Mannings beteiligten sich viele Berühmtheiten wie Pink Floyd-Bassist Roger Waters, Rage against the Machine-Gitarrist Tom Morello und die kommunistische Bürgerrechtlerin Angela Davis, jedoch ohne große Aussichten auf baldigen Erfolg. Die Kampagnenseite findet sich hier.

Die Veröffentlichung der us-amerikanischen Kriegsverbrechen wurden durch Wikileaks und Menschen wie Julian Assange möglich. Assange, als prominente Person und Sprecher von Wikileaks kamen so ins Fadenkreuz der US-Regierung. Als diese jedoch keine Möglichkeit fand Assange anzuklagen, schließlich hat dieser und Wikileaks sehr darauf geachtet, die Veröffentlichung zu ermöglichen und zu erleichtern, aber nicht selbst illegale Handlungen dabei zu begehen, fanden sie eine andere Möglichkeit in zu Verfolgen: Sie fanden, oder wahrscheinlich eher, erfanden, genaueres ist nicht bekannt, einen Fall der sexuellen Nötigung welche Assange in Schweden begangen haben soll. Julian Assange stellte sich daraufhin, im Jahre 2012, der englischen Polizei, denn er lebte derzeit in London. Als jedoch trotz seiner Überzeugung seiner Unschuld eine Auslieferung nach Schweden bevorstand, flüchtete er in die ecuadorianische Botschaft in London, wo er Asyl beantragte. Seither lebt er von der englischen Polizei gut bewacht in der ecuadorianischen Botschaft eingesperrt, denn zwar akzeptierte Ecuador seinen Asylantrag, die englische Regierung, wie immer der us-amerikanischen treu, verwehrt ihm jedoch die Ausreise.

Die bisher spektakulärste Veröffentlichung macht sicher Edward Snowden, der das seit Jahren nur als Gerücht und „Verschwörungstheorie“ bekannte Faktum der totalen Überwachung aller digitalen Kommunikation weltweit durch den us-amerikanischen und durch den britischen Geheimdienst schwarz auf weiß beweisen konnte. Barack Obama, die us-amerikanische und die westeuropäischen Regierungen begannen eine wütende Hetze und erbarmungslose Jagd auf Snowden für diesen „Geheimnisverrat“. Dafür waren sie sich nicht einmal zu schade, den Präsidentenjet des bolivianischen Präsidenten Evo Morales, als dieser sich von einem Treffen in Moskau, Snowdens derzeitigem Aufenthaltsort, zurückkehren wollte, obwohl diese Jets als fliegende Hoheitsgebiete gelten, zur Landung zu zwingen und nach Snowden zu durchsuchen. Snowden war es jedoch in einer spektakulären Verfolgungsjagd gelungen in Moskau Asyl zu erlangen und dort unbehelligt vom Zugriff der USA zu leben. Dass sogar seine Lebensgefährtin ihm dorthin folgen konnte, verleiht dem z.Zt. in den Programm-Kinos laufenden Doku-Thriller Citizen Four ein Happy End. Für Snowden läuft derzeit eine Kampagne, die Druck aufbauen soll, dass im Asyl in Deutschland gewährt wird, was sehr unwahrscheinlich ist, schließlich wäre das gar nicht im Willen der hiesigen Herrschenden, aber zur Öffentlichkeitsarbeit nutzt.

Das Beeindruckende an den Geschichten dieser HeldInnen ist vor allem, dass erst sie und dadurch weitere Millionen von Menschen ihre Illusion über die „guten“ Absichten ihrer eigenen Regierung und ihres eigenen Staates verloren. Schließlich wird fast überall über die Unanehmlichkeiten kapitalistischer Herrschaft immer wieder mit der Lüge hinweggetäuscht, zuhause sei es immer noch besser als anderswo. Und plötzlich werden Staaten, die immer als „böse“, „unfrei“, „diktatorisch“… usw. gebrandmarkt werden, und das oft nicht ohne Anlass, immerhin in diesem Zusammenhang zu Akteuren, die zur Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit beitragen. Der ideologische Lack von USA, EU, NATO und Co blättert weiter.

Darum sollten wir diese drei Staatsfeinde der mächtigsten Militärnation der Welt und ihrer europäischen Verbündeten, Deutschland dabei natürlich eingeschlossen, feiern! Wünschen wir Chelsea Manning die möglichst baldige Freilassung, Julian Assange die Möglichkeit bald die Botschaft in Freiheit verlassen zu können und Edward Snowden die Möglichkeit auch Zukunft in zahlreichen Länden Asyl gewährt zu bekommen. Am meisten würden sich die drei aber vielleicht auch wünschen dass so viele ihrem Beispiel folgen, dass die Bemühungen der Geheimhaltung durch die Geheimdienste und anderen Herrschaftsinstitutionen zwecklos werden. Denn nur so kann eine Welt von Freiheit und Gleichheit erkämpft werden.



Logo von und Link zu Wikileaks

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Bild_%28Zeitung%29#Implizite_Wahlwerbung_f.C3.BCr_die_Unionsparteien [zurück]

Wie Medienpropaganda funktioniert und das erfolgreiche Blockupy-Festival


Kulturindustrielle Symbole benutzen: Blockupy ergänzt traditionelle Mittel der Demonstration wie Transparente und Fahnen mit neuen, wie bebilderten Umzugskartons, bemalten Regenschrimen und veränderten Stand-Ups.

„Gelungener und fast vollständig friedlicher Protest, wenn auch ein wenig zu sehr auf der symbolischen Ebene geblieben.“ So würden vielleicht die meisten Teilnehmenden der Aktion des Blockupy Festival 2014 die Aktion am neuen Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB) beschreiben.
Am Samstag den 22.November, dem Aktionstag des Blockupy Festivals, hatten 3000 Menschen sich auf eine Demonstration von der Paulskirche bis zum neuen EZB-Gebäude begeben, um gegen die tödliche Austeritätspolitik der Troika und die kapitalistischen Verhältnisse insgesamt zu demonstrieren. Mit dabei hatten sie neben den üblichen Transparenten und Regenschirmen auch Umzugskartons, die sie vor das Gebäude stellen wollten, bemalt mit dem was auf den „Müllhaufen der Geschichte gehörte“ aber von der EZB-Politik produziert wurde: Armut, Niedriglohn, Krankheit und fehlende Medikamente, Altersarmut und Spät-Rente, aber auch Massentierhaltung und Schlachtfabriken. Vor Ort wurden aber die Kartons nicht nur niedergelegt, sondern auch von ca. 100 Aktivistinnen* genutzt um über das Tor vor dem Gebäude zu springen, direkt vor dem Gebäude zu demonstrieren und Farbeier gegen den Prunkbau zu werfen. Das war sicherlich legitim und klüger, als zu versuchen das Gebäude zu demolieren, letzteres aber wäre angesichts der wohl vielen Tausend Toten, die die Politik der EZB vor allem in Südeuropa bereits forderte (etliche Selbstmorde aus Verzweiflung, Tod durch Medikamente, die sich die Betroffenen nicht mehr leisten konnten, frühzeitiges Ableben von Renterinnen wegen fehlender Versorgung und Arbeitsunfälle wegen Überarbeitung und fehlender Arbeitssicherheit, durch die Krisenpolitik obdachlos Gewordene die erfrohren usw.) angemessen gewesen wäre.

Nachdem die Demonstrantinnen 20 Minuten vor dem Gebäude mit Transparenten posierten, verließen sie auf Aufforderung der Polizei das Gelände auch wieder völlig freiwillig. In Anbetracht der Blockupy-Demonstrationen 2012 und 2013, wo die Polizeileitung das Versammlungsrecht illegalerweise außer Kraft setzte, was die Gerichte im Nachhinein bestätigten und einen Sturm von Entrüstung in der Öffentlichkeit auslöste, also eine sichtliche Besserung. Der Pfeffersprayeinsatz vor dem Tor wurde aus Sicht vieler Demonstrantinnen dann ohne jeden Sinn von der Polizei vom Zaun gebrochen.

Bei den bürgerlichen Medien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung klingt das jedoch ganz anders: Bereits in den Überschriften ist von Verletzten und Verhafteten die Rede. Es sei ein großes Glück, so die FAZ, dass die Polizei nicht schwer verletzt worden sei. Tatsächlich wurden 3 Menschen nach der Aktion verhaftet, es gab bei den Aktivistinnen ca. 20 Verletzte durch den Pfeffersprayeinsatz und 5 mit Handverletzungen durch das Überklettern des Zaunes; die Polizei spricht von 9 verletzten Beamten, wobei berücksichtigt werden muss, dass dabei auch oft die durch das eigene Pfefferspray ‚Verletzten‘ mitgezählt werden.

Die Kniffe der bürgerlichen Presse und anderen Medien sind bekannt:
1. Erstmal wird die Anzahl der Demonstrantinnen immer reduziert (so spricht die Polizei hier von nur 2000 Demonstrantinnen), auch wenn eigenhändige Zählungen fast immer näher an die Zahlen der Veranstalterinnen kommen bzw. diesen entsprechen.
2. Dann wird die Aktion hauptsächlich aus Sicht der Polizei dargestellt, vereinzelt aber auch am Rande die Perspektive der Demonstrantinnen kurz erwähnt. Das weckt einerseits den Eindruck, es wäre keine einseitige Darstellung und dennoch sympathisiert die Leserin hauptsächlich mit der Polizei.


Etwa 100 Aktive überklettern das Tor und stellen sich direkt vor die neue EZB. Die Polizei ist sichtlich überfordert.

3. Wird den Inhalten, die auf der Demonstration vermittelt werden, kaum Raum gegeben und wenn, dann wird doch einem „Experten“, der natürlich wenig mit den Zielen der Demonstration sympathisiert sondern die etablierten Verhältnisse verteidigt, hinlänglich die Möglichkeit gegeben, die Inhalte zu relativieren. Im Falle der Süddeutschen attestiert ein als „Politikwissenschaftler“ geadelter Kritiker der Bewegung, dass ihre Aktivitäten sinnlos seien und sie kaum noch Leute mobilisieren könnten. Tatsächlich kann aber von einer „Krise der Bewegung“, wie der Politikwissenschaftler Peter Grottian der Süddeutschen erzählt, nicht die Rede sein. Immerhin rechnete die Polizei mit 1000 Demonstrantinnen und es kamen dreimal soviele, obwohl die Demonstration im Gegensatz zu den letzten Jahren, viel weniger im Schwerpunkt der Mobilisierung lag, da dieses Jahr die Diskussionen, Workshops und Arbeitsgruppen das Zentrum des „Festivals“ bildeten. Natürlich dürfen auch die Konzerte, das Theaterstück und die Filmvorführungen, die dem Wochenende zumindest ein wenig den „Festival-Anstrich“ verpassten, nicht unerwähnt bleiben.


Auch Tierbefreier*innen haben es über den Zaun und direkt vor die EZB geschafft. (Da ev. strafrechtlich relevant sind hier die Gesichter und Merkmale besonders verschwommen.)

Dass die Presselandschaft und auch die entsprechenden Internetseiten und Fernsehsender so gleichgeschaltet wirken, garniert mit kleinen Körnchen von Kritik im Rahmen einer „Repressiven Toleranz“ (Herbert Marcuse) um sich doch noch als Medien von demokratischer Qualität zu präsentieren, haben wir zuletzt in unseren „Gedanken zum 9.November“ festgestellt. Wie kommt es aber zu dieser inhaltlichen Gleichschaltung? Wilde Verschwörungstheorien kranken immer an konkreten Beweisen und kommen meist zu absurden Feststellungen. Aber ist es wahrscheinlich, dass die Medien uns nur das vorsetzen, was sich verkaufen lässt und so was die Menschen hören wollen? Das gilt sicher für das eine oder andere Beispiel von Sensationsjournalismus, damit lässt sich aber keine bestimmte politische Position der Medien erklären. Tatsächlich werden immer wieder einzelne Strukturen, die zu solchen Gleichschaltungs-Wirkungen führen entdeckt und veröffentlicht:

In einer schon legendär gewordenen Folge der Satire-Serie „Neues aus der Anstalt“, wo tatsächlich in den öffentlich-rechtlichen Medien ein paar kritischen Geistern erlaubt wird, die unbequeme Wahrheit über die herrschenden Verhältnisse auszusprechen, solange sie lustig ist und als „Satire“ nie wirklich ernst genommen wird, wurde die Verbindung von Nato-Lobbyorganisationen und der Presse veröffentlicht:


Die dahintersteckende Recherche stammt von Uwe Krüger, welcher mit einer Netzwerkanalyse das Umfeld von 219 Journalistinnen von Leitmedien (also große Zeitungen wie Zeit, Welt, Bild, Spiegel, Süddeutsche, FAZ, usw.) untersuchte und feststellte, dass jede über dritte informelle mit den Eliten der Wirtschaft (Konzerne) und Politik (herrschende Parteien) verwoben war und sogar jede vierte mit Nato-Lobbyorganisationen. „Verwoben“ heißt, dass diese Journalistinnen Mitglieder, Vorstände usw. in diesen Nato-Lobbyorganisationen sind. So sind 16 Journalistinnen als Sprecherinnen und Entscheiderinnen beim World Economic Forum (WEF) in Davos aktiv, sieben bei der Nato-“Sicherheitskonferenz“ in München und sechs bei der Nato-Lobbygruppe Atlantikbrücke. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Um darüber zu berichten sind viel mehr Journalistinnen bei den großen Events vor Ort; hier geht es tatsächlich um Mitgliedschaft.

In einer anschließenden Frame-Analyse untersuchte Krüger die Inhalte des Veröffentlichten dieser Journalistinnen und stellte fest, dass sie inhaltlich in umstrittenen Fragen fast ausschließlich mit der Position der Eliten übereinstimmten und diese widergaben, z.B. bei der Definition von Sicherheit oder dem Afghanistan-Einsatz. In einer abschließenden inhaltsanalytischen Untersuchung der Berichterstattung über die Münchner Nato-“Sicherheitskonferenz“ belegt Krüger, dass von fünf großen Leitmedien die drei besonders elite-nahen FAZ, die Süddeutsche und die Welt im Grunde direkte Propaganda für die Nato und deren Spitzen betreiben: Der Diskurs der Eliten wird ausführlich dargelegt, die Gegnerinnen der Konferenz und die Teilnehmerinnen der Gegenveranstaltung „Münchner Friedenskonferenz“ werden diffamiert.
Insgesamt belegt Uwe Krüger, dass alle Leitmedien, denen Verbindung zu den Nato-Lobbygruppen nachgewiesen wurde z.B. in Sachen Nato-Kriege keinerlei Gegenposition darstellen. Sogar die Frankfurter Rundschau und die TAZ, denen als einzige der Leitmedien keine Verbindung nachgewiesen werden konnte, stellen in diesen Fragen keine Gegenposition dar. Lediglich fünf Artikel fand Krüger in diesen beiden Medien, die teilweise die Nato-Politik kritisierten.

In der Folge der Anstalt wird demnach völlig zurecht attestiert: „Dann sind ja diese Zeitungen [also alle großen deutschen Zeitungen, Anm.d.Red.] nichts anderes als die Lokalausgaben der Nato-Pressestelle.“ Dort wird zudem noch der skandalöse Fall aufgedeckt, dass Jochen Bittner in seiner Tätigkeit bei der Nato-Lobbyorganisation „German Marshall Fund of the United States“ an der Rede von Joachim Gauk mitarbeitete, über die er anschließend als Journalist der Zeit positiv berichete, ohne dabei seine Mitarbeit an der Rede zu erwähnen versteht sich. Natürlich war die Rede ein Aufruf an die deutsche Bevölkerung mehr Kriegseinsätze zu befürworten und zu akzeptieren.


Das alles wurde auf einem Vortrag des Kongresses des Informationstelle Militarisierung (IMI) von Claudia Haydt ausführlich dargelegt. In einer Welt, wo die Herrschenden, also gerade diese Eliten der Wirtschaft, die sich Partner in der Politik und wie dargelegt auch allen herrschenden Medien aufbauen, sind solche Informationsveranstaltungen wie der IMI-Kongress, oder auch die kontinierliche Arbeit der IMI, Gold wert. Fast nirgendwo sonst wird die Bewegung des europäischen, vor allem des deutschen, Militärs so gut beschrieben und dargelegt, wie Eliten die Militarisierung nach außen und innen vorantreiben; letzteres vor allem im Hinblick auf eine Vielzahl politische Entscheidungen, die in Zukunft getroffen werden wollen und die einer großen Masse der Bevölkerung nicht passen wird und die mit paramilitärischen Gendarmerie-Einsätzen und Riot-Cops niedergeschlagen werden muss.
In dem erwähnten Vortrag wurde das Funktionieren der (Kriegs-)Propaganda noch genauer beschrieben. Dies beschrieb sie mit sieben Punkten:
1. Angst erzeugen. Beispiele sind Bild-Titel wie „Wann stoppt die Welt endlich Putin?“ oder Spiegel-Titel wie „Stoppt Putin jetzt!“. Die Ängste der Bundesdeutschen müssen von den Medien aber noch bearbeitet werden, um wirklich Kriege gut rechtfertigen zu können, schließlich ist die Angst vor hohen Lebenshaltungskosten und Krankheit noch höher im Umfragekurs, die Angst vor Terrorismus wurde aber immerhin schon auf Platz 8 in den Umfragen gebracht.
2. Aufmerksamkeit steuern. Dabei wird von einem „medialen Tunnelblick“ gesprochen, der sich auf 2-3 Themen sehr konzentriert und über alles andere fast gar nicht berichtet. Ein Element ist das pseudo-erleben in Echtzeit, das ständige Berichten über „spannende“ Details, die sich eben ereignen, z.B. einzelne Schläge der Luftwaffe Assads gegen die FSA. Auch die mediale Zuspitzung spielt dabei eine Rolle, wie z.B. die TAZ-Überschrift: „Eingreifen jetzt in Syrien!“.
3. Verzerrung und Formatierung im Diskurs. Dafür werden Worte als Flaggen für Gut und Böse ins Spiel gebracht. So sind als „Freiheitskämpfer“ bezeichnete Bewaffnete immer die „guten“, während die, die als „Terroristen“, „Fanatiker“, „Separatisten“ bezeichnet werden immer die „bösen“ sind. In de Ost-Ukraine z.B. wurde nie gefragt, ob die Bewaffneten dort wirklich Separatisten sind, oder ob sie andere Ziele haben. Positiv-Marker sind dann „Freiheit“, „Demokratie“, „Frauenrechte“, „Sicherheit“, egal was genau damit bezeichnet wird und ob z.B. mit „Sicherheit“ nicht ein Polizeistaat beschrieben wird oder mit „Demokratie“ ein Staat voller resignierter, unpolitischer Bürgerinnen. Negativ-Marker sind „Kommunisten“, oder sobald eine Regierung als „Regime“ bezeichnet wird, unabhängig wieder von den jeweiligen Inhalten.
4. Lügen und Täuschen. Dabei wird die eigene Verantwortung für Konflikte ausgeblendet, z.B. wie der Aufbau der Al-Quaida durch die CIA nie wieder erwähnt wurde. Ergänzt wird das durch Zensur, Selbst-Zensur und Einseitigkeit. Ein Beispiel dafür ist das Wegfallen der und starke Zensieren in den Kommentarspalten der Internetseiten der großen Medien. Auch Leserbriefe werden immer mehr zensiert, wie im Tübinger Tagblatt seit einiger Zeit nur noch Leserbriefe abgedruckt werden, die sich auf einen regionalen Artikel im Tagblatt beziehen. Neue Inhalte durch Leserinnen? Meinungen zu überregionalen Themen? Nicht erwünscht.
Die klassischen Kriegslügen dürfen dazu natürlich auch nicht fehlen, seien es die Brutkästen in denen Saddam Hussein angeblicht Kleinkinder töten ließ, was behauptet wurde um den zweiten Irak-Krieg zu legitimieren, oder die Massenvernichtungswaffen, die er angeblich versteckt hatte, welche den dritten Irak-Krieg bei der Bevölkerung beliebt machen sollte.
5. Barbaren sind immer die anderen. Eigene Kriege sind dann natürlich keine „Kriege“, sondern „Missionen“, „Einsätze“ usw. und der Angriff der Gegnerinnen ist, in völliger Verkennung von dem was „Krieg“ bedeutet ein „feiger Hinterhalt“ (Angela Merkel). Auch der „Mutbürger in Uniform“ (Joachim Gauck), der gegen die „barbarischen Gegner“ kämpft ist ein Propaganda-Begriff, der zur Heroisierung der eigenen und Diffamierung der anderen dient.
6. Schnell gewonnene Kriege. Nicht zuletzt ist die Ankündigung von kurzen Einsätzen wichtig für die Kriegslegitimation, so würde angeblich das Mandat von 6 Monaten in Afghanistan „locker“ außreichen, um den Einsatz zu beenden. Wir kennen die Realität.
7. Diskreditierung der (Kriegs)Gegnerinnen. Vor allem die Marginalisierung als „wenige“ oder „ein paar Spinner“ ist hier von Bedeutung, wie die Süddeutsche oben anführte, natürlich ohne zu Erwähnen wie wenige sich für die Projekte der Herrschenden vor den Propaganda-Feldzügen begeistern können (siehe z.B. Stuttgart 21). Des weiteren Werden die Gegnerinnen ins moralische Abseits gedrängt, indem sie als „Feiglinge“, „Drückeberger“, „Navie“ oder „Gutmenschen“ bezeichnet werden. In der Kriegsvorbereitung sind vor allem Begriffe wie „5. Kolonne des Feindes“ oder im konkreten Fall „Putinversteher“ zu abwertenden Begriffen geworden. Dazu wird auch die Umkehr der Beweislast bemüht: Die, die nicht schießen wollen, die nicht ein verrücktes Großprojekt oder eine Freihandelszone wollen usw. sollen sich rechtfertigen.
Solche Manipulationstechniken in das Bewusstsein möglichst vieler Menschen zu bringen kann dazu beitragen sie unwirksam zu machen. Außerdem gilt es die bekannt gewordene Macht der Wirtschaft auf die Medien zu skandalisieren.
Aber wie ist es möglich dass die beschriebene Aufdeckungen nicht zu einem bundesweiten Skandal werden, sondern nur im Internet überhaupt diskutiert werden? Die Antwort gibt eben dieser eigentliche Skandal selbst: Die Zeitungen, auch die kleineren, gehören zu 80% sechs großen Medienkonzernen (siehe isw-Heft: „Macht der Medien“). In Deutschland gilt das Recht, dass die Besitzerin eines Mediums auch bestimmen darf, was da drin steht (ebd.). Daraus folgt also zumindest, dass keine Zeitung sich wirklich gegen die Macht der Reichen und Konzerne äußern kann, da Reiche und Konzerne ihre Inhalte festlegen dürfen.


Auch Diskussionen, wie hier um die Frage, ob und in wie fern die Linke Einheit bräuchte, prägten das Blockupy Festival.

Zudem ist die idealistische (im Sinne von „ideologische“) Weltsicht, die hier immer wieder durch alle herrschenden Sozialisations- und Medieninstanzen gepredigt wird, ein Teil des Problems: Es herrscht tatsächlich der Glaube vor, auch bei einseitiger Medienberichterstattung könne sich die kritische Leserin ihre ganz eigene Meinung bilden. Das ist aber offensichtlich nur sehr begrenzt der Fall: Klar können wir ein- oder mehrmaligen einseitigen Darstellung kritisch begegnen, bei der ständigen Widerholung in allen Medien jedoch, ist die Bildung einer kritischen Meinung unglaublich schwierig geworden. Einige linke Medien, wie die Analyse und Kritik, die Direkte Aktion, die Graswurzelrevolution und die junge welt, tun ihren Anteil.


Ein Konzert mit der Rap-Combo ticktickBOOM aus Berlin im faites votre jeu, einem ehmaligen historischen Gefängniss, welches zugleich selbstverwalteter Veranstaltungsraum wie Museum ist, bildete den Abschluss des Festivals.

Die Darstellung der Medien als „inoffizielle vierte Gewalt“ der Demokratie ist heutzutage vollkommen untertrieben. Die Medien haben eine enorm zentrale Stellung in einer Demokratie. Sie können maßgeblich beeinflussen wie die Menschen über was denken, welche Themen sie beschäftigen wird und von welchen sie gar nichts mitbekommen und vor allem: Welche Seite in einem Konflikt sie verstehen können, weil sie außreichend Raum zur Darlegung ihrer Position bekommt und welche Seite „es übertreibt“, „unvernünftig“, „gierig“, „gefährlich“ usw. ist!
Zusammengefasst lässt sich also auch heute empirisch beweisen, was Marx und Engels vor über 150 Jahren in der deutschen Ideologie geschrieben hatten: Die herrschenden Gedanken einer Epoche sind immer die Gedanken der herrschenden Klasse, weil diese die Mittel zu ihrer Produktion in den Händen hält.
Wir müssen daher versuchen, mit allen Mitteln daran etwas zu ändern, vielleicht vorerst durch Aufklärung über diesen Missstand; langfristig müssen kritische und pluralistische Gruppen jedoch an die Medienmacht gelangen, wenn wir eine tatsächliche Demokratie erreichen wollen.
Die Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes, so wurde am Wochenende bekannt gegeben, ist am 18. März 2015. Blockupy wird versuchen diese zu Verhindern oder wenigstens in die Feierlichkeiten zu intervenieren. Wir werden so oder so auf jeden Fall dann wieder dabei sein und hoffentlich ihr auch!

* Wir verwenden das generische Femininum, also die grammatikalisch weibliche Form, wenn wir alle Geschlechter, ob Frauen, Männer, Intersex, Trans oder Bio, weil schon lange genug Frauen aus Sprache und sonstwo ausgegrenzt wurden.

Zensur für Zinser?!

Das „Schwäbische Tagblatt“ hat zum ersten Mal einen Leserbrief von uns veröffentlicht, in dem Mode Zinser, ein großer Anzeigenkunde der Zeitung, als das Hauptziel der Tübinger Anti-Pelz-Aktivitäten benannt wird. In der Vergangenheit waren solche Leserbriefe abgelehnt worden (zur Vorgeschichte: „Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser, Mode Zinser „ermittelt“ gegen Tierrechtsverein). Unser Brief wurde diesmal zwar abgedruckt, allerdings wesentlich gekürzt. Die gekürzte Passage lautete: „Bereits damals betrieb das TAGBLATT ‚Zensur für Zinser‘: Es ließ den großen Anzeigenkunden in den Berichten unerwähnt und weigerte sich, Leserbriefe, in denen Zinser genannt wurde, abzudrucken. Pflicht kritischer Journalisten wäre es, den Machenschaften der Zinser-Gruppe nachzugehen: Als der Verein Tübingen für Tiere e.V. regelmäßig Protestaktionen vor der Tübinger Filiale des Modehauses veranstaltete und Zinser offenbar keinen Erfolg darin hatte, diese Aktionen auf dem rechtlichen Weg zu unterbinden, griff das Unternehmen zu drastischeren Mitteln: Es gab Droh-Anrufe bei Mitgliedern des Vereins, in denen Sätze fielen wie ‚Wer uns kaputt macht, den machen wir kaputt!‘, ‚Wir ermitteln gegen Sie‘ und ‚Weiß Ihr Arbeitgeber davon?‘. Kein Wort davon im TAGBLATT!“

Tübingen Pelzfrei 2012

Der Verein Tübingen für Tiere hat am 24. November in Kooperation mit weiteren Organisationen Tübingens erste Anti-Pelz-Demonstration veranstaltet. Ungefähr 140 Menschen setzten ein deutliches Zeichen für den Ausstieg aus dem Echtpelzverkauf und gegen die Pelzindustrie.

Die Demonstration führte vom Marktplatz durch die Innenstadt vorbei an pelzführenden Boutiquen über die Neckarbrücke zu Mode Zinser, dem größten pelzverkaufenden Geschäft in Tübingen, dann zurück zum Marktplatz. Vor den Boutiquen und Läden wurden Reden gehalten und symbolisch ein Pelz mit einem gehäuteten Tier niedergelegt.

Die Demonstration wurde entgegen ihrer herkömmlichen Austragungsform als Trauerzug durchgeführt. Aufmerksamkeit sollte nicht durch lautes Skandieren erlangt werden, sondern gegenteilig durch Ruhe und Andacht. Es wurde Trauermusik gespielt und die Demonstranten trugen neben Transparenten und Schildern auch Kerzen.

Über den gesamten Nachmittag waren am Marktplatz mehrere Organisationen mit Infoständen vertreten, u.a. Die Tierfreunde e.V., Animal Equality Germany, die Tierrechtsinitiative Region Stuttgart (TIRS), Sea Shepherd und natürlich auch die Antispeziesistische Aktion Tübingen.
In Tübingen beendeten kürzlich sechs Geschäfte den Pelzverkauf (vgl. Echtpelzhandel: Sechs Tübinger Geschäfte steigen aus). Dennoch sind mindestens ebenso viele Boutiquen noch aktiv an dem blutigen Geschäft beteiligt, was den Anlass bildete, die Demonstration in Tübingen zu veranstalten.

Die Demonstration erregte einiges Aufsehen, und auch die lokale Presse berichtete. Das „Schwäbische Tagblatt“ schont allerdings einmal mehr den großen Anzeigenkunden Mode Zinser, das Haupt-Ziel von Tübingen Pelzfrei, und berichtet nur von „Boutiquen“. Bereits in der Vergangenheit betrieb das Tagblatt Zensur für Zinser.

Zur Unterstützung der Veranstaltung boten wir abends im Rahmen einer „Fur Free Lounge“ die Möglichkeit zur Erholung für die Demonstrierenden sowie für alle anderen Interessierten. In der garantiert pelzfreien, mit Kicker und Sofas ausgestatteten Hausbar des Wohnprojekts Schellingstraße gab es heiße und kalte Getränke sowie veganes Essen. Nachdem die Kombo „Content“ gespielt hatte – die Musikerinnen Lilli und Ronja unterhielten mit Gesang, Gitarre und Geige – ließen wir den Abend mit Cocktails gemütlich ausklingen.

Mehr Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite.

Zur Pressemitteilung von Tübingen für Tiere e.V.

Zum Bericht des Schwäbischen Tagblatts.

Zum Bericht des Reutlinger Generalanzeigers.

Dokumentation: Stimmen zum Protest gegen Affenversuche

„Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut.“ – Leserbriefschreiberin Valeska Dufft heute im TAGBLATT.

Die Ausrichtung der Tübinger Lokalzeitung „Schwäbisches Tagblatt“ galt zumindest während der 35 Jahre andauernden Chefredaktions-Ära von Christoph Müller (1969 bis 2004) als tendenziell linksliberal bis links geprägt, was für eine schwäbische Zeitung mit mehrheitlich konservativ geprägtem Umfeld ungewöhnlich war. So wurde das Tagblatt umgangssprachlich mit assoziativem Bezug auf den durch Tübingen fließenden Neckar und die bekannteste sowjetische Tageszeitung gelegentlich als „Neckar-Prawda“ bezeichnet. Dass die offiziell vertretene Linie der TAGBLATT-Redaktion bei bestimmten Themen den Positionen der Tübinger Linken inzwischen diametral entgegengesetzt ist, zeigt aktuell beispielsweise die Verfahrensweise der Zeitung in der Debatte um Wolfgang Ischinger. Seit April ist der „Militärstratege“,1 frühere Botschafter und Organisator der Münchner NATO-Sicherheitskonferenz, dessen Auftritte in Tübingen zuvor bereits deutliche Proteste auslösten,2 Honorarprofessor und Lehrkraft am Institut für Politikwissenschaft – trotz einer Zivilklausel in der Grundordnung der Universität, die im Rahmen der studentischen Proteste im Winter 2009/10 erkämpft wurde und besagt: „Lehre, Forschung und Studium an der Universität sollen friedlichen Zwecken dienen, das Zusammenleben der Völker bereichern und im Bewusstsein der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgen.“3 Die Universität scheint nun die Strategie zu verfolgen, die Zivilklausel so umzudeuten und ihre Auslegung derart zu verwässern, dass die Honorarprofessur Ischingers sich zu ihr kompatibel verhält. Die Redaktion des TAGBLATTs leistet den Kriegstreibern dabei Schützenhilfe, indem sie, rechtzeitig vor Beginn des Wintersemesters, am 7. Oktober Wolfgang Ischinger unkritisch ein öffentliches Forum im Rahmen einer Interviews bietet, im Zuge dessen er sein angeschlagenes Image aufpolieren und sich als Friedenspolitiker und Befürworter von Abrüstung inszenieren kann – das TAGBLATT titelte: Militärische Gewalt nur als letztes Mittel – Wolfgang Ischinger will die Diskussion mit seinen Kritikern. Dabei hat Der Spiegel erst im September seine Rolle als Kriegstreiber nach dem 11. September 2001 aufgedeckt: „Die uneingeschränkte Solidarität war eine deutsche Erfindung. Es gab Antreiber auf deutscher Seite“, schrieb das Nachrichtenmagazin – einer davon war Ischinger, damals Botschafter in Washington: Sein Büro habe „diese Formulierung erfunden“.4
Unser Leserbrief zu Militärforschung und Tierversuchen, der auf einen TAGBLATT-Artikel vom 20. September Bezug nahm, wurde am 25. September zwar veröffentlicht, aber im letzten Absatz um den Verweis auf Wolfgang Ischinger gekürzt.
Dass unsere Anliegen vom TAGBLATT mit z.T. unlauteren Methoden diskreditiert und unsere Leserbriefe von der Redaktion sinnentstellend gekürzt werden, sind wir gewohnt – wir haben zu diesem Vorgehen der Zeitung auch bereits zwei Stellungnahmen veröffentlicht: Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“ und „Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser.
Wir waren also nicht verwundert, dass auch unsere letzte Protestaktion bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Hertie-Instituts vom TAGBLATT totgeschwiegen wurde.
Zum Glück gibt es Leserinnen und Leser der Zeitung, welche die Festveranstaltung besucht und unsere Protestaktion erlebt haben, denen das Totschweigen des Protests durch das TAGBLATT auffällt und die sich deshalb in Leserbriefen zu Wort melden, um darauf aufmerksam zu machen. Wir möchten an dieser Stelle einige Stimmen von Leserinnen und Lesern des TAGBLATTs zu unserer Aktion dokumentieren.

Am 7. Oktober wurde ein Brief von Jan Overbeck abgedruckt. Darin heißt es:

Mit dem Hertie-Institut feiert anscheinend ganz Tübingen. Das zumindest vermittelten die Worte des Unirektors Bernd Engler und des grünen Bürgermeisters Boris Palmer zu Beginn des abendlichen Festakts in der Neuen Aula. Die beachtlichen wissenschaftlichen Erfolge insbesondere in der Grundlagenforschung, zum Beispiel zu Parkinson und Alzheimer, in allen Ehren: Die Neurowissenschaft in Tübingen ist gleichzeitig (und seit Jahren) Kulisse von Experimenten an Primaten. Der gesellschaftliche Diskurs hierzu scheint nicht von allen Seiten gewünscht zu werden.
Insbesondere Boris Palmer könnte zu diesem Thema einmal eindeutiger Stellung beziehen und Debatten anstoßen. Ich persönlich freue mich, dass es Menschen gibt, die die Problematik immer wieder auf die Tagesordnung setzen, wie zum Beispiel bei besagter Abendveranstaltung, als zur Rede von Palmer ein Plakat hochgehalten wurde („Stoppt Affenversuche in Tübingen“). Unbehagliche Themen dürfen nun einmal nicht totgeschwiegen werden, Affen Leid zuzufügen, ist keine Selbstverständlichkeit und kann sicherlich nicht gegen hochkarätige anderweitige Forschung aufgewogen werden (. . .)5

Am 8. Oktober heißt es in einem Brief von Dr. Christa Maria Burr:

Die Öffentlichkeit war zum Festakt anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung in die Neue Aula eingeladen worden. Das Hertie-Institut hätte seine viel zitierte und sicher zu Recht hochgelobte Spitzenposition in den Neurowissenschaften und seine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Selbstreflexion unter Beweis stellen können, wenn es statt der langatmigen Podiumsdiskussion im TV-Talkshowstil über die Affenversuche in einer seiner Abteilungen, nämlich der für kognitive Neurologie, hätte kontrovers diskutieren lassen. Denn wir tragen eine besondere Verantwortung auch für Tiere, insbesondere für Affen, die wir in Gefangenschaft halten und die von unserer Fürsorge abhängig sind. Gehört nicht auch die psychische Dimension zu den Neurowissenschaften?
Zum Beispiel wären folgende Fragen von gesellschaftichem Interesse: Welche kognitiven und emotionalen Fähigkeiten haben die für die Experimente verwendeten Affen? Was bewirken diese Experimente bei den Affen (und bei den Betreuern)? Sind diese Experimente für uns notwendig und unverzichtbar und menschlich verantwortbar und für die Tiere zumutbar?
Wenn die anwesenden Wissenschaftler eine solche wissenschaftliche Offenheit, Neugier und Mut gezeigt hätten, dann hätte man auch die stille Anwesenheit der zwei Studenten mit ihrem Transparent „Stoppt die Affenversuche“ großzügig ertragen können (oder man hätte ihnen zumindest eine kurze Zeit einräumen können), und man hätte sie nicht promt als eine „Störung“ des Saales verweisen müssen. Schade um die vergebene Chance zugunsten einer wissenschaftlichen Wahrheitssuche!

Heute sind zwei weitere Leserbriefe zum Thema im TAGBLATT abgedruckt.

Der Leserbrief von Tobias Geisinger lautet:

„Dem Denken auf der Spur“, titelt das TAGBLATT anlässlich der Zehn-Jahres-Feier des Hertie-Instituts. Noch nicht auf der Spur ist eine breite Öffentlichkeit den grausamen Affenversuchen, welche am Hertie-Institut, aber auch am Max-Planck-Institut und in Laboren der Universität durchgeführt werden, da die Institute sich über die Versuche ausschweigen. Um dies zu ändern, haben Tierrechtsaktivisten die abendliche Festveranstaltung der Jubiläumsfeier des Hertie-Instituts genutzt, um im voll besetzten Festsaal der Neuen Aula der Universität ein Banner „Stoppt Affenversuche in Tübingen“ zu entrollen und mit Flugblättern über die Praktiken des Hertie-Instituts aufzuklären. Angesichts der immensen Aufmerksamkeit, welche die freilich nicht im Abendprogramm vorgesehene Aktion verursachte, erstaunt es doch sehr, dass das TAGBLATT in seiner Berichterstattung den aufsehenerregenden Zwischenfall mit keinem Wort erwähnt. (…)

Valeska Dufft schreibt u.a.:

(…) Und dann – nach vielen unnötigen Grußworten im Sinne von „Eminenzen“ und „Exzellenzen“ – endlich der Vortrag der beiden Kandels unter dem Motto: Machen Sie Power-Point-Präsentation oder haben Sie was zu sagen? Mal ehrlich, wer hat was verstanden von dem Vortrag? Auch von denen, die Englisch können und vom Fach sind? […] Und dann diese zwei Menschen mit dem großen Plakat: Stoppt Affenversuche in Tübingen! Und die von der Empore zweimal runterrieselnden Flugblätter. Ich fühlte mich an die Geschwister Scholl in der Münchner Universität erinnert und ihren Mut. Ja, die Tiere und unsere Verantwortung für sie! Den Plakatträgern verdanke ich, dass ich wieder klarer weiß: All diese Forschungen werfen einen Riesenschatten, und die auf den ersten Blick so gewinnende Heiterkeit von Eric Kandel ist auch nicht die ganze Wahrheit. Danke an die mutigen Protestierer!

  1. Schwäbisches Tagblatt, 14.5.2011. [zurück]
  2. vgl. z.B. den Artikel Am Reden gehindert: Studenten störten eine Veranstaltung über Sicherheitspolitik des „Schwäbischen Tagblatts“ vom 16.4.2010 und die Leserbriefe Kriegspropaganda sowie Dreist gelogen und Verstrickungen. [zurück]
  3. vgl. auch den Artikel Universität Tübingen: Militärforschung und Tierversuche. [zurück]
  4. Der Spiegel 36/2011, S. 77. [zurück]
  5. Dieser Brief wurde inzwischen beim TAGBLATT auch online gestellt. [zurück]

„Schwäbisches Tagblatt“: Zensur für Zinser

„Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“ – Kurt Tucholsky.

Das „linksliberale“ TAGBLATT ist weithin bekannt für seine angeblich demokratische Leserbriefkultur; die Leserbriefseite wird stolz „Das Sprachrohr des Bürgers“ genannt. Wenn man täglich die eng bedruckte Seite überfliegt und auf allerlei Anmerkungen nicht nur zur Berichterstattung der Zeitung, sondern zu allen möglichen aktuellen Ereignissen stößt – und sei es in Gedichtform in schwäbischer Mundart –, macht es den Anschein, dass alles veröffentlicht wird. Dafür ist das TAGBLATT überregional bekannt. Doch dieser Schein trügt.
Nachdem das TAGBLATT bereits in der Vergangenheit sowohl zum allgemeinen Thema Tierhaltung als auch über unsere spezielle Arbeit falsche Berichterstattung leistete und Leserbriefe, die darauf aufmerksam machten, ignorierte oder sinnentstellend kürzte (hier ist der entsprechende Beitrag, „Zum Zensur-Zirkus mit dem Schwäbischen Tagblatt“, einsehbar), scheint sich dieser ganze „Zirkus“ nun zu wiederholen.
Am 5. November erschien im TAGBLATT der Artikel „Fell ist Fell“ (einsehbar hier (bei den Kommentaren)). Danach gingen ein Leserbrief von uns und zahlreiche weitere von Einzelpersonen an die Zeitung, in denen auf verschiedene Umstände aufmerksam gemacht wurde: Fakt ist zunächst, dass das TAGBLATT im Artikel falsche Informationen verbreitet hat – hier ist hauptsächlich der Umstand zu nennen, dass wir, die Antispeziesistische Aktion Tübingen, zwar einen Offenen Brief an Mode Zinser u.a. verfasst und diesen – einmalig – an Zinser und die anderen Geschäfte geschickt haben, die Online-Petition, aufgrund derer die Geschäfte nun offensichtlich eine Vielzahl von Mails erreichen, wurde aber unabhängig von uns eingerichtet. Im Artikel des TAGBLATTs aber heißt es über „Ladeninhaberinnen“: „Sie bekommen Mails von der „Antispeziesistischen Aktion Tübingen (AAT)“. In denen werden sie aufgefordert, keine Pelze zu verkaufen.“ – Gravierender finden wir allerdings den Umstand, der sich in der Wortwahl „Ladeninhaberinnen“ bereits andeutet – denn der Inhaber von Mode Zinser ist ja keine Frau: Im Artikel wird das Modehaus Zinser mit keinem Wort erwähnt – dabei handelt es sich bei Zinser um den Hauptadressaten unseres Offenen Briefes!
Wer den Artikel liest, bekommt den Eindruck, wir würden massenhaft Mails an einige kleine Tübinger Boutiquen schicken, welche lediglich, wie es im TAGBLATT heißt, wenige „Kleidungsstücke mit Pelzkrägelchen“ verkaufen. Dabei beschränkte sich unser Protest bislang, wie bereits erwähnt, auf die einmalige Sendung unseres Offenen Briefes an die betreffenden Unternehmen – in dem Brief, der hier auf unserer Internetpräsenz veröffentlicht wurde, sind natürlich auch die Mailadressen der Geschäfte genannt, was offensichtlich viele Menschen dazu bewegt hat, sich in eigener Initiative an diese zu wenden. Dies begrüßen wir natürlich – zu schreiben, alle diese Mails würden von uns stammen, ist aber schlicht unwahr. Unser Protest richtete sich außerdem von Anfang an nicht in erster Linie gegen kleine Einzelhandelsgeschäfte, sondern vor allem gegen das größte Modehaus Tübingens, Mode Zinser, wo, wie im Offenen Brief im Einzelnen dargestellt, eine Vielzahl von Kleidungsstücken mit „Pelz“ verkauft werden, u.a. Mäntel, die komplett aus „Pelz“ bestehen. Einen ersten Leserbrief zum Thema, den wir bereits im Oktober ans TAGBLATT schickten und der sich gegen den Pelzverkauf bei Zinser aussprach, wollte die Zeitung nicht veröffentlichen – als Begründung nannte die Redaktion in einer Mail an uns:


Ihren Leserbrief können wir so nicht veröffentlichen. Sie stellen Mode Zinser hier in einer Art an den Pranger, dass es aussieht, als wäre es das einzige Haus, das Echtpelze verkauft. Es gibt jedoch mit Sicherheit noch viele andere Geschäfte in Tübingen, die echtes Fell anbieten. Wenden Sie sich doch bitte direkt an den Geschäftsführer Herr Graul oder recherchieren Sie die Angebotslage genauer.

Daraufhin schickten wir erneut einen Leserbrief ans TAGBLATT; dieses Mal wurden weitere Geschäfte, die in Tübingen „Pelz“ verkaufen, genannt:


Dieser offene Brief richtet sich an Tübingens größtes Modehaus, Mode Zinser, sowie an Tübinger Boutiquen wie Pur Pur, St. Tropez, Bellababs, Marbello und Gossip, Erika Frommelt GmbH, Le Amiche und Hot Couture. Sie alle verkaufen Kleidung mit „Pelz“. Wir möchten Sie bitten, sich über dessen Produktionsbedingungen zu informieren – z.B. unter http://offensive-gegen-die-pelzindustrie.net/wordpress/pelzindustrie/. Zur Herstellung von „Pelz“ müssen Gewalthandlungen begangen werden; diese sind systematische Praxis der Pelzindustrie. Gewalt gegen Tiere aber ist nicht ästhetisch. „Pelz“ ist die abgezogene Haut eines geschundenen Tieres – diese Tatsache wird von einem bestimmten KonsumentInnenkreis, innerhalb dessen Pelz als „Luxus“ gilt, noch immer in Kauf genommen. Dabei ist die Ablehnung von Echtpelz längst gesellschaftlicher Konsens; Unternehmen, die an dessen Verkauf festhalten, müssen mit Protesten einer aufgeklärten Zivilgesellschaft rechnen. Der Verkauf von Echtpelzen kann weder mit unternehmerischer Freiheit noch mit jener der KonsumentInnen begründet werden – dies bedeutete Willkür statt Freiheit und Ignoranz gegenüber dem Leben betroffener Individuen. Als Teil der Offensive gegen die Pelzindustrie (OGPI) wenden wir uns an Sie. Seit die OGPI im Jahr 2000 mit dem strategischen Campaigning gegen den Pelzverkauf begonnen hat, haben zahlreiche Modehäuser den Verkauf von Echthaarfellen beendet – zuletzt, vor ein paar Tagen erst, Escada. Wir möchten Sie bitten, es ihnen gleichzutun; die Beendigung des Pelzverkaufs stellt für uns eine notwendige Mindestanforderung an Unternehmen dar! – Vollständiger Brief: asatue.blogsport.de.

Doch auch diesen Leserbrief druckte das TAGBLATT nicht ab, stattdessen wurde uns nun mitgeteilt, die Zeitung wolle lieber „etwas Redaktionelles“ zum Thema machen – was mit dem Artikel „Fell ist Fell“ ja auch geschah. Auffällig dabei ist, neben der unvorteilhaften Darstellung unserer Gruppe, die wir inzwischen vom TAGBLATT ja leider gewohnt sind, dass unser Anliegen in der Darstellung des TAGBLATTs in unzulässiger Art und Weise verkehrt wird: Der Hauptadressat unseres Offenen Briefes, Mode Zinser, wird von der Zeitung einfach verschwiegen! Es liegt auf der Hand, dass für den freien Mitarbeiter, der den Artikel geschrieben hat, die Vorgabe gegolten hat, das Modehaus, welches ein großer Anzeigenkunde des TAGBLATTs ist, im Artikel nicht zu nennen.


„Text gelöscht“: Auch im „Tagblatt-Forum“ auf www.tagblatt.de wird zensiert.

Eine Richtigstellung, die wir, erneut als Leserbrief, ans TAGBLATT sandten, wurde nicht abgedruckt, sondern schlicht ignoriert – wir erhielten nicht einmal mehr eine Nachricht darüber, aus welchen Gründen die Zeitung den Brief nicht veröffentlichte.
Wie wir nun erfahren haben, sind in den letzten Wochen neben unserem Brief noch weitere Leserbriefe, welche von Einzelpersonen als Reaktion auf den Artikel „Fell ist Fell“ ans TAGBLATT geschickt worden sind, einfach igenoriert worden – auch diesen Personen wurden bislang keinerlei Gründe genannt, weshalb ihre Briefe nicht abgedruckt wurden! Wie wir aber inzwischen wissen, haben mehrere dieser Personen in ihren Briefen die Vermutung geäußert, die Zeitung wolle Mode Zinser als großen Anzeigenkunden schützen!
Der einzige Leserbrief, den das TAGBLATT zum Thema abgedruckt hat, ist jener von Tina Schrade aus Rottenburg (hier online einsehbar), die uns nun informierte:


Das Tagblatt ignoriert beharrlich Leserbriefe zum Thema Tierschutz. Meiner ist nur erschienen, weil ich dreimal angerufen und zweimal geschrieben habe. Außerdem ist er so gekürzt worden, dass vom eigentlichen Inhalt nicht mehr viel übrig war. Daraufhin habe ich das Tagblatt gekündigt.

Mehrere Briefe zur Thematik, welche sie ans TAGBLATT gesandt habe, seien in den letzten beiden Jahren nicht gedruckt worden, so Frau Schrade weiter.
Der Journalist Ernst Probst sagte einmal: „Die Verfasser von Leserbriefen in Zeitungen und Zeitschriften sind oft mutiger in ihren Aussagen als die Journalisten. Kein Wunder: Sie müssen keinen Verleger, keinen Chefredakteur, keine Lobby und keine Anzeigenkunden fürchten.“
Wir halten das Vorgehen des TAGBLATTs dennoch für äußerst fragwürdig und unprofessionell. Wir erwarten eine Stellungnahme und den Abdruck der Leserbriefe. Ansonsten werden wir versuchen, über den Presserat eine Richtigstellung zu erwirken. Alle, die ähnliche Probleme mit der Zeitung haben – denn ein solches Vorgehen scheint System zu haben –, bitten wir, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Eine Beschwerde beim Presserat ist auf einfachem Wege über ein Online-Formular möglich.

Zum „Zensur-Zirkus“ mit dem „Schwäbischen Tagblatt“

Den LeserbriefschreiberInnen, die den Bericht des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs zum Gastspiel des Zirkus Charles Knie am 18. und 19. August in Tübingen als „PR-Beitrag für den Zirkus Knie“ beschrieben, dem TAGBLATT vorgeworfen haben, den Zirkus „in propagandistischer Manier“ beworben und „begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren“ unterstützt zu haben, „die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt“, ist zuzustimmen.1
Tatsächlich liest sich der Artikel vom 18. August über „Seelöwen, Tiger, Kamele und weiße Araberpferde“ wie eine gewerbliche Anzeige zur Bewerbung des Zirkus. Das TAGBLATT findet einmal mehr kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle. Dabei sind auch bei diesem Zirkus Missstände dokumentiert (etwa hier oder durch Videos bei Youtube, in welchen Tiere mit Stereotypien – Verhaltensstörungen, bei welchen immer wieder die gleichen Bewegungen ausgeführt werden und die auf die Haltungsbedingungen zurückzuführen sind –, zu sehen sind).
Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf Tierhaltung mehr als einseitig ist. Die Maßnahmen der Zeitung reichen diesbezüglich unserer Meinung nach bis hin zu presserechtlich fragwürdigem Vorgehen. Im Pressekodex des Deutschen Presserates heißt es z.B.: „Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht […] Die Glaubwürdigkeit der Presse als Informationsquelle gebietet besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material.“2
Bereits im September 2009 demonstrierten wir gegen Tierhaltung im Zirkus, damals war der Anlass ein Gastspiel des Zirkus Universal Renz. Da das TAGBLATT „Zirkus generell als Kulturform erhaltenswert“ findet, wie uns die Redaktion später mitteilte, wurde nicht, wie im Pressebetrieb üblich, eine neutrale Ankündigung unserer Veranstaltung gedruckt; das TAGBLATT veröffentlichte die Demo-Termine zwar, allerdings unter der Überschrift „Tierhaltung in Ordnung“, und wies darauf hin, „dass der Zirkus die Vorgaben in Bezug auf artgerechte Haltung, Versorgung und Nutzung der Tiere sogar überfülle [sic]“. Ähnlich wie im Juli dieses Jahres, als die Zeitung extra den Kreisveterinär herbeizitierte, um Protest gegen Tierausbeutung und das Werben für Veganismus zu diskreditieren (hier findet sich der Artikel, hier, hier und hier kritische Leserbriefe), so sollte auch im September 2009 ein Anruf beim Tübinger Veterinärsamt dafür herhalten, den Ruf von Universal Renz zu retten – dabei sind die katastrophalen Haltungsbedingungen hinreichend dokumentiert gewesen (hier haben wir die dokumentierten Missstände dargestellt).
Schon zuvor hatten wir in einem Leserbrief auf zahlreiche Vorkommnisse bei Universal Renz, bei denen amtlich festgestellt wurde, dass Tiere nicht einmal gemäß den gesetzlichen Vorgaben gehalten wurden, und auf die Verurteilungen insbesondere des Zirkusdirektors hingewiesen. Leider wurde den LeserInnen die Möglichkeit, sich durch die im Brief genannten Informationen und Verweise selbst ein Bild zu machen, verwehrt, indem fast der gesamte Brief, nämlich jener Teil, der harte, nachprüfbare Fakten z.B. über die Verurteilungen von Daniel Renz enthielt, vom TAGBLATT einfach weggelassen wurde.

censorship

Der gesamte Text, den wir an die Leserbriefredaktion übersandten, und von dem lediglich der letzte Absatz gedruckt wurde, lautete:


Von 3.-6. Sept. gastiert in Tübingen der Zirkus Universal Renz. Dieser ist nicht nur für den katastrophalen Umgang mit den Tieren, die dort ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbringen – einzig zu dem Zweck, Menschen für kurze Zeit zu unterhalten –, bekannt, sondern auch für besondere Härte im Vorgehen gegen Menschen, die diese Zustände anprangern. In diesem Zusammenhang wurde Zirkusdirektor Daniel Renz 1995 und 2000 wegen Körperverletzung, 2007 wegen Beleidigung und im April 2009 wegen versuchter Nötigung zu Geldstrafen verurteilt. Beim Gastspiel in Hannover im Mai 2009 versuchte ein Zirkus-Mitarbeiter, Tierschützer mit einem LKW anzufahren; während dieser Tat applaudierten die versammelten ZirkusmitarbeiterInnen und würdigten somit diese Tat. Ein Strafverfahren wegen versuchter Körperverletzung wurde eingeleitet.
Die Beanstandungen der Veterinärämter und die gegen Renz erlassenen Ordnungsverfügungen sind derart zahlreich, dass sie hier nicht angeführt werden können (gesammelt unter http://www.peta.de/web/home. cfm?p=2467). Auch bereits beim letzten Gastspiel in Tübingen im Jahr 2000 stellte das hiesige Veterinäramt Mängel bei Tierhaltung und Dokumentationspflicht fest.
Die Tierbefreiungsbewegung fordert Freiheit und Lebensrecht für alle fühlenden Lebewesen. Gerade die traditionellen Tierschauen werden auch von einer breiteren kritischen Öffentlichkeit zunehmend als das entlarvt, was sie sind: Lebensverachtende Spiele. Die Zeit ist reif, dass Unterhaltung, die auf der Misshandlung von Tieren basiert, nicht mehr toleriert wird! Ermöglicht wird sie durch zahlende Besucher. Deshalb rufen wir zum Boykott auf und laden für Samstag, 14 bis 16 und 18 bis 20 Uhr, für Sonntag, 10 bis 11.30 und 18 bis 20 Uhr zu Demonstrationen am Veranstaltungsort ein.

In einem erneuten Leserbrief, den wir am 20. August dieses Jahres der TAGBLATT-Redaktion zukommen ließen, bezogen wir zunächst Position zur aktuellen Berichterstattung über das Gastspiel des Zirkus Charles Knie und beschrieben dann – wie eingangs geschildert – das Vorgehen des TAGBLATTs in der Vergangenheit. Erneut griff das TAGBLATT nun zum Mittel der Zensur. Auf der „Sprachrohr des Bürgers“ genannten Leserbrief-Seite gibt sich die Zeitung sehr demokratisch – eigentlich wird dort alles veröffentlicht, was nicht dem Presserecht widerspricht. Dieses Mal aber wurde der Leserbrief sogar nicht mehr nur bis zur Inhaltslosigkeit verstümmelt, die Redaktion weigerte sich schlicht, ihn abzudrucken – mit fadenscheinigen Argumenten: „Wir bitten Sie um Verständnis dafür, dass wir eine abgeschlossene Diskussion, die an einem zeitlich ziemlich weit zurückliegenden Beispiel geführt wurde, nicht noch einmal aufrollen. Zum einen, weil für die meisten Leser nicht mehr nachvollziehbar ist, worum es überhaupt geht. Zum anderen, weil wir schon damals Ihre angeblich ‚harten, nachprüfbaren Fakten‘ eben nicht nachprüfen konnten und sie deshalb auch nicht veröffentlicht haben“, teilte uns die Redaktion mit.
Diese Argumentation der Zeitung ist eine Farce: Zum einen handelt es sich offensichtlich nicht um eine „abgeschlossene Diskussion“ – vielmehr gibt es ja eine aktuelle Leserbrief-Debatte zur Berichterstattung der Zeitung über Tierhaltung im Zirkus, und da ist es nicht unangebracht, auch auf den Stil der bisherigen Berichterstattung des Blattes zum Thema zu verweisen –, zum anderen hatten wir in unserem Leserbrief vom September 2009 tatsächlich nur harte, nachprüfbare Fakten angegeben; wir hatten ja sogar einen Link genannt, unter dem sowohl die behördlichen Ordnungverfügungen in Bezug auf Mängel in der Tierhaltung, als auch die Verurteilungen mit Aktenzeichen genannt und damit leicht nachprüfbar waren. Dass dies alles irgendeinem Mitarbeiter des Veterinäramts Tübingen einmal gerade nicht präsent ist (obwohl dieses, wie im Leserbrief erwähnt, ja bereits bei einem Gastspiel des Zirkus im September 2000 Beanstandungen hatte), ist nicht weiter verwunderlich. Die genannten Sachverhalte bleiben aber nachprüfbare Fakten und sind keinesfalls leere Beschuldigungen oder gar „üble Nachrede“, wie die Leserbriefredaktion nun, in ihrem auf den 20. August 2010 datierten Brief an uns, behauptet. Wir sehen deshalb keinen Grund, sie einfach wegzulassen, nur noch das vom Leserbrief übrig zu lassen, was eben nicht durch Fakten untermauert ist, und unser Anliegen auf diese Weise zu diskreditieren.
Bei unseren Aktionen gegen Universal Renz im September 2009 haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen, konfrontiert mit den dokumentierten Missständen beim Zirkus, umkehrten und die Vorstellung nicht besuchten. Durch die Verstümmelung des Leserbriefs im TAGBLATT wurde den LeserInnen die Mündigkeit genommen, sich selbst ein Bild zu machen; so konnten sie die Fakten nicht nachprüfen, sondern mussten sich auf das Urteil der Redaktion verlassen. Dieses aber war nachweislich falsch! Die Zeitung wäre verpflichtet gewesen, eine Richtigstellung zu drucken. Im Pressekodex heißt es: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.“
Das TAGBLATT findet, sei es bei Universal Renz oder beim Zirkus Charles Knie, kein Wort der Kritik an der Tierhaltung und zeichnet stattdessen, in absolut unkritischem Sprachduktus, eine reine Zirkusidylle.3 Gleichzeitig unterdrückt die Redaktion offensichtlich absichtlich nachprüfbare Fakten durch die massive Kürzung oder das Nicht-Abdrucken von Leserbriefen4 und manipuliert die Meinung der LeserInnen, indem sie etwa statt einer normalen, neutralen Veranstaltungsankündigung – wie es üblich wäre – eine wertende, und vor allem: unser Anliegen abwertende und diskreditierende, Ankündigung unter der Unterschrift „Tierhaltung in Ordnung“ bringt.
Prinzipiell finden wir die im Grunde sehr demokratische Leserbrief-Kultur beim TAGBLATT überaus begrüßenswert; wenn es allerdings zu solchen Manipulationen kommt, hat das mit demokratischer Kultur nicht mehr viel zu tun.

Ergänzung, 24. September 2010:
Der Brief der TAGBLATT-Redaktion vom 20. August an uns endete mit dem Satz: „Selbstverständlich können [Sie] [sic] sich gern kritisch über unsere Berichterstattung über den aktuellen Auftritt des Zirkus Charles Knie in einem Leserbrief äußern, wie das auch andere Leserbriefschreiber getan haben.“ – Wir schrieben also erneut einen Leserbrief. Diesmal wurde der Brief abgedruckt, auch online ist er auf der Seite des TAGBLATTs – hier – einsehbar; wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass, wie das „(. . .)“ hinter dem Satz Uns fällt bereits seit längerer Zeit auf, dass die Berichterstattung des TAGBLATTs in Bezug auf die Tierhaltung in Zirkussen mehr als einseitig ist zeigt, auch dieser Brief wieder gekürzt wurde, und zwar um den Satz Da die Redaktion sich weigerte, einen Leserbrief von uns, in dem wir das bisherige Vorgehen der Zeitung diesbezüglich öffentlich machen wollten, zu drucken, haben wir die entsprechenden Vorkommnisse nun auf unserer Internetpräsenz beschrieben; sie sind nachzulesen unter asatue.blogsport.de.
Auf Nachfrage teilte uns die Redaktion heute mit, der Absatz mit dem Hinweis auf unsere Homepage sei weggekürzt worden, „weil es sich dabei nicht um eine Meinung, sondern eben um den Hinweis auf eine Homepage“ handle – obwohl der Link zu unserer Internetpräsenz bereits in mehreren unserer Leserbriefe genannt und auch veröffentlicht wurde, sowohl in der Druckausgabe als auch im Online-Angebot des TAGBLATTs.

  1. Der im Artikel hochgelobte Zirkus „Charles Knie“ ist keinesfalls, wie suggeriert, lustige Unterhaltungsmöglichkeit für Jung und Alt, sondern, im Gegenteil, perfide Machtdemonstration des Menschen. Im „artenreichsten Zirkus Deutschlands“ werden zahllose Tiere in vollkommen inadäquater Art und Weise gefangen gehalten und gequält.
    Zirkustiere leiden erwiesenermaßen unter zu engen Käfigen und der konstanten Belastung durch stetes Reisen. Dies zeigt sich an prägnanten krankhaften Verhaltensweisen wie stetigem Im-Kreis-Gehen bei Raubtieren, Hin-und Herschwingen des Kopfes bei Elefanten und so weiter.
    Schon im vergangenen Sommer bot die Stadt Tübingen dem Zirkus „Universal Renz“ ein herzliches Willkommen, bei dessen Tieren die aufgezählten Verhaltensweisen durchweg beobachtbar waren. Will eine Stadt und ihr renommiertes TAGBLATT Tierquälerei und Ausbeutung derart weiter stützen?! Nicht genug der Tatsache, dass derartigen Zirkussen ein Forum geboten wird, sie werden auch noch in propagandistischer Manier von der Tageszeitung beworben.
    Für tierfreie Zirkusse! Jongleure und Artist(inn)en sollten sich auf eigene Kunstfertigkeit berufen und nicht auf durch Zwang abgerichtete Tiere!

    19. August 2010, Manuel Angermann, Tübingen.

    Sehr geehrte Frau Kurz, (. . .) Leider ist es wohl noch nicht bis zu Ihnen vorgedrungen, dass Tiere (insbesondere Exoten) in Zirkussen nicht ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen können. Frau Kurz, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich annehmen, bei Ihrem Artikel handelt sich um einen PR-Beitrag für den Zirkus Knie.
    Zirkus ist kein Spaß für Tiere! Das haben die Regierungen von vielen zivilisierten Ländern (Österreich, England, Dänemark, Finnland und andere) längst erkannt und die Wildtierhaltung in Zirkussen verboten beziehungsweise stark eingeschränkt.

    25. August 2010, Tina Schrade, Oberndorf.

    (. . .) Auch der begeisterte Bericht von Frau Kurz (. . .) ist grauenhaft! Als ehemaliger Biologielehrer bin ich bestürzt über die Unwissenheit und fehlende Empathie von Frau Kurz. Im Vorwort des Lehrplans Biologie steht sinngemäß: „Ein wichtiges Ziel ist, Schüler und Schülerinnen zur Achtung vor der Natur und deren Lebewesen zu erziehen.“ Dieser Auftrag an Lehrer und Eltern wird durch den Artikel ins Gegenteil verkehrt!
    Wer auch nur die geringste Ahnung vom Verhalten und den Bedürfnissen von Tieren hat, kann nur entsetzt sein! Ich will nicht näher eingehen auf den Dauerstress bei „geschmetterten Hits von Lady Gaga“, auf die unerträgliche Haltung und den Transport der bedauernswerten Geschöpfe. Frau Kurz unterstützt begeistert eine Geisteshaltung gegenüber Tieren, die aus einer Zeit weit vor modernen Erkenntnissen der Biologie stammt.
    Weit schlimmer ist jedoch, dass das Bemühen von Lehrern und Eltern, ihre Kinder zu ermutigen, dabei mitzuhelfen, endlich solchem tierquälerischem Treiben ein Ende zu machen, durch Glorifizieren einer „perfekten Show“ zerstört wird. Ein Lob den Eltern, die mit ihren Kindern an einer solchen „Reise um den Globus“ nicht teilnehmen (bei der ja leider Elefanten fehlen und das Känguru nur über eine niedrige Hürde hüpfen muss)!
    Wann endlich begreifen Frau Kurz und alle Besucher, dass der Missbrauch von Tieren zur Belustigung von Menschen ein Verbrechen ist? Ich habe in Tübingen auch Zirkusse besucht, die ohne Tiere die Zuschauer begeisterten. (. . .)

    25. August 2010, Roland Sinn, Bodelshausen. [zurück]

  2. http://www.presserat.info/uploads/media/Pressekodex_01.pdf [zurück]
  3. Auszüge aus der Berichterstattung: „In der Pause bereits dürfen die Besucher die 78 Tiere des Zirkus unter freiem Himmel ansehen, sie zum Teil sogar streicheln und füttern – die tonnenschweren Elefantendamen Maya, Baby und Mausi beispielsweise. Unterdessen machen die frechen Lamas lange Hälse und schnappen nach allem, was in ihre Nähe kommt. Besonders stolz ist Zirkusdirektor Renz auf den zweieinhalb Monate alten Nachwuchs seiner sibirischen Tiger, die im Käfig mit ihrer Mutter tollen.“ – „Den wasserliebenden Tieren soll es an nichts mangeln.“ – „Tatsächlich: Wer etwas von Pferden versteht, sieht, dass es den Friesen gut geht, die auf einem umzäunten Stück Wiese grasen.“ [zurück]
  4. Hierzu heißt es im Pressekodex: „Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt“, und: „Änderungen oder Kürzungen von Zuschriften ohne Einverständnis des Verfassers sind grundsätzlich unzulässig. Kürzungen sind jedoch möglich, wenn die Rubrik Leserzuschriften einen regelmäßigen Hinweis enthält, dass sich die Redaktion bei Zuschriften, die für diese Rubrik bestimmt sind, das Recht der sinnwahrenden [!] Kürzung vorbehält. Verbietet der Einsender ausdrücklich Änderungen oder Kürzungen, so hat sich die Redaktion, auch wenn sie sich das Recht der Kürzung vorbehalten hat, daran zu halten oder auf den Abdruck zu verzichten.“ [zurück]



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: